Neues Archiv
für
Sächsische Geschichte
und
Altertumskunde
Herausgeg-eben
Hubert Ermiseh
Achtundzwanzig-ster Band
.^^SD
Dresden 1907
Wilhelm Baenseh, Verlagshandlung.
MGETTY CENTER
ÜBRARY
Inhalt.
Seite
I. Über Totenbestattung im 1 6. Jahrhundert, vornehm-
lich in Zwickau. Von Professor Dr. Otto Langer
in Zwickau i
II. Wer war der Erfinder des Meifsner Porzellans?
Von Dr. E. Zimmermann, Direktorialassistent an der
Königlichen Porzellansammlung in Dresden ... 17
III, Das Zeithainer Lager von 1730. Von Archivrat
Dr. Hans Beschorner in Dresden. (Mit Karte) . . 50
IV. Kleinere Mitteilungen 115
1. Zur Kanonisation Bennos. Von Oberlehrer Lic.
Dr. Otto Giemen in Zwickau. S. 1 15. — 2. Dr. Johann
von Kitzscher im Dienste des Deutschen Ordens.
Von Pfarrer Hermann Freytag in Reichenberg
(Westpreufsen). S. 117. — 3. Kleine Beiträge zur
sächsischen Gelehrtengeschichte. Von Oberlehrer
Lic. Dr. Otto Giemen in Zwickau. S 122. — 4. Fried-
rich Wilhelm, Sohn des Moritz von Sachsen -Zeitz,
ein unbekannter Wettiner. Von Hofrat P. E. Richter
in Dresden. S. 135. — 5. Georg Heinrich Sappuhn.
Von Rektor Professor Dr. Otto Eduard Schmidt
in Würzen. S. 135. — 6. Zur Cronsch witzer Aus-
grabung. Eine Erwiderung. Von Oberlehrer Dr.
Clemens Pfau in Rochlitz. S. 137.
Literatur '144
Nachrichten 176
V. Joachim von Schleinitz, kursächsischer General-
quartiermeister unter Johann Georg I. Von Dr- J.
H. Gebauer, Oberlehrer an der Königlichen Ritter-
akademie in Brandenburg a. H 187
VI. Das Zeithainer Lager von 1730 (Schlufs). Von
Archivrat Dr. Hans Beschorner in Dresden . . .200
VII. Christian Benjamin Geifsler. Ein Beitrag zur Ge-
schichte der Bauernunruhen d. J. 1790. Von Hell-
muth Schmidt in Leipzig 253
VIII. Topographisches vom alten Rochlitz. Von Ober-
lehrer Dr. W. Clemens Pfau in Rochlitz . . . .269
IV Inhalt.
Seite
IX. Kleinere Mitteilungen 305
I. Eine Leipziger Kleiderordnung von 1506. Von
Oberlehrer Lic. Dr. Otto Giemen in Zwickau. S. 305.
— 2. Ein Epigramm von Hieronymus Emser. Von
demselben. S. 320 — 3. 30 weitere Dohnische
Schöppensprüche. on Dr. med. Georg Schlauch
in Dohna. S. 321. — 4. Das Wappen des Bistums
Meifsen. Von Regierungsrat Professor Dr. Eduard
Heydenreich in Dresden. S. 329.
Literatur 336
Nachrichten . 370
Register 377
Besprochene Schriften.
Beiträge zur sächsischen Kirchengeschichte. Heft 17 — 20 (Georg
Müller) 347
Berendt, Die Beziehungen Anhalts zu Kursachsen 1212— 1485
(Wäschke) 337
Brück, Friedrich der Weise als Förderer der Kunst (Felix Becker) 146
Curschmann, Die Diözese Brandenburg (Rieh. Becker) . . . 349
Däbritz, Die Staatsschulden Sachsens 1763 — 1837 (Wuttke) . . 344
Döhler, Diplomatarium Joachimsteinense (Lippert) 151
Erphurdianus Antiquitatum Variloquus, bearbeitet von R.Thiele
(F. Gels) 336
Gärtner, Quellenbuch zur Geschichte des Gymnasiums zu Zittau
I. (G. Müller) 348
Hiltebrandt, Die polnische Königswahl von 1697 und die Kon-
version Augusts des Starken (Ziekursch) 343
Kaemmel, Sächsische Geschichte (Beschorner) 144
Ludwig, Die Entstehung der kursächsischen Schulordnung von
1580 (G. Müller) 34°
Mangner, Geschichte der Leipziger Winkelschulen (G. Müller) 155
Meiche, Die Burgen und vorgeschichtlichen Wohnstätten der
Sächsischen Schweiz (Ermisch) .152
Rautenstrauch, Luther und die Pflege der kirchlichen Musik in
Sachsen (Wustmann) 339
Schulze, Paul, Das Dresdner Volksschulwesen im 18. Jahrhundert
(G. Müller) 156
Sturmhoefel, Kurfürstin Anna von Sachsen (Beschorner) . . 341
Voretzsch, Der sächsische Prinzenraub in Altenburg (K.
V. Kauffungen) . 145
Weicker, Die Haltung Kursachsens im Streit um die unmittel-
bare Reichsritterschaft (Friedrich) 148
Wetzel, Die Genesis des am 4. April 1813 eingesetzten Zentral-
Verwaltungsrates (Friedrich) 34^
Wostry, König Albrecht II. (Ermisch) 338
I.
über Totenbestattung im 16. Jahrhundert,
vornehmlieh in Zwickau.
Von
Otto Langer.
Kill Zwickauer Bürger, Mitglied der Verwaltung des
Gemeinen Kastens^), zeichnete im Jahre 1561 alles das auf,
was ihm in Hinsicht auf Kirche, Schule und Gemeinen Kasten
in Zwickau bemerkenswert zu sein schien -j. Seine Arbeit
führt keinen Titel. Am Anfang hat er lediglich bemerkt:
,,Eine Vorrede uff difs vorzeichnus 1561". Er hat das ,, Ver-
zeichnis", wie er versichert, angelegt, damit er sich daraus
unterrichten könne, da ihm wegen seiner ,,grosen sauern
arbeyt" sein ,,gedechtnus und gehör gantz entpfallen und ent-
nommen" sei. Die Arbeit besteht aus vielen, meist kurzen
Sätzen, die oft inhaltlich nicht zusammengehören, und ist
stilistisch recht mangelhaft, macht aber gerade dadurch den
Eindruck, dafs das, was der Verfasser mitteilt oder fordert,
den tatsächlichen Verhältnissen entspricht, dafs er also wirklich
berichtet, wie es war oder doch sein sollte. Daher enthalten
seine Aufzeichnungen eine Reihe von Angaben, die neben
dem, was die Kirchenordnungen usw. bieten, Beachtung ver-
dienen. Hier will ich nur einige am Schlüsse befindliche
') Obgleich uns die Namen der „Kastenherren" zu dieser Zeit
vollständig; überliefert sind, ist mir doch noch nicht möglich gewesen,
festzustellen, welcher von ihnen mit unserem Anonymus identisch ist.
-) Das ßändchen in Schmalfolio fand ich unter den noch un-
geordneten Beständen des Zwickauer Stadtarchivs; jetzt A* C laiJ.
Es besteht aus zwei Teilen: der Abschrift einer kurfürstlichen
Polizeiordnung vom Jahre 1555 und dem „Verzeichnis".
Neues Archiv f. S. G. u. A. XXVIII. 1.2. I
2 Otto Langer:
Sätze hervorheben. Nachdem er Kirche, Schule, BibHothek
und Gemeinen Kasten behandelt hat, kommt er noch auf den
Totengräber tuid seine Pflichten zu sprechen.
Der Totengräber soll an sauberen Orten die Gräber
graben und jedem Menschen sein eigenes Grab machen und
nicht zwei oder drei zusammen begraben, es ,,were denn,
das es inn sterbenslaufften wegen der menge nit kont under-
komnien werden". Er soll ,,den Gottesacker rein und sauber
halten, das nit stein darauf liegen, auch nit schwein noch
Genfse ader ander vich dorauff gehen lasen" ^). Er soll
,, Achtung geben, uff das nicht die Pauren oder die knaben
ire Unlust dahin werfl:en oder kericht hineinschütten. Die
gepeine, so aufsgegraben w^erden, sal er an ein sonderlich
ort zusamme in ein grabe bescharren; dieSerche und den
wao' en nicht unter dem volck stehen lassen ader under
das volck füren, sonderlich in sterbenslaufften"; er
soll ,,die Schwangeren und Sechswochnerin an ein sonder orth,
do nit vil leuth hinkommen, begraben, da die weyber ein
sonderlich Superstition an denselben haben'-); die toten
^) Im Mittelalter widmete man in Deutschland den Kirchhöfen
und Gottesäckern keinerlei Pflege, so dafs sie, wie das ja auch jetzt
noch in katholischen Gegenden, z. B. in Tirol, zu beobachten ist,
einen trostlosen Anblick darboten. Hierin Wandel zu scharten sind
die Behörden in den protestantischen Ländern seit Beginn der
Reformation unablässig bemüht; doch hatten sie mit fast unüber-
windlicher Gleichgültigkeit zu kämpfen, und noch 1573 mufs die
Brandenburger Visitations- und Kons.- Ordnung „den Rethen in
Stedten, auch Schultzen und Gemeinen in Dörflern hiermit im ernste
aufliegen, das sie dieselbigen allenthalben mit Mauren, Plancken
und andern guten Zeunen, auch Schrancken und Thüren wol und
mit Fleifse allenthalben also vermachen, das keine Schwein, Kühe
oder ander Viehe daraufl kommen können. So soll auch in Stedten
nicht gestattet werden, das darüber gefahren oder Mist, noch ander
Unflat, wie bifshero geschehen, dahin geschüttet werde." (Richter,
Kirchenordnungen II, 367.) Übrigens kam es, wie wir in dem „Ver-
zeichnis" lesen, in Zwickau vor, dafs sich Hunde, Gänse, Ziegen
und auch Schweine während des Gottesdienstes vom Kirchhof aus,
der aber nicht mehr Gottesacker war, in die Kirche verirrten, da
während des Gottesdienstes aus Besorgnis vor etwaiger Panik die
Türen olfen stehen muisten, weshalb die Kirchenväter einen „Hunds-
peitscher" zu halten hatten.
-) M.Hippe, Die Gräber der Wöchnerinnen (Mitteilungen der
Schles. Gesellschaft für Volkskunde 13, loift.) gibt folgende aus der
Breslauer Kirchen- und Schulordnung von 1528 (vgl. Drechsler,
Sitte, Braucli u. Volksglaube in Schlesien I, 307) genommene Stelle:
„Es sollen auch die Totengreber, wo sie eme Sechswecherin be-
graben wollen, ejm fleifsig aufl'mercken haben, dorait sie nicht graben
am wege, do man pflegt zu gehen oder viel zu scliaflen hot, sondern
über Totenbestattung; im 1 6. Jahrhundert. 3
corper sittlich und mit vornufft in das grab legen
und nicht wie ein unvornufftig thier hineinwerffen;
auf bevelh niemandt mit dem Sarch hineinlegen".
Aus den im Druck hervorgehobenen Worten mufs ohne
Zweifel der Schlufs gezogen werden, dafs man in Zwickau
bei Begräbnissen auf dem Gottesacker die Toten ohne Sarg
ins Grab zu legen pflegte, ja dafs es der Verfasser unserer
Handschrift sogar für durchaus unstatthaft hält, einen Leichnam
mit dem Sarge oder im Sarge zu begraben. Dieses Ergebnis
scheint aber der landläufigen Annahme, dafs im allgemeinen
in Deutschland seit vielen Jahrhunderten vmd jedenfalls bereits
im 16. Jahrhundert der Sarg beim Begräbnis verwandt, der
Leichnam im Sarge liegraben wurde, zu widersprechen.
Freilich, als ich mich über die in der christlichen Kirche
herrschenden Begräbnissitten unterrichten wollte, mufste ich
die Entdeckung machen, dafs man zwar genaue Untersuchungen
angestellt hat über die Art der Totenbestattung bei den alten
Ägyptern und den Inkas, bei den wilden ^'ölkern Afrikas
und Asiens, wohl auch bei den alten Juden und den Christen
in den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche, dafs man
sich aber wenig dannii gekümmert hat, welche Bräuche bei
der Beerdigung im Mittelalter und in den letzten Jahrhunderten
in Europa und vor allem in Deutschland geherrscht haben ^j.
Und doch müfsten für deutsche Volkskunde und kirchliche Sitte
eino-ehende Forschunoen dieser Art recht fruchtbar werden.
Hier soll es sich aber nur um die Frage handeln: Wurden
wirklich, wie jene Worte zu beweisen scheinen, im 16. Jahr-
hundert in Zwickau — und also doch auch im weiteren Um-
kreise dieser Stadt — die Toten ohne Sarg zur Erde be-
stattet?
Ohne Zweifel war der Sarg im Mittelalter bekannt und
wurde überall da angewandt, wo es sich um Beisetzung in
einer Gruft, also in der Kirche handelte; es war aber zunächst
der Steinsarg-), der hier Verwendung fand, nicht der Holz-
yndert an eynem winkel oder an der Mauer, do man am wenitisten
zu thun hot". — Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube, 2. Aufl.,
gibt keine Auskunft.
') Das gilt sowohl von der neuesten Auflage der Realencyclopädie
für protestantische Theologie, als auch von Wetzer und Welter,
Katholisches Kirchenlexikon (2. Aufl.), wo man vergebens Belehrung
über Sarg und Totenbrett sucht.
-) Es genügt, an den Steinsarg zu erinnern, den Krienihiltl für
Siegfried herstellen liefs (Nibelungenlied Avent. XV'IIj, oder an den
Sarg Ottos I. im Magdeburger Dome.
I*
Otto Lanier
»^
sarg, der erst später gebräuchlich ward ^), und die Toten wurden
auf dem Totenbrette-) oder der Bahre zur Gruft getragen
und hier, wie es im Nibelungenliede heifst, ,, besargt". Und
ebenso steht es fest, dafs in einigen Gegenden Deutschlands,
namentlich in den Alpenländern, die Toten bis vor nicht
ferner Zeit auf dem Brette hinausgetragen und ohne Sarg
begraben wurden''); und hie und da verwendet man wohl in
Europa den Sarg auch jetzt noch nicht*), wie es ja auch in
einigen Klöstern und Orden Brauch ist, ohne Sarg zu be-
graben.
Indessen sind das doch nur vereinzelte Erscheinungen,
und in Deutschland wird jetzt jedenfalls der Tote überall im
Sarge beerdigt. Wann ist aber diese Sitte herrschend ge-
worden? Und wie verfuhr man im i6. Jahrhundert?
Liest man die bei Richter und neuerdings bei Sehling
abgedruckten Kirchenordnungen, Anweisungen für Visitatoren
usw. durch, so mufs es auffallen, dafs sich hier das Wort
,,sark" fast gar nicht findet^). Und doch bot sich oft genug
^) Doch wurde bereits Rudolf von Habsburg in einem einfachen
Holzsarge bestattet, s. Grauert in der Beilage zur Allg. Zeitung
1906 Nr. 246.
-) Das Totenbrett, auf dem die Kaiserin Bertha, Heinrichs IV.
erste Gemahlin, von Mainz nach Speier getragen wurde, ist bei den
jüngst vorgenommenen Nachforschungen in den Kaisergräbern des
Doms zu ispeier aufgefunden worden. Vermutlich wurde das Toten-
brett so verwandt, wie es nach den Leges ßajuvariorum tit. XIX
c. 8: Cum cadaver humo immissus fuerit et lignum insuper positum,
geschehen sollte; s. darüber Alb. Hellwig, Das bajuwarische
Totenbrett, in der Beilage zur Allg. Zeitung 1906 Nr. 246. — Dafs
man im Mittelalter die Toten „ott ohne Sarg" begrub, bemerkt
Gruppe, Kulturgesch.desMA.il, 107. Dagegen ist Kreutzwald
(in dem Artikel ,, Begräbnis" bei Wetzer und Welter) der Über-
zeugung, dafs ,,seit ältester Zeit und durch das ganze M A. herab"
der Leichnam feierlich in die Kirche getragen und hier im offenen
Sarge ausgesetzt wurde.
^) In Zürich z.B. noch im 18. Jahrhundert; anderweit sicher
noch viel länger. S. in dem Aufsatz: „Religiöse Volksgebräuche
im Bistum Augsburg" im Katholik LXXXIII, 531 — 533: 5. Das
Totenbrett.
^) In holzarmen (legenden Spaniens steht wohl in einer Ecke
der Kirche der Sarg zu allgemeiner Benutzung. Aber in dem
Artikel: „Religiöse Volksgebräuche im Bistum Augsburg" im Katholik
LXXXIII, 533 lesen wir: „In Uttenhofen, O.-B., konnte man noch
vor 50 Jahren auf dem Dachboden der Kirche einen zum Aufklappen
eingerichteten hölzernen Sarg sehen, mittels dessen die Leichen
vom Sterbehause zum Grab befördert wurden".
'■') Aufgestofsen ist mir das Wort sarg — abgesehen von der
gleich zu erwähnenden Verordnung der Visitatoren für Olsnitz 1582
(Sehling, Die evangelischen Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts I,
über Totenbestattung im 1 6. Jahrhundert. 5
Gelegenheit, es zu gebrauchen, da sich die Ordnungen usw.
auch mit den Toten, den Begräbnissen und den Kirchhöfen
zu befassen hatten^). Finden sich darauf bezüghche Be-
stimmungen, so wird vor allem ein geordnetes christliches
Begräbnis gefordert. ,,So sollen auch — heifst es in der
„Constitution und [den] Artikeln des geistlichen Consistorii
zu Wittenberg 1542"-) — die commissarien darauf achtung
geben und verschaifung thun, das es mit den sepulturen oder
begrebnissen ordentlich und gleichförmig gehalten werde und
sonderUch, das sich nimands unterstehen, abends und frü, one
vorwissen des pfarrherrns heimlich zu begraben ... Zu
dem, das es nicht allein wider christlichen, sondern auch der
beiden brauch ist, menschliche leichen, wie ein as oder
vihe, one orebürliche cäremonien heimlich hinzu-
schleifen." Am Tage also und unter bestimmten Zere-
monien, die jedoch allen Prunk und jeden Luxus ausschlössen^),
sollten die Toten „zur Erde bestattet (bestettiget)" oder
„begraben" werden'^). Doch soll der Tote nicht sogleich be-
erdigt werden, sondern man soll ihn ,,ein weil ligenn lassen"'^),
ihn frühestens acht, zehn oder zwölf Stunden nach dem Ein-
I, 621) — nur in der Ordnung Kurfürst Augusts von 1580 (Sehling I,
I, 374), wo in dem Beispiele einer Leichenpredigt die Erzählung von
der Aufervveckung des Jünglings von Nain aus Lukas VII gegeben
wird: „und rüret den sark an und die träger stunden".
1) Wären Särge gebraucht worden, so würden bald Vorschriften
wegen der Kosten nötig gewesen und gemacht worden sein, wie in
der Ordnung Kurfürst Augusts (Sehling a. a. O. S. 439) „der un-
nütze kosten mit ausgeben "der vielen trauer binden und anderm, so
bis daher bei den begrebnissen an etUchen orten gebreuchlich
gewesen und die leute damit nicht wenig beschwert werden", gänz-
lich abgeschafft werden soll.
■-) Sehling a. a. O. S. 203. Ebenso in der Schweinfurter Kirchen-
ordnung 1543 (Richter, Kirchenordnungen II, 23): „Drumb sollen
die todten nicht als heimlich und stillschweigend hingetragen und
verscharrt werden ..."
^) Die „Artikel gemeiner Verschaffung" aus der Visitation in
Thüringen 1533 (Sehling a. a. O. S. 195) nehmen allerdings unter
Hinweis auf Wittenberg drei Begräbnisklassen an: „gemein mensch",
„mittelmessige burger" und „redliche leute"; später findet sich aber
diese Scheidung nicht mehr, es wird vielmehr, wie oben, betont,
dafs die Begräbnisse „ordentlich und gleichförmig gehalten", „der
Christen verstorbene cörper christlich und ehrlich beleitet und be-
graben werden" und dergl.
^) Man hat an ein Beerdigen im eigentlichen Sinne zu denken,
wenn man in den obenerwähnten Thüringer Visitationsartikeln liest:
„Wen man nue zu grab kommen ist, weil man die leich zu-
scharret, so singt der Schulmeister usw." (Sehling a. a. O.).
°) Sehling a. a. O. S. 565 (Gnandstein 1540)-
6 Otto Langer:
tritt des Todes begraben^). Beim Begräbnis wird wohl in
der Regel der Tote auf einer Bahre hinausgetragen, doch
ist ohne Zweifel auch das Brett allein, wenn es auch an
keiner Stelle in den Kirchenordnungen usw. Erwähnung findet,
noch häufig gebraucht worden-). Der auf der Bahre oder
dem Brette liegende Leichnam sollte mit einem Tuche bedeckt
sein. ,,Und so ein mensch stirbet" — heifst es in der Ver-
ordnung der Visitatoren für das Amt Leisnig 1529 — , ,, ordnen
wir visitatores, das die bahr oder (!) leichnam nit heimlich,
sunder am ofi^entlichen tag mit einem weifsen tuch bedackt
und mit christlichem deutschen gesang .... zu grab getragen
und begraben soll werden'^-"). Ebenso lesen wir in der
,, Gemeinen verordnmig und den artikeln der Visitation in
Meifsen und des Voitland 1533": ,,So ein mensch stirbt, soll
der leichnam nicht heimlich und in der nacht, sondern am
tage und öffentlich (andere Lesart: ordenthch) mit bedackter
par, wie hievor gewonlich gewesen, mit wissen des pfarrers
und beisein desselben oder caplan oder custers und der nach-
barschaft mit christlichem deutschen gesang ehrlich begraben
werden"*).
Als Begräbnisstätte dient zunächst überall der Kirchhof
im eigentlichen Sinne, der Raum, der die Kirche umgibt, so-
*) Hallische Kirchenordnung 1541 (Richter I, 341): „Es soll
auch niemand vor 8 oder 10 Stunden begraben werden''. „General-
Artikel und gemeiner Bericht" für Kursachsen vom 8. Mai 1557 bei
Sehling a. a. O. S. 320: „Do jemand von Gott .... von diesem
Jammerthal abgefordert wurde, sol derselbige nicht also bald be-
graben, besondern zum wenigsten zwelf stunden doheim im hause
behalten werden". Dagegen verlangt die Hennebergische Ord-
nung von 1582 (Sehling I, 2, 316), dafs die Toten „aufs wenigste
nach 15 oder i6 oder nach gelegenheit mehr stunden" begraben
werden.
-) Freilich habe ich weder bei Richter noch bei Sehling das
Totenbrett ausdrücklich erwähnt gefunden. Aber wenn die Bahre
nicht angewandt wurde — und dals das nicht durchweg geschah,
zeigt vielleicht die im Texte gleich zu erwähnende vStelle — , so
l)lieb nur das Brett übrig. Und wenn, wie gleich anzuführen ist,
aus den eingepfarrten Dörfern um Ölsnitz die Toten auf Wagen
zum Ölsnitzer Kirchhof gefahren wurden, so lagen sie doch wohl
noch nach uraltem Brauche auf dem Totenl:)rette. Übrigens lebt,
wie Wendungen in der volkstümlichen Redeweise bezeugen, nocli
heute in manchen Gegenden Sachsens im Volke die Erinnerung an
den Gebrauch des Leichenbretts.
^) Sehling I, i, 610, ebenso S. 661: Herzbergisch kreis u. amt
Schlieben (1529).
') a. a. O. S. 189 und ebenso für Gnandstein (1540 S. 565), Oschatz
(1540 S. 625) usw.
über Totenbestattung im 1 6. Jahrhundert. y
dann auch, wie es in Zwickau der Fall war^), der für Begräb-
nisse bestimmte, vielleicht schon vor der Stadt gelegene
Gottesacker, der aber gleichfalls Kirchhof genannt ward.
Der Kirchhof oder Gottesacker soll umfriedet sein, aber
nicht nur deshalb wird das gefordert, um ihn in sauberem
Zustande zu halten und vor Vermireinigung zu schützen,
sondern auch aus einem anderen Grunde. ,,Es soll derwegen
der kirchhof mit vleifs befridet werden, domit die thier
den corper nicht widerumb ausgraben"-), heifst es in den
„Generalia. aller derfer im amt Beizig 1534", und in der
Ordnung des Kurfürsten August von 1580 wird also bestimmt:
,, Nachdem sich auch an etlichen orten begeben, das die
todten cörper durch unvernünftigen thier, da die kirch-
höfe nicht zum besten verwaret, weil sie nicht tief in die
erden gelegt, ausgegraben worden, sol jedes orts obrigkeit
diese Verordnung thun, das die greber für die alten und er-
wachsenen leute aufs wenigste eines mannes tief, desgleichen
auch der kinder also gegraben werden, das dergleichen nicht
mehr zu besorgen"'^).
Niemand kann angesichts dieser klaren Worte zweifeln,
dafs hier an einen Sarg nie zu denken ist, dafs vielmehr stets
als selbstverständlich angenommen ist, dafs der Tote ohne Sarg
beerdigt wird. Aber der Sarg mufs, wie sich ja aus jener Stelle
in unserm Manuskript ergibt, doch gelegentlich verwandt worden
sein ; in welcher Weise, zeigt uns eine Verordnung der Visi-
tatoren für Ölsnitz 1582, die zugleich auch den besten Beweis
dafür gibt, dafs noch zu dieser Zeit die Toten in dieser
Gegend ohne Sarg begraben wurden. „Die leichen von land
— lesen wir dort — sollen uf wagen und pferden allein
bis zum thor oder sonst gewissen ort vor die stat bracht
werden und alsdenn in ein sark uf ein bar, welliche —
also Bahre und Sarg — der rat wil schaffen, der procefs
nach durch etliche bauersleut getragen werden; sollen auch
1) Gottesacker in Zwickau 1521 angelegt, s. Herzog, Chronik
von Zwickau I, 169. Bereits in der Bremischen Kirchenordnung
von 1534 wird geradezu empfohlen, vor der Stadt einen Begräbnis-
platz anzulegen: ,,Und wäre wol geraden, sunder lick thor tidt der
pestilentie, dat ein Erb. Radt vorschaffede wor buten vor der Stadt
einen gemenen Kerckhoff, alse des by den olden de brück gewest
ys" usw. (Richter, Kirchenordnungen I, 247).
-) Sehling a. a. O. S. 529. — In der „Ordination der dorfer des
Churfurstenthums Sachsen dem Jungfrauen closter Plotzk zustendig.
1529" (a. a. O. S. 626) heifst es: „. . . . domit den toden von den
thiern nicht unehr widc-fahre". Ebenso S. 647 Gommern betr. (1329)-
') a. a. O. S. 439.
8 Otto Langer:
alle dorfschaften einlegen und ein schwarz leichentuch schaöen
(und auch ein geringes, do etwas zwo leichen würden),
welliches — also zunächst das gute Tuch, aber natürlich auch
das geringe — im hospital soll verwahret werden, darinnen
sie es sollen abfodern und wieder einantworten; wie es denn
die leut auch gewilligt"^). Hier wird also, und zwar — sehen
wir von jener Stelle aus dem Evangelium Lucä ab — zum
ersten Male der Sarg erwähnt ; aber er ward nicht etwa mit
dem Toten begraben, sondern fand nur für die feierliche
,,procefs" Verwendung. Beim Grabe wurde der Leichnam
herausgehoben und ins Grab gelegt, der Sarg wurde ebenso
wie das Bahrtuch für weiteren Gebrauch aufbewahrt"-). —
Es kann wohl angesichts all dieser Zeugnisse darüber
kein Zweifel sein, dafs man im aUgemeinen im 1 6. Jahrhundert
nicht nur in Zwickau, sondern überhaupt in Deutschland die
Toten auf Kirchhöfen ohne Sarg zu begraben pflegte. Aber
die Quellen sind, was Zwickau anlangt, noch keineswegs
erschöpft.
Im Jahre 1582 wurde Zwickau von einer furchtbaren
Pest heimgesucht, ,,also dafs 1500 Menschen daran gestorben".
1) a. a. O. S. 621.
-) Natürlich ward der Sarg auch nicht geschlossen, sondern war
offen, wie der, in dem der Jüngling von Nain lag. Auch das mufs
sehr lange Brauch gewesen sein. Goethe läfst im Qavigo 5. Akt
Clavigo rufen, nachdem die Bahre und der „bedeckte ' Sarg nieder-
gesetzt worden ist: ,, . . . Ich mufs sie sehen! (Er wirft das Tuch
ab. Marie liegt weifsgekleidet ... im Sarge . . .)". Dagegen hob
der Ritter in dem von Goethe 1771 im Elsafs aufgezeichneten Volks-
lied, an das der Schlufs des Clavigo gemahnt (Strophe zitiert von
Erich Schmidt, Clavijo, Beaumarchais, Goethe in Charakteristiken II,
115) „den Ladendeckel ab und schaut ihr unter die Augen''. (Anders
in des Knaben Wunderhorn: „Es spielt ein Ritter mit seiner Magd".)
So erklärt es sich auch, wenn in einem der Bilder zu Shakespeares
Hamlet, auf die ich zufällig in Urania, Taschenbuch auf das Jahr
1820, stiefs, Ophelia im offenen Sarge im Grabe liegt; sieht man
freilich im Hamlet genauer zu, so findet man, dafs Ophelia ohne
Sarg ins Grab gelegt wird. Laertes: „Lafst noch die Erde weg,
bis ich sie nochmals in die Arme fasse. (Springt ins Grab.) Nun
häuft den Staub auf Lebende und Tote!" — Dafs in Sachsen hier
und da die Leichen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch
im offenen Sarge auf den Kirchhof getragen worden seien, ver-
sicherte mir ein älterer Geistlicher. Und noch um 1870 war es in
der Umgegend von Zwickau, z. B. in Reinsdorf, Brauch, dafs zwar
der Sarg geschlossen auf den Kirchhof getragen, dann aber über
das oifene Grab gesetzt und nochmals geöffnet wurde; am offenen
Sarge wurde die Grabrede gehalten. Damit hing wohl das Deck-
geld, das die Sargträger erhielten und das dann verboten wurde,
zusammen.
über Totenbestattung im 1 6. Jahrhundert. ^
So berichtet Engelhard Forstmann, der damals Vorsteher des
Gemeinen Kastens war. Und da nun, fährt er fort, zu be-
sorgen war, ,,das Gott umb unserer Sünden willen solche
Straffe hinforder und zu anderer Zeit mehr über uns mocht
schicken und kommen lassen und die Zeit Ordnung so woll
von noten als itzt gescheen ist, habe ich mir zum besten,
da ich dis erlebe, unnd, [falls es] wider zu versorgen an mich
kemmen sollte, mir zum Gedechtnis, wie es die Jahr gehalten
und hinfort noch besser zu halten ist, furgeschrieben. Lebe
ich aber nicht, so schreib ichs euch, meinen Nachkommen am
Gasten, zum besten hiermit hin."
Diese Arbeit, etwas breit zwar wie alles, was Forstmann
geschrieben, aber doch recht wertvoll, hat sich im Stadtarchiv
erhalten^). Angeheftet sind ihr noch verschiedene auf die
Pest bezügliche Aufzeichnungen, auf die Forstmann stiefs,
als er 1592 auf dem Rathause ,, neben Mag. Wolfgang Reyer
die Brieffe und anders in Ordnung gebracht"-). Zunächst
,,Etzliche ungeverliche Artickel inn sterbslaufften zu bestellen
imd zu haben", die von mehreren Händen geschrieben sind;
sodann ,,Eine trewhche Erinnerung vmd Warnung an einen
Erbarn Radth zw Zwickow" vom Stadtpfarrer Nikolaus Haus-
mami; ferner ,, Bestallung des Pestilentzartztes Wolffen Hoflf-
manfs von Geringsroda (!)" u. a. Beigelegt waren dem Hefte
noch kurze die Pest betreffende Artikel, die Stephan Roth
geschrieben: ,, Bestellung der Krancken inn dieser fehrlichen
zeit der Sterbenslauffte". Hausmanns Eingabe an den Rat
setzt Herzog'^) offenbar mit Hinsicht darauf, dafs er die Schweifs-
krankheit als ,,jvingst gewesen" bezeichnet, diese aber 1529
die Stadt heimsuchte^), ins Jahr 1530. Gegen Ende des um-
fangreichen Schriftstückes lesen wir nun: ,,Mit dem Begräbnis
— nämlich in Pestzeiten — werdet ihr wohl mas treffen, wie
und wo, wie tieff tzu graben se}', dan awch awfsehen, da
von nothen ist, wan awch die Toden Corper tzw begraben
sein, frw oder spatt, damit nicht alle weit mit lawfft über den
Kirchoff; ist awch noth zu bedencken, dan es tzw den tzeiten
gar unbeqwem ist mit den toden alweg tzw grabe gehen
umb der dünst willen, die bein gräbern ist. So sieht
1) A*C 12a (i).
-) Es wurde damals das noch jetzt benutzte LJrkundenrepertorium
angelegt; 1594 war die Arbeit beendet.
ä) Er hat es auf dem Schriftstück vermerkt.
■*) s. Herzog II, 218. — Hierin findet sich auch die bekannte
Stelle über die dichte Bevölkerung Zwickaus, aus der Herzog I, 226
einige Worte abgedruckt hat.
lo Otto Langer:
man wol, das die iugent iürbitzig ist und wil am nesten beym
grabe sein und nein kucken, wan die toden awfgedackt
werden, davon dann ymmer vergifftigunge folget." Er
empfiehlt schliefslich, die Leichen nicht auf Bahren zu tragen,
weil es gefährlich sei — ,,die tücher sind dann auch nicht
reine" — , sondern auf einem Wagen zu fahren, der freilich, .
damit die Erschüttermig nicht zu grofs werde, nicht mit Eisen
l)eschlagen sein dürfe.
Aus jenen Worten ergibt sich nun ganz klar, dafs in
Zwickau — und zwar nicht etwa blofs in Pestzeiten, sondern
bei allen Beerdigungen — die mit einem Tuche bedeckte
Leiche ins Grab gesenkt und das Tuch dann weggezogen,
der Tote ,, aufgedeckt" wurde. Vom Gebrauche des Sarges
hören wir hier überhaupt nichts; dagegen wird in den „Un-
geverlichen Artickeln in sterbslaufften usw." vorgeschrieben,
dafs die Leichen der von der ,, Ungnade", d. i. der Pest dahin-
gerafften Menschen nicht feierUch begraben, ,, sondern uff ein
glegene stunde frue zu sauchen (? =^ zu Seuchenzeiten?) uff
einen wagen in einer Truhen hinaus zum begrebnis gefurd"
werden, d. h. sie sollen im Sarge oder einem Kasten hinaus-
gefahren, aber natürlich nicht darin begraben werden. Engelh.
Forstmanns Angaben lassen darüber keinen Zweifel zu.
,,Zu dieser Zeit", d. h. zur Zeit der Pest — so lesen wir
dort — , ,, bedarf man sonderlichs 4 Todentreger, sowoll, da das
sterben zu n3anpt, eyn pferdt unnd einen forrman . . . Das
pferdt erhelt der Gasten. Der pferdtstall ist gewest im toden-
haus, da der wage und sarck sint; kont mans aber wo
anders haben, wers besser. Die Serck und Wagen hat
man an die Mauer getain und mit breten e3-n Verdecknis
gemacht, das man die nicht gesehen hat." In der Not sollen
auch der Totengräber und seine Gesellen mit tragen helfen.
Zunächst aber haben sie die Gräber herzustellen. ,,Zwey
greber sollen sie eynen tag machen, darin des morgens für
mittage getragen, das andere grab, daryn nach Mittage ge-
tragen werde. Sollen das so gros und breit machen, als sie
personen haben, darzu das, wie gemelt, allzeit 3 Ellen über
der Leich bliebe. Sollens aber also machen: wen sie eyne,
2, 3 oder mer personen neben e3'nander legen, das sie allezeit
solche personen oder leichen mit Erden zu decken, darnach
aber mall mit Erden zu decken, darnach abermall e}!! ander
Schicht legen und abermall Erde däruff, das mans ke}'ns syhet,
und so viell sie dieser Schicht machen, das alsdcn 3 Ellen
nber der obern Schicht se}^ und bleibe, damit keyne ver-
gifftung aus den grebern andere jar kommen möge . . . ."
über Totenbestattung im i6. Jahrliun !ert. il
Wenn nun aber auch bei dem hier empfohlenen Ver-
fahren der Sarg völHg ausgeschlossen war, so verstiefs es
doch zu dieser Zeit (1582) nicht mehr gegen Sitte und Her-
kommen, Tote im Sarge zu beerdigen. Denn Engelh. Forst-
mann schreibt noch folgendes: „Dem Todengreber ist ernstlich
zu bevelen, das er keynen mit dem Sarcke lege, er
habe den zuvor vom Gasten eynen zettel, das er das
thun soll. Welche Zettel mit des Castens poletzeichen^)
sollen versiegelt sein und des Vorstehers namen darunther
sthen, das si (!) schreibet (!) und solch Sarckgeld empfahet (!),
denn hie an dem Gasten gelegen."
In seine Arbeit hat später Engelh. Forstmann Bemerkungen
und Zusätze eingefügt, wenn etwa eine Bestimmmig auf-
gehoben wurde oder Ergänzungen sich nötig machten. So
auch hinter der letzten Stehe. Die Bestimmung, dafs nur
gegen einen Erlaubnisschein Leichen im Sarge begraben
werden dürften, liefs sich nämlich für die Dauer nicht aufrecht
halten, und so sah sich denn Forstmann genötigt, durch jene
Worte einen Strich zu machen und darunter zu bemerken:
,,Nota. Die Sarckgelt abgangen, dorumb auch
nicht zu l)evelen." —
Wann wurde es nun den Bürgern Zwickaus erlaubt, ihre
Toten auch ohne für Geld erworbenen Erlaubnisschein im
Sarge zu begraben? Schlägt man die Rechnungen des Ge-
meinen Kastens-) auf, so findet man unter den Einnahmen
der siebziger und achtziger Jahre regelmäfsig auch verzeichnet
,, Sarggeld'", sei es nun unter besonderer Rubrik, sei es in
Verbindung mit dem Läutegeld wie 1572/73 S. 396: „Ein-
nahme Leutgeldt und von den Personen so mit den
Sarcken begraben werden"; seit 1593 aber oder genauer
vom Rechnungsjahre 1593/94 an wird diese Einnahme nicht
mehr gebucht.
Veranlassung hatte dazu eine Beschwerde der Handwerker
gegeben, die diese gegen das Sarggeld und gegen Engelh.
Forstmann auf dem Schlosse vor den kurfürstlichen Kom-
missaren =^) erhoben. Die Handwerker forderten Aufhebung
dieser Einrichtung; sie führten Klage gegen den Verwaher
der Kasse des Gemeinen Kastens, gegen Engelh. Forstmann,
') d. i. Siegel; vergl. ital. bollo = obrigkeitliches Siegel, bollato —
besiegelt.
2) Stadtarchiv A*B (Rechnungen).
^) Es erschienen im Juni 1593 kurfürstliche Kommissare in
Zwickau, um Streitigkeiten zwischen Rat und Bürgerschaft zu
schlichten; s. Herzog II, 353-
12 Otto Langer:
der angeblich dem Totengräber die Weisung gegeben hatte,
falls kein Sarggeld bezahlt sei, den Toten aus dem Sarge
,, herauszuschütten". Die Folge war, dafs am 9. Juli 1593 das
Sarggeld abgeschafft wurde.' Genauere Kenntnis über diese
Vorgänge verdanken wir wieder imserem Engelh. Forstmann,
der zu seiner Rechtfertigung einen ausführlichen Bericht auf-
setzte und ihn durch den Kastenschreiber der im September
1593 aufgestellten Rechnung des Gemeinen Kastens für das
Jahr 1592/93 einverleiben liefs. Dieser Bericht ist aber für
die hier behandelte Frage so wertvoll, dafs ich es für nötig
halte, ihn hier einzufügen.
„Dis Sarckgelt ist von den 9. Julii 1593 nicht mehr eingefordert
wordenn, dahero das die Bürger unnd Handtwerger sich für den
Fürstlichen Commissarien alhier uff dem Schlos beschweret habenn,
dasselbe ferner tzu gebenn, und mich Engelhart Forstman, be-
schuldiget, dafs ich dem Thodengreber bevholen, wer nicht gelt
gebe, den sol er aufs dem Sarck schütten und b 1 o s in die erden
iegenn. Dieweil ich aber bey ihrer Clage für den Herren Com-
missarien nicht gewesen, viel weniger dartzu erfordert worden,
sondernn dem Rath bevholen wordenn, uns gegen einander zu ver-
hörenn, und da sich ihre Clage in warheit also befinde, mir einhält
zu thua und das Sarggelt abschaffen: nachdem aber diese verhör
bifs dahero nicht gescheen und diese Castens Rechnung gemacht
worden und Ihr, unsere kommende Vorsteher, Wissenschaft haben
möget, warumb das Sarggelt nicht mehr eingefordert worden und ich
etwas uff ihre Clage antworte, so thue ichs in dieser Rechnung also :
Dafs Sarggelt zu nehmen habe ich nicht geordnet, dann ich
viel zu wenig dartzu gewesen, sondern ist vor 21 Jahren lauts Gasten
Rechnung von dem Pfarrer und Rath umb genügsamer Ursach willen
den armuth zum besten geordnet und, wafs einkommen in 21 Rech-
nungen, alle Jhar inn beysein und angehör des pfarrers und Raths
berechnet wordenn und under dieser Zeit cu zween underschied-
licher malen vom Rath und Pfarrer uns Vorstehern bevholen wordenn
über diese Einnahme tzu haltenn.
Die weil mir nun die gantze Einnahme des Kastens bevholen,
habe ich diis Sarggelt auch innehmen mufsen und habe selbst von
meinen verstorbenen dafs Sarggelt gegebenn. Das ich aber meiner
Cleger beschuldigung nach diesen uncristlichen ernnst und die grofse
Unehre den Verstorbenen solte beweist habenn, das, wehre mir
nicht gelt gegebenn, das solcher vonn den Thodengräber uff meinen
bevhel aufs dem Sarck solte aul'<geschüttet werden, daran geschiet
mir zum höchsten unrecht; denn die Thodten also verunehren, ist
in meine gedancken niemals kommen, viel weniger habe ichs be-
vholen, ist auch von den Thodengräber niemals meinem bevhel
nach gescheen, seind darumb meiner Cleger beschuldigung wieder
mich iautter beschmutzunge und ungegründete ufflagen.
Ich binn in dieser Einnahme viel gelinder gewest als zunehmen
geordnet wordenn. Urmd das ich meine gelindigkeit inn diesem
Jhar mit gründe und warheit beweise, thue ich dais also:
Von Michaelis Ao. 1592, wen sich unfser Jhar und Einnahme
anfehet, bifs uff den 9. Julii Ao. 1593 seindt 42 Wochen; darinnen
seindt verstorben und begraben wordenn 143 personen, welche alle
über Totenbestattung mi 1 6. Jahrhundert, 13
mit nahmen bey den Kirchnern, wie gebreuchhch vertzeichnet worden,
idls 87 personen bey dem Kirchner zu unser frauenn, 56 personen
bey dem Kirchner zu S. Katharinen. Von diesen 143 personen allen
habe ich nicht mehr den von 23 personen Sarggelt 8 fl, i gr. 9 Pf.
bekommen, da doch zum meisten alle mit dem Sarg be-
graben werdenn.
Was nun in diesem Jhar gescheen, das ist zu vorigen und ver-
gangenen Jahren auch gescheen, wie die Jhar Rechnungen aus-
weisen. Und wenn ich gleich über dieser Einnahme Vheste gehalten
hette, were mir solches zuthun gevholen gewest; habe mich aber
alzeit nach gelegenheit unnd Vermögen der Verstorbenen gerichtet,
und was ich eingenommen, hab ich nicht mir eingenommen unnd
behaltenn, sondern dem Gasten unnd den Armen und das richtigk
berechent — um derowegen der Handtwerger ungegründte Clage
unnd unbillige uflage zum Danck nehmen, das ich bey dem Kastenn
die grose muhe, Sorge unnd bekummernufs habe, das ihnen und
ihren Kindernn Kirchen- unnd Schuldiener gehalten, Hospitahen und
eine grofse menge armer leute mit besoldung unnd aufsteilen (und) er-
haltenn werdenn und andere Kastens Sachen inn guter Ordnung unnd
Richtigkeit haltenn helffe. Engelhardt Forstman
meyn handtschrift."
So gelangen wir mit dieser Untersuchung zu folgendem
Ergebnis.
Während bei Beisetzungfen in Kirchenofrüften der Sarof
regelmäfsig verwendet wurde, herrschte im 16. Jahrhundert
— in Zwickau und natürlich auch in einem weiteren Umkreis —
bei Beerdigungen auf Kirchhöfen zunächst ein anderer Brauch.
Der Sarg w-urde nämlich anfangs überhaupt nicht benutzt, die
Leiche wurde vielmehr nach altem Herkommen auf dem Brette
oder der Bahre auf den Kirchhof getragen und ins Grab
gelegt. Bevor man die Erde darauf warf, wurde das Tuch,
mit dem nach der Vorschrift die Leiche zu bedecken w^ar,
heruntergenommen. Da aber mit diesem Verfahren für die
Träger leicht Ansteckungsgefahr verbunden war, so wairde
der Sarg (Truhe) eingeführt, damit darin die Leichen hinaus-
getragen oder gefahren würden. Und damit es feierlicher
aussehe, wurde später über den Sarg das Bahrtuch gedeckt').
1) In den Rechnungen des Gemeinen Kastens finden wir seit
1586 87 das Bahrtuchgeld verzeichnet. Es bringt aber nicht viel ein,
jede Benutzung kostet 2 Groschen, und nur wenige gebrauchen es.
Wahrscheinlich hatten auch die bedeutenden Zünfte, wie das später
Brauch ist, ihre besonderen Leichentücher. Engelh. Forstmann
bemerkt in seinem Bericht über die Pest usw.: „Wen das gelt von
den Leichtüchern auch zum Gasten wider kempt, ist hir innen
grosser vleis zu haben mit auff sehen (!) die dem Gasten eyn kome,
den es viell zu dieser zeit tregt undt darvon eynkompt. Der Kyr-
gener hat des woll genossen, den es tregt so viell als das leutten
aufserhalb der grofsen Glocken und will woll sagen mehr; denn er
14 Otto Langer:
Der Sarg selbst wurde aber nicht mit ins Grab gesenkt, viel-
mehr immer wieder benutzt und an dem alten Brauche, den
Toten unmittelbar ins Grab zu senken, festgehalten.
Es lag nun nahe^ dafs der bei Beisetzungen übliche
Brauch als vornehmer empfunden wurde und dafs wohlhabende
Einwohner, wenn es ihnen nicht möglich war, die Beisetzung
in der Kirche zu erwirken, jedenfalls ihre Angehörigen und
sich selbst im Sarge bestattet wissen wollten. Und in der
Tat fafste am ii. Februar 1549 der Rat der Stadt Zwickau
folgenden darauf hinzielenden Beschlufs^):
„Todensarch. Dieweyl es «leichwol ein wolstand ist, so ein
ehrbarer burger oder Bürgerin mit einem sarch zur erden gestadt
werdenn, darumb ist durch bede Rethe beschlossen wurden, das
man hinfort, doch nach gelegenheit, vergönnen solle, das dy
todten mit einem sarch zur erden gestadt unnd begraben werden
sollenn."
Indessen scheint dieser Beschlufs noch nicht den Emp-
findungen der grofsen Menge entsprochen zu haben, vielmehr
wurde vermutlich dort wie im Kreise der Geistlichen ein
solches Verlangen noch als Hochmut und Überhebung emp-
funden. Und jedenfalls vertrat diesen Standpunkt der Ver-
fasser unsres ,, Verzeichnisses" vom Jahre 1561, der ja auf
das entschiedenste fordert, dafs überhaupt nicht gestattet
werde, jemand im Sarge zu begraben. Aber die Anschauvmg
änderte sich, und nach kurzem erschien die Forderung, den
Toten im Sarge begraben zu dürfen, nicht mehr unbillig,
wenn es auch zuerst nur vereinzelte waren, die dieses Vor-
recht begehrten. So wurde denn 1572 in Zwickau die Be-
erdigung im Sarge gegen eine Geldabgabe an den Gemeinen
Kasten gestattet; im Rechnungsjahre 1572/73 wird das „Sarg-
geld" zum ersten Male verzeichnet. Aber es waren ihrer
anfangs doch nur wenige, die von der Erlaubnis Gebrauch
machten; im ersten Jahre wurde das Sarggeld zweimal gezahlt:
,,i fl. 3 gr. eingenommen von Leonhardt Rosenlecher, das
sein weib im Sargk begraben worden;
2 il. 6 gr. Ursula M. Kuhncns Wittbe von Freibergk auch
entricht, das ihr herr mit dem Sarck begraben
worden";
1573/74 nur einmal:
,,i d. 3 gr. entpfangen von Markus Messerkramers Wittben,
das ir hauswirt seliger im Sargk begraben worden" ;
keyns weg giebt, er bekome zuerst gelt. Wem das one gelt sali
gegeben werden, soll des eyn zettel vom Gasten bringen."
') Ratsprotokoll 1549 Bl. 25.
über Totenbestattung im 16. Jahrhundert. 15
1574/75 nicht, iSJS/l^ finden wir 6 Posten, darunter ,,3 fl.
Georg Maurers Erben", 1576/77 7 Posten, darunter ,,4 fl. 12 gr.
Christoph Kirsch, das sein weib, die von Bora, mit dem Sargk
begraben worden"; dann 5, 8, 13 und (1580/81) 15 Posten.
UrsprüngUch scheint wenigstens i fl. 3 Gr. für die Lizenz
gefordert worden zvi sein; aber an diesem Preise konnte man
nicht festhalten, und 1580/81 finden wir neben i fl. 3 Gr. und
,,für Sarck und Leittgeldt" 2 fl, 18 Gr. noch 18, 12 und sogar
IG Gr. angegeben, insgesamt 14 fl. 4 Gr.
Gerade zu dieser Zeit scheint aber die neue Mode sehr
um sich gegriffen zu haben: von den 1500 Menschen, die
nach Forstmann von der Pest dahingerafft wurden, ist doch
ein recht beträchthcher Teil im Sarge begraben worden, oder
genauer, ist doch für sehr viele das Sarggeld bezahlt worden,
nämlich 1581/82 für 185 Personen und 1582/83 — die Pest
wütete noch im Herbst des Jahres 1582 — noch für 157.
Die Lizenzgebühr betrug jetzt gewöhnlich 12 Gr. für Er-
wachsene, 6 und 3 Gr. für Kinder; doch zahlte Matthes Spring
für sein ,,kleens Mägdlein" 10 Gr. 6 Pf. Dann sinkt die Zahl,
1583/84 sind es 22, 1584/85 38, darunter, was sehr bezeichnend
ist, ,,6 gr. Wolff Brückners Taglöhners Weib".
Wir sehen also, wie die Sitte um sich griff, wie jetzt
sogar i\rme, die doch der grofsen Ersparnis halber an dem
alten Brauche hätten festhalten sollen, der neuen Sitte ihren
Tribvit zollten. Wir begreifen auch, wenn sich unter solchen
Umständen das Verlangen geltend machte, von dem Sarg-
geld befreit zu werden, wenn man zu erreichen suchte, dafs
der Tote auch ohne den Erlaubnisschein des Gemeinen
Kastens mit dem Sarge begraben wurde. Vergebens suchte
Forstmann das Interesse des Gemeinen Kastens zu wahren^);
vergebens wies er immer und immer wieder den Totengräber
an, nur gegen Erlaubnisschein im Sarge zu begraben. Der
Totengräber sah sich oft genug genötigt, w^ollte er nicht
böses Ärgernis erregen, im Sarge zu beerdigen, ohne dafs
für den Toten das Sarpo^eld orezahlt war. Endlich erhoben
die Handwerker Beschwerde vor den kurfürstlichen Kom-
missarien; und da es inzwischen vermutlich auch anderweit
Brauch geworden war, Tote im Sarge ohne besondere Er-
laubnis zu beerdigen, so konnte auch in Zwickau nicht mehr
am Sarggeld festgehalten werden: am 9. Juli 1593 wurde
') 1584/85 ist fol. 54'i bemerkt: „An Sarchgeldt eingenommen
15 fl. 12 gr. Steigt gegen dem jhärigen umb 3 fl." Und ähnliche
Notizen finden sich auch weiterhin.
l6 Otto I^anger: Über Totenbestattung im 1 6. Jahrhundert.
es abgeschafft. Und wenn auch in Zwickau und anderweit
noch immer manche die Toten nach alter Weise beerdigen
liefsen, nach und nach verschwand — von Pest- und Kriegs-
zeiten abgesehen') — dieser Brauch mehr und mehr, und
schliefslich galt es als selbstverständlich, im Sarge zu Ije-
graben. Und hatte man sich früher bei Begräbnissen gröfster
Einfachheit beflissen, so wurde jetzt, zunächst vom Adel,
gewifs aber bald auch von wohlhabenden Bürgern, dabei
solcher Prunk entfaltet, dafs die Obrigkeit einschreiten mufste.
Endlich wurde auch mit dem Sarge nach der Auffassung der
Obrigkeit übermäfsiger Luxus getrieben, und es wurde des-
halb in der sächsischen Kleiderordnung vom 21. Februar 1750
befohlen: [n.] ,,Zu Bekleidung der Leichen und Ausschlagung
der Särge dürfen keine andere als innerhalb des Landes
fabrizierte Waaren genommen werden" -). —
Es ist vielleicht nicht zu erwarten, dafs sich für diese
Frage in anderen Archiven eine Antwort von ähnlicher Be-
stimmtheit findet, wie es hier der Fall war ; aber wunderbar
wäre es doch, wenn man nunmehr nicht auch anderweit auf
Belege für diese Art von Bestattung stofsen sollte. Und wenn
meine Untersuchung Anlafs böte, in dieser Richtung Nach-
forschungen anzustellen, so würde ich das als den besten
Lohn derselben betrachten. Aber es verlohnt sich, solche
Untersuchungen nicht blofs auf jene Zeit zu erstrecken; es
scheint mir vielmehr sehr dankenswert zu sein, wenn auch
die Begräbnisgebräuche, die noch im vorigen Jahrhundert
geherrscht haben, von älteren Geistlichen aus ihrer Erfahrung
oder nach den Angaben alter Leute gesammelt vmd auf-
gezeichnet werden. Nur zu schnell verweht unsere Zeit die
Sj)uren alter Sitten und Bräuche, und nicht immer werden
glückliche Funde gestatten, die vergangenen Zeiten und die
in ihnen herrschenden Anschauungen so zu beleuchten, wie
es mir dank der Reichhaltigkeit des Zwickauer Stadtarchivs
vergönnt war.
') s. Codex Augusteus I, qoi 2 (Verordnung vom 2. Dez, 1713):
„dafs . . . , wo kein absonderliclier Pestkirchhof vorhanden • • . ■
auf die ordentliche Kirchhöfe an einem abgesonderten Orte . . . die
Gräber ein paar Fufs tiefer als sonst gewöhnlich gemachet, nicht
minder die darein gebrachten Leichen mit ungelöschtem Kalck, wo
solcher zu haben, überschüttet werden sollen . . . ."
-; Codex Augusteus, C^ontin. I, 752.
IT.
Wer war
der Erfinder des Meifsner Porzellans?
Von
E. ZurMEKMANN.
Es giljt in jeder Wissenschaft Streitfragen, die nicht zur
Kühe kommen wollen, obwohl sie für die grofsen Massen
längst entschieden sind, ja diese kamii noch ahnen, dafs sie
überhaupt noch Streitfragen darstellen.
Zu diesen gehört im Gebiet der Keramik die Frage nach
dem Erfinder des Meifsner und damit des europäischen Por-
zellans überhaupt.
Durch nun bald zwei Jahrhunderte hindurch ist es der
ganz allgemeine, niemals ernstlich erschütterte Glaube ge-
wesen, dafs der Erfinder oder vielmehr der Nacherfinder
dieses kostbaren keramischen Erzeugnisses Johann Friedrich
Böttger gewesen ist, jener Apothekerlehrling und Alchimist
aus Schleiz, den der König August der Starke am Anfange
des i8. Jahrhunderts in seinen Landen gefangen hielt, dafs er
ihm seine vermeintliche Kunst, Gold auf künstlichem Wege zu
gewinnen, zu seinem reichlichen Vorteil erzeige. Als solcher
ist Bötto-er immer eine der bekanntesten, volkstümlichsten
Persönlichkeiten Sachsens gewesen, ja auch Gegenstand seines
Ruhmes und Stolzes. Als solchen hat man ihm in Meifsen,
an der Stätte seiner Taten, sein Denkmal gesetzt, als solchen
kennt ihn die o^anze Welt. Für alle diese Kreise ist die
Erfinduno- des Porzellans unzertrennbar mit seinem Namen
verknüpft; man würde hier nicht wenig erstaunt sein, erführe^
man, dafs es in dieser Hinsicht noch eine Frage gibt, dafs
Böttgers Erfinderruhm auch nur im geringsten in Zweifel ge-
zogen werden kann.
Neues Archiv f. S. G. u. A. XXVIII. i. 2. 2
l8 E. Zimmermann:
Dennoch hat es gewisse Zeiten gegeben, ja es gibt diese
gerade jetzt wieder, die dies mit ganzer Entschiedenheit ge-
tan haben, die behaupteten, nicht ßöttger, der ehemahge Gold-
macher und alchimistische Windbeutel, vielmehr der seiner-
zeit hochberühmte sächsische Gelehrte Walter von Tschirn-
hausen, der Mathematiker und Ph3'siker von Weltruf, der Edel-
mann und kaiserliche Rat am Dresdner Hofe, sei der Erfinder
des Porzellans gewesen, Böttger hätte nur das von jenem ge-
fundene Geheimnis nach dessen plötzlichem Tode übernommen,
es für die eigene Erfindung ausgegeben. Böttger sei, so
sagen diejenigen weiter, die die letzten Konsequenzen dieser
Ansicht ziehen, überhaupt gar keine Erfindernatur gewesen,
nur ein durchaus rml^edeutender Handlanger, ein Schwindler,
der völlig unrechtmäfsiger Weise von den Resultaten der
Arbeiten eines anderen gelebt hätte. Er sei demnach nicht
blos auf dem Gebiete der Goldmacherei als ein Charlatan
anzusehen, er sei auch auf dem der Keramik ein frecher Be-
trüger gewesen. Zeit sei es, dem wirklichen Erfinder des
Porzellans die ihm so lange vorenthaltenen Ehren endlich
zurückzugeben, dem vermeintHchen, bisher geglaubten die-
selben wieder zu entziehen und ihn als das für alle Zeiten
hinzustellen, als was er sich jetzt endlich offenbart hätte.
Auffallend ist, dafs diese Angriffe gegen die bisher ganz
allgemein geglaubten Verdienste Böttgers sich in Perioden
wiederholt haben, ebenso auffallend aber, dafs sie bisher nie-
mals durchzudringen vermochten. Sie sind, wenigstens so-
weit sie der Vergangenheit angehören, kaum ausgesprochen,
schon wieder verhallt, ohne auch nur eine, wenn auch noch
so kleine Schar von Anhängern gefunden, geschweige denn die
Öffentlichkeit irgendwie merklich erregt zu haben: sie haben
den allgemeinen Glauben an das Erfindertum Böttgers niemals
ernstlich zu erschüttern vermocht. Dennoch läfst die stete
Wiederkehr dieser Angriffe, die stets zu denselben für Böttger
so ungünstigen Schlüssen gelangen, von vornherein die Ver-
mutung erstehen, dafs in dieser Angelegenheit tatsächlich
etwas nicht in jeder Beziehung klar sein kann, dafs es hier
Punkte geben mufs, an denen der Zweifel — und immer wieder
— ansetzen kann, und da gerade die jüngste Gegenwart
eine jener Perioden zu sein scheint, in denen diese Zweifel
wieder mit aller Macht auftreten, ja da sie diesmal auch
bereits in die breitere Öffentlichkeit gedrungen sind, so ist
es sicherhch an der Zeit, die ganze Frage nach dem Erfinder
des Meifsner Porzellans hier noch einmal vorzunehmen und
alle Bedenken, die gegen die Erfinderschaft Böttgers von
Wer war der Erfinder des Meifsner Porzellans? 19
ihrem ersten Auftreten an bis zur Gegenwart geltend gemacht
worden sind, noch einmal auf ihre Ursachen hin zu prüfen.
Denn es ist die Aufgabe derjenigen Wissenschaft, die man die
(leschichte nennt, nicht allein das in der Vergangenheit Ge-
schehene auch für die Gegenwart wieder in voller Klarheit
und Wahrheit erstehen zu lassen: es ist auch ihre Pflicht,
die Verdienste um die Förderung der Menschheit denjenigen,
denen sie gebühren, zuzuweisen und damit die Dankbarkeit
der folgenden Generationen an die richtige Stelle zu leiten.
Die Behauptung, dafs nicht Böttger, sondern Tschirn-
hausen der Erfinder des europäischen Porzellans gewesen sei,
ist zum ersten Male schon zu Böttgers Lebzeiten ausgesprochen
worden, freilich nur wenige Monate vor seinem Tode, als er
bereits für einen totkranken Mann galt. Damals ^) behauptete
ein gewisser Bussius, der zuerst Kassierer, dann Sekretär bei
der für die Meifsner Porzellanmanufaktur eingesetzten Kom-
mission war, in einem vom 19. Januar 17 19 datierten Berichte,
in dem Böttger u. a. auch der Trunksucht, der Treulosigkeit,
der schlechten Administration, kurz aller möglichen Schand-
taten angeklagt wurde, ,,dafs die Porzellanerfindung nicht von
Böttger, sondern von selbigem Herrn von Tschirnhausen her-
komme und dessen schriftliche Wissenschaft ihm durch den
Inspektor Steinbrück zugebracht worden sei". Hier wird also
tatsächlich Böttger ganz unumwunden die Erfindung des
Porzellans abgesprochen, ohne dafs freilich im Geringsten Be-
weise für die auch damals ganz neue Behauptung gegeben
werden. Doch schon diese Behauptung ist durch das ganze Jahr-
hundert hindurch ohne jeghche Wirkung gebheben. Man hat
ihr damals, als sie ausgesprochen ward, anscheinend nicht die
geringste Beachtung geschenkt: sie ist mitsamt dem Berichte
in den Akten der Porzellanmanufaktur verschwunden und dort
über 100 Jahre vergessen worden, bis sie nach jener Zeit,
wieder aufgefunden, von neuem, wie unten gezeigt werden wird,
den Zweifel an Böttgers Erfinderschaft rege machte.
Ganz unabhängig von diesen Anschuldigungen erfolgte der
zweiteVorstofs gegen Böttgers Erfindertum, freilich erst 12 Jahre
nach dessen Tode. Damals, d. h. im Jahre 173 1, erschien in
der zu dieser Zeit viel gelesenen, zu Dresden erscheinenden
1) Vgl. den Aufsatz von Hern pel in der Ersch und Gruberschen
Encyklopädie XI, 289 ii.
,*
2'
20 E.Zimmermann:
Zeitschrift „Das sächsische Curiositäten - Cabinet" eine Ab-
handkmg über Tschirnhausen, betitelt ,,Die denkwürdigste
Lebensbeschreibung des Weltberühmten Herrn Ehrenfried
Walther von Tschirnhaus auf Kiefslingswaldau und Holzen-
berg Sr. Königl. Maj. aus Pohlen gewesenen hochbestallten
Rath, ingleichen Nachricht von seinen Schriften und seltenen
Erfindungen", in der — nun vor aller Öffentlichkeit und mit
merkbarem Nachdriick, ja ganz ersichtlich zu dem Zwecke,
einen allgemeinen Irrtum zu beseitigen — der Mann, dem
diese Lebensbeschreibung galt, als der wirkliche Erfinder des
Porzellans, Böttger dagegen nur als der Verbesserer der Masse
hingestellt wird. ,,Denn eben der Herr von Tschirnhausen",
so heifst es hier, ,,ist derjenige, so die Massen zum Porcellain
am ersten glücklich erfunden, und hat sie erst nach ihm der
bekannte Baron Bötticher völlig ausgearbeitet und zu Stande
oebracht. Der Todt nehmlich unterbrach alle schönen Be-
mühungen des Herrn von Tschirnhausen, welche die Welt
itzo nicht mit Golde bezahlen kann"^j. Freilich Beweise für
diese neue Behauptung gibt auch dieser Verfasser nicht. Es
handelt sich hier eben wieder lediglich um eine blofse Be-
haupttfhg, die auf die Autorität dessen, der sie ausspricht,
geglaubt werden mufs. Auch sie hat daher in keiner Weise
den Glauben gefunden, den sich der Verfasser von ihr ganz
sicher versprochen hat.
Aber freilich ein merkwürdiges Schwanken hinsichtlich
dieser Frage durchzieht nach Böttgers Tode dennoch die wissen-
.schaftliche Welt. Behauptungen der verschiedensten ja un-
mittelbar sich widersprechenden Art stellen sich gegenüber.
Da ist zunächst Iccander, der in seiner im Jahre 1730 zu Dresden
erschienenen Beschreibung Meifsens ganz ohne Umschweife
erklärt, dal's auch Tschirnhausen im ,, vorigen Jahrhundert
Porzellan aber ohne Effekt gearbeitet habe"-). Sieben Jahre
früher berichtet der Breslauer Arzt und Polyhistor Kundmann:
,,Nach der Zeit hat der berühmte Herr von Tschirnhausen
in Dressden dem damaligen Herrn Baron Bötticher eine
Methode eröffnet, wie man auch allda könnte dem Sinesischen
gleichendes F^orcellain machen; welches dieser auch aus einer
geschwemmten aschfarbigten Land Erde, wie selbige unlängst
'j Sachs. Curiositäten -Cabinet. Drittes Repositorium. Dresden,
bey Peter George Mohrenthalen 1732.
-) Iccander, Das wegen seines Altertums, Ruhms und lustigen
angenehmen Gegend in ganz Europa bekannte krmigliche Meilsen
in Sachsen (Dresden 1730J S. 53.
Wer war der Erfinder des Meifsner Porzellans? 21
von einem guten Freund erhalten, zu Stande gebracht"^).
Hier wird also Tschirnhausen schon ein wesentUcher Anteil
an der Porzellanerfindung zuerkannt. Diese Stelle findet sich
dann im Jahre 1741 in Zedlers Universallexikon in der dem Por- '
zellan gewidmeten Abhandlung nachgedruckt"). Weit unbe-
stimmter hat man sich wieder an anderen Stellen ausgedrückt.
So sagt Budäus in dem „glorreichen Leben Friedrich Augusts,
König von Pohlen" nur, dafs Böttger das Porzellan ,, durch Ver-
mittlung Tschirnhausens" erfunden hätte '^l, während Milly in
seiner bekannten Abhandlung ,,Die Kunst das echte Porzellan
zu verfertigen" berichtet: „Herr von Tschirnhausen erfand eine
Komposition zu Porzellan, welche allem Ansehen nach eben
dieselbe war, die in Sachsen gebräuchlich ist^), eine Ansicht,
die sich dann noch mehrfach in den Schriften der Zeit nach-
gedruckt findet-^). Ein unmittelbares Absprechen der Erfindung
Böttger gegenüber ist aber allem Anscheine nach in diesem
Jahrhundert nicht wieder erfolgt.
Dies geschah erst wieder am Beginne des folgenden Jahr-
hunderts und war in der Hauptsache eine Folge des nun wieder
in den Akten aufgefundenen oben erwähnten Berichtes von
Bussius. Es geschah in der von Hempel für die Ersch und
Grubersche*^) Encyklopädie geschriebenen Biographie Böttgers.
Auch Hempel nahm an, dafs jener schon oben erwähnte Stein-
brück, der anfangs Gehilfe Tschirnhausens, dann nach dessen
Tode Böttgers gewesen war und später Inspektor der Manu-
faktur und Schwager Böttgers ward, Böttgern das von Tschirn-
hausen entdeckte Geheimnis übermittelt hätte, und er ward
in dieser Ansicht scheinbar noch dadurch bestärkt, dafs sich
ein Schriftstück aus dem Jahre 1715 vorfand, dessen Titel
er: „Nachrichten von denen im Kursächsischen Erzgebirge
befindlichen und raren Gesteinen u. s. w. von J. H. Stein-
brück, Inspektor der Manufaktur des sächs. Porzellans 1715
mense Majo zu Dresden" nennt, ferner durch eine Anzeige
i| Vgl. Braun, Joh. Christ. Kundmann als Quelle für die Kunst-
geschichte des X\11I. Jahrhunderts, in Schlesiens Vorzeit in Bild
und Schrift N. F. III, 109.
-') Ygl Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und Natur-
wissenschaften Nr. 19, V (1900), 535.
ä| Budäus, Glorreiches Leben Friedrich August, Königs von
Pohlen usw. 2. Auflage. Leipzig 1734-
^) Abgedruckt in Schauplatz der Künste und Handwerke XIII
^) Siehe B. We inert, Topog. Geschichte der Stadt Dresden
U777), S. 339. ^
*') Ersch und Gruber Encyplopädie XI, 279—293.
2 2 E. Zimmermann:
Böttgers vom ii. April 1709, ,, welcher gestalt er eine ganz
neue Art von massiven Glasstücken zu machen wisse, aus
welchen schätzbare Sachen, so aller Welt Admiration ver-
dienen sollte u. s. w.". Denn beide Angaben schienen, da
Tschirnhausen mit ganz besonderem Eifer ganz Sachsen auf
seine kostbaren und verwertbaren Gesteine hin durch Jahre
hindurch geprüft hatte und gleichfalls künstliche Edelsteine
hergestellt haben sollte, nur die Bestätigung der Annahme
zu sein, dafs Böttger und Steinbrück sich Tschirnhausens
geistiges Eigentum angeeignet und für das ihrige ausgegeben
hätten. Auch berief sich Hempel auf das Zeugnis Fontenelles,
der in seinem Eloge de Mrs. Tschirnhaus ^), das er nach dessen
Tode in der Pariser Academie des sciences vorgelesen, berichtet
hatte: ,,Mr. de Tschirnhaus revint ä Paris pour la quatrieme (et
derniere) fois en 1701 et fut assez assidu ä l'academie:
Pendant ce sejour ä Paris il fit part ä Mr. Homberg d'un
secret qu'il avait trouve aussi surprenant que celui de tailla
ses grands verres; c'est de faire de la porcellaine toute pareille
ä Celle de la Chine; .... Mr. Tschirnhaus avait donne ä
Mr. Homberg sa porcellaine en echange de quelques secrets
de chimie" usw. Hier schien es in der Tat ganz deutlich
zu stehen, dafs Tschirnhausen das Porzellan erfunden hätte,
ein Zweifel daran schien kaum noch möglich.
Doch auch diese nunmehr in voller Öffentlichkeit vor-
getragenen Angriffe gegen Böttgers Erfinderruhm hatten keinen
gröfseren Erfolg als alle vorhergehenden. Es ist mir nicht
bekannt, dafs sie in irgend einem über Böttger oder Tschirn-
hausen handelnden Werke oder Aufsatze der folgenden Zeit
Aufnahme gefunden hätten, ja sie wären vielleicht gänzlich
in Vergessenheit geraten, hätte sie nicht C. A. Engelhardt,
der erste und bisher einzige beachtenswerte Biograph Böttgers,
in seiner Biographie dieses Mannes noch einmal angeführt,
nur um sie gründlich zu widerlegen und Böttger seinen alten
Ruhm zu bewahren.
Wiederum fast ein ganzes Jahrhundert lang ist dann
Böttgers Erfinderruhm unangetastet gebliöben. Man hat ihm
sein Denkmal in Meifsen gesetzt, man hat ihm auch sonst bei
allen Gelegenheiten den schuldigen Dank abgestattet. Erst
der allerjüngsten Zeit ist es vorbehalten geblieben, hier wieder
eine Änderung eintreten zu lassen, und gleich von zweien, wie
es scheint gänzlich voneinander unabhängigen Seiten sind
die Angriffe gegen seinen vermeintlich falschen Ruhm von
^ *) Fontenelle, Eloges des academiciens. i. Ausgabe. 1708. J
Wer war der Erfinder des Meifsner Porzellans? 23
neuem erfolgt. Zunächst durch Reinhardt in seinen in dem
Jahresbericht der Fürsten- und Landesschule St. Afra in Meifsen
1903 abgedruckten „Beiträgen zur Lebensgeschichte von
Ehrenfried Walther von Tschirnhaus". An Beweisen seiner
Ansicht o-]aubt er deren drei zu besitzen. Zunächst handelt
es sich um eine bisher schon ganz allgemein bekannte, zu
diesem Zwecke aber bisher noch nicht ausgenutzte Angabe
der ersten vorhandenen Lebensbeschreibung Tschirnhausens
in der damals hoch angesehenen Gelehrtenzeitung der acta
eruditorum^), die schon wenige Monate nach dessen Tode
am Anfange des Jahres 1709 erschien und neben der Lebens-
schilderung dieses Mannes auch das Lob seiner Verdienste in
den Wissenschaften singt. Sie besagt: ,,Unum memoramus,
quod massam, ex qua vasa Porcellana confici possunt, aptissi-
mam in nostra regione invenit, ut vasa inde facta, quamvis
minori longe pretio parentur, bonitate tamen aequent orien-
talia, id quod justi harum rerum aestimatores candide testati
sunt". Hier schien gleichfalls, wie in den oben erwähnten
Angaben Fontenelles, aufs allerdeutlichste Tschirnhausen als
Porzellanerfinder angegeben zu sein. Weiter werden die oben
bereits angeführten Angaben der im Sächsischen Curiositäten-
Cabinet vom Jahre 1 7 3 1 erschienenen Lebensschilderung Tschirn-
hausens wiederholt, und dann wird schliefslich als einziger
neuer Beweis ein bisher noch nicht beachteter Brief Böttgers
herangezogen, den dieser unmittelbar nach Tschirnhausens
Tode an den damaligen Statthalter des Königs, den Fürsten
von Fürstenberg, schrieb, in dem von einem ,, kleinen porcellan
becherchen, so Herr von Schürnhausen gemacht", berichtet
wird, den damals in der durch Tschirnhausens Krankheit und
Tod entstandenen Verwirrung ein Arbeiter desselben mit
mehreren Wertsachen zusammen sich angeeignet hatte, doch
allem Anscheine nach, da dieses Becherchen damals als etwas
ganz Besonderes, als der Träger eines grofsen Geheimnisses galt.
Nur drei Jahre später, im vergangenen Jahre, hat dann
Hermann Peters in einer bisher nur als Manuskript vorhandenen
Abhandlung gleiche Versuche wie Reinhardt unternommen.
Was aber bisher über diese bekannt geworden ist^), gibt nicht
') Elogium Ehrenfridi Waltheri von Tschirnhaus. Acta Eru-
ditorum publicata Lipsiae Calendis Januarii Anno 1709. S. 41 — 48.
-) Vgl. in den Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und Natur-
wissenschaften V (1906), 534, den Bericht über den Vortrag von Paul
Diergart: Was wissen wir gegenwärtig von der Erfindung-sgeschichte
des europäischen Porzellans mit Benutzung eines Manuskriptes des
Herrn Peters-Hannover.
24
E. Zimmermann:
die geringsten neuen Argumente oder Beweise. Es scheint
lediglich ein Teil der vorher angeführten Stellen gewesen zu
sein, die ihn zu seiner Ansicht geführt haben. Man kann daher
diese Darstellung, die leider einen ziemlich dilettantischen Ein-
druck zu machen scheint, bei der folgenden Untersuchung
über die Berechtigung aller dieser soeben aufgeführten Be-
hauptungen und Ansichten wohl ganz aufser acht lassen.
Bevor diese Untersuchung angestellt werde, ist es zu-
nächst unumgänglich nötig, aufs allergenaueste festzustellen,
was wirklich Authentisches und Glaubwürdiges über Tschirn-
hausens Verhältnis zu den damaligen Bestrebungen, das Por-
zellan zu erfinden, und zu dessen endlicher Erfindung, nament-
Hch aus seiner eigenen Zeit, berichtet wird. Vor allem aber
gilt es sich darüber völlig klar zu werden, worin diese Er-
findung bestand, womit sie begann, womit sie endete. Erst
dann wird es überhaupt möghch sein, den Anteil, der Tschirn-
hausen an dieser Erfindung gebührt, genau festzustellen, erst
dann möglich sein, zu erkennen, ob dieser ein ganzer, ein
teilweiser oder gar keiner war. Denn die Erfindung des Por-
zellans war, wenn sie in logischer Weise vor sich gegangen,
d. h, nicht lediglich, wie man lange geglaubt hat, die Folge
eines blofsen Zufalls gewesen ist, die Aufeinanderfolge von
mehreren Entwicklungsstufen: es galt zunächst das Prinzip
der Zusammensetzung dieses rätselhaften Stoffes theoretisch
zu erkennen, d. h. in der Hauptsache das Wesen seiner ver-
schiedenen Bestandteile, es galt weiter auf Grund dieser Er-
kenntnis die richtigen Materialien in der Natur aufzufinden, um
diesen Stoft" dann in der Praxis erstehen zu lassen, schliefs-
lich die Technik seiner Bearbeitung so zu erlernen, dafs man
ihn wirklich zu dem zu verwenden vermochte, zu dem man
das Porzellan damals zu verwenden pflegte. Das besondere
Prinzip der Zusammensetzung lag darin, dals beim Porzellan
gegenüber den sonstigen in der Keramik verwandten Materi-
alien, die fast alle in der Natur beinahe schon fertige
Töpfertone darstellen, hier zwei ganz verschieden geartete,
ja sogar entgegengesetzte Stoft'e miteinander verbunden werden
mufsten, ein in der Gluthitze des Brennofens beständiger und
ein dort schmelzender, flüssiger. Diese für die Keramik ganz
neue Erkenntnis war die eigentliche Schwierigkeit der ganzen
Porzellannacherrindung, diejenige, die, da sie der ganzen bis-
herigen Keramik so gänzlich fern lag, diese Erfindung in der
Hauptsache so lange verzögert hatte. Die Gewinnung der
Wer war der Erfinder des Meifsner Porzellans? 25
richtigen Materialien beruhte dann auf der Auffindung des in
der Natur an vielen Stellen in reinem Zustande vorkommenden
Kaolins als des feuerfesten Bestandteils, und des Feldspats
als flüssigen. Hier konnte naturgemäfs der Zufall eine grofse
Rolle spielen, hier war. der Erfolg lediglich vom Probieren
und Experimentieren mit immer neuen Erdarten zu erhoffen.
Aber selbst dann war, ganz abgesehen, dafs auch noch
immer die beim Porzellan gleichfalls ganz besonders geartete
Glasur fehlte, mit dem erfundenen Stoffe nicht allzuviel an-
zufangen, so lange man es nicht verstand, die vielen techni-
schen Schwierigkeiten, die das Porzellan bei seiner praktischen
Verwendung darbietet, zu überwinden. Alle diese drei Etappen
erforderten zu ihrer Überwindung eine ganz besondere origi-
nale Begabung. Vorurteilslos mufste, wer dieser schwierigen
Aufgabe sich unterziehen wollte, an sie herantreten, er mufste
einen grofsen Teil dessen vergessen, was sonst die Keramik
lehrte, mufste immer neue Auswege finden, wenn immer neue
Schwierigkeiten sich einstellten. Nur als eine Folge aller dieser
Schwierigkeiten ist es zu erklären, warum das Porzellan der
Chinesen für uns Europäer so lange ein Problem blieb, warum
seine Lösung, obwohl sich nicht die schlechtesten Köpfe ihrer
Zeit darum bemühten, über 200 Jahre gedauert hat, undschliefs-
lich, als es erfunden ward, das Verdienst des glücklichen Er-
finders als ein so grofses da stand, ja bis auf den heutigen
Tag noch da steht, dafs man immer ein so grofses Interesse
daran gehabt zu haben scheint, den wirklichen Erfinder end-
gültisf festzustellen.
Was ist nun Tschirnhausens erkennbares, beweisbares Ver-
dienst an dieser ganzen Entwicklung gewesen? Hat er, wenn
nicht — was feststeht — an allen Etappen, so doch wenig-
stens an einer derselben einigen oder gar den Hauptanteil
gehabt, so dafs ihm daraufhin wenigstens ein Teil der Er-
findung zu gute gerechnet werden mufs? Um diese Frage
klarzustellen, sei jetzt die Feststellung alles dessen, was wirk-
lich Begründetes über Tschirnhausens Verhältnis zur Porzellan-
erfindung berichtet worden ist, vor allem was die eigenen
Zeitgenossen hierüber ausgesagt haben, begonnen.
Fest steht zunächst, dafs Tschirnhausen, dessen eifrigstes
Bestreben dahin ging, Sachsen, seinem Vaterlande, in einer
Zeit, in der nach dem Vorbilde Frankreichs allgemein der
nationale Industrialismus erwachte, eine einträgliche Industrie
zu verschaffen, mit allem Eifer und aller Konsequenz sich
auch an das wichtigste industrielle Problem seiner Zeit machte,
dessen Lösung, da sie zunächst konkurrenzlos dastand und
20 E. Zimmermann:
Europa auf diesem Gebiete von China und Japan gänzlich
unabhängig machen konnte, eine ganz ungewöhnliche Einnahme-
quelle zu werden versprach. Da er aus ähnlichen Gründen
schon früher ganz Sachsen auf seine Gesteine und Erden hin
untersucht hatte, so lebte er sicherlich der Hoffnung, dafs
hierbei das Auffinden der zur Porzellanfabrikation notwendigen
Materien sich für ihn wesentlich erleichtern dürfte.
F^t steht weiter, dafs Tschirnhausen lange schon, bevor
Böttger im Jahre 1701 in Dresden erschien und hier mit seiner
Goldmacherei sich abquälte, mit obigen Bestrebungen begonnen
hatte, d. h. noch, am Ende des 18. Jahrhunderts, und dafs er
eine Zeitlang und gerade damals der festen Überzeugung ge-
lebt hat, das Porzellan auch wirklich erfunden zu haben.
Weiter läfst sich authenthisch nachweisen, dafs er dann
nach einer ganzen Reihe von Jahren — fest bestimmen läfst
sich zunächst nur das Jahr 1708 — die Erfindungsversuche mit
Böttger wieder aufnahm, dafs aber die erste Nachricht von
der nun wirklich geglückten Erfindung des Porzellans, die
dann zur Begründung der Meifsner Manufaktur geführt hat,
erst vom März des Jahres 1709 stammt. Damals zeigte Bött-
ger dem König diese Erfindung mit mehreren anderen an und
bat um Einsetzung einer Kommission zu ihrer Prüfung^). In-
zwischen jedoch war Tschirnhausen ganz unerwartet nach
kurzer Krankheit am 11. Oktober des vergangenen Jahres
gestorben. Er hatte das Ende dieser Entwicklung nicht mit
erlebt.
Für Tschirnhausens eingehende Beschäftigung mit dem
Problem des Porzellans noch im 17. Jahrhundert dient zunächst
als Zeugnis ein von Leibnitz an Tschirnhausen geschriebener
Brief vom 20. Oktober 1694. Es heifst hierin: ,, Dürfte ich
wohl umb ein stückgen von ihrem mit dem Brennglas ge-
schmolzenen porcellan bitten, darauff angeflogen gold, dabei
man siehet, wie es gleichw^ohl dem glass die Farbe mitteilet".
Doch gesetzt selbst, die Theorie Tschirnhausens hätte
dadurch aufklärend gewirkt, dafs sie die landläufige Ansicht
der Zeit von einer besonderen ,, Porzellanerde" dauernd be-
seitigt und auf diese Weise wenigstens den Ausgangspunkt
für das Suchen nach dem Geheimnis des Porzellans richtig
bezeichnet hätte, der scharfe Gegensatz zwischen den beiden
Hauptbestandteilen dieses Stoffes, zwischen^ dem feuerbestän-
digen und dem schmelzbaren, der erst die eigentliche Haupt-
') Vgl. hierüber meinen Aufsatz in dieser Zeitschrift XXVII:
In welchem jähre wurde das Meifsner Porzellan erfunden? S. 73. j'
Wer war der Erfinder des Meifsner Porzellans? 27
eigeutümlichkeit des Porzellans ausmacht, war dadurch noch
in keiner Weise erkannt. Das schwierigste Stück der theo-
retischen Erkenntnis war damit immer noch erst zu leisten.
Dafs Tschirnhausen aber auch dieses damals schon getan hat,
dafs er damals schon irgendwie die Natur der Porzellan-
bestandteile gekannt hat, dafür fehlt jegliche Nachricht, wie
auch jeglicher Anlafs es zu vermuten. Wir haben daher auch
nicht das geringste Recht, diese für die ganze Weiterent-
wickelung dieser Bestrebungen so wichtige Tat an dieser
Stelle schon Tschirnhausen zuzuschreiben.
Wie aber stand es mit den rein praktischen Resultaten der
damaligen vermeintlichen Porzellanerfindung Tschirnhausens?
Was ergab sich, wenn er seine Theorie in die Praxis um-
setzen wollte? Die Angaben Fontenelles, denen wir die
Nachricht von Tschirnhausens obengenannter Theorie ver-
danken, enthalten hierüber nichts. Doch besitzen wir ein anderes
Zeugnis, freilich das einzige, das sich aus dieser Zeit hierüber
erhalten hat. Es findet sich in dem schon in meinem ersten an
dieser Stelle veröffentlichten Aufsatz über das Jahr der Por-
zellanerfindung erwähnten, im Besitz der Königlichen Porzellan-
sammlung zu Dresden befindlichen Bericht vSteinbrücks aus
dem Jahre 17 17, der nichts weniger als eine vollständige
Darstellung der ganzen industriellen Tätigkeit Tschirnhausens
und Böttgers bis zum Jahre 17 17 gibt. Dieser Bericht,
wie schon damals gesagt, hier aber wiederholt werden mufs,
stellt sich als ein ungemein klar und sachlich geschriebenes,
281 Seiten umfassendes Schriftstück dar und war zur Vorlage
für den König August den Starken bestimmt. Er ist die
wichtigste QueUe, die wir über Böttgers industrielle Bestre-
bungen besitzen, und kann auch als eine der allerzuverlässigsten
gelten. Denn sie stützt sich zunächst, wie man heute noch
auf dem Dresdner Hauptstaatsarchiv nachprüfen kann, wo es
nur irgend anging, auf die Dokumente, die Akten der Zeit.
Im übrigen hat keiner den ganzen hier geschilderten Be-
strebungen so nahe gestanden wie ihr Verfasser. Er war
anfangs Erzieher der Söhne Tschirnhausens gewesen, dann
sein Gehilfe bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten. Nach
Tschirnhausens Tode ward er die rechte Hand Böttgers, bald
auch sein Schwager und schliefslich Inspektor der Meifsner
Porzellanmanufaktur. Er erscheint allen, die vorurteilslos an ihn
herantraten und seine ganze Lebensgeschichte kennen, als ein
durchaus ehrlicher, zuverlässiger, gewissenhafter und beschei-
dener Mensch, der niemals selbstsüchtige Absichten verraten,
niemals von Ehrgeiz sich geplagt gezeigt hat. Er ist sicherlich.
28 E. Zimmermann:
wie ich schon früher gesagt, unter allen Leuten, die damals mit
Böttger und seinen Bestrebungen in nähere Berührung gekommen
sind, die allers\'mpathischste Persönlichkeit gewesen. Dieser
berichtet nun in dem Kapitel, in dem er von dem Bestreben
Böttgers, auch eine Fa3-encefabrik zu begründen, spricht:
,, Dieser von Tschirnhaus hatte bereits ao. 1699, bevor der
H. von Böttger in Sachsen kommen, sich mit porcellain-
Machen bemühet, und weifse unglasierte Gefäsgen bev denen
Töpfern und in der Glashütte zu Dresden brennen lassen,
hat es aber nachgehends wieder davon abstrahiret, weil ihm
vielleicht die Glasur nicht bekannt gewesen oder Er aus
anderen Ursachen zu dieser invention kein rechtes Vertrauen
gehabt" 1).
Was geht aus diesem Zeugnis hervor? Dafs Tschirn-
hausens praktische Ergebnisse auf dem Gebiet der Porzellan-
erzeugung in keiner Weise brauchbar waren, dafs man von
einer wirklich gelungenen Porzellanerfindung damals in keiner
Weise sprechen konnte. Ja wenn Steinbrück berichtet, dafs
Tschirnhausen in seinen Glashütten und bei den Töpfern
in der Stadt sein Porzellan damals hat brennen lassen, so
läfst diese Nachricht es so gut als ausgeschlossen erscheinen,
dafs die von ihm verwandte Masse die wirklich echte oben
charakterisierte Porzellanmasse o-ewesen sein kann. In den
Ofen einer Glashütte und denen gewöhnlicher Töpfer — um
solche kann es sich damals nur gehandelt haben, da es in
Dresden keine anderen gab — kann man die echte Porzellan-
masse nicht gar brennen. Dafür erfordert sie einen zu hohen
Hitzegrad, den nur eigens hierfür gebaute Öfen gewähren
können, deren Konstruktion neues Nachdenken, neues Experi-
mentieren erfordert hätte. Von derartigen Dingen ist aber
niemals in dieser Zeit die Rede.
Doch mehr als alles andere beweist Tschirnhausens ganzes
späteres Verhalten in dieser Angelegenheit den damaligen vollen
Mifserfolg, ja das Angelangtsein an einem völlig toten Punkt.
Er, der so eifrig darauf ausging, Sachsen eine grofse gewinn-
bringende Industrie und auch sonstige neue Einnahmequellen
zu verschaflen, er, der Schleifmühlen und Glashütten anlegt
und vom König subventionieren läfst, er läfst jetzt diese ver-
meintliche Erfindung des Porzellans, die tausendmal wichtiger
und gewinnbringender war als alles üljrige, was er bisher
für die Industrie Sachsens unternommen hat, völlig liegen.
Man hört zunächst nichts von weiteren Versuchen auf diesem
'j Steinbrück a. a. Ü. S. 47.
Wer war der Erfinder des Meifsner Porzellans?
29
Gebiet, nichts von dem Bestreben, nun auf seine Erfindung
hin ernstlich eine Porzellanmanufaktur zu begründen, mit
anderen Worten, nichts von der geringsten Ausnutzung seiner
scheinbar epochemachenden Erfindung, die für ihn eine ganz
selbstverständliche gewesen wäre. Ja, als im Jahre 1703 von
Tschirnhausen einmal Bericht abgefordert wird über seine
ganze bisherige industrielle Tätigkeit, da weifs er über alle
übrigen Unternehmungen die genauesten positiven Angaben
zu machen, über die Porzellanerfindung und ihre Ausnützung
aber berichtet er:
„Des Porcellains wegen habe dieses wenige mit Dero hohen
Erlaubniss gedenken wollen, dafs der Herr Baron Kannenstein zeit
dero Abwesenheit in Dresden gewesen, und diese Invention wie vor-
mals noch von mir verlanget auch darnach diese Sache ferner durch
Brieffe urgirt. Nun hätte es zwar höchstnöthig gehabt, meinen
Credit zu retten und da so lange hiermit aufgehalten worden: Ich
habe aber dennoch etwas Geduld noch haben wollen etwan dem-
jenigen Projekt und Memorial nach, so selbst die Ehre gehabt zu
übergeben eine erfreuliche Revolution hierüber zu vernehmen" ').
Gewundener, ausweichender kann man sich doch wohl
kaum ausdrücken, als es hier geschieht. Man wird stark an
die Anworten erinnert, die Böttger gab, wenn man endlich
von ihm das gewünschte künstliche Gold verlangte'). Kurz,
wer Tschinihausens Tätigkeit kennt und seine ganzen Bestre-
bungen, der wird sofort erkennen, hier hat allem Anscheine
nach eine grofse Selbsttäuschung vorgelegen, die sicherlich
als solche sich offenbart haben wird, sobald man in die eigent-
liche Praxis treten w-ollte.
Diese Selbsttäuschung aber wird aller Wahrscheinlichkeit
nach darin bestanden haben, dafs Tschirnhausen es ergangen
ist wie allen seinen Vorgängern auf dem Gebiet der Porzellan-
erfindung, die sich in völlig gleicher Weise gerühmt hatten,
das chinesische Porzellan nacherfunden zu haben, und aus
1) S. HStA. Loc. 7416.
■-) Übrigens ist Tschirnhausen keineswegs ein so bescheidener
und gewissenhafter Gelehrter gewesen, wie man allgemein auf Grund
des elogiums in den acta eruditorum anzunehmen pflegt. Kein
geringerer als Leibnitz, mit dem Tschirnhausen eine Zeit lang im
eifrigsten Briefwechsel stand, hat ihn einen Menschen genannt, der
„bissweilen ein wenig zu geschwind gehet und doch dabej' gar hoch
spricht; ich möchte ihm aber candorem dabey wünschen, den er
zwar otft recommandirt, aber nicht allemahl selbst übet". Diese Be-
urteilung ist doch für einen Gelehrten etwas bitter. Unter diesem
Fehler scheinen auch seine wissenschaftlichen Taten gelitten zu
haljen. Vgl. Weifsenborn , Lebensbeschreibung des E. \V. von
Tschirnhaus (Eisenach 1866) S. 203 fl.
5 0 E. Zimmermann:
der vermeintlich echten Porzellanmasse auch bereits Gefäfse
herzustellen gewufst hatten: sie hatten alle, wie oben schon
kurz angedeutet, eine Masse zusammengebracht, die äufserlich,
d. h. namentlich hinsichtlich der Farbe und der Durchschein-
l)arkeit, dem echten Porzellan glich, innerlich aber, d. h. vor
allem hinsichtlich ihrer Festigkeit (da es sich so gut wie
immer um eine Art Glasmasse, um eine ,,Fritte", gehandelt hat,
nicht aber um ein wirkliches keramisches Produkt) aller jener
Vorzüge entbehrte, um derentwillen das Porzellan so geschätzt,
seine Nacherfindung damals so lebhaft anerstrebt ward. Weich -
oder Frittenporzellan nennt die Technik heute diese Surrogate,
man sollte sie eigentlich gar nicht mehr mit dem Namen
,, Porzellan" belegen, der immer nur Verwirrung angestiftet
hat, vor allem auch, wie später gezeigt werden wird, in der
hier zur Untersuchung stehenden Frage, ja vielleicht allein
Schuld daran ist, dafs es noch immer hinsichtlich des Er-
finders des wirklich echten Porzellans eine Frage gibt.
Somit ergibt sich aus allen Berichten der Zeit, dafs man
mit allergröfster Wahrscheinlichkeit annehmen darf, dafs Tschirn-
hausen damals weder theoretisch das Prinzip des Porzellans
gekannt, noch diesen Stoff praktisch hat herstellen können.
Die \yeiterentwicklung dieser Bestrebungen, die zweite
Periode der Porzellanerfindung, die der gemeinsamen Arbeit
Böttgers und Tschirnhausens, macht diese Annahme zur Ge-
wifsheit. Sie zeigt nach allem, was wir über sie wissen, aufs
allerdeutlichste, dafs damals die Arbeiten zum Zwecke der
Porzellanerfindung wieder gänzlich von neuem begonnen
wurden, dafs sie von einem gänzlich anderen Punkte als vor-
dem ihren Ausgang nahmen, und dafs nur deshalb, weil man
von diesem neuen Ausgangspunkt ausging und dadurch auf
ganz andere Wege gelangte, man endlich an das Ziel kam,
das allen diesen Bestrebungen von Anfang an zu Grunde lag.
Wir sind heute genauer orientiert, auf welche Weise
schliefslich das Geheimnis des echten Porzellans in Dresden
aufgedeckt und seine Masse wirklich zum ersten Male ge-
funden wurde. Wir wissen jetzt ganz genau, dafs diese Ent-
deckung im Verlauf der alchimistischen Untersuchungen
fiöttgers und Tschirnhausens erfolgte, als eine fast logische
Folge der durch diese Untersuchungen festgestellten Resultate.
Schon von anderer Seite') ist vor einigen Jahren — aber
fc.
^) Heintze, Beitrag: zur Geschichte der europäischen Porzellan-
fabrikation. Zeitschrift für Arc^iitektur und Ingenieurwesen (1878)
S. 387.
Wer war der Erfinder des Meifsner Porzellans? 31
weil an entlegener Stelle, viel zu wenig beachtet und da-
her kaum noch von der Wissenschaft benutzt — ein früher
völlig unbekannter Bericht des 18. Jahrhunderts über Böttgers
alchimistische Tätigkeit und seine sich daran anschliefsenden
keramischen Bestrebungen veröffentlicht worden, em Bericht,
dessen Darstellung innerlich so wahr und folgerichtig erscheint,
dafs an seiner Glaubwürdigkeit in der Hauptsache nicht ge-
zweifelt werden kann. Eine so logische Aufeinanderfolge von
Tatsachen, Untersuchungen, Feststellungen und hierauf sich
aufbauenden Weiterbestrebungen kann niemals nachträglich
zusammenerfunden werden, um für das Phänomen der endlichen
Porzellanerfindung eine Erklärung zu geben. Hier mufs in
dieser späteren Darstellung ein älterer Bericht oder eine
sichere Tradition verarbeitet sein. In diesem Bericht wird
nun aufs allerdeutlichste geschildert, dafs und wie Böttger
imd Tschinihausen von ihren eingehenden alchimistischen Unter-
suchungen aus fast wie von selber auf die Idee kamen, auch
keramische Versuche zu unternehmen, wie sie hierbei anfangs
noch gar nicht auf die Gewinnung von Porzellan ausgingen,
wie aber dann ein zur Überwindung gewisser keramischer
Schwierigkeiten neu eingeführtes Prinzip sie auf den Gedanken
brachte, auf Grund desselben Prinzips auch das Porzellan
zu suchen, das dann auch tatsächlich auf diese Weise nach
vielen Versuchen glücklich gefunden ward. Es ist hier nicht
der Ort, die Darstellung dieser Entwickelung mit ganzer Aus-
führlichkeit vorzuführen. Es ist bereits vom glücklichen Auf-
finder dieses Berichtes unternommen worden und wird auch
vom Verfasser vorliegender Untersuchung an anderer Stelle
versucht werden. So viel jedoch mufs hier gesagt werden, dafs
dieses neu entdeckte Prinzip eben das oben angegebene des
Porzellans, d. h. das des Vermengens zweier sich im Feuer
entoeo-engesetzt verhaltener Bestandteile war, dafs auf diese
Weise zunäch.st das noch heute so sehr geschätzte bekannte
rote oder Böttgersteinzeug gefunden ward, das man damals
schon für Porzellan hielt, und dafs dieses nun so glänzend
bewährte Prinzip dann weiter entwickelt und auf weifslar-
bige Stoffe systematisch übertragen, die Entdeckung des Por-
zellans herbeiführte, sobald den Suchenden die richtigen
Materialien in die Hände fielen.
Dreierlei ist bei diesem Berichte für die hier vorliegende
Frage von gröfster Wichtigkeit: zunächst eben, dafs man da-
mals bei den keramischen Versuchen, die zur Porzellanerfin-
dung führten, wieder ganz von vorne anfing, weiter dafs man
als Endziel anfangs noch gar nicht die Erfindung des Por-
22' E. Zimmermann:
zellans ansah, endlich dafs das Prinzip, das scWiefsUch zu
dieser Ertindung führte, erst jetzt ganz neu, ja zunächst nicht
einmal im Hinblick auf diese, gefunden ward. Was ergibt
sich aus diesen drei Feststellungen mit zwingender Gewalt?
Ganz ohne Zweifel, dafs diese letzten keramischen Ver-
suche nichts mit jenen früheren, scheinbar geglückten
Tschirnhausens zu tun gehabt haben, dafs sie nicht als eine
blofse, nur noch glücklichere Fortsetzung derselben zu gelten
haben, sondern dafs sie einen gänzlich neuen Anfang dar-
stellen, einen Anfang, bei dem man zunächst betreffs der Her-
stellung des Porzellans ebenso klug war, als wenn Tschirn-
hausen sich früher niemals mit diesem Problem beschäftigt,
ja niemals jenen Stoff erfunden hätte, den er damals für Por-
zellan gehalten und ausgegeben hatte. Für die wirkliche
Porzellanerfindung sind demnach jene früheren Versuche
Tschirnhausens völlig bedeutungslos gewiesen. Auf Grund
dieser — das ist das wichtige Endresultat dieser ganzen bis-
herigen Feststellungen — gebührt ihm darum auch nicht
der geringste Anteil an ihr, weder hinsichlich der Erkenntnis
des Prinzips, noch hinsichtlich seiner praktischen Durchführung.
Was Tschirnhavisen früher erfunden und hergestellt hatte,
kann tatsächHch demnach nur eines jener Porzellansurrogate
gewesen sein, wie sie bisher alle vermeintlichen Porzellan-
entdecker hergestellt hatten, eine jener Glasmassen, die, weil
sie \veifs und durchscheinend waren, für Porzellan gehalten
wurden. Diese Ansicht ist auch bereits ziemlich früh mit
grofser Sicherheit ausgesprochen worden, ohne dafs man
freilich die Quelle, aus der sie stammt, heute noch feststellen
könnte. Schon Engelhardt, der spätere bekannte Biograph
Böttgers, hat in seiner Besprechung Meifsens in Merkels Erd-
beschreibung Kursachsens über Tschimhausens Porzellane be-
richtet: ,, Tschirnhausen erfand eine Art Porzellan, wozu ihn
wahrscheinlich die Glasmacherei führte, allein es war mehr
glas- als porzellanartig" \). Diese Angabe Engelhardts ist viel-
fach wiederholt worden. Sie fand ihre Erweiteruns: durch
Graesse"-), der von ,, einem glasartigen Porzellan, das aber
weder die Härte noch die l'euerbeständigkeit des chinesischen
besafs, also eine Art Milchglas (verre de phosphat ä chaux)"
gesprochen hat.
') Merkel , Erdbeschreibuno; Kursachsens, bearbeitet von Engel-
hardt V, (1806) 236.
') Graesse, Beiträge zur Geschichte der Gefäfsbildnerei, Por-
zellanfabrikation (Dresden 1853), S. 26.
Wer war der Erfinder des Meifsner Porzellans? 33
Für das vermeintliche Gelingen dieser Versuche liegt
dann der Beweis in jener oben schon erwähnten Angabe
Fontenelles in seinem bei Tschirnhausens Tode vor der Pariser
Academie des sciences vorgelesenen eloge de Tschirnhausen,
nach welchem Tschirnhausen im Jahre 1701 während seines
vierten und letzten Aufenthaltes in Paris dem holländischen
Chemiker Holmberg die Mitteilung von seiner Porzellan-
erfindung gemacht hätte. Aus diesem Berichte geht klar
hervor, dafs wenigstens damals Tschirnhausen selber ganz
fest an seine Erfindung geglaubt hat, es geht auch daraus
hervor, dafs er schon damals das Porzellan nicht mehr für
einen ganz besonderen, in der Natur als fertig vorkommenden
Stoff ansah, vielmehr, der Wirklichkeit durchaus entsprechend,
als ein Gemisch verschiedener Erden d. h. Stoffe. ,,0n a
cru jusqu'ici, que la Porcellaine etait un don particulier, dont
la nature avait favorise les Chinois, et que la terre, dont eile
est faite, n'etait que dans leurs pays. Cela n'est pas ainsi,
c'est un melange de quelques terres, qui se trouvent com-
munement partous ailleurs, mais qu'il faut s'aviser de mettre
ensemble." So berichtet Fontenelle in seinem eloge auf
Grund dessen, was Tschirnhausen ganz allgemein über seine
Erfinduno^ damals mitoeteilt zu haben scheint. Tschirnhausen
trat mit dieser Ansicht entschieden über das hinaus, was da-
mals noch ganz allo-emein über die Natur des chinesischen Por-
zellans geglaubt und in vielen Büchern weiterverbreitet wurde.
Von einer besonderen ,, Porzellanerde" und einer wunderlichen
Zubereitung derselben ist damals viel auf Grund phantastischer
Reiseberichte über China gefaselt worden. Er trat mit seiner
Ansicht aber durchaus nicht über die Anschauungen der kerami-
schen Praktiker weder seiner Zeit noch der vorangegangenen
hinaus. Von allem Anfange, d. h. von der Wende des 16. Jahr-
hunderts an, als man in Italien in der Zeit der Blüte der
Majolika sich auch an das damals schon so aktuelle Problem
des Porzellans gemacht und Erzeugnisse zu Wege gebracht
hatte, die man, da sie in mehreren Punkten dem Porzellan
ähnelten, auch fälschlich für solches hielt, bis zu den gerade
zu Tschirnhausens Zeit in Frankreich wieder unternommenen
Versuchen, die zuerst in Ronen, dann in St. Cloud zu ähn-
lichen Resultaten führten, hat man das Porzellan durch das
Zusammenmischen aller möglichen, in der Hauptsache freilich
der Glaserzeuorunp; entnommenen Bestandteile herzustellen
gesucht. Was Tschirnhausen über die Natur des Porzellans
und die Art es herzustellen gesagt hat, war also durchaus
keine neue Entdeckung. Die Praxis kannte sie längst. Diese
Neues Archiv f. S. G. u. A, XXVIII. I. 2. 3
iA E.Zimmermann:
scheinbar neue Feststellung des Prinzips des Porzellans konnte
daher auch keineswegs der Anlafs zu seiner Entdeckung
werden: aber auch darin lag kein Fortschritt der theoretischen
Erkenntnis, dafs Tschirnhausen behauptete, dafs die Bestand-
teile des Porzellans sich überall in der Natur und nicht blofs
in China, wie man von der ,, Porzellanerde" angenommen,
vorfänden. Auch hierin waren wieder die Praktiker der
Keramik scheinbar schon weiter gewesen als die Theoretiker:
sie hatten zu ihren Surroo-aten stets die Materialien ihres
Landes verwandt, sich nicht etwa die Rohstoffe des Porzellans,
wie es später mehrfach geschehen, aus China kommen lassen.
Tschirnhausens theoretische Erkenntnis des Porzellans gab
mithin, wenigstens soweit wir dies heute noch zu beurteilen
vermögen, der damaligen Keramik keine neuen Wege auf
ihrer Suche nach dem Geheimnis des Porzellans an. Ihr ist
daher auch zimächst kein irgendwie besonderes Verdienst zu-
zuschreiben.
Vielleicht war Ursache dieser Ansicht, dafs man glaubte,
in der damals noch im Japanischen Palais zu Dresden-Neustadt
aufgestellten Porzellan- und Gefäfssammlung einige Proben
der Tschirnhausenschen Kvmst zu besitzen. Schon Engelhardt
selber erwähnt in der angeführten Merkeischen Erdbeschrei-
bung^) bei Erwähnung dieser Sammlung, dafs sich dort auch
,, weisses Porzellan" befände, ,,das lange vor Böttcher der
bekannte Baron von Tschirnhausen 1630 (!) aber freilich nicht
so gut als das Meifsner fertigte". Klemm, der erste wissen-
schaftliche Leiter dieser Sammlung, bezeichnet dann diese
Stücke genauer. In der ersten Auflage des ersten Führers
dieser Sammlung, die im Jahre 1834 erschien, wird auf
,,6 kleine Krüge aus einer milchglasartigen Masse, welche
durch Tschirnhaus gefertigt wurden", hingewiesen, in der
zweiten Auflage-), die sieben Jahi'e später folgte, ist dann
merkwürdiger Weise nur noch von zweien die Kede. Worauf
die Bestimmung dieser Krüge als Tschirnhausensche beruht,
ist freilich nirgends ersichtlicli. In den alten Inventaren der
Sammlung, die noch aus dem 18. Jahrhundert stammen, das
erste sogar noch aus dem Jahre 1721, hnden sich derartige
Erzeugnisse nicht angeführt. Allzu grofses Vertrauen kann
man daher diesen Bestimmungen nicht entgegenbringen, zumal
damals ja nicht einmal ihre Zahl feststand. Ebensowenig
läfst sich noch heute mit voller Sicherheit die Anwesenheit
') Merkel a. a. ü. V, 29.
-) Klemm, Die kgl. sächs. Porzellansammlung (1843).
Wer war der Erfinder des Meifsner Porzellans? 3^
dieser Krüge in der Porzellansammlung nachweisen. Aller
Wahrscheinlichkeit nach sind jedoch mit diesen einige kleinere,
seltsame Henkelkrüge gemeint gewesen, die sich in der Tat
in jeder Beziehung als Versuchsstücke ausnehmen-'). Ihre
Mache ist noch sehr unbehilflich, sie sind sämtlich verschieden
ausgefallen , sowohl hinsichtlich der Farbe wie der Glasur.
Vor allem aber, es sind ganz unverkennbar Fritten- und Weich-
porzellane, auf keinen Fall Erzeugnisse aus echtem Porzellan,
kurz, handelt es sich hier wirklich um Tschirnhausensche
Erzeugnisse, dann sind sie in keiner Weise ein Zeugnis dafür,
dafs Tschirnhausen das echte Porzellan erfunden hat, dann
beweisen sie vielmehr gleichfalls mit Sicherheit, dafs er, als
er um die Wende des 17. Jahrhunderts seine Porzellan-
krügelchen machte, sich hinsichtlich der Porzellanerfindung
noch völlig auf einem Abw^eg befand.
Doch mag auch jenes erste ,, Porzellan" Tschirnhausens
kein wirkliches gewesen sein, kann es als gänzlich aus-
geschlossen gelten, dafs Tschirnhausen durch dieses Böttger
den Ruhm der Porzellanerfindung je wird streitig machen
können, so scheint doch durch jenen oben besprochenen
Bericht des Meifsner Manuskripts, in dem uns in so über-
zeugender Weise der ganze Gang der endlichen Erfindung des
Porzellans geschildert wird, die Möglichkeit gegeben zu sein,
Tschirnhausen mit dieser Porzellanerfindung enger in Ver-
bindung zu setzen, ja ihn vielleicht trotz alledem zum Erfinder
des Porzellans zu machen. Ausdrücklich bezeichnet dieses
Manuskript die Arbeiten Böttgers und Tschirnhausens, die zu
dieser Erfindung führten, als gemeinsame oder w^enigstens zur
gleichen Zeit gemachte. Nirgends erlischt hierbei die Tätig-
keit Tschirnhausens, an keiner Stelle tritt der Tod dieses
Mannes dazwischen, der nach der landläufigen, auch von mir
in meinem ersten Aufsatze an dieser Stelle vertretenen Ansicht
der endlichen Erfindung des Porzellans vorangegangen ist.
Kann da nicht Tschirnhausen bei diesem zweiten Suchen nach
dem Porzellan am Ende seines Lebens noch der Erfinder des
echten Porzellans greworden sein?
Zunächst könnte darauf hingewiesen werden, dafs diese
Darstellung hinsichtlich dieses Punktes durchaus im Wider-
spruch steht zu anderen Nachrichten, ja Dokumenten, die
diese Erfindung erst im Jahre 1709 erfolgen lassen, also nach
dem Tode Tschirnhausens. Diese Dokumente, die ich in
meinem ersten Aufsatz an dieser Stelle, dem über das Jahr
') Sie sind zur Zeit ausgestellt im Pult 67 A.
3*
^6 E. Zimmermann:
der Erfindung des Porzellans, bereits angeführt habe, auf die
ich daher hier nur zu verweisen brauche, gehören der un-
mittelbaren Zeit dieser Vorgänge an, sie entstammen aucli
ihrer nächsten Umgebung und können daher als mindestens
ebenso glaubwürdig gelten wie jener Meifsner Bericht, ja
eigentlich als noch glaubwürdiger, da dieser einer späteren
Zeit anzugehören scheint. Ein teilweiser Irrtum, der sich auf
eine teilweise Unrichtigkeit der Tradition stützt, erscheint da-
her durchaus nicht ausgeschlossen. Er kann sich aber gar wohl
auf die Angabe der Personen, die bei der Erfindung beteiligt
waren, beziehen, da dieser Bericht ganz ersichtlich durchaus
nicht eine historische Darstellung der Erfindung bieten
soll, sondern in allererster Linie der Methode derselben. Die
Personen, die sie durchgeführt haben, die Zeit, in der sie er-
folgt ist, erscheinen hierbei ganz gleichgültig: eine zeitliche
Angabe findet sich nirgends, auch Böttger und Tschirnhausen
werden nur einmal ganz am Anfang mit Namen genannt.
Hernach wird die ganze Darstellung der Arbeit ganz gleich-
mäfsig in der dritten Person Pluralis durchgeführt. So kommt
es, dafs auch die Erfindung des Porzellans zum Schlufs als eine
gemeinsame erscheint. ,,Auf diese Art sind sie auch zu dem
w-eisen Porcellaine gelanget." Mit dieser Wendung schliefst
diese Darstellung, ohne dafs jedoch irgendwo ein besonderes
Gewicht auf diese Gemeinsamkeit der Arbeit gelegt oder die
endliche Erfindung als eine gemeinsame betont worden wäre.
Kann es da nicht möglich sein, dafs hier die Erwähnung des
Todes des einen Teilnehmers einfach vergessen worden i.st?
Doch diese Frage ist an sich für die hier vorgenommene
Untersuchung ziemlich belanglos. Gesetzt, selbst der Verfasser
hätte sich geirrt, hätte zu Unrecht die endliche Erfindung des
Porzellans als eine gemeinsame hingestellt, es ist dann noch
immer Raum genug vorhanden für die Vermutung, dafs die
gemeinsame Arbeit beider wenigstens noch zur Entdeckung
des Prinzips des Porzellans geführt hat, damit zu jener Tat,
die doch wohl als die wichtigste, die eigentlich bahnbrechende
innerhalb der Porzellanerfindung zu gelten hat. Dann aber
wäre die Möglichkeit gegeben, Tschirnhausen als wenigstens
immer noch teilweisen Erfinder des Porzellans anzusehen.
Da aber erhebt sich die für diese ganze Untersuchung
ungemein wichtige, aber bisher noch von keiner Seite in
Betracht gezogene Frage: wenn beide Männer, Tschirnhausen
wie Böttger, in gleicher Weise für die Erfindung des Por-
zellans in Frage kommen, mufs da unbedingt Böttger hinter
Tschirnhausen zurücktreten, kann da Böttger allein als der
Wer war der Erfinder des Meifsner Porzellans?
37
nehmende, Tschirnhausen dagegen nur als der gebende Teil
aufgefafst werden? Mit anderen Worten: ist man dann irgend-
wie berechtigt oder gezwungen, ohne das geringste Zögern
Tschirnhausen als den alleinigen Erfinder zu betrachten, Böttger
nur als seinen Handlanger, der nichts als der Ausführer seiner
Erfindung nach seinem frühen Tode wurde? Diese Frage
hängt eng mit der nach der Persönlichkeit Böttgers zusammen,
mit der Frage: war Böttger ein Charlatan oder ein Gelehrter,
war er nur ein ,, hergelaufener'' Apothekerlehrling und aber-
gläubischer Alchimist oder ein ausgebildeter Apotheker und
wissenschaftlicher Vertreter der Chemie, wenigstens nach den
damaligen Begriffen? Diese Frage ganz zu beantworten, ein
volles abgerundetes Bild dieser seltsamen Persönlichkeit zu
geben, ist an dieser Stelle nicht möglich, es soll bei anderer
Gelegenheit nachgeholt werden. Nur soviel kann auch hier,
wie in meinem ersten Aufsatze an dieser Stelle, gesagt werden,
dafs Böttger zu seinen Lebzeiten, obwohl die bedeutendsten
Leute, darunter Gelehrte und Praktiker, wie Tschirnhausen
selber, mit ihm in die innigste Berührung kamen, ja zum Teil
seine Arbeiten sorgfältig beaufsichtigten, ohne Unterbrechung
das denkbar gröfste Ansehen genofs, dafs sich, soweit bekannt,
nicht eine einzige ernsthafte Stimme aus dieser Zeit findet,
die seine Begabung anzweifelt. Erstaunliches Lob hat ihm
Steinbrück in dem erwähnten Manuskript der Porzellansamm-
lung gespendet: es ist die Schilderung eines wirklichen Genies,
die hier vor den Ohren des König-s erfolgt. Steinbrück
nennt ihn geradezu einen ,, Erfinder", einen inventor rerum,
,,wie deren in loo Jahren kaum einer vorkäme". Als solcher,
ist er dann auch sein ganzes Leben lang behandelt worden.
Derselbe Steinbrück spricht dann aber weiter auch von
dem geistigen \^erhältnis zwischen Böttger und Tschirnhausen.
Wir erfahren '^), dafs Tschirnhausen, der in keiner Weise an
die Alchimie und ihre Lehren geglaubt hatte, durch Böttger
teilweise für dieselbe gewonnen wurde, er erwähnt weiter
das Erstaunen Tschirnhausens, ,,mit was vor Fähigkeiten
Herr von Böttger die Mathematica, so Er ihm gezeiget, be-
griffen und \\'ie geschwind Er darinnen fortgegangen". Dieses
Ansehen ist Böttger durch das ganze 1 8. Jahrhundert bewahrt
geblieben. So weit mir bekannt, hat während dieser ganzen
Zeit niemand auch nur im geringsten Böttger als Intelligenz
anzuzweifeln gewagt. Erst dem Beginn des 19. Jahrhunderts
ist diese neue Anschauung vorbehalten geblieben. Die damals
1) a. a. O. S. 19.
2 8 E. Zinimetmann:
im Gefolge des Aufblühens der Naturwissenschaft allgemein
anhebende Verachtmig der Alchimie und ihrer Vertreter traf
auch Böttger mit der vollen Wucht ihrer Überzeugung, machte
ihn zum Aufschneider und Windbeutel, zum Glückspilz, ja sogar
zum Betrüger, der sich in keiner Weise gescheut haben sollte,
sich mit fremden Federn zu schmücken. Sind wir aber wirklich
zu solcher Umänderung des Urteils über diese Persönlichkeit
post festum berechtigt? Fliefsen uns heute wirklich in dieser
Frage die Quellen reichlicher als den Zeitgenossen und ihren
nächsten Generationen? Ich glaube, man darf mit Bestimmt-
heit behaupten, Böttgers geistige Befähigung ist durch das
Zeugnis und Verhalten seiner Zeitgenossen ihm gegenüber so
aufser allen Zweifel gestellt, dafs man in dieser Beziehung
nicht die geringste Veranlassung haben dürfte, ihm die Er-
findung des Porzellans abzusprechen und ihn hinter Tschirn-
hausen zui'ückstehen zu lassen, l^lofs weil dieser ein zünftiger
Gelehrter war.
Aber es scheint auch Gründe zu o-eben, die Böttoer in
dieser Beziehung Tschirnhausen gegenüber sogar überlegen
sein lassen. Zunächst noch einmal die Frage: wie war der
ganze Gang der Porzellanerfindung gewesen? Tschirnhausen
hatte sich lange Zeit vor dem Erscheinen Böttgers in Dresden
mit der Erfindung des Porzellans abgequält. Er war zu
einem Erfolg gelangt, der sich später als Mifserfolg heraus-
stellte. Da kommt Böttger hinzu, die Arbeit wird noch ein-
mal ganz von vorne begonnen, von einem Ausgangspunkt
aus, der zunächst ausschliefslich aus den Bestrebungen Böttgers
hervorging, und nun auf einmal gelingt die Erfindung, gelingt
sie wirklich: das Prinzip des echten Porzellans wird wirklich
erkannt, das echte Porzellan wirklich hergestellt. Für wen
ist da die Wahrscheinlichkeit gröfser als Erfinder? Für Tschirn-
hausen, der, so lange er allein arbeitete, mit diesem Problem
nicht zustande gekommen war, oder für den Neuankömmling,
während dessen Mitarbeiterschaft die grofse Erfindung end-
lieh gelingt? Auf diese Frage bedarf es wohl kaum einer
Antwort.
Doch Steinbrück scheint in seiner kurzen Darstellun«!' der
Erfindung des Porzellans direkt anzudeuten, dafs Tschirn-
hausen und Böttger hinsichtlich der Methode des Suchens
nach dem Porzellan ganz verschiedener Meinung waren ^) und
^) Auch Enpjelhardt in seiner Biographie Böttgers S. 190 führt
einen Punkt an, wo Bi'ittger und Tschirnhausen über einen wissen-
schaftUchen Punkt verschiedener Meinung waren.
Wer war der Erfinder des Meilsner Porzellans? 30
dafs Böttgers Ansicht schliefslich siegte. Tschirnhausen, so
berichtet er^), glaubte, das Geheimnis des Porzellans mittelst
Schmelzens finden zu können, ,,wie er denn unter anderem
sein porcellan (d. h. sein erstes, fälschlich als „Porzellan"
ausgegebenes Produkt) dadurch erfunden". ,,Hier wieder hat
zwar Herr von Böttger obstat gehalten und behauptet, dafs
die Brennspiegel durch ihr Schmelzen eine Sache nicht in
ihrem Esse liefsen, sondern destruierten und endlich ein neues
Produktum hervorbrächten." Tatsächlich hat ja auch Tschirn-
hausen, wie früher erwähnt, Porzellanschmelzversuche unter-
nommen. Niemandem aber kann heute zweifelhaft sein, dafs da-
mals Böttger den fortgeschritteneren Standpunkt einnahm, mit-
hin in dieser für die Porzellanentdeckung so wichtioen Sache
Tschirnhausen überlegen war, ja dafs er hier eine Methode
ausschlug, die ihn wahrscheinlich ebensowenig wie früher
Tschirnhausen zu wirklicher Porzellanerfinduno- oeführt hätte.
Denn, wenn Steinbrück auch hinzufügt, dafs Böttger ,, nichts
desto weniger sich eines solchen Spiegels bediente", so kann
dies gar wohl zum Schmelzen und Untersuchen der Einzel-
stoffe geschehen sein. Steinbrück selber läfst es zw^eifelhaft,
ob Böttger ,, durch diesen oder einen anderen chimischen Weg"
das Porzellan gefunden hat. Dann aber nennt Steinbrück-) an
anderer Stelle Böttger geradezu ,, einen besseren Chemiker als
Tschirnhausen", der eben in erster Linie Physiker und Mathe-
matiker war.
Tschirnhausens und Böttgers keramische Arbeit dürfte
überhau])t im allgemeinen bisher als eine zu gemeinsame auf-
gefafst worden sein. Zunächst steht fest, dafs jeder von beiden
in Dresden sein eigenes Laboratorium hatte, da in einem Be-
soldungsreglement vom 12. Januar 1708 ,,für das von Böttger
(also nicht auch von Tschirnhausen!) angenommene Personale"
Arbeiter sowohl für Böttgers ,, Laboratorium auf der Vestung"
wie für das ,, Laboratorium by dem Tzschirnhaus" angeführt
werden'^). Böttger hat damals auch doppelt soviel Arbeiter
zur Verfügung gehabt wie Tschirnhausen. Auch erscheint
hier Tschirnhausen unter den Leuten, die damals wie der
Kammerrat Michael Nehmitz und der Leibmedikus Bartelmei
Böttger nur zur Beaufsichtigung seiner Arbeiten beigegeben
waren; Tschirnhausen, der vermeintliche Mitarbeiter Böttgers,
erhält sogar bedeutend weniger Besoldung als der Kammerrat
^) Steinbrück a. a. O. S. 26.
-) Steinbrück a. a. O. S. 47.
^) Engelhardt a. a. O. S. 260.
40
E, Zimmermann :
Nehmitz. Schon auf Grund dieses Aktenstückes ist es fast
unmöglich, Tschirnhausen wirklich als einen gleichwertigen
Mitarbeiter Böttgers anzusehen. Doch die folp-enden Akten
der Zeit wissen dann überhaupt noch kaum etwas von Tschim-
hausens Tätigkeit auf diesem Gebiet zu berichten. Kaum iindet
sich in ihnen noch einmal der Name Tschirnhausen. Nicht
einmal bei den wichtigsten Handlungen, wie z. B. den Eides-
ablegungen der in die Geheimnisse der Arbeiten Einzuweihen-
den, ist Tschirnhausen weder als Mitarbeiter noch als Beauf-
sichtigrer Bötto^ers als anwesend bezeichnet. Die auf dem
Dresdner Hauptstaatsarchiv befindlichen, auf die keramischen
Bestrebungen dieser Zeit bezüglichen Akten drehen sich über-
haupt sämtlich um Böttger als den geistigen Mittelpunkt der-
selben. Von ihm erwartet man die Lösung des Problems, die
Ausführung aller Arbeiten. Es ist undenkbar, dafs, wenn
Tschirnhausen damals anhaltender mit Böttger gemeinsam
gearbeitet und wirklich ernsthaft nach den gleichen Zielen
gestrebt hätte, sein Name nicht häufiger in diesen Akten er-
wähnt worden wäre. Kurz, aus den Dokumenten der unmittel-
baren Zeit oreht nirgends eine o-emeinsame Tätiokeit Bötto;ers,
wie sie das Meifsner Manuskript scheinbar schildert, hervor.
Doch es gibt ja noch einen und keinen ganz wertlosen
Bericht aus dieser Zeit, der unumwunden von einer schein-
bar völlig gelungenen Porzellanerfindung Tschimhausens
spricht, den man in Anbetracht, dafs er gerade am Anfang
des Jahres 1709 erschienen ist, wenn man will, gar wohl mit
der letzten und wirklichen Porzellanerfindung in Verbindung
bringen kann. Es ist das bereits oben') genannte, in den
Acta eruditorum erschienene Elogium Tschirnhausens, in dem,
um es noch einmal zu sagen, berichtet wird, dafs Tschirn-
hausen eine Masse erfunden hätte, aus der Porzellangefäfse
hätten hergestellt werden können, die den chinesischen gleich-
kämen. Von welcher Porzellanerfindung ist hier die Rede?
Von der ersten vermeintlichen Tschirnhausens aus dem Ende
des 17. Jahrhunderts oder der sich gerade damals vollziehen-
den? Ja sie kann sich zur Not sogar auch auf die der Porzellan-
erfindung vorangehenden Herstellung jenes schönen roten
„Böttger -Steinzeugs" beziehen, das man damals ganz all-
gemein und noch für lange Zeit für Porzellan ansah. Diese
dreifache Beziehungsmöglichkeit der viel benutzten Stelle
zeigt zur Genüge, dafs sie schwerlich berufen ist, Klarheit
in die hier in Untersuchung stehende Frage zu bringen.
') Vgl. S. 23.
Wer war der Er linder des Meifsner Porzellans? 41
Stellt sie doch aufserdem noch allem Anscheine nach eine
starke Übertreibung dar, eine von jenen, die man freilich in
Elogien nicht gerade übel zu nehmen pflegt, da die Tatsache
doch sicher feststeht, dafs es damals, d. h. im Anfang des
18. Jahrhunderts, durch keine der eben genannten Erfin-
dungen möglich war Erzeugnisse herzustellen, die denen aus
chinesischem Porzellane gleichkamen, am wenigsten durch
die des echten Porzellans, deren Erzeugnisse nachweislich,
als Böttger im April dieses Jahres die Porzellanerfindung
zum ersten Male durch eine Kommission prüfen liefs, noch
so unbefriedigend erschienen, dafs diese Kommission es noch
nicht einmal für nötig hielt, über diese Erfindung, wie sie es
hätte tun sollen, an den König zu berichten^). Am wahr-
scheinhchsten ist wohl, dafs an dieser Stelle des Elogiums
Tschirnhausens erste ,, Porzellanerfindung" gemeint ist, die-
jenige, deren Verfehltheit Tschirnhausen später selber einge-
sehen haben mufs. Dafür scheint auch schon die Unbestimmt-
heit des Ausdrucks dieser Stelle zu sprechen: es wird durch
dieselbe keineswegs erzählt, dafs Tschirnhausen das Porzellan
erfunden hat, sondern nur eine Masse, aus der vasa porzellana
hergestellt werden konnten, d. h. Porzellan- oder auch nur
porzellanartige Gefäfse, Diese Gewundenheit des Ausdrucks
kann ein Zufall sein, doch auch die Folge des Bewufstseins,
dafs die Masse, die Tschirnhausen allein erfand, nicht das
echte Porzellan war, sondern nur ein verwandter Stoff. Man
kann ein Surrogat des Porzellans kaum besser in Kürze be-
schreiben, als es hier geschehen ist.
Doch einerlei, welche der keramischen Erfindungen dieser
Zeit mit dieser Stelle der Acta eruditorum gemeint sein kann,
auf alle J^älle führt sie zu einer Erwägung, die den bisherigen
Resultaten dieser ganzen Untersuchung noch einen ganz be-
sonderen Nachdruck zu creben vermao-. Hier haben wir aus
der unmittelbaren Zeit der Erfindung des Porzellans eine Be-
hauptung von angesehenster, viel beachteter Stelle, nach der
Tschirnhausen durchaus als Porzellanerfinder erscheinen könnte;
diese Stelle ist sicher von allen, die Böttger damals nahe
standen, gelesen worden, da diese sich ganz ohne allen Zweifel
auch für das Leben dieses Mannes, der in Böttgers Umgebung
eine so grofse Rolle gespielt hatte, interessieren mufsten. Sie
werden sogar die erste Lebensdarstellung dieses so bedeutenden
einflufsreichen Mannes und allbekannten Einwohners Dresdens
mit ganz besonderem Interesse verschlungen haben. Dennoch
') Vgl. meinen ersten Aufsatz im Bd. XXVII dieser Zeitschrift.
42 E. Zimmermann:
galt allen diesen Leuten, der ganzen näheren Umgebung
Böttgers, dem Könige selbst Böttger sein ganzes Leben
hindurch als der alleinige völlig unbestrittene Erfinder des
Porzellans. Niemand von jenen, die gegen Böttger, den
jungen seltsamen Mann aus der Fremde, ob seiner ständigen
alchimistischen Blamage mifstrauisch geworden oder ihm auch
aus anderen Gründen nicht freundlich gesinnt waren, dachte
jemals daran, allein schon auf Grund dieser Stelle der Acta
eruditorum Böttger die Porzellanerfindung abzusprechen. Sie
beliefsen stillschweigend dem Fremdling diesen Ruhm, obwohl
hier scheinbar einer der angesehensten Gelehrten der Zeit,
ja sogar ein einheimischer, den alle kannten, zu dem viele
von ihnen die intimsten Beziehungen gehabt hatten, seiner-
seits Anspruch darauf zu erheben schien; sie beliefsen ihm
diesen Ruhm, obwohl, wenn spätere Generationen es noch
nachträglich herausfinden zu können glaubten, dafs Tschirn-
hausen der Erfinder des europäischen Porzellans war, es
sicherlich damals auch Menschen gegeben haben müfste ■ —
und zwar in der allernächsten Umgebung Böttgers und Tschirn-
hausens selber — , die in dieser Angelegenheit den wahren
Sachverhalt kannten und ihm zu seinem vollen Rechte hätten
verhelfen müssen^). Wahrlich, wenn irgend etwas gegen das
Erfindertum Tschirnhausens und für das Böttgers spricht,
dann ist es das Nichtbeachten dieser Stelle zugleich mit der
allgemeinen Anerkennung des Erfindertums Böttgers seitens
seiner eigenen Zeit! Es ist einfach undenkbar, dafs hier in
diesem festen Glauben einer ganzen Zeit eine völlige Selbst-
täuschung vorliegen kann, eine Täuschung, die auf so un-
sicheren Füfsen stand, dafs spätere Zeiten sich mit leichter
Mühe ihr noch entziehen konnten.
Wie aber verhalten sich gegenüber diesen Feststellungen,
die Tschirnhausens Ansprüche auf die Erfindung des echten
Porzellans in das richtige Licht haben setzen sollen, jene
oben angeführten Behauptungen, die der Ausgangspunkt
dieser ganzen Untersuchung geworden sind? Sind die Gründe,
') ^'or allem hätte man doch erwarten können, dafs Holmberg,
dem Tschirnhausen 1701 in Paris das C Geheimnis seiner Porzellan-
erfindung unter dem Versprechen, es bis zu seinem Tode zu be-
wahren, anvertraut hatte, da er Tschirnhausen lange überlebte, sich
veranlafst gesehen hätte, den Sachverhalt zu Gunsten seines ver-
storbenen Freundes richtig zu stellen.
Wer war der Erlinder des Meilsner Porzellans? 43
die sie dazu führten, Tschirnhausen zum Erfinder des Porzellans
zu proklamieren, wirklich Tatsachen und Beweise, oder sind
sie die Folge mangelhafter ünterrichtung, von Irrtümern
und Mifsverständnissen, die neue Irrtümer und Mifsverständ-
nisse im Gefolge gehabt haben?
Zunächst, wie verhält es sich mit der Behauptung des
damahgen Sekretärs Bussius, der noch im letzten Lebensjahre
Böttgers die Behauptung aufstellte, dafs diesem durch Stein-
brück die oresamte Wissenschaft Tschirnhausens nach dessen
Tode zugetragen worden sei, darunter auch das Geheimnis
des echten Porzellans? Woher weifs Bussius diese Tatsachen,
die er hier ganz ohne Beweise gibt, woher war er, der nur
ein Beamter der Manufakturkommission war, klüger als alle
jene anderen Herren, die mit dem ganzen inneren Getriebe
dieser Angelegenheit aufs engste und von Anfang an in Be-
rührung gekommen waren? Schätzen wir diese Behauptmig
Bussius' nicht höher ein, als sie eingeschätzt zu werden ver-
dient, als schriftUch fixierten Fabrikklatsch, den es zu allen
Zeiten in solchen Anstalten gegeben hat, entstanden zu einer
Zeit, da bei der sichtbaren Abnahme der Lebenskräfte Böttgers
alles in der Manufaktur drunter und drüber ging, Parteien
entstanden, die sich gegenseitig nichts Gutes wünschten,
nichts Gutes übereinander redeten. Als solchen, als Fabrik-
klatsch, scheint auch die Mitwelt diese Behauptungen Bussius'
aufgefafst zu haben. Es ist ihnen ja damals, wie erwähnt,
nicht die geringste Folge gegeben worden, der Glaube an
Böttger, als den Erfinder des Porzellans, in den Kreisen, denen
sie zu Ohren gekommen, nicht im geringsten erschüttert wor-
den. Soll daher diese völlig beweislose Behauptung eines
einzelnen Marmes für unsere Zeit beweiskräftiger sein, als
sie es für die eigene Zeit, die, wie schon oben gesagt, ihre
eigenen Vorgänge doch noch ganz anders kontrollieren konnte,
gewesen ist, soll sie für uns beweiskräftiger sein als der ganze
übrige feste Glauben einer Zeit, der Glaube von Menschen,
die die Verhältnisse dieser Zeit viel besser kannten und kennen
mufsten, als jener einzelne, der doch in einem ganz anderen
Abstand von ihnen stand als jene. Über das Zeugnis dieses
Mannes kann man daher wohl zur Tagesordnung übergehen.
Wie verhält es sich aber weiter mit jenen Angriffen und
Behauptungen, die Böttger nach seinem Tode die Ehre seiner
Erfindung streitig machen wollten, beginnend mit den Be-
hauptungen der Lebensbeschreibung Tschirnhausens im Säch-
sischen Curiositäten-Cabinet und endigend mit denen der aller-
letzten Jahre? Wodurch erklärt sich jenes merkwürdige
44
E. Zimmermann:
Schwanken in dieser Frage, das so ziemlich das ganze i8. Jahr-
hundert anhält? Ich glaube, es genügt schon auf eine ein-
zige Quelle, einen einzigen Ursprung hinzuweisen, um für
alle diese seltsamen Widersprüche gegen die eben versuchten
Feststellungen den Ausgangspunkt zu finden. Es ist die
mangelnde Kenntnis des i8. Jahrhunderts hinsichtlich des Por-
zellans selber gewesen, der Mifsbrauch, der mit dieser Be-
zeichnung damals getrieben ward, dann schliefslich, dafs in
unserem Jahrhundert die Tatsache dieses damaligen allge-
meinen Mifsbrauches nicht genügend bekannt gewesen, nicht
genügend beachtet ward und darum zu ganz falschen Folge-
rungen und Behauptungen Anlafs geben mufste. Ich habe auf
diese Sache bereits in meinem ersten Aufsatz an dieser Stelle
mit allem Nachdruck hingewiesen. Hier sei noch einmal mit
demselben Nachdruck wiederholt, dafs, wer heutzutage es
unternehmen will, über die Geschichte der Keramik vom
15. Jahrhundert an im allgemeinen und über die des Porzellans
im besonderen zu schreiben, sich vorher darüber völlig klar
sein mufs, dafs die Erwähnung des blofsen Wortes ,, Porzellan"
ohne irgend welche nähere Bezeichnung oder Charakterisie-
rung noch nicht die geringsten Schlüsse hinsichtlich des Vor-
handenseins des wirklich echten harten Porzellanes gestattet.
Porzellan hiefs damals alles — darüber kann nicht der ge-
ringste Zweifel herrschen — , was irgendwie dem Porzellan
innerlich oder äufserlich verwandt war, die Fayence, sowie
die treueren Nachahmungen des echten Porzellans, schliefslich
sogar alles Keramische, das aus China kam, somit auch jenes
schöne, feste, rote Steinzeug, das Böttger durch sein ,,Böttger-
steinzeug", damals ,, Jaspisporzellan" genannt, nachgeahmt hat.
Diese Unklarheit der technischen Bezeichnungen gab damals
eine grofse Verwirrung, für unsere Zeit hat sie scheinbar eine
noch gröfsere bewirkt. Sie dürfte auch die Unklarheit über
den Erfinder des echten Porzellans in erster Linie verschuldet
haben.
Zunächst schon im 18. Jahrhundert selber. Welche Un-
kenntnis, welche Konfusion hinsichtlich des Begriffs ,, Porzellan"
zeigt schon der obengenannte Breslauer Arzt und Pol3'histor
Kundmann, der nach Bussius der erste war, der Tschim-
hausen an der Erfindung des Porzellans einen grofsen Anteil
zuschrieb! In demselben Absatz, wo er dies zu tun versucht,
heifst es am Anfange: ,, Nirgends so viel als mir wissend, ist
das Ost - Indische Porcellain in Europa besser nachgeahmt
worden, als wie zu St. Cloud, nahe bei Paris noch bis dato
geschiehet." Nun aber ist gerade das Porzellan von St. Cloud,
Wer war der Erfinder des Meifsner Porzellans? 45
wie jeder, der die Geschichte dei- Keramik zur Genüge kennt,
ein typisches Beispiel jener obgenannten ,, Weich- oder Fritten-
porzellane". Kundmann hat demnach keine Ahnung von dem
Unterschiede dieses und des echten Porzellans gehabt. Er
ahnt gar nicht, dafs die Erfindung des Porzellans durch Böttger
etwas ganz anderes gewesen ist wie die der Masse von
St. Cloud. Da kann er wohl schwerlich als vollgewichtiger
Zeuge hinsichtlich der Frage nach dem Erfinder des Meifsner
Porzellans betrachtet werden.
Geradezu verhängnisvoll aber dürfte dann die obener-
wähnte Mitteilung der Acta eruditorum über Tschirnhausens Er-
findung einer Porzellanmasse für die Nachwelt geworden sein,
die nicht mehr auf die Geschehnisse selber, sondern nur auf
die Berichte über dieselbe sich zu stützen vermochte. Diese
eine Notiz an dieser so hervorragenden Stelle dürfte allein
schon genügt haben, um das ganze Schwanken dieses Jahr-
hunderts in dieser Frao-e zu erklären. Man mufste sich da-
mals genötigt sehen, zwei sich scheinbar völlig widersprechende
Traditionen, die dieser Gelehrtenzeitschrift und die der grofsen
Menge, zu vereinigen, um Klarheit über diesen so wichtigen
und interessanten Punkt zu erlangen, man tat es, indem man
das Verdienst der Erfindung auf beide Männer verteilte oder
gar jetzt Tschirnhausen, dem berühmten Gelehrten, den gröfsten
Teil derselben zuwies. Dafs diese Vermutung hier keine will-
kürliche ist, dafür spricht schon stark genug der Bericht des
Sächsischen Curiositätencabinets vom Jahre 173 1. Klingt es
doch, indem er Tschirnhausen zum Erfinder der ,, Masse"
des Porzellans macht, die Böttger nur verbessert und aus-
gearbeitet hätte, fast wie eine Übersetzung jener Stelle der
Acta eruditorum, in der gleichfalls zunächst nur die Rede von
der Erfindung einer Masse ist, die aber, wie oben zu zeigen
versucht worden, niemals die Masse des echten Porzellans
gewesen sein kann. Der Verfasser dieser Lebensbeschreibung
Tschirnhausens hat aller Wahrscheinlichkeit nach Tschirn-
hausen ziemlich nahe gestanden'), er war ihm vielleicht sogar
verpflichtet. So mag er die Stelle der Acta eruditorum
mit stark parteiischem Auge gelesen haben, so mag er es
für nötig gehalten haben, hier eine ,, Rettung" vorzunehmen,
die Tschirnhausens Verdienste um ein ganz beträchtliches er-
höhen sollte'-).
J) Vgl. Reinhardt a. a. O. S. 40.
-) Wie sehr man den Nachrichten über Tschirnhausens Porzellan-
erfindung, die aus dessen eigenen Kreisen stammen, mifstrauen mufs,
aS E. Zimmermann:
Dafs ihm freilich die Mit- und Nachwelt keinen Glauben
geschenkt hat, dafs ein gewisses Schwanken hinsichtlich der
Person des Erfinders des Porzellans durch das ganze Jahrhundert
hindurch bei vielen bestehen blieb, dafs ist doch wohl Beweis
genug, dafs die Behauptung dieses Verfassers nicht so be-
gründet, nicht so zuverlässig war, wie sie sich gab. So blieb
der Einflufs der Stelle der Acta eruditorum, unterstützt dvirch
die allgemeine keramische Begriffsverwirrung dieser Zeit, be-
stehen, ohne dafs jedoch wie erwähnt, während dieses ganzen
Jahrhunderts von neuem ein Angriff gegen Böttgers Erfinder-
ruhm unternommen wäre.
Hempels völlige Absprechung am Beginn des 19. Jahr-
hunderts sucht sich dann freilich auf Beweise zu stützen.
Doch es ist zunächst nur der oben charakterisierte Bericht
des Sekretärs Bussius, den er zu diesem Zwecke herbeizieht,
daneben auch die Stelle der Acta eruditorum und schliefslich
Fontenelles Äufserung in der Akademie. Das dreifache Zeugnis
gegen Böttger schien erdrückend zu werden. Doch wir
wissen jetzt, wie wenig beweiskräftig für die hier vorliegende
Frage alle diese drei Aussagen sind. Nur wer den damaligen
Begriff des Wortes Porzellan nicht kannte — und den kannte
bei der damaligen allgemeinen Unkenntnis der Geschichte
der Keramik sicherlich kaum einer — , konnte in ihnen
wirklich so kräftige Beweise erblicken, dafs sie die Be-
rechtigung zu so kühnen Angriffen gegen Böttgers alten Ruhm
gewährten, konnte wirklich meinen, mittelst ihrer einen groben
historischen Irrtum korrigieren zu dürfen. Doch Hempel
zeigt übrigens auch die Grabschrift, die ihm sein Bruder freilich erst
im Jahre 1739 unter sein Grabmonument in Kiefslingswalde setzen
liefs. Es heifst da in deutscher Übersetzung (vgl. Sächsisches Curio-
sitäten-Cabinet 1739 S. 314):
„Worüber man bey unserer Zeit erstaunet, auch in Zukunft be-
wundern wird
In den durchscheinenden Porcellanen
(porcellanae pellucidae omnis coloris)
So die Indianischen Gefäfse in Glantz, Schönheit, Härte und Dauer-
hafhigkeit unter allen Europäern übertrifft die erste Probe gemachet."
„Durchscheinende Porzellane von allen Farben" hat die
keramische Industrie noch bis auf den heutigen Tag nicht erfunden.
Diese Angabe ist also barer Unsinn. Wäre aber hiermit überhaupt
die Porzellanerfindung, die zur Begründung der damals fast schon
zwanzig Jahre bestehenden Meifsner Manufaktur gemeint, dann wäre
dies doch wohl mit ziemlicher Sicherheit in dieser Grabschrift zum
Ausdruck gebracht worden. Diese auffallende Zurückhaltung hier
an einer Stelle, wo man sonst den Mund doch ziemlich voll zu
nehmen pflegt, sagt mehr als genug.
Wer war der Erfinder des Meifsner Porzellans? a'i
rückt jetzt, namentlich auf Grund des Berichtes des Bussius,
die Behauptung in den Vordergrund, dafs Böttger durch
Steinbrück, seinen späteren Schwager, nach Tschirnhausens
Tode das von diesem aufgedeckte Geheimnis des Porzellans
übermittelt worden wäre. Steinbrück beginnt damit jetzt
zum Betrüger zu werden, zu einer Kreatur Böttgers, die mit
schlauer List und grofsem Raffinement Tschirnhausen seinen
Ruhm, seine ganzen industriellen Verdienste zu entziehen
gesucht, um sie seinem neuen Vorgesetzten und späteren
Verwandten zuzuwenden. Was aber sind für diese Übeltaten
Steinbrücks die Beweise? W^ir haben oben gesehen, dafs
Hempel aufser auf die oben besprochene Angabe des Bussius
auch noch auf ein Manuskript hinweist, betitelt: ,, Nachrichten
von denen im kursächsischen Erzgebirge befindlichen edlen
und raren Gesteinen u. s. w. von Steinbrück, Inspektor der
Manufaktur des sächs. Porzellans u. s. w. Anno 171 5 mense Majo
zu Dresden". In gleicher Weise soll Steinbrück, so wird
dann kühn geschlossen, auch die übrigen Manuskripte und
Aufzeichnungen Tschirnhausens besessen und Böttger über-
mittelt haben.
Doch ganz abgesehen davon, dafs die Erfindung und
Herstellung des Porzellans doch wohl eine etwas zu schwierige
Sache gewesen sein dürfte, als dafs man sie einfach vom
Papier hätte ablesen und nachmachen können; was findet sich
in Wirklichkeit auf dem Titel jenes noch heute in der Hand-
schriftensammlung der Kgl. öffentl. BibHothek zu Dresden
befindlichen Manuskript Steinbrücks? Es heifst da ausdrück-
lich, dafs die hier gebrachten Nachrichten ,,theils aus eigener
Erfahrung, theils auch aus bewehrter Leute Schriften" stammen
und in der Einleitung dieses Manuskripts wird dann unter
den bewährten Leuten ausdrücklich Tschirnhausen genannt.
Ein Weglassen, ein Unterdrücken desselben ist nicht erfolgt.
So verliert dieses Manuskript jegliche Beweiskraft für die
beabsichtigten Zwecke, die Anschuldigungen gegen Stein-
brück sinken in Nichts zusammen, und Steinbrücks Charakter
dürfte damit wieder so dastehen, wie er oben zu charakterisieren
versucht worden ist.
Doch Reinhardt bringt in seinem Aufsatz über Tschirn-
hausen schliefslich noch ein neues Argument zu Gunsten
Tschirnhausens herbei, jenes kleine „Porzellanbecherchen",
das ein Arbeiter Tschirnhausens bei dessen Tode gestohlen
und vergraben hat. Auch hier ist wieder nur ganz allgemein
das Wort Porzellan gebraucht. Man darf daraus keine Schlüsse
ziehen, die anderen Ansichten entgegenlaufen. Wem fallen
48 E. Zimmermann:
aber bei diesem ,, becherchen" nicht sofort jene „kleine Krüge"
ein, die angebhch die Porzellansammlung zu Dresden von
Tschirnhausens Hand noch am Antang des 19. Jahrhunderts
besafs und vielleicht auch jetzt noch besitzt'). Auf alle
Fälle ist es doch sehr viel wahrscheinlicher, dafs dies
,, Becherchen" eines der früheren Erzeugnisse Tschirnhausens,
deren Existenz feststeht, gewesen ist, als schon ein Produkt
aus jener darnach schon jetzt erfundenen Masse, die noch
nach Monaten nachweislich so unvollkommen sich darbot,
dafs an ihrer Brauchbarkeit noch völlig gezweifelt wurde.
Und so zeigt auch dieses Argument nur wieder, wie ungemein
verwirrend auf die hier in Untersuchung stehende Frage der
damals so unklare Begriff des Wortes Porzellan zu allen
Zeiten gewirkt hat und wie dringend erwünscht es ist, dafs,
wer sich an die Frage der Erfindung des Porzellans heran-
wagt"-), diese Unklarheit vorher begriffen hat und sich ihrer
beständig bewufst bleibt. Nur dann kann er wirklich er-
spriefslich auf diesem Gebiete arbeiten.
Was dürfte nun das Endresultat dieser ganzen Unter-
suchungen sein, dasjenige, was sich aus ihnen als ganz sicher
oder doch wenigstens als das Wahrscheinlichste für alle Ver-
mutungen ergibt? So gut wie feststeht, dafs Tschirnhausens
er.ste vermeintliche Porzellanerfindung hinsichtlich der Er-
findung des wirklich echten Hartporzellans völlig resultatlos
verlaufen ist, so gut wie feststeht, dafs die praktische Her-
stellung des Porzellans, die wirkhche Erzeugung der Porzellan-
masse erst nach Tschirnhausens Tode gelang. Nicht fest
steht dagegen, ob das Prinzip des Porzellans erst damals
erkannt und angewendet worden ist, ob nicht doch schon
zu Tschirnhausens Lebzeiten dasselbe aufgefunden und aus-
probiert worden ist. Aber ebenso wenig steht dann fest,
dafs Tschirnhausen in diesem Falle der Entdecker dieses
Prinzipes, weder der alleinige noch der teilweise, gewesen
ist, ja es kann dies eher als unwahrscheinlich denn als
wahrscheinlich bezeichnet werden. Somit dürfte auf Grund
dieser F'eststellungen und Wahrscheinlichkeitsvermutungen für
') Siehe oben S. 35.
'-) Es ist übrigens ein merkwürdiges Zusammentreffen, dafs auch
über die Zeit der Erfindung des chinesischen Porzellans aus ganz
ähnlichem Grunde, d. h. wegen falscher Auslegung des chinesischen
Wortes „Porzellan", die Ansichten lange geschwankt haben.
Wer war der Erfinder des Meii*sner Porzellans? ^n
uns auch nicht die geringste zwingende Veranlassung vor-
liegen, Tschirnhausen einen wesentlichen Anteil an der Er-
findung des Meilsner, des europäischen Porzellans zuzuweisen,
den man Böttger, dem bisherigen vermeintlichen Erfinder,
abziehen müfste, ja nicht einmal den geringsten, den irgend
welche Beweise und Tatsachen festlegen. Und so mufs —
das kann nach allem, was hier gesagt worden ist, nur das End-
resultat dieser ganzen Untersuchung sein — , der alte Ruhm
Böttgers als Porzellanerfinder, der zu seinen Lebzeiten so
gut wie von keiner Seite angefochten ward und sich dann
auch durch fast zwei Jahrhunderte hindurch siegreich gegen
alle Anfechtungen erhalten hat, auch ferner bestehen bleiben
und kann ohne die geringste Einschränkung wieder neuen
Glanz erhalten an dem zweihundertjährigen Jubiläum dieser
Erfindung, das schon in wenigen Jahren herannaht.
Neues Archiv f, S. G. u. A. XXVIII, i. 2,
III.
Das Zeithainer Lager von 1730.
(Mit einer Karte hinter S. 113.)
Von
Hans Beschorner.
Wie bereits in dem Aufsatze über die „Beschreibung-en
und bildlichen Darstellungen des Zeithainer Lagers" in dieser
Zeitschrift XXVII (1906), 103 — 151, betont worden ist, kann
hier nicht entfernt daran gedacht werden, eine umfassende
Darstellung der grofsen sächsischen Truppenschau im Juni 1730
zu geben. Es ist vielmehr lediglich beabsichtigt, in einerii
ersten Kapitel ganz allgemein das Campement, das seiner
Zeit so grofses Aufsehen in der Welt gemacht hat, zu schil-
dern und die wichtigsten Fragen, die an dieses Ereignis an-
knüpfen, zu l:)erühren, in elf weiteren Kapiteln aber auf eine
Keihe von Einzelheiten einzugehen, die für sich genommen oft
vielleicht unwichtig erscheinen, im Zusammenhange betrachtet
aber doch wesentlich das Gesamtbild vervollständigen und be-
leben helfen. Dinge, die bereits in dem ,,Staatskalenderbericlite"
(a.a.O. S. 118 Nr. 21) oder bei von Mansberg (a. a. O. S. 104 f.
Nr. i) ausführlich behandelt sind, wurden entweder ganz un-
berücksichtigt gelassen oder, nur mit einem Hinweise auf diese
beiden Arbeiten kurz erwähnt. Überhaupt ist auf diese beiden
Darstellungen, die das Beste sind, was wir bisher über das
Zeithainer Lager Ijesitzen, stets in weitgehender Weise Be-
zug genommen.
Ganze grofse Kapitel, die in einer erschöpfenden Mono-
graphie über das Zeithainer Lager nicht fehlen dürften, sind
hier weggelassen worden, so vor allem die Kapitel über die
Neuorganisation des Heeres, die dem Campement voraus-
Das Zei thainer Lager von 1730. 51
ging, über die Neuuniformierung, über die Neubewaffnung,
über die Verpflegung der Truppenmassen usw. Auch konnten
die eigenhändigen Aufzeichnungen Augusts des Starken nicht
in dem Mafse berücksichtigt werden, wie es vielleicht wün-
schenswert gewesen wäre. Erst wenn diese von der Königl,
Sachs. Kommission für Geschichte herausgegeben sein werden,
wird man voll erkennen können, wie sehr alle das Zeithainer
Lager betreffenden Mafsnahmen den eigensten Anregungen des
Königs entsprangen, wie sehr der König der eigentliche Mittel-
punkt der Veranstaltungen war, in denen man mit vollem
Rechte eine der gröfsten Verwaltungsleistungen aller Zeiten
erblickt hat.
Die beigegebene Kartenskizze im Mafsstab i : 100 000 ist
auf Grund der Generalstabskarte i : 100 000 und der von der
Abteilung für Landesaufnahme des Kgl. Sachs. Generalstabes
1906 veröffentlichten Karte ,, Truppen -Übungsplatz Zeithain"
I : 25000 (dazu noch eine besondere Karte ,, Artillerie-Schiefs-
platz Zeithain" 1 125 000) gezeichnet. Sie soll vor allen Dingen
Lage und Gröfsenverhältnisse des Manöverfeldes von 1730
im Verhältnis zu den heutigen Zeithainer Exerzierplätzen ver-
anschaulichen; aber sie soll gleichzeitig auch ein Hilfsmittel
sein, die zahlreichen in dem Aufsatze vorkommenden topo-
graphischen Einzelheiten besser verfolgen zu können.
I. Das Zeithainer Lager im allgemeinen.
Wer 1729 oder Anfang 1730 von auswärts nach Kur-
sachsen kam, dem mufste die Emsigkeit auffallen, mit der alle
Verkehrseinrichtungen in Stand gesetzt wurden. Die oft in
trauriger Verfassung befindlichen Strafsen wurden ausgebessert,
die Zürnerschen Meilensäulen, die vielfach umgestürzt waren,
wieder aufgerichtet oder, wo man ihre Setzung bisher über-
haupt unterlassen hatte, endlich aufgestellt^). Die Brücken,
über die die Strafsen führten, wurden auf ihre Haltbarkeit
untersucht und die Sicherheitsmafsregeln ,, wider die Räuber
und Diebe" in den Städten und auf dem Lande verschärft'-}.
^) Vgl. HStA. Dresden, Akten der Amtshauptmannschaft Marien-
berg Nr. 6: Mandat vom 29. November 1729 wegen Erneuerung der
Wegweiser in Anbetracht „der künfftiges Jahr sonderlich bevor-
stehenden starken Frequentirung der Strafsen".
-) Vgl. das diesbezügliche Mandat vom 13. April 1730 und sein
Zustandekommen in Loc. 30638 f. 28—49. (Alle Aktenstücke, die sich
in Kapitel II aufgezählt finden, sind, wie hier, so auch immer im
folgenden, mit den dort gewählten Abkürzungen bezeichnet.)
4*
ti Hans Beschorner:
Kurz man tat, was man für das reisende Publikum tun konnte,
und auch den Gastwirten in den Städten und auf dem Lande
war es anzusehen, dafs sie mit einer starken Zunahme des
Verkehrs in nächster Zeit rechneten.
Wer aber Dresden besuchte und hier einen BUck in Hof-
und Verwaltungskreise tun konnte, mufste staunen über die
fieberhafte Tätigkeit, die bei den verschiedenen Behörden
herrschte. Das Oberhofmarschallamt und alle mit dem Hofe
in Beziehung stehenden Dienststellen hatten alle Hände voll
zu tun. Geradezu beängstigend aber war der Betrieb ])ei den
Militärbehörden. Tagtäglich, man kann beinahe sagen stünd-
lich, trafen bei dem Geheimen Kriegsratskolleorium und beim
Feldmarschallamte eigenhändige Weisungen vom Könige ein
und veranlafsten tausende von Befehlen und Instruktionen an
die unteren Kommandobehörden. Unaufhörlich trafen auch
beim Zeughause neue Uniformlieferungen von Hübotter und
Schaaf in Grofsenhain und anderen Fabrikanten des Landes
ein oder Waffensendungen von Friderici in Suhl, Clanberg
in Solingen, aus Dresden und Olbernhau. Ja, selbst an aus-
ländische Firmen, z. B. Celle, Berlin, Lüttich (Luik) wandte
man sich zuletzt, da die heimische Industrie nicht imstande
war, alle die vielen bestellten Waffen und Ausrüstungsstücke
rechtzeitig zu liefern^).
^) Auf die Neuuniformierung und Neubewaftnung der sächsischen
Armee in den Jahren unmittelbar vor dem Zeithainer Lager kann
hier nicht näher eingegangen werden. Man vergleiche darüber im
allgemeinen den Bericht des Staatskalenders G. 4 Sp. 2 bis H. i
Sp. 3, der bei Schilderung der Zeithainer Parade auch ziemlich aus-
führlich der neuen, farbenprächtigen Uniformen gedenkt, ferner die
„Übersicht der sächsischen Armee im Jahre 1730" bei Schuster
und Francke, Geschichte der sächs. Armee, S. 366!, die 9 farbigen
Tafeln „Abbildung der Königl. polnischen churfürstl. sächsischen
Kriegstruppen im Zeithayner Lager vom Jahre 1730" in F. Hauthals
Geschichte der sächs. Armee in Wort und Bild (2. Aufl. Leipzig 1859)
und M. Thierbachs Arbeit über „die Handfeuerwaffen der säch-
sischen Armee" (Zeitschrift f histor. Warenkunde 111(1903 04), 89—96,
126 — 137, 160 — 170, 191 — 199, besonders 126 — 129), zu der A. Diener-
Schönbergs Aufsatz über die „Geschichte der Gewehrfabrik zu
Olbernhau in Sachsen" (m den M. Thierbach zu seinem 80. Geburts-
tage gewidmeten „Beiträgen zur Geschichte der Handfeuerwaffen"
S. 155 — 195; Nachtrag dazu in der Zeitschrift f. histor. Walfen-
kunde IV, 3 (1906), 88 f.) willkommene Ergänzungen bietet. Flinten,
Säbel, Degen, Spontons u. dergl., die im Zeithainer Lager getragen
wurden, besitzen das historische Museum und die Arsenalsammlung
zu Dresden in grofser Zahl; desgleichen verfügen die Armeesramm-
lung (z. B. Unißrmierung Ba i — 10, auch B'' i — 18 und C i — 15) und
das Kupferstichkahinett daselbst über zahlreiche Uniform bilder aus
alter und neuer Zeit, die Soldaten in den 1730 getragenen Monturen
Das Zeithainer Laster von 1730. ^3
Ganz besonders lebhaft ging- es in der Grofsenhainer
Gegend zu. Alle Dörfer in weitem Umkreise, bis Mühlberg
und jenseits der Elbe weit über Riesa hinaus, trafen Anstalten
zur Unterbringung und Beköstigung ungezählter Gäste. Da
die Schlösser, Rittergüter und Wirtshäuser für den erwarteten
Fremdenandrang bei weitem nicht ausreichend erschienen, so
wurden Ställe und Scheunen in Schlafsäle umgewandelt, und
jeder Bauer, der nur irgend eine Stube entbehren konnte,
richtete diese, so gut es gehen wollte, als Fremdenzimmer
ein. Auf den Feldern aber nordöstlich Riesa, zwischen
Lichtensee, Wülknitz, Streumen, Radewitz, Glaubitz und Zeit-
hain konnte man schon seit dem Frühjahre 1729 den Feld-
darstellen. An letzteres (Ca 88 s) wurden im Jahre 1846 vom Haupt-
staatsarchiv 28 die sächsische Infanterie und Kavallerie 1730 be-
treffende farbige Uniformzeichnungen abgegeben, die zu dem
Aktenstück Loc. 1056 Acta varia (t. 183!) gehörten. Zwei andere
grofse und sehr schön ausgeführte Zeichnungen von Grands Mus-
quetaires, deren wirkungsvolle Uniform eine Modellpuppe in der
Arsenalsammlung veranschaulicht, liegen noch in Loc. 436 Acta
Militärsachen bei. Vol. IV f. 91— 94.
Von Akten kommen für dieses weitschichtige Thema, das
interessant genug wäre, einmal gesondert behandelt zu werden, so
ziemhch alle zum Zeithainer Lager gehörigen und aulserdem noch
viele besondere Akten in Frage, die hier nicht aufgeführt werden
können. Wie sehr sich August der Starke selbst um die Neu-
uniformierung und -bewaffnung seines Heeres kümmerte, lehren die
eigenhändigen Bemerkungen, die man allenthalben in diesen Akten
findet, vor allem aber das Faszikel 12 in Loc. 2097, das nur „Mili-
tärische Bekleidungs- und Bewaffnungs- Vorschriften König Augusts IL
von Pohlen" enthält. Als besonders beachtenswert sei daraus hervor-
gehoben, dafs der König f. 21 (bez. 25) ausdrücklich den Offizieren
eigenmächtige Änderungen an den Uniformen, wie sie häufig vor-
gekommen waren, verbietet: „II est a ordonner que les officiers ne
fassent rien changer aux armes, spontons, hellebardes, epees, dra-
peaux, 6tendards, curasses, mais que les conserveat dans l't^tat
et mt^sure oü ils les recoient et qu'on a ordonn6. L'experience
a donne que chacun a change . . . ii sa fantaisie; mais si se trouve
quelquechose a mt-lioriser, que le dissent On verra, si ce[la] sera
une chose ä permettre".
Mit der Neuequipierung wurde durchaus radikal verfahren.
Alles wurde neu, von der Uniform der Generale (vgl. Loc. 2097
a. a. O. f. 22 und Loc. 1064 f. 148) bis hinab zu den Knöpfen und
Flintensteinen der Gemeinen. Für die Offiziere waren diese ^lafsnahmen
besonders hart. Da ihnen „auf die anzuschaffen erforderte kost-
bahre und ordinaire, folghch doppelte Mundirung soviel abgezogen
wurde", blieb ihnen, wie Wackerbarth in seinem grofsen Immediat-
berichte vom 8. Mai 1730 (Loc. 1056 I f. iSz^) rneinte, „kaum von
ihrem Tractament soviel übrig, ihr Leben damit kümmerlich hin-
zubringen". Am 28. Mai „legte der gantze Hoff, wie auch die Armee,
die neue Livree und Montur an" (OHA. I f. 6^).
54 Hans Beschorner:
messer Dietze mit seinen Gehilfen sehen, wie er die Fluren
ausmafs und in grofse Risse brachte, während in dem nahen
Gohrischwalde hunderte von Bauern und Bergleuten damit
beschäftigt waren, einen Teil des Gehölzes niederzulegen,
die Wurzehi zu sprengen und aus dem Boden herauszureifsen.
Seit dem Herbste 1729 blieben alle diese vermessenen Felder
unbestellt^). Wo sonst Saaten sprofsten, da wuchs jetzt unter
der künstlerischen Leitung des durch den Zwinoerbau be-
rühmt gewordenen Landbaumeisters Pöppelmann aus Holz
und Leinwand eine luftige Stadt empor mit langen Strafsen,
weiten Plätzen und kunstvollen, nach dem Geschmacke der
Zeit steif und symmetrisch angelegten Gärten. Alles, was
man nur wünschen konnte, war vorhanden in dieser improvi-
sierten Leinwand - und Bretterstadt mit ihren teilweise ziem-
lich entlegenen Vorstädten, zu denen man die Dörfer Rade-
witz, Streumen, Glaubitz, Zeithain und Moritz ruhig rechnen
konnte. Da waren anmutige Sommerpalais mit den zugehö-
rigen Ställen und Wirtschaftsgebäuden, grofse Speicher und
Schuppen, Schlacht- und Backhäuser, Küchen, Kneipen, Ver-
kaufsstände usw. Ja selbst ein eigenes Kirchlein, Lazarett,
Postamt und Komödienhaus fehlten nicht!
Südöstlich aber des Gohrischwaldes liefs man bis nach
Streumen, Radewitz und Zeithain hin einen 4 km breiten und
etwa 5 km langen Platz frei, dessen Ausdehnung durch sechs
gefällige, ebenfalls von Pöppelmanns Meisterhand geschaffene
Sandsteinpyramiden gekennzeichnet wurde. Sorgfältig ebnete
man diesen Platz, belegte ihn, zum Teil wenigstens, mit
Rasen und steckte durch bunte Pfähle gewisse Richtlinien
ab. Ungefähr in der Mitte aber führte Pöppelmann einen
zierUchen, mit Wall und Graben umgebenen Pavillon auf,
von dessen Fenstern aus man weithin die Gegend übersah-).
Man kann sich denken, wieviele fleifsige Hände durch
alle diese Vorbereitungen in Bewegung gesetzt wurden. Aber
das rege Treiben, das seit dem Herbste 1729 in der Zeit-
hainer Gegend herrschte, steigerte sich noch, als der nächste
Mai ins Land zog. Auf allen gröfseren Strafsen von Dresden,
aber auch von Leipzig her sah man lange Wagenreihen in
^) Über diese Tätigkeit Di atz es, dem der Oberstleutnant
Fürstenhoff zur Hand ging;, und die schwierige ,Jndemnisation
dererjenigen Vasallen und Unterthanen, deren Grundstücke zu dem
grofsen Campement bey Mühlberg gezogen worden", vgl. Kapitel III.
-) Über das ganz aus Zelten bestehende „Armeelager", das
„Hauptquartier" bei Radewitz und die sonstigen in den Dürfern der
Nachbarschaft errichteten Bauten vgl. Kapitel IV.
Das Zeithainer Lager von 1730. 55
der Richtung auf Zeitliaiii sich bewegen. Diese Wagen,
meist vier- und sechssjDännig, waren hoch bepackt mit allem,
was der Mensch nur irgendwie zu seines Lebens Nahrung
und Notdurft braucht. Gleichzeitig aber glitten zahllose
mächtige Kähne, von denen zum Zeichen freier Durchfahrt
blau-gelbe Fähnchen wehten, den Eibstrom herab und lieferten
in die bei den Dörfern Moritz und Nünchritz gelegenen Lager-
häuser allerhand Nahrungsmittel und Efswaren ab: Getreide,
Gemüse, Fleisch und Wildpret, Fässer voll Wein und Bier,
daneben auch Kisten mit Waffen, Fahnen, Uniformstücken
u. dergl. Auch an allerhand Kostbarkeiten fehlte es nicht.
Alles , was die Silberkammer, das Grüne Gewölbe und das
Holländische Palais irgend an Silber, Gold und Porzellan ent-
behren konnten, wurde zur Stelle geschafft, auch manch
neues kostbares Service auswärts bestellt^).
Hatte man aber bisher nur Handwerks- und Geschäfts-
leute eilfertig durcheinander laufen sehen, so begann Mitte
Mai das Bild sich mit allerhand Uniformen zu beleben. Am
10. Mai trafen das Bataillon Janitscharen und zwei Schwadronen
Grenadiers ä cheval ein und bezogen ihre Zeltlager am Süd-
westrande des grofsen Manöverfeldes. Es folgten an den
nächsten Tagen die anderen Regimenter, die Infanterie-Regi-
menter „Königlicher Prinz", „Herzog von Sachsen-Weifsenfels",
„von Löwendal", „von Wilcke", „von Böhn" und wie sie
sonst alle heifsen, bis am 23. Mai die ganze sächsische Armee
versammelt war"-), zusammen über 50 Schwadronen und gegen
1) Nähereshierübervo;!. namentlich in Kapitel VI. Die Transport-
wagen mufsten von den Untertanen im Lande bespannt werden.
Die nötigen Pferde und Knechte zusammen zubekommen, machte
grofse Mühe; vgl. Loc. 1056 II f. 167 f. (daselbst zahlreiche „Speci-
ficationen derer "Knechte und Pferde, so zu Bespannung der Proviant-
Wagens und Zelt-Caleschen bey der Armee oder den einzelnen
Regimentern erfordert worden"). Die Kähne Ueferten namentlich
Christoph Weber (3 grolse Schiffe), Gottfried Krieger (6 Schiffe
und 5 Käffer) und Barthel Weber (1 Kahn).
-) Über das Einrücken der Regimenter vgl. von Mansberg
S. 289, dazu Loc. 1056 I f. 105c und f. 146g: f., II f. 222—235 und f.
3691!., Acta variaf. 161, 163, 193, Loc. 106411731, Loc. 10931 Vif.
129! und Vll f. if., Loc. 10947 Paquet Ordres f. 270 — 394, OHA.
I f. 99! Die Versammlung der Truppen war nicht schon am 18. Mai,
sondern erst am 23. beendet. An diesem Tage, an dem auch zum
ersten Male die „Retiraite nach geschehenem Kanonenschufs geblasen
wurde" (OHA. I f. 4), trafen als letzte die ,, Ulaner oder Tartarn" ein,
die so grofses Aufsehen machten; vgl. über sie Staatskalender G. i
Sp. 3, von Mansberg S. 295, Militärwochenblatt XCI (1906) Nr. 40,
auch diese Zeitschrift XXVII, 114. — Zu der „Lista derjenigen
Generals-Persohnen , welche während der grofsen Revue Dienst thun
e6 Hans Beschorner:
30 Bataillone, d. h. mit den „Überkompleten", den zahlreichen
Wachtmannschaften ') und Proviantknechten etwa 30000 Mann-).
werden", bei von Mansberg S. 290 vgl. Loc. 1056 I f. i, II f. 212 f. Was
die einzelnen Offiziere, vom General bis hinunter zum jüngsten
Kadetten, an Equipage, Fourage, Extrazulagen usw. bekamen, er-
sieht man aus Loc, 1056 II f. 80 — 144, woraus von Mansberg als Beispiel
den Fourierzettel des Herzogs zu Sachsen -Weifsenfeis mitteilt, und
aus Loc. 1056 Acta varia f. 39 f.
') Das Campement zog natürlich eine Menge Gesindel in die
Gegend. Am 18. Juni lieferte z. B. der Amtsfrohn nicht weniger als
1 1 Vagabunden und Bettler, die sich im Hof lager herumgetrieben
hatten, und einen ,,Kerl, so am 15. auf dem Pavillon einem Cavalier
die Uhr stehlen wollte", nach Grofsenhain ins Amt ab (OHA.
I f. 20 b). Deshalb und zur Aufrechterhaltung der militärischen Ord-
nung mufste ein grofser Wachtapparat, über den von Mansberg S. 294
einiges bringt, aufgeboten werden. Welche Schwierigkeiten das
Stellen der verschiedenen Wachen für den Hof, die Fürstlichkeiten,
das Lager usw. machte, ersieht man am besten aus dem langen
Promemoria Wackerbarths vom 16. Juli 1729 Loc. 1056 II f.24— 50, dem
zahlreiche Pläne und Tabellen beigegeben sind; dazu Loc. 1056
Acta varia f. 40 f. Gegen Feuersgefahr wurden noch besondere
Vorsichtsmafsregeln getroffen. Das königliche Palais und die Küchen
wurden z. B. von 11 Feuerwächtern und 5 Zimmerleuten (OHA.
II f. 133I, das Illuminationsgebäude von 20 Gemeinen und 2 Unter-
offizieren (Loc. 1093 1 f. 68), die ausgedehnten Magazine von einem
Invaliden-Bataillon zu vier Kompagnien bewacht, die aus den 2^'.,
Wittenberger und den 3 Invalidenkompagnien zu Eisleben, Wermsdorf
und Meifsen gebildet worden waren (vgl. Kriegsarchiv, Loc. 2219
Acta das vorhabende Campement der dienstleistenden Invaliden-
Kompagnien betr. 1729).
-) Die 30000 Mann in Zucht zu halten, war nicht leicht. Deshalb
wurden genaue Lager Vorschriften erlassen, die in der „Disposition
g6n6rale, wonach sich die Armee bey der Grofsen Revue zu regu-
liren", (Loc. 1056 II f. 249—298, Loc. 10947 Paquet Ordres f. 178 — 250,
Loc. II 005 General-Dispositiones Fascikel II) und in dem ,, Reglement
qui contiendra la discipline necessaire convenable aux lois militaires,
comme aussi de pr(§voir ä l'occasion du campement en lui-meme
et aux environs du concours extraordinaire" (Loc. 10947 Paquet Ordres
f. 572 — 583), enthalten sind. Erstere, die nicht mit den in Kapitel X
besprochenen „Dispositiones zu den Manoevern" verwechselt werden
darf, besteht aus dreizehn meist umfänglicheren Kapiteln, die die
Ausgebung der Parole (I), die Rapports (II), die Wachten (III, mit
4 Tabellen als Beilagen), die Ordonnanzen (IV, mit einer Beilage), das
Piquet (V), die Ronden und Visitirung der Lager- und Feldwachten
(VI), die Honneurs (VII), den Gottesdienst (VIII), die Reveille (IX), die
Retraite (X), die Schaar-Wacht (XL das Pferdetränken (XII) und das
Fourage-, Holz- und Strohholen (XIII) behandeln. Letztere kommt
namentlich von Seite 578 in Betracht und ist an beachtenswerten
Einzelheiten reich. U. a. wurde die Zahl der im Lager geduldeten
Weiber auf das AUernotwendigste beschränkt. „Hunde, so zur Jagd
gebraucht werden, mit ins Lager zu bringen", wurde verboten, „weil das
zum Campement der grofsen Revue destinirte Terrain beynahe mitten
im Gehege gelegen". Das Jagen in diesen Gehegen wurde allen,
Das Zei thainer Lager von 1730. cy
Gleichzeitig mit den ersten Regimentern war der König,
August der Starke, und sein Hofstaat ,,aus Leipzig über
Würzen und Kalbitz im Hauptquartier bey Rädzgen (Rade-
witz)" eingetroffen, nachdem er bereits einmal vom 3. bis
5. April vorübergehend im Lager geweilt hatte, vun sich
mit eigenen Augen vom Stande der Arbeiten zu über-
zeugen-^). Vom 10. Mai an musterte er täglich vom Morgen
bis zum Abend die einzelnen Regimenter und übte persönlich
mit ihnen schwierige Bewegungen, während er zwischendurch
,,die Handpferde, die neuen Jagd-Chaisen, Phaetons, Berlinen,
Wurstwagen'' und die sonstigen Vorkehrungen besichtigte.
Mit welchem Eifer der König bei dem Einexerzieren seiner
auch den Offizieren, aufs nachdrücklichste untersagt (Loc. 10947
Paquet Ordres f. 107 f., Loc. 10931 VILf. 17). Wie streng die Disziplin
gehandhabt wurde, lassen die zahlreichen Strafen (meist 6 — 12 maliges
Gassenlaufen durch 300 Mann) erkennen , die Wackerbarth an einem
einzigen Tage, dem 28. Mai, für Desertion, verübte Deuben, Strafsen-
raub u. dergl. verhängte. Der Korporal Vollmer erhielt zwei Tage
Kurz-Gewehr -Tragen, des Tages vier Stunden, und die Musketiere
P. Schlencker , M.Simon und G. Poetzsch sechsmaliges Gassenlaufen
durch 300 Mann „ihres Verbrechens halben, dafs sie den Maleficanten
Blancken aus der Wache entspringen lassen" (Loc. 10931 VII f. 60 — 62).
Namentlich für die Offiziere war der eigenartige Erlafs vom 1 1 . April 1730
(Loc. 10947 Paquet Ordres f. 50 — 61, dazu Loc. 10931 VII f. i9f).
„Nachdem zur Genüge bekandt", heifst es darin, „dals bej^ der be-
vorstehenden grofsen Revue nicht allein viele und grofse Fürsten
und Herren, sondern auch Generals und andere Persohnen von
Distinction erscheinen werden und Ihro Kgl. Maj. einen jeden nach
Standesgebühr mit aller Ehrerbietung und zu bezeugen vermögender
Civilitaet begegnet wissen wollen", so soll solches durch die Generale
den Offizieren und Mannschaften bekannt gegeben werden. Die
Offiziere und Soldaten sollen „alles vermeyden, was jedem Frembden
den mindesten Anlafs zum geringsten Miisvergnügen zu verle5'hen
fähig". Alle Discurse, die dazu Gelegenheit geben, seien zu ver-
meiden. Der iibermäfsige Trunk sei zu unterlassen, „da zuweilen
beym Tnmcke Sachen auffs Tapis kommen, die öffters nicht so übel
gemeynet, als sie bei solcher Beschaftenheit aufgenommen werden".
Soupers, Bälle oder Spiele am Abend und „alle die Nächte con-
sumierenden Amüsements" wurden während der Revue verboten, damit
die Herren Offiziere beim Dienste frisch seien. Statt der Abend-
unterhaltungen sollen sie sich „im voraus mit dem bekannt machen,
was sie den folgenden Tag beym Exercice zu vollbringen hätten", usw.
Dafür will der König, wenn alles gut gegangen ist, den Soldaten
nachher ,,jede und alle Ergötzlichkeit, so der bej der Miliz intro-
ducirten Disciplin, auch ergangenen Ordres und m das Land ema-
nirten Ordonanzen und Mandaten, folglich auch Ihro Kgl. Maj. Dienst
und eines jeglichen selbsteigenem Besten nicht zuwider, gahr gern
vergönnen."
^) OHA. J 31, Reisen in- und aufserhalb Landes 1729 und 1730,
f. 129—139.
5 8 Hans Beschorner:
Truppen war, lehren folgende Einträge in dem ,, Diarium"
OHA I fol. 2f.: „Am 19. May besah Ihro Königl. Maj. früh
und nachmittags das Lager, früh zu Pferdt und nachmittags
auf einer chaise roulante mit zwei Pferdten. Am 20. früh
4 Uhr fuhr der König ins Lager und sah daselbst die völlige
Cavallerie exerciren, kam auch erst mittags umb 2 Uhr zurück.
Am 21. exercirte er nach der Tafel etliche Reo-imenter Ca-
vallerie, am 22. liefs er die gantze Infanterie exerciren und
Chargiren, so bis nachmittags umb 2 dauerte, am 23. war er
wieder früh und nachmittags im Lager, am 24. sah er, zu-
sammen mit dem Kronprinzen und den Ministers, die gantze
Armee vom grofsen Pavillon aus moviren und chargiren, so
bis umb 5 Uhr dauerte". Endlich exerzierte die ganze Armee
am 26. Mai von 6 bis 3 Uhr unter den Augen des Königs
und formierte die Linien. Am 28. Mai war alles so weit im
Stande, dafs er die in tadellos neuen Uniformen und Waffen
glänzenden Truppen seiner Schwiegertochter, der Kur-
prinzessin Maria Josepha, und gleichzeitig dem französischen
Gesandten, Marquis Monti, zeigen konnte, der aus politischen
Gründen die folgenden Veranstaltungen mied^).
Mittlerweile aber waren auch vmgezählte Fremde ein-
getroffen. Von Fern und Nah strömten die Leute herzu,
hoch und niedrig, arm und reich. An der Spitze der vom
Hofe eingeladenen hohen Gäste, die in einem Umkreise von
vielen Meilen in Städten, Dörfern, Schlössern und Rittergütern
untergebracht waren, erschien der König von Preufsen, Fried-
rich Wilhelm L Mit seinem Sohne, dem nachmaligen Friedrich
dem Grofsen, und seinem aus beinahe 150 Offizieren bestehen-
den Gefolge wurde er am 30. Mai in Kofsdorf feierlich emp-
fangen und am folgenden Tage mit festlichem Gepränge ins
Lager geleitet-). Ein grofses, von dem Hofmaler Alexander
Thiele gemaltes Bild im Königlichen Residenzschlosse stellt
diesen Einzug dar. Es bietet zugleich einen trefflichen Über-
l)lick über die ganze Zeithainer Gegend mit dem Lager und
allem, was dazu gehörte'^).
') Vgl. von Mansberg S. 296; der daselbst erwähnte Brief ist zu
finden Loc 1056 II f 363 t). Monti reiste ab, nachdem ihm der König
am 29. INlai noch einige Regimenter Kavallerie vorgeführt hatte
(OHA. I f. 61^ f.).
-) Wegen des oft geschilderten Empfanges des Preufsenkönigs
mit der l)erühmten Stallparade vgl. u. a, das in dieser Zeitschrift
XXVII, 115 — 117, besprochene Gedicht U. v. Königs, Staatskalender
Sp. G 1 f. und von Mansberg S. 293 f., 296, wegen derBesucher des
Campements und ihrer Unterbringung Kapitel V dieser Arbeit.
■') Vgl. diese Zeitschrift XXVII, 137 f.
Das Zeithainer Lager von 1730. ^c^
Wozu nun alle diese Riesenvorl^ereitungen? Handelte es
sich darum, eine glänzende Schaustellung zu veranstalten,
ähnlich der von 17 19, da in Dresden mit verschwenderischer
Pracht die Hochzeit des Kronprinzen und der habsburgischen
Prinzessin Maria Josepha gefeiert wurde, oder ähnlich der
von 1728, da derselbe Preufsenkönig und sein Sohn Fritz
vier Wochen lang in Dresden mit ausgesuchtester Gast-
freundschaft bewirtet wurden?
Viel ist über das Campement bei Radewitz oder, wie es
im Volksmunde heifst, das Zeithainer Lustlager geschrieben
worden. Schon während und unmittelbar nach den Manöver-
tagen erschienen zahlreiche Schriften, die in Prosa oder auch
in Versen, bald ernst, bald launig, die Begebenheiten dieses
denkwürdigen Juni darstellten und den Unwillen des Königs
erregten; denn aufser dem uns vorliegenden Kupferstichwerke
plante er noch die Veröffentlichung einer genauen amtlichen
Beschreibung des Campements durch eine berufene Feder und
liefs daher gegen die meisten Verfasser dieser minderwertigen
Machwerke einschreiten^). Alle diese Schriften erzählten
natürlich mit Entzücken von dem Glänze der Uniformen, der
Pracht, die der König, seine hohen Gäste und sein grofses
Gefolge entfalteten, von den pomphaften Veranstaltungen
beim Empfange und namentlich bei der Verabschiedving des
Preufsenkönigs , von den Theatervorstellungen, der Gaben-
lotterie, dem Tafelluxus, dem grofsen Kuchen, der Bewirtung
der ganzen Armee am letzten Tage, dem Feuerwerke und
der Schlufsjagd bei Lichtenburg-). Aber die zeitgenössischen
Schriftsteller priesen auch die militärischen Darbietungen in
überschwänglichem Tone. Ebenso schroff verurteilten dann
spätere Generationen mit wenigen Ausnahmen dieses ,, Lust-
lager" Augusts des Starken als eine lächerliche militärische
Spielerei, die dem Lande nicht, wie man manchmal liest,
tausende, sondern gewifs Millionen gekostet habe und doch
nur in Szene gesetzt worden sei, um die Welt durch ein
Schauspiel von bisher noch nicht dagewesenem Glänze in
Erstaunen zu setzen und damit auch alles von Ludwig XIV.
Geleistete in den Schatten zu stellen^). Welche Auffassung
ist nun die richtige? Wie müssen wir heute bei unserem
Stande der Wissenschaft über das Zeithainer Lager urteilen?
1) Vgl. diese Zeitschrift XXVII, 108 f.
2) Über hierher gehöria^e Einzelheiten vgl. S. 52 Anm. i, S. 58
Anm. 2, S. 72 Anm. 3 und die Kapitel IV, VI, VlI, VIIL
3) Vgl. Kapitel VIH und den Schlufs von Kapitel X.
6o Hans Beschorner:
Bis in unsere Tage hinein war man gewöhnt, in August
dem Starken den unverwüsthchen Genufsmenschen zu sehen,
der, im Bunde mit Bacchus und Venus, das Leben nur von
der heitersten Seite nahm imd sich um alles andere wenig
kümmerte. Neuerdings ist man aber auf dem Wege, den
Könipf auch noch von einer anderen Seite kennen zu lernen.
Eingehende archivaHsche Studien, die seit Jahren, wie die
Leser dieser Zeitschrift aus mehreren Aufsätzen wissen, l^rivat-
dozent Dr. Haake zum Zwecke einer ausführlichen Lebens-
beschreibung Augusts des Starken treibt, lehren uns, dai's
dieser König denn doch etwas mehr war, als ein sein Leben
nach allen Regeln der Kunst geniefsender Epikuräer, dafs er
sich neben zeitraubenden Vero-nüo[uno^en auch viel ernster Arbeit
gewidmet hat. Die Stöfse eigenhändiger Briefe und Entwürfe,
die der genannte Gelehrte im Auftrage der Königl. Sachs.
Kommission für Geschichte herausgibt, bringen den Beweis,
dafs der König mit grofsem Fleii'se seinen Regierungsgeschäften
oblag, dafs er tatsächlich der Mittelpunkt der inneren und
äufseren Politik seines Staates war und sich namentlich aller
militärischen Angelegenheiten von Anbeginn mit gröfster Liebe
und Hingebung annahm^). Von Kindesbeinen an schwärmte
er, wie er selbst mehrfach bekannt hat, für das Soldaten-
handwerk und blieb zeitlebens ein begeisterter Soldat vom
Scheitel bis zur Sohle. Konnte es für diese Soldatennatur
etwas Schmerzlicheres geben, als die Erfahrungen des Nor-
dischen Krieges, in dem die bisherige sächsische Heeresver-
fassung völlig Fiasko machte? Es ist bekannt, wie August
der Starke durch die Niederlagen der Jahre 1702, 1703 und
1706 an der Düna, bei Klissow, Pultusk und Fraustadt, denen
gegenüber die Siege bei Thorn, Kaiisch und Punitz 1704
nichts zu bedeuten hatten, alle seine Hoffnungen scheitern sah,
wie er Polen einbüfste und soo^ar den feindlichen Schweden
seine sächsischen Länder preisgeben mufste. Diese Scharte
auszuwetzen, war sein sehnlichster Wunsch. Aber er liefs sich
nur erfüllen nach völliger Umgestaltung der sächsischen Heeres-
verfassung, die im Kampfe gegen Karl XII. so gänzlich
Schiffbruch gelitten hatte. So betrachtete er denn diese Um-
gestaltung als eine der wichtigsten Aufgaben seines weiteren
Lebens.
') Zu dem Folsjenden v^l. meinen Aufsatz „Aui^ust der Starke
als Suldat" in den von J. Jlberg und B. Gerth herausgegebenen
Neuen Jahrbüchern für das klassische Altertum, Geschichte und
deutsche Literatur 1905, 1. Abteilung, XV, 220—230.
Das Zeithainer Lager von 1730. 61
Sachsen besafs zur Zeit des Nordischen Krieges bereits ein
sogenanntes „stehendes Heer", aber diese auf Johann Georg III.,
den Vater Augusts des Starken, zurückgehende Schöpfung hefs
noch, wie der Augenschein lehrte, viel zu wünschen übrig.
Kein Regiment besafs beim Ausrücken die vorgeschriebene
Sollstärke, Verluste im Kriege aber mufsten unersetzt bleiben,
da ein geregeltes Ersatzwesen fehlte; denn der uns geläufige
Gedanke, dafs jeder gesunde junge Mann seinem Landesherrn
zur Heeresfolge verpflichtet sei, war damals den Untertanen
noch völlig fremd. Die Waffen, ferner Uniformen und Aus-
rüstungsstücke waren entweder in unzureichender Menge vor-
handen oder, wenn doch vorhanden, in schlechtestem Zustande.
Die nötige Munition liefs sich nur mit Mühe beschaffen, nament-
lich fehlte es der Artillerie an schwerem Geschütz, um einio-er-
mafsen gut befestigte Plätze mit Erfolg belagern zu können.
Auch die ordentliche Verpflegung und Unterbringung der
Truppen machte grofse Schwierigkeiten. Yov allem aber
fehlte es immer an Geld, um die Soldaten pünkthch zu be-
zahlen. War es unter solchen Umständen ein Wunder, wenn
sich die Leute auf eigene Faust zu verschaffen suchten, was
sie zu einem einigermafsen erträglichen Leben brauchten,
und wenn so die Disziplinlosigkeit der sächsischen Truppen
einen geradezu sprichwörtlichen Umfang annahm?
Das alles mufste anders werden, sollte das sächsische
Heer in Zukunft den Anforderuno-en ernster Krieefe o-e-
wachsen sein. Am liebsten wäre August der Starke gleich
1707 nach dem Abzüge der Schweden ans Werk gegangen.
Aber er mufste sich gedulden; denn während sich Karl XII.
in der Türkei herumtrieb, dauerte der Nordische Krieg für
Sachsen noch bis in den Winter 17 16 fort. Namentlich die
Belagerung von Stralsund hielt lange auf. Aber auch nach-
dem friedlichere Zeiten eingekehrt waren, durfte der König
seinen Ständen nicht grleich mit a^rofsen Militärforderuno-en
kommen. Er sah sich im Gegenteil genötigt, den Bestand
seines Heeres .stark zu vermindern. Aber sobald die Wunden
des Krieges leidlich vernarbt waren, begann er mit den
Reformen und setzte sie mit immer wachsendem Eifer bis
an sein Lebensende fort. Der Erfolg war, dafs er 1733 die
Augen mit dem Bewufstsein schHefsen konnte, seinem Sohne
eine Armee von 30000 Mann zu hinterlassen, die wirklich den
Namen eines gut funktionierenden stehenden Heeres ver-
diente. Die einzelnen Truppengattungen setzten sich nun-
mehr aus einer ganz Ijestimmten Anzahl fest in sich geglie-
derter Regimenter zusammen, diese Regimenter aber blieben
62 Hans Beschorner:
fortan im wesentlichen unverändert bestehen, während früher
die im Kriege gelichteten Regimenter einfach zu neuen zu-
sammengeschweifst oder überhaupt aufgelöst worden waren..
Vor allen Dingen aber hatten diese Regimenter den Cha-
rakter privater Unternehmungen verloren, der ihnen bisher
mehr oder weniger innegewohnt hatte. Früher, namentlich in
der Zeit des Söldnerwesens, hatte die Bildung der Regimenter
in den Händen von Obersten gelegen, die mit diesem Ge-
schäfte möglichst viel Geld zu verdienen trachteten. Von
ihnen hatten die Fürsten beim Ausbruche von Kriegen die
Regimenter gestellt bekommen und zufrieden entgegennehmen
müssen, was ihnen an Offizieren, Mannschaften, Pferden,
Waffen und Ausrüstungsstücken geliefert wurde. Das war
nun anders geworden. Die Regimenter waren von jetzt ab
staatliche Institute, an deren Spitze der Landesherr stand.
Er überwachte die Vollständigkeit des Etats, er ernannte und
beförderte die Offiziere, über die er zu diesem Zwecke genaue
Konduiten führte, er ordnete Art der Bewaffnung, Bekleidung
und Ausrüstung an, er sorgte für eine tüchtige Ausbildung
der Mannschaften und hielt strenge militärische Zucht auf-
recht i).
Namentlich seit dem Jahre 1729 nahmen die Heeres-
reformen einen erstaunlichen Umfang an, vielleicht in Rücksicht
auf kriegerische Verwickelungen mit den Habsburgern, zu
denen die politischen Verhältnisse") zu drängen schienen. Die
ganze Armee wurde zunächst stark vermehrt. General Graf
Wackerbarth erschrak nicht wenig, als ihm Frühjahr 1729
der König aus Polen die geplante Heeresvergröfserung mit-
teilte und zugleich seine Absicht zu erkennen gab, die ver-
mehrte Armee 1730 in ein grofses Campement zusammen-
zuziehen''j. ,,Wie Pilze schössen ja jetzt, wenn es nach des
*) Vgl. über die verwandten Vorgänge in PreufsenG. Schmoller,
Die Entstehung des preufsischen Heeres von 1640 — 1740, in seinen
„Umrissen und Untersuchungen" (1898) S. 247 — 288 (zuerst erschienen
in der „Deutschen Rundschau" III (1877J, Heft iij.
-) Über diese und das Verhältnis zwischen August dem Starken
und Friedrich Wilhelm I. von Preufsen in den Jahren 1728 — 1730
s. J. G. Droysen, Friedrich Wilhelm I., 2. Band (= Gesch. der
preufsischen Politik IV, 3-), S. gSf., und P. Haake, La soci6t6 des
antisobres, in dieser Zeitschrift XXI, 241—254. Darin auch mehrere
treffende Bemerkungen über das Zeithainer Lager (S. 250 f.).
") Völlig überraschend kam übrigens dem Grafen Wackerbarth
die Nachricht nicht; denn in einem eigenhändigen Schriftstücke
des Königs „vor den General Wackerbart" Loc. 2097 Nr. 15 f. i, das
sjjätestens in den Sommer 1728 gehört, heifst es: „Les gardes-du-corps
Das Zeithainer Lager von 1730. 63
Königs Willen gehe, die Bataillone aus der Erde", meinte
er und schrieb auch etwas derartiges seinem königlichen
Herrn, diesem offen seine Verwunderung und seine Be-
fürchtungen aussprechend. Als August der Starke die Äufserung
las, brach er in ein herzliches Lachen aus und meinte:
„Attendez! Je lui rephqueroi bien ses Champignons et je
l'attraperoi sur le projet qu'il m'a envoj^e, de conserver le
surplus de 4000 recrus." In mehreren Briefen enthüllte er
dann dem erstaunten Generale seine weitgehenden Pläne und
löste ihm — die Wendung kehrt mehrmals in den Schreiben
wieder — ,,das Rätsel von dem Garten (oder den Gärten),
worin die Kompagnien wie Champignons aus dem Boden
schössen"^).
Die Armee wurde aber nicht nur beträchtlich vermehrt,
sie wurde auch vollständig neu eingekleidet, neu bewaffnet
und nach neuen Exerzierreglements eingedrillt. Auf die
Neuausstattung seines Heeres hat August der Starke nicht
weniger Sorgfalt verwendet, als auf die Schaffung der neuen
Exerziervorschriften-). Sachsen hatte bereits seit den neunziger
Jahren des 17. Jahrhunderts ein festes Exerzierreglement, das
den Namen ,, Anleitung zur Drillekunst" führte und auf den
Generalfeldmarschall H. A. vonSchöning zurückging. Diesem
ersten Versuche waren 1704 — 1705 neue, von den Generalen
J, M. von der Schulenburg und J. H. von Flemming
stammende Reglements für die Infanterie und Kavallerie ge-
folgt, hatten aber, trotzdem sie mehrfach umgearbeitet und
viennent l'annee 1728 dans l'october, Baudis 1729 juin, [les] chevalier-
gardes et Baudis seront de ret[o]ur ä Varsovie 1730 septembre.
L'annee 1729 au moi de juillet l'armee doit faire le long de l'Elbe
divers campements ä 2 et 3 regiments et les generaux devaient
etre partag^s, pour y assister. L'annee 1730 l'armee doit faire
un campement general ä Torgau ou a Mülberg au mois
de juillet. Les autres ann^es ils devaient toujours faire des
campements le long des rivieres, [ä] Wittemberg 2 regiments de
dragon, Pretzsch 2 regiments de cavallerie, Torgau 3 regiments
d'mfanterie, Strehla 2 regiments d'infanterie, Meissen 3 regiments
d'infanterie, Dresden 2 regiments de cavallerie, Pirna 2 regiments
de dragon.
^) Vgl. das Schreiben des Oberstleutnants und Generaladjutanten
Carl Friedrich Pöppelmann an Wackerbarth vom 15. Juni 1729
Loc. 10947 Pacjuet Ordres f. sssf und die verschiedenen Briefe des
Königs Loc. 2097 Nr. 15 f-s», s^ und Loc. 1211 VlI» (Brief vom 6. Juli
1729 aus Warschau).
'-) Über die Akten zur Geschichte der sächsischen Exerzier-
reglements, die im Folgenden nur kurz angedeutet werden konnte,
und über das Verhältnis Folards zum Zeithainer Lager vgl. Kapitel X.
64 Hans Beschorner:
enveitert wurden^ doch auf die Dauer ihrem Zwecke nicht
zu genügen vermocht. Deshalb hefs August der Starke in
den zwanziger Jahren auf Grund der von seinen Generalen
im Kriege gemachten Erfahrungen neue Exerzierreglements
ausarbeiten, nachdem er die alten zunächst durch Interims-
reglements ersetzt hatte. Der Entwurf des neuen Kavallerie-
Exerzierreglements stammt aus dem Jahre 1720, der des neuen
Infanterie - Reglements, das den Obersten Hildebrand zum
Verfasser hatte, aus dem Jahre 1722. An diesen Entwürfen
wurde noch lange herumgebessert. Namentlich wurden wohl
die Neuerungen berücksichtigt oder zum mindesten erwogen,
die der Chevalier J. Ch. de Folard in seinen 1724 erschie-
nenen ,,Nouvelles decouvertes sur la guerre dans une disser-
tation sur Polybe" und in seiner 1727 — 1730 veröffentlichten,
mit breitem \vissenschaftlichen Apparat versehenen ,,Histoire
de Polybe nouvellement traduite du Grec par Dom Vincent
de Thuillier" vorgeschlagen hatte. Erst 1729 wurden die
neuen Reglements endgültig in der Armee eingeführt und zu-
nächst regimenterweise unter Aufsicht und Anleitung zweier
Exerzitien meister (Oberst von Ludewig bei der Infanterie,
Oberstleutnant von Milckau bei der Kavallerie) in besonderen
Exerzier-Campements eingeübt. Oktober 1729 besuchte der
König in eigener Person alle diese Übungslager und über-
zeugte sich vom Stande der Dinge. ,,Ich weifs nicht", heilst
es in einem der „remarquablen curieusen Briefe" vom 7. No-
vember 1729^), ,,ob man observiret, dafs unser itztregirender
allergnädigster Landes - Fürst jemahln sein getreues Sachsen
auf einmahl also durchzogen und völlig durchreiset, auch in
einer Zeit von vier Wochen eine Tour von 98'/.-, Meilen glück-
lich zurückegelegt und darinnen Dero gesamte Armee besehen,
allergnädigst beliebet, wie im verwichenen Monath October
geschehen. — Der Anfang dieser Landes-Reise (bei der am
24. Oktober die beiden Königlichen Majestäten August der Starke
und Friedrich Wilhelm I. von Preufsen in Lübben zusammen-
trafen) geschähe den 5. Oktober von Leipzig aus, da
den gedachten 5. Oktolier in Gross-Zschocher das erste
Reg. Guarde- Infanterie,
') Iccander, Kurtzgefafstes sächsisches Kern-Chronicon (Zu-
sammenfassung der „Remar(iual)len curieusen Briefe . . . merkwürdiger
Begebenheiten ... im Churfürstentum Sachsen"), anderer Band, Leipzig
1732, S. 636—638. Nicht ganz mit den Angaben Iccanders über die
Inspektionsreise des Königs stimmt die „Tabelle des revues" in
Loc. 3331 Lettres du comte de Wackerbarth au comte de Mann-
teuffel 1728/29, f. 233, überein.
Das Zeithainer Lager von 1730. 65
den 6. Oktober in Gröbern be}' Leipzig das Hackeborn.
Cuirassier-Reg.,
den 9. Oktober in Kindelbrück das Weissenfelss. Reg. In-
fanterie und das Goldacker. Drag. -Reg.,
den 12. Oktober zu Tröglitz bey Zeitz das Crüger. Reg,
Cavallerie,
den 14. Oktober in Zwickau das Höhnische Reg. Infanterie,
den 15. Oktober zu Planitz bey Zwickau die Kattischen
Dragoner,
den 16. Oktober in Chemnitz das Printz-Gothische Res:.
Infanterie,
den 17. Oktober in Langenrinne bc}- Freyberg das Pr,-
Friedr.-Reg. Cuirassier,
den 18. Oktober in Dressden das March. Regfiment In-
fanterie, item das Weimar. Bataill. Guarde,
den 20. Oktober in Bautzen das Löwenthal. Reg. Infanterie,
den 22. Oktober in Guben das andere Reo-. Guarde -In-
fanterie,
den 23. Oktober in Lübben die Klingenbergischen Dragoner,
den 25. Oktober zu Zweta bey Torgau die Arnstadt.
Dragoner,
den 26. Oktober in Torgau die Cailaische Infanterie,
den 27. Oktober in Grossenhayn das Wilckische Reg.
Infanterie,
den 28. Oktober eine Stunde von Grossenhayn die Cron-
printz. Cavallerie,
den 29. Oktober in Döbeln die Cronprintz. Infanterie
die Revue passiret".
Die Einführung dieser neuen Exerzierreglements, zu denen
auch neue Reglements für die Garnisontruppen und neue
Marsch-, Verpflegungs- und Besoldungsreglements traten,
kostete natürlich viel Geld, ebenso wie die Anschaffung der
neuen Waffen und die Anfertigung der neuen Uniformen.
Aber das Geld war nützlich angewendet; denn es kam nun
wirklich eine Armee zustande, mit der man, wie August der
Starke befriedigt äufserte, etwas anfangen und sich im Felde
sehen lassen konnte, die, wie er ebenfalls mit Genugtuung
betonte, der Stellung Sachsens im Reiche entsprach und dem
Lande die Möglichkeit gab, sich im Bunde mit anderen Staaten
seiner Feinde zu erwehren^).
*) Vgl. Loc. 2097 Nr, 2 f. 5 und 6, wo August der Starke in einem
eigenhändigen Schriftstücke betont, ,,avoir mis l'arm^e sur un pied
de s'en servire et de se laisser voir en campagne sur le pied de
Neues Archiv f. S. G. u. A. XXVIII. i. 2.
66 Hans Beschorner:
Dafs August der Starke den Wunsch hatte, diese neu ge-
schaffene und neu einexerzierte Armee einmal beisammen zu
sehen, um sich an ihrem AnbHcke zu freuen und sie mit Ge-
nugtuung der staunenden Welt zu zeigen, ist vom mensch-
lichen Standpunkte wohl verständlich. So veranstaltete er
denn im Juni 1730 das Zeithainer Lager, um hier die General-
musterung über seine neu gekleideten und bewaffneten Truppen
abzunehmen und im Anschlüsse daran die neuen Reglements
auf ihre Brauchbarkeit beim Exerzieren in grofsen Verbänden
zu prüfen. Dabei sollte sich auch praktisch zeigen, was von
den theoretisch viel erörterten Neuerungen Folards zu
halten war.
Aber es leiteten Augu.st den Starken auch noch andere
Gedanken, die ihn, wie seine Papiere lehren^), sehr lebhaft
l)eschäftigt haben. Seit 16 Jahren hatte seine Armee nicht
mehr im Felde gestanden, seit 18 Jahren hatte er selbst keine
Gelegenheit mehr gehabt , seine Truppen gegen den Feind
zu führen. Das war schlimm. Die alten Generale, die Er-
fahrung besafsen und etwas von Truppenführung verstanden,
waren tot oder abgegangen, die neu ernannten aber hatten
keine Ahnung davon, wie es im Kriege zuging und was der
Krieg eigentlich von ihnen verlangte. Handgriffe machen
lassen und ein, vielleicht auch zwei Regimenter kommandieren,
verständen sie allenfalls, meinte August der Starke. Das ver-
lange man aber schon von jedem Major, während die Generale
zu Höherem berufen seien. Ebenso ungewohnt aber, wie
den Generalen, war den unteren Offizieren und den Soldaten
die Bewegung in gröfseren Verbänden, Zudem kannten die
Untergebenen ihre höheren Vorgesetzten gar nicht. Mufsten
nicht diese Übelstände, die die Folge einer allzu langen
Kriegsentwöhnung waren, nachteilig auf die Schlagfertigkeit
der Armee wirken? Und weiter: Änderten sich nicht auch
mit den Zeiten die miHtärischen Grundsätze? Die Alten,
bekannte August der Starke einsichtsvoll, hatten hinsichtlich
der Kriegsführung ganz andere Anschauungen, als wir Modernen,
und auch unsere Nachkommen werden wahrscheinlich vieles
ändern und einen andern Standpunkt einnehmen.
25000 hommes", und an einer anderen Stelle, „avoir mis l'armoe sur
un pied tel (jui conviens pour la Saxe laquelle, i>ar des alliances, se
peut soutenir contre un ennemi qui l'a voulu atta(jue".
') Vgl. die Ka])itel IX und XI, wo die wichtigsten Schriftstücke,
auf denen die foli^ende IJarstellung l)eruht, im Wortlaute mit-
geteilt sind.
Das Zeithainer Lager von 1730. 67
Alle diese Erwägungen liefsen August dem Starken für
Sachsen ebenso wie für alle mit Armeen ausgestatteten Staaten
die Forderung als durchaus notwendig erscheinen, im Frieden
schon den Krieg zu üben, d. h. vonZeitzuZeit sogenannte Campe-
ments zu veranstalten. Diese Übungslager sollten den Gene-
ralen, die er ,,die Seele der Armeen" nannte, und vor allem dem
Chef en general Gelegenheit geben, mit gröfseren Verbänden
Formations- und Frontveränderungen, Marschbewegungen und
Manöver auszuführen , ähnlich wie sie die Majore (colonels !)
mit ihren Regimentern übten, und zwar schnell und unter
möglichster Ausnutzung des Geländes. So allein, äufserte
August der Starke, lernten die Soldaten und ihre Führer schon
in Friedenszeiten, was sie im Ernstfalle l^rauchten, und ent-
behrten nicht aller Erfahrung, wenn es zum Kriege käme,
sondern wüfsten sich vor dem Feinde zu benehmen. Ins Ein-
zelne gehende Regeln liefsen sich dafür nicht geben. Die
Ordre de bataille und die Art des Schiagens hingen stets
von den besonderen Umständen ab und wechselten je nach
dem Feinde, mit dem man es zu tun habe. Sache der Führer
sei es, in jedem einzelnen Falle anzuordnen, was ihnen in
Rücksicht auf Feind und Gelände zweckdienlich erscheine.
Immer aber müfsten sie ihre Truppen in der Hand haben.
Das sei jedoch nur möglich, wenn sie schon in Friedenszeiten
daran gewöhnt worden seien, die verschiedenen Waffen sach-
gemäfs zu handhaben und die mannigfaltigsten Bewegungen
auszuführen, sodafs sie nach Belieben da verwendet werden
könnten, wo sie gebraucht würden.
Um die Truppen in Atem zu halten, erachtete es August
der Starke für notwendig, dafs diese grofsen Armeeübungen,
diese Kriegsschulen für Offiziere und Mannschaften, min-
destens aller drei Jahre wiederholt würden, natürlich nicht
immer in genau derselben Weise, sondern mit Änderungen.
In den dazwischen liegenden Jaliren aber sollten kleinere
Übungen, Regimentsexerzieren und separierte Camps, abge-
halten werden, wie sie auch früher schon stattgefunden hatten,
z. B. 1718 und 1728 bei Dresden, 1725 bei Elstra und
gleichzeitig bei Pillnitz. August der Starke hat auch nach
diesem Grundsatze gehandelt: 1731 begnügte er sich mit
kleineren militärischen Übungen'). Dagegen veranstaltete er
1732, ein halbes Jahr vor seinem Tode, bei Warschau
') Vgl. Kriegsarchiv, Loc. 1842 Campements, worein sämtliche
Gardes und Regimenter zu Pferde und zu Fufs der Musterung und
des Exercircns halber ."iusammengezogen worden, 1731.
5*
68 Hans Beschorner:
wiederum ein grofses Campement, das, wie die Akten und
namentlich die in der Königlichen Bibliothek zu Dresden
darüber vorhandenen Prachtwerke ausweisen, nicht viel hinter
dem Zeithainer Lager zurückblieb ^).
Ganz neu war dieser Gedanke der grofsen Armeeübungen
nicht, wenn sie sich auch, wie ein Zeitgenosse, der bekannte
General Schulenburg, bezeugt-), bisher in engeren Grenzen
bewegt hatten. In Frankreich wurden bereits seit den
Tagen Ludwigs XIV. von Zeit zu Zeit sämtliche Truppen zu
gemeinsamen Lagern vereinigt, von denen das mit gröfstem
Pompe 1698 bei Compiegne veranstaltete am meisten Auf-
sehen machte, und auch in Sachsen hatte schon Johann
Georg III. mehrmals, z. B. 1685 und 1688, ähnliche Exerzier-
lager abgehalten'^). Ob August der Starke an das Vorbild
seines Vaters gedacht, ob er sich der schönen Pariser Parade
erinnerte, die er als Jüngling (1687) auf seiner Kavaliertour
voller Begeisterung sah, bleibe dahingestellt. Jedenfalls wurde
bei ihm der Gedanke, die grofsen, in bestimmten Zwischen-
räumen wiederkehrenden Armeecampements in seinem Lande
^) Genaueres über dieses Lager bei Warschau bringt Kapitel XI.
Wegen der Truppenübungen bei Dresden 1718 vgl. Kap. X (das unter
Nr. II aufgeführte Aktenstück), wegen ,,des zu einer Generalrevue
anljeraumt gewesenen Campements bey dem Dorffe Elster (Amt
Wittenberg) 1725" das Aktenstück Loc. 10944 (auch Loc. 1057 Die
Verstärckung und Mol^ilmachung der Armee, ingl. das vorgewesene
Campement bey Wittenberg betr., 1723, 1725; Loc. 10922 Ordres
die zum Campiren bey Wittenberg destinirten Regimenter betr.,
1725; Loc. 10923 Revue im Campement 1725, mit dazu gehörigen
Rissen und Plans), wegen des Pillnitzer Campements S. 75 und 76
mit Anmerkung x), endlich wegen des „Campements bey Dressden
(( )stra), worein die Regimenter Cronprinz-Cuirassirer, Frinz-Friedrich-
CAÜrassirer und Klingenberg -Dragoner 1728 gezogen worden", das
entsprechende Aktenstück im Kriegsarchiv Loc. 1841.
-) S. in dem S. 69 Anmerkung i mitgeteilten Schreiben Schulen-
burgs vom 7. Juli 1730.
") Über die Entwickelung des Manövergedankens in den ver-
schiedenen europäischen Ländern vgl. neuerdings die vom Grolsen
Generalstabe herausgegebene Einzelschrift (Abteilung für Kriegsge-
schichte II, Heft 28 — 30) „Die taktische Schulung der Preufsischen
Armee durch Kernig Friedrich den Grossen während der Friedens-
zeit 1745 bis 1756", Berlin 1900. Es kommen vor allem S. 391 und
der Anhang Nr. 2, S. 657 f., in Frage. — Die beiden ersten sächsischen
Exerzierlager bei Torgau 1685 und 1688 erwähnen Schuster und
Francke, Geschichte der sächsischen Armee I, 112 und 113. Über
letzteres ist ein besonderes Aktenstück vorhanden Loc. 10818 Campe-
ment der churfürstl. sächfsischen Infanterie sowohl Cavallerie und
Dragoner vor Turgau 1688.
Das Zeithainer Lager von 1730. 69
einzuführen, geboren aus der Erkenntnis ihrer unbedingten
Notwendigkeit und aus dem Zwange der Verhältnisse.
Mit welcher Sorgfalt und Gründlichkeit der König alle,
auch die kleinsten Vorbereitungen traf, ist erstaunlich, und
man darf es dem eben genannten Schulenburg ruhig glauben,
dafs unter allen Zeitgenossen er allein imstande war, sich
eine derartige Schaustellung auszudenken, vorzubereiten und
durchzuführen. Nur ein Mann von seinem Genie, von seiner
Geschicklichkeit und seiner Grofsartigkeit konnte nach Schulen-
burgs Ansicht ein so weitschichtiges Unternehmen, das nicht
nur an sich schon eine Riesenarbeit bedeutete, sondern auch
noch eine Unzahl einzelner Mafsregeln vmd Anordnungen er-
forderte, ins Werk setzen und die für die Lösung all der
schwierigen Aufgaben geeigneten Kräfte ausfindig machen').
Die erste Sorge des Königs war, nachdem er sich ein-
mal für die Veranstaltung des Campements entschlossen hatte,
einen geeigneten Platz dafür auszusuchen. An welche Gegen-
den er vielleicht noch gedacht hat, lassen die Akten nicht
erkennen. Jedenfalls entschied er sich für den oben näher
beschriebenen zwischen Mühlberg und Grofsenhain, nachdem
er ihn am 5. April 1729 zusammen mit dem Oberstleutnant
Poeppelmann genau besichtigt hatte. Bereits Juni 1729 Hefs
er von Polen aus dem Generale Wackerbarth den Situations-
plan zugehen, auf dem das ,,Campement, la grandeur de la
place pour les mouvements, oü doit etre mis le pavillon, la
place choisie pour le quartier du Roy avec d'autres annotations"
eingetragen waren, um ihm ,,eine umfassende Idee seiner In-
tentionen" zu geben, und bat ihn, seine Ansichten darüber
1) Mit Rücksicht auf das Zeithainer Lager schrieb Schulen-
burg („Leben und Denkwürdigkeiten Johann Matthias Reichsgrafen
von der Schulenburg" I [1834J S. 4971)' am 30. Juni 1730: „Le roi de
Pologne est peut-etre l'unique sou verain qui soit capable de lui-meme
d'imaginer et d'executer tout ce qu'on voudrait entreprendre, soit le
s^rieux et le magnifique ou le divertissement. II serait ä souhaiter
qu'il y eut phisieurs monarques, princes et souverains de son g^nie,
de son habilett- et de sa magnincence." In einem Schreiben vom
7. Juli 1730 aber meinte er: „II faudra convenir que le roi de Pologne
a peut-etre autant de connaissance des affaires de guerre et sans
doute plus que la plupart des g^neraux d'aujourd'hui, 6tant outre
cela unique ä imaginer, ;i regier et ä disposer les choses le plus
ä propos pour ces sortes de spectacles, et ce qu'il y a de plus ä
admirer, c^est que ce.monarque est le premier mobile d'une aftaire
d'une si grande ^tendue, qui n'exige pas seulement un grand travail,
mais encore une infinite de reglenients et de dispositions de detail,
ä quoi vient encore que tant de diff6rents genies doivent etre mis
en 6tat de bien ex^cuter ce qui leur ä ete commis."
70
Hans Beschorner:
zu äufsern^). Der Platz l^efriedigte den König in hohem
Mafse. ,,Die Natur", so begründete er seine Wahl, ,, bietet
hier nach vorn eine Ebene von 6000 Schritt ohne alle Hinder-
nisse, zur Rechten einen Sumpf, zur Linken ein Gehölz und
im Rücken einen Flufs, so dafs man von drei Seiten gedeckt
ist und in der Front nach Belieben handeln kann. An dieses
Gelände hat man sich zu halten, um die Schaulustigen zu
befriedigen (eine der wenigen Stellen, wo der König auf die
Zuschauer Rücksicht nimmt!). Hätte man andere Bodenver-
hältnisse vor sich, würde man andere Anordnungen treffen.
Aber für diesmal mufs das Publikum mit dem zufrieden sein,
was es zu sehen bekommt."
Wann sollten ferner — das war die zweite wichtige
Frage — die Manöver stattfinden? Frühjahr, Herbst und
Wintet kamen natürlich überhaupt nicht in Frage, Von den
Sommermonaten aber boten auch die meisten ihre Nachteile.
Abgesehen davon, dafs selbstverständhch die Felder un-
bestellt bleiben mufsten, fehlte es im Mai an Gras und Heu,
wenn man dies nicht in o-rofsen Matjazinen aufhäufte. Im
Juli und August mufsten Menschen und Tiere allzu sehr unter
Hitze und Staub leiden. Der September aber war seit alters
her ausschhefslich der Jagd vorbehalten. Blieb also nur der Juni,
und für diesen entschied sich auch schliefslich der König.
Drittens aber: wie lange sollte das Campement währen?
Unter 10 Tagen ging es auf keinen Fall. Beschränkte man sich
auf diese kürzeste Dauer, so mufste jeden Tag exerziert werden.
Das aber war für die Truppen zu anstrengend. Infolgedessen
entschlofs sich der König, allemal zwischen zwei Exerzier-
tage einen Rasttag einzuschieben und so die ganze Veran-
staltung auf einige Wochen auszudehnen. Die Zahl der Wochen
aber hing wieder davon ab, was man zeigen wollte. Alles
im Kriege Vorkommende konnte man unmöglich bieten. Vieles
wurde schon durch die Rücksichtnahme auf das eng begrenzte
Manöverfeld ausgeschlossen. Ganz richtig äufserte der König:
„Wollte man zwei in ganz getrennten Gegenden versammelte
Armeen gegeneinander ojierieren lassen, so gestatten das ein-
fach der Wassermangel, die Verlegung der Magazine, die Um-
quartierung der Truppen und tausend andere Unbequemlich-
keiten nicht. Wollte man aber eine Art Belagerung vorGrofsen-
hain darstellen, so verbieten das ebenfalls die Unbe(iuemlichkeit
des Marsches, die Verlegung der Magazine, die Unterbringung
') Vgl. die beiden Briefe P()ppe]manns vom 5. April (aus Zeyd-
han datiert) und 15. Juni 1729 Loc. 10947 Paquet Ordres f. 555!. und 564.
Das Ztithainer Lai:;er von 1730. yi
der Zuschauer und der Mangel an Zeit. Solche grofs an-
gelegte Übungen, die etwa drei Monate dauern und ganz
andere Magazine beanspruchen würden, mufs man späteren
Jahren vorbehalten. Fürs erste sind sie undurchführbar."
Aber auch wenn man die Lagerdauer statt auf drei Monate
nur auf drei oder vier Wochen ansetzte, mufste man von
vornherein auf viele wichtig^e Dino^e verzichten. So strich
der König einfach die Vorführungen des Wacht- und Vor-
postendienstes, Alarmes, Abmarsches und Hinterhaltes, der
Fouragierung, Eskorte, Plünderung und Fascinage, die er in dem
ersten Programmentwurfe auf die Rasttage angesetzt hatte.
Ja trotz seiner ausgesprochenenVorliebefür alles Artilleristische
und Fortitikatorische gab er es, wenn auch schweren Herzens,
auf, die Verwendung der Kanonen, Mörser und Minen dar-
zutun. Ursprünglich dachte er daran, für diese Vorführungen
den II. Juni zu benutzen^), einen Sonntag, der gerade zwischen
zwei Rasttage fiel. Der Morgen sollte der Andacht gewidmet
sein und ohne militärische Übungen verlaufen. Aber nach
Tisch sollte sich der Hof hinter das Lager begeben, um die
hier in Parade aufgestellte Artillerie und Pionierabteilung zu
besichtigen. Zunächst sollten diese Handgriffe zeigen, dann
aber sich an ihre Geschütze begeben und mit ihren Kanonen
und Mörsern hantieren. Mit Kugeln. und Bomben sollte gegen
flüchtig aus Schanzkörben hergerichtete Befestigungen ge-
schossen werden. Endlich sollte der Feind durch Feuer und
unterirdische Minen zur Aufgabe seiner Stellung gezwungen
werden. In dieser Weise wollte August der Starke die Be-
Stimmung der Artillerie und die Tätigkeit der Mineure ver-
anschaulichen, die sonst im Lager ganz unnütz waren. Die
Schanzarbeiten sollten von den janitscharen, deren man sich
vielfach als Pioniere bediente, während der Revue ausgeführt
werden. Aus Mangel an Zeit mufste, wie gesagt, auch auf
diesen Teil des Programms verzichtet werden. Übrigens sei
noch bemerkt, dafs August der Starke streng von diesen
artilleristischen Übungen das feu d'artifice, das Feuerwerk,
schied, das bisher immer als Sache der Artillerie angesehen
') Das Folgende ist im grofsen Ganzen eine Übersetzung der
eigenhändigen Niederschrift Augusts des Starken Loc. 2097 Nr. 15
f. 9 f. (Abschrift Loc. 10947 Paquet Ordres f. 506), die mit den Worten
beginnt: „Comme pendant la revue on demontre en detail l'^cole
de la guerre et ensuite comme on Joint ensemble tous ces pieces
des dragons, [de laj cavallerie, Infanterie, artillerie, pour s'en servire
en difterents mouvements, il serait dommage de ne pas produire la
Service du canon, des mortiers et mines".
-7 2 Hans Beschorner:
worden war. „Es diene", sagte er, ,,dem Vergnügen, nicht
dem Ernste, est bien pour la rejouissance, mais pas pour
le serieux; deshalb gehöre es an das Ende der ganzen
Revue" 1).
Vom I. bis 23. Juni fanden mm die Übungen in genauer
Anpassung an die Stärke der Truppen, die Beschaffenheit
des Geländes imd die zur Verfügung stehende Zeit nach dem
vorgesehenen-) Programme statt, das sich allerdings infolge
der schlechten Witterung und der Erkrankung der beiden
Könige etwas verschob. Eröffnet wvirde die Reihe der fest-
Hchen Tage mit einer grofsartigen Parade, die der König
über seine gesamte, von dem Generalfeldmarschall Grafen
V. Wackerbarth befehligte Armee abnahm'^). An der Seite
König Friedrich Wilhelms I, von Preufsen ritt er, umgeben
von einer farbenprächtigen Ehrenwache vmd begleitet von
einem glänzenden Gefolge, in dem auch die Damen ^) nicht
fehlten , die zwei hintereinander aufgestellten Treffen ab
und begab sich dann nach den Zelten, die vor der Front
errichtet waren. Sobald hier alles versammelt war, begannen
1) An der S. 71 Anmerkung i angegebenen Stelle.
-) Vergl. Loc. 1056 II f. 371™, Acta varia f. 42, 49, 50, 134; Loc.
1064 f. i; Loc. 10947 Paquet Ordres f. 547!; dazu OHA. I f. i02f.
^) Die genaueste Schilderung der Parade mit Beschreibung
der Regimenter im Staatskalender G. 3 Sp. 4 — H. i Sp. 3. Daselbst
auch eine Bemerkung über die Kleidung des Königs. Das mit
silbergefafsten „sächsischen Diamanten" (Zabeltitzer Kieseln) besetzte
Zaumzeug und der grünsammetne Sattel mit Goldstickerei, den
August der Starke im Lager bei Radewitz benutzte, sind im Histo-
rischen Museum zu Dresden zu sehen (Katalog S. 199). Hinsichtlich
der Eskorte, deren auch der Staatskalender (G. 2 Sp. i) gedenkt,
besagt eine Nota OHA. I f. ii4t>: „Wenne beyde Könige ausfuhren,
ritten nicht nur 9 Towarischen, so geharnischt waren, Tiegerhäute
umb und kleine Fahnen in Händen, der eine aber den Rofsschweiflf
führete, voraus, sondern es folgten auch 8 rot und gold propre ge-
kleidete Ungarische Edelleuthe und soviel Pockojovien oder Pohl-
nische Pages und 6 Türeken und soviel Paicken oder Pohlnische
Heyducken in sehr prächtigen Kleidern zu Fusse, so jedesmahl also
geschehen". Über die „kostbahre Kleidung derer sechs grofsen
Caramertürcken, so nach der Arth, als selbige beym Einzug Ihro
Königl. Hoheit der Prinzessin anno 1719 gewesen", gibt ein Befehl
des Grafen Brühl vom 28. April 1730 Aufschlufs (Loc. 900 XXXI f. 116).
Sie bestand aus „Oberrocken, Unterröcken, CafFtans, grossen Hosen,
Echarpen, Turbans (davon die zwey ältesten zum Wechfsel jeder
zwey bekommen), gelben saffianisclien türckischen Stiefeln (davon
gedachte zwey auch zwey Paar und der Grölste überdieses noch
ein Paar ganz grofse erhalten), cannefasnen Camisöhlern (jedem
drey und hierüber jedem zwey Paar feine Strümpffe), weifs tuchenen
Mänteln und rothen holländischen tuchenen türckischen Hosen".
') Die Liste der im Lager anwesenden Damen s. S. 109 f.
Das Zeithain er Lager von 1730. 73
die zwischen den Bataillonen aufgestellten Geschütze, 24 schwere
und 48 Feldgeschütze, den Salut zu feuern, der zweimal
wiederholt wurde ^). Zum Schlüsse fand Parademarsch korps-
und regimenterweise statt, wobei die einzelnen Truppen-
gattungen in Kompagnie- bez. Schwadronfronten unter den
Klängen der für diese Gelegenheit komponierten Parade-
märsche'-) im Schritt vorbeidetilierten.
Am 3. Juni begann dann das Einzel-Exerzieren, und zwar
ganz allgemein in der Weise, dafs die verschiedenen Truppen-
gattungen an verschiedenen Tagen unter mannigfachen
Evolutionen nach dem Pavillon rückten, wo der Hof ver-
sammelt war, sich um diesen herum aufstellten, ihre Griffe,
Chargier ungen usw. zeigten und dann wieder, ebenfalls unter
gleichzeitiger Vorführung von allerhand Formationsverände-
1) Obwohl das Pulver bei dieser Gelegenheit, ebenso wie bei
den folgenden Manövern, nach dem einstimmigen Zeugnis aller
Berichterstatter nicht geschont wurde, war der Verbrauch nach
unseren Begriffen nur gering. Der Soldat bekam 126 Patronen zu
verschiefsen, auf deren Hülsen 16 Bogen Papier gingen, so dafs ein
Bataillon 16 Riefs 4 Buch Papier brauchte; vgl. Loc. 10947 Paquet
Ordres f. 147 — 177. Aufserdem wurden 60000 papierne Handgranaten
ausgegeben; vgl. Thierbach a. a. O. S. 129. Den gesamten ., Munitions-
aufgang bey der grofsen Revue" verzeichnet Loc. 14573 Pulver-
mühlenbau 1731 und '1 732 betr. (am Schlüsse).
*) Der Staatskalender J. 3 Sp. 4 berichtet zwar nur bei dem
Feuerwerke, dafs die auf den Schiffen untergebrachten „Musicchors,
welche von allen Trompetern, Pauckern und Hautboisten der gantzen
Armee gebildet wurden", beim Vorbeidefilieren vor den hohen
Herrschaften die Regimentsmärsche gespielt hätten, , .jedes Chor den
March seines Regiments". Man darf aber mit Bestimmtheit an-
nehmen, dafs diese Märsche auch schon bei der Parade am ersten
Tage gespielt wurden. Sie sind, wie aus einigen Stellen in den
Papieren Augusts des Starken hervorgeht, auf Anregung des Königs
für das Zeithainer Lager komponiert worden und die ersten Bei-
spiele von Regimentsmärschen in der sächsischen Armee; vgl.
K. Xeefe, Die Entwicklung der kur- und königlich sächsischen bi-
fanteriemusik von den ältesten Zeiten bis Ende des 18. Jahrhunderts,
in dieser Zeitschrift XVIII (1897), 109 — 125 (namentlich i"2of.). Bisher
wurden die Märsche der Regimenter: Er.-^te Garde (jetzt Grenadier-
Regimenter Nr. 100 und loi), zweite Garde, Königlicher Prinz,
Pnnz von Sachsen-Gotha (jetzt Regimenter Nr. 102 und 103), von Böhn,
du Caüa (jetzt Regimenter Nr. 104 und 105), von Löwendal, Herzog
von Weifsenfeis, von Drefsky (jetzt Regimenter Nr. 106 und 107),
Marche bez. Graf Rutowski wieder aufgetunden und von O. Schmid
1902 unter dem Titel „Die Infanterie- Märsche der vormaligen chur-
fürstl. Sächsischen Armee 1729" bei C. A. Klemm (Leipzig, Dresden,
Chemnitz) herausgegeben (eine andere Ausgabe mit farbigem Titel-
blatt, das u. a. einen Grenadier von 1730 mit geschultertem Gewehr
zeigt, bei Breitkopf u. Härtel). — Die Musikkorps der einzelnen
Regimenter beschreibt genauer Staatskalerder G.4 Sp.4undH. i Sp.2.
74
Hans Beschurner:
rungen und Marschbewegungen, ins Lager zurückkehrten.
Leider wurde dieses Einzel -Exerzieren durch die kahe Witte-
rung sehr gestört. Beide Monarchen zogen sich nämlich am
Abend des 3. Juni infolge der „durchdringenden Kälte" ein
böses Schnupfenfieber zu, das bei dem Preufsenkönige am
5. Juni einen starken Gichtanfall mit ,,grofsen Schmerzen an
der linken Hand und im linken Arm" zur Folge hatte und
ihn veranlafste, aus seinem luftigen Prachtzelte nach ,,den
vordersten Zimmern in dem königlichen Hause am Berge, so
unser allergnädigster König räumte", überzusiedeln. Da beide
Regenten einige Tage das Bett hüten mufsten, konnte das
Einzel -Exerzieren, das am 3. Juni von den Dragonern er-
öffnet und am 5. von der gesamten Kavallerie fortgesetzt
worden war, erst am 10. weitergehen, und zwar fanden die
Vorstellungen der Infanterie am 10., der Artillerie am 12. und
der Lanzer am 13. nachmittags statt. Letztere stachen zu-
sammen mit den Polnischen Husaren nach Ringen und brachen
schliefslich ihre Lanzen an eigens dazu aus Stroh hergerich-
teten Maschinen. Das Wetter blieb während all dieser
Übungen schlecht. Zu der Kälte gesellte sich auch noch
am 12. Regen und Wind. Durch diese Unbilden der Witterung
wurde namentlich die Artillerievorstellung sehr beeinträchtigt,
die zweifellos als ein Glanzpunkt aller; Darbietungen ge-
dacht war.
Auf diese Besichtigungen der einzelnen Truppengattungen
folgten vom 15. bis 19. Juni Exerzitien der ganzen Armee,
und zwar am 15. nach Folardschen Grundsätzen in Kolonnen,
am 17. in Phalanges oder Linien und am 19. in Karrees. An
die Leistungen der Truppen wurden hierbei die gröfsten An-
forderungen gestellt. Bei den Phalanxübungen führte z. B.
die ganze in drei Gliedern aufgestellte Armee eine Achtel-
schwenkung um, die eigene Mitte aus! Die Karreeübungen
hatten teilweise bereits den Charakter exerziermäfsiger Ge-
fechte. So wurde u. a. gezeigt, wie sich die Infanterie in
verschiedener Weise durch Karreebildung gegen anreitende
Kavallerie schützt. Die gesamte Kavallerie machte vom
Gohrischwalde her eine Attacke, wurde aber von der In-
fanterie, die ein Breit -Karree gebildet hatte, abgewiesen.
Als sich die Kavallerie hierauf, in zwei Abteilungen geschie-
den, zu einem Angriff auf die beiden Flanken anschickte,
formierte die Infanterie schnell Längs -Karree und fing mit
den beiden Langseiten den dopj^elten Stofs auf. Hierauf zog,
oder lichtiger gesagt, w ickelte sich die Infanterie, jede Kom-
pagnie immer unter dem Schutze der anderen KomiDagnien,
Das Zeithainer Lager von 1730. j^
nach dem Dorfe Streumen, von wo sie auf Umwegen erst gegen
5 Uhr abends ms Lager zurückkehrte.
Zwischendurch besichtigte der König von Preufsen an
den Rasttagen einzehie Truppengattungen, z. B. am 14. und
20. das Leibreginient Grenadiere (OHA. I. f. 18 und 21b),
besah sich die Uniformen genau (vgl. Journal officiel bei
von Mansberg S. 302) und hefs sich militärische Neuerungen
vorführen, wie die Maultiere mit den türkischen Wasser-
schläuchen am 2. Juni (Staatskalender H. i Sp. 3). Bei einer dieser
Gelegenheiten hat er gewifs auch den grofsen Paukenwagen,
der bei dem Artillerieexerzieren am 12. Juni seine besondere
Aufmerksamkeit erregte, genauer besehen und zeichnen lassen
(Staatskalender H. 2 Sp. i). Das Wunderwerk, das „im Jahre 1730
kurtz vor dem in aller Welt berühmten Radewitzer Campe-
ment von Herrn Gottfried Schmidt aus Lauban . . , erfunden"
wurde und ,,aus zehn also in einer erhabenen Stellage
rangirten Paucken bestand, dafs sie alle zehn von einer Person
o-eschlaofen werden konnten", ist wohl beschrieben in dem
Traktat ,,Von dem königlichen curieusen completen Paucken-
spiel, dergleichen noch niemahlen vorher in der Welt gehört
worden, und einem ingenieusen Pauckenschiff", Nr. 178 der
,,Remarquablen curieusen Briefe .... im Churfürstenthum
Sachsen 1731" (S. 806 — 808).
Den Abschlufs der Manöver bildeten zwei Felddienst -
Übungen gröfseren Stils. Bei der ersten handelte es sich um
die Erzwingung eines Eibüberganges durch ein Armeekorps,
ÄhnHche Übungen hatte August der Starke schon früher ge-
sondert veranstaltet, z. B. 1725 bei Pillnitz; denn nach dem
umfänglichen Aktenmaterial ist diese Pillnitzer Übung, an der
die Garde du Corps, die Kadetten -Kompagnie, die beiden
Infanterie - Regimenter Marche und Rudolstadt, zwei Kom-
pagnien Artillerie und die drei Kompagnien des sogenannten
Lusthäuser-Bataillons teilnahmen, durchaus ernst zu nehmen.
Sie ist keinesfalls, wie man häufig lesen kann, nur eine be-
sonders wirkungsvolle Nummer in dem reichhaltigen Programme
der Festlichkeiten gewesen, die anläfslich der Hochzeit der
Gräfin Auouste Constantia Cosel mit dem Oberkammerherrn
Heinrich Friedrich Grafen von Friesen veranstaltet wurden.
Es handelte sich dabei um die Erstürmung einer Befestigung,
die an der Elbe aufo;eworfen war und durch eine Flottille von
der Wasserseite her geschützt wurde. Lange wehrte sich die
Besatzung gegen alle Belagerungskünste der Angreifer, mufste
aber schliefslich doch den Widerstand aufgeben. Nachdem
ein Teil der Schanzen durch Minen in die Luft gesprengt
y6 Hans Beschorner:
worden war (wobei, wie nicht nur der Volksmund, sondern
auch die Akten zu erzählen wissen, 15 ausgestopfte Grenadiere
mit aufflogen!), zog sie sich zunächst auf die benachbarte
Eibinsel zurück, die in Eile mit Bollwerken versehen wurde,
und suchte schliefslich auf der zu Hilfe gekommenen Flotte
das Weite').
Gröfser als diese Pillnitzer Übung war das Manöver am
21. Juni 1730 angelegt, dem der König mit seinen Gästen
von einer auf dem linken Eibufer zwischen Riesa und Gröba
gelegenen und mit 9 kostbaren grünen Zelten geschmückten
Schanze zusah. Der Grundgedanke war der, dafs ein auf
dem linken Eibufer hinter Gröba stehendes Armeekorps
zwischen Gröba und Bobersen die Elbe überschreiten wollte.
Um den zwischen Zeithain und Glaubitz lagernden Feind irre
zu leiten, liefs der Führer des Korps, der General Wolff
Heinrich von Baudis, ein paar Bataillone in die Nähe des
Dorfes Moritz marschieren und unter dem Schutze einer
Flotte mit grofsem Lärm einen Scheinübergang in Szene
setzen. Während sich nun zwischen diesen und einiefen vom
Feinde zur Aufklärung entsandtfen Bataillonen ein hitziges
Gefecht entwickelte, begann die Baudisische Armee den ge-
planten Übergang auf einer sogenannten Inventionsbrücke,
d. h. einer Brücke, die erst längs dem Unken Eibufer lag und,
aufsen mit Buschwerk versehen, vom jenseitigen Ufer nicht
bemerkt werden konnte, dann aber über den Strom gezogen
wurde. Die zuerst übergesetzten Truppen warfen, um den
Übergang der Nachfolgenden zu decken, ein Retranchement
in einem rechten Winkel auf, dessen Scheitel in der Richtung
auf Röderau lag und dessen einer Schenkel sich an Bobersen,
der andere an die Elbe (südwestlich Lessa) anlehnte. Während
nun die feindliche Armee, die ihre Täuschung gemerkt hatte,
in Doppelkolonne von Zeithain über Röderau heranrückte und
den Angriff auf die Verschanzung von Promnitz und Röderau
her eröffnete, segelte die Flotte, mit den bei dem Schein-
manöver verwendeten Bataillonen an Bord, die Elbe hinunter.
Eine die Durchfahrt hindernde Schiffbrücke bei Riesa wurde
durch schwimmende Minen in die Luft gesprengt. Darauf
gingen die Schiffe, nachdem sie die Trvippen ans Land ge-
') Genau ist dieses Festungsmanüver, dem auch Hansch in
seiner Geschichte des Köni<2;l. Sächsischen higenieur- und Pionier-
korps (Dresden 1898) S. 82 einen längeren Abschnitt widmet, auf
aktenmäfsiger Grundlage beschrieben in Über Berg und Thal
XXVIII. Jahrgang (1905), S. 430—435 (,.,Die Pillnitzer Fest- und
Manövertage Juni 1725").
Das Zeithainer Lager von 1730. yy
setzt hatten, bei Lessa vor Anker und bombardierten mit
ihren Geschützen den stürmenden Feind in der Flanke.
Da mit Eintritt der Dunkelheit, abends V29 Uhr, das Re-
tranchement noch nicht genommen war, mufste der Über-
gang der Baudisischen Armee als gelungen betrachtet
werden ^).
Auch am 23. Juni, dem Tage des Combats, der Schlacht,
wurden die vorhandenen Streitkräfte in zwei Armeekorps ge-
teilt. Das eine, unter dem General Adolph Herzog zu Sachsen-
Weifsenfels, nahm am Rande des Gohrischer Gehölzes Auf-
stellung, das andere, von Wackerbarth befehligte, am gegen-
überliegenden Rande des Manöverfeldes. Unter den üblichen
Sicherheitsmafsregeln rückten dann beide Parteien, selbst-
verständlich vom Pavillon aus gut sichtbar, gegeneinander
vor. Von der Kavallerie wurden Patrouillen vorgeschickt
und Feldwachen ausgestellt, die fleifsig ,,recognoscirten und
zugleich alle, so sie verdächtig hielten, aufhüben, zu ihrem Kom-
mandeur führten und examinirten". Dabei kam es zwischen
den beiderseitigen Vorposten, den Ulanen und Husaren, zu
einem hitzigen Vorpostengefechte, das infolge seiner Leb-
haftigkeit bei den Zuschauern groisen Beifall fand. Mittler-
weile hatten sich die beiden Armeen einander genähert,
schwenkten zur Front, zur Schlachtlinie ein und gingen
unter Kanonendonner und Flintengeknatter gegeneinander vor.
Schritt für Schritt mufste die Wackerbarthsche Armee zunächst
weichen. Bald aber wandte sich das Glück ihr zu. In ein-
stündigem zähen Kampfe gelang es ihr, die Weifsenfelsische
Armee bis in die Nähe des Gohrischer Holzes zurückzutreiben
und sie schliefslich durch Bedrohving mit einem Kavallerie-
Flankenangriffe zur Räumung des Feldes zu zwingen: sie ver-
liefs ihre Aufnahmestellung am Rande des Gehölzes und trat
den Rückzug durch dieses an. Nach diesem rühmlichen
Erfolge marschierte Wackerbarth mit seinen siegreichen
Truppen nach dem Lager zurück.
Damit endeten die militärischen Darbietungen des Zeit-
hainer Lagers, die auch schon bei flüchtiger Betrachtung durch-
aus nicht den Eindruck machen, als seien sie nur auf Befriedi-
gung einer schaulustigen Menge berechnet gewesen. Wer aber
vollends sie unbefangen afi der Hand des grofsen, auf Befehl
1) Eine ausführliche Schilderung dieses an interessanten Einzel-
heiten reichen Manövers s. im Staatskalender H.4 Sp. i — I.2 Sp.i;
desgl. s. 1.2 Sp. I — L3 Sp.i eine durch zwei einfache Skizzen er-
läuterte Darstellung der folgenden Schlacht.
y8 Hans Beschorner:
des Königs herausgegebenen Kartenwerkes ^) und der verschie-
denen in dieser Zeitschrift XXVII, 117 f., besprochenen amt-
lichen und nichtamtHchen Berichte genauer prüft, kann sich
gewifs dem Eindrucke nicht verschUefsen, dafs es sich um
durchaus ernste Absichten handelte. Zweifellos war Auoust
der Starke bemüht, seine neu geschaffene Armee der Welt
') Über dieses Kartenwerk ist bereits in dieser Zeitschrift
XXVII, i24f., ausführlich gehandelt. Die daselbst ausgesprochene
Vermutung, ,,dafs es von Offizieren des Ingenieurkorps'',
nicht aber von Zürner gezeichnet worden sei, bestätigt sich durch
Loc. 10947 f. 252! In einer Registratur vom 3. März 1730 entschuldigt
sich nämlich der Oberstleutnant Pöppelmann (nicht der Oberland-
baumeister) bei mehreren Generalen, dafs verschiedene, näher be-
zeichnete Pläne des Zeithainer- Lager -Werkes noch nicht vollendet
seien ; sie würden aber demnächst fertig gestellt werden. Ungefähr
in dieselbe Zeit gehört zweifellos die undatierte ,,Specification derer
verfertigten Zeignungen mit kleinen Figuren von denen Mouvements,
so im grofsen Campement bey Zeidhaj-n 1730 mit der Armee repre-
sentiret worden, wieviel schon albereits in Kupffer gestochen und
was sowohl an Zeignungen als Kupffern zu Complettirung des
grolsen Werkes fehlt" (Loc. 1056 I f. 332t)— d). Danach sind 127 Zeich-
nungen fertig, 61 auch schon gestochen; 64 dagegeu, das Hoflager
und der Situationsplan müssen noch gestochen werden. Das Werk
ist also halb fertig. Dafs es aber noch vor der Revue vollendet
wurde, darf man annehmen. Zum mindesten wurden alle auf die
Manöver bezüglichen Pläne vorher fertig gestellt; denn nach Loc.
10947 Paquet Ordres f. 244 — 269 bekamen sie alle Generale, General-
leutnants und Generalmajore im Laufe des März ausgehändigt, um
mit ihren Offizieren an der Hand der Risse die Bewegungen und
Manöver durchzusprechen. Nur die letzten Blätter, z. B. ,,die Plans
von dem Tage du passage de la rivicre'', wurden erst m letzter
Minute fertig und konnten daher erst im Lager selbst vei teilt werden.
Übrigens wurden die Offiziere streng angewiesen, „die empfangenen
Risse und Dispositiones äufsersten Fleifses zu secretiren und solche
niemandem, denen sie nicht zu wissen nötig, zu communiciren".
Ehe die Pläne in Kupfer gestochen wurden, prüfte sie der König
sehr genau und änderte manches noch eigenhändig daran; vgl. Loc.
1056 II f. 20. Auch entwarf der König, wie Loc. 1064 f. 285 zeigt,
]iersönlich den Titel für das Kartenwerk. Er sollte ursprünglich lauten :
,, Topographie du Campement de Zeithayn fait par les troupes de Saxe
de Sa Majesie le Roy de Pologne oii on a represente les difterents
Corps dont eile a ete composee, leurs ^volutions en particulier et en
general, apres les avoir joints ensemble". An Stelle dieses Titels
wählte man aber sj^äter doch einen anderen; vgl. diese Zeitschrift
XX VII, 125. Unter den Titel wünschte August der Starke fol-
gendes Register gesetzt zu sehen: i, le quartier royal, 2. tous les
camps, 3. l'armee en parade sur 2 lignes, 4. exercice des dragons,
5. revue de l'infanterie, 6. exercice de la cavallerie, 7. exercice des
lanciers et picjuiers, 8. exercice de Tartillerie, 9. mouvements par des
colonnes, 10. mouvements par des lignes, 1 1. meles (= melee) et combat
de la cavallerie et Infanterie, 12. passage de la rivit-re et l'atta(|ue d'un
retranchement, 13, bataille, 14. teu de joj'e ou de St. Jean, 15. sepa-
Das Zeithainer Lasjer von 1730. yg
in ihrem vollen, frischen Glänze, aber auch in ihrer trefflichen
Schulung zu zeigen. \'ür allen Dingen lag ihm daran, den
König von Preufsen, den er für künftige, vielleicht gar bald
bevorstehende Kriege als Bundesgenossen geworben hatte und
nun noch fester an sich ketten wollte, von der kriegerischen
Brauchbarkeit seiner Truppen zu überzeugen^). Nach preufsi-
schem Muster hatte er seine Armeereformen durchgeführt.
Sein natürlicher Sohn Rutowski hatte in die preufsische Armee
eintreten müssen, um deren Einrichtungen genau zu studieren.
Proben der neu einzuführenden Waffen und Uniformen hatte der
Preufsenkönio- meist erst zurBeo-utachtung vorgeleo^t bekommen.
Aufmerksam hatte endlich August der Starke selbst mehrmals
preufsische Truppen exerzieren sehen, das letzte Mal auf dem
ration. Das Reg;ister ist in mehrfacher Hinsicht beachtenswert;
u. a. ersieht man daraus, dafs ursprünglich in dem Kartenwerke auch
eine Darstellung^ des grofsen Feuerwerks, die man entschieden ver-
mifst (s. diese Zeitschrift XXVII, 140), geplant war.
Dafs Andrea Zucchi tatsächlich das von Ingenieuroftizieren
gezeichnete Werk gestochen hat und andere Stecher, wie Mylius
und Krügner (vgl. diese Zeilschrift XXVII. 125), nicht in Frage
kommen, lehrt der Eintrag indem ,, Aufsatz zur Neujahrsmesse 1732"
Loc. 354 (Chatoullensachen): 600 Tir. dem italienischen Kupffer-
stecher Zuchi wegen in Kupfer gestochener Platten vom Campement
vermöge des mit ihm durch den Herrn Obristlieutenaiit Föppelmann
geschlossenen Contracts". Den Druck besorgte Accisrat Weid-
mann in Leipzig, der bei der Michaelismesse 1730 (Loc. 354 Cha-
toullensachen) .,auf Abschlag des in Kupffer zu stechenden Campe-
ments und [der] Militär- Exercices 500 Tir. zu Anschaffung des
grofsen Imperial- Pappiers und 300 Tir. zu Anschaffung der Ku])ffer-
Flatten'' erhielt. Er scheint zunächst nicht melir als 100 Exemplare
gedruckt zu haben, für die er 7256 Tir. nach und nach bekam.
Erst 1742 tauchen in den Chatoullensachen (Loc. 354) noch einmal
264 Tir. für vier Exemplare auf Im Ganzen dürften sich nach
diesen Angaben die Kosten für das Kartenwerk auf etwa 10 000 Tir.
belaufen haben. Die Summe von 200000 Tir., die Vehse a. a. O. V,
63, angibt, kann unmöglich richtig sein. Sie würde zu den an-
deren Campement- Ausgaben in keinem Verhältnisse stehen.
Das in dieser Zeitschrift XXVII, 135, bereits erwähnte Schreiben
des Grafen Brühl vom 19. Oktober 1752, das die Neuherausgabe des
Kartenwerkes durch den Conducteur Berggold betrifft, betindet
sich mit drei anderen, auf die gleiche Angelegenheit bezüglichen
Schriftstücken Loc. 1056 III f 164 — 170. Das kleinere Format, das
Berggold wählen wollte, ist besonders in folgender Stelle hervor-
gehoben: „So sind jedennoch auch sothane Kupferplatten deshalV)
weiter nicht zu gebrauchen, weil Ihro Maj. der König (Friedrich
August II.) nunmehro ein ganz anderes, von jenen weit unter-
schiedenes Format approbirt und dabe}- das ein oder das andere
annoch zu observiren anbefohlen haben".
^) Dies und das Folgende näher ausgeführt bei Haake in dem
S. 62 Anmerkung 2 genannten Aufsätze.
8o Hans Beschorner:
Tempelhofer Felde 1728 bei seinem Besuche in Berlin. Nun
wollte er zeigen, dafs das preufsische Vorbild mit Erfolg nach-
geahmt worden war, dafs sich die sächsischen Truppen den
preufsischen an die Seite stellen liefsen. Freilich im letzten
Auo-enblicke wurde er doch unsicher. Schon in seinem ersten
Schreiben an Friedrich Wilhelm^), worin er die Absicht kund-
gab, eine Revue über seine Armee zu veranstalten, und die
Wahl des Zeitpunktes, am besten Mai oder September, seinem
Freunde überliefs, fügte er den bescheidenen Satz ein: ,,Ich
weifs, meine Truppen sind nicht so brillant, wie die Euren,
aber vielleicht werden sie doch Gnade linden vor Euren Auo-en;
indem man versucht, statt unterhaltender und scherz-
hafter Schauspiele wirkliche militärische Übungen zu
bieten." Auch in das förmliche Einladungsschreiben, das am
IG. Mai 1730 nach Berlin ging, hatte er ursprünglich eine Be-
merkung etwa folgenden Wortlautes einflechten wollen: „Könnte
ich doch, das ist mein aufrichtiger Wunsch, Eurer Majestät
gespannten Erwartungen entsprechen und darauf rechnen, dafs
Eure Majestät etwaige Fehler auf Rechnung meiner eigenen
18jährigen Untätigkeit und der 16 jährigen meiner Truppen
setzen". Er schwankte jedoch, ob er so schreiben könnte, und
versuchte eine andere Fassung: ,,Eine 1 8jährige Untätigkeit
müfsten mich eigentlich zurückhalten, den erleuchteten Augen
Eurer Majestät die Fehler zu zeigen, die sich vielleicht bei
den Manövern meiner Truppen herausstellen; aber um Eurer
Majestät Freude zu bereiten, werde ich alles, was ich in meinem
Alter an Erfahrung noch besitze, zusammennehmen". So oder
ähnlich wollte er schreiben, liefs aber schliefslich doch den
Passus weg, da dieser nur geeignet war, ihn in den Augen
seines Bundesgenossen herabzusetzen.
Nur zu gern nahm Friedrich Wilhelm die Einladung an
und versicherte in seinem Dankschreiben vom 13. Mai 1730
seinem Freunde, ,,dafs er mit gröfster Freude die Gelegenheit
ergreife, sich von seines Freundes richtigem Blicke bei der
Veranstaltung kriegsmäfsiger tJbungen uud von der Güte
seiner Truppen zu überzeugen". Ja in einem zweiten Schreiben
vom 26. Mai sprach er sogar ,,von seiner äufsersten Ungeduld,
seinen königlichen Freund umarmen und seine schöne Armee
sehen zu dürfen"-). Geht schon aus diesen Schreiben her-
') Dieses und die folgenden Schreiben sind wörtlich abgedruckt
in Kapitel XII.
^) Wenn der König hier von der „schönen Armee" Sachsens
spricht, so ist das nicht nur eine höfliche Phrase. Friedrich Wil-
helm I. hat fast immer einen (i, einstigen Eindruck von den sächsischen
Das Zeithainer Lager von 1730. 81
vor, dafs Friedrich Wilhelm die Einladung zu der Truppen-
schau ernst nahm, so wird dieser Eindruck noch verstärkt
durch die Briefe des nach Berlin gesandten sächsischen
Kammerherrn Christian Levyn Grafen von Lynar an eine
unp-enannte Person in Dresden, ü. a. heifst es da in einem
Schreiben vom 22. Mai 1730, dafs der König von Preufsen
,,alle Augenblicke bis zu der glücklichen Zusammenkunft zähle,
die er mit Ungeduld erwarte", ja dafs er eines Tages sogar
beim Vorüberreiten dem Grafen zugerufen habe: ,, Schon wieder
ein Tag näher zur Parade"'}. Ganz gewifs aber hätte sich
der Preufsenkönig nicht so auf die Zeithainer Tage gefreut,
wenn es sich dabei nur um Gastereien, Theatervorstellungen,
Feuerwerke und Bälle gehandelt hätte. Davon hatte er
noch seit dem denkwürdigen Besuche am Dresdner Hofe von
1728 genug, wo er mit derartigen, ihm nicht nur gleich-
gültigen, sondern geradezu widerwärtigen Belustigungen bis
zum Cberdrusse geplagt worden war. Und wenn sich Friedrich
Wilhelm wiederholt in anerkennendster Weise über das Ge-
sehene und die untadelhafte Haltung der sächsischen Truppen
aussprach und mit vollster Befriedigung das Zeithainer Lager
verliefs"-), so ist das ein weiterer Beweis für die Ernsthaftig-
Truppen gewonnen, wie aus zahlreichen Äufserungen hervorgeht;
vgl. O. Krauske, Die Briefe König Friedrich Wilhelms L an den
Fürsten Leopold zu Anhalt -Dessau 1704 — 1740, an verschiedenen
der im Register S. 845 angegebenen Stellen.
*) Loc. 1057 Cammerexpeditiones f. 25 — 29: drei Briefe Lynars
vom 18. April, 20. und 22. Mai 1730. Der erste, der nur den Ankauf
einer ,,argenterie'' für 1300 Tlr. und einer Elenshaut (peau d'elan)
betrifft, kommt für das Zeithainer Lager nicht in Frage. Dagegen
enthalten die beiden anderen noch eine ganze Reihe bemerkens-
werter Einzelheittn. U. a. ersieht man daraus, dafs Friedrich Wil-
helm L vor der sächsischen Truppenschau durch die Besichtigung
der in Berlin garnisonierenden Regimenter und durch die Feierlich-
keiten anläfslich der Verlobung seiner Tochter Charlotte mit dem
Prinzen von Bevern am 19. Mai den Kopf sehr voll hatte und infolge-
dessen nicht dazu kam, sein Gefolge endgültig zu bestimmen [vg\.
oben S. 1081. Am 30. Mai reiste der König, der gebeten hatte, den
Capitain Haacke stets in seiner Nähe und von Keiserling bei dem
Kronprinzen einzuquartieren, über Elstra und Zelle nach Kossdorf.
Er traf daselbst mit den zur Teilnahme an der Revue komman-
dierten Offizieren zusammen, die sich auf seinen Befehl mit kalter
Küche und Wein versehen hatten und eifrig die Frage erörterten,
ob auch für die Unterbringung der Pferde gehörig gesorgt sein
würde. Auch die auswärtigen Gesandten, die im Lager voraussicht-
lich anwesend sein würden, sind in einem der Briefe genannt.
-) Vergl. z. B. die Bemerkung des Journal officiel zum 20. Juni
(von Mansberg S. 3031, dafs ,,Leurs M^es furent toutes Deux fort
satisfaites des exercices du corps des grenadiers", oder die Angabe
Neues Archiv f. S. G. u. A. XXVIII. i. 2. 6
32 Hans Beschorner:
keit des Gebotenen, um so mehr, als der Preufsenkönig ge-
rade während des Campements Schweres durchmachen mufste.
Er hatte nicht nur körperUch viel zu dulden durch den tage-
langen, heftigen Gichtanfall, der ihm gewifs die Freude viel-
fach beeinträchtigte. Er hatte auch seelisch viel zu leiden
durch die Mifshelligkeiten mit seinem Sohne Fritz, die gerade
in den Zeithainer Tagen ihren Höhepunkt erreichten. Im Zeit-
hainer Lager kam es zu jenem erregten Auftritte zwischen
Vater und Sohn, der in letzterem unwiderruflich den Ent-
schlufs reifen liefs, sich weiterer unwürdiger Behandlung
durch die Flucht zu entziehen. Nur dem Umstände, dafs der
sächsische Minister Graf Hoym dem Kronprinzen und seinem
Freunde Kattedie erbetenen Pässe nach Leipzig verweigerte,
ist es zuzuschreiben, dafs nicht bereits von hier die Flucht
erfolgte, die zwei Monate später, am 5. August, bei Steins-
furth ins Werk gesetzt wurde ^).
Erscheint somit auf aktenmäfsiger Grundlage die bisher
übliche Auffassung, die von einer militärischen Bedeutung
der Zeithainer Tage nichts wissen will und in ihnen nur eine
lange Reihe abwechslungsreicher Vergnügungen sieht, nicht
haltbar, so kann im Gegenteil meiner Meinung nach die
vStellung des Zeithainer Lagers innerhalb der militärischen
Bestrebungen Augusts des Starken nicht hoch genug be-
wertet werden. Seit den Tagen des Nordischen Krieges
liatte der König deutlich erkannt, dafs Sachsen unbedingt ein
tüchtiges, ganz anders als bisher geartetes Heer brauchte,
wollte es in künftigen Kriegen mit Ehren bestehen oder sich
auch nur, nach dem Grundsatze: Si vis pacem, para bellum,
eines dauernden Friedens erfreuen. Nur eine Armee, wie er
sie sich in der zweiten Hälfte seines Lebens geschaffen hatte
und wie er sie nach ihrer Vollendung 1730 in der Mühlberger
Ebene vorführte, konnte nach seiner Überzeugung ehien
solchen Frieden verbürgen. So betrachtet, liegt ein tiefer
Sinn in den meist nicht recht verstandenen Worten, die beim
Schlufsfeuerwerke am 24. Juni in Riesenbuchstaben glänzend
des „Lag;erpredigers" (vgl. diese Zeitschrift XX VII, 121 Nr. 34), der
K()nig von Freufsen habe am 2. Juni fieäufsert, „dafs Sie in Sachsen
sich wohl viel Proprete und Noblesse, aber dergleichen, als Sie
gefunden, doch nicht imaginiret".
') V^l. u. a. J. G. Droysen, Friedrich Wilhelm I., 2. Band
(1869; =: Gesch. der preufsischen Politik IV 3'-) S. 106, L. von Ranke,
Zwölf Bücher preulsischer Geschichte III (1874), 107, und nament-
lich R, Koser, Friedrich der Groise als Kronprinz, 2. Auß. (1901),
S. 32 f
Das Zeithainer Lager von 1730. 83
aufleuchteten und von einer entsprechenden Allegorie be-
gleitet waren:
Sic fulta manebit [sc. pax]!
Auf eine s(jlche Armee gestützt, wird er dauern, der Friede!
2. Die archivalischen Quellen für das Zeithainer
Lager nebst Nachträgen zur Literatur.
Akten sind über das Zeithainer Lager bei der Bedeutung
und dem Umfange der Veranstaltung sehr reichlich vor-
handen, namentlich wenn man alle die Akten über die Neu-
formierung der Armee, über die Neubekleidung und Neu-
bewaffnung der einzelnen Regimenter, über die Verpflegung usw.
mit in Betracht zieht.
Als die wichtigsten Aktenstücke für das Campement in
engerem Sinne dürfen i. und 2. die beiden Vol. G^ Nr. 30 I und II
des Oberhofmarschallamts-Archives in Dresden gelten
(abgekürzt mit OHA. I und 11).
Nächst diesen kommen aus den Beständen des Haupt -
Staatsarchivs zu Dresden in Frage:
3. Loc. 354 Acta Chatoullensachen 1697 — 1747 betr.,
Vol. I (abgekürzt Loc. 354 Chatoullensachen).
4. Loc. 431 Gesammelte und zusammengetragene histo-
risch-commissariatische Nachrichten von dem Chur-Sächssi-
schen Kriegsstaat und dessen Wirtschafts -Verfassung . . .
1682 — 1782 . . . ., so gefertiget und vollbracht im October
des 1786^**° Jahres Elias Unger, Supernumerar. Com-
missariats-Secretarius (abgekürzt Loc. 431 Unger). Aufser
dem kurzen und in sehr überschwenglichem Tone gehaltenen
Abschnitte über das Zeithainer Lager Bd. I, 31 f., kommen
noch zahlreiche andere Partien dieses für die sächsische Armee -
geschichte sehr wichtigen handschriftlichen Werkes in Frage.
5. Loc. 900 Hof- und Obercämmerey-Cassesachen anno
1730, Vol. XXXI (abgekürzt Loc. 900).
6. Loc. 1056 Acta das [Anno 1730] bey Zeithayn zu
haltende (bez. gehaltene) Campement [und grofse Revue der
ganzen Armee] betr. 1729 — 1731, III Volumina und ein Bei-
lagekonvolut ,,Acta varia das grofse Campement bei Radewitz
und Zeithayn .... betr. 1730" (abgekürzt Loc. 1056 I, II, III,
Acta varia).
"'^ 7. Loc. 1057 Acta das bey Mühlberg gehaltene Campe-
ment bei. 1730 und 1802/3 (abgekürzt Loc. 1057); darin ein
besonders foliiertes Faszikel „Acta commissionis die in dem
6*
84 Hans Beschorner:
Campement . . . vorgefallenen Cammerexpeditiones betr. (ab-
gekürzt Loc. 1057 Cammerexi-)editiones).
8. Loc. 1064 Das Campement zu Zeithain betreffende
Schriften (abgekürzt Loc. 1064).
9. Aus Loc. 2097 verschiedene P'aszikel der eigenhändigen
Niederschriften Augusts des Starken, z. B. Nr. 13, 14 und 15.
10. Loc. 6345 Das Anno 1730 bey Mühlberg gehaltene
grofse Campement und besonders die Indemnisation . . . l3etr.
1729 — 1735 (abgekürzt Loc. 6345).
11. Loc. 10931 Ordres von des Generals en chef Grafen
von Wackerbarth Exzellenz 1730, Vol. VI und VII (abgekürzt
Loc. 10 931, VI und VII).
12. Loc. 10947 Paquet Ordres die zum grofsen Cam-
])ement be\- Zeithayn gemachten Veranstaltungen betr. 1730
(abgekürzt Loc. 10947 Paquet Ordre.s).
13. Loc. 10947 Rapports von der Armee im Campement
be}^ Zeitha}!! de anno 1730 (abgekürzt Loc. 10947 Rapports).
14. Loc. 10947 Musterberichte von der Cavallerie und
Infanterie über die im Campement be\' Zeithavn gehaltene
Musterung derer Regimenter de anno 1730.
15. Loc. 10948 Generaltabellen de anno 1730 (monat-
liche Übersichten über den Bestand des ganzen Heeres in
Tabellenform).
16. Loc. 35043 Das Lager bei Zeithayn betr. 1729!".
(abgekürzt Loc. 35043).
Andere Aktenstücke des Hauptstaatsarchivs, die sich auf
ganz bestimmte, mit dem Zeithainer Lager zusammenhängende
Dinge beziehen, z. B. auf die Indemnisationsfrage, auf die
Kinführung der neuen Reglements usw., sind o:eh()rigen Ortes
genau angegeben oder gelegentlich zitiert worden. Die drei
Akten.stücke:
17. Loc. 4637 Divulgirte Beschreibung von dem letzten
Campement bei Zeitha3-n de anno 1730,
18. Loc. 10745 Acta das dem Commercienrath Weide-
mann . . . gestattete Privilegium betr. 1730.
19. Loc. 30638 Dafs zu Mühlberg oder Zeithayn Anno
1730 gehaltene grofse Campement betr.,
die sich fast ausschliefslich auf die publizistische Behandlung
des Zeithainer Lagers beziehen, .sind Ijereits in dieser Zeit-
schrift XW'II, 103 f., verwertet und erwähnt worden. Einige
Nachträge daraus bringt der Schlufs dieses Kapitels.
Aus dem Kriegsarchiv zu Dresden verdient haupt-
sächlich der Aktenliand Loc. 2850 Acta das Campement der
Das Zeithainer Lat^er vun 1730. 85
Königl. Pohl, und Churfürstl. Sachs. Armee bei Zeithayn betr.
1730, Beachtung. Dagegen bietet der handschrifthche Band:
„Disposition generale" in der Bibliothek des General-
stabes zu Dresden (B V Nr. 7450) nichts, was in den Akten
des Hauptstaatsarchivs nicht auch enthalten wäre.
Die Literatur, die über das Zeithainer Lager erschienen
ist, wurde bereits eingehend in dieser Zeitschrift XXVII, 103 151
(',, Beschreibungen und bildliche Darstellungen des Zeithainer
Lao"ers von 1730"), besprochen. Von neueren Behandlungen
.sei hier nur noch der Abschnitt ,,Das Zeithainer Lager" in
O. Schusters und F. A. Franckes Geschichte der sächsi-
schen Armee I (1885), 200 — 203, hervorgehoben [37b]; da-
selbst findet sich auch am Ende des Bandes, Tafel IV, Skizze
Nr. 6, eine recht brauchbare Orientierungskarte für das Zeit-
hainer Lager. Von dem Aufsatze ,,Etwas Material zur Ge-
schichte der .sächsischen Armee unter den beiden Friedrich
August 1695 — 1763" in Schäfers Sachsen-Chronik I (1854),
196 — 222, verdient die lange Anmerkung S. 218 f. ,, Säch-
sische Armee im Lager bei Zeitha3'n 1730" [37c] namentlich
wegen des darin enthaltenen ,, Verzeichnisses der be}- den
Regimentern angestellt gewesenen Stabsofficiers" Beachtung.
Zu der ungefähr mit dem Campement gleichzeitigen
Literatur sei folgendes nachgetragen: Die von Clessel ver-
öifentlichte ,, Nachricht von dem bevorstehenden Campement"
(diese Zeitschrift XXVII, 107 Nr. 4) führte den Titel: ,,Kurtze
Beschreibung und Vorstellung des kostbaren Lagers oder
Sehens - würdigen Lust - Campements bey INIühlberg, welches
von Ihro Königl. Maj. in Fohlen und Churfl. Durchl. zu Sachsen
etc. kommenden Monats Junii dieses i73oten Jahres zu halten
allergnädigst angestellet". Darunter eine Königskrone, durch
die zwei Lorbeerzweige gesteckt sind. ,, Gedruckt in diesem
i73oten Jahre." Die vier Seiten starke Druckschrift in Quart
wies nach einer Einleitung im Umfange von einer Seite den
,,curieusen Leser" auf die acht Pyramiden, den Pavillon, die
Backöfen, die ,,96 heimlichen Gemächer für die Cavallerie" und
die 90 für die Infanterie, die 300 Heuschober, die drei grofsen
Eisgruben, das Hoflager, die Eibbrücken, „die grofse gegossene
und sehr kostbare Statue Ihro Königl. Majestät zu Pferde, so
en fronte orestellet werden soll", u. a. hin und veröffentlichte
das Programm. Loc. 1056 I f. 272 f. enthält ein Exemplar
dieser Clesselschen Schrift, ebenso fol. 318 ein Exemplar des
auch schon in dieser Zeitschrift XX VH, 109, unter den
beschlagnahmten Schriften erwähnten ,,Glückwimsches in Form
einer Bataillon-Carree". ,,Bey dem von Ihro Königl. Majestät
36 Hans Beschorner:
in Pohlen und Churfiirstl, Durchl. zu Sachsen Herrn Friedrich
August im Monath Junio 1730 höchst ruhmwürdig gehaltenen
Campement wollte gegen seinen allerteuersten Landes -Vater
seine allerunterthänigste Devotion durch einen in Form einer
Bataillon - Carree gesetzten Reim und angehängten Glück-
wunsch bezeugen Jxxx Gxxx Bxxx Typogr. Cult.", sagt der
Verfasser — nach Loc. 1056 I f. 306 Johann Gottlieb Bauch —
auf der ersten Seite (dem Titel). Auf S. 2 und 3 marschieren
dann die den Glückwunsch bildenden Worte in Karreeform
auf, dafs dem Beschauer die Augen übergehen. Auf der
letzten (4.) Seite ist noch eine poetische Widmung an den
König hinzugefügt.
Aufser den S. 107 — 109 im XXVII. Bande dieser Zeit-
schrift erwähnten Schriften, die behördhcherseits weggenom-
men wurden, ereilte dieses Schicksal noch zwei 1730 er-
schienene Schriften, die als „Nützliche Nachrichten" zu
Leipzig ebenfalls ,,bey Joh. Paul Hoffmann, Bilderhändler in
Herrn Baumeister Hohmanns neuen Hof in der Peterstrafse",
zu haben waren und, wie das Clesselsche Schriftchen, auf
allerhand Sehenswürdigkeiten des Lagers (u. a. auch auf
,,Augusti Statua, die grofs und hoch zu achten",) aufmerksam
machten. Die eine davon (ein Exemplar Loc. 1056 I f. 289
und 294) trägt auf dem ersten der vier Quartblätter, das mit
dem in kriegerischen Emblemen prangenden polnisch -sächsi-
schen Wappen und einer in ein Dreieck gefalsten Huldigimg an
die ,,Fridericorum triga Saxonica" (August den Starken, seinen
Sohn Friedrich August und seinen Enkel Friedrich Christian)
geschmückt ist, den Titel: ,,Le Campement Royal Saxon-
Electoral, n'etant point fatal, n'a pas eu Son egal. Ihro Königl.
Majestät in Pohlen und Chur-Fürstl. Durchl. zu Sachsen
Sehens-, Wunder- und Ruhmeswürdiges Campement bey
Mühlberg" [4b]. Die andere dagegen (zwei Exemplare Loc.
1056 I f. 281 und 290) betitelt sich: „Anderweitige nützliche
Nachrichten, vorstellend, was in dem von Sr. Kön. Maj. in
Pohlen und Churf 1. Durchl. zu Sachsen Selbst-höchstpreifslich
veranstalteten Campement der Gegend Mühlberg vornehmlich
zu sehen und täglich zu observieren ist. Wegen besorglichen
Nachdrucks, worinnen öffters viel weggelassen wird, ist in
einem kleinen Kupferstich, gleich bei der ersten Nachricht,
eine Bataille praesentirend, hierunter gedruckt worden (folgt
der Stich). Leipzig 1730" [4c].
Vermutlich wurde auch noch eine vierte bei Hoftmann
erschienene Schrift von acht Quartseiten beschlagnahmt, die
Loc. 1056 I f. 317^ f. begegnet. Unter dem Titel „Kriegs-
Das Zeithainer Lager von 1730. 87
Operationen, wie solche in dem von Sr. Königl. Majest. in
Pohlen und Churf. Durchl. zu Sachsen ordinirten Campement
der Gegend Zeithayn unweit Mühlberg in folgender Ordnung
täglich zu sehen anno 1730 (darüber eine Fortuna inmitten
von allerhand Kriegsemblemen)" [4d] gibt sie das „Programm
vom I. — 28. Jimi", die „Quartier -Lista" und das „Nahmen-
Verziechnifs (!) derer Regimenter, so wie sie im Campement
placiret", bekannt.
Zu den verschiedenen poetischen Ergüssen Kittel -
Micranders sei noch die Ode „Accelera, quisquis es! Taha
si videre cupis, quae numquam vidisti, numquam visurus es"
[lOe], nachgetragen, die den in dieser Zeitschrift XXVII, iio
Nr. 10 ^ bis 10 '^j aufgeführten Gedichten in einigen Exemplaren
(vgl. Loc. 1056 I f. 315 — 316^*^) vorausgeschickt ist („Dresden,
bey Christian Robring"). Sie schliefst mit den Worten:
,,Non morare! Appropera! Post haec occasio calva!"
Zu Henrici-Picanders „AllerunterthänigstenGedancken"
(diese Zeitschrift XXVII, 112 Nr. 14) möge noch bemerkt
sein, dafs auch dieses von dem Verfasser dem Könige
,,bei Dero hohen Nahmens - Fe5^er" überreichte Poem zu-
nächst, ,, ungeachtet S. Kgl. Maj. hierüber selbsten ein alier-
gnädigstes Wohlgefallen bezeigt", von der Leipziger Bücher-
kommission ,, öffentlich zu verkaufen" verboten, am 18. Sep-
tember 1730 aber freigegeben wurde (Loc. 4637 f. 19 — 32,
dazu auch Loc. 30638 f. 16). ,,Dafs Ihro Königl, Mt. den
Druck derer von Troemern gefertigten, halb teutschen und
halb französischen Verse von dem Campement, falls nicht
dabe}' ein besonderes Bedencken vorhanden wäre, allergnädigst
verstattet hätte", besagt eine Registratur Loc. 4637 f. 13.
Ohne selbständigen Wert ist eine Druckschrift, von der
sich ein Exemplar in der Bibliothek des grofsen General-
stabes zu Berlin gefunden hat und die den Titel führt: „Das
jauchzende Sachsen, d. i. AusführUche Relation der be-
sonderen Merckwürdigkeiten, die sich bey dem magnifiquen
Königl. Pohlnischen und Chur-Fürstl. Sächsischen Lust-Campe-
ment bey Mühlberg in Sachsen anno 1730 vom 3. Maij bifs
28. Junii täglich zugetragen, nebst umständlicher Beschreibung
der Beschaffenheit des Haupt-Lagers, Lagers der Armee, der
grofsen Jagd, u. a. m. Zum beständigen ruhmwürdigen Ange-
dencken entworfen von einem, der denen Lustbarkeiten Selbst
mit beygewohnet (Verlag und Druckort weggeschnitten)" [22b].
Das Oktavbüchlein, das vor dem Titel eine künstlerisch wertlose,
phantastische Darstellung des Zeithainer Lagers mit allerhand
allegorischem Beiwerk in Kupferstich zeigt, ist im wesentlichen
88 Hans Beschorner:
ein Abdruck des Staatskalenderberichtes; nur hin und wieder
sind kleine Anderunoren oder unbedeutende Zusätze ancrebracht.
Hinzugefügt ist am Schlüsse ein Gedicht, das mit den Worten
anhebt: „Lebewohl! Grofser August! Du hast nunmehro der
Welt etwas gezeiget, was sie bey ihrem hohen Alter noch
nicht gesehen", und mit einem frommen Wunsche weofen Fort-
bestehens der Freundschaft zwischen Sachsen und Preufsen
schliefst. ,, Der Himmel wolle nie dies Band der Liebe trennen!
So wird sich Brandenburg und Sachsen glücklich nennen."
Dagegen besitzt einen gewissen selbständigen Gehalt
das bereits in dieser Zeitschrift XXVII, 119 X'r. 29, aufgeführte
,, Journal exact''^), von dem Oberstleutnant Haedrich
kürzlich (1906) unter dem Titel ,, Ausführliches Tagebuch
oder eingehende Beschreibung aller Vorkommnisse in dem
grofsen Lager Sr. Majestät des Königs von Polen und Kur-
fürsten von Sachsen zwischen IMühlbero" und Radewitz in
Sachsen in der N^ähe der Elbe", eine deutsche Übersetzimg
in Heft XVIII und XIX (S. 5 — 30) der ,,Veröffenthchungen
des Altertumsvereins zu Torgau" unter Hinzufügung einer
sachlich belanglosen Einleitung gebracht hat. Dieses ,, Journal
exact", das mit keiner der anderen Schriften ähnlichen Inhalts
übereinstimmt, behandelt die Exercitien ziemlich kurz, die
Festlichkeiten dagegen recht ausführlich und gedenkt mit
Vorliebe aller vorgekommenen Unglücksfälle. Beigegeben
sind das übliche ,, Verzeichnis der Tafeln" (mit Angabe der
Service, Tafelleiter, Küchenchefs usw.), eine „Skizze des Lagers
der polnischen und sächsischen Armee in zwei Treffen", eine
,, Skizze des Vorbeimarsches bei der grofsen Parade am. i.Juni
1730" und die üblichen Ansichten von Tiefenau, Wacker-
barths Quartier usw.
Nicht unerwähnt möge zum Schlüsse bleiben, dafs sich
auch Goethe über das Zeithainer Lager geäufsert hat. Im
siebenten Buche des zweiten Teiles von ,, Dichtung und
Wahrheit" sagt er: ,,In allen souveränen Staaten kommt der
Gehalt für die Dichtkunst von oben herunter, und vielleicht
war das Lustlager bei Mühlberg der enste würdige, wo nicht
nationelle, doch provinzielle Gegenstand, der vor einem Dichter
auftrat. Zwei Könige, die sich in Gegenwart eines grofsen
Heeres begrüfsen, ihr sämtlicher Hof- und Kriegsstaat um sie
her, wohlgehaltene Trup])en, ein Scheinkrieg, Feste aller Art:
') Erschienen, ,A Amsterdam chcs fac(|ues (le.s Bordes MDCXJXXX''.
Ein Exemplar Ijesitzt der Torgduer Altcrtumsvercin in seiner Biblio-
thek.
Das Zeithainer Laisjer von 1730. 89
Beschäftigung" genug für den äufseren Sinn und überfliefsender
Stoff für scliildernde und beschreibende Poesie. — FreiUch
hatte dieser Gegenstand einen inneren Mangel: eben dafs es
nur Prunk und Schein war, aus dem keine Tat hervortrat.
Niemand, aufser den Ersten, machte sich bemerkbar, und wenn
es ja geschehen wäre, durfte der Dichter (U. von König) den
einen nicht hervorheben, um andere nicht zu verletzen Er
mufste den Hof- und Staatskalender zu Rate ziehen, und die
Zeichnung lief daher ziemlich trocken aus; ja schon die Zeit-
genossen machten ihm den Vorwurf, er habe die Pferde besser
geschildert, als die Menschen. Sollte dies aber nicht gerade
zu seinem Lobe gereichen, dafs er seine Kunst gleich da
bewies, wo sich ein Gegenstand für dieselbe darbot? Auch
scheint die Hauptschwierigkeit sich ihm bald offenbart zu
haben; denn das Gedicht hat sich nicht über den ersten
Gesang hinaus erstreckt."
3. Die Beschaffung und Herrichtung des
Manöverfeldes.
Die Beschaffung des Manöverfeldes machte grofse Mühe,
wie die umfänglichen, nur auf diese Sache bezüglichen Akten-
stücke Loc. 35022 Nr. 260 und 261, Loc. 35023 Nr. 262,
Loc, 35038 Nr. 503 und die zahlreichen Schriftstücke in fast
allen zum Zeithainer Lager gehörigen Akten (namentlich
Loc. 1056 Vol. L — III) bezeugen. Vor allem galt es, die Be-
sitzer der in Frage kommenden Felder zu bewegen, diese im
Jahre 1730 unbestellt zu lassen, und ihre allzu hohen Ent-
schädimmo:ssummen auf ein amiehmbares Mafs zurückzuführen.
Die schwierigen Verhandlungen führte eine Sonderkommission,
die aus dem Geh. Kriegsrat J. von Bretschneider, dem Kammer-
rat J. Chr. Hennicken und dem Obersteuereinnehmer Hofrat
A. F. von Schönberg bestand und als Sachverständige den
Kommissionsrat Bucher und den Amts Verwalter Bürger (zeit-
weise für diesen den Amtmann Schumann) in Grofsenhain
zuzog.
Ohne genaue Kenntnis der Gegend und des Bodens
konnte sie natürlich nichts anfangen. Deshalb liefs sie zu-
nächst ,,die ganze Situation von der Stadt Mühlberg bis Grödel,
Tieffenau und Gohrisch mit allen dazwischen liegenden Dörffern,
Forweru-en und Hölzern" durch den Viceoberlandfeldmesser
Christoph Moritz Dietze genau vermessen, der mit Unter-
brechungen vom 25. September 1728 bis 30. Mai 1729, im
(jO Hans Beschorner:
ganzen 50 Tage, dazu brauchte und 271 TIr, 11 Gr. dafür er-
hielt (nämhch 2 1 Gr. täghche Auslösung nebst Dach und Fach,
dazu Lohn für 3 Handlanger, einen Anweiser, wenn ein solcher
von den Untertanen nicht gestellt wurde, und zwei Schnur-
zieher; vgl. Loc. 35043 f. iiof.); eine Nachmessung im De-
zember 1729 und Januar 1730 (vgl. Rifs Nr. 4 weiter unten)
war dabei nicht mitgerechnet. Das Ergebnis der Tätigkeit
Dietzes waren zwei mehrere Meter messende Risse (,,in mitt-
lerem Mafse"), die mit ihren noch gröfseren Konzeptrissen
(„in grofsem Mafse") in der Kartensammlung des Hauptstaats-
archivs, Rifsschrank XII Fach 2 Nr. 2 (K), liegen. Von den
beiden in jeder Hinsicht vorzüglichen und für alle lokalen
Studien in der Grofsenhainer Gegend unschätzbaren Plänen
stellt der eine die ,, Situation von der Stadt Mühlberg und
denen Forwergen Borschitz, Schweditz und Klein -Dröbig
(== Klein -Trebnitz), auch alle zwischen selbigen und denen
Dörffern Borack, Altenau, Fichtenberg, Kreynitz und Coben-
Lhal (= Jacobsthal) liegenden Fkihren" dar, der andere die
,,Delineation über die Situation von Cottewitz biss Grödel,
Tieffenau und Gohrisch mit allen dazwischen hegenden Dörffern,
Feldern, Wiesen, Teichen, Höltzern und Wegen". Aufser
diesen beiden die ganze Gegend veranschaulichenden Orien-
tierungskarten wurden aber noch diejenigen Fluren, ,,die zu
dem bevorstehenden grofsen Campement geschlagen worden",
in besondere Risse gebracht, die sich Rifsschank VIII Fach 3
Nr. I — 5 (F, der fünfte in G) befinden. Davon stellt Nr. i
das ,,Dorf Zeithayn, w^elches der Frau Geheimde Räthin von
Benckendorffen nach Grödel, und das Dorf Gohlis, so ins
Landschulenamt Meifsen gehört", dar, Nr. 2 das ,,Dorf Wülck-
nitz, welches Sr. Excellence dem Herrn General en cheff
Reichsgrafen von Wackerbarth zu dero Amt Zabeltitz gehört",
Nr. 3 das ,,Dorf Lichtensee, welches dem Herrn Damm
Siegmund von Pflug auff Strehla, Trebnitzer Anteils, gehöret",
Nr. 4 die ,,Dörffer Zeithayn, Glaubitz, Streumen und
Radewitz femerweit" (Dezember 1729 und Januar 1730)
und Nr. 5 ,,die Glaubitzer Fluhren, welche unter dem
Herrn General-Lieutenant Freyherren von Seifertiz gehören".
Jeder dieser Risse ist mit einer summarischen Berechnung der
j'uten, mittleren und schlechten Felder, sowie der Wälder und
Wiesengründe versehen. Die genauen Unterlagen zu diesen
Berechnungen sind in den sorgfältig geführten Ackerregistern
enthalten, die zusammen mit den Einzelvermessungen der
Acker, im Rifsschrank XII Fach 2 Nr. i (K) aufbewahrt
werden.
Das Zeithainer Lager von 1730. 51
Erst diese zuverlässigen Erhebungen setzten die Mitglieder
der Kommission in die Lage, „nach Proportion und Beschaffen-
heit der Äcker, der Aussaat, des Zuwachses und Ausdrusches"
die Flurschäden richtig einzuschätzen (Loc. 1056 III f. 57f.,
Loc. 6345 f. 47^ f.) und mit den Feldbesitzern über die ,,In-
demnisationen" zu verhandeln. Mit vieler Mühe „accordierten
sie endHch", laut der unter dem 17. August 1730 erstatteten
Relation (vgl. Loc. 1056 III f.31 — 48, dazuLoc. 6345 f. 150 — 167),
„mit denjenigen, so bey währendem Campement bey Zeithayn
an ihren Grundstücken Schaden gelitten", folgende Aqui-
valent^elder:
"Sj^
1. dem Pachter des Rittergutes
Promnitz, Martin Haasen, vor
alles und jedes 600 Tlr. 7 Gr. 10 Pf
2. dem Rittergute Bobersen . . 75 >, 19 ,> ^ „
3. der Gemeinde zu Bobersen . . 85 ,, 7 ,,
4. dem Dorffe Lessa 255 „ i
5. denenRöderauischenEinwohnern 191 ,, 18 ,, 11V2 "
6. der Gemeinde zu Moritz wegen
derer ruinirten Feldfrüchte und
abgehender Hutung für das
Jahr 1730 ........ 152 „ 16 „ — „
7. der Gemeinde zu Zeithayn excl.
des Holzes 165 „ 3 >5 6V4 „
8. dem Dorffe Lichtensee excl. des
Holzes 61 ,, 6 „ —
9. der Gemeinde zu Streumen . 28 ,, 21 ,, 3
10. ,, „ ,, Glaubitz . . 222 ,, 8
11. dem Dorffe Sageritz .... 53 >, 3 ,j 4V2 '>
12. der Gemeinde zu Radewitz . 192 „ 19 „ 4V2 »
Sa. 2084 Tlr. II Gr. 9^I^Pl
,, Hierüber", heifst es weiter in dieser „Specification derer
Aequivalentgelder", ,,sind bereits Monath December des ab-
gewichenen Jahres von denen subdelegirten Commissarien
denen be3den Dörfern Wülcknitz und Lichtensee vor die un-
besäet gelassenen Felder, und zwar dem Dorffe Lichtensee
638 Tlr, 21 Gr. 9 Pf., dem Dorffe Wülcknitz aber 549 Tlr.
4 Gr. 6 Pf. zugestanden, auch allergnädigst approbiret worden.
Mithin beträgt die ganze Summe der voriezo würcklich
verglichenen und regulirten Aequivalentsposten 3272 Tlr,
14 Gr, ^/^ Pf. Wenn nun auch die Cammerherrin von Wehlen
?5
ir>
02 Hans Beschorner:
zu Riesa vor die bey dem Feuerwerk erlittenen Schäden
200 Tlr. , die Gemeinde zu Zeithayn wegen des wegge-
hauenen Holzes 300 Tlr. vmd die Gemeinde zu Lichtensee
wegen ihrer (von den Mierisch -Dragonern) abgebrannten
Zäune in Länge von 2547 Ellen 200 Tlr. zum Aecjuivalent
acceptirten, so würden solche Posten zusammen eine Summe
von 3972 Tlr. 14 Gr. 3^/^ Pf, ausmachen." Diese Summe
verringerte sich zunächst, nach Ausweis des Spezialreskriptes
vom 30. Mai 173 1, auf 3272 Tlr. 14 Gr. ^/^ Pf. Da aber später
4804 Tlr. 13 Gr. 8 Pf. Nachforderungen dazukamen (u. a. 200 Tlr.
der Kammerherrin von Wehlen zu Riesa, 248 Tlr. 6 Gr. wegen
der Zeithainer Holzschäden, 103 Tlr. wegen der Lichtenseer
Vermachung, 102 Tlr. Streumer Düngergeld, 500 Tlr. dem
Generalleutnant von Seyftertitz wegen des Rittergutes Glaubitz;
vgl. Loc. 35038 Nr. 503), so kostete die ganze Indemnisation
schliefslich 8155 Tlr. 9 Gr. 8'^/^ Pf., abzüglich der jährlich weiter
zu bezahlenden Äquivalentzinsen (30 Tlr. z. B. der Gemeinde
zu Moritz wegen der abgehenden Hutung), des Steuererlasses
an verschiedene Gemeinden (an Streumen z. B. für das Jahr
1729 198 Tlr. 19 Gr. 7 Pf. Land- und Pfennigsteuer), des un-
entgeltlich verschiedenen Dörfern überlassenen Düngers und
anderer Sondervergütungen.
Eine Sache für sich bildete die Abtreibung desjenigen
Stückes vom Gohrischholze, das in den Exerzierplatz hinein-
ragte. Nach dem Staatskalender G. 2 Sp. 2 (danach v. Mansberg
S. 291) besorgten dieses mühsame Geschäft, das der Oberst-
leutnant Fürstenhoff nebst einem Kondukteur und einem
Zimmermeister (Kreysser) unter sich hatte (Loc. 1056 I f. iPf.
und 21), 500 Bauern und 250 Bergleute, nach Loc. 1056 I f. 36
mufsten aber 400 Berghauer aus dem Ober- und Erzgebir-
gischen Kreise hinzugezogen werden, da zur Fällung des
Holzes und Applanierung des Platzes in der Erntezeit nicht
die genügende Zahl Arbeiter in der Zeithainer Gegend be-
schafft werden konnte. Die guten Stämme wurden zum Bauen
des Pavillons und anderer Gel)äude verwendet, das weniger
gute Holz zersägt und in Klafftern am Rande des Wäldchens
aufgeschichtet. An ,,1 landarbeits- oder Ausroder- und Pla-
nirungslöhnen" wurden nicht weniger als 10902 Tlr. 18 Gr.
6 Pf. (dazu eine Nachforderung von 276 Tlr.) gezahlt (vgl.
Loc. 35043 f. 21 — 24); davon entliel nur ein kleiner Teil auf
die „Ferttigung der vier Thännne durch den Glaubitzer
Morast". An Entschädigungen aber mufsten 330 Tlr. 41 Gr.
I I'f. geleistet werden, nämlich 115 Tlr. 19 Gr. 6 Pf. für die
Lichtenseer Bauernholzer und 215 Tlr. 11 Gr. 5 Pf. für das
Das Zeithainer Lajsjer von 1730, 53
Gohliser Pfarrholz, von dem ,,das Stück ohnweit von dem von
Gohrisch nach Zeithayn gehenden Weg an bis an die soge-
nannte Pfaffenecke, alhvo die Gohhsser und Zeithaynischen
Felder aneinanderstofsen", d. h. 7^/3 Acker 28^2 Quadrat-
rute (Acker = 300 Quadratruten) mit 1541 Stämmen Bau-
holz w^eggeschlagen wurde, während es im Ganzen 16^/^ Acker
^2 Quadratrute hielt (vgl. Loc. 6345 II f. 13 — 22 und 201).
Über die Herrichtung des Manövcrfeldes durch Ver-
senkung der Grenzsteine, Einebnung der Feldraine, Belegung
gewisser Richtlinien (z. B. von der Mitte der Place d'armes
nach dem Pavillon und von da nach den beiden nächsten
Pyramiden) mit Rasen, Absteckung anderer derartiger Linien
mit buntgestrichenen Pfählen usw. vgl. aufser den übrigen in
Kapitel II angeführten Aktenstücken (z. B. Loc. 1056 II f. 374f.
die Berechnung Fürstenhoffs) namentlich das daselbst genannte
Aktenstück des Krieofsarchivs. Die sechs schlanken Sandstein-
Pyramiden, die die Abgrenzung des Armeelagers und Manöver-
feldes andeuteten, von Pöppelmann entworfen waren und
2487 Tlr. kosteten (vgl. Loc. 354 Chatoullensachen 1729/30
gegen Ende), hnden sich vielfach abgebildet, z. B. in dem
offiziellen Kartenwerke, im Staatskalender usw. (vgl. diese
Zeitschrift XXVII, 126, vor allem 136 und 139), und noch
häufiger beschrieben. Beinahe in jeder über das Zeithainer
Lager erschienenen Schrift ist eine mehr oder minder aus-
führliche Bemerkung über sie enthalten; vgl. u. a. S[ommer],
Die Gedächtnissäulen des grofsen Campements bei Zeithain,
im ersten Bande des ,, Sammlers ... im Königreich Sachsen"
(1838) S. 67f. Alle sechs Pyramiden, von denen die erste
bereits im August 1729 durch den Maurermeister Schob fertig-
gestellt wurde (Loc. 35043 f. 9), stehen noch. Allerdings hat
die eine, die sich mitten auf dem heutigen Truppenübungs-
platze befindet, durch Artilleriegeschosse stark gelitten, so
dafs eigentlich nur noch der Sockel vorhanden ist. Mit den
anderen geht man hoffentlich möglichst schonend um und er-
hält sie dauernd in gutem Zustande als letzte Erinnerungs-
zeichen an ein denkwürdiges Ereignis der sächsischen Ge-
schichte. Dafs der König von Preussen diesen Pyramiden
eine kupferne hinzugefügt habe, die oben mit den Kronen
von Preufsen und Polen, jede im Werte von 1500 Talern,
geziert war, ist wohl eine der Erfindungen des Mercure
historiciue, die andere Schriftsteller gedankenlos nachgel)etet
haben; vgl. diese Zeitschrift XXVIl, 107, dazu die erste der
l^eiden S. 86 unter dem Titel ,, Nützliche Nachrichten" er-
wähnten Flugschriften.
94
Hans Beschorner:
4. Die Bauten und ihre Verwendung.
Die Wirtschaftsgebäude. Die meisten Wirtschafts-
gebäude und Vorratskammern standen bei N ü n ch r i t z (Ningritz),
Grödel und Moritz in der Nähe der Elbe, um die Waren,
die meist zu Wasser angefahren wurden, nicht erst weit trans-
portieren zu müssen. Bei Nünchritz befanden sich u. a. ein
grofser Warenspeicher, vier grofse Küchen mit besonderen,
verdeckten Backöfen, vier Holz- und Kohlenschuppen und ein
Schuppen zum Hauptkellereivorrat (OHA. II f. 31 — 35), bei
Moritz u. a. mehrere grofse Schuppen, das grofse Backhaus
mit 14 Öfen, der Ofen, der lediglich für das Backen des grofsen
Kuchens errichtet war, und mehrere Wohnhäuser für den
Proviant-Offizier, den Schirrmeister usw. (Loc. 1056 III f. 23
und 135 f.). Weitere Magazine waren über die dem Manöver-
felde benachbarten Dörfer verteilt und dienten meist zur
Aufnahme des Hafers, der, da der Bedarf im Lande nicht
gedeckt werden konnte, hauptsächlich aus Hamburg, Magde-
burg, Mecklenburg und Böhmen bezogen wurde (Loc. 1056 II
f. 76 und 145 — 175). Ein besonders grofses Hafermagazin
befand sich in Borschütz, westhch Fichtenberg, südlich
Mühlberg (Loc. 1056 II f. 7).
Das Hauptschlachthaus des Hoflagers stand „bey der
Mühle in Radewitz" (OHA. f. 3if.), während die Schlacht-
häuser für die Armee ebenfalls bei Moritz lagen. Die Back-
öfen bei Nünchritz und Moritz wurden nach den Angaben des
Dresdner Bäckermeisters J. A. Zacharias gebaut, der „in
seinen jungen Jahren Ihro Ka3's. Maj. im Felde sowohl in
Backhäusern als Magazinen Dienste gethan und gute Wissen-
schaft darbey erlangt hatte". Aufsein eingereichtes Promemoria
hin wurde Meister Zacharias, der durch das Backen des wohl-
gelungenen ,, grofsen Kuchens" eine gewisse Berühmtheit er-
langt hat, verpflichtet, täglich für das ganze Heer 1 2 000 Brote
zu backen. Für den Hof buk aufserdem täglich der Mund-
und Hofbäcker Zugck 150 — 200 Schock Brote und Semmeln
(OHA. II 149^1). Er hatte dazu ein eigenes, vier Öfen um-
fassendes Hofbackhaus bei Moritz zur Verfügung, dessen
Grund- und Aufrisse OHA. II 175! in bunter Ausführung
bietet. Das nötige Mehl erhielt er aus der der Frau von Wehlen
gehörigen Mühle in Riesa, die mit allen drei Gängen der
Hof- und Militärverwaltung für die Dauer des Campements
allein zur Verfügung gestellt worden war (OHA. II f. 137 '^ f-)-
Aufser den erwähnten Magazinen undWirtschaftsgebäuden,
sowie zahlreichen Ställen (drei z. B. bei Radewitz) sind an
Das Zeithainer Lager von 1730. 55
festen Gebäuden besonders der Pavillon, das königliche Palais,
das Damenpalais, das Wackerbarthsche Quartier, die Kirche, das
Komödienhaus, das Lazarett und das Postamt hervorzuheben.
Der Pavillon, der den Mittelpunkt des Manöverfeldes
bildete und eine anmutige Schöpfung Pöppelmanns war, ist,
wi^ die Pöppelmannschen Pyramiden, oft dargestellt und be-
schrieben worden; s. oben S. 93. Nach einer Berechnung
vom 12. November 1729 (Loc. 354 Chatoullensachen) kostete
er 5050 TIr. 14 Gr. Davon gingen, wie Pöppelmann in einem
undatierten Anschlage bis ins einzelne ausführt, 1307 Tlr. 14 Gr.
auf die Aushebung des Grundes, die Ausschalung des Grabens
und die Beschaffung des Bauholzes für das unterste Stock-
werk (zusammen 1500 Stämme, die in verschiedenen Forsten
ausgesucht, gefällt, herangefiöfst und -gefahren werden mufsten).
Dagegen brauchte Pöppelmann nach einem zweiten, ebenfalls
sehr genauen Anschlage vom 20. Oktober 1729 für das zweite
Stockwerk einschliefslich Tischler-, Schlosser-, Glaser- und
Malerarbeit 3030 Tlr. 15 Gr. Letztere war allein mit 1264 Tlr.
angesetzt. Die Leinwand, die zum Beziehen der beiden Decken
und zum Verkleiden der Säulen gebraucht wurde, gab J. Gold-
mann in seinem Anschlage auf 270 Tlr. 9 Gr. an. ,,Vor Bild-
hauerarbeit endlich und andere zum Embellissement nötige
Erfordernus" wurden 442 Tlr. in Ansatz gebracht. Kleinere
Posten waren in diese Berechnung offenbar noch nicht mit
aufgenommen; so kosteten z. B. die ,, beiden grofsen Fahnen
von weifs und cremoissin Tafft, die das Dach gezieret und
worinnen zwei Schachspiele mit den Worten Otia Martix
stunden", 84 Tlr. 15 Gr. (Loc. 1064 f. 282). Sie werden heute
noch im Historischen Museum zu Dresden aufbewahrt, ebenso
die goldene Krone mit rotseidenen Vorhängen, die über der
einen Balkonöffnung angebracht war.
Das Palais für den König, das südlich des Dorfes
Radewitz auf dem Grund und Boden des Radewitzer Bauern
M. Kühne stand, nicht aber, wie man häutig lesen kann, an
Stelle der abgebrochenen Glaubitzer Windmühle südwestlich
Radewitz, war innerlich zweifellos sehr schön ausgestattet.
Das lassen die Angaben im Staatskalender G. 3 Sp. i (danach
von Mansberg S. 292) und gelegentliche Eintragungen in den
Rechnungen erkennen, z. B. ,,8i Tlr. 14 Gr. Hoesen vor zwei
Reiseschreibeschränke nebst Futeralen, welche ... ins Carape-
ment in Königl. Maj. Zimmer geliefert worden", oder ,,198 Tlr,
16 Gr. dem Tapetenmahler Krausen vor zwei Garnituren ge-
mahlter Tapeten, welche in Königl. Maj. Hause im Campe-
ment aufgemacht worden laut Hofftapezier Goldtmanns Attestat"
96
Hans Beschomer:
(Loc. 354 ,,Eingelauffene Schuldposten"). Äufserlich aber war
das Gebäude, dessen Pläne auch von Pöppelmann stammten,
offenbar verhältnismäfsig einfach gehalten, wie aus dem Grund-
risse des Hoflagers in dem grofsen Kartenwerke und aus den
Ansichten des Hoflagers (s. diese Zeitschrift XXVII, 138 f.)
mit Sicherheit hervorzugehen scheint. Ein Anschlag vom
12. November 1729 (Loc. 354 Chatoullensachen, Concepte
deren Verordnungen, welche zur König. Scatoulle ergangen,
de anno 1729) gibt die Kosten dieses Palais, ,,das iio Ellen
lanor und 26 Ellen breit war, nur aus einem Stockwerk be-
stand und an be3den Enden mit zwei Pavillons geschmückt
war", auf 4003 Tlr. 20 Gr. 6 Pf. an. Aus einem Anschlage
Pöppelmanns vom 10. November 1729, der ursprünglich auf
4412 Tlr. 12 Gr. lautete und alle Materialien (namentlich
Bretter, Nägel und dergl.) sowie die Transportkosten dafür
genau angibt, seien folgende Posten hervorgehoben, die dazu
beitrao-en, uns eine Vorstellung von dem Bauwerk und seinen
Einzelheiten zu g-eben:
&'
,,168 Tlr. dem Mauermeister vor zwey Camine, auch zwey
Feuermäuern hinaus zu machen auf beyde Pavillons (u. a.
30 Tlr. für 6000 Mauerziegel und 30 Tlr. vor die 2 Camine).
246 Tlr. 16 Gr. an Tischlerarbeit, z. B. für 46 Fenster-
rehmen ä 4 Ellen hoch, 2 Ellen weit,- vor 22 Fensterrehmen
ä 3 Ellen hoch, 2 Ellen weit, vor 12 Glafsthüren ä 5 Ellen
hoch, 2 Ellen breit, vor 18 eingefafste Thüren ä 5 Ellen hoch,
2 Ellen breit.
293 Tlr. 4 Gr. an Schlosserarbeit (wieder dieselben
Türen und Fenster).
310 Tlr. an Glasserarl:)eit , z. B. vor 46 grofse Fenster,
jedes mit vier Flügeln von doppelt Glafs und lireit verzintcn
Tafelbleg, vor 22 Fenster zu verglafsen auf l)e\den Sälen,
vor 12 doppelte Glafsthüren mit Taffein zu verglafsen" usw.
368 Tlr. vor Mahlerarbeit überhaupt".
Das Damen])alais dürfte dem Königlichen Palais, zudem
es eine Art Gegenstück l)ildete, ähnlich gewesen sein.
Zu einem Palais für seinen Kronprinzen und dessen
Hofstaat liefs August der Starke das Rittergut des Dorfes
Tiefenau umgestalten, das nach dem Postlexikon XVIII,
869, damals nur aus dem Gasthofe und 4 Häusern bestand.
Ein auf den Umbau bezüglicher Befehl an den Oberland -
baumeister Pöppelmann vom 23. März 1730 (Copial der
II. Rent-Expedition 1730 Vol. I f. 161 'M.) lautet: ,, Lieber Ge-
treuer. Hierbey hast du einen Aufsaz über Einrichtung des
Das Zeithainer Lager von 1730. ny
bey nechst bevorstehenden Campement vor Unsers Königl,
Prinzens Liebden und Dero Hoffstadt angewiesenen Haupt-
quartiers zum Tieffenau zu empfahen, mit Begehren, ihr
wollet alles in Augenschein nehmen und wo bey dem Auff-
saze an Holz und Gelde, auch Arbeiterlöhnen noch etwas
zu erspahren, auch wie die Baumaterialien hernachmahls bey
dem Bau zu Elsterwerda mit angebracht werden können, wohl
überlegen und uns darüber zu weiterer Verfügung euern aller-
unterthänigsten Bericht und pflichtmässiges Guttachten auffs
schleunigste erstatten und gegenwärtigen Innschluss wieder
mit einsenden". Danach war der Umbau des Tiefenauer
Rittergutes, der sich wohl hauptsächlich auf das Innere bezog,
nur ein vorübergehender. Der Aufsatz, auf den in dem
Schreiben Bezug genommen ist, fehlt leider bisher noch. An
die Instandsetzung Tiefenaus ging man deshalb so spät, weil
der Kronprinz und seine Gemahlin ursprünglich daran dachten,
mit in der Zeltstadt zu kampieren; vgl. das undatierte eigen-
händige Konzept eines Briefes Augusts des Starken (Loc. 2097
Nr. 14 f. 6): ,,Si la princesse veut et peut (am 25. August gebar
sie den Prinzen Xaver), il serait plus commode qu'elle campät.
Vous serez le mieu informe de sa volonte et de l'etat oü
eile se portera dans ce temps lä, Les tentes se trouveront
et je m'y suis prepare. Mais si le campement parait in-
commode, il y a Tiefenau de Madame Pflug qui est une jolHe
maison avec un jardin et qui n'est eloigne que de deux milles
pas du pavillon d'oü on verra les exercices et mouvements.
Sur quoi il faut que je soit informe ä temps. J'en vous envoie
le plan de la Situation."
Die Kirche, die bei dem Wackerbarthschen Quartier
nicht weit von dem heutigen, 1730 noch nicht oder nicht mehr
bestehenden Dorfe Mark-Siedlitz lag, war klein und nur
lür den evangelischen Teil der Hofgesellschaft bestimmt. In
ihr predigte jeden Sonntag der Hofprediger Dr. Gleich, der
allemal eigens zu diesem Zwecke aus Dresden herbeigereist
kam. Der König von Preufsen versäumte keinen dieser
Gottesdienste. Am 4., 11., 18., 24. und 25. Juni fand er sich
pünktHchst dazu ein (OHA. I f. 73 und II f. 39). — Für die
Armee wurde an jedem Rasttage in feierhcher Weise Feld-
gottesdienst gehalten, was auf die Zuschauer besonderen Ein-
druck machte; vgl. z. B. die oben S. 86 besprochenen „Ander-
weitigen nützlichen Nachrichten". Die Liste der im Zeit-
hainer Lager fungierenden Feldprediger ist im „Sächsischen
Curiositäten-Cabinet" abgedruckt; vgl. diese Zeitschrift XXVII,
109a, dazu Loc. 4570 Derer Feldprediger Beförderung in
Neues Archiv f. S. G. u. A. XXVUI. 1. 2. 7
q8 Hans Beschorner:
Sachsen betr. 17 12 — 16, item die Annehmung derer benöthigten
Feldprediger bei dem bevorstehenden Campement betr. 1730,
und Loc. 10947 Paquet Ordres f. 63 — 80. Man hatte unter
den Geisthchen „die tüchtigsten und exemplarischen Subjecta"
ausgesucht, ganz l^esonders deshalb, weil ,,die Aufmerksamkeit
des ohnfehlbaren grofsen Confluxus sovieler Frembden ein
solches erheischet" (Loc. 1056 II f. 173^).
Dafs das oft erwähnte Komödienhaus in Streumen
kein besonderes Gebäude gewesen sei, könnte man vielleicht
daraus zu folgern geneigt sein, dafs es nirgends abgebildet und
auch auf keinem der ofticiellen Pläne eingezeichnet ist.') Dafs
es aber nicht nur eine zu Schaustellungen hergerichtete
Scheune oder dergl., sondern ein von Pöppelmann her-
rührender besonderer Bau war, geht aus der Stelle des weiter
unten (S. loi) mitgeteilten Pöppelmannschen Briefes hervor,
in der der Oberlandbaumeister von der Versetzung des
Theaters an einen anderen Platz und Verlängerung um 34 Ellen
spricht. Über die musikalischen Darbietungen in dem Komödien-
hause s. Staatskalender H. i Sp. 4 und von Mansberg S, 291.
Die Stücke dagegen, die die in Streumen wohnenden Komö-
dianten (OHA. I f. 36) aufführten, gibt das „Diarium" (OHA. I
f. 12 f.), mit dem die Angaben des Staatskalenders nicht
immer ganz übereinstimmen, folgendermafsen an:
2. Juni war in Streumen die erste italienische Comödie.
Was gegeben wurde, ist nicht gesagt.
4. Juni nach der Tafel: musikalisches Konzert in Streumen.
[6. Juni im Comödienhause Concert, wo sich die aus
Venedig angekommenen 3 Castraten und 2 Sängerinnen hören
liefsen: Staatskalender H. 4 Sp. 4].
9. Juni abends: italienische Comödie, betitelt ,,Comoedia
dell'ortolano con li matrimoni fatti e disfatti". Nach dem
Staatskalender H. i Sp. 4 soll auch am 8. Juni Comödie
gewesen sein.
II. Juni: italienische Komödie, und zwar ,,L'innocenza
difesa dal cielo, con intermedi", ,, welche Ihro Königl. Maj. in
Preussen mit anzusehen beliebten".
14. Juni nachmittags: ,,Couielo et Arlichino discepoli di
Cartusch condannati alla galera". Auch diese Aufführung
l)eehrte König F'riedrich Wilhelm I. mit seiner Geo-enwart.
•) Soviel mir bekannt ist, gibt überhaupt nur die Schreibersche
Logieriingskarte (vgl. diese Zeitschr. XX VII, 136 Nr. 50; dazu S. iii f.
dieses Aufsatzes) das Komcidienhaus bei Streumen als besonderes
Gebäude an.
Das Zeithainer Lager von 1730. ög
16. Juni nachmittags: „L'aniaute lunatico con aiiichino
finto cavagliere". Dem Stücke „wohnten beyde Majestäten
nicht bei, sondern fuhren vorher miteinander nach der Armee".
18. Juni nachmittags: ,,Li matrimonii conclusi negli Aruzzi,
con intermedio in musica".
20. Juni abends: „Covielo, arme e bagagho, con intermedii
in musica", ,, wohin be3-de Könige nicht kommen".
22. Juni: ,,Arhchino finto statua".
25. Juni al^ends: itaHenische Comödie ohne nähere Be-
zeichnuno; des Titels.
Das Feldlazarett stand unweit des Dorfes Kreinitz
nördlich Strehla; vgl. von Mansberg S. 294. Ursprünglich
dachte man daran, zwei Lazarette in Mühlberg und in Bei-
gern zu errichten und die Kranken zu Wasser dorthin be-
fördern zu lassen, sah aber schhefslich der Weitläuftigkeit
wegen davon ab. Das Kreinitzer Lazarett dürfte eine ziem-
liche Ausdehnung gehabt haben; denn man machte sich, weil
,,der Soldat nur ein wenig Stroh unterm Leibe und seine
Montur zum Zudecken hatte", auf viel Fieber- und Ruhr-
kranke gefafst. Mit der Einrichtung wurde der Hofrat Bar-
tholomaei in Dresden betraut, der am 11. Mai 1730 den
Befehl erhielt, sich unverzüglich ins Lager zu begeben und sich
,, vornehmlich mit den wider das Fieber und die Difsenterie
dienlichen Medicamenten zu versehen". Die Kosten der
ganzen Anlage betrugen, einschliefslich Gratifikation für den
Arzt und Apotheker und Anschaffung der Arzneien, 600 Tlr.
(Loc. 10947 Paquet Ordres f. 5, 16, 18; Loc. 1056 II f. 393).
Über den Gesundheitszustand der Armee während des Cam-
pements geben die täglichen Frontrapporte und einige be-
sondere Krankenberichte Aufschlufs, z. B. Loc. 1056 I f. 194°
„Rapport, was vor krancke Mannschaft bey denen sämtlichen
Regimentern zu Pferde vom Vorder- und Hintertreffen des
rechten und linken Flügels sich im Campement l^ei Zeithayn
befinden, den 4. Juni 1730".
Das Feldpostamt, dessen oberste Leitung der Ober-
postverwalter .Schuster hatte, während es der Oberpost-
meister Ottmann und Postmeister Heinze einrichteten,
befand sich in Glaubitz. Einige dazu gehörige Postzelte
waren über das Lager verteilt. Über den ganzen Betrieb
unterrichten vollkommen das ,,Ohnmafsgebliche Projekt, wafs
bey Anlegung eines währender grofsen Revue benöthigten
Feldpostamts unter andern mit zu reguliren seyn dürft'te",
Loc. 1064 f. 271 — 274 und das ,, Reglement, wie die reutend-
und fahrenden Posten bey der Königl. Pohhi. und Churfürstl.
7*
100 Hans Beschorner:
Sachs. Armee im Campement be}^ Zeithayn ankommen und
wiederabgehen", ein grofser gedruckter Anschlagzettel, der
sich öfters in den Akten findet, z. B, Loc. 1056 f. 147 — 154,
OHA. II f. 321, Loc. 1056 Acta varia f. 140! (der hand-
schriftliche Entwurf) usw. Als Vorbild für dieses Reglement
diente das von "dem bekannten Oberioostmeister J. J. Kees
bearbeitete ,, Reglement bey dem Churfürstl. Sächfs. Hoff-
Feld-Postamt im Reiche de anno 1693", das Johann Georg IV.
erliefs, um bei Kriegszügen über ein geordnetes Feldpost-
wesen zu verfügen; vgl. Loc. 1064 f. 261 f., wo sich auch eine
Abschrift des letzteren befindet. Wie die Posten von Leipzig
und Berlin nach Zeithain gehen sollten, ordnete August
der Starke höchst eigenhändig an: Loc. 1064 f. 2 69 f. Er-
öffnet wurde das Glaubitzer Postamt am 19. Mai, an welchem
Tage ,,die erste fahrende Post abends umb 6 Uhr von hier
nach Dresden abging, desgleichen auch die fahrende umb
5 Uhr nach Leipzig" (OHA. f. 2'^). Die Leipziger Linie
wurde so stark von Reisenden in Anspruch genommen, dafs
dem Postwagen eine ,,Beycalesche" beigegeben werden
mufste (Loc. 1056 I f. 194® f.). Überhaupt bewährte sich die
Einrichtung des Postamtes; denn nach dem ,,Ohngefehren
Extract, was seit gestandenen grofsen Campements das von
Ihro Königl. Maj angelegte Feldpostamt eingetragen"
(an Briefporto, Passagiergeldern, Stafetten- und Extra-
posteinnahmen; vgl. Loc. 1057 Cammer-Expeditiones f. 17),
brachte das Glaubitzer Postamt bei 2984 Tlr. Einnahmen und
2142 Tlr. Ausgaben einen Überschufs von 842 Tlr.!
Alle die im Vorhergehenden erwähnten gröfseren Bauten,
zu denen das Holz, da das bei der teilweisen Niederlegung
des Gohrischwaldes gewonnene bei weitem nicht ausreichte,
aus der Liebenwerdaer Heide, aus den Cunnersdorfer und
Schönauer Revieren (bei Königstein), avis dem Tharandter
Forste und aus den Wäldern des Erzgebirges bezogen werden
mufste (Loc. 1056 I f. 13 f. und i6f.), wurden, wie bereits mehr-
fach erwähnt, nach Plänen des Oberlandbaumeisters Matthias
Daniel Pöppelmann ausgeführt, der die Bauoberleitung
hatte und für seine wiederholten Reisen nach Zeithain 133 Tlr.
8 Gr. Auslösung erhielt (vgl. Rentkammerrechnung 1730, Aus-
gabe für die beiden Quartale Reminiscere und Trinitatis,
f. 363). Unterstützt wurde er, nach der Angabe Steches in
der Allgem. Deutschen Biographie XXVI (1888), 420, von
dem Landbaumeister Longuelune. Trotzdem drohten die
Anforderungen, die an ihn vor dem Radewitzer Campement
gestellt wurden, seine Kräfte zu übersteigen, wie ein ziem-
Das Zeithainer Lager von 1730. loi
lieh nervöser Brief ausseiner Feder vom 16. April 1730 lehrt
(OHA. II f. 142 — 145). Eine geplante Kelleranlage in Glaubitz
war auf Pöppelmanns Anraten unterblieben. Hinterher aber,
am 14. April, fiel es der Hofkellerei ein, doch noch schnell
einen Keller zwischen Grödel und Moritz bauen zu lassen.
Der Landbaumeister sollte ihn ,, wenigstens 50 Ellen lang,
16 — 18 Ellen breit und 2^2 Ellen tief auswerfen und ausschalen
lassen, auch dabei zur Verwahrung des Inventarii über dem
Keller einen Schuppen von 60 Ellen Länge und 20 Ellen
Breite errichten". Er schlug es aber ,,in Eile" rundweg ab.
Er wi.sse hierfür weder Hilfe noch Rat. Er habe weder Holz
noch Bretter dazu. Die bereits bestellten langten gerade für
den Schuppen an der Elbe. Auch sei der Keller nicht nötig;
denn i. habe der König befohlen, dafs auf den herrschaft-
lichen Ortern ein geeigneter Platz ausgesucht werden solle,
2. sollten in Merschwitz (südlich Leckwitz) grofse und schöne
Keller sein, 4. müsse er für den Hofbäcker und Hofmetzger
auch noch das Schlacht- und Backhaus bauen und wisse nicht,
wo er die Ziegel dazu hernehmen solle, da das Proviantamt ihm
die 1000 Ziegel hätte wegnehmen lassen und die Preise für Ziegel
ungeheuer in die Höhe gegangen wären, 5. hätte Königliche
Majestät ihm noch allergnädigst befohlen, zwei Ställe, jeden
von 70 Ellen, zu bauen, ingleichen 6. ,,das Comödienhaus umb
^/o Meile weiterzubringen und noch umb 34 Ellen lenger zu
machen", endlich 7. zwei Zimmer, jedes von 22 Ellen, ohne
die vier Küchen im Campement und eine (Küche) vor die
Gräfin Orzelska. Infolge dieser Überlastung erklärte er, ,,dafs
er nichts geringes (d. h. nicht mehr das Geringste) übernehmen
könne. Er sei ein Mensch, der nicht hetzen gelernt und mehr
thun könne, als möglich sei. Er habe soviel an Arbeit schon
übernommen, dafs er nicht eigentlich wissen könne, ob er
auch noch werde stecken bleiben. Es sei kein Mensch da,
der ihm secundire, und vom Gelde schreibe Lucas auch
nichts".
Die von Pöppelmanns Meisterhand zwar nur aus Facli-
werk, aber doch ebenso gediegen wie geschmackvoll er-
richteten Gebäude wurden nach beendetem Campement nicht
sofort wieder abgebrochen. Die Schlüssel des Königspalais
erhielt der Generalleutnant von Seiffertitz mit der nach-
träglichen Weisung, dafs er das Haus ,, bewohnen und
brauchen könne, jedoch dem Könige, wenn er in selbiger
Gegend sich befinde, selbiges zu seinem eigenen Gebrauch
jederzeit vorbehalten" solle (Loc. 1056 III f. 15 — 17, 42, 46, 54).
Ebenso blieben der Pavillon, die drei Ställe bei Radewitz (die,
I02 Hans Beschorner:
nach Loc. 1056 III f. 124, hinterher die Gemeinde erhielt), die
Magazine, Schlacht- und Backhäuser bei Moritz und viele
andere Baulichkeiten stehen. Der König dachte offenbar daran,
die Truppenübungen, die er für die nächsten Jahre plante
(s. oben S. 67), an gleicher Stelle wieder abzuhalten. Des-
halb wurden auch die vierzig Brunnen und die Eisgruben bei
Moritz nicht zugeschüttet, sondern zugedeckt und mit Zäunen
umgeben, ,,die ums Hauptquartier gezogenen Wälle und Gräben
nebst denen darin hegenden Luststücken" nicht eino-eebnet
und der vom Hauptquartier nach dem Armeelager führende
Dammweg nicht beseitigt. Länger freiUch, wie bis 1734,
haben das Königspalais, der Pavillon und das Backhaus
bei Moritz nicht gehalten. Da sie im Februar dieses Jahres
ein grofser Sturmwind ,,ineinanderwarf", beschlofs man, die
drei Bauwerke für 400, 450 und 70 Tlr. zu verkaufen. Für
den angesetzten Preis fand sich jedoch kein Käufer. Man
mufste zufrieden sein, schliefslich von J. Uhlmann in Ratheu
(d. h. Raden südösthch Frauenhain, nördlich Grofsenhain) für
alle drei zusammen 500 Tlr. zu bekommen (Loc. 1056 III f. 124
und 130 — 136). Nicht besser erging es den Magazinen,
Wohn- und Backhäusern bei Moritz. Sie wurden 1736 durch
eine Eibflut stark beschädigt und dann alles in allem für
950 Tlr. an den Schiffseigner J. Ch. Weber in Pirna unter
bestimmten Bedingungen auf Abbruch verkauft (Loc. 1056 III
f. 140 — 142).
Eine Leistung für sich war die Errichtung der das Armee-
lager und Hauptquartier umfassenden Zeltstadt, über die
man im allgemeinen Staatskalender G, 3 Sp. i f., von Mansberg
S. 291! und die ,,Kurtze Beschreibung aller Gezelter im
Sächfs. Hauptlager" im Sachs. Curiositäten-Cabinet von 1731
(s. diese Zeitschrift XXVII, 109) vergleiche. Der schwierigen
Sache nahm sich der König persönlich mit regem Eifer an.
Eigenhändig stellte er Übersichten üb^r die vorhandenen und
die neu zu beschaffenden Zelte auf und gab in Skizzen, die
er wiederliolt änderte, an, wie er die Zelte im Einzelnen an-
(jeordnet und einirerichtet haben wollte.
Für das Hof lager wurden nicht lauter neue Zelte gekauft,
sondern die vorhandenen Prachtstücke möglichst mit verwendet.
Schon im Her])st 1728 begann man Aufstellungen darüber
anzufertigen, was in Dresden, Warschau und den anderen
königlichen Hofhaltungen an Zelten vorhanden war und was
von den einzelnen Hofämtern, von dem Marschallamte, der
Hofküche, der Hofkellerei, der Hufkonditorei und der Silber-
kammer an ganzen und halben Markisen mit Wänden, an
Das Zeithainer Lager von 1730. 103
ganzen und halben Markisen mit Zelten, an Küchenschirmen,
an grolsen, kleinen mid Pferdebaracken gebraucht wurde.
Nach wiederholten Berechnungen, die immer wieder zu anderen
Ergebnissen führten, gelangte man schliefslich für das Hoflager
allein zu der stattlichen Zahl von 825 Zelten vmd Baracken.
Viele alte Zelte konnten, wie gesagt, verwendet werden, viele
mufsten aber auch entweder von dem Zeltschneider Gottfried
Richter neu angefertigt oder von auswärts bezogen werden.
Madame Torlo lieferte für 12000 Tlr., Andreas Contessa
in Breslau für 6000 Tlr. Zelte, aus Wien kamen ebenfalls für
6000 Tlr. Im ganzen beliefen sich die Kosten für neu besorgte
Zelte auf 24449 Tlr. 8 Gr., ausschliefshch des ,, türkischen
Zeuges, das zur Veränderung der vorhandenen Haupt- und
Schlafzelter" neu bestellt wurde. Sehr genaue Auskunft über
die ganze Zeltfrage geben namentlich die Faszikel ,, Zelter"
in OHA. II f. 254 — 311 und in Loc. 1064 f. 31 — 118. In letz-
terem liegen auch einige zum Teil sehr fein ausgeführte farbige
Blätter, die uns einen Begriff von der bei den Zelten ent-
falteten Pracht geben. Fol. 65 und 66 stellen das Äufsere
zweier verschiedener Zelttypen dar: die eine Art war weifs
und trrün gestreift und oben am First mit einer roten, aus-
gebogten Kante versehen, die andere dagegen blau und weifs
gestreift und oben, unten und in der Mitte rot verziert. Ein
ganz besonderes Prachtzelt „in guttem Standt und so schoen,
als noch keines von den vorhandenen gewesen", veranschau-
hchen die Blätter 61 — 66. Höchstwahrscheinlich ist es das
Loc. 1064 f. 83 erwähnte „groffe Taflfelzelt auff 36 Personen,
aufswendig |aus] türckisch - grün gefärbtem Foderith, inwendig
durchaus mit roth-türckischer Baumwollen -Leinwand gefüttert
und mit Blumwerck ausgemacht", das 2700 Tlr. kostete und
wohl mit dem f. 75 erwähnten „guten, so Spiegel aus der
Türkey mitgebracht", identisch ist. Der Grundrils f. 61 zeigt
ein Oval von 38 : 17 Ellen. Das Dach dieser 12 Ellen hohen
Markise, deren „Umzirk 2 Ellen über dem ordinairen Zelt
austrägt", ruhte auf drei Mittelstangen und bildete in der Mitte
„so eine grade Linie, alfs ob sie auf dem Linial gezogen
worden". An den beiden Schmalseiten befanden sich zwei Aus-
gänge, an denen je nach Belieben „ein Balcon von 16 Stangen
mit goldenen Knöpfen, 14 Ellen die Länge, 12 Ellen die Breite
und 16 Ellen die Höhe", angesetzt werden konnte. Das Zelt, das
aufsen aus weifs und grün längsgestreifter Leinwand bestand
und oben von einem roten First abgeschlossen wurde (f. 62),
war inwendig „meublirt von rothem Mosel-Bast, das Laub-
und Blumen werck alles von Atlas", wie das die farbenpräch-
104 Hans Beschorner:
tige Aquarellskizze f. 63 in schönster Weise zeigt. Der Balkon,
zu dem das Stoffmuster in Bleistiftausführung f. 64 gehört, war
,,in der Decke von gleicher Form, wie das Zelt", und inwendig
„wie dieses meubliret".
Die Zelte waren mit türkischen Fufsböden versehen und
mit Teppichen, Matten und dergl. verschwenderisch ausgelegt.
Die 3273 Ellen spanische Matten, die zur Verwendung kamen,
kosteten allein 2182 Tlr. (Loc. 354 Michaelismesse 1730). Das
Mobiliar der Zelte war meist aus den Schlössern zu Dresden,
Pillnitz und Moritzburg nach Zeithain überführt worden (Loc.
1056 Acta varia £133). So wurden zu einem Giebel. in einem
grofsen Schlafzelt und zu einem türkischen Pavillon „sechs
Stück von den gestürmten Türckschen Tapeten, carmosin mit
Goldt und Silber und grün[en] Gräntze[n], jedes Stück 9 Ellen
lang und 2^/2 Ellen breit", verwendet (Loc. 1064 f. 87). Ein
besonderer Luxus schien in den 128 Schlafzelten entfaltet zu
sein, deren Ausstattung im allgemeinen mehrere Tabellen in
Loc. 1064 (f. 74 und 86, dazu f. 7 9 f., 82, 84 f) angeben imd
einige Blätter des bereits erwähnten Faszikels in Loc. 1064
im besonderen kennzeichnen. Fol. 55 betrifft ein mit Kissen,
Matratzen und dergleichen üppig ausgestattetes „königliches,
von türckischem [Stoffe hergestelltes] , reich mit Golt
eingewürcktes Pavilionbette", das 161 Tlr. 4 Gr. kostete,
f. 58^ f. zwölf ,,Frauenzimmer-Pavilionbetten" für 1140 Tlr.
12 Gr. und einige andere Damenbetten (eines von weifs und
rosaem, mehrere andere von gestreiftem Damast usw.), f. 59
ein ,,Canapee-Bett" für 142 Tlr. 3 Gr. 3 Pf. Nach einer
„Specification dererjenigen Rechnungen, was [siebzehn mit
Namen genannte Lieferanten] an Waaren zu denen Betten
und andern Meublen geliefert und gefertigt haben", forderten
die siebzehn Leute 19688 Tlr. — Gr. 9 Pf. und erhielten
,,nach geschehener Moderation" 18 163 Tlr. 23 Gr. 9 Pf.!
Für die Armee wurden durchgängig neue Zelte beschafft.
Das Armeelager machte mit diesen neuen Zelten, den
Schranken, die die Regimenter von einander schieden und
in den Farben der Regimenter gestrichen waren, den mannig-
fachen Gartenanlagen usw. einen schmucken Eindruck, zumal
auch peinlich auf Reinlichkeit gehalten wurde. Eine be-
sondere Zierde bildeten die vor der Front aufgestellten Fahnen,
Pauken und Trommeln, die der König den Regimentern ver-
liehen hatte. Nach der am 10. März 1729 ausgefertigten und
vom König unterschriebenen ,, Specification derer Estendarten,
Dragoner-, Infanterie- und Janitscharen-Fahnen, auch Paucken
und Trommeln, wie solche nunmehro auf unsere allergnädigste
Das Zeithainer Lager von 1730. 105
Resolution durch den Accisrath Langen sollen geschaffet und
gehefert werden"^), waren es folgende:
/. Estendarfen:
I weifse mit dem Königl. und Churfürstl. Wappen nebst
einem blauen sammetnen Riemen, mit Gold gestickt
und goldenen Prangen, vor die Chevalier- Garde.
12 weifse, alle durchgehends mit dem Königl. und Chur-
fürstl. Wappen und blauen sammetnen Riemen, mit
Gold gestickt und goldenen Prangen, vor die Garde
du Corps.
12 ponceau mit dergl. sammetnen Riemen und goldenen
Tressen vor die Baudis. Carabiniers.
6 dunckelblaue mit dergl. sammetnen Riemen und golde-
nen Tressen vor Crohn-Prinz.
8 weifse mit dergl. sammetnen Riemen und goldenen
Tressen vor die Commandirten.
6 baille mit dergl. sammetnen Riemen und goldenen
Tressen vor Prinz Priedrich.
6 canel mit dergl. sammetnen Riemen und goldenen
Tressen vor Hackeborn.
6 citrongelbe mit dergl. sammetnen Riemen und golde-
nen Tressen vor Criegern.
Sa. 57. Diese 57 Stück Estendarten werden alle mit Gold
gestickt.
//. Drai{oner - Fahnen :
8 weifse mit dergl. sammetnen Riehmen und goldenen
Tressen vor die Grenadier ä cheval.
6 bleumourentne mit dergl. sammetnen Riehmen und
silbernen Tressen vor Klingenberg.
6 dunkelblaue mit dergl. sammetnen Riehmen und silber-
nen Tressen vor Arnstedt.
6 papagoygrüne mit dergl. sammetnen Riehmen und
silbernen Tressen vor Katte.
6 grafsgrüne mit dergl. sammetnen Riehmen und silber-
nen Tressen vor Goldacker.
Sa. 32. Hiervon werden 8 mit Gold, die übrigen aber mit
Silber gestickt.
1) Loc. 1064 f. 259!, auch Loc. 1056 Acta varia f. isjf.; dazu die
in fünf Exemplaren vorhandene, mehrfach abweichende „Specification"
von früherem Datum Loc. 1064 f. 249 — 258, Loc. 14590 Extract, was
lo6 Hans Beschorner:
in. Infanterie -Fahnen:
i6 weifs und Gold vor beyde Garden.
8 citrongelb und Silber vor Cron-Princz.
8 orelb und Silber vor Weifsenf eis.
8 canel und Silber vor Dresky.
8 cremoisin und Gold vor Märchen.
8 bleumerent und Gold vor Loewendal.
8 dunckelblau und Silber vor Gotha.
8 baille und Silber vor Boehnen.
8 papagoygrün und Silber vor Caila.
8 grafsgrüne mit demWeymarischenWappen und Nahmen
• vor Weimar und Garnison.
4 gelb und blau mit dem Pohlen. und Litthauischen
Wappen, worum ein blauer Royal -Mantel gestickt
wird nach der gegebenen Zeichnung, vor die Grena-
dier zu Fufs.
I gelb und blau, gleichfalls nach der gegebenen Zeich-
nung, vor die Janitscharen.
Sa. 93 Stück.
/ I '. Cu irafsier - Paucken :
I Paar silberne mit ponceau und goldenen Pantroullen^)
vor Baudis.
I Paar messingene mit dunckelblau und goldenen Pan-
troullen vor Cron-Princz.
I Paar messingene mit baille und goldenen Pantrollen
vor Princz Friedrich,
I Paar messingene mit canel und goldenen Pantrollen
vor Hackeborn.
I Paar messingene mit citrongelb und goldenen Pantrollen
vor Criegern.
Sa. 5 Paar incl. der silbern.
V. Dragoner -Paucken:
I Paar küpflferne mit weifs und goldenen Pantrollen
vor die Grenadier a cheval.
I Paar küpfferne mit Ijleumerent und silbernen Pan-
trollen vor Klingenberg.
bey dem König!. Pohln. und Churf. Säclis. Hauptzeughaui'se allhier
de anno 1729— 1751 an Infanterie- Fahnen zur Ausgabe gekommen,
lind Loc. .431 Unger IV f. 235 b f.
') Banderole (Bandrolle) = Tragband.
Das Zeithainer Lager von 1730. 107
I Paar küpffenie mit dunckelblau und silbern Pantrollen
vor Arnstadt.
I Paar kttpfferne mit papagoygrün und silbern Pantrollen
vor Katte.
I Paar küpfferne mit grals-grün und silbern Pantrollen
vor Goldacker.
Sa. 5 Paar.
IT. Dragoner -Trommeln.
16 kupiferne mit vergoldetem Wappen vor die Grenadier
ä cheval.
4x12 küpfferne, alle mit versilberten Wappen, vor Klingen -
berg, Arnstedt, Katte und Goldacker.
I grofse küpfferne mit den Königl. und Churfürstl,
Wappen, versilbert, vor die Janit scharen.
Sa. 65 Stück.
4 neue silberne Trompeten excl. der 12, so schon vor-
handen, vor Baudis.
Einen weiteren kostbaren Schmuck sollte das Armeelager
in dem gegossenen Reiterstandbilde Augusts des Starken er-
halten, dessen Aufstellung vor der Mitte des Lagerplatzes
ernstlich geplant war, schhefslich aber doch nicht zur Aus-
führung kam. Von ihm ist ja im Vorhergehenden und auch
Band XXVII dieser Zeitschrift S. 107 f. wiederholt schon die
Rede gewesen.
5. Die Besucher und ihre Unterbringung.
Was an ,, Fürstlichen Personen sich beym Campement
1730 befunden", lehren die Listen OHA. I f. 127 — 130 und
Loc. 1056 I f. 337, auch Loc. 1056 Acta varia f. 85 — 87
(„Fürstliche Personen, so in Dörfer kommen"), aus denen der
Staatskalender J. 3 Sp. i Auszüge bringt, während U. von
König (vgl. diese Zeitschrift XXVII, 115 f.) S. 57—60 Anm.
die genaue Sitzordnung bei der ersten grofsen Tafel angibt,
die nach der ,, Einholung" stattfand. König druckt S. 9 f. Anm.
auch die ,, Liste derer Ritter vom Pohlnischen Weisen
Adler, so sich im Campement bey Radewitz 1730 befunden",
ab, die OHA. I f. 105 und 106 bietet. Es waren 21 deutsche
und 15 polnische Ritter. Für die Geschichte des Weifsen-
Adler-Ordens ist es vielleicht von Wert, zu wissen, dafs über
die Ordenstracht, die beim Empfange des Preufsenkönigs
io8 Hans Beschorner:
angelegt werden sollte, Unklarheit herrschte. Die Zweifel
beseitigte der König, indem er anordnete, dafs die Herren
nicht in grauen Hüten mit weifsen Federn, sondern ,,mit dem
Couteau de chasse und einem schwarzen Huth, mit einer
kleinen silbernen Tresse eingefafst, ohne Feder" zu erscheinen
hätten (OHx'V. I f. 103!. und 112). Die „55 Herrn Fohlen,
so in Grossenhayn einquartirt worden" und unter denen sich
auch die vorerwähnten Ritter befanden, sind zusammengestellt
OHA. I f. i29f. und Loc. 1056 f. 343, die ,, Hoffministers,
Hofifcavaliers und Hoff bedienten, so mit ins Campement
gangen 1730", OHA. I f. 143 — 151. Vgl. dazu auch noch
die ,, Liste de ceux qui viendront au campement", Loc. 1056
Acta varia f. 75 und das Faszikel Loc. 1064 f. 9 — 30, das
lauter Zusammenstellungen der verschiedensten Lagerbesucher
enthält.
Die von G. W, Kröcher in Cofsdorf am 30. Mai 1730
gefertigte und nach Regimentern geordnete ,, Liste derer
[preussischen] Generals und Officiers, so die Kgl.
Pohlnische Revue mit ansehen sollen", OHA. I f. 116 — 119
(und 120 — 123, wo die Offiziere noch einmal einfach nach
ihrem Range aufgezählt sind; vgl, dazu noch OHA. II f. 371 ^,
Loc. 1056 f. 338 — 340 und Loc. 1056 Acta varia f. 82), ist
abgedruckt bei von König a. a. O. S. 6 — 8 Anm. Die Namen
der 18 preufsischen Generale, die mit in Zeithain waren, nennt
von Mansberg S. 293 Anm. 20. Von den 147 Offizieren,
über deren Wahl sich Friedrich Wilhelm lange nicht schlüssig
werden konnte, so dafs Graf Lynar (s. oben S, 81) noch am
20. Mai schrieb: ,,Le Roi la (d. h. die Liste) change encore
journellement et ne peut se determiner lä-dessu", gehörten
nur folgende 19 (oder 22) zum eigentlichen Gefolge des Königs
(OHA. I f. 115): der Kronprinz, Generalleutnant von Grumbkow,
die Generalmajore Herzog von Hol^tein, Gr.J Dönnhoff,
Buddenbrook und Linger, die Obristen vonSydow, von Kröcher,
von Kleist, von Derschau, du Mouhn, von Rochow und
von Einsiedel, Major von Einsiedel, die Kapitäne von Bredow,
von Wachholz, von Pohlenz und von Haake, die Leutnants
Graf Wartensleben und von Kaiserling. Diese blieben auch
allein bis zum Schluls aller Veranstaltungen, während die
übrigen „Officiers, so nicht in Sr. Maj. eigener Suite waren",
l)ereits am 25. Juni den Befehl erhielten, ,, vorauszugehen".
Aufser dem eigentlichen Gefolge hatte Friedrich Wilhelm
noch bei sich: den Etatsrat von Viereck, den Obristen
von Pannewitz (von den Gend'armes), den Kriegsrat von Schu-
macher, den Stallmeister Schack, den Kapitän von Helden
Das Zeithainer Lager von 1730. 109
und an Domestiquen für seine Person zwei Kammerdiener,
einen Büchsenspanner, einen Fourier, einen Kammerlakaien,
vier Jungen, einen Stallmeister, einen Bereiter und zwei Stall-
jungen, für den Kronprinzen dagegen drei Kammerdiener,
einen Pagen, einen Jäger, drei Jungen, einen Leibkutscher,
zwei Vorreiter, zwei Reitknechte und einen Stalljungen (OHA. I
f. i24f. , Loc. 1056 Acta varia f. 93 — 95). Alle preufsischen
Oifiziere erschienen, wie der König, „in rothen mit Gold
propre charmirten Kleidern, so alle nach einer Fa9on gemacht
und charmirt waren" (OHA. I f. 11 '^ f., Staatskalender G. 2 Sp. i
rmd G. 4 Sp. i).
Von den im Lager anw^esenden Damen gibt von Mans-
berg S. 292 einige an. Es waren im ganzen 90, nämlich
nach OHA. I f. 140 f. (dazu Loc. 1056 Acta varia f. 78 f.)
folgende :
/. Dantes: i. Ihro Königl. Hoheit die Prinzessin, 2. Ihro
Durchl. die Prinzessin von Weifsenfelfs, 3. Frau Gräfin von
Bräunern, 4. Frau Oberhoffmeistern Gräfin von Waldstein,
5. Frau Fräul.- Hoffmeistern von Rohr, 6. Fräul, Gräfin Königlin,
7. Fräul. de Nehem, 8. Fräul. Gräfin von Waldstein, 9. Fräul.
von Zehmen, 10. Fräul. von Horst, 11. Frau Cammerherrn
von Sulkowska, 12. Fräul. Gräfin Orzelska, 13. Frau Gräfin
Bilinska, 14. Frau Feldherrn Gräfin Pocreyn, 15. Frau W03-
wodin Gräfin Oginska, 16. Frau Cron-Marschalln Gräfin Mnis-
zeck, 17. Frau Fürstin Wiesnowiecka, 18. Frau Miesnickowa
Fürstin Lubomirska, 19. Frau Starostina Zawisza, 20. Frau
Gräfin von Gieleissen, 21. Frau Trabantenhauptmann Pro-
hainques, 22. Fräulein Gräfin Oginska, 23. Frau Gräfin Mnis-
zeck, 24. Frau Starosten Dunin, 25. Fräul. Dunin, 26. Frau
Gräfin von Erpach, 27. Frau Oberhoffmarschalln Baronne
von Loewendal, 28. Frau Geh. Cabinets -Ministern Gräfin von
Werthern, 29. Frau Geh. Cabinets-Ministern Gräfin von Mann-
teuffeln, 30. Frau Geh. Räthin und Canzlern von Bünau,
31. Frau Geh. Räthin von Diefskau, 32. Frau Geh. Räthin
und Oberstallmeistern von Lofs, 33. Frau Geh. Räthin von
Bünau die jüngere, 34. Frau Ober-Schencken Baronne von
Seyfferticz, 35. Frau Ober-Küch-Meistern Baronne von Seyffer-
ticz, 36. Frau Gen. -Postmeistern von Neitschücz, 37. Frau
Hoffmarschalln von Haugwicz, 38. Frau Trabantenhaujjtmann
von Pflügen, 39. Frau Gen.-Lieut. Bösen, 40. Frau Gen.-Lieut.
von Seyfferticz, 41. Frau Gen.-Lieut. Gräfin Castell, 42. Frau
Gen.-Lieut. Pflügen, 43. Frau Generalmajor von Schulenburg,
44. Frau Cammerherrn Gräfin Werthern, 45. Frau Cammer-
herrn Gräfin von Schönfeld, 46. Frau Cammerherrn von Maxen,
HO Hans Beschorner:
47. Frau Cammerherrn von Füllen, 48. Frau Camnierherrn
von Arnimb, 49. Frau Gen. -Major Pflügen, 50. Frau Cammer-
herrn Gräfin von Gerfsdorff, 51. Frau Cammerherrn von Carlo-
wicz, 52. Frau Obristen Baronne von Loewendal, 53. Frau
Obristen von Block, 54. Frail Obristen von Ponigkau, 55. Frau
Major von Wolffersdorff, 56. Frau Major Pflügen, 57. Frau
Major Dossau, 58. Frau von Diefskau, gebohrne von Schöning,
59, Frau Hauptmann von Heyden, 60. Frau von Gerfsdorff,
61. Frau von Harrenberg, des Domherrn aus Magdeburg Frau,
62. Frau von Bülav, 63. Frau von Bodenhaufsen , 64. Frau
von Melzing, 65. Frau von Dehn auf Helffenberg, 66. Frau
von Bösen.
//. Fräuleins: 67. und 68. zwe}- Fräul. Gräfin von Mann-
teuffel, 69. und 70. zwey Fräul. Pflügen, der Frau Trabanten-
hauptmann Töchter, 71. Fräul. von Carlo witz, des Herrn
Cammerherrns Tochter, 72. Fräul. von Lochau, 73. Fräul. von
Niemegken, 74. Fräul. Melzmg, 75. Fräul. von Schmerzing,
76. und 77. zwey Fräul. von Willfsdorff, 78, Fräul. von Diefskau,
79. Fräul. von Seyfferticz, des Herrn Generals Tochter, 80. und
81, zwey Fräul. von Seyffertitz, 82. und 83. zwey Fräul. von
Maxen, 84. Fräul. von . . . . , der Frau Cammerherrn von
Arnimb Schwester, 85. Fräul. von Starschedeln, 86. und 87. zwey
Fräul. von der Heyden, 88. Fräul. von Arnimb, 89. Fräul. von
Vittingshoff, 90. Fräul. von Leipzigern.
Nur der kleinste Teil der hohen Gäste und ihrer Be-
dienung konnte in dem Hauptquartier untergebracht werden,
wie aus den verschiedenen Spezifikationen, Quartierlisten und
farbigen Skizzen OHA. I f. I74f., I92f., 2i5f. und Loc. 1056
Acta varia f. 77, 86, 189 f. (s. auch hier S. iii f.) hervorgeht,
die den Plan des Hauptquartiers in dem grofsen Kartenwerke
ergänzen. Für viele mufste in den Dörfern der näheren und
weiteren Umgebung, in denen auch die übrigen Fremden
Unterkunft fanden, Quartier gemacht werden; vgl. hierüber
im allgemeinen von Mansberg S. 294. Selbst jenseits der
Elbe wurde eine Menge von Zuschauern, auch vornehmen
Standes, untergebracht. Die preufsischen Offiziere wohnten
z. B. meist in Riesa.
Um allen diesen den Verkehr mit dem Lager zu er-
leichtern, wurden vier Brücken über den Strom geschlagen:
eine Schiffsbrücke bei Moritz, eine Flofsbrücke oberhalb, eine
Fafsbrücke unterhalb Promnitz, eine Klotzbrücke bei Bobersen
(Staatskalender H.4 Sp.4 — Li Sp. ij. Die aus 26 Fährkähnen
bestehende, 400 Schritt lange Schiff Ijrücke, die den Haupt-
verkehr zu bewältigen hatte und deshalb am festesten her-
Das Zeithainer Lager von 1730. iii
gestellt war, stammte von dem Oberlandbaumeister Pöppel-
mann und kostete nach einer genauen Berechnung Loc. 1056
Acta varia f. 2 5 f. 1709 Tlr. 8 Gr.; dagegen leiteten den Bau
der anderen Brücken Oberstleutnant Fürstenhoff (Flofs-
brücke), Generalmajor von Wuttginau (Klotzbrücke) und
Pontonnierleutnant Pap et e (Fafsbrücke); vgl. Loc. 1056 II
f. 166, 172, 185, auch Hansch, Geschichte des Königl. Sachs.
Ingenieur- und Pionier-Korps (Dresden 1898), wo sich S. 82!".
einige nicht sehr zuverlässige Angaben über das Zeithainer
Lao-er finden. Von dem Material der Flofsbrücke, zu der u. a.
300 Schock Flechten und 300 Schock Keulen gebraucht wurden
(Loc. 35043 f. 28), und von der Klotzbrücke konnte hinterher
nur wenig wieder verwertet werden, da beide Brücken bei
dem Hochwasser im Juli 1730 abtrieben und nur zum Teil
wieder festgemacht werden konnten, wie der Feldartillerie-
brückenschreiber J. Chr. Böhme in seinem ausführlichen Be-
richte vom 9. Juli 1730 (Loc. 10947 Rapports 1730) schildert.
Die 257 Fässer dagegen, aus denen die Fafsbrücke bestand,
wurden zusammen mit den aus dem Verkaufe der Magazine
bei Moritz gelösten 950 Tlr. (s. oben S. 102) und den übrig-
gebliebenen, dort lagernden Holzvorräten dem Kammerjunker
J. G. von Wehlen auf Riesa für die grofsen Schäden über-
lassen, die er infolge Einschleppung der Rinderpest durch
polnische Ochsen und Ruinierung seiner Wiesen durch das
Feuerwerk erlitten hatte (Loc. 1056 III f. 151 f.). — Eine
fünfte Brücke, die Inventionsbrücke, die nach Loc. 1056
Acta varia f. 24f. 2009 Tlr. 8 Gr. kostete, diente nur mihtäri-
schen Zwecken; s. oben S. 76.
Die geographischen Karten, die die Verteilung der Campe-
mentsbesucher auf die einzelnen Ortschaften veranschaulichen,
sind bereits in dieser Zeitschrift XXVII, 136 f, besprochen.
Von diesen stammt nur die ,,Accurate geographische
Delineation des Ammtes Grossenhayn" mit der ,,Re-
praesentation des Campements zwischen Mühlberg und
Grossenhain" (Nr. 45) von dem Land- und Grenzkommissarius
Zürner, der für diese ,,in Kupfferstich zu bringende Charte"
und für einen sonst nicht bekannten ,, gedruckten Campements-
Prodromum nebst Supplementen" um Privilegium nachsuchte;
vgl. das Schreiben des Kanzlers von Bünau an den Kabinetts-
minister von Hoym vom 13. Juni 1730 Loc. 1056 I f. Die
,,Logierungskarte" (Nr. 50) dagegen geht zwar offenbar auf
Zürners ,,Accurate geographische JDelineation" zurück, stammt
aber, wie sich nachträglich herausgestellt hat, von dem
Leipziger Kupferstecher Schreiber, über den G. Wustmann
112 Hans Beschorner:
auf S. 74 — 77 seiner Arbeit ,,Der Leipziger Kupferstich im
i6., 17. und 18. Jahrhundert" (Neujahrsblätter der Bibhothek
und des Archivs der Stadt Leipzig III, 1907J handelt. Die
Karte, die mit der a. a. O. S. 109 unter Nr. 7 erwähnten
,,Landcharte" identisch ist, wurde mitsamt der Platte beschlag-
nahmt. Letztere befindet sich gegenwärtig im Leipziger Rats-
archiv, dessen derzeitiger Direktor, Professor Dr. Wustmann,
sehr scharfe Abzüo^e davon nehmen liefs. Die Originalkarte
trug, wie man an diesen Abzügen sieht, in der Titelkartusche
den Vermerk ,, Schreiber fecit", während dieser auf dem Nach-
stiche, in dem die Karte sonst meist vorkommt, fehlt. Von
dieser Logierungskarte liefs Schreiber auch Exemplare mit
den kolorierten Ansichten des Pavillons, der Pyramiden usw.
(s. diese Zeitschrift XXVII, 138! Nr. 53a — 531) auf der Rück-
seite herstellen [50 b]. Auch diese Karte mit den von Schreiber
herrührenden Ansichten wurde konfisziert, die Platte aber kam
ebenfalls ins Leipziger Ratsarchiv imd wurde neuerdings zur
Herstellung trefflicher Abzüge benutzt. Dank der Güte des
Herrn Dr. Wustmann befindet sich jetzt sowohl von der
Logierungskarte als von dem Blatte mit den Ansichten je ein
Exemplar ii. a. im Königl. Hauptstaatsarchiv Rifsschrank A
Fach 8 Nr. 15.
Auch auf Zürner geht endlich eine dritte allgemeine
Orientierungkarte zurück, die C. F. Boetins in Dresden ,,mit
Königl. Pol. u. Chf S. Privilegio" stach [50c]. Das 25:12 cm
messende Kärtchen (ein Exemplar davon OHA. I f. 205) ist
bezeichnet als ,,Dehneation der Gegend von Dresden nach
Torgau um das zwischen Gr.Hayn und Mühlberg für die
Königl. Pohln. und Churfürstl. Sachs. Armee aptirte Cam-
pement, aus richtigen Special-Charten extrahirt von X (Mono-
gramm Zürners)," und wird durch folgende Listen erläutert,
die am linken und unteren Rande der Karte auf breiten
Streifen angefügt sind: I. Alphabetische Specification der um
das Campement herum einquartirden Herrschafften. II. Liste
derer bey der General-Revue campirenden K. P. u. Gh. F. S.
Trouppen. III. Recensirung der auf Befehl Ih. K. M. in P. u.
Ch. F. D. zu S. täglich vorfallenden Unternehmungen und
Exercitien der campirenden Trouppen Anno 1730. IV. Register
der notabelsten sonderlich um das Campement herum liegenden
Orte. V. Register einicjer inn- u. ausländischen Städte ausser
diesen Chärtgen, wie weit dieselben in geraden Linien .... von
Königl. Haupt-Quartier zu Radewitz (vulgo Roetzgen) abliegen.
Hinsichtlich der anderen a. a. O. S. 137 erwähnten ,,Logi-
rungs-Charte" (Nr. 51) sei ergänzend bemerkt, dafs sie nach
Das Zeithainer Lao;er von 1730. 115
Loc. 1056 I f. 313!., wo sich das handgezeichnete und aus-
gemalte Original befindet, von dem Oberingenieur und Oberst-
leutnant Fürstenhoff stammt, der zusammen mit Dietze die
Aufnahme der Zeithainer Gegend leitete (s, oben S. 54 Anm. i
und S. 89!). Auf ihn geht wahrscheinlich auch noch der
Rifs OHA. I f. 208 zurück.
,,Vor die Frembden, so sich, das Campement zu sehen,
in der Grossenhainer Gegend eingefunden", bekundete August
der Starke ein lebhaftes Interesse. Um sich über sie einen
Überblick zu verschaffen, Hefs er am 14. Juni 1730 eine
Verordnung ergehen, in der alle ,,Besitzere derer adelichen
und Fre3-güther, Verwalter und Pächter der Grossenhainer
Gegend dienst- und freundlichst ersucht woirden, eine Speci-
fication an allen in Dero Schlössern, Häufsern, Dörflfern
und Vorwergken jetzo einlogirten und einlogirt gewesenen
Frembden fertigen zu lassen und solche an die Oberhof-
marschallamts-Expedition einzusenden". Königliche Trom-
peter mufsten auf allen 88 in Frage kommenden Dörfern
herumreiten und den Befehl ül:)ermitteln. Das Ergebnis der Ver-
ordnung hegt in den zahlreichen Anzeigen OHA. I f. 231 — 293
vor, auf denen wohl die ,,Ohngefähre Consignation derer
Frembden, so das Campement bey Radewitz 17 30 besucht",
OHA. I f. 131 — 139 beruht. Die ,, fürstlichen Persohnen, Herrn
Pohlen und Preussen, sächsischen Hoft'ka valiers und Landadel,
auch vielen Gelehrten und Kauffleuthe von allen Arthen"
sind darin nicht berücksichtigt. Eine auch nur schätzungs-
weise Angabe, wieviel Schaulustige das Campement in die
Zeithainer Gegend lockte, ist in den Akten oder in der
Literatur nicht zu finden oewesen.
(Schlafs folgt.)
Karte s. foljjeHde Seite.
r^Äd ZcXkiscJiyu.
DUoXs-ö^
10t> XOf ^>ooo
icuy^ Jiovl nSO
^eA VTTVv 5'!* *T'<x*i^ v^^x::A^-»~'Mc.-**:
•.'\00000
IV.
Kleinere Mitteilungen.
I. Zur Kanonisation Bennos.
Von Otto Giemen.
Die Bemühungen Herzog Georgs von Sachsen, die Kanoni-
sation Bischof Bennos von Meifsen von der Kurie zu erwirken,
reichen bis ins Jahr 1497 zurück. In demselben Jahre ging
auch im Auftrage des Meifsner Domkapitels der Kanonikus
Lukas Henil nach Rom, um dem Papste Alexander VI. den
sehnlichen Wunsch des Kapitels vorzutragen. Im September
1498 sandte auf Bitten des Kapitels Martin von Lochau, Abt
in Altzelle, nicht weniger als drei Schreiben in dieser An-
gelegenheit an Papst und Kardinäle. Alexander VI. ordnete
daraulliin eine Voruntersuchung an und bestellte zu Kom-
missaren den Bischof Johann von Naumburg und die beiden
Äbte Martin von Zelle und Matthäus von Buch. Im Juni 1499
konstituierte sich die Kommission in Zeitz und forderte durch
einen Aufruf alle diejenigen, welche über Bennos Leben, Ver-
dienste, Heiligkeit, Wunder und Verehrung Mitteilungen zu
machen wüfsten, auf, am z. Oktober in Meifsen zu erscheinen und
ihre x\ussagen zu Protokoll zu geben. Etwa 60 Zeugen wurden
denn auch an diesem und den folgenden Tagen dort ver-
nommen. Zum dritten Male trat die Kommission Anfang Februar
1499 in Borna zusammen, und hier wurde nun der Meifsner
Klerikus Lukas Hofmann abgeordnet, das gesammelte umfäng-
liche Beweismaterial dem Papste zu überbringen. Wir hören
noch, dafs dieser drei Kardinäle mit der Prüfung desselben
beauftragte, sonst aber scheint er die Angelegenheit nicht
weiter gefördert zu haben \). Grofse Hoffnungen setzte Herzog
^) OttoLang^erin den Mitteilungen des Vereins für Geschichte
der Stadt Meifsen II (1888), losfi. Eberhard Klein, Der heilige
Benno (Meilsen 1904) S. 161 f.
Neues Archiv f. S. G. u. A. XXVIII. i. 2. 8
Il6 Kleinere Mitteiluno;eii.
Georg auf Raimund Peraudi, der als päpstlicher Legat zur
Überbringung des Jubiläumsablasses nach Deutschland kam.
In der zweiten Januarwoche 1503 hat der Herzog wohl per-
sönlich in Meifsen oder in Dresden dem Legaten unter anderen
die verschiedensten kirchlichen Verhältnisse berührenden
Wünschen auch den, dafs er die Erhebung Bennos betreiben
möchte, vorgetragen^). Und noch früher, unterm 3. Oktober
1501 — kurz vorher, am 11. September, war der Vertrag
zwischen dem Reichsregiment und Peraudi über die Zulassung
der Jubiläumspredigt in Deutschland zu stände gekommen-) —
hat Herzog Georg sich an Papst und Kardinäle mit der de-
mütigen Bitte gewandt, dafs Peraudi mit der Förderung der
Kanonisation beauftragt werden möchte. Die beiden Schreiben
stimmen in ihrem wesentlichen Inhalt ganz überein, nur die
Anredeformeln sind verschieden. Sie finden sich in gleich-
zeitiger Abschrift in Cod. Chart. A 338 fol. i der Herzoghchen
Bibliothek in Gotha. Das erste, an den Papst gerichtete,
sei hier mitgeteilt.
Ad summum pontificem.
Beatissime pater! Post debitam obedientiam Deuota beatorum
pedum oscula! Clementissime domine! Accepit iamdudum Sanc-
titas vestra, quomodo Diuus Et venerabilis pater Benno, quondam
dum vixit Misnensis ecclesie Antistes, varijs non tarn in viia quam
post mortem choruscantibus signis et miraculis claruerit, Vnde etiam
S. v. superioribus exactis diebus super huiusmodi negotio Reuerendo
et venerabilibus In Christo patribus Numburgensi Episcopo et Celle
veteris atque Buch Monasteriorum abl:)atibus dignata fuit inquisicio-
nem committere, quemadmodum dihgentius inquisitio facta fuerit,
Multis desuper productis testibus, quormn attestaciones S. v. trans-
misse et publicate fuerunt. Quare obnixius et cum instantia Rogo,
vt sanctitas vestra velit ReueTendissimo in Christo patri Domino et
amico meo clarissimo Domino Raymundo tituli Sancte Marie Noue
Presbytero Cardinali Gurtzensi per Gennaniam Legato committere
huiusmodi negotium Latius tractare Juxta eiusdem S. v. arbitrium
atque voluntatem. In quoS. v.Indubie sunimi retributorisRetributionem
mercedemque prestolatura est copiosam Eiusque loci hominum de-
uotionem teruentius inilammabit et augeat, qui etiam pro felici ve-
nerabilis ecclesie regimine ac S. v. Incolumitate altissimum deuotius
exorabunt. Feliciter valeat longeque superstes viuat S. v., cui me
humilius commendo. Datum In Arce Dressen Die Tercia Mensis
Octobris Anno domini Millesinioquingentesimoprimo.
1) Felician Gefs, Akten und Briefe zur Kirchenpolitik Herzog
Georgs von Sachsen I (Leipzig 1905), Einl. S. XXXIIIf.
-') Joh. Schneider, Die kirchliche und politische Wirksamkeit
des Legaten Raimund Feraudi (Halle 1882J S. 65 ff.
Kleinere Mitteilung:en. "^ 1 1 y
2. Dr. Johann von Kitzscher im Dienste des Deutschen Ordens.
Von Hermann Freytag.
Im zwanzigsten Bande dieser Zeitschrift hat Bauch ein
Lebensbild des meifsnischen Edelmannes Johann von Kitzscher
gegeben, dabei aber mit Bedauern feststellen müssen, dafs
für die Zeit von 1506 bis 1512 die Nachrichten über Kitzschers
Leben recht dürftig sind. Diese Lücke auszufüllen, sollen
die folgenden Zeilen dienen.
Johann von Kitzscher hat während der Jahre 1508 bis
15 12 im Dienste des Deutschen Ordens gestanden.
Im Jahre 1507 war der Hochmeister Friedrich von Sachsen,
der Bruder Herzog Georgs, nach Deutschland gekommen.
Mit dieser Reise verfolgte er einen doppelten Zweck, den
politischen, die Hilfe der deutschen Fürsten gegen den pol-
nischen König, der ihm immer drohender entgegentrat, zu
gewinnen, den persönlichen, in seiner Eigenschaft als Ko-
adjutor des Erzbischofs von Magdeburg dem Befehl des
Papstes zur Residenz bei der magdeburgischen Kirche, so-
weit als möglich war, nachzukommen^). Als Wohnort hatte
ihm sein Bruder das Schlofs Weifsensee eingeräumt, von
wo aus er auch den Erzbischof Herzog Ernst von Sachsen,
den Bruder des Kurfürsten Friedrich, besuchte. Auch stand
er im Anfang des Jahres 1508 mit dem Kurfürsten selbst in
Verhandlung, die dessen Eintreten für den Orden beim Kaiser
zum Ziele hatte. Es gab während dieser Zeit Gelegenheit
genug für Johann von Kitzscher, der damals des Kurfürsten
Kanzler war, mit dem Hochmeister in Berührung zu kommen,
auch ist nicht ausgeschlossen, dafs ihre Bekanntschaft schon
älteren Datums war, ja, es ist wohl mögUch, dafs der Hoch-
meister, dem man nicht mit Unrecht höhere geistige Interessen
nachrühmte, auch Kitzschers literarische Arbeiten, zugleich
Zeugnisse seiner Redekunst, kannte. Das dürfte für den
Hochmeister, der überhaupt die Neigung hatte. Söhne seines
Heimatlandes in den Dienst des Ordens zu ziehen^), Grund
genug gewesen sein, auch Johann von Kitzschers Verwendung
in diesem Dienste in Aussicht zu nehmen.
Jedenfalls wurde, als es im Jahre 1508 galt, den Posten
eines General - Prokurators des Ordens bei der Römischen
1) Voigt, Geschichte Preufsens von den ältesten Zeiten bis
zum Untergange der Herrschaft des Deutschen Ordens IX, 3 32 ff.
-) Freytag, Die Beziehungen der Universität Leipzig zu
Preufsen von ihrer Begründung bis zur Reformation, in Zeitschr. d.
Westpreufs. Gesch.- Vereins XLIV, 24.
8*
Ii8 Kleinere Mitteilungen.
Kurie neu zu besetzen, Kitzscher für denselben gewonnen.
Da diese Stellung stets von einem Ordensmitgliede bekleidet
wurde ^), so dürfte auch Kitzscher in den Orden eingetreten
sein. Wenn ihm zugleich in dieser Zeit die Altenburger
Propstei verliehen wurde, so ist dies vielleicht mit Hilfe des
Herzogs Georg deswegen geschehen, um ihm eine sicherere
materielle Lage zu bieten, als sie ihm der Orden bei seinen
damaligen finanziellen Nöten gewähren konnte.
Noch im Jahre 1508 mufs Kitzscher nach Rom gekommen
sein, da bereits in einigen Schreiben aus den ersten Tagen
des Jahres 1509 der Hochmeister auf seine Tätigkeit bei der
Kurie Bezug nimmt. Diese Tätigkeit richtete sich zunächst
auf die Gewinnung des Papstes für eine dem Orden günstige
Behandluno: der Streitfrag-e bezügrlich des Verhältnisses des-
selben zum Könige von Polen. Auf Grund des Friedens von
Thorn vom Jahre 1466 verlangte dieser vom Hochmeister die
Leistung des Lehnseides, der sich letzterer bisher entzogen
hatte. Die Gegensätze hatten sich so weit zugespitzt, dafs
man gegen Ende des Jahres 1508 lebhaft mit der Möglich-
keit eines feindlichen Einfalls der Polen rechnete. Es gelang
Kitzscher mit Hilfe des Ordensprotektois, des Kardinals St.
Georgii, den Papst so weit für die Sache des Ordens zu ge-
winnen, dafs dieser einige Breve, an den König von Polen
und den von Ungarn gerichtet, erliefs, in denen er beiden
Teilen alle Fehde und Feindschaft streng untersagte und die
Streitsache selbst in Untersuchung nehmen zu wollen er-
klärte-2).
Auch zu den Kreisen der übrigen in Rom wohnenden
Deutschen unterhielt Kitzscher Beziehungen. Im Jahre 1499
hatte die Bruderschaft des deutschen Nationalhospizes St. Maria
delFAnima in Rom beschlossen, eine neue Kirche für dasselbe
zu bauen. Zu diesem Zwecke wurden im Jahre 1509 die
namhafteren der in Rom anwesenden Deutschen um Zeichnung
von Geldbeiträgen, die sie leihen oder schenken wollten, an-
gegangen. Auch Kitzscher zeichnete 100 Dukaten '^J,
*) Vgl. Voigt, Stimmen aus Rom über den päpstlichen Hof
im fünfzehnten Jahrhundert, in Räumers historischem Taschen-
buch IV, 54. Freytag, Die Geschäftsträger des Deutschen Ordens
an der Komischen Kuria von 1309 bis 1525, ebenda XLIX, 189.
^) Schreiben des Hochmeisters an Kitzscher d. iMontag nach
Neujalir (5. Januar I und Freitag nach ( )uasimodogeniti (20. April) 1509
bei Voigt IX, 364.
"j Nagl und Lang, Mitteilungen aus dem Archiv des deutschen
Nationalhospizes St. Maria dell'Anima in Rom (Rom 1899) S. 67 und 71.
Kleinere Mitteilunuen.
119
Die folgenden Jahre brachten dem Ordensprokurator die
dornenvolle Aufgabe, des Papstes Interesse für den Orden
und seine Gunst in der obwaltenden polnischen Streitsache
rege zu erhalten. Als daher der Hochmeister die Sache an
Kaiser und Reich gebracht hatte, erhielt er den Auftrag, den
Papst so vollständig wie möglich über die Gründe, die jenen
dazu bewogen hätten, zu informieren, und als der Reichstag
zu Worms 1509 beschlossen hatte, dafs Kaiser, Stände und
Hochmeister den Papst bitten sollten, mit ihnen einen Bot-
schafter an den König von Polen zu senden, der diesen zu
einer gütlichen Verhandlung der Streitsache bestimmen sollte,
da war es seine Aufgabe, den Papst dieser Bitte geneigt zu
machen. Lange zogen sich die Verhandlungen hin, bis end-
lich 15 10 der Legat Achilles de Grossis den Auftrag erhielt,
dem ano^esetzten Verhandluno-stao-e in Posen beizuwohnen^).
Freilich blieb, als im Jahre 15 10 der Tag eröffnet wurde, der
Legat ohne Angabe von Gründen aus, und die Verhandlungen
verliefen erfolglos. Alsbald erhielt Kitzscher den Auftrag,
den Papst über den Verlauf der Tagung zu unterrichten
und aufs neue seine Hilfe anzurufen'-). Erst im Herbst kam
der Legat zum polnischen Könige und da seine Information
nunmehr selbstverständlich eine einseitig polnische war, so
entstand für den Ordensprokurator die Aufgabe, durch ge-
nauen Bericht beim Papste den möglichen ungünstigen Folgen
vorzubeugen'^).
Am 14. Dezember 15 10 starb der Hochmeister auf dem
Schlosse seines Bruders zu RochHtz. Am 13. Februar 15 11
wurde dann im Kloster zu Zschillen der junge Markgraf
Albrecht von Brandenburg in den Orden aufgenommen und
noch an demselben Tage in Rochlitz zum Hochmeister ge-
wählt. Alsbald erhielt Kitzscher die Instruktion, am päpst-
Kitzscher nimmt in der Liste die zweite Stelle ein, während an
erster Stelle sein Nachfolger als Ordensiirokurator, der spätere
Bischof von Reval, Johannes ßlankenfeld, steht. Offenbar ist dessen
Name wegen seines Ranges nachträglich an die Spitze der Liste
gestellt worden.
') Schreiben des Hochmeisters an Kitzscher d. Sonntag nach
Vinc. Petri (5. August), d. 7. August, d. Abend nach Simonis und
Judä (28. Oktober) 1509 und d. Mittwoch nach Palmarum (27, März)
'1510. Voigt IX, 373. 375. 380.
-1 Schreiben des Hochmeisters an Kitzscher d. Dienstag nach
Dominici Confess. 16. August) 1510, Voigt IX, 384. 387 if.
^) Schreiben des Hochmeisters an Kitzscher d. Mittwoch
Simonis und Judä (30. Oktober) 15 10. Voigt IX, 391.
J20 Kleinere Mitteilungen.
liehen Hofe auch die Interessen des neuen Meisters in guter
Acht zu haben ^),
Der neue Hochmeister, ein Neffe des pohlischen Königs,
hatte wohl gehofft, dafs dieser aus verwandtschaftlichen Rück-
sichten ihm gegenüber nicht allzu schroff auftreten würde.
Das Gegenteil trat ein. Der König liefs dem Hochmeister
erklären, er möchte sein Amt nicht erst antreten, wenn er
wie sein Amtsvorgänger ihm den Huldigungseid versagen
wollte. Dann würde er selbst alle Blutsbande vergessen und
als offener Feind seinen Forderungen Gehör verschaffen. Die
Folge dieser Stellungnahme des Königs war, dafs der Hoch-
meister noch ein volles Jahr in Deutschland verweilte, um sich
bei den deutschen Fürsten und besonders auf dem Reichs-
tage zu Trier bei den Reichsständen der Hilfe gegen den
König zu versichern, ohne jedoch viel auszurichten.
Bald nach dem am 5. Oktober 15 12 erfolgten Tode
seiner Mutter, der Markgräfin Sophie, der Schwester des Königs
von Polen, brach der Hochmeister von Ansbach auf, um seine
Reise nach Preufsen anzutreten. Mit ihm zog sein Bruder
Kasimir, der ihn bis Posen begleitete und sich von hier aus
nach Petrikau begab, während der Hochmeister nach Preufsen
zog. Der Zweck dieser Reise war der, die Bedingungen
festzustellen, unter denen der Friede zwischen dem Könige
und dem Deutschen Orden aufrecht erhalten werden könnte.
Im Gefolge Markgraf Kasimirs finden wir nun Johann
von Kitzscher wieder, der inzwischen sein Prokuratoramt
in Rom aufgegeben hatte, wo an seine Stelle Dr. Johannes
Blankenfeld-), der bekannte Hofjurist des Hauses Branden-
burg, getreten war.
Es handelte sich bei dieser Reise an den polnischen Hot
keineswegs um eine dynastische Höflichkeitsbezeugung, wie es
nach Bauchs Darstellung den Anschein hat, sondern um hoch-
politische Verhandlungen, und Kitzscher ist nicht der Ge-
sandte, sondern nur ein Glied einer zahlreichen und glänzenden
Gesandtschaft. Aufser dem Markgrafen gehörten derselben
an: der Komtur von Osterode Georg von Eltz , ein schon
lange im diplomatischen Dienst erprobter Ritter, früher selbst
1) Joachim, Die Politik des letzten Hochmeisters in Preufsen
Albrecht von Brandenburg I (Leipzig 1892), 9. Auf diesem Werke
beruht neben dem oben genannten von Voigt vornehmlich die fol-
gende Darstellung der politischen Verhältnisse und Verhandlungen.
2) Über ihn vgl. Seh nOring, Johannes Blankenfeld, ein Lebens-
bild aus den Anfängen der Reformation (Halle 1905).
Kleinere Mitteiluno;en. 12 1
Ordensprokurator in Rom, lerner Bischof Job von Dobeneck
von Pomesanien, der Lizentiat der Rechte Georg von Polenz,
der Landkomtur von Hessen Dietrich von Cleen, der kur-
brandenburgische Kanzler Dr. Stüblinger, die sächsischen Räte
Günther von Bünau und Dr. Dietrich von Werther, der Haupt-
mann von Hof Phihpp von FeiHtzsch, und endhch Johann von
Kitzscher ^). Letzterer scheint der Sprecher bei der Be-
grüfsungsversammlung gewesen zu sein, wobei er die später
veröffentUchte Rede hielt'-). Dabei ist zu bemerken, dafs die
Rede nicht, wie der Druck angibt, am lo. November ge-
halten ist. Am 8. November war die Gesandtschaft zugleich
mit dem Hochmeister von Posen aufgebrochen und kam erst
am i6. November in Petrikau an'^).
Wenn Kitzscher in der Rede an den Tod der Markofräfin
Sophie anknüpfte, so war das wenig mehr als eine rhetorische
Wendung. Der König war nach dem oben Mitgeteilten nicht
der Mann, der sich durch verwandtschaftliche Rücksichten in
seiner Politik beeinflussen liefs. Aufserdem hatte er von einer
besonderen Zuneigung für die brandenburgische Verwandtschaft
bisher wenig verraten. Hatte doch auch die verstorbene Mark-
gräfin bis an ihr Ende vergeblich auf ihr Heiratsgut gewartet '').
Auch an den politischen Verhandlungen hatte Kitzscher
teil. Als dieselben zunächst nicht vorwärts kamen, wurde eine
Kommission eingesetzt, die das Friedensinstrument von Thorn
vom Jahre 1466 artikelweise durchberaten und auf dieser
Grundlage einen Ausgleich anbahnen sollte. In diese Kom-
mission wurde von seiten des Ordens neben dem Bischof von
Pomesanien und Dietrich von Werther auch Kitzscher ge-
wählt. Das Ergebnis der Verhandlungen war ein am 4. De-
zember aufgestellter Rezefs, der für den Orden einen sehr
geringen Erfolg bedeutete^).
Nach Schlufs der Tagung dürfte nun Kitzscher zunächst
in Begleitung des Markgrafen zum Hochmeister nach Königs-
berg gereist sein, wo man am 20. Dezember eintraf. Am
7. Januar brach der Markgraf wieder auf und trat die Heim-
reise an, die ihn durch Pommern und die Mark führte.
Reiste Kitzscher mit ihm, so wäre er etwa Mitte Februar zu
Hause gewesen*^). Die sächsischen Räte waren direkt von
^) Joachim a. a. O. I, 33.
'-) Bauch a. a. O. S. 313.
'^j Joachim I, 33; Scriptores rerum Prussicarum V, 323.
*) Joachim I, 10.
s) Joachim I, 33ff. 2i9f. Voigt IX, 44oflF.
") Scriptores rerum Prussicarum V, 326!"., 466; Joachim I, 39.
122 Kleinere M tteiluns^en.
Petrikau nach Hause zurückgekehrt und bereits Anfang- Januar
angekommen^). Dafs Kitzscher nicht mit ihnen gewesen ist,
scheint auch durch folgendes bestätigt zu werden. Die von ihm
in Petrikau gehaltene Rede erschien am i6. Februar 1813 in
Leipzig im Druck. Wäre er selbst auf kürzestem Wege nach
Hause gereist, so hätte er die Herausgabe wohl selbst be-
sorgen können. Das ist nicht geschehen. So dürfte die Ver-
mutung berechtigt sein, dafs er, während ihn selbst seine
Pflicht nach Königsberg rief, das Manuskript den sächsischen
Käten mitgab und es dadurch ermöglichte, dafs seine Freunde
ihm bei seiner Heimkehr das fertige Buch als Willkommen
darboten.
3. Kleine Beiträge zur sächsischen Gelehrtengeschichte.
Von Otto Giemen.
Kollegankündigungen des Joh. Honorius
Cubitensis.
Zu den in dieser Zeitschrift XIX (1898), 108 — iio aus
Einblattdrucken der Zwickauer Ratsschulbibliothek mitgeteilten
Kolleganzeigen Leipziger Professoren aus dem Anfang des
16. Jahrhunderts füge ich einen Einblattdruck, der der Innen-
seite des Vorderdeckels eines Foliobandes der Freiberger
Gymnasialbibliothek aufgeklebt ist. Der Quartdruck kündigt
zwei Kollegs des Joh. Honorius Cubitensis (vgl. über
ihn diese Zeitschrift XXV, 297 f.) an, und Martin Lands-
berg, der den Zettel gedruckt hat, benützt die Gelegenheit,
die Studenten darauf hinzuweisen, dafs die zu den beiden
Kollegs benötigten Bücher in seiner Buchhandlung vorrätig
sind. Diese Blätter waren also nicht etwa dazu bestimmt,
an das schwarze Brett angeschlagen zu werden, sondern
wurden vorübergehenden Studenten in die Hand gedrückt oder
auf andere Weise verteilt.
Der Band enthält: i. Valerii Maximi dictorum et factorum
memorabilium libri IX cum commentario Oliverii Arzignanensis,
Venetiis: Joh. Forliviensis Gregoriusque fratres 1487 -), 2. Justini
epitoma historiarum Trogi Pompeii, Venetiis: PhilipjDus condam
') Schon am 9. Januar schreibt Herzog Georg, nachdem er den
Bericht Dietrichs von Werther gehört, an den Hochmeister.
Joachim I, 39.
-) Proctor 4510. Jacijues Rosenthal, Incunabula typo-
graphica I, 1435.
Kleinere Mitteilungen.
123
Petri Tarvisinus 1479^). Ursprünglich gehörte der Band dem
genannten Joh. Honorius, von dessen Hand auf dem Vorsatz-
jiapiere folgende Einträge stehen: xxviij g. ego Johannes
Honorius Cubitensis dedi venditori librorum, miniographo
tres g., ligatori sex grossos. Darunter: Intimatio facta in
studio Lipsensi. Ad communem studiosorum vtilitatem
Magister Johannes Honorius Cubitensis Ubros valerij maximi
acri cura et diligentia interpretabitur adducetque multos appro-
batos auctores, quos ad historiarum declarationem facere
putabit, grammaticos, oratores, poetas, philosophos et historio-
graphos. Cras hora post meridiem sexta librum se];)timum
in pedagogio incipiet etc. (So lautet eine offizielle Kolleg-
ankündigung, die an das schwarze Brett angeheftet wurde!)
Endlich auf einem anderen Blatte: vij g. ego Joh. Cubi.
Exposui pro Justino et Floro. Von anderer Hand steht auf
dem ersten Blatte noch folgendes: Hunc librum idem Magister
Johannes Cubitensis ecclesie beate Marie Fribergensis legat
d' mensis Junij anno quarto.
Vor Mitteilung jenes Quartdruckes müssen noch die
beiden Fragen beantwortet werden: Welche Bücher werden
darin empfohlen, und in welches Jahr werden wir versetzt?
Das Werk des Valerius Maximus erschien bei Martin Landsbers:
zweimal, 1501 und 1506 (Panzer, Annales typographici IX,
481, 11^ und 485, 181'^)-). Welches Buch aber ist an zweiter
Stelle gemeint? Bei einer Vorlesung des Joh. Honorius über
Metrik sollte es als Leitfaden dienen. Da kann nun wohl
^) Hain Copinger 9651. Proctor 4274. Rosenthal I, 845.
2) Mit diesem Autor hat Joh. Honorius sich übrigens viel be-
schäftigt. Im Jahre 1503 druckte Jakob Thanner: Epitomata super
novem libros Valerii Maximi de dictis factisque memorabilibus dili-
genter et accurate a Magistro Johanne Honorio Cubitensi recollecta.
Mit einem Epigramm des Mag. Andreas Boner aus Landau auf dem
Titel und einem Vorwort des Honorius an Christoph Ursinus aus
Krakau (Panzer VII, 147, 90). Das eine Exemplar der Zwickauer
Ratsschulbibliothek befindet sich in dem Sammelband Yll. V. 4, der
folgenden Eintrag aufweist: Emptus est über iste virginej partus
1506 a me Conrado Glaser de lichtenuels [erst S. 1507 in Leipzig
immatrikuliert] xiiij albis rotiferis et 4 nummis in nundinis estivalibus.
Compactio 20 nummos constat. Das andere Exemplar ist in dem
Sammelband XXIV. XII. 25 enthalten; am Ende steht handschriftlich
folgendes Epigramm von Gregorius Bredekopf aus Konitz:
Mgr. Gre. Laticephalus de Konitz Tetras:
Hoc opus Abiegnus [= Thanner] vir doctus in arte Jacobus
Exegit nitidum, Lips vbi pulchra nitet.
Lips vrbes vincit studijs doctissima cunctas,
Hie tutas sedes diua minerua tenet.
124
Kleinere Mitteilunsren
ö^
nur in Betracht kommen das von Joh, May aus Römhilt ver-
fafste und nach dessen Weggang aus Leipzig von Joh.
Honorius erstmaHg 1488 herausgegebene Opuscukim de com-
ponendis versibus hexametro et pentametro et de quibusdam
Lyricis carminibus que maiori in usu habentur quam cetera
'Hain 10537). Eine zweite Auflage erschien 1500 bei Jakob
Thanner (Hain 10538)^). Beachtet man dies und erinnert
man sich zugleich, dafs 1501 eine Ausgabe des Valerius
Maximus bei Martin Landsberg erschien, so ergibt sich mit
ziemlicher Sicherheit, dafs jene beiden Kollegs des Joh.
Honorius ins Jahr 1501 fallen und also auch unser Einblatt-
druck in dieses Jahr gehört.
Magnas merito gratias historiographis homines debent, qui suo
labore plurimum vite mortalium proifuere. ostendunt enim legeniibus
preteritorum exemplis, quid nobis appetendum sit quidue fugiendum.
Etenim si ea, que de mferis et quidem fabulose feruntur, multum
conferunt hominibus ad pietatem ac iusticiam seruandam: quanto
magis putandum est historiam veritatis assertricem tanquam totius
Philosophie parentem mores nostros effingere ad virtutem? Propterea
legendi sunt historici omnes, sed in primis, qui res gestas carptim
et sub compendio collegerunt. Quo in genere valerius maximus se
offert, qui et externam et romanam historiam curiose pariter ac
eleganter neuem voluminibus comprehendit. Reliquos deinde rerum
scriptores ordine perlegemus. Hinc variarum gentium mores, instituta,
leges, hinc varias hominum fortunas, ingeniorum et vitia et virtutes
excerpere poterimus. que res maxime in quotidiano sermone facun-
diam et in varijs rebus cognitionem creabit. Itaque magister Joannes
Cubitensis summa diligentia libros valerij maximi interpretabitur.
Cras hora secunda incipiet secundum librum eiusdem. in quo hec
omnia egregie continentur: instituta maiorum, disciplina militaris, ius
triumphandi, censoria nota et virorum maiestas. In habitatione sua
Collegij principis.
Valerij maximi Liber secundus venditur per Baccalarium Mar-
tinum Herbipolensem.
Idem cras hora octaua incipiet artem carminum pulcherrimam
et perutilem inprimisque necessariam non solum ad versuum struc-
turam, sed cum ad cognitionem accentuum, tum etiam ad vniuer-
;am prope litteraturam. in stuba communitatis Collegij principis.
Exemplaria accuratissime impressa in domo Baccalarij Martini
llerbipolensis venduntur stipe exigua.
Vera sit ars nee enim satis est fore carmina pulchra,
Si credas Flacco: dulcia sunto mage.
Simon Behem.
Erich Schmidt hat in seinem Buche: Deutsche Volks-
kunde im Zeitalter des Humanismus und der Reformation,
') Vgl. auch G. Bauch, Geschichte des Leipziger Früh-
humanismus (Leipzig 1899; S. 31.
Kleinere Mitteilungen. 125
Leipzig 1904, S. 60 ff. einen trefflichen Gelehrten aus der
ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts der Vergessenheit ent-
rissen: Joh. Bohemus Aubanus, der erst Deutschordenspriester
in Ulm und Mitglied des um den Arzt Wolfgang Richard
sich scharenden Humanistenkreises war, Sommer 1522 nach
Kapfenburg, nordwestlich von Ulm, übersiedelte, ,,in vitae
suae calce" nach eingehendem Studium Lutherischer Schriften
der Reformation sich zuwandte und 1555 starb. Aufser einer
Gedichtsammlung ,,Liber heroicus" hat er ein für die deutsche
Volkskunde hochbedeutsames Werk ,,de omnium gentium ri-
tibus" verfafst, das zum ersten Male 1520 in Augsburg er-
schien. Über seine Verwandtschaft weifs Schmidt S. 61 nur
wenig mitzuteilen. Er hatte jedoch einen Bruder, der gleich-
falls unsere Beachtung verdient. Joh. Bohemus schreibt näm-
lich einmal in einem wahrscheinlich ins Jahr 1520 fallenden
Briefe an Andreas Althamer in Schwäbisch -Hall, dafs er
drei Briefe an Christoph Hegendorfer und einen an Joh. Hom-
burg^) (beide in Leipzig) geschrieben habe ,,apud adolescen-
tem discipulum fratris mei didasculi Monte S. Annae, qui per
Lipsiam Wittenbergam ad utile Studium migrabit"-). An
dieser Stelle kann nur Simon Behem, der Ende 15 16 oder
Anfang 15 17 als Schulmeister nach Annaberg kam'^), gemeint
sein. Dieser stammte also, wie sein berühmter Bruder aus
Aub an der Gollach, einem rechten Nebenfiüfschen der Tauber.
Im Sommer 1502 wurde er als ,, Simon Beham de Aw" in
Leipzig (Matrikel I, 446), im Sommer 1505 als ,, Simon bemhe
de aw" in Wittenberg immatrikuliert (Album S. 17). Am
16. September 1506 wurde er hier zum Baccalaureus (,, Simon
Bhoem de Ahu": Köstlin, Die Baccalaurei und Magistri der
Wittenberger philosophischen Fakultät 1503 — 1517 S. 7), am
3. Februar 15 13 zum Magister artium (,, Simon Beheim Au
diocesis Herbipolensis": ebd. S. 26) und am 25. September 15 16
zum Baccalaureus biblicus („Simon Behem de aw": Liber
Decanorum p. 19) promoviert. Sehr bald darauf wurde er,
wie schon erwähnt, Rektor der Annaberger Lateinschule.
Dieses Amt bekleidete er jedenfalls noch, als ihm Christoph
Hegendorfer die zweite Auflage seiner dialogi pueriles,
') Beiträge zur bayrischen Kirchengeschichte III (1897), 171 ft.,
VII (1901), 281 ff.
") Andreae Althameri vita . . . cura et studio lo. Arnoldi
Ballenstadii (Wolfenbutelae 1740) S. 68.
*) Christ. Frid. Wilisch, Incunabula scholae Annaebergensis
(Annaebergae 17 12) S. 18.
120 Kleinere Mitteilungen.
die bei Valentin Schumann in Leipzig erschienen^), widmete.
1528 finden wir ihn als Prediger des Evangehums in Joachims-
thal, wo er jedoch nur dreiviertel Jahre blieb-), 1530 in Mühl-
troff bei Plauen, wo er bei der Visitation von 1533 als ,,ein
feiner, herrlicher, gelehrter, geschickter Mann befunden"
wurde^), 1533 in Elsterberg "*), von 1537-1540 in Auerbach i. V.,
wohin er von Schmölln aus berufen wurde'). An wechselnden
Schicksalen hat es ihm also nicht gefehlt.
Zu Heinrich Stromer von Auerbach.
Ein Brief von Dr. Heinrich Stromer von Auerbach,
der sowohl G. Wustmann als auch mir*') entgangen war, be-
findet sich im Weimarer Archiv (Reg. O. 182). Er ist an
Spalatin gerichtet und datiert; Leipzig, 24. November 1538.
Mit ihm übersandte Stromer seinem Spalatin eine bitterböse
Satire auf Johann Eck: Threni magistri nostri Joannis Eckij
in obitum Margaretae concubinae suae, quae obiit mens. Aug.
anno 1538'). Charakteristisch für Stromer, der mit seiner
reformationsfreundHchen Gesinnung gern hinterm Berge hielt ^j,
ist, dafs er Spalatin bittet, doch ja niemandem zu sagen, dafs
1) Die Widmung ist überschrieben: „Spectata et eruditione et
pietate viro Magistro Simoni Phem amico suo". Einen Hinweis, wer
gemeint ist, enthält die Stelle: „Mirum est, quam tote pectore tibi
deditus sum, maxime cum videam te reipubhcae gubernandae pro-
futuros vires in tue ludo instituere. In hunc enim vsum gymnasia
iila instituta Plato auctor est."
-j G. Loesche, Joh. Mathesius (Gotha 1895) I, 76.
2) Kreyfsig, Album der evangelisch -lutherischen Geistlichen
im Königreiche Sachsen 2. Aufl. (Crimmitschau 1898) S. 416.
*) ebd. S. 152.
•'^) ebd. S. 20. G. Planitz, Beiträge zur sächsischen Kirchen-
geschichte XV (1901), 5.
<>) Vgl. diese Zeitschrift XXIV (1903), 100— 1 10.
') Wiedemann, Dr. Johann Eck (Regensburg 1865) S. 377 ff-
Am 13. September 1538 hat Andreas Osiander gerüchtweise von dieser
Satire gehört (G. Kawerau, Briefwechsel des Justus Jonas I, 297).
Am 22. November schickte Christoph Baldauf aus Wittenberg wahr-
scheinlich mehrere Exemplare an Stephan Roth in Zwickau (Archiv
für Geschichte des deutschen Buchhandels XVI [1893], 180 Nr. 571).
Eins befindet sich jetzt noch in einem einst Roth gehörigen Sammel-
bande auf der Zwickauer Ratsschulbibliothek (II. VII. 36, 6). Ein
anderes schenkte Roth seinem alten P^reunde Joseph Levin von
Metzsch auf Mylau, der sich unterm 12. Dezember hochbeglückt
dafür be.Iankte (Archiv S. 181 f. Nr. 576). Metzsch hat sich, wie sein
Hauslehrer Balthasar Gosmar unterm 20. Dezember aus Mylau an
Roth schreibt (ebd. S. 182 Nr. 577), königlich darüber amüsiert.
"*) Vgl. meine Beiträge zur Reformationsgeschichte I, 25.
Kleinere Mitteilungen. 127
er ihm das Schriftchen zugeschickt habe. Ferner meldet er,
dafs Martin Butzer auf der Durchreise nach Wittenbere:^)
bei ihm geweilt und in Kürze zu ihm zurückkehren werde.
Und noch von einem anderen interessanten Besuche weifs er
zu berichten: ein italienischer Kollege, ein Doktor der Chirurgie
Pollienus Massa aus Venedig-) sei bei ihm eingekehrt.
Trenoruin librum cuiusdam Magistri nostri, qui iniquus est
coniugio clericorura, tue dignationi mitto, qui non modo risum sed
et cachinum tibi mouebit. Lepidus scriptor rem meretricem et
scortacionem acu tetigit, vsus est in re spurca spurcis verbis; sed
ne te longa locjuacitate onerem et te impediam in legendo ridiculo
libro, receptui canam. vnum addam: ne dicas me tibi misisse librum.
Vale in HJesu Christo nostro saluatore! Sed heus, vnum obmiserim,
quod te scire volo. Martinus Bucerus recens mecum fuit, petiuit
Wittenbergam. Itidem Pollienus Massa Chirurgiae doctor, qui
nobiscum Phenice sunt rariores. hie est Venetus. llle, vt probe
nosti, Sueuus Theologus admodum doctus, qui in breui ad me
redibit. Quid boni agat, me praeterit . . . Datum celerrime Liptzs
xxiiij Nouembris Anno nato saluatore Md xxx viij.
Henricus Stromer.
Unter die Adresse hat Spalatin geschrieben:
Doctor Auerbacchius cum Epitaphio Margaritae
Doctoris Eccij. Aldenburgae 1538.
Briefe von Joachim Camerarius an die Fürsten
Georg und Joachim von Anhalt.
Die im folgenden aus dem Herzoglichen Haus- und Staats-
archiv zu Zerbst veröffentlichten Briefe an Camerarius sind
aufser zwei an Georgs Bruder Joachim adressierten an den
Fürsten Georg von Anhalt gerichtet, der seit Juli 1544 als
,,Koadjutor in geistlichen Sachen" der eigentliche Verwalter
des Bistums Merseburg war. Vielleicht hat Melanchthon die
Bekanntschaft der beiden vermittelt. Vielleicht reicht sie aber
auch noch weiter zurück und ist durch ihren gemeinsamen
Lehrer, den trefflichen Georg Helt von Forchheim in Bayern,
eingeleitet worden. Zugleich freilich können sie seinen Unter-
richt in Leipzig nicht genossen haben. Denn während Fürst
Georg erst im Sommer 15 18 die dortige Hochschule bezoo-,
/) Vgl. de Wette, Luthers Briefe V, 133 und Kawerau,
Briefwechsel des Justus Jonas I, 305.
2) Ist er identisch mit Nicolaus Massa, der in seiner Vaterstadt
Venedig als Professor der Anatomie und praktischer Arzt bis zu
seinem Tode (1569) wirkte? Über diesen vgl. Aug. Hirsch, Bio-
graphisches Lexikon der hervorragendsten Ärzte aller Zeiten und
Völker IV (1886), i6of
J28 Kleinere Mitteilungen.
wurde Camerarius bereits im Winter 1 5 1 2 in Leipzig inskribiert;
im Sommer 15 18 aber ist er in Erfurt immatrikuliert.
Die Briefe verbreiten erwünschtes Licht über einen der
dunkleren Abschnitte aus dem Leben des Camerarius, nämUch
über seine Schicksale.nach seiner Flucht aus Leipzig angesichts
der drohenden Belagerung der Stadt im Januar 1547 durch
Kurfürst Johann Friedrich. Bisher wufsten wir nur, dafs er
seine Familie zunächst nach Merseburg und dann nach Arn-
stadt brachte und selbst beim Fürsten Georg zuerst in Zerbst
und dann in Dessau ein Asyl suchte^). Jetzt hören wir, dafs
er noch viel weiter von seinem Musensitze verschlagen wurde.
An Fürst Georg, Leipzig, 28. August (I5i6).
Reuerendissimae paternitatis tuae verbis locutus quaedam mecum
est Clariss. vir Anton. Musa, ad quae responsionem nieam tua r. p.
ex illo cognoscere poterit. Ego autem de Doctore Joanne Forstero
cum illo hii locutus, quae recepit se ad r. p. tuam relaturum esse'-).
Fortuna sua insectatur hominem tuae r. p. non ignotum. Quo autem
Consilio Dei, sie enim mihi persuadeo, fortasse intelligetur aliquando.
Quid si redire eum in has regiones quamuis pedetentim ut dicitur
oportet? Augusta Tubingam , Tubinga Noribergam, Noriberga in
syluas Duringicas se contuUt^). Nunc has si transeat nobiscum erit.
Ego quidem esse et Christianae pietatis amantiss. et virum doctiss.
iudico. Quare et iam mea caussa complectetur eum benignitate sua
r. p. tua."^ Me absente r. p. tua gratiss. munere curauit affici puer-
peram meam. Sane puer hanc saepe exiccat*), ut irrigatione opus
^) Georg Voigt in v. Webers Archiv für die Sächsische Ge-
schichte XI, 2 54 f.
'-) Joh. Forster hatte, weil er mit seinen Kirchen zuchtplänen bei
der Hennebergischen Herrschaft nicht durchgedrungen war, sein
Schleusinger Amt, das er am i. Oktober 1543 angetreten hatte, nach
noch nicht ganz dreijähriger Tätigkeit niedergelegt. Vor dem i. Sep-
tember 1546 hatte er darüber an Melanchthon geschrieben, der ihn
an Fürst Georg verwiesen (vgl. Melanchthon an Camerarius i. Sep-
tember 1546: Corp. Refonn. VII, 128! und Forster an Veit Dietrich
4. November bei G ermann, Joh. Forster [Meiningen 1894], S. 45 3 ff)-
Aus unserem Brief ersehen wir nun, dafs Fürst Georg sofort durch
Antonius Musa (seit August 1 545 Superintendent zu Merseburg, vgl.
meine Beiträge zur Reformationsgeschichte I, 80) bei Camerarius
sich über Forster erkundigte. (Doch wurde dieser erst im März 1548
als Superintendent nach Merseburg berufen.)
^) Forster kam im August 1535 als Prediger nach Augsburg
(vgl. auch Friedrich Roth, Augsburgs Reformationsgeschichte II,
München 1904, S. 253), im Januar 1539 als Hebraist nach Tübingen,
März 1542 als Propsteiverwalter bei St. Lorenz nach Nürnberg.
^) Joh. Pfeffinger (seit August 1540 Superintendent in Leipzig)
an Fürst Georg, Leipzig, Sonnabend nach Margarethe (17. Juli) 1546:
d. Camerarij Hauffraw, Got hab lob, ist gestern (16. Juli) zwischen
neun und zehen hora vormittag gelegen vnd einen Jungen son ge-
boren, ist volgents getaufft und Gotnardus genannt worden. Ge-
Kleinere Mitteilungen. T29
sit, quae in quadam nunc boni potus penuria benigne procurata Uli
fuit. Ago igitur summisse gratias p. tuae et cupio, si possim, in-
seruiendo illi referre. Tuam r. p. Christus custodiat. Lips V. cl.VII br.
An Fürst Georg, Erfurt, 12. März (1547).
. . . Litteras r. p. tuae scriptas ultima die Februarij accepi
Martij die X. Quo ipso die aduenerat tabellarius e Francis et ego
uecturam iusseram conduci, qua uteretur familia mea, quam hodie
dimisi, ut Schleusingium primum se conferat et ibi de reliquo itinere
consilium capiat. His addidi Esromum meum '). Christum oro, ut
omnes saluos et incolumes conseruet. Ego hie remansi, quod ad r. p.
tuam literas mittere et quo in loco essent res meae signilicare uellem.
Sane r. p. tuae litteras si accepissem maturius et Esromus minus diu
affuisset, ad ea, quae scribit r. p. tua, studuissem accommodare pro-
feclionem meam. Nunc et serius me aduenturum, quantumuis festi-
narem, arbitrabar, et iter quod in manib. habebat familia explicandm^
erat. Video autem omnia in dies tieri difficiliora. Ideo opt. esse
iudicaui, ut mei m patria sint, ubi deo fauente et apud notos faciliu,-;
degant et minus sumtuum faciant. De me postea uidebo. Etsi sane
mihi fuit acerbum rursum disiungi nos, et mea tarnen illis praesentia
non multum profutura videbatur. Sed turba est aetate ac sexu imbe-
cillis. Vervim de his nimium. Nunc igitur . . . si nihil est, cur tua
r. p. arbitretur necesse esse, ut ad se reuertar, benigne illa hanc
mihi veniam dabit, ut meis collocandis atque prospiciendis, quos
negligere non debeo, operam omnem impendam. Sin iudicabit apud
S'i esse me oportere, etiam hoc, ubi intellexero, obsequar uoluntati
ipsius, si ullo modo fieri poterit. Molestiam et tarditatem et molitionem
difficilern in hac nostra tortuna habent omnia. Satis enim, deo gratia,
numerosa est et inlirma familia nostra et nos ad migrationes occasio-
nibus oblatis uti cogimur. Caesarianae copiae dicuntur diuidi, ut
pars per Noricum agrum tendat, ubi et colligi militem et expectari
externas copias magnas ferunt, jiars Hassiam petat. Caesarem
Spiram uenisse et Francofurtum tendere aiunt-j. Modo Bambergae
eum expectare quidam dixerunt. Heri uenerunt huc equites circiter
' XL ablegati ad Caesarem a Rege Daniae, ut narrabatur. Nisi deus
exorari se passus fuerit, ut mitiget aerumnas et calamitates jiatriae
meae, fieri aliter nequit, quam ut hoc verno tempore nouae clades
atque miserae pululent et oriantur. Christus protegat ecclesiam suan:.
Pfeffingerum audio in grauibus esse perturbationibus et ne extia
pericula quidem, quod mihi magnum altert dolorem ^). Segenswünsche.
Erphordiae IUI id. Martij.
vattem der polnisch Herr, burgermeister Morichin vnd ich etc.
(Original im Zerbster Archiv.)
') Esrom Rüdinger, der wie Camerarius aus Bamberg stammte,
1541 von diesem als Hauslehrer engagiert wurde, von Michaehs 1547
bis Ende 1548 in Pforta wirkte, dann aber nach Leipzig zurück-
kehrte, um Camerarius' älteste Tochter zu heiraten. (Vgl. E. Fabian,
Realencj'klopädie^ XVII, 192 und P. Flemming, Beiträge zum Brief-
wechsel Melanchthons, Naumburg a. S. 1904, S. 70).
-) Vgl. Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Refor-
mation' IV, 3 69 f.
'•^) Pfeffinger hatte die Belagerung Leipzigs im Januar 1547 mit
durchgemacht und wurde dann „durch etliche misgönner" bei Kur-
iqo Kleinere Mitteilungen.
An Fürst Georg, Würzbtirg, 7. Mai (154:7 j.
. . . Quid nunc de tua r. p. et illustrib. fratribus, quid de Philippo
et alijs araicis nostris fiat, sum in max. metu et curis atque anxie-
tate conficior. Euentus autem et casus istius tanta atrocitas, quan-
tam timere non potui, incredibili dolore animum meum excruciat^).
Vbi uota igitur et preces pietatis? Sed scriptum est: De quacunque
re consenseritis et petieritis credentes, eam accipietis^). De hde
nihil dicam. Verum quanta fuit dissensio, quae disceptatio atque
rixa de precibus, cum tuae r. paternitatis illae praeclarae de con-
uersione animorum ad pacem a quibusdam exploderentur") ? Quid
igitur in istä uarietate atque S-.acpopa exaudiretur, ut de alijs ad-
uersationib. taceam?! Sed, ut aiebam, inopirata atrocitate et magni-
tudine miseriae ac cladis et eorum, quae narrantur, horribili tristicia
miritice terreor, et quorundam sermones in posterum quoque spem
bonam praecidunt. Verum haec permittamus Deo. Philippo scripsi.
Meam lamiliam ablegaui Noribergam, quam Christus custodiat^).
Ego sequi cupio, sed hospitis amantissimi aduersa valetuda me re-
morata fuit. Tuae r. p. inseruire cupio. Mandabit igitur illa confi-
denter omnia, in quibus operam a me posse navari putauerit. Quid
scriberem preterea neque habebam neque animo perturbatissimo ex-
cogitare poteram. Hie res adhuc tranquillae sunt. Episcopus tarnen
nobilitatera suam accersiuit, quae in hoc oppidum cras venire debet.
Fuerunt rumusculi sparsi de expeditione Landgrafij. Sed nunc est
Silentium. R. p. tuam cum suis omnibus Christus conseruet. Vuurce-
purgi non. Maij.
An Fürst Georg, Nürnberg, 22. Juni (1547).
. . . Cum nactus occasionem uiderer literas istuc mittendi, neg-
ligere illam nolui. De tuae r. p. et illustrium fratrum ipsius salute
ac dignitate mirabiliter et fui et adhuc sum solicitus. Christum
oro, ut uos subditosque uestros benigne tueatur et non patiatur
opprimi hac belli calamitosissimi clade. Eo autem uehementius per-
fiirst Moritz verdächtigt, „als solt er es mit seiner Obrigkeit nicht
trewiich gemeinet haben" (Seifert, Beiträge zur sächsischen Kirchen-
geschichte IV, 97 f.).
') Anfang 1547 war Merseburg von den Scharen des Kurfürsten
Joh. Friedrich besetzt, Dom und Stadt geplündert, das Hochstift mit
einer schweren Kriegskontribution belegt, nach der Schlacht bei Mühl-
berg aber, Anfang Mai, wieder von Moritz in Besitz genommen wordt n.
Fürst Georg zog in das Feldlager vor Wittenberg, um mit seinem
Bruder die Gunst des Kaisers, dem sie verdächtigt worden waren,
zu erbitten (Fraustadt, Die Einführung der Reformation im Hoch-
stifte Merseburg, Leipzig 1843, S. 200 11). — Melanchthon iloh nach
der Schlacht bei Mühlberg von Zerbst weiter nach Braunschweig
(Ellinger, Philipp Melanchthon, Berlin 1902, S. 530, Kroker, Katha-
rina von Bora, Leipzig [1906], S. 253lf.).
2) Matth. 18, 19.
^) Über das von Fürst Georg im Auftrage des Herzogs Moritz
zu Beginn des Krieges verfafste öffentliche Gebet um Erhaltung des
Friedens und den Widerstand dagegen vgl. Fraustadt S. 195 ff.
') Am 5. April weifs Melanclithon, dafs Camerarius „in Fran-
ciam" gereist ist (Corp. Reform. VI, 471).
Kleinere Mitteilungen. 15 1
terretur animus meus, quo vos propiores periculo et ob certas caussas
majore in discrimine esse scio. Sed manus Dei nostri ad protegen-
dum sat est et grandis et potens. De Phil. Mel. cum mea tum alio-
rum multorum anxietas fuit max., quem heri Northusiae esse com-
peri'). Christus uirum opt. et max. utilem ecclesiae custodiat. Au-
diui et Ant. Musam uita sua defunctum esse, quo ex casu et prop-
ter rev. p. tuae dolorem dolorem coepi et detnmentum in hoc Ec-
clesiae tuli grauiter-). Ego ea audiendo cognoui hoc tempore
peregrinationis meae, ut de salutari pace Ecclesiarum desperarim.
Hie tandem consedi post uarios casus ^) cum mea familia et est opus
aliqua quiete nobis. Reuocari me curauit lUustriss. Princeps Mau-
ricius, Sed confido eura Clementer ueniam daturum refutationi hoc
tempore necessariae meae. Ergebenheitsbezeugung und Segens-
wünsche Noriberg. X. Cal. Julij.
An Fürst Georg, Nürnberg, 1. August (15i7).
. . . Cum is, qui a tua r. p. prox. literas mihi attulit, proficis-
ceretur longius, Petij ab eo, vt hac reuertens me compellaret, id
quod fecit hodie sane properans. dedi igitur has illi literas ad r. p.
tuam festinanter scriptas. neque erat, quid magnopere scriberem,
praesertim tuae r. p. ministro ueniente iUinc, unde materia nunc
literarum ferme suppetit. Nam praeterita iam propemodum eluximus.
Optarim autem maiore interdum cum attentione animi illorum nos
reminisci. Heri ad profundam uesperam literas*) accepi a Phil. Mel,
ex quibus hoc unum intellexi fuisse eum cum alijs Theologis Vuitten-
bergensibus Lipsiae^). Id mihi ideo satis fuit, quod hie uaria de
itineribus ipsius ferebantur. De euentu indicti conuentus^) incre-
dibilis est expectatio omnium, sed dispar. Ego qui Deum etiam
aliquando suam omnipotentiam uelle ostendere animaduertere mihi
uideor, illa minus curo. De his igitur satis. A tua r. p. summisse
peto, ut hoc inanium literarum officium sibi gratum esse patiatur.
Quam ualere feliciss. opto. Norib. Cal. Aug.').
') Hier war Melanchthon schon Ende Mai: Corp. Reform. VI, 547 ff.
^) Musas Todestag steht nicht fest, er fällt aber wahrschein-
lich in den Juli oder August 1547 (Fraustadt S. 202 und meine
Beiträge I, 81).
^) Also kam Camerarius schliefslich eher nach Nürnberg, als
Melanchthon erwartet hatte (Corp. Reform. VI, 584).
*) =: Corp. Reform. VI, 613 Nr. 3949 (Leipzig, 25. Juli).
^) Nämlich zu dem von Kurfürst Moritz einberufenen Landtag im
Juli (Seifert a.a.O. S. 99, Ifsleib in dieser Zeitschrift XIII, i89ff.).
^) Der Reichstag zu Augsburg wurde am i. September eröffiiet.
') Noch Anfang September weilte Camerarius m Nürnberg, wie
ein Brief von ihm an Joh. Lang in Erfurt, datiert: „Noribergae
Calendis VII bris", in Cod. A 399 f. 178 der Herzoglichen Bibliothek
zu Gotha, beweist, in welchem Camerarius u. a. schreibt: „Hac cum
Caesar transiret (24. März: Ranke S. 370), tota ciuitate sollicita et
inquieta nostra domuncula contagio isto laesa non fuit. Itaque tunc
etiam carui molestia hac belli, quae multis pacatis locis grauissime
oblata fuit. Ego Lipsiam reuocor, sed ita sum defatigatus curis,
doloribus, labore itinerum, ut nihil mallem quam aliquantisper hie
quasi in conspectu patriae acquiescere . . . Nunc necessitati seruien-
dum est et satis faciendum officio. Ducis Mauricii non modo non
Neues Arcluv f. S. G. u. A. XXVIII. i. 2. Q
1^2 Kleinere Mitteilungen. •
An Fürst Georg, (Leipzig?), 39. Juni (1549).
... Ea, quae tua r. p. clementer ad me misit, diligenter et
fideliter asseruabuntur, et ad tuam r. p. quamprimum remittentur.
Nunc futurum esse ferebatur, ut susciperetur deliberatio de editione
ordinationis ecclesiasticae'), de qua inter pastores conuenit, quam,
oro Christum, ut benigne fortunet ad honorem sui nominis et utili-
tatem ecclesiarum. Quod autem quidam muenili magis impetu (juam
pia necessitate haec oppugnant, id nimirum permittendum Deo est,
cui sunt notae cogitationes et consilia nostra . . . ferijs S. Aposto-
lorum Petri et Pauli.
An Fürst Joachim, Leipzig, 18. Februar (1553).
. . . Allatus est mihi piscis inquilinus fluminis nostri et Taae
clementiae nomine dono datus. Ouod munus etsi per se esse gratiss.
necesse est, tamen recordatio clementiae tuae mei magis commouet
submissionem uoluntatis meae, de qua oro tua cl. omnia officia
subiecti studij, quaecunque a me praestari poterunt, clementer sibi
policeatur. A Philippe Melanchthone-) literas^) accepi, quib. signi-
licat se iussum esse expectare Noribergae mandata de protectione
synodica. Argentinenses et Wirtenbergenses nemo audire uoluit
Trident[i], itaque significarunt amicis se de discessione cogi[tare]
Litterae tamen fidei publicae seu salui conductus Noribergam
Theologis Saxonicis missae fuerunt, et sessio indicta in diem XXV
Januarij dilata in X Martij, ne Saxonici se excludi conqueri possint.
Tuae dem. salutem, incolumitatem, vitam fortunasque commendo
Christo saluatori. Lipsiae XII. Cal. Martij.
An Fürst Joachim, Leipzig, 31. Juni (?).
Dank für Geschenk. Ouae audiueram de infelicis belli clade,
heri ad T, Cl. familiärem M. Vuolfgang.*) perscripsi. Nunc hie
Silentium est. Quod si quid posthac cognouero, id Cl. T. submisse
et studiose significaturus sum. Segenswünsche. Lips. XI. Cl. Jul.
immutatur voluntas, sed augetur etiam Studium erga rem Eccle-
siasticam ac .Scholasticam . . . Principes ... ad diem indictum con-
veniunt Augustam (s. S. 130 Anm. 6), ijuae tot hospites non posse
capere perhibetur. Nondum Caesar uUam manifestam vim aduersus
Euangelicae doctrinae cultores usurpauit. Multis tamen in locis dicitur
illa omitti et instaurari ritus priores . . ."
') Am 18. März 1549 schickte Fürst Georg die von ihm mit
etlichen Theologen in Merseburg ausgearbeitete neue Kirchen-
ordnung an Kurfürst Moritz mit der Bitte, sie zu prüfen und mög-
lichst bald im Drucke erscheinen zu lassen. Es fanden lange \'er-
handlungen darüber statt, die mit dem Ergebnis endigten, dafs die
Kirchenordnung nicht ven'itf entlicht wurde dlsleib in dieser Zeit-
schrift XV, 224tf., auch W. Walther, Realencyklo])ädie VI, 522 und
Fraustadt S. 180, 157 und die an beiden Stellen zitierte Literatur).
-j Er war auf der Reise zum Trienter Konzil am 22. Januar 1552
nach Nürnl^erg gekommen (Corp. Reform. VII, 931, Ellinger S. 549,
Ifsleib in dieser Zeitschrift .\V, 235!., besonders aber Schornbaum,
Beiträge zur bayerischen Kirchengeschichte XII, 278 ff.).
") Corp. Reform. \TI, 938 f. Nr. 5047 (6. Februar).
■*) Wahrscheinlich ist der Leibarzt Mag. Wolfgang Fuhrmann
gemeint.
Kleinere Mitteilungen. 133
Ein Brief des Komponisten Joh. Rausch an Fürst
Georg von Anhalt.
Aus dem Zerbster Archiv sei auch noch der folgende
Brief mitgeteilt, da er von einem bedeutenden sächsischen
Komponisten des 16. Jahrhunderts stammt, von dem wir sonst
ziemlich wenig wissen. Johann Reusch aus Rodach im Ko-
burgischen studierte um 1538 unter Heinrich Faber in Naum-
burg, kam darauf als Kantor an die Meifsner Stadtschule,
1547 an die dortige Fürstenschule, wurde 1548 Rektor der
Stadtschule, dann vom Meifsner Bischof zum Dechanten,
später zum Kanzler des Stiftes Würzen berufen, endlich von
Kurfürst August an den Hof gezogen vmd zum Geheimen Rat
ernannt und starb am 27. Februar 1582^), Von seinen Kom-
positionen sind folgende bekannt: Epitaphia Rhavorum, Wite-
bergae 1550-j, Elementa musicae practicae pro incipientibus,
Lipsiae 1553, Carminum nuptialium Hb. I, Lipsiae 1553, Melo-
diae odarum Georgii Fabricii, Lipsiae 1554. Dagegen scheint
das Werk, das er mit unserem Briefe am 13. Oktober 155 1
Fürst Georg zusandte, unbekannt zu sein.
... In initio belli germanici cum aliquando Illustris Gel. T. heic
Misenae pernoctaret egoque tunc temporis (vt erat mihi Cantoris
munus demandatum) inter alias Cantilenas, quas tum apud Illustrem
Gel. T. honoris et ofticij caussa decantabam, etiam precationem piam
ex Hieremia, quam pro ingenioli mei tenuitate numeris figurisque
musicis donaueram, immiscerem. satis clementer et mira quadara
humanitate ipsa mihi iniungebat, vt illam ipsam precationem, vt
erat a me in harmoniam musicam contracta, descriptam ad te
mitterem, mandabat etiam optimo seni Domino Laurenlio Schrütero,
qui tum nostrae et linitimarum aliquot circa Ecclesiarum Super-
iatendens erat^), vt certuni tabellarium, qui hinc ad uos iret, mihi
^) Rob. Eitner, Ouellenlexikon der Musiker und Musikgelehrten
VIII, 195. Mitteil, des Vereins für Geschichte der Stadt Meilsen I, 4
(1884), 44. Vollhardt, Geschichte der Gantoren und Organisten
von den Städten im Königreich Sachsen (Berlin 1899) S. 216. Georgii
Fabricii ad Andream fratrem epistolae ex autographis primum editae
ab Hermano Peter, Meifsen 1891 (Fürstenschulprogramm), S. 9.
-j Vollhardt, Bibhographie der Musikwerke in der Rats-
schulbibliothek zu Zwickau" (Leipzig 1893— 1896J Nr. 656.
*j Laurentius Schröter aus Gotha, 1539 Pfarrer in Annaberg,
1543 Domprediger in iMeifsen, 1545 auch Superintendent und Kon-
sistorialassessor daselbst, legte 1547 sein Amt nieder (Kreyfsig,
Album der evangehsch- lutherischen Geistlichen im Kgr. Sachsen,
2. Aufl., Grimmitschau 1898, S. 13 u. 403; Manitius, Die^Einführung
der Reformation in Annaberg, Annaberg 1840, S. 4; Seidemann,
Jacob Schenk, Leipzig 1875, S. in; Kawerau, Der Briefwechsel
des Justus Jonas 1, 357J. Wohin Schröter 1547 sich gewandt hat,
könnte uns ein Brief \on einem gewissen Antonius \'arus an Joh.
134 Kleinere Mitteilungen.
significaret; poUicebamur tum (vt par erat) vterque suam operam.
Sed quia Schröterus iniuria temporum coactus hinc discessit, neque
ad illustrem Cels. T. scribere neque ipsi Cantilenam proraissam
transmittere ausus fui. Nunc uero, postquam precacio illa vna cum
psalmis aliquot germanicis in lucem prodijt, interniittere ron potui,
quin Illustrem Gel. T. quoque exemplo donarem . . . Datae Misenae III
Iduum Octobris Anno MDLI
lUustris Gel. T.
addictiss.
Joannes Reuschius.
Lang in Erfurt vom 2. Januar 1548 in God. Goth. A 399, f. 241b — 242a
offenbaren, wenn icli über den ßriefschreiber und besonders seinen
Aufenthaltsort etwas hätte eruieren können. Da andere viel-
leicht glücklicher sind, füge ich den Brief bei. Er enthält noch
andere schätzenswerte Nachrichten über Schröter, besonders die,
dafs SchrcJter früher Diakonus in Torgau gewesen sei, wo Luther
ihn gern aufgesucht habe. Jedoch werden in Friedrich Joseph
Grulichs Denkwürdigkeiten der ^ altsächsischen kurfürstlichen
Residenz Torgau, 2. Aufl. von Bürger, Torgau 1855, S. 258 als die
ersten evangelischen Diakonen der Stadt vielmehr Valentin Tham
und M. Balthasar Arnold genannt. Vgl. noch Enders, Luthers
Briefwechsel VIII, 11 („Presbyteros ambos").
. . . Quod petis a me de concionatoribus hie vacantibus tibi
scribi, hoc iacilius possum, quo crebrius cum eis quam alius quis-
])iam versor. Horum duo sunt: alter Laurentius pastorem et su-
perattendentem in oppido Misna vulgo Meifsen egit, qui et in
consistorio ibidem tenuit, vir, ut uno dicam verbo, talis, qualem
Paulus expostulat, qui docere potest et facere. Sic enira complexus
videor nunquam satis laudandas huius viri dotes et virtutes. Quam
constans assertor veritatis sit, uel ex hoc animaduertere licet, quod
relicta vxore grauida et partui proxima tum charis liberis et fa-
cultalibus amplis maluit esse profugus et in salutis suae discrimen
venire quam veritatem mussitare. Adeo probauit hunc Laurentium D.
Doctor Martinus Lutherus piae memoriae, ut, quando Torgis esse
daretur, ubi et Diaconum egit, hunc prae multis alijs inuiseret, nee
pauca, quae ex Luthero audiuit, int er conuiuia referre solet.
Si prudentiam in rebus dubijs, grauitatera in magnis, patientiam in
aduersis, animi moderationem m laetis desideres, absolutissima omnia
in hoc viro offendes, sermonis pirci, mansuetus, lenis, hilaris et, ut
res expostulat, est, eruditionis multae. Qua suauitate et gratia
doceat, uix explico. Vtinam vero sie valetudine valeat, ut omnibus
optimis dotibus, (juae in bono pastore requiri solent. Alter Johannes
Molitoris etiam concionator hie acer et vehemens in suis concionibus,
ne dicam calidus, plus valet natura quam arte, bonus doctor,
solutior moribus et sermone, dignus tarnen, cui bene prospiciatur . . .
Restat, ut impetrem a tua humanitate, ne hoc meum Judicium alijs
diuulgetur . . . Datae postridie circumcisionis Domini mane sub
lucem. Anno 1548. üpto tibi, vxori, natis et universae familiae
toelicissimum noui anni auspicium. Antonius Varns.
Kleinere Mitteilunsi;en. 135
4. Friedrich Wilhelm, Sohn des Moritz von Sachsen-Zeitz,
ein unbekannter Wettiner.
Von P. E. Richter.
Nach Posse, Die Wettiner, hat ein solcher Friedrich Wil-
helm nicht pfelebt. Aber die K. öff. Bibliothek in Dresden be-
sitzt unter vielen anderen kleinen aus der Pegauer Kirchen -
bibliothek erhaltenen Drucksachen folgende
„Formula der Trauer-Abkündigung".
,, Eurer Christlichen Liebe ist zu vermelden, dafs der Allmächtige
Gott, . . . Herrn Friedrich Wilhelm / Hertzogen zu Sachsen . . . am
22Sten dieses Monats Aprilis, früh um 7 Uhr, von dieser Zeitlich-
keit / . . . abgefordert, . . . Wann dann durch diesen Trauerfall . . .
Herr Moritz, Hertzog zu Sachsen, . . . Postulirter Administrator des
Stiffts Naumburg, . . . Vnser gnädigster Fürst und Herr: so wohl
auch S. F. D. ... Gemahhn, ... in grosse Betrübnüs gesetzet, . . .
Als haben . . . dieselbe die gnädigste Verordnung ergehen lassen,
dals zu dessen Bezeigung das Orgelschlagen und Seitenspiel, so
wohl in denen Kirchen, als auch aller anderer Orthen bei Zusammen-
kunfften und sonsten bifs auf fernere Verordnung eingestehet werden,
wornach sich also Eure Christi. Liebe zu achten, Amen."
Moritz regierte vom 22. April 1657 bis zum 4. Dezember
1681. Im Jahre 1662 hatte er Stadt und Amt Pegau von
Kursachsen gekauft, und es dürfte obige ,, Formula" dorthin,
wie in die andern Kirchorte des Fürstentums zur Verlesung
von den Kanzeln oreschickt worden sein. Es handelt sich
aber hier nicht etwa um ein Formular mit handschriftlich
ausgefüllten Namen und Daten, sondern der halbe Bogen in
Kleinquart ist durchweg gedruckt, und dagegen, dafs der bei
Posse Tafel 34, 14 aufgeführte Friedrich Wilhelm gemeint sein
sollte, spricht, dafs der Vater des Verstorbenen Moritz, aber
nicht Moritz Wilhelm genannt wird, und dafs nach der For-
mula der Betreuende am 22. April früh um 7 Uhr, aber nicht
am 15. Mai nachmittags 4 Uhr gestorben. Wer kann über
diesen Fall Auskunft geben?
5. Georg Heinrich Sappuhn.
Von Otto Eduard Schmidt.
Zu den interessantesten evangelischen Predigern, die im
letzten Drittel des 17. Jahrhunderts vor der allerorten er-
starkenden Gegenreformation flüchtend in Sachsen Aufnahme
fanden, gehört Georg Heinrich Sappuhn.
136
Kleinere Mitteilungen.
t?
In jungen Jahren (1680) war er Prediger in der ungarischen
Stadt Eperjes geworden, die lange Jahre ihre „Libertät" und
ihren evangelischen Glauben gegen den Absolutismus der
Habsburp-er und die mit ihm verbündete katholische Reaktion
verteidigte. Aber als 1687 der Kaiserliche General Caraffa
das berüchtigte Blutbad über die Stadt verhängte, mufste
Sappuhn froh sein, mit dem Leben davonzukommen und in
Sachsen als Pfarrer des Eibdorfes Lorenzkirch bei Strehla
unter dem Patronate des kurfürstlichen Kammerherrn und
Trabantenhauptmanns Johann Siegmund von Pflugk auf Strehla
und Kreinitz eine Zuflucht zu finden. Er war hier Pfarrer
bis 1721, mid von ihm rührt nicht nur die handschriftliche,
im Pfarrarchive verwahrte ,, Historische Nachricht von den
Lorentzkircher Kirchspiel" (17 16) her, die sehr viel wertvolles
kulturo-eschichtliches Material enthält, sondern auch eine in
flüssigen Distichen abgefafste Grabschrift, die noch heute auf
seinem an der Kirche stehenden Leichenstein zu lesen ist.
Den Distichen voraus gehen folgende Worte:
Georg Heinrich Sappuhn nat. Heilberg in Boruss. d. XV. Jul.
MDCLX, post exil ab Hungaria hujus «Lorenzkirch» et duarum
vicin. eccles. «Kreinitz und Jakobsthal» Pastor per annos XXXIV,
denat. d. III. May, MDCCXXI, cum visisset in ministerio hie et in
Hung. a. XLI., in conjugio a. XXXV. VIII liberorum utriusque sexus
patri felicissimo cujus adhuc vivi vaticinium sequens.
Es folgen nun die ersten Distichen mit Angaben über
Sappuhns Herkunft, die ich, von einer falschen Lesart aus-
gehend, leider im IIL Bande meiner ,, Kursächsischen Streif-
züge" (S. 156 vgl. S. 393) falsch gedeutet habe. Es sei mir
gestattet, hier den Fehler zu berichtigen. Die Verse lauteten
in der mir vorliegenden Abschrift :
Prussia me genuit, nutrivit Lechica tellus,
Erudiit studiis, urbs tua, Grace, sacris.
Pannonis ora virum vidit sacra verba docenteni,
Et fuit Epperies pendula ab ore raeo.
Ich habe a. a. O. Grace fälschlich auf das steiermärkische
Graz bezogen und darnach auch Lechica tellus falsch ge-
deutet. Nun erinnert mich aber Herr Fritz Oberndorfer in
Graz, dafs die Verhältnisse der Universität Graz im letzten
Drittel des 17. Jahrhunderts kaum das Studium eines evan-
gelischen Geistlichen gestattet haben würden, da die Gegen-
reformation dort längst jede Spur evangelischen Lebens ver-
tilgt hatte; man könne eher an die Universität Krakau denken;
dann würde Lechica tellus das Land der Weichselslawen be-
deuten, die früher auch Lechiten und Lochen genannt wurden.
Kleinere Mittf^ilunoien. I3'7
Diese Deutung ist richtig. Denn Krakau kann deswegen
sehr wohl als urbs tua, Crace, bezeichnet sein, weil Cracus,
der Stammvater eines alten polnischen Fürstenhauses, der
um 700 p. Chr. eine Burg auf dem Berge Wawel erbaut haben
soll, als der mythische Gründer von Krakau gilt. Wir müfsten
in diesem Falle freihch Crace statt Grace auf dem Leichen-
stein lesen, und so steht, wie eine erneute Untersuchung des
Steines durch Herrn Pfarrer Paul in Lorenzkirch beweist,
höchstwahrscheinlich auch darauf geschrieben. Demnach w^ar
Sappuhn am 15. Juli 1660 zu Heilberg in Preufsen geboren,
wuchs unter den Lechen auf, studierte in Krakau und kam
von dort erst 20 Jahre alt als evangelischer Prediger nach
Epperies. Von dort vertrieben, wurde er am Sonntag Jubilate
1687^) in Lorenzkirch investiert und starb dort am 3. Mai 172 1.
Die Gabe srew^andter lateinischer Versifikation hat er auf
seinen gleichnamigen Sohn Georg Heinrich Sappuhn vererbt,
der nach Kreyisigs Afraneralbum von 1703 bis 1709 Zögling
der Meifsner Fürstenschule St. Afra war. Soeben hat ihn
E. Schwabe als den Verfasser einer kulturhistorisch inter-
essanten Gedichtsammlung ,,Ludi et Epulae Afranae" (Misenae,
Typis Spahnianis Ao. 17 10) nachgewiesen"-), in der er unter
dem Pseudonym Geographus Laurentinus 5 afranische Feste:
das Frühlingsspiel, den ,,Frefsburckhard", die Kirmes, die Fafs-
nacht und das Windefest („vulgo das Wantzenfest", purga-
torium) gar anmutig schildert. Der Lorenzkircher Pastorsohn
hat aber auch die orientalischen Beziehungen seines Vaters
wiederangeknüpft, denn in Kreyfsigs Album findet sich bei
seinem Namen der Zusatz: ,,ist wegen seiner Erfahrenheit
in der Türkischen Sprache von dem Grofssultan mit dem
Prädikat eines , Türkischen Rates' begnadiget worden".
6. Zur Cronschwitzer Ausgrabung.
Eine Enviderung.
Von Clemens Pfau.
Im vorigen Jahrgange dieser Zeitschrift S. 410 f. geht
der verdienstvolle Schleizer Archivrat Schmidt gelegentUch
seiner Besprechung der Ausgrabung im Kloster Cronschwitz
^) Eigenhändige Niederschrift Sappuhns im Pfarrarchive zu
Lorenzkirch.
-} N. Jahrb. für das klass. Altertum usw. IX (1906), 294!
138 Kleinere Mitteilungen.
näher auf verschiedene im genannten Kloster gefundene
wichtige Grabplatten ein, die als „Deutschherrensteine" zu
gelten haben. Diese Erörterungen richten sich in gewissen
Einzelheiten gegen einen Aufsatz von mir „Grabdenkmäler
von Deutschherren im Königreich Sachsen", den ich 1905
in „Unserer Heimat" (Zwickau) veröffentlichte. Veranlafst ist
Schmidts Studie wohl mit durch meine weitere Arbeit über
diese Cronschwitzer Ausgrabung, welche Abhandlung ich im
Frühjahr 1906 verfafste und an die Zeitschrift für Thüringische
Geschichte und Altertumskunde schickte. Der Artikel konnte
erst im Winter gedruckt werden; mit meiner Erlaubnis hatte
aber Schmidt einen ausführlichen Bericht über den Inhalt
vor dem Abdruck der Studie durch einen Rochlitzer Forschungs-
genossen erhalten. Letztere beschäftigte sich ausführlich
mit Schmidts eingehender Abhandlung „Die Ausgrabung im
Kloster Cronschwitz" in der Zeitschrift für Thüringische
Geschichte und Altertumskunde, 1906, konnte aber den dort
ausgesprochenen Schlüssen hinsichtlich der Cronschwitzer
Angelegenheit in der Hauptsache nicht zustimmen. Da Schmidt
in seiner jüngsten Arbeit über die in Rede stehenden Denk-
mäler verschiedenes Neue zur Begründung seiner Ansicht
vorbringt, so möchte ich auf diese Ausführungen hier näher
eingehen. Denn eine möglichst vielseitige Untersuchung
betreffs der Deutschherrensteine scheint mir durchaus ge-
boten, da letztere für unsere vaterländische Archäologie und
für die Gesamtgeschichte des weitverzweigten Deutschherren-
ordens von ziemlicher Wichtigkeit sein dürften. Im übrigen
verweise ich auf meinen demnächst erscheinenden Aufsatz
in der Zeitschrift für Thüringische Geschichte und Altertums-
kunde. Ich habe in meiner ersten Studie als höchst wahr-
scheinlich hingestellt, dafs sich eigenartige mittelalterliche
Grabsteine, welche weder Jahreszahl, noch Aufschrift oder
bildliche Darstellung des Verstorbenen aufweisen, sondern
lediglich entweder mit einem benimbten Kreuz ohne Wappen
oder mit einem unbenimbten Kreuz mit beigefügtem Schild
versehen sind, aus verschiedenen Gründen auf Glieder des
Deutschherrenordens beziehen müssen. Meines Wissens ist
bisher noch kein Stein mit Schrift oder persönlicher Ab-
bildung auf einen Deutschherrn, der im Orden keinen höheren
Rang einnahm, nachgewiesen worden; alle mir bekannten
Deutschherrensteine dieses letzteren Gepräges beziehen sich
auf hervorragende Würdenträger. Darum dürfte die Vermutung
sehr nahe liegen, dafs die einfachen, nicht mit Schrift usw.
ausgezeichneten Steine regelmäfsig die Gebeine schlichter
Kleinere Mitteilungen. I'Jq
Ritter- oder Priesterbrüder deckten. Bestärkt wurde diese
Annahme durch den Umstand, dafs derartige einfache Denk-
mäler auch in Ortschaften vorkommen, in denen es, obgleich
der Orden hier Besitzungen hatte, nie ein Ordenshaus gab,
wo also offenbar kein höherer Würdenträger amtierte. Ferner
finden sich Platten mit dem eigenartigen benimbten Kreuz
mehrfach in Kirchdörfern, die zwar geistlich mit dem Orden
in engster Beziehung standen, in deren Geschichte sich aber
nicht die leiseste Andeutung ergibt, dafs die Deutschherren
hier Besitzungen gehabt hätten. Ordenssteine mit Wappen
fehlen hier. Wie die genannten beiden Gruppen von Ordens -
gliedern sich statutengemäfs im Leben besonders durch die
Farbe der Tracht unterschieden, so scheinen bei uns auch
ihre Grabsteine angegeben zu haben, welcher Art der
darunter ruhende Bruder war; möglicherweise geht die Sitte
dieser ganz eigenartigen Steine auf Gebote mitteldeutscher
Komture zurück.
Obschon die Ordensstatuten von Grabsteinen nicht
sprechen, waren solche Denkmäler bei den Deutschherren
doch üblich, wie Beispiele in Marburg, Wechselburg usw.
zeigen. Ich spreche hier von Steinen, welche sich durch die
Aufschrift, durch die Ordenstracht des Verewigten, zum Teil auch
durch aufgelegtes Ordensschild einwandfrei als Deutschherren-
monumente kennzeichnen; sie reichen bis in die Mitte des
13. Jahrhunderts zurück. Ich habe früher ausdrücklich hervor-
gehoben, dafs die Deutschherren auf diesen Steinen ihre
Zugehörigkeit zum Orden regelmäfsig zum Ausdruck brachten;
keineswegs habe ich aber irgendwo gesagt, dafs auf jedem
Grabstein eines Deutschherren ritterlichen Standes ein Wappen
sein müfste. Letzteres war augenscheinlich nur allgemein üblich
und nötig auf denjenigen Steinen, die keine Aufschrift und
keine bildliche Darstellung des Verstorbenen in Ordenstracht
vorführten, also auf Platten, wie sie besonders in Sachsen,
zumal in der Rochlitzer Pflege, vorkommen. Wie hätte sich
der Ritterbruder auf solchen einfachsten Steinen besser zu
erkennen geben sollen als durch ein Wappenschild? Dafs
ein Stein, der ein Deutschherrenkreuz mit einem beigesetzten
Schild zeigt, auf einen Ritter zu beziehen sein wird, bedarf wohl
keiner weiteren Begründung; dasselbe gilt von einem Denk-
mal, auf welchem das Kreuz nicht neben dem Schild, sondern
in demselben selbst liegt, d. h. auf welchem der Deutschherren-
schild angebracht ist. Nie habe ich auf einem Stein, der
sich durch Schrift, Trachtenbild oder auch noch Wappen als
Deutschherrenstein ausweist, das benimbte Kreuz gefunden;
T^o Kleinere Mitteilunsjen.
dasselbe gilt von den zahlreichen Ordensmünzen und Siegeln,
die doch regelmäfsig von ritterlichen Vertretern des Ordens
herrühren, da letztere allein die Komturstellen und andere
wichtige Repräsentationswürden innehatten. Meines Erachtens
kann demnach der Kreuznimbus nicht der Ordensritterschaft
zugesprochen werden, und ich mufs deshalb annehmen, dafs
sich diejenigen einfachen Grabsteine, die lediglich ein be-
nimbtes Ordenskreuz — ohne irgend welches Beiwerk —
tragen, auf Priesterbrüder beziehen. Ein solcher denkbar
einfacher Stein i.st derjenige, welcher gelegentlich der Cronsch-
witzer Ausgrabung dem Landmeister und Klostergründer
Heinrich dem Mittleren von Weida zuoreschrieben worden ist;
ich kann dieses Denkmal nur für eine Grabplatte auf einen
Mönch ansehen. Sollte sich wirklich einmal einwandfrei nach-
weisen lassen, dafs auf einem Deutschherrenstein tatsächlich
ein Schild neben einem benimbten Kreuz vorkommt, so würde
man wohl mit der Möglichkeit zu rechnen haben, dafs das
Denkmal zu einem Ordensbruder gehört, der ursprünglich der
Ritterschaft, dann dem Mönchijtum als Glied zugezählt worden
ist. Ich habe in der Studie in ,,Unsre Heimat" keineswegs
meine Ansicht, dafs der schlichte Deutschherrenritter auf
unserem schriftlosen, einfachsten Grabsteine seinen vStand
durch ein Schild ausdrückt, mit dem Hinweis auf das Mar-
burger Denkmal von dem 1241 verstorbenen Hochmeister
Konrad von Thüringen begründen wollen, habe die an diesem
Stein vorkommenden Wappen in meiner ersten Studie über-
haupt nicht erwähnt. Er gehört zu den am reichsten ausge-
statteten, aber nicht zu den einfachsten Denkmälern. Die vier
von Schmidt in dieser Zeitschrift angeführten Steine können
ebenfalls schwerlich bei der Erörterung über unsere Grabsteine
einfacher Ritterbrüder in Frage kommen. Sie beziehen sich auf
Hochmeister, Komture und stellen zum Teil durch den Namen,
zum Teil durch das Bild des Verewigten in Ordenstracht den
Verstorbenen fest. Von diesen Denkmälern haben zwei Wappen,
die anderen keins. Sollte doch von irgend welcher Seite An-
stofs daran genommen werden, dafs zwei Steine keine Wappen
aufweisen, so möchte hervorgehoben werden, dafs diese beiden
Steine entweder nicht in ihrer ursprünglichen Ausführung
üljerliefert sein dürften, oder dafs sie vielleicht überhaupt
nicht dem ursprünglichen Plan nach fertig gestellt sind. Die
betreffenden Steine weisen, wie mir Herr Geh. Baurat Stein-
l^recht in Marienburg gütigst mitteilt, nur Randumschrift auf.
Die eigentliche Hauptfläche ist vollständig leer. Derartige
Grabplatten erinnern stark an Münzen und Siegel, bei denen die
Kleinere Mitteiliuifijen. 141
Legende das Bild umgibt. Da sich die Steine ganz gewöhnlich
in Gebäuden befanden, so wurden die Mitteltlächen wohl gar
.nicht selten bemalt; Reste von Farben kommen öfters auf
alten Grabsteinen vor. Die Malerei ging später verloren,
und damit haben sie ein ähnliches Schicksal gehabt, wie so
zahlreiche, jetzt leere Schlufssteine in Schildform, deren ur-
sprünglich farbige Wappenbilder von Personen (Stiftern) der
Nachwelt erhalten bleiben sollten. Sicher wirkte ein aufge-
maltes Bild auf dem Grabstein ebenso schön, wie eine nur
eingeritzte ümrifstigur; eine solche weist das Denkmal des
von Schmidt angeführten Heinrich Dusemer auf. Die aufge-
malte Figur innerhalb der eingehauenen Umschrift des Grab-
Steines würde ein Ersatz ofewesen sein für die so oft an
&
derselben Stelle vorkommenden plastischen Darstellung des
Verstorbenen. Mitunter mag es vorgekommen sein, dafs das
Innenfeld des Denkmals überhaupt nicht ausgefüllt wurde,
weil an letzterem dem Entwurf nach zwei verschiedene
Meister zu arbeiten hatten, schhefslich aber nur einer sein
Werk ausführte. Das gilt nicht nur von denjenigen Monu-
menten, deren eingehauene Umschrift wohl eine Malerei um-
schliefsen sollte, sondern au.ch von denen, deren Innenfläche
für Metallbelag be.stimmt wurde. Bronzebelag auf Grab-
.steinen kommt schon im Mittelalter vor; oft fehlt er freilich
jetzt, und nur die Vertiefungen, in welchen er safs, und die
vorhandenen Dübellöcher zeugen von ihm. Das gilt z. B. von
einem mittelalterlichen Grabstein in der Wechselburger
Schlofskapelle. Derartige Grabsteine mit eingehauener Um-
schrift am Rande und Bronzebelag im Mittelfeld linden sich
noch im 16. Jahrhundert ; ein solches Denkmal setzte man
1568 dem Rochlitzer Bürgermeister und Chronisten Melchior
Älathesius. Wahrscheinlich war auch dessen Sohn, dem
Diakonus Balthasar Mathesius, -j- 1572, ein gleicher Stein ur-
sprünglich bestimmt. Dieses Denkmal zeigt ebenfalls die
übliche Randumschrift in edler Form; das Innenfeld bekam
aber schhefslich einen panegyrischen Nachruf, dessen Schrift-
formen sehr unvorteilhaft von denjenigen der Randaufschrift
abweichen: zweifellos haben an diesem Stein zwei ganz ver-
schieden gebildete Steinmetzen gearbeitet. Manches Grab-
denkmal ist nie fertig geworden, weil es derjenige, dessen
Gebeine es einst decken sollte, schon zu Lebzeiten anfertigen
liefs; die Nachwelt sollte dann verschiedenes (besonders die
Sterbedaten) eintragen, was aber schhefslich oft unterblieb.
Ich erinnere nur an verschiedene Bronzeepitaphien in
Nürnberg. Dafs es derartige Steine auch schon zu der Zeit
1J.2 Kleinere Mitteilungen.
eab, aus welcher die in Rede stehenden Deutschherrensteine
stammen, beweist ein prächtiges Steinmonuinent, welches
kürzhch in der Geithainer Kirche entdeckt wurde. Dasselbe,
dem jetzt leider der obere Aufsatz fehlt, gehört der Zeit
um 1300 an. Im Mittelfeld führt es in vornehmer Arbeit
den Verewigten vor; in der reichgegliederten Umrahmung
zieht sich ein Schriftband hin. Letzteres sollte zweifellos die
Sterbezeit des Verewigten angeben; hinter den kräftig ein-
gehauenen Worten anno — die — finden sich aber nur leere,
abgemessene Flächen : die Zahlen sind nie eingeschlagen
worden,
Schmidt schreibt auch diejenigen einfachsten Deutsch-
herrensteine in Cronschwitz, die weiter nichts als ein be-
nimbtes Kreuz aufweisen, Rittern zu. In dieser Zeitschrift
gibt der geehrte Forscher hierfür seine Begründung an:
,,denn nach einer Urkunde des Bischofs von Naumburg von
1239 hatte der deutsche Orden die weltliche Verwaltung des
Klosters zu führen, während den Mönchen des Dominikaner-
ordens dessen geistliche Aufsicht und die Seelsorge zustand.
Es läfst sich aber nicht denken, dafs sich neben den Priestern
der Predigermönche noch solche des Deutschen Ordens in
Cronschwitz aufhielten, sondern die Verwalter werden Ritter-
brüder gewesen sein." Mir erscheint diese Beweisführung,
die doch mit grundlegend für die Beurteilung aller schriftlosen
Deutschherrensteine sein müfste, leider wenig stichhaltig und
annehmbar, wie aus einer Betrachtung der Cronschwitzer
Klosterverhältnisse hervorgehen dürfte.
Schmidt sagt in der Zeitschrift für Thüringische Geschichte
und Altertumskunde — wohl mit allem Recht — selbst, dafs
bei der Stiftung von Cronschwitz zwischen den Deutsch-
herren und Dominikanern hinsichtUch ihres Anteils am Klo.ster
,,ein förmlicher Streit" ausgebrochen sei, den der Bischof
durch seine eingehenden Bestimmungen der Stiftungsurkunde
,,sehr geschickt" vermittelte. Betreffs der Deutschherren ge-
bietet nun letztere: ,,Statuimus in exterioribus vero circa
temporalium gubernacionem yconomiam, procuracionem, dis-
posicionem sive administracionem temporalium fratres predicti
domus Theutonicorum gerent et exercebunt, quoscunque
frater gerens vicem suppremi magistri in Alemannia pro
tempore ad hoc decreverit deputare". Nirgends steht etwas
in der Urkunde davon, dafs deutschherrliche Priesterbrüder
von der Cronschwitzer Verwaltung ausgeschlossen sein sollten.
Einen derartigen Hinweis müfste man meines Erachtens aber
doch unbedingt erwarten, weil die Urkunde so ausführlich bei
Kleinere Mitteilungen. 143
jedem Orden angab, was ihm zukommt, weil das Fehlen einer
Bestimmung darüber, dafs nur Ritterbrüder in Cronschwitz
die Verwaltung ausüben sollten, einen Streit zwischen den
beiden in Rede stehenden Orden sicher nicht beigelegt hätte,
falls die Priesterbrüder der Deutschherren aus dem Kloster
verwiesen gewesen wären. Spricht die Urkunde schlechtweg
davon, dafs die Brüder der Deutschherren in Cronschwitz
die weltliche Herrschaft ausüben sollten, so mufs man meines
Erachtens annehmen, dafs in dieser Beziehung die Ritter und
Priesterbrüder der Deutschherren gleiche Berechtigung hatten,
dafs letztere, die doch im Orden nach Ausweis der Statuten
so gefeiert waren, keine Zurücksetzung zu erdulden hatten.
Nach dem Wortlaut der Urkunde dürfte anzunehmen sein,
dafs von den Deutschherren regelmäfsig mehrere Brüder zu-
gleich in Cronschwitz amtieren sollten. Da jedem ganz genau
vorgeschrieben war, was er zu tun hatte, so konnten doch
Priesterbrüder der Deutschherren recht gut friedlich neben
anderen Mönchen im Kloster leben. Den Deutschherren stand
das zu, was sicher viel Schreiberei und Rechnerei verursachte.
Diese Aufgaben werden aber in erster Linie mönchische
Insassen auf sich genommen haben, nicht die Ritter, die dem
^^'affenwerk obliegen mufsten und mehr den Sicherungsdienst
und die Repräsentation des Klosters nach aufsen hin ver-
treten haben dürften. Mit dieser Ansicht liefse sich wohl
am besten die Tatsache in Einklang setzen, dafs auch in
Cronschwitz zwei Arten der sogenannten einfachen Deutsch-
herrensteine vorkommen, mit und ohne Schild.
Schliefslich möchte ich noch erwähnen, dafs ich auf
mittelalterlichen Grabsteinen von Deutscherren in der Roch-
litzer Pflege nie ein Tatzenkreuz angetroffen habe. Schmidt
irrt offenbar, wenn er das Kreuz auf dem Rochlitzer Held-
rungendenkmal als Tatzenkreuz bezeichnet. Meine frühere
Abbildung l^eruht auf Photographie. Die oberen Enden des-
selben sind mit Rosetten belegt, die an Vierpässe erinnern.
Literatur
Säclisisclie (Jeschichte. Von Otto Kaemmel. (Sammlung; Göschen,
Band loo.) Zweite, durcho;esehene Auflage, Leipzig, G. J. Göschen-
sche Verlagshandlung. 1905. 166 SS. 8".
Die zweite Auflage von Kaemmels kleiner „Sächsischen Ge-
schichte" weicht im Ganzen nicht wesentlich von der ersten Auf-
lage ab, die 1899 erschien und in dieser Zeitschrift XXI (1900), 176 f.,
besprochen wurde. Nur hier und da zeigt sich der Text etwas er-
weitert oder in stilistischer Hinsicht geändert. Irrtümer, die die
erste Auflage namentlich bei den Zahlenangaben aufwies, sind viel-
lach verbessert, wenn auch leider noch nicht durchweg beseitigt
worden; ja bisweilen haben sich sogar neue Fehler eingeschlichen,
wie z. B. das Jahr 13 12 (statt 1307) für die Schlacht bei Lucka S. 6
in der „Inhaltsübersicht und Zeittafel", wo auch mehrere falsche
Angaben der ersten Auflage stehen geblieben sind (z. B. S. 5 Konrad
der Grofse 1024— 1056: statt 11 23— 11 56, S. 6 Fjiedrich I., der Kreidige,
1306 — 1324: statt 1323, ebenda Wilhelm II. von Meifsen, 1382 — 1407:
statt Wilhelm I.).
Eine Karte, an der man sich wenigstens ungefähr die ver-
schiedenen Territorialveränderungen veranschaulichen könnte, fehlt
leider, noch immer. Dagegen ist dem Büchlein, dessen Satz wohl
mit Rücksicht auf diese Erweiterungen etwas enger geworden ist,
eine „Stammtafel des Hauses Wettin" und ein Register beigefügt
worden. In ersterer stören leider mehrere Druckfehler (_z. B. Konrad
der Grofsef 1156: statt 1157, Dietrich der Bedrängte-;- 1231: statt 1221,
Friedrich Tutta-;- 1294: statt 1291, Johann Georg I. f 1659: statt 1656 1,
ferner die Vermengung der beiden Gemahlinnen des 1838 gestor-
benen Prinzen Maximilian (die erste, von der die Kinder Friedrich
August II., Johann usw. stammen, hiefs Caroline von Parma) und
mehrere veraltete Anschauungen. Seitdem wir das grundlegende
Werk von O. Posse, Die Wettiner (Genealogie des Gesamthauses
Wettin ernestinischer und albertinischer Linie, Leipzig 1897) besitzen,
sollten für Dietrich von Landsberg, Albrecht den Entarteten und
Friedrich den Freidigen nicht mehr 1283, 1314 und 1324 als Todes-
jahre angegeben werden, sondern 1285, 1315 und 1323; auch ist
längst erkannt, dafs Heinrichs des Erlauchten dritter Sohn nur
durch einen Lesefehler den Beinamen „der Kleine" erhielt, während
er tatsächlich Clem hiefs. Der Possesche Stammbaum ist auf-
fallcndcrweibe in der „Literatur" (S. 3), die um einige wichtige
Literatur.
145
Werke (von Lippert, Knothe und O. E. Schmidt) bereichert er-
scheint, nicht mit aufgezählt und wohl überhaupt gar nicht be-
nutzt worden.
Dresden. Beschorner.
Der sächsische Prinzenraub iu Altenbnrg:. Ein urkundliches Ge-
denkblatt nach 450 Jahren. Von Professor Dr. Max A'oretzscli.
Altenburg S.-A.; Oskar Bonde. 1906. 55 SS. S^.
Die vorliegende, dem verdienten Forscher auf dem Gebiete der
Geschichte des sächsischen Prinzenraubes, Professor Ernst Koch in
Meiningen, gewidmete Untersuchung stellt einen erweiterten Abdruck
des gleichnamigen Vortrages dar, den aus Anlafs des 450jährigen
Gedenktages von jenem in der Geschichte einzig dastehenden
Ereignis Professor Dr. Max Voretzsch in Altenburg, ein in der Ge-
schichtswissenschaft durch seine Arbeiten zur Geschichte der Stadt
Altenburg bekannter und geschätzter Forscher, am 18. Oktober 1905
in der Geschichts- und Altertumsforschenden Gesellschaft des Oster-
landes gehalten hat. Der Verfasser dieser anregend abgefaisten
Monographie versucht mit gewissenhafter Benutzung der bereits
veröffentlichten Urkunden zur Geschichte des sächsischen Prinzen-
raubes und der neueren Literatur über diese Begebenheit, sowie
unter Zugrundelegung von seinen früheren Arbeiten (,,Die Bezieh-
ungen des Kurfürsten Ernst und des Herzogs Albrecht von Sachsen
zur Stadt Altenburg", Altenburg 1900 S. 7 u. f. — „Der sächsische
Prinzenraub" in „Thüringen in Wort und Bild", Leipzig 1900 S. 237 u. f.)
und mit Verwendung einiger von ihm erst neuerdings aufgefundener,
sehr interessanter handschriftlicher Notizen ein Gedenkblatt zu ent-
rollen, welches die Geschichte des sächsischen Prinzenraubes zu-
verlässig, bei aller Kürze die Hauptpunkte erschöpfend, frei von
allen Zutaten der Sage und entsprechend dem Stande der heutigen
Forschung enthält. Seine Untersuchung, welche die verwegene Tat
des Ritters Kunz von Kauft'ungen in durchaus gerechter und kriti-
scher Weise beleuchtet und sie aus den damaligen Zeitumständen
beurteilt wissen will, unterscheidet sich, nebenbei bemerkt, sehr von
dem gleichnamigen, für Schule und Haus bearbeiteten Gedenkblatt des
Lehrers B. Böttiger (Dresden. Franz Sturm & Co. 1905), welches jenes
Ereignis ganz nach der alten landläufigen verurteilenden Ansicht
darseilt und die sagenhaften Überlieferungen mit den Tatsachen ver-
mischt, so dafs wir vor Benutzung von Böttigers völlig mifslungener
und schiefer Darstellung eindringlichst warnen müssen. Nach kurzer
Einleitung behandelt Voretzsch zunächst die Veranlassung zum
Prinzenraube, die Vorbereitungen zur Entführung und die Ausführung
des Planes, schildert dann die Verfolgung der Räuber, die Befi^eiung
der Prinzen Ernst und Albrecht, die Verurteilung des Prinzenräubers
Kunz von Kaulfungen und die sonstigen Bestrafungen, sowie die
unmittelbaren Folgen jener Tat. Den Schlufs bilden Betrachtungen
über den aus Anlafs des Prinzenraubes entstandenen Bergreihen
und die an jenes Ereignis sich knüpfenden sagenhaften Überliefe-
nuigen. Wir können somit die Lektüre dieses ansprechenden, vom
Verlage hübsch ausgestatteten Schriftchens allen denen angelegent-
lichst empfehlen, die sich für eine wahrheitsgetreue Schilderung jenes
Ereignisses interessieren. Wir wollen ferner hotten und wünschen,
dafs vorhegende Untersuchung dazu beitragen möge, die oft schiefen
und falschen Darstellungen des sächsisc'ien Prinzenraubes aus den
1 4.6 Literatur.
populären Geschichtsdarstellungen und vor allem aus den geschicht-
lichen Lehrbüchern unserer Schulen zu beseitigen.
Mühlhausen i. Thür. K. v. Kauffungen.
Friedrich der Weise als Förderer der Kunst. Mit 41 Lichtdruck-
tafeln und 5 Textabbildungen. Von Robert Brück. (Studien zur
deutschen Kunstgeschichte, Heft 45.) Strafsburg, J. H. £d. Heitz
(Heitz & Mündelj. 1903. VIII, 336 SS 8°.
Dieses Buch ist eigentlich keine Novität mehr, da es schon vor
drei Jahren erschien. Aber Archivforschungen pflegen sich nicht so
rasch einzuführen: wie sie in mühevoller Arbeit geschrieben werden,
so fordert auch ihre Lektüre ein Opfer an Zeit, das man gar leicht
auf jene idealen freien Stunden verlegt, die sich ein jeder wünscht,
die aber so selten kommen. Daher wird es gut sein, daran zu er-
innern, dafs in diesem Buche ein sehr reicher Schatz von teilweise
neuen urkundlichen Nachrichten über Kunst und Künstler der deut-
schen Frührenaissance dargeboten wird, der allen auf diesem Gebiete
Arbeitenden willkommen sein mufs.
Der Verfasser hat die archivalischen Studien Guilitts in extenso
verwertet, aber dieses Material durch die Publikation der sämtlichen
Amtsrechnungen und der Korrespondenz des Kurfürsten Friedrich
im Weimarer Staatsarchive und durch die Kämmereirechnungen zu
Wittenberg nicht unwesentlich erweitert. Er hätte schon des Dankes
der Fachgenossen gewifs sein können, wenn er sich darauf beschränkt
hätte, blofs diese Urkunden mit Anmerkungen zu publizieren, aber
er hat auch gleich den weiteren Schritt getan, im ersten Teile seines
Werkes auf Grund dieser Urkunden ein Lebensbild Friedrichs des
Weisen als Förderers der Kunst seiner Zeit zu zeichnen. Man wird
in diesem Teile, besonders in den allgemein gehaltenen Einleitungen
der Kapitel, die Kunst der Darstellung und die letzte Ausfeilung
bisweilen vermissen, aber im ganzen gewinnt man ein um viele neue
Züge bereichertes Bild der imponierenden Herrschergestalt Friedrichs,
der auch auf dem Gebiete der Kunst von keinem deutschen Fürsten
seiner Zeit an Eifer und Geschmack und vielseitiger, bedeutsamer
Wirksamkeit erreicht wurde. Kaum ein Jahr seiner langen Re-
gierung ist frei von umfänglichen Neu- und Erweiterungsbauten von
Kirchen und Schlössern in den verschiedenen Städten seines Landes.
Neben und nach den Baukünstlern und Bauhandwerkem werden
zahlreiche Bildhauer und Maler für die Innenausstattung der neuen
Gebäude in Tätigkeit gesetzt. Die hervorragende Höhe von Friedrichs
Kunstpflege spricht sich deutlich darin aus, dafs er eine lange Reihe
der besten deutschen Künstler seiner Zeit beschäftigte, vor allen
als einziger deutscher Fürst Albrecht Dürer 30 Jahre hindurch mit
Aufträgen auszeichnete, Jacopo de Barbari und Lucas Cranach d. ä.
als Hofmaler hatte und Künstler wie Wolgemut, Hans Burgkmair,
'J'ilmann Kiemenschneider, Peter Vischer d. ä., Konrad Meit, Adriano
Fiorentino zu bedeutenden Aufgaben heranzog. Eine besondere
Liebhaberei Friedrichs, die geradezu in riesenhaftem Umfange be-
triebene Sammlung von Reliquien in kostbaren Gehäusen, brachte
der deutschen Goldschmiedekunst beachtenswerte Anregung.
Der Verfasser schildert zuerst den Kurfürsten als Bauherrn
und bringt neue Nachweise über den Hof baumeister Konrad Pflüger,
einen unter dem Einflüsse von Arnold von Westfalen geschulten,
sehr tüchtigen Architekten und Bildhauer, der besonders in Wittenberg
Literatur.
147
am Schlosse und am Kollegium seine auf einfache, wuchtige Wir-
kurgen ausgehende Kunst übte. Uno;ewöhnlich ausgiebig im Detail
erweisen sich die in musterhafter Ordnung erhaltenen Rechnungs-
l:)iicher über den Bau des Schlosses Hartenfels in Torgau, wo über
jeden Schlüssel und jede Treppenstufe die Kosten verbucht sind.
Das zweite Kapitel behandelt die Plastik unter Friedrich und
bringt über die Arbeiten berühmter und auch neu auftauchender
Bildhauer und Schnitzer willkommene Detailforschungen. So z. B.
über das schöne holzgeschnitzte Chorgestühl in der Altenburger
Schlofskirche, 1503 und 1516 datiert und mit den Verfertigernamen
Nicolaus, Johannes und Ambrosius beide von Eilenburg, Heinrich
Geins und Joachim B. bezeichnet ; ferner über die Grabplatten Peter
Vischers in Meifsen und Torgau, über die Bronzebüste Friedrichs
(im Albertinum) von Adriano Fiorentino (S. 100 oben 1448 ein Druck-
fehler für 1488) und über die Medaillen Friedrichs. Auch über ver-
loren gegangene wichtige Werke wie den Kruzifixus von Tilmann
Riemenschneider und über die von Dr. Scheurl 1511 so hochgerühmte
Doppelmadonna Konrad Meits wird eingehend gehandelt.
Auch das dritte Kapitel, das der Malerei unter Friedrich ge-
widmet ist, enthält interessante Notizen über bekannte und wenig
bekannte Maler, wenn sich auch das Urkundenmaterial hier vielfach
zu lückenhaft und wortkarg erweist. — Offenbar wandte der Kurfürst
der Malerei bes^ondere Aufmerksamkeit zu vmd zog neben seinen
Hofmalern hervorragende auswärtige Künstler zu bedeutenden Auf-
trägen heran. Die Altäre, die M. Wolgemut (1503) und Hans Burgk-
mair (1506) lieferten, sind leider verschollen, aber vielleicht sind in
den Illustrationen einer von Spalatin verfafsten Chronik im Weimarer
Staatsarchive Entwürfe von Burgkmair erhalten, worauf Brück hin-
weist. Neu und interessant ist auch des Verfassers Vermutung,
dafs Hans von Speier, der 1496 im x^uftrage des Kurfürsten ein
Gewölbe in der Paulinerkirche in Leipzig ausm.alte, auch die Wand-
gemälde im Kreuzgange daselbst schuf, die Gurlitt dem Niederländer
Jhan zuschrieb. Dafs dieser Jhan, Hofmaler von 1491—95, mit Jan
Mabuse identisch sei, sucht auch Brück eingehend nachzuweisen,
aber meines Erachtens nicht mit dem vollen Erfolg der Evidenz. — Die
zahlreichen urkundlichen Erwähnungen Dürers in Beziehung zum
Kurfürsten werden hier noch einmal übersichtlich zusamraengefafst;
sie reichen von 1494/95 — 1524 und erfahren nur auffälliger Weise von
1509—1520 eine Unterbrechung. Diese läfst aber eher auf eine Lücke
in der Überlieferung als auf eine wirkliche Unterbrechung der
Beziehungen schliefsen. — Über Jacopo de ßarbari, der 1503— 1505
Hofmaler Friedrichs war, wird mancherlei Neues beigebracht, freilich
orientieren die Urkunden genauer über die Kosten seines Haushaltes
als über die Art seiner Arbeiten; aber man erfährt doch mit Interesse,
dafs er unter zahlreichen Gästen am 10.— 17. August 1504 auch Dürer
und sein Weib in Wittenberg bewirtete. — Über L. Cranach, der
1505 sein Hofrnaleramt antrat, fafst sich der Verfasser, offenbar im
Hinblick auf die reichliche Cranach -Literatur der letzten Jahre, recht
kurz. Wie viel Wichtiges aber auch hier noch für weitere Forschung
übrig gelassen ist, lehrte kürzUch das Auftauchen des Triptychons
von 1509 mit den Porträts Friedrichs und seiner Familie. Sehr
dankenswert wieder ist die kleine Studie über den bisher wenig
bekannten Nürnberger Illuminator Jacob Eisner, den geschickten
und humorvollen Illustrator des „Gänsebuches" in der Lorenzkirche
zu Nürnberg, von dem der Verlasser auch zwei für Friedrich den
Neues Archiv f. S. G. u. A, XXVIII. i. 2. lO
1^8 Literatur.
Weisen 1507 illuminierte Perikopen in der Universitätsbibliothek in
Jena und noch mehrere andere Arbeiten, darunter auch Porträts,
nachweist. — Zum Schlüsse noch eins: die warme Begeisterung des
Verfassers für seinen Stoff hat ihn verführt, Wittenberg als die Wiege
der deutschen Renaissance und das Jahr 1504 als das Geburtsjahr
derselben zu erklären. Das ist nun inzwischen von B. Daun (Kunst-
chronik XVI, 151) zu gunsten Nünbergs berichtigt worden.
Leipzig. Felix Becker.
Die Haltung Kursachsens im Streite um die unmittelbare Reichs-
ritterscliaft in den Jahren 1803 — 1806. Von Crottliold Weicker.
(Bibliothek der sächsischen Geschichte und Landeskunde, heraus-
gegeben von Gustav Buchholz. I. Band, 2. Heft). Leipzig, S. Hirzel.
1906. HO SS. 8«.
Trotz der die Rechte der Reichsritterschaft wahrenden sal-
vatorischen Klausel, die Kaiser Franz IL seiner Bestätigung des
Reichsdeputations - Hauptschlusses zugefügt hatte, mediatisierte
Baiern am 9. Oktober 1803 die in seinen Ländern wohnenden Reichs-
ntter, und alle Reichsstände, die in gleicher Lage waren, folgten
dem Beispiel. Sachsen mifsbilligte den groben Rechtsbruch, stimmte
aber trotzdem zu, als Preufsen vorschlug, die Sache dem Reichstag
zur Entscheidung zu unterbreiten. Da wurde es durch kaiserliches
Konservatorium nebst dem Erzkanzler, Österreich und Baden be-
auftragt, die Rechte der Reichsritter gegen ihre Widersacher zu
wahren, im Notfall „mit gewaft'neter Hand". Darob grofse Be-
stürzung in Dresden, die jedoch nachliefs, als sich Baiern durch ein
„Paritionsschreiben" dem Kaiser unterwarf. Obschon es den Worten
die Tat nicht folgen liefs und die meisten übrigen Stände überhaupt
nichts dergleichen taten, vielmehr die Vergewaltigung der Ritter-
schaft weiter ging und daher am 26. März 1805 der Reichshofrat
noch ein rescriptum excitatorium ergehen liefs, liefsen es die „Konser-
vatoren" bei einigen höchst schwächlichen Monitorien an die fre-
velnden Reichsstände, die weder sie selbst noch die Betroffenen
ernst nahmen, bewenden ; nur von dem durch kaiserlichen Befehl
ihm übertragenen Amte förmlich zurückzutreten, wie Frankreich
April 1804 verlangt hatte, lehnte Friedrich August III. ab. Infolge
Ausbruchs des Kriegs von 1805 verlief die Rechtsaktion im Sande,
und die Reichsritterschaft als solche war verloren. — Sachsens
Politik bestimmt das Bestreben, die Reichskonstitution nicht formell
zu verletzen und doch Sachsens Interesse nicht durch Trennung von
Preufsens Politik zu schädigen, den Reichsrittern womöglich zu
nützen, aber dabei ja bei keiner Macht anzustofsen und selbst am
liebsten ganz aus dem Spiele zu bleiben, endlich auch der Wunsch,
dafs durch den Streit nicht der Einflufs des Auslandes wieder ver-
stärkt werde. Die Art, wie es sich zwischen diesen entgegen-
gesetzten Motiven hindurchwindet, ist für seine damalige Hilflosig-
keit symptomatisch. Hierin liegt die Bedeutung der zumeist auf
Akten des Dresdener Hauptstaatsarchivs beruhenden, gut ge-
schriebenen Arbeit. Da indessen jene Einsicht sowohl an und für
sich wie speziell inbezug auf Kursachsen nicht neu ist, darf man
immerhin tragen, ob die Angelegenheit eine so eingehende mono-
graphische Behandlung verdiente.
Kiel. Fritz Friedrich.
Literatul". 149
Codex diplomaticus Lusatiae superioris II, enthaltend Urkunden
des Oberlausitzer Hussitenkrieges und der gleichzeitigen die Sechs-
lande angehenden Fehden. Im Auftrage der Oberlausitzischen
Gesellschaft der Wissenschaften gesammelt und herausgegeben von
Prof. Dr. Richard Jecht. II. Bd., umfassend die Jahre 1429— 1437 und
einen Anhang. Görlitz, H.Tzschaschel. 1900— 1904. IV, 851 SS 8'^.
Die Besprechung des I. Bandes hat Knothe in dieser Zeitschrift
(XVIII, XIX, XXI) geliefert; die des IL Bandes, der ihm selbst zu
seinem 80. Geburtstag gewidmet wurde, zu geben,' verhinderte ihn
der Tod im Februar 1903. In vier Jahresheften hat Jecht seine Auf-
gabe zu Ende geführt und darin einen neuen Beweis seines uner-
müdhchen Fleifses und zugleich seiner strengen, wissenschaftlichen
Selbstzucht gegeben, die sich nicht in Kleinigkeiten verliert, sondern
das Hauptziel, die Fertigstellung des Ganzen, im Auge behält, ohne
es dabei an Gewissenhaftigkeit im einzelnen fehlen zu lassen.
Der Hauptanteil entfällt wieder auf die Görlitzer Stadtrech-
nungen. Ihre Eigenart besteht darin, dafs sie nicht blofs die Aus-
gabe und in oft ungenügender Kürze den Zweck, sondern mit ziem-
licher Ausführlichkeit den Sachverhalt angeben, z. B. (S. i) nicht blofs
„einem boten, der die brieft'e von der Sittaw brochte", sondern dazu
„als von Fultsch wegin, ob sie der stad wolden helffen obir in,
3 gr.", also gleich ein Regest des Briefes selbst, oder „Mathis Gey-
zeler und Pauel Rinkengisser gen der Lobaw zu landen und steten
das gewerb inzubrengin, als Mathis Geyzeler und her Hannus von
Hoberg zu den fursten in die Slezie und landen und steten doselbist
zogen umb die einunge mit in obir die keczer, und von hern Dupczken
und Mikusch Panczir wegin und andir merliche gescheute, do sie
obir nacht habin must dobleibin, i mr. minus 4 gr.". Diese Zu-
sätze Hefern wertvollstes, rein geschichtliches Material, das um
so beachtenswerter ist, als durch die wöchentlichen Eintragungen
sich der Zeitpunkt der Ausgaben bez. ihres Anlasses mit ziemlicher
Bestimmtheit feststellen läfst. Den Rechnungen reihen sich in bunter
Menge Urkunden und Briefe, Berichte, Zeugen- oder Gefangenenaus-
sagen usw. an, wobei Jecht mehrfach auf den vollen Abdruck selbst
interessanter Stücke, die schon anderwärts genügend veröffentlicht
waren, verzichtet hat, um den Umfang nicht zu sehr anschwellen
zu lassen.
Natürlich liegt das Hauptgewicht auf den Hussitenkriegen der
Oberlausitz; daneben sind aber auch die Hussitenkämpfe der Meifsner,
Niederlausitzer, Schlesier u. a. mit bedacht. Wie schon der Unter-
titel andeutet, ist damit jedoch der reiche Inhalt nicht erschöpft,
sondern Jecht hat zugleich alle wichtigeren, sonstigen kriegerischen
und politischen Vorgänge in der Oberlausitz selbst oder an denen
sie beteiligt war, berücksichtigt. Eine grofse Rolle spielen da die
inneren Fehden, einerseits des Adels unter sich, wie die des Burg-
grafen Wentsch von Dohna zu Grafenstein mit Gotsche Schaff zu
Greifenstein 1429, des Ulrich von Biber stein zu Friedland mit Gotsche
Schaff 1434, des Ulrich von Biberstein mit Thimo von Kolditz, dem
Verweser der Oberlausitz, 1431 — 1433, des Ulrich von Biberstein mit
Dietrich von Klüx 1433, andererseits der Städte mit dem Adel, so
Zittaus mit Gotsche Schaff 1432, mit Ulrich von Biberstein 1433,
Bautzens mit dem Burggrafen Heinrich von Meifsen, Herrn zu Plauen,
1432, mit Gotsche Schaft' 1434, Görlitz' mit dem Burggrafen Heinrich
von Meifsen 1432, mit dem Burggrafen Wentsch von Dohna 1432,
mit Georg von Redem 1433, mit Heinrich Wildenstein 1433 u a.
10*
150
Literatur.
Wir bekommen besser, als aus allen bisherigen Quellen, ein
Bild von den unheilvollen Wirkungen, die der jahrelang fortdauernde
Zustand drohender äufserer Gefahren und innerer Unsicherheit her-
vorrief. Zur Hussitennot gesellt sich der innere Zwiespalt, Fehden
im Lande, ständige Sorge vor _,Verrätern und Brandstiftern inner-
halb der Mauern, Angst vor Überfällen auf der Landstrafse mit
Raub und Mord u. dgl. Die allerdings nicht immer ganz zuver-
lässigen, weil erprefsten Geständnisse der Gefangenen lassen einen
erschreckenden Einblick tun in die Verkommenheit besonders auch
des kleineren Landadels, von dem zahlreiche MitgUeder im Verein
mit ehrlosen Gesellen aus dem Bürger- und Bauernstande und mit
fremden Landstreichern zu jeder Nichtswürdigkeit fähig waren;
Knothe hätte hier für den Abschnitt über die sittlichen Zustände in
seiner Geschichte des Oberlausitzer Adels (S. 103 f.) eine unerschöpf-
liche Menge weiterer Belege finden können.
Die wirtschaftlichen Schäden zeigen sich in der üblen Lage
des Geldmarktes; die Zahlungen stocken, die Zinsen können nicht
bezahlt werden; so hat Görlitz selbst, obwohl die reichste und
mächtigste Stadt des Landes, wiederholt Mühe, sich der unange-
nehmen Mahnungen und, wenn es geistliche Gläubiger sind, der
drohenden geistlichen Strafen zu erwehren; Fürsten, der Kaiser selbst,
der Papst und das Basler Konzil treten zu Gunsten der Stadt ein,
damit sie Gestundung erlangt, weil ihre und ihrer Bürger Finanzen
durch die grofsen Aufwendungen gegen die Ketzer erschöpft sind
(so z.B. S. 409, 461, 463, 467, 47I) 477> 489» 493, 49^, S46f. u. a.).
Über Klemigkeiten zu mäkeln, erscheint bei einer solchen Arbeit
unangemessen; nur ein Punkt, die Wiedergabe zweifelhafter Buch-
staben der Vorlage, sei hier zur Sprache gebracht. Wenn S. 468
„senatus Strigoniensis" in der Vorlage (noch dazu einer Abschrift)
dastehen soll und darunter der Rat von Striegau zu verstehen ist,
wäre es bei der häutigen graphischen Gleichheit von u und n, die
im 14. und 15. Jahrhundert oft absolut nicht zu unterscheiden sind,
besser, in den Text das u einzusetzen, also ,,Strigoviensis" („Stri-
goniensis" bezöge sich auf Gran in Ungarn == .,Strigonium"), S. 150
(und 832) wäre ebenso, bei der Schwierigkeit der Scheidung zwischen
c und t, in den Text, da Starzeddel zu verstehen ist, „Storcadel"'
(nicht ,,Scorcadel") einzusetzen gewesen. — Unter den undatierbaren
Stücken läfst sich Nr. 10 (S. 705) auf die Zeit bis spätestens 2. De-
zember 1422 festlegen, da die drei Wettiner (von denen Wilhelm II.
am 30. März 1425 starb) sich noch blofs Landgrafen von Thüringen
und Markgrafen von Meifsen nennen, ohne den herzoglichen Titel
von Sachsen, den sie seit Januar 1423 führen; da auch der als Haupt-
mann zu Bautzen genannte Portzman von Gersdorf in diese Zeit
gehört (I, 135 wird er zum März 1423 genannt) und der Friede, der
als gebrochen bezeichnet wird, jedenfalls der vom 22. Juli 1421 ist
(s. I 55!.), so bleiben als Daten des Briefes Nr. 10 nur der 26. No-
vember 1421 oder der 2. Dezember 1422 übrig.
Das Register, das 5. Heft von 104 Seiten bildend und den
L und II. Band des Codex umfassend, mit seiner Fülle von Orts-
und Personennamen, war eine grofse und schwierige Arbeit;
E. A. Seeliger hat sie in lleiisiger und sorgsamer Weise ausgeführt.
Wenn unter den Vorbemerkungen gesagt ist, die Sechsstädte als
Ausgangspunkte und Ziele einfacher Botengänge seien nicht re-
gistriert, so erscheint dies zunächst als mangelhaft; sieht man aber
näher zu, so begreift und billigt man diese Beschränkung: umfafst
Literatur. I c; i
doch z. B. Zittau ganze zwei doppelspaltio;e Seiten lediglich voller
Zahlen fnach oberflächlicher Zählung etwa iioo Zitate!), Bautzen und
Löbau je fast i ^ , Seiten, Görlitz volle 7 Seiten.
Dieser II. Band des Urkundenbuchs ist ein Werk, für das der
Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften, dem Herausgeber
und dem Registerbearbeiter nicht nur die Geschichtsforschung der
Oberlausitz den wärmsten Dank schuldet, sondern in vollem Mafse
auch die Historiker sämtlicher vier Nachbarlande Meifsen- Sachsen,
Niederlausitz, Schlesien und Böhmen. Jechts zwei Codexbände
bringen im Bunde mit Grünhagens Geschichtsquellen der Hussiten-
kriege (Script, rer. Siles. VI), Palackys Urkundlichen Beiträgen zur
Geschichte des Hussitenkrieges und Höflers Geschichtsschreibern
der hussitischen Bewegung (wozu noch einzelnes in den Script, rer.
Lusat. und den Deutschen Reichstagsakten kommt) das überhaupt
noch vorhandene Ouellenmaterial für diese zwei Jahrzehnte in solcher
Vollständigkeit, wie es im östlichen Mitteldeutschland für keinen
andern Zeitabschnitt sonst der Fall ist Die einzige gröfsere, noch
ausstehende Bereicherung dürfte nur noch aus der Niederlausitz zu
erwarten sein, wo für diese Zeit aufser den Urkunden auch Lübbener
Stadtrechnungen vorliegen, die im Urkundenbuch der Stadt Lübben
mit herausgegeben werden sollen.
Dresden. W. Lippert.
Diploinatarinni Joachimsteineiise. Die Urkunden der zur Herrschaft
des freien weltadeligen evangelischen Fräuleinstifts Joachimstein
gehörigen Rittergüter Radmeritz, Niecha, Markersdorf, Nieder-
Linda, Tauchritz, Maltitz mit Tettichen, Küpper, sowie des Ritter-
gutes Nieder-Leuba in Regesten bearbeitet und mit einer Geschichte
der älteren Ortsherrschaften von Radmeritz und des Stiftes ein-
geleitet von Pastor Richard Döhler. Erweiterte Sonderausgabe
aus dem Neuen Lausitzischen Magazin LXXXI. Görlitz,
H. Tzschaschel. 1905. 222 SS. (i — 192, 1^2^ — ^, 193 — 217.) 8".
Mit I Abbildungstafel.
Ganz anderer Art als die oben besprochene Publikation Jechts
ist die Döhlers. Zunächst ist man bei dem Titel überrascht, dafs
ein Urkundenbuch eines Stiftes gegeben werden soll, das erst im
18. Jahrhundert gegründet worden ist. Das Bedenken wird aber bei
näherer Berücksichtigung des Inhalts beseitigt, wie ihn schon der
sehr ausführliche, etwas an die Titelungeheuer des 17. und 18. Jahr-
hunderts gemahnende Untertitel zum Ausdruck bringt. Es handelt
sich nicht um das Urkundenbuch des Fräuleinstiftes im engeren
Sinne, sondern um die LTrkundensammlun^ des Stiftsortes Radmeritz
selbst und aller zur Stiftsherrschaft gehörigen Güter, und zwar geht
Döhler hierbei bis zu den ältesten Zeiten zurück. Aus seiner früheren
Arbeit über Marienthal (Diplomatarium Vallis S. Mariae, besprochen
von Knothe in dieser Zeitschrift XXIII, 346 f.) ist schon die Sorgfalt
Vjekannt, mit der er arbeitet, wobei er sich in anerkennenswerter
Weise auch in den historischen Neben- und Hilfsdisziplinen ge-
nügend umgetan hat, um auch sie bei seinen Arbeiten mit berück-
sichtigen zu können.
Den Regesten ist eine eingehende Geschichte der Ortsherr-
schaften von Radmeritz vorausgeschickt, die aber auch das wesent-
lichste der Geschichte des Ortes selbst mit bietet, sowie seit dem
Jahre 1722 die äufsere Geschichte des Stiftes Joachimstein, das
152
Literatur.
Gründung, Dotierung und Namen dem kursächsischen Kammerherrn
Joachim Sigismund von Ziegler und Klipphausen verdankt. Den
aarstellende'n Teil schliefsen Listen der Stiftsverweser, Stiftshof-
meisterinnen und Stiftsdamen von 1728—1905. Die Regesten reichen
von 1380— 1843; sie sind so genau und ausführlich, dafs sie in der
Tat den vollen Textdruck überflüssig machen, zumal stets die Orts-
und Personennamen, der ganze Schlufsabschnitt mit den Zeugen-,
Besiegelungs- und Datierungsangaben und aufserdem auch aus dem
Texte selbst bemerkenswerte Worte oder Sätze in der originalen
Fassung gegeben sind. Ein aufserordentlicher Fleifs steckt in den
Anmerkungen, in die manchmal so viel urkundliches Material hinein-
gearbeitet ist, um einen ganzen lokalgeschichtiichen Aufsatz daraus
zu machen. Noch mehr gilt dies für die Exkurse über die einzelnen
Ortschaften, die sich zu einer in knappster Form gegebenen Zu-
sammenstellung des Quellenstoffes über den Gegenstand ausgestalten,
so für Tauchritz (S. 65^, 86f., gof., 173!), Lomnitz (78f.), Xiecha
(81 f.), Bora und Trattlau (97!), Linda (io3f.), Küpper (iiof.), .Markers-
dorf(i44f.), Maltitz mit Tettichen und Thräna (183!). Die Übersicht
der handschriftlichen Quellen zeigt, welche Fülle von Material dem
Verfasser durch die Hände gegangen ist; neben dem Stiftsarchiv
Joachimstein selbst, dem Hauptstaatsarchiv Dresden, dem Görlitzer
Ratsarchiv, der Milichschen Bibliothek, der Bibliothek und dem
Archiv der Oberlausitzischen Gesellschaft zu Görlitz sind es noch
zahlreiche Pfarr-, Gemeinde- und Gutsarchive und andere Samm-
lungen, die Ausbeute lieferten. Daran schliefst sich (wenigstens in
der Sonderausgabe, im Magazin fehlt dieser Abschnitt) die Auf-
zählung der Literatur, die mir aber einerseits etwas zu weit ge-
steckte Grenzen zu haben scheint, denn manche Schriften, die ein
einziges Mal benutzt sind, genügte es, an ihrem Orte zu zitieren,
andrerseits — falls eine vollständige Bibliographie geboten werden
sollte — teilweise zu knapp gefafst ist, da die Buchtitel oft verkürzt
werden, die Druckorte mehrfach weggelassen sind u. dergl. Das
Register der Orts- und Personennamen, das bei der Masse von
Namen keine leichte Arbeit war, hat Pastor W. Krüner in Küpper
in befriedigender Weise gefertigt.
Bekanntlich soll der Codex diplomaticus Saxoniae regiae einen
dritten Hauptteil erhalten mit der Urkundensammlung für die kleinen
Städte, die Dörfer und Geschlechter. Wann dieser Teil ins Leben
treten wird, ist unsicher; einzelne in seinen Bereich fallende Auf-
gaben sind ihm bereits abgenommen worden, so das Lehnbuch
Friedrichs des Strengen, das gut als allgemeiner Einleitungsband
dieser Serie gepafst hätte; aber auch solche sorgsame, genügend
ausführliche Zusammenstellungen des urkundlichen Materials, wie sie
für die oben genannten Orte Döhler bringt, sind recht wohl ge-
eignet, als Ersatz für die ausstehenden Dorfurkundenbücher des
dritten Hauptteils des Codex zu dienen.
Dresden. W. Lippert.
Die Bargen und vorgeschichtlichen »ohnstätten der Sächsischen
Schweiz. Im Auftrage des Gebirgsvereins für die Sächsische
Schweiz herausgegeben von Dr. Alfred Meiche. Mit 79 originalen
oder seltenen Bildern, Grundrifszeichnungen und Karten. Dresden,
Wilhelm Baensch, Verlagshandlung. 1907. XII, 350 SS. 8".
Die grofsen Verdienste, die sich der Gebirgsverein für die Säch-
sische Schweiz seit seiner Begründung im Jahre 1877 um die Er-
Literatur. 153
schliefsung seines Gebiets für die Naturfreunde von nah und fern
erworben hat, hegen vor aller Augen. Weniger bekannt ist es, dafs
er sich von vornherein auch die wissenschaftliche und namentlich
die geschichtliche Erforschung des Eibsandsteingebirges zur Aufgabe
gemacht hat. Altmeister Rüge, der als Geograph und Geschichts-
forscher gleich bedeutende einstige Leiter des Vereins, hat in den
Jahren 1882, 1885 und 1887 Jahrbücher herausgegeben, die eine Reihe
vortrefflicher Aufsätze zur Geschichte der Sächsischen Schweiz ent-
hielten. Seitdem war es nur das Organ des Vereins, die Monats-
schrift „Über Berg und Tal", die gelegentlich kleinere historische
Beiträge brachte, unter denen man neben Minderwertigem doch auch
manches recht Brauchbare findet, namentlich in den letzten Jahr-
gängen, seitdem A.Meiche die Redaktion übernommen hat. Dr.Meiche,
der derzeitige Vorsitzende des Vereins, ist es wohl auch, dem die
Anregung zum vorliegenden Werke in erster Linie zu danken ist.
In Verbindung mit einer Anzahl von Mitgliedern und Freunden des
Vereins, die teilweise längst sich als Kenner und Forscher auf diesem
Spezialgebiete bewährt haben, hat er in verhältnismäfsig kurzer Zeit
ein Werk zu stände gebracht, auf das der Verem stolz sein kann
und das auch über seine Kreise hinaus hochwillkommen zu heifsen
ist, weil es eine empfindliche Lücke unserer landesgeschichtlichen
Literatur ausfüllt oder richtiger auszufüllen anfängt: denn wir würden
uns besondes freuen, wenn das Werk der Vorläufer würde einer
Geschichte der sächsischen Burgen, die wir oft schmerzlich vermifst
haben; das unkritische Buch von C. von Metzsch kann nicht dafür
gelten! Zu einem solchen Werk müfsten sich Historiker und Archi-
tekten verbinden. In dem vorliegenden Buche steht die geschicht-
liche Forschung allerdings im Vordergrunde, und das ist begreif lieh,
da der gröfsere Teil der hier zu behandelnden Burgen nur so geringe
Reste aufzuweisen hat, dafs der Architekt nicht viel damit anfangen
kann, wenn man nicht etwa den vom Herausgeber empfohlenen kührien
Versuch wagen will, an der Hand der aufgefundenen Spuren eine
dieser zumeist wohl aus Holz ausgeführten Burgen wieder aufzu-
bauen — ein Versuch, dessen Gelingen immerhin recht zweifelhaft
ist. Wo die besprochenen Burgen heute noch stehen, bieten sie dem
Beschauer ein vom ursprünglichen so wesentlich verschiedenes Bild,
dafs es schwer ist, Rückschlüsse auf den einstigen Zustand zu machen ;
doch haben in diesen Fällen die Bearbeiter auch die Baugeschichte
behandelt, soweit es die Quellen gestatten, und zu den Ausführungen
Steches im ersten (und darum unvollkommensten) Hefte der Be-
schreibenden Darstellung der Bau- und Kunstdenkmäler Sachsens
manchen Nachtrag gebracht. Aber in erster Linie haben sie sich
doch weniger die Baugeschichte, als die eigentliche Geschichte der
Burgen und ihrer Besitzer zur Aufgabe gemacht, und diese Aufgabe
haben sie in erfreulicher Weise gelöst; vor allem ist anzuerkennen,
dafs sie sich durchweg auf den zuverlässigen Boden archivalischer
Forschung gestellt haben und nur selten ein Mifsverständnis verrät,
dafs einer oder andere auf diesem Boden sich nicht ganz sicher
fühlt. Das Werk gibt über die nächsten Zwecke hinaus die wert-
vollsten Aufschlüsse über die der Forschung noch so bedürftige Ge-
schichte unseres späteren Mittelalters. Denn wenn uns auch Ludwig
Schmidt in seinem mit erschöpfender Kenntnis der Literatur ge-
schriebenen, einleitenden Aufsatze, „Zur Geschichte der Sächsischen
Schweiz" bis ins 10. Jahrhundert führt, ja Joh. Deichmüller auf dem
Pfaftenstein eine vorgeschichtliche Anlage schildert, die noch zwti
je 4. Literatur.
Jahrtausende älter sein mag, so läfst sich die beglaubigte Geschichte
"der meisten unserer Burgen doch nicht viel über das 14. Jahrhundert
zurück verfolgen; nur wenige ältere Nachrichten haben die fleiisigen
Bearbeiter der Burg Stolpen (O. Mörtzsch), des mit dem Felskegel,
auf dem es einst stand, verschwundenen Schlosses Liebethal (Georg
Pilk), der Feste Dohna (G.Schlauch), deren Grundrifs erst neuer-
dings durch Ausgrabungen klargestellt werden konnte, beizubringen
vermocht; ob die ältesten Reste der Burg Weesenstein (V. Hantzsch)
wirklich ins 10. Jahrhundert zu setzen sind, scheint mir sehr zweifel-
haft, weil die Technik des Steinbaues in__unsern Gegenden damals
wohl noch sehr wenig entwickelt war. Über den Sonnenstein hat
0. Speck, der bewährte Kenner der Geschichte Pirnas, eine lesens-
werte Skizze geliefert, die seine Schicksale bis zu Ende des 17. Jahr-
hunderts verfolgt, während G. Pilk den Königstein nur bis zur Ver-
wandlung der "Burg in eine Festung (1589) behandelt. Mit dem
Lilienstem, den ebenfalls Pilk bearbeitet hat, beginnt die Reihe jener
Bergschlösser, deren Spuren heute mehr oder weniger verwischt
sind, so dafs, da auch die urkundlichen Quellen sehr dürftig fliefsen,
es der eingehendsten Lokalforschung bedurfte, um auch nur ihre
Namen und ihre Stätten festzustellen. Nur Lohmen (Beruh. Störzner)
und Hohnstein (Alwin Bergmann) bestehen noch heute und haben
eine bis zur Gegenwart reichende Cieschichte, und von Wehlen und
Käthen sind wenigstens einigermafsen umfangreiche Reste vorhanden;
gerade diese beiden Burgen haben in Meiche und Dr. med. Herbert
Beschorner besonders fleifsige und gewissenhafte Bearbeiter gefunden.
Einen eigenen Reiz aber bieten der Forschung jene Felsennester der
I lerrschafttn Hohnstein und Wildenstein, die fast völlig vom Erd-
boden verschwunden sind; für sie vor allen hat das vorliegende Werk
eine epochemachende Bedeutung und hier hegt das besondere Ver-
dienst des Herausgebers, der durch die bis ins Einzelne gehenden topo-
graphischen Forschungen die unzulängliche archivalische Überliefe-
rung verständUch machte und ergänzte. Er gibt uns zunächst eine
Übersicht über die sogenannten „Raubschlösser" jener Gegend, der
eine trelTliche Wegekarte und die erst neuerdings aufgefundene
(")dersche Karte der Sächsischen Schweiz beigegeben ist, und be-
handelt dann die Burgstätten um den Hohnstein (Hockstein, Warten-
berg, Mühlberg, Frindsberg, Schwarzberg =Gofsdorfer Ruine, Schön-
berg = Schandauer Schlolsberg) und die meisten der Burgstätten um
den Wildenstein (Frienslein = vorderes Raubschlofs, Reischenstein,
Falkenstein, Rabenstein = Lorenzstein, Heienberg, Ral)enberg =
Rauraberg, den aufserordentlich interessanten Anibtein, den Neid-
berg = Sebnitzer Schlofsberg). Der Wildenstein selbst, dessen alter
guter Name hoffentlich bald" den Spottnamen Kuhstall verdrängen
wird, hat Hans Beschorner zum Gegenstande einer scharfsinnigen
Untersuchuns: gemacht, während den Winterstein (hinteres Raub-
schlols) G. Pilk erschöpfend behandelt. Zahlreiche Abbildungen und
namentlich treffliche Gnmdrisse (nach Aulnahmen von R. Mittelbach)
erläutern di:se Ausführungen, die für ein bisher fast unbekanntes
Gebiet der sächsischen Lokalgeschichte zuverlässige Grundlagen ge-
währen. Olme Zweifel wird die Forschung auf diesen Grundlagen
weiter bauen und noch manches neue Ergelmis liefern; hoffentlich legt
davon bald eine zweite Auflage des Werkes Zeugnis ab. P'ür eine
solche würde sich wenigstens die Aulnahme des Kuckucksteines em-
pfehlen; Lauenstein und Bärenstein liegen schon weiter ab. Für die
wissenschaftliche Benutzung des Buches würde ferner die Beifügung
Literatur.
^55
eines Registers sehr zu wünschen sein; der Raum dafür Uefse
sich leicht gewinnen, wenn die Redaktion den bei einem Werke
so vieler Mitarbeiter unvermeidlichen Wiederholungen gegenüber
den Rotstift walten liefse. — Dem Gebirgsverein und allen, die
ihm bei der Herstellung des Werkes unterstützt haben, dem
Herausgeber und seinen Mitarbeitern, auch der Verlagshandlung,
die für trelfliche Ausstattung gesorgt hat, ihnen allen gebührt der
wärraste Dank.
Dresden. Er misch.
Gfescliichte der Leipziger Wiiikelsclinleii. Nach archivalischen
Quellen bearbeitet von C. F. Eduard Maiigner, Oberlehrer a. D.
("Schriften des Vereins für die Geschichte Leipzigs. Bd. VllL)
Leipzig, Ferdinand Hirt & Sohn. 1906. VIII, 232 SS. 8".
Durch die Veröft'entlichung des vorliegenden, von der Verlags-
handlung gut ausgestatteten Bandes hat sich der Verein für die
Geschichte Leipzigs ein Verdienst erworben. Von dem sachkundigen
Verfasser wird hier eine Fülle neuen Stoffes dargeboten, dessen
wissenschaftliche Verarbeitung sich nach den verschiedensten Seiten
fruchtbar erweisen wird. Denn das Buch bietet Adel mehr, als der
Titel in Aussicht stellt. Die Kulturgeschichte ist reich vertreten.
Von jeher hat der verbummelte Studio, der es zu keinem Examen
bringt, das Interesse erregt. Hier wird sein Bild in einer Menge
von Figuren gezeichnet. Bei Johann Heinrich Sicul fragt man sich,
in welchem Verhältnisse er zu dem bekannten Herausgeber des
Leipziger Adrefskalenders bez. Adrefsbuches mit der Chronik steht.
Aber viel wichtiger sind die Nachrichten, die über das Volksschul-
wesen im weitesten Sinne geboten werden. Auf Grund urafänghcher
Studien im Leipziger Ratsarchive und Dresdner Hauptstaatsarchive
werden die verschiedensten Seiten beleuchtet, vor allem die Methode
z. B. im iS. Jahrhundert. Peter von Hohenthal in seiner Bedeutung
für die Hebung des Unterrichts tritt auch hier hervor. Seine Günst-
linge zeichnen sich durch die „neue Methode" aus und führen andere
in sie ein. Religionsunterricht spielt die Hauptrolle, aber auch andere
Fächer treten deuthch heraus. Für den Rechenunterricht ergeben
sich eine Menge kleiner Züge. Im 16. Jahrhundert hätte hier noch
Isaac Ries, Sohn des Adam Ries, genannt werden können, der er-
zählt, er habe sich „bei gemeiner Stadt etliche Jahr aufgehalten und
die Jugend in Rechnen und Schreiben, soviel mir Gott Gnade ver-
liehen, getreulich unterwiesen und exerzieret". Er berichtet dies
in der Widmung seines Buches an den Leipziger Rat. Die Leipziger
Stadtbibliothek hat es vor kurzem erworben. Der Titel lautet: Ein
newes Nutzbar gerechnetes Rechenbuch auf allerlei Handtierung,
nach dem Centner und Pfundt gewicht, alda der Centner für
110 Pfundt gewürdiget, darinnen die Bezahlung in Einkauffen und
Verkauffen, ohne sondere weitläuftige Rechnung gar behend zu
linden: auch von allerlei Mafs, Ellen und Gewichtverkauff. Sampt
mehr angehängten Tafeln auf die materialische Spezerei, neben Ver-
gfleichung etlicher Müntz und Gewicht gerichtet. Desgleichen eine
Wechselrechnung auf Müntz und Geldt etc. . Allen Kaufleuten,
Händlern, Apoteckern, Schossern etc. und dem gemeinen Manne
sehr dienstlich zu gebrauchen. Alles mit Fleils auf die Meifsnische
Müntz und Währung gestellet und gerechnet durch Isaac Riesen,
Bürger und Visierer zu Leipzig, vormals dergestalt in Druck nie
1
r6 Literatur.
ausgegan2;en. Mit Churfürstlich Sächsischer Begnadung; und Freiheit
in zehen Jahren nicht nachzudrucken. Anno 1580. Quart. 364 SS.
— Von besonderem Interesse sind die Stunden- und Lehrpläne, z. B.
S. 144 — 150, 182 — 185 und sonst, die Notizen über die gebrauchten
Schulbücher, die Angaben über die Häuser und Strafsen, in denen
Schule gehalten wurde; die Mädchenschulen sind mit vielen Notizen
erwähnt, dabei auch Namen der Lehrerinnen und Berichte über die
weiblichen Handarbeiten. Als erste urkundlich festgestellte Lehrerin
Leipzigs tritt im Jahre 1592 Lucia Mihrmin auf, die „nur ettliche
Jahr" Schule gehalten hat, vorher aber „be}- Churfürst Moritzen
hochlöblichen Ehegemahll, beider christlichen Gedechtnufs, bis an
L Churf. g. seliges absterben gedienet und aufgewartet". Dergleichen
Miniaturbilder linden sich häufig. Auf die Soldatenschulen sei noch
besonders hingewiesen.
Leipzig. Georg Müller.
Das Dresduer Yolksschubvesen im 18. Jahrhundert. Nach den
Quellen des Dresdner Ratsarchives bearbeitet von Paul Schulze,
Schuldirektor in Dresden. Dresden, O. & R. Becker. 1906. VIU,
91 SS. 8«.
Verfasser hatte bereits in der Festgabe für Franz Wilhelm
Kockel Löschers Verdienste um das Dresdner Volksschulwesen be-
handelt (vgl. XXn, 210 dieser Zeitschrift). Im vorliegenden
Hefte bietet er weitere Beiträge in einem erweiterten Vortrage, den
er im Verein für Geschichte Dresdens gehalten hat. Wertvolle Mit-
teilungen macht er über die äufsere und innere Organisation der
Armenschulen, sowie über die sonstigen Ansätze zu Volksschulen,
die von der Stadt, der Polizei, der Garnison und einzelnen Privat-
personen ausgehen: Ehrlichs Stiftung, die im 19. Jahrhundert einen
nie geahnten Aufschwung genommen hat, sei besonders erwähnt.
Eine Reihe kleiner Züge sind bemerkenswert, so die Ausführung
über den schroffen Gegensatz, der zwischen den gesetzlichen Be-
stimmungen und der Wirklichkeit bestand. Die Aufsicht z. B. war
genau vorgeschrieben, aber immer von neuem ertönen die Klagen
über die Vernachlässigung dieser Bestimmungen. So hebt Superinten-
dent D, Tittmann noch 1820 hervor, dafs es mehr als je notwendig
erscheine, die Privatschulen, Erziehungsanstalten und Armenschulen
unter besondere Aufsicht zu stellen. Auch für die finanzielle Seite
bringt Verfasser genaue Angaben: für die Löschersche Armenschule
zahlte Reichsgraf Generalfeldmarschall Flemming 200, General-
leutnant Graf von Wackerbarth 200 Gulden, Geheimer Kämmerer
Steinhäuser 100 Tlr. u. a. m. Von den 10 Beilagen sei auf den Stun-
denplan des Informators Johann Jakob Geilsler aus dem Jahre 181 1
aufmerksam gemacht.
Leipzig. Georg Müller.
Literatur. i^y
Übersicht
über neuerdings erschienene Schriften und Aufsätze
zur sächsischen Geschichte und Altertumskunde').
Von Viktor Hantzsch.
B., A. Der protestantische Kirchenbau in Sachsen im 1 8. Jahrhundert:
Dresdner Anzeiger. 1906. Nr. 241. S. 2 — 4; Nr. 243. S. zi.
Bail, Arthur. Vom Rugegerichte. Zur Geschichte einer kleinen
Stadt (Penig) im 16. Jahrhundert: Unsere Heimat VI (1906), i8f.
Btam , Jacob N. Die ersten deutschen Übersetzungen englischer
Lustspiele im 18. Jahrhundert. (Theatergeschichtliche Forschungen.
Herausgegeben von Berthold Litzmann. XX.) Hamburg und
Leipzig, Leopold Vofs. 1906. X, 96 SS. 8°. (S. 15 — 24: Die Leip-
ziger Gruppe; S. 41 — 53: Die Dresdener Gruppe.)
Jknndorf, Faul. Der alte Leipziger Johannis -Friedhof: Leipziger
Kalender IV (1907), 149 — 162.
„ Volkstümlicher Humor und andere Redensarten. Leipzig und
Umgegend (sächsisches Niederland): Mitteilungen des Vereins
f. Sachs. Volkskunde IV (1906), 143 f.
Berbig, Georg. Spalatin und sein Verhältnis zu Martin Luther auf
Grund ihres Briefwechsels bis zum Jahre 1525. (Quellen und Dar-
stellungen aus der Geschichte des Reformationsjahrhunderts.
Herausgegeben von Georg Berbig. Heft i.) Halle, C. Nietsch-
mann. 1906. VI, 316 SS. 8*^.
„ Die erste kursäclisische Visitation im Ortsland Franken. I.: Archiv
für Reformationsgeschichte III (1906), 336 — 402.
Beschorner, Hans. IJntergegangene Dörfer in Dresdens L'mgebung :
Dresdner Anzeiger. 1906. Nr. 349. S. 7.
„ V. Flurnamenbericht: Mitteilungen des Vereins f. sächs. Volks-
kunde IV (1906), 95 — 97.
Beschorner, Herbert. Bericht über die Ausgrabung der Cisterne auf
dem Neurathen: Über Berg und Thal XXIX (1906), 80—82. Mit
1 Grundrifs.
Bdtelheim, Anton. Eine Charakteristik [Gustav] Kühnes von Berthold
Auerbach: Die Nation XXIV (1906/07). Nr. 17.
BfcutelJ, GfeorgJ. Stadtmuseum und Stadtgeschichte: Dresdner
Anzeiger. 1906. Nr. 304. S. li.
Blanclcmeister (Franz). Alte Leute im Erzgebirge: Kalender für
das Erzgebirge und Vogtland. 1907. S. 45f.
„ Schneeberger Vogelschiefsen in alter Zeit: ebenda S. 46—48.
Bleibtreu, KarJ. Die Völkerschlacht bei Leipzig. Ein Gedenkbuch
zu den Jahrestagen der Völkerschlacht bei Leipzig vom 16. bis
18. Oktober 1813. 4. völlig umgearbeitete und vermehrte Auflage,
Leipzig, Theod. Thomas. 1907. 287 SS. 8".
M Vgl. die Übersicht über neuere Erscheinungen zur Geschichte
der Oberlausitz von R. Je cht im Neuen Lausitzischen Magazin
LXXXII (1906), 272 — 280 und der Niederlausitz (auf 1905) in den
Niederlausitzer Mitteilungen IX (1906), 446—454.
i::8 Lit.ratur.
Bhim, Hans. Die Deutsche Revolution 1848—1849. Mit 256 authen-
tischen Faksimilebeilagen, Karikaturen, Porträts und Illustrationen.
Jena, Eugen Diederichs. 1906. XIV, 488 SS. S« (S. ijöff.: Die
"Märzbewegung im Königreich Sachsen; S. 393 ft'.: Der Maiaufstand
in Dresden.)
ß(<nhoff. Sächsische Stifter und Ordensniederlassungen einst und
jetzt. Eine geographisch -historische Übersicht: Sächsisches
Kirchen- und Schulblatt. 1907. Sp. 22 — 26. 38 — 41. 56 — 58. 87 — 91.
(Forts, folgt.)
„ Die Ephorie Annaberg. Eine kurze Betrachtung ihres Werde-
ganges: Annaberger Wochenblatt. 1906. Nr. 253. 256. 259.
V. Böse, Ernst. Die Entwicklung des Wappens der v. Böse: Der
Deutsche Herold XXXVI (1905), 6—9. Mit 10 Abb.
Briiclcner, Edmund. Die Glocken der Oberlausitz: Neues Lausitzisches
Magazin LXXXII (1906), i — 222.
V. Brunn, Kunz, gen. v. Kauffungen. Einige Bemerkungen über den
Zusammenhang der Familien v. Konow, v. Brunn u. v. Kauffungen:
Der Deutsche Herold XXXVI (1905), 135!
Busch, W. Karl Peter Wilhelm Maurenbrecher: Allgemeine Deutsche
Biographie LH (1906), 244—248.
BuscJiick, B., und Hermann Ulbricht. Die Leipziger Tieflandsbucht.
Mit 13 Abb., 2 Karten im Text, 3 Figuren, einer topographischen
und einer orohydrographischen Karte. (Landschaftsbilder aus
dem Königreiche Sachsen. Unter Mitwirkung bewährter Fach-
leute herausgegeben von Em"'l Schöne."! Meifsen, H.W. Schlimpert.
1906. 93 (3) SS. 8 0.
Chmen, Otto. Die Einführung der Anatomie an der Leipziger Uni-
versität i. J. 1519: Wissenschaftliche Beilage der Lpz. Ztg. 1906.
Nr. 100.
„ Johann v. Staupitz: Realencj'klopädie für protestantische Theologie
und Kirche •= XVIII (1906), 781 — 786.
Colditz, Hugo. Aus der Geschichte Schönburgs. Lichtenstein, Selbst-
verlag, Druck von Otto Koch. (1907.) 80 SS. 8''.
Consentius, Ernst. Christlob M3lius : Allgemeine Deutsche Biographie
LH (1906), 545—558.
Bähritz, WuUer. Die Staatsschulden Sachsens in der Zeit von 1763
bis 1837. (Leipziger Diss.) Leipzig, Teubner. 1906. 157 SS. 8".
JJeichmüUcr. Ein neuer vorgeschichtlicher Fund auf dem Pfaffen-
stein: Über Berg und Thal XXIX (1906), 82!".
Bibtlius, Franz. Nicolaus Seinecker: Realenc^-klopädie für protestan-
tische Theologie und Kirche- XVIII (1906), 184—191.
1) Hielt, Wilhelm. Federzeichnungen kursächsischer und meifsnischer
Or;schaften aus den Jahren 1626 — 1629. Herausgegeben von
Paul Emil Richter und Christian Krollmann. I-III. Dresden,
C. C. Meinhold & Söhne. 1907. 27 SS. Text und 48, 55 und 39 Taft.
(ju.-8'>.
JJiUner, Konrad. Weitere Beiträge zur Heimatskunde Pegaus.
Herausgegeben vom Vorstand des Museums zu Pegau. Nr. X
bis XI: Zur Geschichte der geistlichen Gebäude in Pegau. (Mit
I Abb.) — Zur Geschichte der Familien Dürr und (jleser in
Pegau. — Eine Pegauer Erinnerung an Gustav Adolf. (Mit
I Abb.j Pegau, Druck von Hermann Günther. 1906. 16, 16 SS. 8".
JJithnann, Charlotte. Malerische Ruinen des Sachsenlandes: Unsere
Heimat VI (1906), 16 f., 28—31.
Literatur.
159
Döring, Oskar. Meisterwerke der Kunst aus Sachsen und Thüringen.
Gemälde, Skulpturen, Schnitzaltäre, Medaillen, Buchmalereien,
Webereien, Stickereien, Goldschmiedekunst. Herausgegeben von
Oskar Doering und Georg Vofs unter ]\Iitwirkung hervorragender
Fachgelehrten. Redaktion: Oskar Doering. (Neue Ausgabe.)
Magdeburg, E. Baensch jun. 1906. 118 SS. Text und 128 Taff. fol.
(Ebert.) Chronik der Privil. Schützengilde zu Wehlen a. d. Elbe.
Pirna, Druck von K. P.Simon. 1906. 31 SS. 8^
Ehses, Stephan. Kardinal Lorenzo Campegio auf dem Reichstage
von Augsburg 1530: Römische Ouartalschrift XX (1906), 54—80.
Erinisch, Hubert. Aus den Jugendjahren des Dresdner Musikdirektors
August Röckel: Deutsche Rundschau XXXIII (1906/07), 229—249.
Estreicher, Karl. Bibliografia Polska. Tom XXI. Stölecie XV— XVIII.
W ukladzie abecadlowym. (A. u. d. T.: Polnische Bibliographie.
III. Abteilung. Bd. X. "Jahrhundert XV. bis XVIII. Alphabetisch
geordnet. Der ganzen Sammlung Band XXL) Krakow, czcionkami
drukarni Uniwersytetu Jagiellonskiego. 1906. IX, 550, IX SS. 8*'.
Etlig, Franz Otto. Heimatkunde von Dresden. Dresden, Holze &
Pahl. 1907. IV, 54 SS. Mit I Plan. 8».
Feyerabend, L. Ein Einzelfund aus dem Grenzgebiet der Oberlausitz:
Jahreshefte der Gesellschaft für Anthropologie und Urgeschichte
der Oberlausitz II, \ (1906), 371
„ Die bemalten Tongefäfse der Oberlausitz und ihre Beziehungen
zum Süden: ebenda 38 — 55.
„ Die Gesellschaft für Anthropologie und Urgeschichte der Ober-
lausitz: ebenda II, 2 (1906), 83—86.
Fischer, Franz Louis. Arbeiterschicksale von F. L. Fischer, früherer
Berirarbeiter in Zwickau i. S. Berlin-Schöneberj?, Buchverlag der
„Hilfe". 1906. (IV), 141 SS. Mit i Bildnis. 8".^
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Neue Vogtländische Zeitung. 1906. Nr. 245.
Flemming, Paul. Die erste Visitation im Hochstift Merseburg (1544 bis
451: Zeitschrift des Vereins für Kirchengeschichte im Hochstift
Merseburg III (1906), 145 — 210.
Förstemann, Ernst Wilhelm. Bibliographie der Familie Förstemann.
Leipzig, Otto Harrassowitz. 1906. IV, 49 SS. 8".
Fränhel, Ludwig. Johannes Minckwitz: Allgemeine Deutsche Bio-
graphie LH (1906), 411— 416.
Freisen, Jose})!'. Der katholische und protestantische Pfarrzwang und
seine Aufhebung in Österreich und den deutschen Bundesstaaten.
Ein Beitrag zur Rechtsgeschichte der Toleranz. Mit Abilruck
der Staatskirch enrechtlichen Erlasse. Paderborn, Ferdinand
Schöningh 1906. XII, 195 SS. 8". (S.44lf.: Das Königreich Sachsen.)
FrcnztJ, J. Steinzeitgefäfse in Burk und andern Orten in der Um-
gebung von Bautzen: Jahreshefte der Gesellschaft für Anthro-
pologie und Urgeschichte der Oberlausitz II, 2 (1906», 87 f.
Freyer. Die rechtliche Stellung der sogenannten evangelischen Dom-
kapitel Brandenburg, Naumburg, Zeitz, Merseburg: Archiv für
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Auerbach i. V. X (1906;. Nr. 29 — 31.
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„ Mitteilungen über den früheren Bergbau bei Auerbach. Berg-
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i6o Literatur.
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Der Herbstfeldzug 1813. Mit i Skizze im Text und 6 Skizzen als
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Geili. Steinzeitgefäfse in Burk und andern Orten in der Umgebung
von Bautzen: Jahreshefte der Gesellschaft für Anthropologie und
Urgeschichte der Oberlausitz II, i (1906), i — 9.
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Mit 4 Abb. Leipzig, J. C. Hinrichs. 1905. (II), 252 SS. 8<». (S. 228
bis 251: Leipzig um das Jahr 1835.)
Georgi, Otto. Der sächsische Entwurf eines Wassergesetzes. Ein
Beitrag zu seiner Beurteilung. Leipzig, Duncker & Humblot.
1907. (II), 142 SS. 8«.
Gerhardt, L. Die erste Jahresfeier der Völkerschlacht: Der Leipziger.
1906. Nr. 4. S. 3—6. Mit 2 Abb.
Germanicus. Pohtische Briefe aus Sachsen, i — 4: Die Grenzboten
LXVI (1907). Nr. 2. 4.
Goehel. Zwei Ritter der Ehrenlegion. [Major Probsthayn und Haupt-
mann Bernhardt.] Ein Beitrag zur Geschichte der Reitenden
Abteilung i. Königl. Sachs. Feldartillerie-Regiments Nr. 12. Rade-
berg, Theodor Pfeil. 1906. IS SS. Mit 3Taff. 8».
Götze, Alfred. Von der rechten Erhebung Bennonis ein Sendbrief
(1524). Herausgegeben von A. G.: Flugschriften aus den ersten
Jahren der Reformation. Halle, Rudolf Haupt. 1906. Bd. I. Hefts.
S. i8s— 209.
Grisehach, August. Das deutsche Rathaus der Renaissance. Berlin,
Edmund Meyer. 1907. XII, 212 SS. Mit Abb. 8^. (S. 8s ff.: Ober-
sachsen.)
Groll, E. Das Kurfürstlich Sächsische Infanterie -Regiment „Prinz
Maximilian", Stammregiment Nr. 10s, in der Schlacht bei Jena:
Der Kamerad XLIV (1906). Nr. 39. S. 2 f.
GrIiUidt, Max. Rede zur Feier des 7sjährigen Bestehens der Anstalt
am I.November 1900: Bericht des Freiherrlich v. Fletcherschen
Seminars zu Dresden -Neustadt über die Zeit von Ostern 1898
bis 1906. S. 57 — 87.
Grünberg, Paul. Philipp Jakob Spener. Band III: Spener im Urteil
der Nachwelt und seine Einwirkung auf die Folgezeit. — Spener-
Bibliographie. — Nachträge und Register. Göttingen, Vanden-
hoeck & Ruprecht. 1906. VIII, 447 SS. 8".
(Grüner, 0.) Dresdens neueste protestantische Kirchen. Den Besuchern
des II. Tags für protestantischen Kirchenbau im September 1906
gewidmet vom Ausschuis für Führungen. Dresden, Gerhard
Kühtmann. 1906. 16 SS. Mit Abb. 8".
Gidulel, Alexander. Die Gebildbrote der Weihnachtszeit im König-
reich Sachsen: Wissenschaftliche Beilage der Lpz. Ztg. 1906.
Nr. loi.
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(Haarhaus, Julius li.) C. F. Amelangs Verlag Leipzig 1806 — 1906.
Ein Krinnerungsblatt für unsere 1^'reunde. (Leipzig, C. F. Amelang.
1906.) 48 SS. Mit Bildnissen. 8».
Mach, Arno. Künstlerische Grabdenkmäler (in Leipzig): Der Leip-
ziger. 1906. Nr. 10. S. 3—5. Mit Abb.
Literatur. 1 6 1
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schreiber Grimmas): Allgemeine Deutsche Biographie LH (1906),
78 — 80.
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„ Andreas Möller, Freiberger Chronist: ebenda 440—443.
„ Giovanni Maria Nosseni: ebenda 659 — 663.
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gegend betroffen (Forts.): Kirchliche Nachrichten für 1906 aus
der Parochie Neustadt i. S. 14. Bericht. S. 22 — 41.
Hüntzschel , G. E. Der Kalenderhandel in Sachsen: Jahrbuch für
Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen
Reich XXX (1906). Heft 4.
llarig. Die Industriestadt Meerane i. S. in Wort und Bild. Chemnitz,
A.Jülich. 1906. 92 SS. 8".
„ Schlofs vmd Stadt Augustusburg. Mit 12 Jllustrationen. 2. über-
arbeitete, verbesserte und erweiterte Auflage. Augustusburg,
Paul Neubert. (1907.) 24 SS. 8°.
IlartmaiuifJ. Theodor Körner und Wilhelm Faber du Faur: Euphorion
XIII (1906), Heft 3.
Härtung, Heinrich. Denkschrift zur Feier des hundertjährigen Be-
stehens des Königlichen Steinkohlen werks Zauckerode. Mit 2 Tafl.
und 1 Grubenrifsskizze: Jahrbuch für das Berg- und Hüttenwesen
im Königreiche Sachsen. Jahrgang 1906. S. A3— A128.
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Quelle & Meyer. 1906. IX, loi SS. 8».
Ih'iimann, M. Zur Literatur des Krieges 1866: Beilage zur Allgemeinen
Zeitung. 1907. Nr. 10.
Hdhig. Die Steinkreuze im Königreiche Sachsen als Grenzzeichen :
Mitteilungen des Vereins f. sächs. Volkskunde IV (1906), 120 bis
131. Mit Abb.
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Rudolf Kell. 1906. 55 SS. 8».
(Herrmann, B..) Ein sächsisches Seminar vor 40 und mehr Jahren.
Von einem seiner alten Schüler: Sächsische Schulzeitung. 1906.
S. 629 — 631. 656f. 672f. 689 — 691. 703 — 705. 719 — 721.
Ilerschel. Wolfsdenkmäler in der Umgebung Dresdens: Über Berg
und Thal XXX (1907), 122 f. Mit 3 Abb.
Ifeubner, Faul. Leipziger Einkommensverhältnisse: Leipziger Ka-
lender IV (1907), 179—192.
Hiecke, Johannes. Statuten und Gesetze der Lausitzer Prediger-
Gesellschaft von 1791 — 1806. Aus den Urkunden des Gesellschafts-
archivs zusammengestellt und herausgegeben: Jahresbericht der
Lausitzer Prediger -Gesellschaft zu Leipzig XXXI (1906), 1 — 18.
Ililliger, Benno. Gottsched: Leipziger Kalender lY (1907), 59—64.
Hirsch, Ferdinand. Urkunden und Aktenstücke zur Geschichte des
Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg. 19. Band: Poli-
tische Verhandlungen, 12. Band. Berlin, Georg Reimer. 1906.
VII, 907 SS. 8°. (S. 834—856: Verhandlungen mit Kursachsen.)
Höfer. Das Kgl. Lehrerinnen - Seminar zu Callnberg. Festschrift zur
Feier des 50jährigen Bestehens der Anstalt. Lichtenstein, Druck
von Otto Koch & Wilhelm Pester. 1906. 88 SS. Mit 3 Taif. 8".
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Reiche: Der Kamerad XLIV (1906). Nr. 41. S. lyf.
Holstein, Paul. Vom alten Matthäikirchhof (in Leipzig): Leipziger
Kalender IV (1907), 257—262.
Holz, Georg. Die Franzosenzeit in Sachsen und Leipzig. IL 1 807 :
ebenda 35—43.
Houigsheim, Paul. Der ,,limes Sorabicus": Zeitschrift des Vereins
für Thüringische Geschichte und Altertumskunde XXIV = N. F.
XVI (1906), 303 — 322.
Hopf, Wilhelm. Die deutsche Krisis des Jahres 1866 mit einem
Anhang: Die sogenannte Braunschweigische Frage, vorgeführt
in Aktenstücken, Aufzeichnungen und quellenmälsigen Darstel-
lungen. 3., durchgesehene und vermehrte Auflage. Hannover,
Heinr. Feesche. 1906. XXII, 616 SS. 80.
Houben, H. H. Gustav Kühne. Zu seinem hundertsten Geburtstage:
Wissenschaftliche Beilage der Lpz. Ztg. 1906. Nr. loi: Dresdner
Anzeiger. 1906. Nr. 356. S. 3!
Iliihle, Emil. Heinrich von Treit<chke und sein Geburtshaus. Dresden,
Druck von R. Lincke (1906.) 32 SS. Mit 2 Abb. 8".
Hammel. Das Leipziger Volksschulwesen älterer Zeit im Urteile
auswärtiger Schulmänner: Leipziger Lehrerzeitung XIII (1906),
745-
Hiittig. Die Orts- und Flurnamen der Amtshauptmannschaft Grofsen-
hain als Quelle für den heimatlichen Geschichtsunterricht.
Grofsenhain7 Herrraann Starke (C. Plasnick. 1906.) 40 SS. 8**.
Hug-sJcens, Ä. Des Antonius Corvinus Schrift an den sächsischen
Adel: Zeitschrift des Vereins für hess. Gesch. und Landeskunde
N. F. XXIX (1905), 259—261.
Jacobs, Ed. Hieronymus Nopp (Rektor in Schneeberg): Allgemeine
Deutsche Biographie LII (1906), 647 — 652.
.Jalcohi, H. Zum 14. Oktober: Unsere Heimat VI (1906), 5 — 11.
Jecfit, Richard. Codex diplomaticus Lusatiae superioris III, enthaltend
die ältesten Görlitzer Ratsrechnungen bis 1419- Im Auftrage der
Oberlausitzischen Gesellschaft der "Wissenschalten herausgegeben.
2. Heft, umfassend die Jahre 1391 bis 1399. Görlitz, H.Tzschaschel
in Komm. 1906. S. 185—328. 8°.
Jentsch, J. A. Der Name Pirna: Über Berg und Thal XXX (1907),
117 — 119.
John, Ernst. Aberglaube, Sitte und Brauch im sächsischen Erz-
gebirge (Forts.): Mitteilungen des Vereins für sächs. Volkskunde IV
(1906), 103 — 116. 131 — 139. (Forts, folgt.)
Jung, J. Anton Springer: Deutsche Arbeit VI (1906/07). Heft i.
S. 6— II.
K. Ein Gespensterspuk in der Superintendentur zu Glauchau im
Jahre 1675: Schüaburgischer Hauskalender auf das Jahr 1907.
S. 33—36.
Kalkoff, Paul. Ablafs und Reliquienverehrung an der Schlofskirche
zu Wittenberg unter Friedrich dem Weisen. Gotha, Friedrich
Andreas Perthes. 1907. (II), 116 SS. 8".
„ Der Briefwechsel zwischen dem Kurfürsten Friedrich und Cajetän:
Zeitschrift für Kirchengeschichte XXVIl U9o6), 323—332.
Kutvimel, Otto. Vor 40 Jahren. Erinnerungen. Leipzig, V. W.
Grunow. 1906. 44 SS. 8". Auch in: Die Grenzboten LXV (1906).
Heft 45 f. 48. 50.
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Königreich Sachsen: Fischers Zeitschrift für Praxis und Gesetz-
gebung der Verwaltung XXXI (1906), 273 — 311.
Karrig, 0. Das Sachsen-Grab bei Zwätzen: Der Patriot XII (1906).
Nr. 10.
Kmoerau, G. Johann Spangenberg: Realencyklopädie für protestan-
tische Theologie und Kirche*' XVIII (1906), 563—567.
., C3Tiacus Spangenberg: ebenda 567 — 572.
KicUnnd, Alexander L. Die Schlacht bei Leipzig: Leipziger Ka-
lender IV (1907), 119 — 130.
Klotz, E. Das fragwürdige Todtenbein von Leipzig. (Satire auf
die tieftraurige Historie vom Leben, Sterben und der Ausgrabung
der Gebeine Johann Sebastian Bachs.) Herzerfrischender Bilder-
bogen als ein Denkmal für einen in Leipzig vergessen verfaulten
grofsen Künstler deutschen Geistes. Leipzig, Paul de Wit. (1906.)
20 Bll. Mit Abb. 8«.
Klötzer, Franz Ludwig. Heinrich Marschners Schul- und Chorzeit.
Einladungsschrift zu der am Freitag, den 21. Dezember in der
Aula des Johanneums stattfindenden Gedächtnisfeier. Zittau,
Druck von Richard Menzel Nachf. 1906. 15 SS. 8*'.
Kold, A. Geschichte und gegenwärtiger Stand des sächsischen Fort-
bildungsschulwesens, zugleich ein Vergleich mit dem anderer
deutscher Staaten. Ein Rückblick und ein Ausblick: Sächsische
Schulzeitung. 1906. S. 640—645. 651 — 655.
Kohut, Adolf. Neues über Christian Gottfried Körner: Monatshefte
der Coraenius-Gesellschaft XV (1906), 189 — 207.
Kölbincf, Wilhelm Imdioig. Die Geschichte der Verfassung der evan-
gelischen Brüderunität in Deutschland mit besonderer Berück-
sichtigung der kirchenrechtlichen Verhältnisse. Eine Vorlesung.
(Berichte des theologischen Seminariums der Brüdergemeine in
Gnadenfeld. Heft VII.) Leipzig, Friedrich Jansa. 1906. VIII,
102 SS. 80.
Kolde, Theodor. Johann Karl Seidemann: Realencyklopädie für pro-
testantische Theologie und Kirche^ XVIII (1906), 154—157.
„ Georg Spalatin: ebenda 547 — 553.
(Krauß, F.) Führer für Taucha und Umgegend. Herausgegeben
vom Hausbesitzer -Verein zu Taucha. Taucha, Emil Porzig in
Komm. (1906.) IV, 54 SS. Mit i Karte, i Plan und vielen Abb.
8^. (S. I — 15: Arthur Roisberg, Aus Taucha's Vergangenheit.)
Krebs, Kurt. Vor 100 Jahren. Aufsätze und Urkunden zur Ge-
schichte der Kriegsjahre 1806 bis 1815. (Mit 3 Bildern.) Leipzig,
G. Kürsten. (1906.) XII, 243 SS. 8».
Kretzschmar. Das sächsische bergrechtliche Kohlenabbaurecht
(Kohlenbergbaurecht) und die nichtbergrechtlichen Abbaurechte :
Sächsisches Archiv für Rechtspflege I (1906), 409—414.
Krieg, Thilo. General Hermann v. Gersdorff. Ein Lebens- und Cha-
rakterbild. Mit einem Bildnis in Lichtdruck. Berlin, Ernst
Siegfried Mittler & Sohn. 1907. VH, 128 SS. 8".
Krohn, Bichard. Schenau's Leben und Wirken. Der Gemeinde Grofs-
schönau erzählt. Grofsschönau, Druck von Hermann Engelhardt.
1906. 52 SS. 8«.
„ Elias Zeifsig, genannt Schenau (Maler aus Grofsschönau): Gebirgs-
freund XVIII (1906), 180—186.
Kroker, Ernst. Reliquien Luthers und seiner Frau in Leipzig: Leipziger
Kalender IV (1907), 197 — 218.
Neues Archiv f. S. G. u. A. XXVIII. 1.2. II
\^A Literatüf.
Kynaat, Bichard. Von der Gänsefeder zur Schreibmaschine. 1S56.
1. November 1906. Festschrift zur Feier des fünfzigjährigen Be-
stehens der Firma Eduard Beyer in Chemnitz, Chemische Fabrik
für Tinten, Klebstoffe, Hektographenartikel und Schreibmaschinen-
Bänder. (Chemnitz 1906.) 47 SS. Mit Taff. und Abb. 4''.
Lampel, Joseph. Die drei Grafschaften der karolingischen und der
Ottonischen Ostmark. (Vorträge und Abhandlungen, herausgegeben
von der Leo -Gesellschaft. Heft 28.) Wien, Ma5^er & Co. 1906.
19 SS. 8».
Larraß. Zur Beurteilung der Überführung Königlich sächsischer
Truppen zu den Verbündeten bei Leipzig am 18. Oktober 181 3.
Nach amtlichen und zuverlässigen Quellen bearbeitet: Militär-
Wochenblatt. 1906. Nr. 10. S. 385 — 406.
Laube, Heinrich. Theaterkritiken und dramaturgische Aufsätze. Ge-
sammelt, ausgewählt und mit Einleitung und Anmerkungen ver-
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Hans Beschorner, Herbert Beschorner, Johannes Deichmüller,
Viktor Hantzsch, Otto Mörtzsch, Georg Pilk, Ludwig Schmidt,
Georg Schlauch, Oskar Speck, Beruh. Störzner herausgegeben. Mit
79 originalen oder seltenen Bildern, Grvmdrifszeichnungen und
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Carl Damm. 1907. XI, 436 SS. 8**.
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10 Postkarten nach eigenen Kunstphotographien in Photochemie
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Weddigen, Otto. Geschichte der Theater Deutschlands in 100 Ab-
ihandlungen dargestellt, nebst einem einleitenden Rückblick zur
Geschichte der dramatischen Dichtkunst und Schauspielkunst.
IJMit zahlreichen Illustrationen, Faksimiles und Beilagen. Berlin,
Ern.st Frensdorff. (1906). 2 Bde. XXVI, 1209 SS. Mit Taff. u. Abb.
8^. (Bd. II, S. 529 — 564: Das Königliche Hoftheater in Dresden.
5.565 — 567: Das Residenztheater in Dresden. S. 771— 792: Das
Stadttheater in Leipzig. S. 1161 — 1164: Das Stadttheater in
Zwickau.)
Weichardt, C. Gerhards Garten in Leipzig: Daheim XLIII (1906/07).
Nr. 4.
Weicher, Gotthohl. Die Haltung Kursachsens im Streite um die un-
mittelbare Reichsritterschaft in den Jahren 1803— 1806. Mit einem
Anhang: Statistische Beiträge zur Kenntnis der Reichsritterschaft.
(Bibliothek der sächsischen Geschichte und Landeskunde. Heraus-
gegeben von Gustav Buchholz. I. Bd., 2. Heft.) Leipzig, S. Hirzel.
1906. (IL, HO SS. 8».
Weinhold, E. Chemnitz und Umgebung. Geschichtliche Bilder aus
alter und neuer Zeit. Herausgegeben vom Verein für Chemnitzer
'Geschichte. Chemnitz (O. May. 1906). VI, 170 SS. Mit Abb. und
I Taf. 80.
WifdemannJ. Hausnamen [in Dresden [: Dresdner Anzeiger. Sonn-
tags-Beilage. 1907. Nr. 6.
172
Literatur.
Wilhelm, Franz. Führer durch Bautzen und seine Umgebung mit
mehreren Plänen. Bautzen, Georg Thomas. (1906.) 91 SS. 8".
„ Urnenfunde bei Cannewitz: Jahreshefte der Gesellschaft für An-
thropologie und Urgeschichte der Oberlausitz II, i (1906), 31 — 34.
(Willcens, A.). Denkschrift zur Feier des 50jährigen Bestehens der
Dresdner Steingutfabrik von Villeroy &Boch. 1856— 1906. Dresden,
Druck von Römmler & Jonas. (1906.) 24 SS. Text und 20 BU. Abb.
qu-4".
IV'ijil-hr, Georg. Unsere Alterszulagen und ihre Geschichte. Zu-
gleich ein Beitrag zur Geschichte der Lehrerbesoldungsfrage
überhaupt: Leipziger Lehrerzeitung XIII (1905/06), 723 — 726
739—743.
„ Die Anfänge der Lehrerbesoldung in Sachsen: ebenda XIV
(1906/07), 269—272. 291 — 293.
„ Die Lehrerbesoldungsfrage zur Zeit des Sturmes und Dranges:
Sächsische Schulzeitung. 1907. S. 53 — 57. 69 — 73.
Wolf, Bernhard. Skizzen von der ehemaligen Kursächsischen Armee:
Archiv für Kulturgeschichte IV (1906), 403—434. V (1907), 83 — 112.
(Schlufs folgt.)
V. Wolf, Karl. Der Feldzug in Rufsland 1812. Nach dem bisher
unveröffentlichten handschriftlichen Tagebuche Karl von Wolfs :
Unsere Heimat V (1906), 312 — 328. (Schlufs.)
Wolf, Uichard. Die Markusgemeinde zu Chemnitz in den ersten
fünfzehn Jahren ihres Bestehens. Nachrichten über ihre Begrün-
dung; und Entwicklung im Einverständnisse mit ihrem Kirchen-
vorstande zusammengestellt. Leipzig, Arwed Strauch. (1907.)
32 SS. Mit Abb. 8°.'
Woljf, Ernst. Robert Schumann. Mit 10 Vollbildern in Tonätzung
und 6 Faksimiles. (Die Musik. Sammlung illustrierter Einzel-
darstellungen. Herausgegeben von Richard Straufs. Bd. 19.)
Berlin, Bard, Marquardt & Co. (1906) 86 SS. 8».
(Wünschmann, Max.) Annaberg und Umgebung in Bildern. Anna-
berg, 1906. 60 SS. qu.-S*'.
Wnstmann, Gustav. Der Leipziger Kupferstich im 16., 17. und
18. Jahrhundert. (Neujahrsblätter der Bibliothek und des Archivs
der Stadt Leipzig. III.) Leipzig, Hirschfeld. 1907. 112 SS. Mit
I Abb. 8".
,, Leipzig einst und jetzt: Die Gartenlaube. 1906. Nr. 48.
,, Ein Enkel Johann Sebastian Bachs: Wissenschaftliche Beilage
der Lpz. Ztg. 1907. Nr. 8,
Z. Am Napoleonstein (Zum 18. Oktober): Sachsen -Post I (1906).
Nr. 3. S. 1-5.
[Frhr. v. Zedtivüz, Ä.J Die Wappen der im Königreiche Sachsen
blühenden Adelsfamilien (Nachträge): Dresdner Residenz-Kalender
auf das Jahr 1907. S. 85-88. Mit 2 Taff.
V. Zehmen, H. M. Genealogische Nachrichten über das Meifsnische
Uradelsgeschlecht von Zehmen 1206 bis 1906. Als Manuskript ge-
druckt. Dresden, Druck von Wilhelm Baensch. 1906. (Il),i65SS. 8°.
Zeltirr, Julius. Herr von Monconys in Leipzig und die Naturalien-
Kammer des Bürgermeisters C'hristian Lorenz von Adlershelm:
Leipziger Kalender IV (1907), 77 — 91.
Das Lehrerinnenseminar zu Callnberg. Ein Ge^enkblatt zur Feier
des 50jährigen Bestehens 20. Oktober 1906. Mit 3 Abb.: Unsere
Heimat VI (1906,07), 33 — 36,
Literatur. iy3
Nach fünfzig Jahren! (Geschichte der Dresdner Nachrichten):
Dresdner Nachrichten, i. Oktober 1906. Jubiläums-Beilage. S. if.
Der Kammweg im Erzgebirge: Gebirgsfreund XVIII (1906), 152!
Festschrift. Herausgegeben zur Abgeordneten- und Jahresversamm-
lung des Erzgebirgsvereins und zur Feier des 25jährigen Be-
stehens des Erzgebirgszweigvereins Wiesenthal in Oberwiesenthal
am 3., 4. und 5. Oktober 1906. Schwarzenberg , C. M. Gärtner.
(1906.) 36 SS Mit Abb. 8».
Samuel Klemms Haus in Freiberg: Klemms Archiv. Nr. 19 (1906).
S. 284—286.
Denkwürdigkeiten aus der Stadt Glashütte. Eine Festschrift zum
400jährigen Stadtjubiläum am 7. Oktober 1906. Herausgegeben
im Auftrage des .Stadtgemeinderates vom Prefsausschufs. 76 SS. S'*.
UnsereGlocken: Dresdner Anzeiger. 1906. Nr.279.S2f. Nr.28o.S.2.
Das Schillerhäuschen in Gohlis (Leipzig): Welt und Haus VI
(1906 '07). Heft 4.
50 Jahre der Dr. Güntz'schen Stiftung: Dresdner Anzeiger. 1906.
'Nr. 269. S. I.
Freilegung der Burgruine Karlsfried bei Zittau: Gebirgsfreund
XVIII (1906), 61.
Neue Sächsische Kirchengalerie. Unter Mitwirkung der säch-
sischen Geistlichen herausgegeben. Die Ephorie Auerbach, be-
arbeitet von den Geistlichen der Ephorie unter der Redaktion des
Pfarrer em. Naumann. Nebst einem Bericht über die Schulver-
hältnisse im Inspektionsbezirk Auerbach. 294 Spp. ; Die Ephorie
Borna, herausgegeben von den Geistlichen der Ephorie. VI SS.
und 1330 Spp.: Die Ephorie Marienberg, Lieferung i — 14. Sp. i
bis 336; Die Ephorie Werdau, bearbeitet von den Geistlichen der
Ephorie. 4q8 Spp. Leipzig, Arwed Strauch. (1906/07.) Mit Abb.
und Taff. 4^.
Fünf Jahre sächsischer Kirchengeschichte: Der Hausvater XVI
(1906), 294-297. [!] 30—33. 77—81. [Schlufs folgt.)
Bericht über den Zustand der evangelisch -lutherischen Landes-
kirche im Königreich Sachsen auf die Jahre 1901 bis 1905 Zu-
sammengestellt für die 8. ordentliche Landess3'node vom Evan-
gelisch-lutherischen Landeskonsistorium. Dresden, C. C. Mein-
hold & Söhne. (1906.) 185 SS. 4».
Leipziger Skizzen. Heft i: Die Leipziger Messen. Von einem alten
Leipziger. Leipzig, Teutonia -Verlag. 1907. 64 SS. 8'^.
Urteile auswärtiger Schulmänner über Leipziger Schulwesen: Leip-
ziger Lehrerzeitung XIV (1906/07), 65 f.
Das Museum für Völkerkunde zu Leipzig und sein Begründer:
Wissenschaftliche Beilage der Lpz. Ztg. 1906. Nr. 86.
Die K. S. M 1 1 i t ä r V er e i n e 45 Jahre unter dem Protektorate Sächsischer
Könige: Der Kamerad XLIV (1906). Nr. 42. S. 9! Nr. 43. S. 9f.
Mirusblatt. Nr. 10—14. Leisnig, Druck von Herrm. Ulrich (Wölb-
ung & Feiste). 1906. S. 145 — 224. 8'*.
Kriegs -Unruhen, welche die Stadt Neustadt und Umgegend be-
troifen (Forts.): KirchUche Nachrichten für 1906 aus der Parochie
Neustadt i. Sa. 14. Bericht. S. 22—41.
Karl Gottlob R ÖS sig (Professor in Leipzig 71806): Landwirtschaftlich-
Historische Blätter V (1906), 36! Mit Bildnis.
Zu Dr. Friedrich Wilhelm Schützes [Seminar-Direktors in Waiden-
burg] 100 jährigem Geburtstag: Schönburgischer H^uskalender
iauf das Jahr 1907. S. 2^ — 29.
174
Literatur.
Ein Soldaten-Frej^ -Schein aus dem Jahre 1807: Der Kamerad
XLIV (1906). Nr. 46. S. 20 f.
Album academiae Vitebergensis ab a. Ch. MDII. usque ad a. MDLX.
Ex autographo ediditCarolusEduardusFoerstemann. Vol.l. Lipsiae,
Carolus Tauchnitius. 1841. [Anastatischer Neudruck. Halle,
ijM. Niemeyer. 1906.] VIII, 373 SS. 4^
\'om Völkerschlacht-Denkmal: Unsere Heimat VI (1906), 2—4.
Mit Abb.
Wapler'sches Familienblatt. V^ereinsorgan des Waplerbundes.
Nr. 27 — 31. Leisnig, Druck von Herrm. Ulrich (WölbUng & Feiste).
1906/07. S. 417 — 496. 8^.
Auf in die sächsische Schweiz ! Auf nach Wahlen! Herausgegeben
vom Gebirgs -Verein, Sektion Wehlen. Leipzig, Druck von
Frankenstein & Wagner. (1906.) 72 SS. Mit Abb. und Karte. 8".
(S. iiff. : Geschichtliches über Wehlen.)
Aus der Stadtgeschichte von Wehlen: Über Berg und Thal XXIX
(1906), 79 f.
Pastor Weidauer f: Allgemeine Evangelisch-lutherische Kirchen-
zeitung XL (1906I, 471^474. 489—495.
Der kursächsische Oberstleutnant aus dem Winkel: Der Kamerad
XLIV (1906). Nr. 44. S. lof.
Zinnwalder Glaubenstreue: Sächsischer Gustav Adolf- Bote XVII
(1906), 29 -31.
Das grofse Fürstenschiefsen zu Zwickau im Jahre 1573: Unsere
Heimat V (1906), 301— 311. Mit Abb.
Beiträge zur sächsischen Kirchengeschichte , herausgegeben im Auf-
trage der „Gesellschaft für sächsische Kirchengeschichte" von
Franz Dibelius und Theodor Brieger. 20. Heft (Jahresheft für 1906).
Leipzig, Johann Ambrosius Barth. 1907. 259 SS. 8<*.
Inhalt: S. Ifsleib, Moritz von Sachsen als evangelischer Fürst.
1541 — 1553. — Albert Chalybäus, Sind „Alba" und Krause
durch das Leipziger Interim in Sachsen eingeführt worden? —
Otto Giemen, Ein Stammbuch aus der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts. — Derselbe, Zur Biographie Daniel Gresers.—
[ Derselbe, Aktenstücke aus dem Zwickauer Ratsarchiv. —
Theodor Distel, „Magister" Johann Gottfried ,.Lefsing'.
Blätter für die Geschichte der Sächsischen Armee. 1906, Nr. 10—12.
1907. Nr. I — 2.
Inhalt: Die Sächsische Armee vor hundert Jahren. — General
der Kavallerie Hans Gottlob von Zezschwitz, kommandierender
General der Kursächsischen Truppen im Feldzuge 1806. — Ein
tapferes Grenadier-Bataillon in der Schlacht bei Jena den 14. Ok-
tolDer 1806. — V. Schubert, Charakteristik der Kriegführung im
siebenjährigen Kriege, mit besonderer Beziehung auf den Kriegs-
schauplatz in Sachsen. — B[u]ch[e]r, H., Zur 40jährigen Er-
innerung an die Heimkehr der Sächsischen Armee aus Österreich
und die Reorganisation des Heeres. — Die Sächsische Armee
nach dem siebenjährigen Kriege. — C. v. Metzsch, Sachsen
100 Jahre Königreich. Geschichtlicher Rückblick. — E. Schurig,
Die militärischen Schicksale der Dresdner Augustusbrücke. —
Das sächsische Suhl. — Die ersten Versuche mit Hinterladern. —
Johann George Chevalier de Saxe oder Ritter in Sachsen.
Literatur.
175
Dresdner Geschichfsblätter. Herausgegeben vom Verein für Ge-
schichte Dresdens. XV. Jahrgang. 1906. Nr. 3. 4.
Inhalt: Ernst Sigismund, Dreifsig Jahre Dresdner Kunst-
ausstellungen (1801 — 30). Eine kunstgeschichtliche Studie. —
C. Krollmann, Aufzeichnungen des Burggrafen Christoph zu
Dohna über die Sehenswürdigkeiten Dresdens 1616 und 161 8. —
R. Göhler, Zur Geschichte des Maiaufstandes 1849. — Hans
Beschorner, Ergänzungen zu dem Berichte über die alte Orgel
in der Friedrichstädter Kirche.
Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins mit Bildern aus Freiher gs
Vergangenheit. Herausgegeben von Konrad Knebel. Heft 42.
Freiberg, Gerlach. 1906. III, 144 SS. Mit i Stammtafel. 8".
Inhalt: O. Hübner, Die Familie Hilliger. — Wappler, Zum
Gedächtnis des Freiberger Ehrenbürgers Geh. Rates Dr. Clemens
Winkler und seiner Ahnen. (Mit Abb.) — W. Domansky, Ein
Freiberger Kind am Ostseestrand (D.Johannes Mauki-sch 1617 bis
1669). — Wappler, Lips Tullians vereitelter Anschlag auf den
Freiberger Silberwagen. — Ein russisches Lob Freibergs. —
Nossenis Bericht über Fertigstellung der kurfürstlichen Begräbnis-
kapelle und damit zusammenhängende Anträge, namentlich auch
betr. Kurfürst Moritz' Kleidung.
Mitteilungen des Vereins für Geschichte Dresdens. Heft 20. Dresden,
Wilhelm Baensch. 1907. VI, 86 SS. 8».
Inhalt: Ernst Sigismund, Ferdinand von Rayski. Ein biogra-
phischer Versuch. Mit 8 Taft,
Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Meißen. 26. Heft
(zweites des VII. Bandes, S. 129—260). Meifsen, Louis Mosche in
Komm. 1907. 8°.
Inhalt: Schwabe, Ältere dramatische Aufführungen in Kur-
sachsen, mit besonderer Berücksichtigung von Meifsen. — Erich
Riehme, Markgraf, Burggraf und Hochstift Meifsen, ein Beitrag
zur Geschichte der Entwickelung der sächsischen Landesherr-
schaft. — Radestock, Zur Geschichte des Meifsner Wochen-
markts. — Derselbe, Ein Streit des Gastwirts zum goldenen
Löwen mit dem Rate zu Meifsen wegen Hafereinkaufs.
Nachrichten.
Die Königlich Sächsische Kommission für Grcschichte trat am
9. Februar d. J. in Leipzig zu ilirer Jahressitzung zusammen. Der
Vorsitzende, Seine Exzellenz der Kultusminister von Schlieben, er-
("iffnete die Versammlung, indem er seines durch schwere Erkrankung
zum Rücktritt veranlafsten Vorgängers, Exzellenz Dr. von Seydewitz,
gedachte, dessen Verdienste um die Begründung und die bisherige
Tätigkeit der Kommission durch seine Ernennung zu ihrem Ehren-
mitgliede anerkannt worden sind. Geh. Rat Professor Dr. Friedberg
begrüfste den derzeitigen Vorsitzenden und den mit seiner Stell-
vertretung beauftragten Geh. Rat Dr. Waentig. Durch den Tod hat
die Kommission im letzten Jahre die Mitglieder Geh. Rat Dr. Hassel,
Direktor des Hauptstaatsarchivs zu Dresden, und Professor Dr. von
Gebhardt, Direktor der Universitätsbibhothek zu Leipzig, verloren;
ausgeschieden ist ferner Professor Dr. Buchholz infolge seiner Be-
rufung an die Akademie zu Posen. Dagegen wurden Archivrat
Dr. Beschorner in Dresden, Professor Dr. Boysen, Direktor der Uni-
versitätsbibliothek, und Professor Dr. Kötzschke zu Leipzig neu zu
Mitgliedern gewählt.
Das geschäftsführende Mitglied, Geh. Hofrat Professor Dr. Lam-
precht, wies in seinem Geschäftsberichte darauf hin, dafs die Finanz-
lage der Kommission trotz der stattlichen Summe von 28000 Mark,
die ihr für 1907 zur Verfügung steht, doch nicht unbedenklich sei,
da die Zahl der Subskribenten sich fortgesetzt vermindere; es sei
wünschenswert, mehr Fühlung mit dem Lande zu gewinnen. Über
die Art, wie dies geschehen könnte, entwickelte sich eine längere
Aussprache, wobei Geh. Hofrat Professor Dr. Bücher für die perio-
dische Veröffentlichung kleiner darstellender Arbeiten, die auch für
weitere Kreise bestimmt sein sollten, eintrat. Zur Klärung dieser
Frage und zur Organisation der Werbung neuer Subskribenten wurde
ein Ausschufs gebildet.
Veröffentlicht hat die Kommission im Laufe des Jahres 1906:
R. Brück, Die Malereien in den Handschriften des Königreichs
Sachsen (Dresden, Meinhold & Söhne); V. Hantzsch, Die ältesten
gedruckten Karten der sächsisch -thüringischen Länder 1550 — 1593
(Leipzig, B. G. Teubner).
Die historisch - statistische Grundkarte für Sachsen zeigt
noch immer eine empfindliche Lücke, indem die von der
Kommission für die Provinz Sachsen und Anhalt herzustellende
Sektion 367/392 (Finsterwalde — Grofsenhain) auch im Jahre 1906
noch nicht erschienen ist. Die bisher vom Herausgeber dieser Zeit-
Nachrichten.
177
Schrift besorgte Verwaltung der Landesstelle für die Grundkarten
(Hauptstaatsarchiv) ist auf seinen Vorschlag dem Archivrat Dr. Be-
schorner übertragen worden. Die photographische Reproduktion
der Flurkarte ist nahezu vollendet; es wurde beschlossen, das
eine Exemplar der Aufnahme im Hauptstaatsarchiv aufzubewahren.
Der Flurkartenatlas (Professor Kötzschke) hat noch keine wesent-
lichen Fortschritte gemacht, während die Sammlung von Flur-
namen (Archivrat Dr. Beschorner) in erfreulicher Weise anwächst.
Die Vorarbeiten für das Historische Ortsverzeichnis, für das
Dr. A. Meiche als Mitarbeiter den Bürgerschullehrer Dr. Pilk und den
Bezirkschullehrer Mörtzsch herangezogen hat, sind fortgesetzt worden ;
die Ämter Hohnstein, Lohmen, Moritzburg, Radeberg sind fertig,
Stolpen, Pirna und Grofsenhain in Bearbeitung. Naturgemäfs wird
noch eine Reihe von Jahren vergehen, bevor mit dem Drucke des
Werkes begonnen werden kann. Auch die Publikation der
Beschreibung des Bistums Meifsen von Seminaroberlehrer
Dr. R. Becker ist noch nicht in nächster Zeit zu erwarten.
Dagegen werden demnächst erscheinen die von Hofrat P. E.
Richter in Dresden und Archivar Dr. C. Krollmann in Schlobitten
besorgte Ausgabe von Dilichs Federzeichnungen sächsischer
Städte aus den Jahren 1626— 1629 und der von W. Lippert heraus-
trfegebene Briefwechsel der Kurfürstin Maria Antonia von
Sachsen mit der Kaiserin Maria Theresia; beide Werke sind
im Druck nahezu vollendet. Auch das schon für das Vorjahr in
Aussicht gestellte erste Heft der Hauptwerke der sächsischen
Bildnerei und Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts,
herausgegeben von E. Flechsig, ist zu erwarten.
Es wird ferner voraussichtlich mit dem Druck von Merx, Akten
zur Geschichte des Bauernkrieges in Mitteldeutschland
Bd. I, und von P. Haake, Briefe König Augusts des Starken,
begonnen werden können.
Dagegen kann W. Görlitz das Manuskript des I. Bandes der
sächsischen Ständeakten erst für Ostern 1908, Ed. O. Schmidt
den Briefwechsel zwischen Graf Brühl und Karl Heinrich
von Heinecke erst für 1909 in Aussicht stellen. Über den Zeit-
punkt der Veröffentlichung mehrerer anderer Werke, wie des 2. Bands
der Akten und Briefedes Herzogs Georg (F.Gefs), des 3. Bands
der Politischen Korrespondenz des Kurfürsten Moritz
(E. Brandenburg), der Akten zur Geschichte des Heilbronner
Bundes (J. Kretzschmar) , der Geschichte der amtlichen
Statistik in Sachsen und der Geschichte des sächsischen
Steuerwesens (R. Wuttke), der Geschichte des sächsischen
Schuldenwesens (W. Däbritz), endlich der Ausgabe der so-
fenannten Instruktion eines Vorwerksverwalters des Kur-
ürsten August (R. Wuttke und Ermisch), der nur noch die Ein-
leitung fehlt, kann nichts Bestimmtes gesagt werden.
Eine besondere Gruppe bilden die Werke, die zusammen eine
Geschichte des geistigen Lebens der Stadt Leipzig bilden
und im Jahre des Leipziger Universitäts -Jubiläums 1909 fertig vor-
liegen sollen. Die Literaturgeschichte (Witkowsky) wird wohl bis
Ende 1907, die Kunstgeschichte (Kurzwelly) und die Schulgeschichte
(Kaemmelj Anfang 1908, die Musikgeschichte, von der ein Teil des
ersten Bandes von R. Wustmann bereits bearbeitet ist und die
von A. Heufs fortgesetzt wird, bis Anfang 1909 im Manuskript ab-
geschlossen vorhegen; leider hat Professor Dr. Böhmer, der die Ge-
iy8 Nachrichten.
schichte des kirchlichen Lebens zu schreiben übernommen hatte,
von dieser Arbeit zurücktreten müssen. Auch die Ausgabe des Tage-
buchs des Rektors Thomasius, einer wichtigen Ergänzung der Leip-
ziger Schulgeschichte, ist gefördert worden.
Der Vorschlag des Archivrat Dr. Beschorner, diejenigen (20—25)
Blätter der ältesten Landesvermessung Sachsens von Mat-
thias Öder, die nicht in die Ausgabe von Rüge Aufnahme gefunden
haben, in Dreifarbendruck zu reproduzieren und etwa in Verbindung
mit der Kommission für die Provinz Sachsen und Anhalt zu ver-
öffentlichen, erregte wegen der Höhe der Kosten Bedenken. Da-
gegen ward eine Veröffentlichung der Kirchenvisitationsakten
aus den früheren Jahren der Reformationszeit ins Auge gefafst und
die Herausgabe des Registrum dominorum marchionum Misnensium
vom Jahre 1378, von dem die Kommission eine Abschrift hat her-
stellen lassen, von Neuem dringend empfohlen. Es mag bemerkt
werden, dafs sich seitdem für die Lösung dieser wichtigen und
lohnenden Aufgabe in Archivrat Dr. Beschorner die geeignete Kraft
gefunden hat.
Im EönigL Sächsischen Altertamsverein hielten im Laufe des
verflossenen Winters Vorträge Dr. Meiche ,,Die Raubschlösser der
Sächsischen Schweiz" (5. November), Geh. Hofrat Professor Dr. Gur-
litt „Die sächsische Kunst vor hundert Jahren" (3. Dezember), In-
stitutslehrer Dr. Görlitz (Niesky) „Herzog Georg von Sachsen und
seine Stände" (7. Januar), Oberstleutnant z. D. von Mansberg „Der
Streit um die Lausitz 1440—1450" (4. Februar), Pastor Döhler „Die
Beschiefsung und Einäscherung Zittaus am 23. Juli 1757" (4. März).
Im Vorstande des Vereins trat dadurch eme Veränderung ein, dafs
Geh. Hofrat Dr. Erbstein und Oberregierungsrat Dr. Ermisch eine
Wiederwahl in ihre bisherigen Ämter ablehnten. Der letztere
wurde zum zweiten Vorsitzenden, Regierungsrat Dr. Lippert zum
Schriftführer gewählt und diesem durch Beschlufs des Vorstandes
Archivrat Dr. Beschorner als aufserordentliches Vorstandsmitglied
beigegeben.
In der Oberlaasitzischen Gesellschaft der Wissenschaften za
(xörlitz (250 Mitglieder) sprachen am 16. Mai 1906 Professor Dr. Jecht
über Durocs Tod und Denkmal in Markersdorf, am 10. Oktober
derselbe über kirchliche Altertümer der Oberlausitz und Pfarrer
Jacob (Neschwitz) über Bartholomäus Ziegenbalg aus Pulsnitz. Die
Gesellschaft veröffentlichte aufser dem 82. Bande des Neuen Lau-
sitzischen Magazins das 2. Heft des 3. Bandes des Codex diplomaticus
Lusatiae superioris (Görlitzer Ratsrechnungen 1391 — 1399), heraus-
gegeben von R. Jecht, und eine Schrift von Möschler: Rekon-
struktion der Dörfer Rennersdorf, Berthelsdorf und Grofshennersdorf
bei Herrnhut.
Im Verein für Geschichte von Anuaberg und Umgegend hielten
Vorträge am 15. November Realgymnasialoberlehrer Dr. Meier über
Christian August Clodius, ein Annaberger Stadtkind, am 6. Dezember
Seminaroberlehrer Dr. Rühlmann über die Oktobertage vor hundert
Jahren in der damaligen öffentlichen Meinung.
Im Verein für Chemnitzer Geschichte (205 Mitglieder) hielt am
20. November Realgymnasiallehrer Cand. Happach einen Vortrag:
„Ein Chemnitzer Reformator des 18. Jahrhunderts". Veröffenthcht
hat derVerein eine Schrift von E. Weinhold, „Chemnitz und Umgebung.
Geschichtliche Bilder aus alter und neuer Zeit".
Nachrichten.
179
Vorn Freibertrer Altertumsvereiii wird uns mitg:eteilt, dafs die
Sammlungen des Vereins, die 18 Räume im König- Albert-Museum
einnehmen, vom Vorsitzenden des Vereins, Bürgerschullehrer Knebel,
dem zu diesem Zwecke der Stadtrat einen sechswöchentlichen Ur-
laub bewiUigt hat, und vom Museumswart Bergamtsrat Wappler
im verflossenen Jahre vollständig inventarisiert worden sind. Der
Erstgenannte hat einen Führer durch die Sammlungen veröffentlicht
und beschäftigt sich zur Zeit mit der Bearbeitung eines Haupt-
katalogs, der den Mitgliedern als Heft zugehen wird.
Der (ireschiclits- und Altertumsverein zu Leisuig, bei dessen
an dieser Stelle schon erwähnten 40Jährip;en Stiftungsfest (5. März
1906) aufser Oberregierungsrat Dr. Demiani auch Oberlehrer Dr. Pfau
in Rochlitz zum Ehrenmitglied ernannt wurde, veranstaltete am
9. Mai einen Ausflug nach Nimbschen und Grimma. Vorträge hielten
Pastor Gerber über die Wenden zwischen Saale und Elbe, das
Volk und seine Religion (30. Aprili, über Grimma und seine älteste
Geschichte (25. Juni), über die Ehrlichmachung der sächsischen Leine-
weber (17. Dezember), Kirchschullehrer Reinhold-Hochweitzschen über
Wipprecht von Groitzsch (24. September und 29. Oktober), Hofrat
Dr. Mirus über D. Zacharias Rivander (Bachmann), geboren zu Leisnig,
Superintendent zu Bischofswerda (28. Januar 1907).
Der Verein für Geschichte Meifsens wählte Professor Dr. Licht
zum Vorsitzenden. In den Vorstand traten ferner ein Professor
Dr. H. Heyden und Oberlehrer Dr. E. Höhne. Unter Führung des
Pfarrer Weinberger fand eine Besichtigung der neu erbauten Luther-
kirche im Triebischtale statt.
Im Verein für dreschichte der Stadt Pirna hielten Vorträge
am 17. Dezember Professor Speck über Inhalt und Verfasser der
Continuatio Annalium Pirnensium, am 8. Februar Professor Kästner
über Befestigungen und Feldlager bei Pirna im Jahre 1756.
Der Verein für Rochlitzer Geschichte (93 Mitglieder), dessen
Vorstand zur Zeit aus Oberlehrer Dr. Pfau als Vorsitzenden, Stadtrat
Rechtsanwalt Dr. Kirsten als Schriftführer, Seminaroberlehrer
Dr. Kötz als Kassierer besteht, hat wiederum verschiedene Aus-
grabungen veranstaltet und sein Museum, für das ihm seitens der
Staatsregierung weitere Räume zur Verfügung gestellt worden sind,
vermehrt; so hat er das Rochlitzer Richtschwert erworben, das seit
längerer Zeit aus Rochlitz verschwunden war und jetzt vom Sohne
des letzten Rochlitzer Scharfrichters zurückgebracht worden ist
Verschiedene Aufsätze des Vorsitzenden, die meist im Rochlitzer
Tageblatt erschienen sind, sind als 5. Lieferung der „Einzelheiten
aus dem Gebiete der Rochlitzer Geschichte" unter dem Titel
„Skizzen vom alten Rochlitzer Handel und Wandel" zusammen-
gefafst worden.
Der Altertnmsvereiu zu Plauen i. \. hat seine Sammlungen,
die im vormals Hohmannschen Hause (Herrenstrafse 5) eine über-
sichtliche Aufstellung gefunden haben, vom 28. Oktober ab jeden
S)nntag von 11 — 12 Uhr dem Publikum zur unentgeltlichen Be-
sichtigung eeöftnet. Vorträge hielten am 9. November Dr. med. Wenzel
über das Märchen vom Dornröschen in altdänischer Fassung und
der Vorsitzende des Vereins A. Neupert über Dr. phil. J. G. Heynig,
den deutschen Sokrates im Vogtlande, am 18. Januar Oberlehrer
Neues Archiv f. S. G. u. A. XXVIU. l. ?. 12
igo Nachrichten.
Huster: „Aus einer Jöfsnitzer Chronik zur Zeit des siebenjährigen
Krieges, nach Aufzeichnungen des Gutsauszüglers Meinelt in Jöfsnitz
und nach Akten des Ratsarchivs", am 26. Februar Realgymnasial-
lehrer Skolle über kurfürstliche Jagden im Vogtlande und Erzgebirge.
Veröffentlicht wurde ein umfangreiches Werk des Ehrenmitglieds des
Vereins General der Infanterie Dr. von Raab: Schlofs und Amt Vogts-
berg bis Mitte des 16. Jahrhunderts und das Erbbuch vom Jahre 1542,
auf das wir noch zurückkommen werden.
In der Gesellschaft für Zittauer Geschichte wurden im letzten
Jahre folgende Vorträge gehalten : Professor Dr. Neefse „Zwei Jahre
Zittauer Geschichte 1422 und 1423" (4. April 1906), Pfarrer Sauppe-
Lückendorf „Rat, Handwerker und Handel in Zittau nach 1635"
(25. April), Kaufmann Nicolaus „Die Kriegsdrangsale der Oberlausitz
181 3" (28. November), Professor Dr. Wilisch „Über das Ende der
Zittauer Schulkomödie" (19. Dezember), Professor Dr. Neefse „Die
Wartenberger Fehde" (30. Januar 1907).
Die Abteilung für Geschichte (Historische Sektion) im Gebirgs-
verein für die Sächsische Schweiz (Vorsitzender: Prof. Speck in
Pirna, Stellvertreter Lehrer A. Bergmann in Dresden) hielt im ver-
flossenen Winterhalbjahr (1906/07) Vortragsabende ab am 11, Oktober:
Beiträge zur Geschichte Pirnas im siebenjährigen Kriege (Prof. Speck);
am 8. November: Der Lilienstein (Lehrer Jentsch-Klotzsche); am
13. Dezember: Die Beziehungen der FamiUe Luther zu Dohna
(Dr. med. Schlauch -Dohna) und: Die Basalte der Sächsischen Schweiz
(Jentsch); am 10. Januar: Volks- und Kinderlied in der Sächsischen
Schweiz (Dr. Meiche- Dresden); am 14. Februar: Die Gründung des
Kammerguts Ostra, ein Beitrag zur Lösung der Frage „Wo lag
Wernten?" (Lehrer A. Bergmann -Dresden); am 14. März: Mythologie
der Sächsischen Schweiz (Jentsch). Im Sommer 1906 wurden zwei
Studienausflüge unternommen und zwar am 28. April nach Pirna
(Führer: ProL Speck) und am 25. August nach der Wüstung Rein-
hardswalde im Karswald (Führer: Kantor Störzner- Arnsdorf). —
Kurz vor Weihnachten 1906 erschien das in der Hauptsache von
Mitgliedern der Historischen Sektion unter Leitung von Dr. A. Meiche
bearbeitete Werk über „Die Burgen und vorgeschichtlichen Wohn-
stätten der Sächsischen Schweiz". Es wird an die Mitglieder des
Kgl. Sachs. Altertumsvereins und des Dresdner Geschichtsvereins
zu dem Vorzugspreise von 2 M. 50 Pf. abgegeben.
Der Verein für Sächsische Volkskunde hielt seine diesjährige
Hauptversammlung am 7. September zu Dresden in Verbindung mit
der Versammlung für Volkskunde und Volkskunst ab, über die wir
an dieser Stelle (XXVII, 406) bereits berichtet haben. Im Vorstand
trat insofern eine Veränderung ein, als statt des Oberstleutnant
von Grünenwald und des Dr. K. W. Gruber, die eine Wiederwahl
abgelehnt hatten, Regierungsbaumeister Dr. ing. Mackowsky zum
ersten und Dr. Helmolt- Leipzig zum zweiten Schriftführer gewählt
wurden; da letzterer bald darauf wegen seines Fortzugs von Leipzig
zurücktrat, übernahm Dr. Gruber -Leipzig wiederum das Amt. Zu
Beisitzern wurden Architekt E. Kühn und Geh. Baurat Wanckel in
Altenburg gewählt. Die Mitgliederzahl hat sich auf 2375 vermehrt;
die Bibliothek, das Archiv und das Museum sind bedeutend ge-
wachsen. Vorträge hielten zu Dresden am 10. Januar Dr. Reuschel
„Zur Psychologie des Volkslieds", am 15. Februar bei einem aii-
Nachrichten. l8l
läfslich des zehnjährigen Bestehens des Vereins veranstalteten Fest-
abend Rektor Professor Dr. Schmidt- Würzen über Schleis Scharfen-
berg und seine Umgebung in Geschichte, Sage und Dichtung.
Das Museum des Königl. Sachs. Altertunisvereins zu Dresden
wurde in den sechs Sommermonaten des Jahres 1905 insgesamt von
14 139, in denen von 1906 von 14631 Personen besucht. Wenn diese
Zahlen auch gegen die der Jahre 1903 und 1904 etwas zurückge-
gangen sind, so beweisen sie immerhin noch ein recht grofses In-
teresse, das die Allgemeinheit an dieser Sammlung nimmt.
Seit einigen Jahren ist das Hauptaugenmerk der Museums-
leitung auf Vorkehrungen für die Erhaltung der gesammelten Gegen-
stände gerichtet, es ist dies aber ein Moment, dem man zumeist
nicht die gebührende Beachtung zu zollen pflegt. Und doch dürfte
wohl in jedem Altertumsmuseum nach dieser Richtung hin unendHch
viel zu tun sein. Man mufs nur bedenken, dafs die meisten Gegen-
stände erst, wenn sie unansehnlich werden, ins Museum kommen.
Das Holz wird von Würmern zernagt, die Trockenfäule löst es in
Mehl auf. Nur rechtzeitige und richtige Mal'snahmen können es in
vielen Fällen vor dem völhgen Untergange bewahren. Das Holz
ist, im Mittelalter wenigstens, zumeist bemalt. Die auf einem ge-
leimten Kreidegrund aufgebrachte Farbe blättert aber mit der
Zeit ab und droht mehr und mehr zu verschwinden, denn der Grund
hält nicht mehr, da sich der Klebestotf verflüchtigt hat. Hier gilt
es nun, Mittel anzuwenden, mit denen man den Grund wieder an
das Holz befestigt. Wertvolle Textilien müssen unterlegt und an
einzelnen Teilen des Futters aufgehängt werden, da sich ihre Be-
schädigungen vielfach nur durcn ihr eigenes hängendes Gewicht
vergröfsern. Irgendwelche Ergänzungen im Sinne des Alten, das
Ansetzen von Nasen, Händen, Füfsen, von Attributen usw., eine früher
viel gepflegte Restaurierungsmethode, wird jetzt streng vermieden,
dafür aber mit allen Kräften dahin gestrebt, dafs den Beschädigun-
gen Einhalt getan wird. In den beiden Berichtsjahren wurden nicht
weniger als 27 gotische Altäre, 12 einzelne Altarflügel, 109 gröfsere
und kleinere Holzfiguren, 30 verschiedene Ornamentteile und vier
alte Mefsgewänder wiederhergestellt. In zwei oder drei Jahren hofft
man, den ganzen Besitz in der angedeuteten Art pfleglich behandelt
zu haben. " Berling.
In Leipzig ist die Frage der Errichtung eines stadtgescliicht-
lichen Museuuis endlich in Flufs gekommen. Der Gedanke, die
Räume des alten Rathauses zur Unterbringung der älteren, stadt-
geschichtlichen Abteilung des Ratsarchivs und in Verbindung damit
eines stadtgeschichtlichen Museums zu benutzen, hat ja schon lange
bestanden, auch hat der Rat der Stadt schon längst, noch ehe das
neue Rathaus bezogen war, sich dieser Idee angeschlossen, und sie
hat in den Kreisen des Rates und der Stadtverordneten mitgewirkt
und ist ausschlaggebend gewesen bei den Beschlüssen, das alte
Rathaus zu erhalten und zu restaurieren. Neuerdings sind aber nun
auch von beiden Kollegien bindende Beschlüsse über die Ver-
wendung des alten Hauses gefafst worden. Der im vorigen Sommer
in Kissmgen verstorbene Leipziger Kunst- und Altertumshändler
Jost hatte noch wenige Monate vor seinem Tode seine reiche
Sammlung von Bildern, Waffen und Kunstgegenständen aus der Zeit
Napoleons I. und der Befreiungskriege der Stadt zum Geschenk an-
geboten jnit dem Wunsche, dafs sie in dem zukünftigen „stadt-
iSz Nachrichten.
geschichtlichen Museum im alten Rathause" Aufnahme finden möge.
Dies gab den äufseren Anlafs, dafs Rat und Stadtverordnete end-
giltig über die Verwendung des alten Rathauses Beschlufs fafsten.
Die Jostsche Sammlung ist inzwischen bis zur Vollendung des Rat-
hausumbaues in der alten Nikolaischule (am Nikolaikirchhof) unter-
gebracht und dem Publikum zugänglich gemacht worden. Einen
weiteren wichtigen Fortschritt aber hat die ganze Museumsangelegen-
heit neuerdings dadurch gemacht, dafs der „Verein für die Ge-
schichte Leipzigs" nach längeren Verhandlungen sich bereit erklärt
hat, seine Sammlung, die noch immer im alten Johannishospital
(hinter der Johanniskirche) untergebracht ist, bedingungslos der
Stadt zu überlassen. Sie bleibt einstweilen noch in ihren bisherigen
Räumen, wird aber, sowie der Umbau des Rathauses vollendet sein
wird, von der Stadt übernommen werden. Der Umbau des Rat-
hauses wird sich voraussichtlich noch bis Ostern 1908 hinziehen,
da, namentlich im Anfange, grofse Schwierigkeiten zu überwinden
gewesen sind. Der vielgepriesene Bau Hieronymus Lotters von 1556
hat sich in vielen Stücken als leichtfertiges Flickwerk erwiesen.
Daher galt es bei dem Umbau, nicht blofs auf die Verkehrsbedürf-
nisse der Gegenwart Rücksicht zu nehmen (durch Unterführungen)
und die zukünftige Verwendung des Hauses im Auge zu behalten
(im Erdgeschofs durch völlig neue, den Anforderungen der Gegen-
wart entsprechende Läden), sondern vor allem auch das ganze Bau-
werk auf weitere Jahrhunderte hinaus zu sichern. Meinungs-
verschiedenheiten bestehen augenblicklich nur noch darüber, ob das
Archiv im Hauptgeschofs, das Geschichtsmuseum im Obergeschofs
(Dachgeschofsi untergebracht werden soll, oder umgekehrt. Hoftent-
lich werden aber hier schlielslich nicht Gefühle und Einbildungen,
sondern sachliche Erwägungen den Ausschlag geben, und diese
müssen jedem die Überzeugung aufdrängen, dafs die stadtgeschicht-
liche Sammlung mit ihren unzähligen kleinen Ausstellungsgegen-
ständen in den hohen Räumen des Hauptgeschosses (Saal, grofse
Ratstube) gänzlich deplaziert sein würde, dagegen in den raäfsig
hohen Kabinets, die im Obergeschofs entstehen werden, aufs über-
sichtlichste würde verteilt und aufs bequemste betrachtet und studiert
werden können. G. W.
Die Stadt Glashütte feierte am 14. Oktober 1906 zur Erirtnerung
an die Verleihung des Stadtrechts durch Herzog Georg (10. Februar
iSo6)"ihr vierhundertjähriges Stadtjabiläum durch ein wohlgelungenes
Heimatfest. Seine besondere Weihe erhielt die Feier durch den
Besuch, den wenige Tage später, am 17. Oktober, Seine Majestät
der König der Stadt machte. Auf die gelegentlich des Stadt-
jubiläums erschienene Festschrift werden wir zurückkommen.
Am 31. Mai 1907 will man in der altenburgischen Stadt Luc ka
den 600jährigen (ledeuktag: der Schlacht hei Lucka feiern, jenes
geschichtlichen Ereignisses, das für das Wettiner Fürstenhaus und
sein Ländergebiet von so hoher Bedeutung gewesen ist. Aufser
einem Heimatfeste mit mancherlei Veranstaltungen ist die Errichtung
eines Brunnendenkmals auf dem Marktplatze geplant, das den Sieger
Friedrich den Freidigen verherrlichen soll. Der zur Ausführung in
Aussicht genommene Entwurf stammt von einem geborenen Luckaer,
dem in Leipzig wohnenden Maler und Bildhauer Reinhold Carl. Er
stellt in der Mitte auf hohem Postament, das von Brunnenbecken
seitlich llankiert ist, die Kittergestalt Friedrichs dar, der hier gleich-
Nachrichten. 183
sam als Marktroland gegeben ist. Die Brunnenbecken sind rechts
und links mit besiegten Schwaben geschmückt, die ihre Wunden
kühlen; Ruhebänke geben einen seitlichen Abschlufs. Die Wappen
des Hauses Wettin und das der Stadt Lucka sollen das Postament
zieren, das Köpfe von Besiegten kapitälartig beleben. Das Denkmal
soll bereits am 31. Mai enthüllt werden; sollte dies wegen Kürze der
Zeit nicht möglich sein, so wird am Jubiläumstage die Grundstein-
legung stattfinden. Mit der Abfassung einer Festschrift ist Prof.
Dr. A. Schirmer in Eisenberg beauftragt worden, der in der Beilage
zum Gvmnasialprogramm von 1905 die Schlacht bei Lucka als einen
Wendepunkt in der Geschichte der Wettiner geschildert hat.
Die Hauptversammlung des Gesaiiitrereins der Deutschen
Gescliichts- und Altertumsvereine fand in den Tagen vi)m 24. bis
28. September 1906 unter Vorsitz des Geh. Archivrat Dr. Bailleu und
des Generalmajor z. D. Dr. von Pfister in Wien statt. Die Vertreter
von etwa 50 der im Verbände vereinigten 172 geschichtlichen Vereine
Deutschlands und aufserdem zahlreiche Geschichtsforscher und Ge-
schichtsfreunde nahmen teil. Die Zahl der Vorträge war diesmal
gröfser als sonst; auch in den Abteilungssitzungen entfaltete sich
ein besonders rege Tätigkeit. Doch mag, da mit Ausnahme etwa
eines \"ortrags von G. Wolf über Aufgaben und Grundsätze der
deutschen Territorialpolitik in der Reformationszeit und der Berichte
über die vom Gesamtverein angeregten oder geförderten Unter-
nehmungen (Grundkarten, Archivinventarisation, histor.-geograph.
Wörterbücher, Kirchenbücherverzeichnisse, Flurnamensammlung),
die auch in Sachsen durchweg Ergebnisse erzielt haben, Fragen der
sächsischen Geschichte nicht behandelt wurden, lediglich auf die
demnächst erscheinenden Protokolle der Versammlung hingewiesen
werden. Unter den Ehrungen und Vergnügungen, die der Ver-
sammlung in reicher Fülle geboten wurden, verdienen der glänzende
Empfang im Wiener Rathause und der Ausflug nach Schlofs Kreuzen-
stein und Stift Klosterneuburg vor allem hervorgehoben zu werden.
Auch der im Zusammenhang mit dem Gesamtvortrage am
24. September in Wien abgehaltene sechste deutsche Archivtag war
gut besucht und nahm einen sehr befiiedigenden \'erlauf.
Die nächste Hauptversammlung des Gesamtvereins wird voraus-
sichtlich Mitte September in Mannheim stattfinden.
Die 10. Versammlung Deutscher Historiker wird in den Tagen
vom 3. bis 7. September d. J. in Dresden unter Leitung desVorsitzenden
des Verbandes Deutscher Historiker, Professor Dr. Gerhard Seeliger
in Leipzig, stattfinden. Für die Vorbereitungen dazu hat sich ein
Ortsausschufs unter Vorsitz des Herausgebers dieser Zeitschrift und
des Professors an der Königl. Technischen Hochschule Dr. Gefs ge-
bildet. Aus dem vorläufigen Programm teilen wir mit, dafs eine zwang-
lose Vereinigung im oberen Saale des Königl. Belvedere am Abend
des 3. September die Versammlung einleiten wird. Die Sitzungen
finden am 4. — 6. September in der Aula der Technischen Hochschule
statt; Vorträge sind bis jetzt angemeldet worden von Professor
Dr. Caro- Zürich, Geh. Kirchenrat Professor Hauck- Leipzig, Pro-
fessor Dr. Hintze- Berlin, Professor Dr. Jakob -Tübingen, Professor
Dr. Kromaj^er-Czernowitz, Geh. Hofrat Professor l3r. Lamprecht-
Leipzig, Professor Dr. O. Richter -Dresden, Professor Dr. Schulte-
Bonn. Ein Festessen im Belvedere am 6. und ein Ausflug nach
Freiberg am 7. September werden den Abschlufs bilden.
1 84 Nachrichten.
Der langjährige Direktor der Eöuigl. öffentlichen Bibliothek
in Dresden, Geh. Hofrat Professor Dr. Schnorr von Carolsfeld, tritt
am I.Juli Q. J. in den Ruhestand. Seine Stelle ist dem bisherigen
Staatsarchivar Oberregierungsrat Dr. Ermisch, dem Herausgeoer
dieser Zeitschrift, übertragen worden.
Auch in der Leitung der Universitätsbibliothek zu Leipzig ist
ein Wechsel eingetreten, indem an die Stelle des verstorbenen
Professor Dr. von Gebhardt der bisherige Direktor der Universitäts-
bibliothek zu Königsberg Professor Dr. KarlBoysen berufen w^orden ist.
Am 10. November 1906 starb in Plauen der Konrektor des Kgl
Gymnasiums, Prof. Dr. Julias William Fischer. Geboren am
8. Februar 1846 zu Falkenstein i.V. als Sohn eines tüchtigen, jung
verstorbenen Arztes, besuchte er 1859 — 65 das Gymnasium zu Plauen,
wo bereits durch seine Lehrer Dietsch und Flathe seine Vorliebe für
Geschichte angeregt wurde. Von Ostern 1865 an studierte er in
Leipzig Philologie und Geschichte und promovierte daselbst 18Ü9
durch die Dissertation „De fontibus Cassii Dionis". Nachdem er im
August 1871 die Staatsprüfung abgelegt hatte, war er von Micha-
elis d. J. bis Ostern 1874 am Vitzthumschen Gymnasium in Dresden,
seitdem bis zu seinem Tode als Lehrer des Deutschen und der
Geschichte an seiner früheren alma mater tätig.
Fischer hat sich schon seit seiner Studienzeit vor allem der
Erforschung der byzantinischen Geschichte zugewandt. Seine her-
vorragenden Verdienste auf diesem Gebiete sind in dem soeben er-
schienenen kurzen Nekrolog der Byzantinischen Zeitschrift (XVI, 417)
in das gebührende Licht gesetzt worden. Hier sei nur seine Pnj-
grammabhandlung von 1883 (Studien zur byzantinischen Geschichte
des II. Jahrhunderts) erwähnt.
Bei seiner ausgesprochenen Heimatsliebe hat sich Fischer jedoch
auch viel mit der Geschichte des Vogtlands beschäftigt. Zahl-
reiche, darauf bezügliche Aufsätze entstammen seiner Feder, die
teils in den Mitteilungen des Altertumsvereins zu Plauen, teils in
den Plauener Lokalblättern erschienen sind. In den letzten Jahren
war er besonders mit der Geschichte des Plauener Gymnasiums
beschäftigt. Schon hatte er den gröfsten Teil des weitschichtigen
Materials gesammelt und geordnet, als ihn ein plötzlicher Tod von
der liebgewordenen Arbeit hinwegrifs.
Fischer war ein Mann von reichem Wissen, scharfem Verstand
und einer gefestigten, mit einer gewissen Herbigkeit gepaarten
Lebensanschauung. Dabei war er ein anregender Lehrer, der es
weder sich noch seinen Schülern leicht machte, sondern sie nötigte,
in den Kern der Sache einzudringen. Er besafs eine vorzügliche
TJnterhaltungsgabe, wobei ihm sein gutes Gedächtnis und seine rege
Phantasie trefflich zu statten kamen. Const. Angermann.
Am 15. Oktober 1906 starb in der Niederlöfsnitz Herr Rektor
a. D. Oberstudienrat Professor Dr. Christian Gottfried Achmed
Scholtze, nachdem seit seinem Übertritt in den Ruhestand erst
wenige Tage über ein Jahr verflossen waren. Als Sohn eines
Lehrers am 25. August 1840 in Leipzig geboren, war früh für ihn
Lernen und Lehren die Luft gewesen, in der er atmete; aber zu
seiner hervorragenden Lehrbegabung, die er am liebsten an der
Geschichte sowie der Muttersprache und ihrem Schrifttum betätigte,
gesellte sich bald ein ebenso bedeutendes Organisationstalent, das
Nachrichten. 185
ihm denn auch nach früher Bewährung in der Leitung der Real-
schulen zu Frankenberg und Grimma in seiner letzten Stellung in
Plauen i.V., wo die Königl. Realanstalt in Verbindung mit dem
Gymnasium nicht hatte gedeihen können, die geradezu glänzende
Leistung ermöglichte, in anderthalb Jahrzehnten, von 1890 — 1905,
nicht nur eine städtische Realschule zur Blüte zu bringen, sondern
nach einem Jahrzehnt in Verbindung damit auch ein gleich blühendes
Realgj'mnasium zu entwickeln und den vereinigten Anstalten eine
Schülerschaft von 650 Köpfen zu sammeln.
Hier ist nicht der Ort, den Schulmann als solchen zu würdigen.
Wohl aber gebührt hier dem Manne der Wissenschaft, dem Forscher,
der er immer geblieben war und in erhofften längeren Jahren der
Mufse wieder ganz zu sein gedachte, eine dankbare Erinnerung an
die mannigfachen, immer gediegenen Gaben, die er namentlich den
Freunden der Kultur-, Heimats- und Ortsgeschichte beschert hat,
die erste schon als junger Realschullehrer zu Chemnitz, wie er denn
auch einer der Gründer des rührigen „Vereins für Chemnitzer
Geschichte" gewesen ist.
Scholtze promovierte 1868 in Leipzig mit der Abhandlung „Die
Beziehungen zwischen Rom und Hellas vom Sturze der Königs-
herrschaft bis zum epirotischen Kriege", wie er auch in dem „Leit-
faden der Geschichte für Realschulen", der früh Kulturgeschichtliches
berücksichtigte, neben der Neuzeit (T. IV) vom Altertum „Die Römer"
(T. I, B) bearbeitet hat. Die in diesen beiden Bänden eines Schul-
l3uches vollzogene Verbindung tiefer, auf Vertrautheit mit dem
Altertum gegründeter Einsicht in das Wesen geschichtlicher Ent-
wicklung und rückhaltlosen Bekenntnisses zum grofsen deutschen
Vaterlarde blieb auch wirksam, als sich seine Neigung in wachsen-
dem Mafse der Kultur- und Geistesgeschichte seiner engeren und
engsten Heimat zuwandte. Dem Jahresberichte der Chemnitzer
Realschule gab er Ostern 1877 den ersten Teil einer Untersuchung
,, Philander von Sittewald" bei, 1880 schrieb er zu demjahres-
bericht der Frankenberger Realschule selbst die wissenschaftliche
Beilage: „Die orientalische Frage in der öffentlichen
Meinung des i G.Jahrhunderts", und ebenso zu dem der Plauener
von 1884 den ersten Teil einer Abhandlung „Humanismus und
Realismus im höheren Schulwesen Sachsens während der
Jahre 1831 — 1851". Mit der Schule hängen auch die Schriftchen
„Die Kulturgeschichte im historischen Unterricht"(Leipzig,
Hirschfeld 1880) und „Die Anfänge des deutschen Realschul-
wesens" (Frankenberg i. S., Rofsberg 1886) zusammen. Aus den
Frankenberger Jahren liegt ein „Vortrag über Frankenbergs
Lage und Geschichte" vor, in den Mitteilungen des Vereins für
Chemnitzer Geschichte veröffentlichte er 1876 die eingehende Studie
über ein Chemnitzer Stadtkind: „Johann David Beil. Ein Bei-
trag zur Geschichte des deutschen Theaters" und 1877 die
nicht minder wertvolle ortsgeschichtliche Abhandlung: „Aus be-
drängter Zeit. Nach Berichten des Chemnitzer Amts-
schössers Paulus Drechsler aus den Jahren 1639 und i 640."
Auch wenn er im hiesigen Alpenverein z. B. über Oswald von
Wolkenstein oder über Albrecht von Haller gesprochen hat, ist es
nach persönlich von dem Verstorbenen vernommener Mitteilung
nicht geschehen, ohne dafs erst eigene und neue Aufschlüsse aus den
Landesbibliotheken zu Innsbruck und Bern ermittelt worden waren.
Seit 1895 J^g ihm auch die Herausgabe der „Mitteilungen des Alter«
i86 Nachrichten.
tumsvereins zu Plauen" ob, und wie er diese Obliegenheit, vom
Vereine zum Ehrenmitglied ernannt, auch bei der Übersiedelung
nach der Löfsnitz beibehalten hatte, galt dort und im Dresdner
Archiv fast alle seine Arbeit der Geschichte Plauens. Im März 1906
hielt er im Plauener Altertumsverein in seiner gediegenen ein-
dringenden Weise einen Vortrag über ., Plauen im Jahre 181 3";
mit unermüdlichem Eifer hat er die Entzifferung und Abschrift des
Plauener Sta dtbuches von 1388 fertiggestellt und von den ge-
planten Ausarbeitungen darüber eine besonders schwierige, die über
das damalige Münzwesen, so gut wie vollendet.
An der Schule, die die Stätte seines letzten bedeutsamsten
Wirkens gewesen ist, dem Plauener Realgymnasium, wird der Ge-
schichtsforscherfreude ihres ersten Leiters dauernd ein besonderes
Denkmal errichtet bleiben in seiner wertvollen Büchersammlung von
über 2200 Bänden; denn wenn der Verstorbene auch seinen gelegent-
lich ausgesprochenen Willen, diese einmal der Anstalt zu vermachen,
bei dem jähen Hereinbrechen des Todes nicht hatte niederschreiben
können, ist er doch verwirklicht worden. Seine Witwe, Frau Therese
Scholtze, sowie Gönner und Gönnerinnen der Anstalt, die den An-
teil der anderen Erben ablösten, haben der Schule die ganze schöne
Sammlung zum Geschenk gemacht.
Plauen i. V. Th. Matthias.
V.
Joachim von Sehleinitz,
kursäehsiseher Generalquartiermeister
unter Johann Georg I.
Von
J. H. Gebauer,
Zahlreich sind aus vergangenen Jahrhunderten die Bei-
spiele, dafs Männer, die sich eine lange Zeit in der Gunst
ihrer fürstlichen Gebieter sonnen durften, ein traurig jähes
Ende fanden. Die Geschichte fast aller Staaten kennt solche
Beispiele: Dänemark hat seine Struensee- und England seine
Essextragödie, Preufsen den Sturz Eberhards von Dankelmann,
Frankreich den des Marschalls d'Ancre.
Besonders grell hat sich früher zu wiederholten Malen
die Wandelbarkeit fürstlichen Wohlwollens im albertinischen
Sachsen geäufsert. Das Schicksal des kurfürstlichen Leib-
arztes Peucer und danach des Kanzlers Krell, der beiden
Opfer des einst von den sächsischen Regenten fast stets mit
Leidenschaft gepflegten Calvinistenhasses, ist allgemein bekannt.
Nicht in dem gleichen Mafse aber gilt das von dem Unglück
eines Mannes, der unter Johann Georg L einen Sturz von
der höchsten landesherrlichen Gunst bis zur Schande und
Verhöhnung tun mufste, des kursächsischen Generalquartier -
meisters von Sehleinitz.
Joachim von Sehleinitz, geboren zu Schieritz im Jahre 1577,
entstammte einem seit langer Zeit im Meifsnischen angeses-
senen Zweige des bekannten uradeHgen Geschlechts. Dem
Neues Archiv f. S. G. u. A. XXVHI. 3. 4. 13
i88 J. H. Gebauer:
Wettinischen Fürstenhause hatten die Schleinitze wiederholt
tüchtige Diener und Räte gehefert, und aulserdem war die
Famihe durch Reichtum und Umfang ihrer Besitzungen aus-
gezeichnet^). Das wird auch Joachim die Wege zum schnellen
Emporsteigen geebnet haben. Im Jahre 1598 nahm er, zwei-
undzwanzigjährig, den ersten Kriegsdienst -j. Ob er ihn so-
gleich unter sächsischen Fahnen tat, die damals wenig Ruhm
zu bieten vermochten, mufs dahingestellt bleiben. Jedenfalls
berief ihn sein Kurfürst schon in jenen Jahren, wo das Un-
wetter des grofsen deutschen Krieges auch den obersächsischen
Kreis Norddeutschlands in Mitleidenschaft zu ziehen begann,
zum Generalquartiermeister seiner neugeworbenen Truppen'*).
In diesem wichtigen Amte blieb er dann bis zu seinem
trao-ischen Ende.
Die glänzendste Zeit seiner Tätigkeit begann aber im
Jahre 1635, wo Johann Georg in scharfer Schwenkung sich
auf die Seite des bisher bekämpften Kaisers stellte, um nun
als Generalissimus des Reichs gegen seine bisherigen schwe-
dischen Bundesgenossen zu fechten. Neue grofse Werbungen
wurden jetzt ins Werk gesetzt, und Schleinitz" Geschäftskreis
dehnte sich gewaltig aus. Denn der ,, Ober-Generalquartier-
meister" — Schleinitz führte als solcher nun den seltenen
Titel Exzellenz — bekleidete eine der bedeutsamsten Stel-
lungen in der ganzen sächsischen Armee; lag doch in dessen
Hand damals wirklich noch die Sorge für die gesamte Unter-
kunft und Verptiegung der Truppen, von der der ,, General-
quartiermeister" heute nur noch seinen Namen, nicht mehr
das Amt herleitet.
Daneben besafs er als Oberst ein Regiment zu Fufs
— zu 12 Kompagnien mit 2000 Mann gibt es ein Verzeichnis
'j H. Wagener, Staats- und Gesellschaftslexikon (Berlin 1865)
XVIII, 278. Vor allem aber: Geschichte des Schleinitzschen Ge-
schlechts. Von einem Mitgliede des Geschlechts (Berlin 1897) S. 232
bis 255. Doch sieht erklärlicht;r weise diese Familiengeschichte die
Schuldfrage des Joachim von Schleinitz in günstigerem Lichte, als
ich es vermag.
-) So nach seinen Äufserungen in Leipzig 1642, wo er sagt, er
sei 66 (!) Jahre alt und 44 Jahre Soldat. Vgl. H. Boettger, Die
Ereignisse um Leipzig im Herbst 1642 (^ Hallische Abhandlungen
zur neueren Geschichte 15, Halle 1882) S. 58.
^) Gelegentlich einer Vernehmung im Frühjahr 1644 erklärt
Schleinitz, er diene dem Kurfürsten „in die 20 Jahr bei jetziger
seiner Charge". (Haiiptstaatsarchiv Dresden [St.A. Dr.] Loc. 9258:
Artikull die Übergabe der Stadt Leipzig betr. 1644.)
Joachim von Schleinitz. 189
der kursächsischen Truppen von 1635 an^) — und warb
später dazu auch noch ein Reiterregiment.
Das Verhältnis des Generals zu seinem kurfürstlichen
Kriegsherrn war ein aufserordentlich enges; er galt als seine
„linke Hand" und übte wunderbaren Einflufs auf ihn aus. In
Fällen, die ihn persönlich nahe berührten, rief Johann Georg
stets zunächst nach seinem Schleinitz , und sobald der Ersehnte
erschien, war auch des Kurfürsten ,, Furcht, Schrecken und
Gefahr hinüber' '. Dann konnte er stundenlange mit ihm kon-
ferieren und darüber selbst die Freuden der Tafel, die er
sonst ungemein zu schätzen wufste, vergessen-).
Um so schlechter stand sich Schleinitz im Heere. Der
Oberst Vitzthum von Eckstädt, der als Oberst den Feldzug
von 1635/36 in der sächsischen Armee mitmachte, verurteilt
den General auf das allerschärfste. Er nennt ihn einen
,, Wäscher", der ohne ,,esprit" und Kenntnis seinem Herrn
immer nach dem Munde rede-^). Ein anmafsender Bramarbas,
zeigt er Schneid nur da, wo er keine Gefahr läuft, und zieht
sich alsbald feige zurück, wenn man ihm scharf entgegen-
zutreten wagt. Auch dessen beschuldigt ihn Vitzthum, dafs
er um seines ,, Profits" willen die Truppen habe hungern
lassen. Den erbärmhchen Verlauf des Feldzuges, in dem die
sächsische Armee dem Lande ihrer brandenburo^ischen Ver-
bündeten zwar übel mitspielte, sich aber militärisch völlig
unfähig erwies, setzte man deshalb auch grofsenteils auf des
allmächtigen Schleinitz Rechnung, und wenn die Soldaten in
allerlei giftigen ,, Versen" über solche Kriegsführung spotteten,
so kam dabei am schlechtesten und gröbsten wieder der ver-
hafste Generalquartiermeister fort^):
„Der Herr ist des krieges ein kindt,
„Sein General L.-^j blaudert in Wind,
,,Der Commissarius ein unverständig Rind,
,, Vorsichtiger und verständiger Leute keine statt find'".
Oder in etwas anderer Fassung:
,,Der Herr ist des krieges nicht kundig,
,,Sein General L. noch unmündig,
,.Der Commissarius ein grobes Rind,
„Keiner Soldaten Rath statt find'".
1) Fr. Budczies, Der Feldzug der sächsischen Armee durch
die Mark Brandenburg 1635 1636 (Märkische Forschungen IV, 303
bis 386) S. 309.
-j Ebenda S. 306 und 340.
^/ Ebenda S. 309.
*) Ebenda S. 363.
■^) Der Generalleutnant von Baudissin.
13*
igo J- H. Gebauer:
Mag; nun bei der Kritik des Obersten Vitzthum der Ärger
darüber mitgesprochen haben, dafs der Kurfürst, statt seine
,, General-Offizierer" zu hören, sich meistens Rats allein bei
Schleinitz erholte, und bei den Soldaten die leichtverständ-
liche besondere Abneigung gegen den Oberquartiermeister,
der sie nicht nach Wunsch verpflegte und ,,losierte": dafs
die Anklagen und die Feindschaft gegen ihn nicht grundlos
waren, bleibt unbestreitbar. Zunächst hat er unzweifelhaft stark
— • und offenbar mehr noch als es sonst bei den Offizieren
damals üblich war — in die eigene Tasche ge Wirtschaft et.
Das erhellt aus seinem später konfiszierten Schuldbuch ^).
Denn hier sieht man nicht nur viele sächsische Adlige, sondern
selbst Mitglieder der kurfürstlichen Familie, vor allem Herzog
August, den Magdeburger Administrator, bei ihm in der Kreide.
Und dabei war der Grundbesitz des Generalquartiermeisters
während des Krieges und gerade noch in seinen letzten
Lebensjahren, wo das Land ringsum verarmte, noch um
ein beträchtliches gewachsen. Dafs Schleinitz aber auch die
Unbeliebtheit, die er sich nach den Vitzthumschen Zeugnissen
im Heere gewonnen hatte, wirklich verdiente, zeigt der tiefe
Hafs, womit man ihn auch vornehmHch in Leipzig, der Stätte
seiner späteren langjährigen Wirksamkeit, bis an sein Lebens-
ende verfolgt hat.
Wiederholt schon hatte Johann Bauer, der schwedische
Heerführer in Norddeutschland, nach seinem Siege über den
Kurfürsten Johann Georg bei Wittstock (Oktober 1636) seine
Züge bis nach Sachsen hinein ausgedehnt. Im Jahre 1637
hatte er Torgau erobert und auch Leipzig Wochen hindurch
arg bedrängt. Dann erschien er Anfang 1639 abermals in diesen
Geo:enden. Dafs er es vor allem auf die reiche Handelsstadt
Leipzig abgesehen hatte, konnte nicht zweifelhaft sein, und
so schickte denn der Kurfürst Mitte Februar Leipzig einen
besonderen Kommandanten in der Person seines geliebten
Schleinitz. Mit ihm kamen 700 Mann als Besatzung in die
Stadt, wahrscheinlich vom Regiment zu Fufs des Obersten
Johann von Dieskau.
Schleinitz führte der kurfürstlichen Instruktion zufolge
das Kommando — nur in Leipzig selbst; die Feste Pleifsenburg
unterstand aber weiter ihrem bisherigen Kommandanten, dem
Oberstleutnant Christoph von Trandorf, der vor zwei Jahren die
Stadt glänzend gegen Baner verteidigt hatte. Da der General-
'j St. A. Dr. Loc. 9257.
Toachim von Schleinitz. ic^i
quartiermeister die Stadt öfters zu verlassen genötigt Avar,
so ernannte Johann Georg für ihn auch einen Stellvertreter
in der Person Dieskaus. Ihm sollte, so befahl der Kurfürst,
in Schleinitz' Abwesenheit der städtische Rat gehorchen als
wäre es jener selbst^).
Die Laoe wurde in der Tat ernst. Bauer besetzte Zwickau
und belagerte Freiberg, mufste dann zwar nach einer Schlappe
die Belagerung aufgeben, erfocht aber bald einen glänzenden
Sieg über die Sachsen und Kaiserlichen bei Chemnitz (14. April).
Indes befreite dieser Erfolg der Schweden Leipzig von der
augenblicklichen Gefahr: Bauer zog nach Böhmen ab. Doch
verblieb Schleinitz weiterhin in seiner Stellung als Leipziger
Stadtkommandant.
Das Verhältnis zwischen Zivil und Militär in Leipzig war
bisher, solange Trandorf in der Stadt befehligte, vortrefflich
gewesen. Jetzt änderte sich das wie mit einem Schlage.
Schon zu Anfang 1640 ergingen Klagen an den Kurfürsten,
dafs der General durch Einquartierung, Verpflegung und
Kontribution die Stadt in Grund verderbe und aufserdem
zwischen Rat, Bürgerschaft und Universität Unfrieden säe.
Insonderheit warf man ihm vor, er erhalte, obw-ohl inzwischen
nach dem Abzug der Schweden die Besatzung wieder
stark vermindert sei, doch den ganzen Stab auf Kosten
Leipzigs -).
Und diese Beschwerden verstummten trotz der Ver-
mahnungen des Kurfürsten an Schleinitz nicht, wurden im
Gegenteil im.mer lauter. So brachte auch der Sommer 1642,
wo Schleinitz genötigt war, gegen einen etwaigen Anschlag
des schwedischen Generals Königsmarck auf einige Zeit kaiser-
liche Truppen in die Stadt heranzuziehen, wieder scharfe
Zusammenstöfse. Unausrottbares Mifstrauen wurzelte sich
gegen den Kommandanten fest, von dem niemand mehr an-
nahm, dafs er der Stadt Bestes im Auge habe.
Am grimmigsten wurde der General offenbar von den
Söhnen der Leipziger alma mater gehafst. Er kränkte sie
in unerhörter Weise, indem er ihnen ansann, ihm auf der
'Strafse durch Entblöfsen des Hauptes ihre Reverenz zu zeigen ;
er mifsachtete die alten Privileo-ien der Universität und scheute
sich auch nicht, Einkünfte von Stiftungen, die zu Gunsten
') Inbtruktion für Schleinitz d. d. 14. Febr. 1639. St. A. Dr. Loc.
9258. Kurfürstlich Sächsische Befehliche an General Schleinitz,
Oberst Diskau und den Rat zu Leipzig 1639 — 42.
-) Böttger S. 35.
1^2 JH. Gebauer:
der Studierenden errichtet worden waren, in das Militärbudget
oder vielmehr — wie man offen behauptete — in seine eigene
Schatulle fliefsen zu lassen. Auf jede Weise flickte er den
Musensöhnen am Zeuge herum, und es liefs sich leicht er-
kennen, dafs in seinem Verfahren System lag; das Streben,
die Akademiker als Stand herunterzudrücken, sprang überall
hervor. Blickt man freilich genauer hin , so war die Feind-
schaft zwischen Studenten und Soldateska ganz natürlich.
Seit Jahrhunderten spielte der Student unbestritten die erste
Rolle in Leipzig, und die Universität verwaltete ihre An-
gelegenheiten mit gröfster Selbständigkeit und wachte eifer-
süchtig über deren Wahrung. Nun gebärdete sich plötzlich
ein neuer Stand als der erste auf der Welt, zusammengesetzt
zum guten Teil aus hergelaufenem Gesindel, von ungebildeten
und rohen Offizieren geführt, aber dank der kriegerischen
Zeiten unentbehrlich und schnell emporgekommen. Der Soldat
fühlte sich als Herr der Gegenwart und, wie er ahnte, auch
einer langen Zukunft. Der Akademiker wollte aber und
konnte nicht vergessen, dafs er in der Vergangenheit der
Gebieter gewesen ; mit Verachtung sah er auf die Eisenfresser
herab, die, so hoffte er, in besserer Zeit bald wieder in ihr
Nichts versinken würden. So mufsten die beiden Stände mit
ihren Ansprüchen scharf aufeinanderplatzen. Nichtnur in Leipzig
ist das damals geschehen. Auch aus Frankfurt a. O. z. B. er-
fährt man aus dem Jahre 1627, dem ersten Jahre der Be-
satzung der Stadt durch kaiserliche Truppen, von allerlei Zu-
sammenstöfsen zwischen Garnison und Universitätsangehörigen.
Und zu einer gewissen Berühmtheit sind die Konflikte ge-
langt, die noch Dreivierteljahrhundert später in Halle die
Studenten mit den preufsischen Truppen des ,, alten Dessauers"
bestanden.
In trefflicher Weise illustriert diese hafserfüllte Stimmung,
die sich in Leipzig bei den Studenten gegen das anspruchs-
volle Militär und insonderheit gegen seinen Herrn und Meister
Schleinitz angesammelt hatte, ein kleines Spottgedicht, das
sich handschriftlich auf der Königlichen Bibliothek zu Berlin
befindet. Und da es auch als Beispiel echter urwüchsiger
Volkspoesie in wohltuendem Gegensatz steht zu der gespreizten
platten ,, Kunstpoesie" jener Tage, so mag es hier im Ab-
druck seine Stelle finden.
„Eigendtliche vnd wahrhafftige beschreibung der zwischen
einem Studenten vnd General Jochims Regiment gelieferten Schlacht.
Geschehen den 24. Martij Ao. 1642. An Monsieur Don: Signeur Herr
Ku'p'.e Jochim Flegel (wolt sagen Kleinwitz) oder Schleinitz."
Joachim von Schleinitz.
193
Jochim vnd Sein Narr Andrefs^)
War'n auf ein Studenten böfs
Vmb ein Schlechte sache;
Stierisch, flöhmisch sachens aufs,
Vber d'Leber hef ihm d'Laufs —
Jochim wirdt's wohl machen.
Thät also bald drauf comandiern
Die Scharwacht vmb zu charchirn
Mit einem Studenten,
Wie im Kriegen sich's gebührt,
Darinnen er gar versiert —
Jochim wirdt's wohl machen.
Da nun er der Heros kam.
Mit der Macht zue fallen an
Den Jenign Studenten:
Nam er sich in guete Acht,
Wie er's sonsten Allzeit macht —
Jochim wirdt's wol machen.
Der Student gar nicht entlieflF,
Sonder wider frisch angrif
Die Feigen Soldaten;
Thät frey auf Sie zu marschirn,
Hawen, Stechen, Scharmuciern —
Jochim wirdt's wohl machen.
Da difs fühlet difs gesindt,
Wollen Sie aufs forcht geschwind.
Wie ihr brauch, entlauffen.
Einer Sprach: das Gott erbarm,
Wie wirdt mir mein Strumpf so
Jochim kan nichts machen, [warm!
Da difs Wimmern wird gehört,
Jedermann die Flucht begert
Nach der cor de guardi.
Jochim ab'r vnd sein Andrefs
Schrej^en frisch vnd waren böfs —
Jochim wil's wol machen.
Durch difs grosse Feldgeschrey
Lieff" die Soldatest herbey,
-^ue fahen den Studenten;
Wie dann auch wardt expedirt
Weil er sie allein carchirt.
Jochim kan difs machen.
Darob grosse Frewdt endstand,
Die victory durch das Land
Jochim liei's aufsrueffen,
Das er mit authoritet
Ein Student'n Bezwungen hat —
Difs kan Jochim machen.
Darauf Jochim halten thät
Einen Rhat, mich recht versteht
Mit seinem klugen rathe;
Damit der Student verwarth
Wurde nach Soldaten Arth —
Jochim weist's zue machen.
Anderefs nicht Sparen wolt
Seine Klugheit, weil er solt
Guten Lohn empfangen.
Sprach: O Vatter, ey lafs ihn
Führen zum Gefangnen hin,
Vatter, wirst's wohl machen!
Ey, Sprach Jochim, das Ist guet,
Bruder mein, Andrefs, dein Huet
Stecket voller Klugheit.
Lasfs vns trinckhen, frölich sein,
Meissen Ist ganz mein vnd dein —
Ich, Ich wil's wol machen.
Darauf sprach der Tapffer Man
Ihr Soldaten, greiflfet an
Den Dieb, den Studenten!
Ins Stockhaus thut mir ihn führn,
Ich will ihn lahn decoliieren,
Jochim wil's wol machen.
Weil nun Jochim approbiert
Hat Andrefsens Rhat, drumb spürt
Seine Thorheit eben.
Wie der Rhat, so Ist der Herr,
Was darf man für Zeugknufs mehr.
Jochim weist's zu machen.
Aber, Jochim, weifst Du nicht,
Wie dort Jener Canon spricht
Von Vnsern Studenten?
Dafs Sie feste Hälse han.
Wirst Sie ihn nicht abeschlan.
Jochim kan nichts machen.
Gott ein rechter Richter ist.
Welcher Straft't zu aller frist
Der Studenten Feinde,
Liefs auch sein Gerechtigkeit
Sehen an Jochim zur Zeit —
Joch'm kundt's so nit machen.
') Über die Persönlichkeit dieses ,, Andreas" — mit dem viel-
leicht ein Oflizier aus des Generals Umgebung gemeint ist — habe
ich Näheres nicht zu ermitteln vermocht.
1^4 J- H- Gebauer:
Schaffte das sein einige Frewdt, Darumb, Jochim, kom heran,
Die Meer Katze, wurdt zur beut Wiltu sein ein weiser man,
Dem sehr fromen Völckhlin, Soitu mir jetzt folgen:
Dafs'r mit Schaden Kitiger würdt, Die Studenten Lasfs passiern,
Nicht Studenten mehr vexiert — Sie werden Sonst dich mehrAgirn!..
Jochim solt's so machen. Jochim wirdt's so machen.
Eine hübsche frische Studentenfehde also wider den an-
mafsHchen Kommandanten, der nun gegenüber der verbrieften
Universitätsgerichtsbarkeit nicht allein seine dreisten Pläne
aufgeben mufs, sondern auch die Rache der gekränkten Kom-
militonen in der Hinmordung seiner geliebten Meerkatze er-
fährt ^). Was Wunder, dafs das Liedchen schnell bekannt
wurde und dafs seine leicht fliefsenden Reime bald auf den
Gassen erklangen. Der lustige Dichter — oder hatten mehrere
witzige Burschen sich hier zu edler Kumpanei zusammen-
getan? — fand auch Nachahmer, die in der Weise seines
Poems den verhafsten General weiter zur Zielscheibe ihres
Spottes nahmen; besonders der Kehrreim ,, Jochim wirds wohl
machen" erwies sich als ,, Schlager", den man nun immer
aufs neue verwandte. Hiefs es doch, dafs Johann Georg
Bittsteller regelmäfsig mit diesen Worten an seinen allmächtigen
Günstling wiese'-}.
') Die Vorliebe für Meerkatzen scheint bei den Soldaten damals
ziemlich verbreitet gewesen zu sein. Auch T1II3' liebte sie und die
Affen sehr, so dafs man in der Mark zu sagen pÜegte: „Da kommt
Tilly angezogen mit seiner Meerkatze''. (Vgl. Sam. Buchholtz,
Versuch einer Geschichte der Churmark Brandenburg III (Berlin
1767), 615.
'^) Höchst bezeichnend ist in dieser Hinsicht auch der Bericht
des Chemnitz (Schwedischer Krieg IV, 2, 148), wo er bei der Über-
gabe Leipzigs durch Schleinitz spöttisch bemerkt: „Hatte es also
Jochim diesmahl nicht wol gemachet!" In handschriftlichen Auf-
zeichnungen des zeitgenössischen Brandenburger Dompfarrers Heui-
sius, der dem Schicksal Schleinitzens eine längere Darlegung widmet,
linden sich unter dem Jahre 1644 die Anfangsstrophen eines Ge-
dichtes auf Schleinitz, das sich als genaues Seitenstück zu dem
oben mitgeteilten darstellt und wohl auch in den Kreisen der
Studenten seinen Verfasser hat, im übrigen aber nach den erhaltenen
Proben mehr durch Derbheit als durch Witz ausgezeichnet gewesen
zu sein scheint. Es lautet wie folgt:
Jochim, hör zu ein mahl Jochim, deine Titel man
Aller Flegel General Nicht wol all erzehlen kann
Nicht viel wort ich mache. Kanst die rechnung machen,
Monsieur Jochim, horestu nicht, Doch soll itzt mein warer reim
Mein lied ist auf dich gericht. Nur dir wenig schencken ein,
Jochim wirds wol machen. Jochim wirdts wol machen.
Hlutaussauger, Bürgerfeind,
Bawrenplacker etc.
Joachim von Schleinitz. ige
Beinahe vier Jahre hatte der Generalkommissar so seinen
Leipziger Kommandantenposten zwar in steter Fehde mit Rat
und Universität, aber von äufseren Feinden unbedrängt ver-
walten können. Da zog im Oktober 1642 der Schwede von
neuem heran. Torstenson überschritt, von der Lausitz aus
die Elbe aufwärts rückend, den Flufs bei Torgau und wandte
sich plötzlich gegen Leipzig.
Die Besatzung der Stadt bestand nur aus zwei Kom-
pagnien Fufsvolk und einer Schleinitzschen Reiterkompagnie,
insgesamt 400 Mann. Aber Bürgerschaft wie Kommandant
waren entschlossen sich zu halten, da im Abstand weniger
Tagemärsche das kaiserliche Heer dem schwedischen folgte,
mithin auf schnellen Entsatz zu rechnen war. Aus ihrer
eigenen Mitte warben die Bürger neue Verteidiger, bezogen
auch selbst die Wachen, schanzten und fochten. Und der
Erfolg krönte solchen Eifer. Torstenson vermochte trotz
heftiger Beschiefsung die Stadt nicht zu gewinnen, mufste
vielmehr am i. November die Belagerung ganz aufheben,
damit ihm das kaiserliche Heer unter Erzherzog Leopold
Wilhelm, zu dem inzwischen auch noch sächsische Regimenter
gestofsen waren, nicht seine rückwärtigen Verbindungen ab-
schnitte. Er nahm nun bei Breitenfeld, eine Meile westlich
der Stadt, seine Stellung.
Die Freude der Leipziger über ihre Befreiung währte
indes nicht lange. In der Frühe des 2. November brachte
Torstenson den Verbündeten eine vernichtende Niederlage
bei, und schon am Nachmittag erschien er wieder vor den
Toren der alten Handelsstadt.
Die Vorgänge, die sich um und in Leipzig in den nächsten
Wochen abspielten, sind zu bekannt, als dafs sie hier noch
einmal anders als in den gröbsten Zügen dargestellt zu werden
brauchten. Von vornherein hatte man in der Stadt weni»;
Vertrauen auf nochmalige Abwehr der Schweden; denn auf
Entsatz war nach dieser Niederlage kaum zu hoffen, und
Schleinitz hatte während seines vierjährigen Kommandos so
gut wie nichts für den Fall einer langwierigen Belagerung
gerüstet^). Es mangelte Proviant wie Munition, Holz zum
Brennen und zum Verbauen. Und dazu verschärfte sich noch
die Uneinigkeit zwischen Bürgerschaft und Rat wegen der
Kontribution und der Hafs beider mitsamt der Universität
gegen den Kommandanten. Schnell war man denn auch
beim Parlamentieren , und da Torstenson seine Laufgräben
1) Böttger S. 38.
1^6 J. H. Gebauer:
währenddessen immer näher an die Stadt und an die Pleifsen-
burg herantrieb und durch energische Beschiefsung zumal
dem Schlosse zusetzte, so liefs sich Schleinitz, obwohl er an-
fangs der drängenden Bürgerschaft erklärt hatte, er wollte
sich wegen einer schlechten Kapitulation in seinem hohen
Alter nicht noch den Kopf vor die Füfse legen lassen,
am 6. Dezember doch zur Übergabe von Stadt und Feste
herbei.
Eine solche Übergabe würde man bei ihnen nicht erleben,
äufserten später schwedische Offiziere im Hinblick auf diesen
Akkord. Und in der Tat hatte Schleinitz nicht nur unzweifel-
haft voreilig kapituliert — der Oberstleutnant Trandorf er-
klärte, er würde das Schlofs noch eine Woche haben halten
können, und das gleiche versicherte hinsichtlich der Stadt der
Oberstleutnant von Rohrscheidt — , sondern er hatte auch
das Interesse der Stadt und Universität nicht im mindesten
gewahrt. Nur für seine Truppen hatte er gesorgt; selbst die
geflüchteten Kaiserlichen lieferte er den Schweden in die
Hände. Zugunsten der Stadt vollends war gar nichts be-
dungen, vielmehr hatte der Kommissar, so behauptete man
wenigstens später, den Feinden mündlich die Bürger als
,, widerwärtige Leute rekommandiert". Er selbst machte frei-
lich auch geltend, Universität und Bürgerschaft hätten ihm
nur Hindernisse bereitet und früher von Torstenson geradezu
die Weisung entgegengenommen, ,,dem Alten den Hals zu
brechen". Jedenfalls zieh ihn die allgemeine Volksstimme der
Pflichtvergessenheit, und der alte Hafs machte sich auch
diesmal wieder in allerlei Schmähgedichten Luft. So „dichtete"
man ihm in Leipzig folgende Verse ^):
„Wer mit lahmen Hunden hetzet,
„Das Messer auf einem Peltz wetzet,
„Leipzig mit Schleinitzen besetzet,
„Der hat übel gehetzet, gewetzet und besetzet".
Und ein anderer Reim lautete:
„Schleinitzer Witz
„Keyserlich Geschütz
„Erfurter Munition-)
„Hat Leipzig gebracht in Contribution".
M E. Kroker, Leipzig in Liedern und Gedichten des dreifsig-
jährigen Krieges (Schriften des Vereins für die Geschichte Leip-
zigs, V, Leipzig 1896.) S. 94. Den zweiten Reim führt auch Chemnitz
an a. a. O.
-) Erfurt hatte den belagernden Schweden Munition geliefert.
Joachim von Schleinitz. i^y
Und ein langatmiges Gedicht über die Belagerung^) kündigt
bereits dem Schuldigen Bestrafung an:
„Es kann kein Mensche nicht das Ding vor billig; sprechen,
„Auch wird die Obrigkeit und Gott sich an den rechen
„Der vns so vbergibt, die wolgeplagte Stadt
„Hat keine schuld durch aus an dieser losen that".
Auch die städtischen Behörden schlössen sich alsbald
dem öffentlichen Wahrspruch wider den Generalkommissar
an. Kaum nämlich hatten seine Truppen die Stadt geräumt,
um von schwedischen Abteilungen nach Dresden geleitet zu
werden, als Rat und Bürgerschaft einen eingehenden Bericht
über die Verhandlunoren der letzten Zeit und insonderheit über
des Kommandanten Haltung an den Kurfürsten abschickten.
Die Klagen fielen diesmal bei Johann Georg auf guten
Boden. Hatte er doch, von den Leipzigern durch wieder-
holte Botschaft um Verhaltungsmafsregeln gebeten, die Ver-
teidigung bis zum äufsersten anbefohlen; und überdies hatten
ihm sowohl der Erzherzog Leopold Wilhelm wie der Kaiser
selbst Entsatz in Aussicht gestellt.
So war der Empfang des Generals bei dessen Ankunft
in Dresden am Vormittagf des 12. Dezember nicht eben
freundlich. Noch am Nachmittag soll Johann Georg dem
Kommissar befohlen haben, seine Rechtfertigung schriftlich
aufzusetzen.
Man sieht über die Anfänge der nun folgenden Unter-
suchung gegen Schleinitz nicht recht klar. Wunderbar ist
vor allem, dafs der Generalkommissar noch bis zum Schlufs
des nächsten Jahres im militärischen Dienst geblieben zu sein
scheint"). Das mag sich daraus erklären, dafs es zunächst auf
die sehr langwierige Beschaffung des für ein kriegsgericht-
liches Verfahren notwendigen Materials ankam, die der Kur-
fürst seinem Geheimen Ratskollegium anvertraut hatte. Da-
neben erhielt auch der Generalschultheifs der Armee die
Weisung, die ,,Inquisitorialartikel" gegen Schleinitz aufzu-
stellen^). Da er die zahllosen Bezichtigungen schliefslich erst
in 124 Punkten zu vereinigen imstande war, so mag man sich
ein Bild von der Schwierigkeit dieser Voruntersuchung machen "* ).
Als man dann den Kommissar darüber hörte, mühte er sich
1) Die Belagerung für Leipzig, 1642 In Teutzsche Reime ge-
bracht von Einem Mitbelägerten. Erffurt | . . . 1643. Kgl. Bibl,
Dresden Hist. Germ. C. 573. 15.
^) Schleinitzsche Geschlechtsgeschichte S. 243.
^) Befehl an den Generalschultheifs vom 19./29. Januar 1643.
*) Die weitschichtigen Akten darüber im St. A. Dr. besonders
Loc. 9258.
198 J. H. Gebauer:
natürlich, seine Schuld zu mindern, wobei er neben dem
Obersten von Trandorf auch den verantwortlichen Leiter der
Ingenieurarbeiten Dr. Christoph Pinckert, insonderheit aber die
Leipziger der Pflichtversäumnis oder mangelnden Energie
anklagte. Besonders steifte er sich darauf, nicht er habe
sich bei den Kapitulationsverhandlungen von den Städtern,
sondern diese hätten sich bei den Kapitulationsverhandlungen
von ihm getrennt. Unter solchen Umständen mufste ein Heer
von Leipziger Zeugen vernommen und konfrontiert werden,
was sich als eine ungeheure und im vollen Umfange sogar
ganz unausführbare Aufgabe erwies. Denn der schwedische
Kommandant von Leipzig, Oberst Schulmann, verweigerte
den nach Dresden Vorgeladenen grundsätzlich die Pässe, und
ein Zeugenverhör an Ort und Stelle ging nicht an, solange
Leipzig in den Händen der Feinde war. Aus dem Rat hatte
sich allerdings auf eigene Gefahr der eine oder andere in
Dresden eingefunden, besonders diejenigen, gegen deren
Haltung bei der Untersuchung Klage laut geworden war und
die sich rechtfertigen zu können meinten. Die hielt man
nun zurück und verhörte sie immer wieder, liefs auch Schleinitz
und die anderen auf ihre Aussagen schriftlich und mündhch
antworten.
Die Anklage gegen Schleinitz, dessen Lage mittlerweile
auch der Umstand verschlechtert zu haben scheint, dafs er
für die letzten Jahre die Rechnungsabschlüsse seines General-
kommissariats nicht beibringen konnte, verdichtete sich in-
dessen so weit, dafs ihm Anfang Mai 1644 der Generalauditeur
Noa Johann Coccei in des Kurfürsten Auftrag den Arrest
ankündigte. Da er bereits schwer leidend war und man auch
seine früheren Verdienste in Anschlag brachte, so wurde ihm
jedoch auf seine Bitte gestattet, den Arrest im eigenen Hause
zu halten.
Im Juli 1644 war die kriegsgerichtliche Untersuchung
bis nahe vor die Urteilsfällung gediehen. Damit kein Fehl-
spruch erfolge, vielleicht auch, um neben dem vermutlich
harten Votum der Militärs ein milderes für den alten Freund
zu erhalten, übergab Johann Georg die Leipziger Sache jetzt
noch einem Ausschufs von sieben namhaften Juristen zur
Begutachtung (9./19. Juli).
Da entrückte ein mitleidiger Tod den Generalkommissar
kurz vor der Urteilsverkündigung einer beschimpfenden Strafe.
Am 31. Juli erlag der 68jährige Mann seinem durch die Auf-
regungen des letzten Jahres gesteigerten Steinleiden. In aller
Stille wurde die Leiche nach Schieritz überführt und dort ohne
Joachim von Schleinitz. loo
Zeremonien — so hatte der Kurfürst angeordnet — bestattet^).
Johann Georg zeigte dennoch nicht übel Lust, des Ver-
storbenen Hinterlassenschaft an Lehen und Erbe einzuziehen-).
Aber die Juristenkommission, darüber befragt, erhob Bedenken,
wenngleich auch sie Schleinitz für schuldig erachtete, ,,den
üblen Accord heimlich, arglistig und gefährlicher Weise der
Stadt Leipzig zu vorsätzlichem Schaden geschlossen" zu haben.
Nur die zum eigentlichen Erbe gehörigen Besitzungen des
Kommissars nebst seinem Dresdner Hause, entschied sie,
dürfe der Kurfürst einziehen und vorläufig gerichtlich beleoen,
nicht aber die alten Lehnsgüter, da hier ja auch andere
Geschlechtsgenossen Mitbelehnte seien. Tatsächlich finden
wir die Schleinitzschen Besitzungen in der nächsten Zeit unter
Sequester der kurfürstlichen Amtskammer.
Der endgültige Abschlufs des Prozesses erfolgte im
Oktober 1644. Die Brüder des Verstorbenen, Heinrich von
Schleinitz, der seit langen Jahren als Oberst über ein Kavallerie-
regiment in kursächsischen Diensten stand, und Christoph von
Schleinitz, kurfürstlicher Kammerjunker, erreichten es beim
Kurfürsten, dafs Gnade vor Recht erging. Die dem Gesetze
nach zulässigen Einziehungen fanden nur in sehr beschränktem
Mafse statt, und sollten wohl mehr noch die Sühne bilden für
die fehlende Rechnungsablage als für die Leipziger Übergabe.
Bis über das Grab hinaus aber bheb Schleinitz der Hafs
derjenigen treu, die in ihm einst als Studenten ihren unleid-
hchen Widersacher gesehen hatten; und einer von ihnen, ein
Theologe'^), schliefst seine Bemerkungen über den tragischen
Untergang des Gefürchteten mit den Worten: So verachtete
Gott die, welche ihn verachteten'^).
1) Schleinitzsche Geschlechtsgeschichte S. 245.
■'') St. A Dr. Loc. 9258. Der Herren Geheimen Räte etc. Bedenken.
ä) Der oben (S. 194 Anm. 2) erwähnte Brandenburger Pfarrer
Heinsius, der offenbar selbst als Student Schleinitz' Gewalttätig-
keiten gegen die Akademiker kennen gelernt hatte.
■*) Der unglückliche Trandorf hat bis zu seinem Ende im Früh-
jahr 1650 in Haft gesessen, ohne dafs der Prozefs wider ihn zum
Abschlufs kam, da Leipzig noch immer in Händen der Schweden
war. Nach seinem Tode beantragte der Generalauditeur Coccei
selbst, man möge wenigstens seine Hinterlassenschalt der Witwe
ausliefern, da nachgewiesenermafsen Schleinitz der Hauptschuldige
gewesen sei. Der Dr. Pinckert flehte ebenfalls Jahre hindurch ver-
geblich um Befreiung aus seiner „Custodei". Sie scheint ihm nicht
zuteil geworden zu sein, obwohl sich Pinckert einst anerkannte
Verdienste um die Einrichtung der Akzise in Leipzig erworben
hatte. Jedenfalls war er noch 1648 in Dresden als Gefangener.
VI.
Das Zeithainer Lager von 1730.
Von
Hans Beschorner.
(Schlufs.)
6. Der Tafelluxus.
Was an Tafelluxus im Zeithainer Lager geleistet wurde,
kann man zum Teil schon aus der dem ,, Feldlager oder Dia-
rium" beigegebenen „Tafelliste" (s. diese Zeitschrift XXVII,
I20 Nr. 31) und den Angaben bei von Mansberg (S. 294),
6 Byrn (S. 108) u. a. über die Tafeln, ihr Service und ihre
Bedienung ersehen. Die zwölf Tafeln, von denen drei mit
goldenem, fünf mit silbernem und vier mit zinnernem Service
gedeckt waren, hatten eine Länge von je 13 Ellen 6 Zoll und
eine Breite von 3 Ellen 10 Zoll. Zu jeder gehörten acht
2 Ellen lange und fast ebenso breite Beitische für das Silber
und Getränke. Sechs Reservetafeln und sechzig Reserve-
tische wurden bereit gehalten. Alle diese Tafeln und Tische
waren von dem Hoftischler Hose, der auch den Pavillon
mit sieben 4 Ellen langen und 3 Ellen breiten Tafeln versah
und die Zelte mit 200 Tischen und 300 Lehnbänken ausstattete,
neu gefertigt.
Was die Hofhaltungen in Dresden, Warschau, Moritzburg,
Pretzsch usw. an Tischwäsche und Service besafsen, mufsten
sie nach Radewitz schicken. Vieles mufsten sie erst instand
setzen lassen, die Dresdner Hofhaltung z. B. das ältere Zinn,
das, aus 8 Potage-, 20 Mittel- und 100 kleinen Schüsseln,
120 Assietten, 50 Küchentellern, 400 Tafeltellern, 40 Salz-
fässern, 12 Suppenschalen, 150 Leuchtern und 20 Bechern be-
Das Zeithainer Lager von 1730. 201
stehend, für 953 Tlr. „nach der Form des Silbers" umgegossen
wurde (OHA. II f. 182 f.; Loc. 354 „Aufsatz zur Neujahrs-
messe 1732"). Aufserdem mufste natürlich viel neu an-
geschafft werden. So wurden nach OHA. II f. 182 f. an Lein-
wand gekauft: 20 Stück damastene Tafeltücher, jedes 16 Ellen
lang und 6 Ellen breit, 150 Rehttücher von guter Hausleinwand
auf Silber-, Schäiik- und Speisetische, 200 Mitteltücher zum
Abtrocknen, an neuen tuchenen und ledernen Teppichen als
Unterlage für die Tafeln für 585 Tlr. (Loc. 900 f. 18 f.), an
Service i. ,,ein gantz silbern Service, welches in Leipzig
verfertiget und von da ins Campement geliefert worden"
(Loc. 35043 f. 65), 2. ,,des Graff Lützelburg Service", das
mit 14000 Tlrn. bezahlt, also nicht einfach dem Grafen weg-
genommen wurde, wie 6 Bym S. 109 Anm. i meint, 3. das
von 6 Bj-m S. 105 genauer behandelte ,,in Berlin bestellte
Silber", das 1408 Tlr. kostete, 4. ,,eine in Leipzig bestellte
Plat de menage", 5. ,,zwei grofse zinnerne Tafelservice von
enghschem Zinn, welche allhier (in Dresden ?) für 2160 Tlr.
verferttiget werden", 6. ,,ein Tafelservice, zu dem der Mahler
Wibelt unterschiedene Zeichnungen für 130 Tlr. lieferte",
7. ,,vier grofse englische zinnerne Tafelservice, welche von
London anhero kommen" und 5500 Tlr. kosteten, 8. ,,zwei
in Leipzig erkaufte weifse silberne Epargnen (s. u.) und vier
Terrinen", usw. An Silber ging auf die neuen grofsen Tafel-
service, die 2365 Tlr. Macherlohn erforderten, 5335 Tlr.; die
„Augmentation des silbernen, doppelt matt vergoldeten Tafel-
services" kostete aufserdem noch 4000 Tlr. ^)!
In welcher Weise die Königstafel bei den drei Gängen
mit dem goldenen Service, dessen Stücke ö B\Tn S. 103 auf-
zählt, gedeckt war, veranschaulichen drei grofse Zeichnungen
in OHA. I f. 96 — 98. Bei den ersten beiden Gängen, die
aus je 42 Gerichten zur Auswahl bestanden, bildete ein kunst-
voller Tafelaufsatz, eine sogenannte Epargne (vgl. 6 B^rn
S. 105 Anm. i), den Mittelpunkt der Anordnung. Um diese
gruppierten sich Potage-, grofse, mittle und kleine Schüsseln,
Assietten und Küchenteller, 48 an Zahl, die 24 Speiseteller
nicht mit gerechnet, von denen allemal einer den Mittelpunkt
jedes Gedeckes bildete. Was an Messern, Gabeln und Löffeln zu
dem ,, grofsen goldenen Service" und zu dem sogenannten
,, Pohlnischen Service" gehörte, lernt man aus dem ,,aller-
unterthänigsten Vortrag" Loc. 1056 I f. 146^ kennen. Ganz
^) Vgl. Loc. 1064 f. 278 — 284 und Loc. 352 an verschiedenen
Stellen.
202 Hans Beschorner:
besonders kunstvoll war die Anordnung beim dritten Gange,
„dem Konfektaufsatz"
Aufser Gold, Silber und Zinn wurde bei den Tafeln,
namentlich bei dem dritten, süfsen Gang und dem hinterher
gereichten Kaffee (vgl. 6 Byrn S. iii), Porzellan verwendet,
d. h. fremdländisches; denn dafs Meifsner Porzellan im Rade-
witzer Hauptquartier gebraucht, ja dafs hier, wie man vielfach
lesen kann, zum erstenmal von Meifsner Porzellan gegessen
worden sei, läfst sich urkundlich wohl kaum nachweisen. Die
Fabel beruht entweder auf Mifsverstehen der Worte des
Staatskalenders J 4 Sp. 2 (dazu OHA. I f. 26): ,, Unter
ersteren [Zelten] speisten dieses Mahl [d. h. bei der Verab-
schiedung des Preufsenkönigs] die Könige mit der ganzen
Suite auf Porcellain", oder auf der einfach aus der Luft ge-
griffenen Erzählung des von Engelhardt (vgl. diese Zeitschrift
XXVII, 121 Nr. 34) benutzten Lagerpredigers, der nach
Engelhardt S. 71 berichtete: ,,Man speisete diesmal auf Por-
zellan, damals eine Seltenheit, die alle fremden Herrschaften
nicht genug bewundern konnten; denn Böttcher, der Erfinder
des Porzellans, war noch nicht lange tot. Als Friedrich
Wilhelm den ersten Teller in die Hand nahm, soll er lachend
gesagt haben: Der heillose Apothekerbursche hätte wohl
auch in meinem Berlin bleiben können. Das braune Zeug
ist besser, als ich mir's imaginiret". An Porzellan, soweit
es für Tee, Kaffee und Schokolade gebraucht wurde, besafs
die Hofkonditorei (bez. die Hofsiiberkammer) einen kleinen
Vorrat, nämlich nach der Spezitikation vom 22. April 1730
(OHA. II f. 1991.) I. ,,an Jappanischem Porcellain auf die
drei goldenen und die Dames -Taffein a) 21 Choccolade -Tassen
(dabei 10 ohne Henkel), b) 21 Coffee -Tassen und c) 16 Thee-
Tassen, II. an schlechtem Porcellain auf die vier silbernen
Tafeln a) 2 Coffee- und b) 11 Thee -Tassen". Aufserdem
waren noch 8 Paar Teetassen da, die aber teils zu klein,
teils zu bestofsen waren, ,,so dals man sie füglich niemand
praesentiren konnte". Der Bestand langte natürlich nicht
entfernt für den Aufwand des Zeithainer Lagers. Es fehlten
von I^ mindestens 11, von I'' 27, von I'^ 32, von 11^ 46,
von IP 37 Stück, aufserdem alle gröfseren Schüsseln und
Terrinen, die bei den ersten beiden Gängen zu Salaten und
ähnlichen Gerichten nötig waren. Die Hofsilberkammer bat
deshalb um Ergänzung ihrer Bestände für die Dauer des
Campements aus dem Holländischen Palais, wo damals die
kostbare Porzellansammlung des Hofes untergebracht war;
vgl. J. Louis Sponsel, Kabinettstücke der Meifsner Porzellan-
Das Zeithainer Lager von 1730. 203
Manufaktur von Johann Joachim Kandier (Leipzig 1900). Der
König entschied aber am 20. März 1730 (vgl. OH A. 11 f 1991'.;
danach die Beiferkungen bei 6 Byrn S. 112), ,,dafs das be}'
der Küche und Conditore}- benöthigte feine Porcellain nicht
aus dero Vorrath [im Holländischen Palais] hergegeben werden
sollte, dazumahl alle erforderten Sorten daselbst nicht zu be-
finden seien. Der Oberkammerherr Graf Friese[n] solle sich
vielmehr umthun, solches zu erkaufen". Er wandte sich des-
halb an die Madame Elsabeth veue de Bastouches, die ein
grofses Porzellanlager in Dresden hatte (vgl. 6 B3Tn S. 112
und Sponsel a. a. O. S. 11 f.). In ihrem Gewölbe fanden sich
I. ,,an Japanischem Porcelain a) 24 Paar Coffeetassen , jedes
Paar ä 20 Gr., b) 10 Paar dergleichen andere Fagon ä 20 Gr.,
c) 12 Paar Theetassen ä 18 Gr., d) 12 Paar dergl. andere
FaQon ä 18 Gr., e) 24 Paar dergl. noch andere Facon ä 18 Gr.
und f) 21 Stück Choccoladetassen mit Henckeln ä 16 Gr.,
II. an auswendig ganz braunem, inwendig aber blau und
weifsem Indianischen Porcelain a) 60 Paar Coffeetassen, jedes
Paar ä 12 Gr., b) 20 Paar dergleichen andere Facon ä 12 Gr.,
c) 60 Paar Theetassen ä 10 Gr. und d) 12 Paar dergl. andere
Facon ä 10 Gr., III. an blau und weifsem Indianischen Porcelan
48 Stück Chocoladetassen mit Henckeln ä 12 Gr., in summa
für 177 Tlr. 8 Gr. ohne Moderation." Davon kaufte der Hof
durch den Vize -Hof -Sekretarius Gleichmann, nach vorheriger
Besichtigung durch den Baron Le Plat und Mr. Teuffer,
a) „12 tasses ä chocolade, b) 24 ä caffee, c) 36 ä thee, alles
in Japanischem Porcellan", gab aber nicht die vorgeschriebenen
Preise von 16 Gr. für a (das Stück), 20 Gr. für b (das Paar)
und 18 Gr. für c (das Paar), sondern nur 9, 14 imd 14 Gr.
Die Frau de Bastouches, die sich wegen Krankheit seit längerer
Zeit schon nicht mehr um ihr Geschäft kümmern konnte, ging
auf den Handel ein. In einem Briefe, Ziesar, den 30. März 1730,
schrieb sie, ,,sie habe das Porzellan zwar nicht gesehen, könne
daher auch den Preis nicht wissen. Sie sei aber mit allem
einverstanden. Sie würde Sr. Excellens, der, wie sie wisse,
nur Rechtes verlange, ihre ganze Boutique auch umsonst
geben".
Da aber diese von der Bastouches erhandelten Porzellan -
tassen noch nicht langten und ,,die andern Dresdner Kauff-
leuthe dergleichen nicht in solcher Quantität und nach dem
Mafse hatten, schrieb Friesen deshalb nach Amsterdam und
ordinirte solche[s] Porcellain von dahero". Es traf am 25. Mai
durch Vermittlung des Leipziger Bankiers Dumont im Lager
ein (OHA. I f. ^^l). So war das Kaffee-, Tee- und Schoko-
Neues Archiv f. S. G. u. A. XXVIII. 3. 4. I4
2D4
Hans ßeschorner;
ladenporzellan beschafft. Noch fehlten aber die Schalen,
Schüsseln, Terrinen und Näpfe für die beiden Gänge der
Mahlzeit und für den Konfektgang, nämlich, \vie im einzelnen
Loc. 1064 f. iigf. genau angegeben ist, I. für die Küche
6 Stück Schalen zu 20, 16 zu 16V2, 28 zu 15 Zoll und 2 grofse
Terrinen mit Decker, IL für die Konditorei 2 Stück Schalen
zu 20, 10 zu 16^2, 128 zu 15 Zoll und 88 Milchnäpfe. Da
•diese Stücke in der Eile nicht aufzutreiben waren oder da
auch vielleicht das Geld zu anderen Dingen nötiger gebraucht
wurde, so gab der König schliefslich doch noch seine Ein-
wilHgung, dafs aus dem Holländischen Palais folgende Porzellane
ausgeliehen wurden (OHA. II f. 199!; Loc. 773 Das Schloss
zu Dressden angehende Sachen 1676 — 1778 f. 93f.): I. an
Jappanischem Porcellan a) 5 Stück Mittelschüsseln Nr. 206
und 207, b) 58 Stück kleinere, und zwar von Nr. 210: 8,
209: 6, 211: 3, 126: 3, 14: 4, 15: 7, 28: 8, 294: 13, 21: 2,
133- 3> ^9- I' c) 53 Stück grofse Terrinen oder Spühlcompen
ohne Deckel, nämlich von Nr 23: 4, 79: 2, 80: 2, 88: 5,
96: 2, 81: I, 69: 6, 30: 4, 72: 6, 89: 8, 197: I und
„12 Stück ohne Nummer, so der Madame Bastuchen zu-
kommen", II. an blau und weissem Indianischen Porcellan
a) 3 Stück grofse Schüsseln = Nr. 524, b) 92 Stück kleinere
Schüsseln, nämlich von Nr. 138: 6, 137: 27. 301: 30, 510: i,
302: 14, 140: 2, 329: 4, 139: 5, 332: 3, c) 47 Stück Terrinen,
nämlich von Nr. 372: 5, 527: 6, 555: 6, 331: 5, 373: 16,
374- 5' 532 ■- 4- Die Gesamtsumme der ausgeliehenen Stücke
betrug 256. Dazu kam aber noch, ebenfalls am 14. März 1730,
eine Nachforderung von 66 Stück, nämlich i. an Jappanischem
Porcellan a) 5 grofse Mittelschüsseln (von Nr. 12: 4, von
Nr. 132: i), b) 13 kleinere Schüsseln (von Nr. 22: 8, 85: 4,
23: i), IL an blau und weissem Indianischen Porcellan
a.) 4 Stück grofse Terrinen mit Deckeln (Nr. 547) und b) bis
e) 44 kleinere Schüsseln (von Nr. 524: 4, 369: 6, 138: 6,
301: 2 8j.
Die zwölf Tafeln täghch mit ungezählten Speisen und
Leckerbissen zu versehen, war keine Kleinigkeit. Ein ganzes
Heer von Köchen war dazu aufgeboten, u. a. 89 fremde Köche,
28 Beiarbeiter, 43 Küchenmägde und 23 Bratenwenderjungen
(Loc. 1056 Acta varia f. 135!, OHA. II f. 65 f). Die fremden
Köche waren wohl zum gröfsten Teile aus Paris, so die
Küchenmeister Beruteaux (Barutau) und la Rue, die Bei-
köche Roblein (Robelin) und Tappein (Tapinj, der aus
Leyden gebürtige Pastetenbäcker Layderet und der Brat-
koch Bonard, die Graf Divr}- in Paris besorgte (Loc. 900
Das Zeithainer Lager von 1730. 205
f. Syf., Schreiben vom 27. Februar 1730). Die Gräfin Orzelska,
bei der öfters, z. B. am 4. mid 19. Juni, gewählte Soupers mit
anschhefsenden Bällen (entweder ,,auf dem vorderen" oder
,,auf dem hinteren Saale'' ihres Palais, d. h. des Damen-
palais; s. oben S. 96) stattfanden, hatte ihr eigenes Küchen-
personal, darunter sieben fremde Köche, einen Zehrgärtner
und drei Bratenwender (OHA. I f. 13'^ und 21, II f. 67).
Für Beschaffung der nötigen Lebensmittel war in weitest-
gehendem Mafse gesorgt. Täglich traf eine ,,Küchen-Callesche
mit Victualien aus Dresden" ein (OHA. I f. 12; Loc. 900
f. 181.: ,,162 Tlr. Postgeld, die Küchenpost währendem Cam-
pement zu führen"). Das Gemüse hatten die königlichen
Gärtner in Annaburg, Pretzsch und Torgau zu liefern. Für
die fehlenden ,, Gartensachen" mufsten die Leipziger und
Dresdner Hofgärtner eintreten (OHA. II f. 83 — 91), Massen-
haft lieferten sie „Erdbeeren, Artizschocken, grünen und Brech-
spargel, Champignions, Weifskrauth, junge gelbe und weifse
Rüben, Rettiesgen, grüne Petersilie, Petersilienwurzeln, Kräuter-
salathe, Staudensalate, Gartenkresse, Pordulack, frische Gur-
cken, Zuckerschoden, grüne Bohnen, Spinath, Sauerrampf,
Kürbelkrauth, junge Zwiebeln, Porro, Schnittlauch, junge
grüne Chalotten, Basilicum, Lorbeerblätter, Thiemian, Salbey,
Staudenfenchel, Orangenblüthen, allerhand Bluhmen- und
Orangenblätter zum Garniren".
Um immer gehörigen Vorrat an frischen Fischen zu
haben, wurden eigens für das Radewitzer Hauptquartier zwei
Torgauer, zwei Moritzburger Teiche und der Dresdner Stadt-
graben vorbehalten. Lachse lieferte die Elbe mit ihren Neben-
flüssen (Loc. 900 f. 5 5 f.: ,,171 Tlr. den Fischern vor 171 Pfund
Lachfs"), Forellen, die der Schösser in Augustusburg zu be-
sorgen hatte, die Gewässer des Erzgebirges (OHA. II f. 41 f.;
Loc. 35043 f. 50 und 67). Den Amtleuten zu Nossen, Meissen,
Hayn, Mühlberg usw. wurde „schleunigste Fortschaffung . . .
der vorfallenden Fischlieferungen . . . auf jedesmahlige vor-
herige Anzeige des Oberlandfischmeisters" eingeschärft; vgl.
den Befehl vom 13. April 1730 Kop. der II. Rent-Expedition
1730 Vol. I f. 2oof.
Das gemästete Vieh und die geräucherten Waren hatte
der Hofmetzgermeister Johann Georg He3'ne ,,in grofser
Quantität" zu Hefern (OHA. II f. 99), für das Wildpret da-
gegen hatte der Oberjägermeister C. H. von Leibnitz (Leub-
nitz) zu sorgen. Er war dafür verantworthch, dafs jede
Woche ,,2 Kolbenhirsche, 2 Stücken Wild, 2 Wildkälber,
4 Rehe, 4 Frischlinge, 6 alte und 8 junge Hasen, 20 Phaa-
14*
2o6 Hans Beschorner:
sahnen und 50 Rebhühner" eingingen. Da aber mit diesem
,, bisher geUeferten Wildpreth bey der so starcken Aufsspeisung
unmöghch auszukommen war", so mufste er bald noch über
,,die ganz ordenthche Lieferung" wöchenthch ,,4 Hirsche,
6 Rehe, 6 Wildkälber, 8 Frischlinge, 16 junge und alte Haasen"
beschaffen. Aufserdem wurde viel Federwild, namentlich
Fasanen und Rebhühner, aus Böhmen bezogen. Die Vasallen
der Zeithainer Gegend aber, die Mittel- und Niederjagd be-
safsen, durften in der Zeit des Campements kein Wild nach
auswärts verkaufen, sondern mufsten alles, was sie nicht
selbst verzehrten, an die Hefküche abliefern (OHA. II f. 59,
87 f., 99, 192 f., auch mehrere Einträge in den Rentkopialen
der Zeit).
Was die Küchen verwaltvmg, deren oberste Leitung der
Oberküchenmeister von Seifertitz hatte, leistete, können wir
am besten an dem in vieler Hinsicht höchst interessanten
Speisezettel vom 4. Juni 1730 ersehen, der uns OHA. I
f. 82 — 97 erhalten ist und eine gewöhnliche, alltägliche Speise-
folge für den Mittag und Abend bietet, nicht etwa die einer
besonderen Festlichkeit; denn mit dem intimen Feste zu
26 Gedecken, das die Gräfin Orzelska am 4. Juni abends gab,
hat er nichts zu tun. Das Menü ist für sämtliche zwölf
Tafeln aufgestellt. Für jede der durchaus verschieden be-
handelten Tafeln sind, wie dies damals üblich war, zwei
Gänge vorgesehen. Das Servieren dieser zwei Gänge erfolgte
in der Weise, dafs die ganze Tafel mit den verschieden-
artigsten Gerichten besetzt wurde, so dafs sich jeder mit
Hilfe der aufwartenden Bedienung nehmen konnte, worauf
er gerade Appetit hatte. War der erste Gang abgegessen,
folsfte der zweite Gang in einer neuen Reihe von Tellern
und Schüsseln, die an Stelle der leeren gesetzt wurden. Nach
dem zweiten Gange wurde die Tafel gänzlich abgeräumt, das
Tischtuch gewechselt und dann der Konfektgang aufgetragen.
Von dem im wesentlichen gut deutsch abgefafsten Menü,
das bis auf einige unwesentliche Kürzungen vollständig in
einem der nächsten Hefte des ,, Archivs für Kulturgeschichte"
(herausgegeben von Steinhausen) abgedruckt wird, seien hier
wenigstens einige charakteristische Proben mitgeteilt. Der
erste Gang der I. oder Königstafel, der auf 10 Mittelschüsseln,
lo kleinen Schüsseln, 18 Assietten und 4 Küchentellern an-
gerichtet wurde, bestand aus folgenden Speisen: i. zwei Suppen
von Kalbsbouillon mit 8 farcierten jungen Hühnern, frischen
Gurken, Staudensalat und Portulak; 2. zwei Linsensuppen mit
4 jungen zahmen Enten darin; 3. zweimal 56 Pfund englischem
Das Zeithainer Lager von 1730 207
Rinderbraten en ballon, garniert mit Marinade von 12 jungen
Hühnern; 4. zwei 50 Pfund schweren Rindschwanzstücken
naturel mit sauce hachee von gedörrten Trüffeln und Pfeffer-
gurken; 5. zwei frischen, glassierten und gespickten Lachsen
zu je 15 Pfund, garniert mit kleinen Pastetchen von zwei jungen
Kapaunen und drei Schock Krebsen; 6. zwei geräucherten
2 2 -Pfund-Schinken ä la crepine mit Sauce von 2 Pfund Karpfen
und Champagner; 7. zwei Schöpskeulen zu je 18 Pfund, far-
ciert mit 4 Pfund Schweinefleisch und Nierenstollen ä la braise,
dazu Ragout von Karviol; 8. Pasteten ä l'anglaise von 16 Pfund
Rindfleisch und 2 Hasen mit Blut und sauce hachee von
Trüffeln und frischen Champignons; 9. Pasteten von 20 Pfund
Schöpsenkeule mit Ragout von frischen Champignons und
Schinkenessenz; 10. drei Pfund frischem und drei Pfund ab-
gehobenem Lachs mit grünen Schoten ä l'anglaise und Butter;
11. acht jungen Hühnern mit Steinkraut grillee in Papier;
1 2. sechzehn Pfund mitPetersilie gespickter und gebratenerKalbs-
lende und Staudensalat; 13. acht gekochten jungen Hühnern,
farciert mit 3 Pfund Kalbfleisch, 8 Pfund Schweinefleisch und
Rindermark, dazu Ragout von Spargel ä l'anglaise; 14. acht
jungen Kapaunen mit grünen Stachelbeeren; 15. zwölf jungen,
mit Schinken und Speck gespickten Tauben ä la braise mit
Trüff"eln; 16. zehn jungen zahmen Enten, farciert mit Lebern
ä la broche, dazu frische Gurken; 17. acht Poularden mit
Essenz und Ragout von Schinken; 18. acht Pfund Rinds-
kaldaunen en poupiettes, mit 2 Kapaunen farciert, mit Par-
mesankäse paniert und mit sauce hachee angerichtet;
19. zwanzig Pfund grillierten Schweinskoteletten mit warmer
Remoulade; 20. drei en filet gebratenen Kapaunen mit grofsen
Nudeln ä la creme und frischer Butter; 21. gebackenem Reis-
kuchen mit i\-2 Schock Krebsen.
Der zweite Gang dagegen setzte sich aus folgenden 21
Doppelgerichten zusammen, zu denen wieder 10 mittlere,
10 kleine Schüsseln, 18 Assietten und 4 Küchenteller not-
wendig waren: i. Galantine von 36 Pfund Rindsköpfen,
28 Pfund Schweinsköpfen, 6 Pfund frischem Schweinefleisch
und 3 geräucherten Rinderzungen, garniert mit 8 Rinder-
zungen; 2. abgehobenem Truthahn ä la daube'), mit Morta-
dellawurst garniert; 3. kalter Pastete von 4 zahmen Gänsen
en galantine mit 4 geräucherten Rindszungen; 4. gebackenem
Mandelkuchen, garniert mit Torteletchen von Pistaziencreme;
') d. h. nach Zedier, Universallexikon I, 900, „mit Wein, etwas
wenig Wasser, Essig und gantzer Würtze abgekocht".
2o8 Hans Beschorner:
5. Torten von Mandelteig, garniert mit Torteletchen von ein-
gemachten Kirschen und Pistaziencreme; 6. zwei Pfund ge-
bratenem kleinen Frischling, 5 Pfund Wildkalbskeule, 3 Pfund
jungem Reh und 6 jungen Taviben; 7. acht gebratenen jungen
Kapaunen und 8 jungen Hühnern; 8. sechs gebratenen alten
Kapaunen; 9. einem gebratenen Lamm und 8 jungen zahmen
Enten; 10. zehn Pfund gebratenem Wildkalb, 6 Pfund Frisch-
ling, 2 gebratenen Fasanen und 4 Rebhühnern; 11. gebackenem
Creme von eingemachten Orangeschalen und Zitronat; 12. ge-
backenen Spritzkuchen aus dem Schmalze; 13. Apfelsinen-
kompott mit Äpfelgelee; 14. Artischocken mit weifser Sauce;
i5.Profitroles^) mit Ragout von Kalbsmilch, 2 Schock Krebsen,
Spargel und Trüffeln; 16. Spargel mit Öl; 17. Spargel mit
weifser Sauce und Eidottern; 18. Kalbsohren en filet weifs;
19. Brot, mit Pistaziencreme farciert und grilliert; 20. ge-
rollten Eierkuchen, mit Parmesankäse glassiert; 21. Eiern mit
Brot ä la crepine. Überdies gab es noch frischen Gurken-
und Staudensalat.
Der König afs von all diesen guten Dingen nicht mit,
sondern liefs sich folgende Speisen servieren, die offenbar
nach seinem besonderen Geschmacke zusammengestellt waren:
1. neun Pfund Rindsschwanzstück ä Fanglaise mit Petersilien-
sauce und jungen gelben Rüben, weifs, mit frischer Butter;
2. sechs Pfund Schinken mit grünen Bohnen; 3. drei junge
Hühner, mit einem Schock grofser Krebse farciert; 4. Torte
mit Filet von 3 Poularden, Champagnerwein und frischen
Champignons; 5. Schöpskoteletten zu 5 '2 Pfund mit Sauce
von Verjus-); 6. grofse Klöser von Semmel und Speck mit
Filet von einem Truthahn; 7. einen gebratenen jungen Kapaun
und 2 Poularden; 8. vier Pfund gebratenen Wildkalbsrücken
und 2 Tauben; 9. Artischocken mit Eis; 10. Spargel mit Ol;
II. Eierkuchen mit Parmesankäse; 12. Semmeln, gefüllt mit
Pistaziencreme. Salat von frischen Gurken.
1) Zedier, Universallexikon XXIX, 775 : „Profiterols sind kleine
Klöser von Kalbfleisch und Eyern, auch etvas Mehl in Butter".
"-) Zedier, Universallexikon I, 815: „Verjus (Agresta, Om-
phax usw.) ... ist ein Sattt, welchen man aus den grünen, unreitten
und sauren Trauben macht ... Er dienet in der Küchen anstatt
des Essigs . . . Ferner werden auch Agrest genennet eingemachte
Weinbeeren, welche, wenn sie noch hart sind, von den Stengeln
fein gemach abgerissen, rein gewaschen, wieder abgetrocknet, in
einen reinen Hafen gethan, mit abgesottenem Essig übergössen und
beschweret werden. Sie sind anstatt der Oliven zu gebrauchen.
Noch heifset man Agrest den Saflt von unreiffen Trauben, wenn
er mit Zucker und dem Gelben von Citronen zu einem Syrup ge-
sotten wird."
Das Zeithainer Lager von 1730. 209
Die Genüsse der zwölf Tafeln stuften sich selbstverständ-
lich nach unten hin ab. Von der neunten Tafel an gab es
z. B. nur noch einen Gang. Immerhin war das, was die
„Domestiquen" an der zwölften Tafel vorgesetzt bekamen,
auch nicht zu verachten. Sie erhielten folgende Doppel-
gerichte: I. Linsensuppe von 7 Pfund Schöpsenfleisch;
2. Kräutersuppe von 2 Kapaunen; 3. gebratene Wildkeulen
zu 28 Pfund; 4. vier gebratene Truthühner und 8 junge
Hühner; 5. vier gebratene junge Gänse und 12 junge Tauben;
6. abgehobenes Pökelrindfleisch; 7. abgehobene Pastete von
Kapaun^); 8 Pastete von Lammfleisch mit SpargeP); 9. ab-
gehobene Schöpskeule ä la braise'); 10. zehn Pfund Kalbs-
schlegel mit Jus und frischer Butter^); 11. vier zahme Gänse
ä la breche mit Stachelbeeren; 12. zwei Truthähne mit sauce
hachee von gedörrten Trüffeln; 13. zwölf Pfund frisches
Schweinefleisch mit gedörrten Erbsen; 14. sechs Pfund Kalb-
fleisch mit Kapern und kleinen Rosinen; 15. Torten von ein-
gemachten Kirschen, mit dergleichen Torteletchen garniert;
16. Gänseklein schwarz; 17. vier Kalbsgekröse en fricassee;
18. zwölf junge Hühner en fricassee mit Trüffeln; 19. ge-
backene Torte von eingemachten Kirschen; 20. abgehobene
Tauben mit Artischockenböden; 22. acht Pfund junge Tauben
mit 2 Schock Krebsen en compot. Überdies Salat von frischen
Gurken, grofsen Oliven und Staudensalat.
War die täsfliche Zurichtuno- dieser zwölf Tafeln schon
eine Riesenleistung, so wuchsen die Anforderungen, die an
die Küchen Verwaltung gestellt wurden, noch wesentlich da-
durch, dafs aufserdem zahlreiche Hofbeamte und Be-
diente, die für sich speisten, verpflegt werden mufsten. Am
4. Juni handelte es sich beispielsweise noch um folgende
Gerichte: für den königl. Beichtvater 4 halbe Essen
(i. Suppe von einem alten Huhn mit Nudeln; 2. Rindfleisch,
2 Pfund, mit gantzem Gewürtz: 3. abgehobene Tauben mit
Spargel; 4. ''4 gebratenes Lamm mit einem jungen Huhn),
für den Hofkaplan 3 Essen, für die vier Küchenmeister 8 Essen
(aus 16 Gerichten bestehend, darunter 2 abgehobene junge
Hühner ä la Dame Simonie), für die königl. Kammerdiener
und Leibbarbiere 4 Essen, auf den Hofküchenschreibertisch 4,
für der Gräfin Orzelska Kammermädchen 6, für die sämt-
lichen Küchenpersonen (inkl. der angenommenen) 51' 2 Essen
(40 Pfund Rindfleisch, 108 Pfund Schöpsenfleisch, 40 Pfund
Kalbfleisch, i Stück Kalbskopf ohne Füfse, i Stück Kalbs-
') 7 — 10 nur einfache Gerichte, nicht doppelt serviert.
2IO Hans Beschorner:
lunge, lo Pfund gebratenen Hirschzemmel, 9 Pfund gebratenen
Wildsbug); ferner für den General Sapi[ehja 3 Assietten, für
den Reisestallmeister Bombsdorf 4 Teller (darunter 3 frische
Lachse, V.2 Pfund, blau), für den Generalquartiermeister
Reinard 2 Assietten, für den General Grumbkow abgehobenen
gebratenen Kapaun, für den Generalmajor Linger 2 Assietten,
für den Obristen Kröcher 3 Assietten, den königl. Hof-
ofticianten 12 Essen (darunter abgehobenen Aal blau, 3 Pfund
Karpffen schwartz), für die königl. Bereiter, Stallsekretäre
und Stallschreiber 5 Essen (darunter 5 gebratene Wildsbüge
zu 9 Pfund), für die königl. Bettmeister und Tapezierer
8 Essen, für den Geh. Kammerschreiber Rüger 3 Assietten,
für den Hauskellner 3 Assietten, für den Moritzburger Amt-
mann 2 Essen, die königl. Leibwäscherin Lippin 3 Essen,
die Konditorgesellen 4 Essen, für viele königliche und herr-
schafftliche Bediente 6 Essen, für die kronprinzl. Lakais [einen]
abgehobenen halben Schöps, den Janitscharen, so Speisen ge-
tragen, 3 Essen, den französischen Köchen 4 Essen, den
preussischen und fremden angenommenen Köchen 4 Essen,
den königl. ]:)reuss. Leibschützen und Kammerlakaien 4 Essen,
den königl. preuss. Kammerbedienten 4 Essen (darunter 2 ab-
gehobene Hechte polnisch), für des königl. preuss. Kron-
prinzen Kammerleute 3 Essen, für die fürstl. dessauischen
Bedienten 5 Essen, für die prinzl. dessauischen Kammer-
und anderen Bedienten 5 Essen, des Prinzen von Holstein
Kammerdiener 2 Essen, für des Generals Grumbkow Bedienten
2 Essen, den Bereiter-Scholaren 2 Essen, den Bockpfeifern
abgehobenes Rindfleisch, für den Zeltschneider 2 Essen, für
den Herrn Geh. Kriegsrat Schumacher 6 Assietten, für die
Madame Poczyn 2 Assietten (i abgehobene Pastete von Wilds-
kalb, 6 gebratene kleine junge Hühner polnisch).
Für den Abend desselben Sonntags hatte die Hofküchen-
verwaltung aufserdem noch für eine königliche Tafel (bestehend
aus 8 mittlen, 10 kleinen Schüsseln, 16 Assietten und 4 Küchen-
tellern), für eine Marschalls-Tafel (bestehend aus 10 kleinen
Schüsseln und 10 Assietten) und für folgende Sonderabend-
mahlzeiten zu sorgen: 4 halbe Essen für den königl. Beicht-
vater (i. abgehobene Gans mit Stachelbeeren, 2. abgehobenes
Kalbfleisch mit Capern, 3. abgehobenes Gebackenes, 4. 2 Vi Pfund
gebratene Kalbsniere), 8 Essen den vier Küchenmeistern
(16 Gerichte, u. a. 3 Pfund geräucherten kalten Schinken,
abgehobenen Hecht polnisch, abgehobenes Gebackenes usw.),
4 Essen den königl. Kammerdienern und Leibbarbieren, 4 Essen
auf den Hofküchenschreibertisch, 5172 Essen den sämtlichen
Das Zeithainer Lager von 1730. 2ll
Küchenpersonen, inkl. der angenommenen; ferner 6 Assietten
für den Herrn Kämmerer von Brühl (i. Kalte Schale von
Rheinwein mit schwarzem Brot und kleinen Rosinen; 2. vier-
einhalb Pfund mit grolsem Speck durchzogene und glassierte
Kalbsscheiben mit Essenz von Schinken; 3. sechs junge Tauben
mit Petersilie; 4. fünf Pfund gebratene Kalbsniere und 3 kleine
junge Hühner; 5, gebackene Kirschtorte; 6. eine halbe Lamms-
brust ä la St. Menhout; Salat von frischen Gurken), 4 Assietten
für denWoywoden von Sendomir, 3 Teller für den französischen
Residenten, 9 Essen für die königl. poln. und königl. preuss.,
ingl. fürstl. dessauischen Pagen, 6 Essen für der Gräfin Orzelska
Kammerleute (u, a. auch Kalte Schale von Rheinwein, ferner
gebackenen Hasenkuchen usw.), 2 Essen für den Zeltschneider
und dessen Leute, endlich abgehobenes Rindfleisch und ab-
gehobene gebratene Schöpskeule den Kammertürken.
,,Sr. Königl. Majestät Abendtafel" aber bestand aus fol-
genden Gerichten: i. abgehobene kalte Truthahnpastete.
2. Abgehobenes ä la dauby von zahmen Gänsen in Gallan-
tine. 3. und 4. eine zwanzigpfündige, gespickte und gebratene
Kalbskeule mit Jus und frischer Butter. 5. und 6. Torten
mit Creme von Pistazien, garniert mit Tortletchen von ein-
gemachten Kirschen. 7. und 8. gebackene Hefenkuchen,
ebenfalls garniert mit Tortletchen von eingemachten Kirschen.
9. fünf Pfund frischer grillierter Lachs mit Sauerampfer.
10. grilherte Lammsköpfchen mit Zitronensaft. 11. und 12.
Terrinen mit 16 zerschnittenen jungen Hühnern und Brech-
spargel. 13. Terrine mit Suppe sante von zwei Kapaunen
mit Jus. 14. Terrine mit Kaltschale von Rheinwein, kleinen
Rosinen und Schwarzbrot. 15. und 16, acht junge gebratene
Kapaunen und 8 junge Hühner. 17. vier Pfund Rehrücken,
zwei Rebhühner und 5 wilde Tauben. 18. zwei gebratene
Frischlinge von 8 Pfund und 2 junge Hasen. 19. und 20.
fünfzehn Pfund gebratene Rindslende ä la polonaise. 21. und
22. neun Pfund gebratene Schöpsenlenden ä Tanglaise mit
Staudensalat. 23. und 24. acht junge Kapaunen, farciert
ä la braise mit Zwiebeln. 25. und 26. acht junge zahme
Enten in Gallantine ä la braise mit Stangenspargel. 27. und
28. Apfelsinengelee. 29. und 30. Blanc-manger von Mandeln
(eine besondere Art Gelee von Mandelmilch). 31. bis 34.
Spargel mit Öl oder mit weifser Sauce. 35. und 36. Torten
von 12 jungen Tauben mit 2 Schock Krebsen ä la creme.
37. und 38. Torten von jungen Hasen mit Champagner.
Aufserdem Salat von Radieschen, frischen Gurken, Stauden-
salat und grofsen Oliven.
212 Hans Beschorner:
Bei der Marschalltafel gab es dagegen abends: i. ein
halbes gebratenes Lamm und 4 junge Hühner, z. acht ge-
bratene junge Kapaunen. 3. drei Pfund gebratenen Reh-
rücken und 6 Tauben. 4. einen gebratenen Frischling von
4 Pfund und 4 junge zahme Enten 5. und 6. abgehobene
Gallantine von zahmem Schweins- und Rindskopf nebst Rinds-
zungen, mit Staudensalat. 7. und 8. Torten von eingemachten
Kirschen, mit ebensolchen Törtchen garniert. 9. eine Schöps-
keule von II Pfund ä la broche mit frischen Gurken. 10. eine
Kalbskeule von 14 Pfund ä la broche mit Jus. 11. Torte
von Lammfleisch mit Spargel. 12. Torte von 7 jungen
Hühnern mit einem Schock Krebsen. 13. abgehobene zahme
Enten mit Gurkensauce. 14. vier junge Hühner mit Sauce ä
Tespagnole. 15. acht junge Tauben in Kompott mit Kalbsmilch.
16. einezahmeGansmit eingemachten Kirschen. 17. und 18. ab-
gehobene Artischocken mit Semmelbrühe. 19. und 20. Spargel
mit weifser Sauce. Dazu Salat von Gurken und Staudensalat.
Macht man einen ungefähren Überschlag, so brauchte
die Hofküchenverwaltung an diesem einen Tage, einem ge-
wöhnlichen Sonntage, nicht weniger als 751 Pfund Rind-,
399 Pfund Kalb-, 377 Pfund Schöpsen- und 168 Pfund
Schweinefleisch (einschliefslich der Wildschweine), 61 Rinds-
zungen, 14 Lämmer, 4 Spanferkel, 91 Pfund Schinken,
174 Pfund Wildpret, 12 Hasen, 489 Hühner (einschUefslich
der Truthühner), 6 Fasanen, 169 Kapaune, 286 Tauben,
92 Enten, 65 Gänse, 11 Rebhühner, 26 Schock Krebse,
30 Pfund Lachs, 32 Pfund Hecht, 5 Pfund Karpfen, 15 Pfund
Mettwurst und 26 Bratwürste. Dazu kamen noch 496 Pfund
Rind-, 223 Pfund Kalb- und 12 Pfund Schweinefleisch, 41 Pfund
Nierenstollen, 78 Pfund geräucherter Schinken, 24 Pfund
frischer und 99 Pfund geräucherter Speck und 10 alte Hühner
,,zum Zurichten derer sämbtlichen Speisen", d. h. zur Ge-
winnung von ,, Bouillon, Ju, Coully, Farce und Braise", ferner
55 Pfund geräucherter Speck zum Braten und ein grofser
Vorrat von abgehobenen Schinken, Rindszungen, Rehkeulen
(bez. -rücken), Rinderbraten, Gänsen ä la daube, Kalbs- und
Schöpskeulen, von abgehobenen gebratenen Frischlingen,
Kapaunen, Fasanen, Rebhühnern, Wildkeulen, Gänsen, von
frischer Butter und Käse ,, abends vor viele hohe Herrschaftten,
cronprintzliche, preufsische, dessauische und andere printz-
liche Cammerbedienten, Secretaire, Laquayen und Stallleuthe''.
Bei dieser Massenvertilgung kann man es schon verstehen,
wenn allein in der Hofküche während des Campements bei-
nahe 35000 Tlr. aufgingen!
Das Zeithainer Lager von 1730. 213
Zu dem Essen wurde selbstverständlich tüchtig getrunken.
Wir wissen zwar nicht, was gerade an dem 4. Juni, auf den
sich obige Speisekarte bezieht, getrunken worden ist, wohl aber
haben wir OHA. I f. 89^ — 95 eine genaue Spezifikation, was
,, Radewitz, Montags am i9ten Junii 1730, bey der König].
Hoffkellerey aufgangen". Es waren: 849 Bouteillen Tokaier,
46 Champagner, 205V2 Burgunder, 8 Pontacq (d. h. Bordeaux),
7 Ratafia Romano (Likör aus Spiritus und Fruchtsaft), 12 Eimer
30 Mafs Rheinwein, 5 Eimer 7i',2 Mafs Landwein, i^., Mafs
Kümmelbranntwein, 2^4 Mafs Chemnitzer Luftwasser (wohl
auch ein Schnaps), 14 Flaschen Dünnsteiner, 28 Flaschen
Selzer und 9 Flaschen Egerischer Sauerbrunnen. Auf diese
summarische Übersicht, bei der die 241 Bouteillen Tokaier
,,von differenten Sorten, 3 Bouteillen Champagner D, 1 1 Bur-
gunder N, I Bouteille Ratafia Romano, die 103 Mafs Rhein-
wein, 90 Landwein, '4 Kümmelbrandwein, '^ 4 Chemnitzer
Luftwasser" nicht eingerechnet sind, ,,so bej' abermahligem
militairischen Exercitio aufn Pavillon aufgegangen", folgen
genaue Angaben, wie sich die konsumierten Getränke auf
die einzelnen Tafeln und sonstigen Empfänger verteilten. An
der Königs- oder ersten goldenen Tafel im Palais wurden
z. B. mittags getrunken 43 Bouteillen Tokaier (von Sorte
Nr. loiA: i, 28: 19, 56: 9, 195: 14), 8 Bouteillen Bur-
gunder N, 16 Mafs Mosel-, 42 V2 Rhein-, 14 Landwein und
^,2 Mafs Kümmelbranntwein; an der ersten silbernen, an der
die preufsischen Offiziere safsen: 28 Bouteillen Tokaier (von
Sorte Nr. 186C: 20, von 90: 8), 7 Bouteillen Burgunder N,
5 Mafs Mosel-, 30 Rhein-, 8 Landwein, 2 Flaschen Dünn-
steiner und 3 Flaschen Egerischer Sauerbrunnen. Dafs die
Damen auch ganz gern ihr Glas tranken, lehrt die Angabe,
dafs mittags an der Damentafel 24 Bouteillen Tokaier (von
Nr. 168D: 5, 18: 6, 159: 13), 6 Burgunder, 3 Pontacq,
13 V2 Mafs Rhein-, 6 Mafs Landwein und 3 Flaschen Dünn-
steiner Sauerbrunnen aufgingen. Die 46 Bouteillen Tokaier
(Nr. 18D: 17, 159: 6, 195: 20, 121: I, 182: 2), 4 Bouteillen
Burgunder N, 3 Mafs Mosel-, 29 Rhein-, 11 Landwein, ^4 Chem-
nitzer Luftwasser und i Bouteille Ratafia Romano, die die
Gräfin Orzelska für ihr Fest am Abende des gleichen Ta^es
erhielt, smd besonders aufgeführt.
Der gröfste Teil der Getränke wurde natürlich bei den
offiziellen Mittags- und Abendmahlzeiten an den zwölf Tafeln
und von den (in der Spezifikation namentlich aufgeführten)
Hofbeamten konsumiert, die zwar nicht an den Tafeln mit-
afsen, aber doch ihr Quantum Wein geliefert erhielten Nicht
21 A Hans Beschomer:
gering aber war auch das, was die einzelnen Fürstlichkeiten
und sonstigen hohen Gäste aufser der Zeit brauchten. So
ist u. a. unter dem 19. Juni gebucht: der Kronprinz von Polen
mit 2 Bouteillen Tokaier (Nr. 184) und einem Mafs Moselwein,
der Kronprinz von Preufsen mit 2 Bouteillen Tokaier, i Bou-
teille Burgunder, 3 Mafs Rheinwein und i Flasche Selzer,
der Fürst Leopold von Dessau mit je einer Flasche Tokaier I
und Burgunder sowie 2 Mafs Rheinwein, usw. Endlich kam
noch in Frage, was ,,zu denen Speisen in Königlicher Hoff-
küche erfordert" (am 19. Juni 23 Bouteillen Champagner K,
20' Bouteillen Burgunder L, 33 Mafs Rhein- und 57 Mafs
Landwein, überdies 14 Mafs Rheinwein zu Limonade in der
Hofkonditorei) und was an Gnadengeschenken verausgabt
wurde, z. B. i'o ^lafs Landwein ,,dem grofsen Finnländer,
4 Bouteillen Burgunder in die Commödie auf hohen Befehl,
IG Mafs Landwein vor die Musique bey der Gräffin Or-
zelska", usw.
Zum Schlüsse führt die Spezifikation, die vollständig ab-
zudrucken keinen Zweck haben würde, den Bierverbrauch
am 19. Juni auf, nämlich 4 Eimer Muskauer Weifsbier,
40 Eimer Dresdner, 20 Wurzner Braunbier und 5 Pretzscher
„Breyhahn"^). Das Weifsbier lieferte W. Hahnemann in
Muskau, wöchentlich 20^24 sogenannte halbe Tonnen, das
Braunbier der Hof brauereiverwalter Kanitzki aus dem Dresdner
Hofbrauhaus, mindestens 50 Fafs die Woche, den Breihahn
ein Pretzscher Brauer, nach und nach 50 Fafs (OHA. II
f. 146, 149, 154). Für den besseren Wein kam die Dresdner
Hofkellerei fast allein auf, doch beantragte sie vor dem Zeit-
hainer Lager in einer ,,allerunterthänigsten ohnmafsgeblichen
Erinnerung" vom 8. Dezember 1729 den Ankauf von 30 — 40
Anthalen-) Tokaier, 3 Stübchen Champagner, 12 Burgunder,
2 Pontacq, 3 Stübchen (zu 16 — 17 Eimern) Mosel-, i xMusca-
teller-, 10 Rheinwein, 80 Mafs Chemnitzer Luftwasser, 80 Mafs
Kümmelbranntwein, 200 Bouteillen Ratafia Romano, 20 Stoff'')
Dantziger Branntwein von differenten Sorten und 20 Kisten
Sauerbrunnen (8 Dünnsteiner, 8 Egerischer, 4 Seltzer, die Kiste
zu 30 Krügen). Den Landweinbedarf mufsten die Hofkellereien
in Torgau und auf der Festung Königstein mit decken helfen:
*) Breuhahn, eine Art Weifsbier oder Gose; vgl. Grimm, Deut-
sches Wörterbuch II (1860), 379
-) Ante!, ein ungarisches Weinmafs (Dreieimermal's); vgl. Grimm
a. a. O. I (1854), 497.
■'j Dasselbe Weinmals, das bei uns häutig als „Stübchen" (s. o.)
vorkommt und sonst auch „Staut" heiist.
Das Zeithainer Lager von 1730. 215
erstere mufste 100, letztere 600 Fafs auf der Elbe nach
Moritz senden (OHA. I f. 209 f.).
Wichtig war für die Getränke ebenso wie für die Lebens-
mittel eine gute, namentlich kühle Aufbewahrung. Es wurden
deshalb an der Elbe vier Eisgruben angelegt, die nach Ein-
tritt starken Frostes in den ersten Tagen des Januars 1730
mit Eis gefüllt wurden (OHA, II f. 58), und zahlreiche gute
Keller eingerichtet: drei Hauptkeller in dem zu Grödel ge-
legenen Gute der Frau von Benckendorf geb. von Schleinitz,
ein Nebenkeller unter dem Komödienhause zu Streumen, ein
anderer unter dem Königspalais bei Radewitz und viele kleinere
Keller unter verschiedenen Zelten und Markisen des Hoflag^rs
(OHA. II f. 13^, 112 — 132, 141; vgl. auch oben S. loi).
7. Die Lustbarkeiten.
Für Belustigungen war im Lager bei Zeithain reichUch
gesorgt, wenn auch diese durchaus nicht so in den Vorder-
grund traten, dafs man die ganze Veranstaltung als einen
grofsen Firlefanz aufzufassen berechtigt ist.
Hauptsächhch für die Soldaten waren die Verkaufs-
stände da, in denen Marketender alle möglichen Lebensmittel,
Getränke und sonstige Waren feilboten. Am 12. Juni waren
nach amtlichen Erhebungen 79 ,,Traitteurs, Kauffleuthe und
Marquetainer" da, die ,,vom Oberhoffmarschallamte Concession
erhalten hatten, bei itzigem Campement im Hofflager zu
speisen, schenken und verkaufen". Aufserdem trieben aber
auch noch aufserhalb des Hoflagers massenhafte Marketender,
imter denen vor allem die Regimentsmarketender des Armee-
lagers hervorzuheben sind, und Krämer ihr Gewerbe, letztere
meist ohne besondere Erlaubnis dazu zu haben. Von den
erwähnten 79 konzessionierten Marketendern des Hoflagers
waren 19 Traiteure, 6 verschenkten Wein (meist Landwein,
der aus der Hofkellerei bezogen werden mufste, daneben
auch Mosel- und Rheinwein, einer Ungarwein), 3 Bier, 2 Bier
und Wein, 4 Tee oder Kaffee (teilweise auch beides), 5 Brannt-
wein. Die Tee-, Kaffee- und Branntweinverkäufer führten
meist daneben auch Tabak. Ein Händler hielt nur solchen
feil. In drei Ständen gab es italienische Waren, in einem
Wurst und Schinken, in zweien Konfitüren. Neben den Efs-
und Trinkbuden waren aber auch 15 andere mit allerhand
Galanteriewaren vorhanden. Bilder suchten zwei Kaufleute
an den Mann zu bringen, Strümpfe einer, Strümpfe und Bilder —
2i5 Hans Beschorner:
eine merkwürdige Zusammenstellung — einer, reiche Stoffe
zwei, geschnittene Gläser drei, Porzellan zwei (davon einer auch
,,Buder", worunter wohl Puder zu verstehen ist). Von überallher
waren diese Händler zugereist, meist natürlich von Leipzig
oder Dresden, aber auch aus Altenberg, Augsburg („Augs-
burger Waren"), Aussig, Bautzen, Berhn, Breslau, Böhmisch-
Kamnitz, Erfurt, Frankfurt, Halberstadt, Halle, Hamburg,
Leisnig, Linz, Magdeburg, Mannheim, Meifsen, Öttingen, Prag,
Radewitz, Ködern (bei Radeburg), Warschau, Weyda, Witten-
berg, Wittgenau, aus Tirol, Griechenland usw. Vgl, OHA. II
f. Zßf., 2iif., auch 229—253, wo eine Anzahl von Kon-
zessionsgesuchen vereinigt ist.
Alle im Lager Handeltreibenden mufsten ordnungsgemäfs
die Akzise entrichten, für deren Vereinnahmung besondere
Stellen an verschiedenen Punkten des Lagers eingerichtet
waren. Hinterziehungen suchte man durch eine strenge Kon-
trolle unmöglich zu machen (OHA. I f. 19!, Loc. 1056 I
f. 1961, 201 1). Namentlich sah man darauf, dafs von den
Getränken das vorgeschriebene Spundgeld gegeben wurde
(OHA. II f. 219 -228, namentlich 226; Loc. 1064 f. 275 — 277).
Natürlich seufzten die Marketender über die harte Bedrückung.
Wackerbarth nahm sich ihrer warm an. In einer langen
Immediateingabe vom 8. Mai 1730 (Loc. 1056 I f. 156 — 176
und 186) warnte er den König vor den Vorschlägen des
Kammerkollegiums, das zuviel Kapital aus dem Campement
schlagen wolle. Er versicherte, ,,dafs er, wenn er aus einem
Thaler eine Million machen könnte, es gewifs an nichts, so
auf ihn ankomme, erwinden lassen würde", riet aber, die
Impostsätze herabzumindern, wenigstens für die ständigen
Re^imentsmarketender. Die meisten würden sich sonst durch
die hohen Abgaben abschrecken lassen, überhaupt mit ins
Lager zu ziehen. Die aber kämen, würden den Impost auf
ihre Waren schlagen und es dadurch dem gemeinen Manne
unmöglich machen, sich Lebensmittel zu kaufen. Weitere
Folgen würden Ungehorsam, Aufruhr usw. sein; denn ,,der
Hunger dulde keine Gesetze". Selbst König David habe
sich an den Schaubroten im Tempel vergriffen! Wacker-
barth erreichte wenig mit seiner wohlgemeinten Eingabe.
Die festgesetzte Taxe wurde nur insoweit ermäfsigt, als alle
Biere, Weine und Branntweine, die aus Akzisstädten kamen,
frei passieren konnten. Alles andere dagegen mufste die
vorgeschriebene Zise geben. •■ Damit aber die Händler, an-
geblich wegen der Bedrückung durch die Akzise, die Preise
nicht zu hoch hinaufschraubten, ordnete der König an, dafs
Das Zeithainer Lager von 1730. 217
sie jeden Tag die Einkaufspreise genau melden sollten. Auf
Grund dieser Angaben, deren Richtigkeit die Profosse nach
Möglichkeit nachzuprüfen hatten, bestimmte dann das General-
kriegsgericht die Taxe, die streng innegehalten werden mufste
(Loc. 1056 II f. 351 — 357, Loc. 10947 Paquet Ordres f. 47f.).
Weniger für die Soldaten als für die hohen Gäste und
die wohlhabenden Zuschauer war der ,, Glückstopf, so im
Lager zu Se3'thayn von dem Italiener Bertholdi 1730 gehalten
worden" (OHA. I f. 15, Vol. G Nr. 2 4^^ f. 542 — 582). Am
6. Juni eröffnete ,, Andrea Bertholdi, sonst Pantaleone, ein
italienischer Comoediant — zusammen mit Aquil. Ferrari —
die allergnädigst accordirte Lotterie", die am 26. Juni ihr
Ende fand. Für einen Taler Einsatz konnte man aller-
hand schöne Dinge gewinnen, deren Wert gröfstenteils
zwischen i und 5 Tlrn. schwankte; doch gab es auch
kostbarere Dinge in grofser Zahl. Der wertvollste Gewinn
war mit 64 Tlrn. angesetzt. Laut dem ,,Inventaire des marchan-
dises contenues dans la lotterie au camp de Zeithain 1730",
das in kulturhistorischer Hinsicht Beachtung verdient, konnte
man in dem Glückstopfe zunächst allerhand Hausgerät ge-
winnen: silberne Waschbecken mit Kannen, silberne vind ver-
goldete Schalen, Spülnäpfe, Kohlenbecken (rechauds), Wärm-
flaschen, Lüster, Leuchter in verschiedenen Gröfsen und Aus-
führungen, Lichter (bougies, chandels, chandels de main),
Lichtputzen (mouchettes avec la porte-mouchette), die mannig-
fachsten Bilderbehältnisse (boites ä portrait, corbeilles d'argent
ä Portrait usw.). Schreibzeuge (zum Teil mit Leuchtern),
Schreibtafeln, Spiegel, silberne Scheren mit und ohne Etuis,
Federmesser u. a. m. Auch Tafelgerät war stark vertreten:
die verschiedensten Arten von Löffeln (cuilleres d'argent, de
thee, ä potage, de voyage usw., meist in Etuis), Bestecke
(couvert vermeil dore, etuit de 12 oder auch nur de 6 cuilleres,
fourchettes et couteaux en metal, un pair de couteau et four-
chette en argent), Teller, Becher (innen vergoldet oder anders
ausgestattet), Tassen, Untertassen, Kaffee-, Tee- und Milch-
kannen oder -topfe, Schokoladen-, Tee- und andere Siebe,
Zuckerdosen, Salzfässer, Zahnstocher (curedents d'argent) oder
Behälter dazu (etuis ä curedents d'argent). Nicht minder reich,
wie an Haus- und Tischgerät, war die Auswahl an allerhand
Kleidungsstücken, Ausrüstungs- und Toilettengegenständen.
Wer Glück hatte, konnte bei Herrn Bertholdi gewinnen:
Mützen (bonets de velour cisele, veloutes, de coton fin)
Masken (masques de velour noir), Hutfedern (in grofser Zahl),
Haarbeutel (bourses de peruque), Spitzentücher (fichus ä dames
2i8 Hans Beschorner:
de soie), Taschentücher in reicher Auswahl (riches, estampes,
de soie, de Vienne, d'Inde fin), bald einzeln, bald zu mehreren,
Manschetten (de mouseline) und Manschettenknöpfe, goldene
und silberne Gürtel, Westen (vestes de tailles brodees en
argent, de teile brodee), Schlafröcke (d'estoffe de France
double de taffet), Herren- und Damenstrümpfe (seidene, ge-
stickte, drapes noir, rosa, de fils blancs, de fils fins, ä coins
riches, de fleurs), Strumpfzwickel (coins d'or ä bas), Schuhe
(souliers brodes), Schuh- und Gürtelschnallen (boucles d'argent,
ä Sienne), Spazierstöcke und Quasten dazu (noeuds de canne),
Damen- und Herrenhandschuhe in verschiedenen Farben (bis-
weilen gleich ein Dutzend), Herren- und Damenbörsen (in
grofser Zahl, de soie, de velour, de metal, ä corbeille vert
et d'argent), Flakons (auch boites oder pieces genannt) für
eau de la reine, eau d'Hongrie und Balsam aus Porzellan,
graviertem oder glattem Silber, bald mit, bald ohne Füllung,
vollständige Rasierservice (nach dem hohen Preis zu urteilen,
Haupttreffer), Pudermesser (de nacre). Kämme (etui ä 3 peignes
d'ecaille), Taschentücher- und Handschuhkasten in verschie-
dener Ausführung, zahlreiche Etuis aus Silber, Chagrin oder
Schildpatt (bisweilen „mit Instrumenten"). Die ungezählten
Tabakdosen wiesen grofse Mannigfaltigkeit in Stoff und Form
auf; es gab tabatieres dorees, d'argent, d'argent ä carniol,
d'argent grave, de pierre en argent, ecaillees, d'ecaille de mer
en metal, d'ecaille de mer faconnee, d'ecaille de mer de Sienne,
en ecaille ovale, ecaillees ä carniol, d'ecaille piquee, tabatieres
ciselees avec peinture, emaillees ä 6 angles, ä corbeille en
magazin, de nacre, d'agathe, ä jaspe vert, tabatieres ä por-
trait, en ceuf, ä chasse ecaillees usw. Eine besondere Gruppe
unter den Gebrauchsgegenständen bildeten die Waffen und
Waffenteile, die Pferdeausrüstungsstücke und Jagdutensihen,
wie Degen, Degenstichblätter (gardes d'epee aus Gold oder
Silber), Degengehänge und Degenquasten, Pistolen, Flinten,
Peitschen (fouets d'Angleterre ä mauche d'agathe, ä mauche
d'ecaille),' Satteldecken (chabracjues ou housses riches), Jagd-
messer nebst zugehörigen Stichblättern (gardes de couteau
de chasse) und Jagdkörbe. Die niedrigsten Gewinne im Werte
von I Tlr. bestanden in einem Pfund Imperialtee oder Spagniol-
tabak (tabac d'Espagne), die höchsten dagegen, die 60 Tlr.
und mehr wert waren, in Schmuck. Unter den zahlreichen
Ringen mit einem oder mehreren Edelsteinen (Brillanten,
Rubinen, Amethysten, Topasen und Granaten), den Uhr-,
Fächer- und Scherenketten, den Fächern, den auf Elfenbein
gemalten und mit Gold, Silber oder Schildpatt eingefafsten
Das Zeithainer Lager von 1730. 219
Bildern mag mancher künstlerisch wertvolle Gegenstand ge-
wesen sein. Etwa 150 verschiedene Artikel waren in der
Lotterie vertreten. Sie verteilten sich auf 1591 Gewinne,
die einen Wert von 9616 Tlrn. 3 Gr. darstellten.
Von den anderen Vergnügungen, die bei Gelegenheit des
Zeithainer Lagers geboten wurden, von dem grofsen Kuchen,
dem Feuerwerk, der Bewirtung der Armee, der Verabschiedung
des Preufsenkönigs und der Schlufsjagd bei Lichtenburg ist
so viel geschrieben worden, dafs es genügt, im folgenden
auf die einschlägige Literatur zu verweisen und nur einige
Einzelheiten, die man darin nicht findet, nachzutragen.
Über den grofsen Kuchen, das für ihn eigens erbaute
Backhaus und das Messer, mit dem er kunstgerecht zerteilt
wurde, vergleiche man die meist auf aktenmäfsigen Grund-
lagen (OHA. I f. 189) beruhenden Angaben im ,, Sächsischen
Curiositäten-Cabinet" 1730 S. 146 — 148 (,,Kurtze Nachricht
von dem in gantz Europa berühmten, d. 25.Junii 1730 zu
Moritz bey Riesa in Sachsen glücklich gebackenen 13 Ellen
langen Butter -Stollen"), Staatskalender J 4 Sp. 2, 6 Byrn,
Hofsilberkammer S. 107 (danach von Mansberg S. 307) und
diese Zeitschrift XX VII, 139, wo der Backsche Kupfer-
stich behandelt ist, der das Backhaus und die Beförde-
rung des ,, Striezels" aus diesem ins Lager veranschaulit:ht.
Der Zeithainer Festkuchen wurde, wenn auch in etwas klei-
neren Mafsen, 1732 im Czerniacho wer Lager (vgl. weiter unten
S. 247ff.) nachgeahmt. In dem S.248 besprochenen Werke ist f. 99
schönstens bildhch dargestellt, wie das Kuchenmonstrum, das
am unteren Rande des Blattes genau beschrieben ist, in feier-
lichem Aufzuge beim Schlüsse des Campements ins Lager
geführt wurde.
Ziemlich genaue Beschreibungen des Johannisfeuers,
der Beleuchtung des wahrscheinlich von Pöppelmann ent-
worfenen und von Zucchi ausgeführten Illuminations-
gerüstes, des Wasserfeuerwerkes und der dabei ver-
wendeten prächtig illuminierten Flotte geben Staatskalender
J 3 Sp. I bis J 4 Sp. I, das ,, amtliche Journal" (vgl. diese
Zeitschrift XXVII, 146 — 149) und von Mansberg S. 294f. und
305 f. Das eigentliche Programm enthält die ,, Disposition zum
Johannis-Feuer" (OHA. I f 154 — 160). Einen vielfach recht
lehrreichen und anschaulichen ,, Bericht, was zu der am
24. Juni 1730 bey Risa bey dem gewesenen Feuerwerck ange-
zündeten Illumination gekommen", bietet das ,, Sächsische
Curiositäten-Cabinet" 1730 S. I48f. Allgemeine Bewunderung
erregte die Schnelligkeit, mit der urplötzlich das Illuminations-
Neues Archiv f. S. G. u. A. XXVUI 3. 4. ^5
2 20 Hans Beschorner:
gerüst im Lichte Tausender von Lampen erstrahlte. Das war
das Verdienst der „hundert Gemeinen, die nebst dazu ge-
hörigen Unteroffizieren, einem Capitain, einem Premier- und
einem Sousleutnant zu Anzündung der Lampen bey der Illu-
mination" am 24. Juni befehligt waren (Loc. 10931 Ordres
f. 68). Nebenher sei bemerkt, dafs die mehrfach bei der
Illumination verwendete Inschrift ,,Sic fulta manebit" Henrici
(s. diese Zeitschrift XXVII, 112 Nr. 14) mit den Worten
„ Hotlt euer Heyl nur mit Vertrauen,
Die Stützen, so es unterhauen,
Sind Pfeiler vor ein ewig Haufs "'
übersetzt hat.
In welcher Reihenfolge die von dem ,, Feuer- Faxs" ge-
führten Fregatten, Schaluppen, Musikgondeln usw. an dem
Schlosse Promnitz vorbeifuhren, von dessen Fenstern aus die
hohen Herrschaften sich die ganze Herrlichkeit ansahen, ver-
anschaulicht ein langer Streifen in Aquarellfarben Loc. 1056
Acta varia f. 192. Über die Abbildungen der einzelnen Schiffs-
typen ist bereits in dieser Zeitschrift XXVII, 140, gehandelt.
Die prächtig ausgestalteten Schiffe waren mit nicht minder
schön gekleideten Matrosen bemannt; vgl. darüber im all-
gemeinen Staatskalender J I Sp. I und von Mansberg S. 294^
Nach einer Schuldenaufstellung, die in Loc. 354 am Ende des
Faszikels 17291730 liegt, kostete die ,,Aptirung und Repa-
rirung derer Schilfe, auch 6 Fregatten, und Erhöhung des
Jagdschirmes" 5100 Tlr., nach einer Verordnung Brühls vom
17. April 173 1 (ebenda) die Schiiferkleidung 1250 Tlr. Für Auf-
treibung der 540 nötigen Schiffsleute mufsten die ,,Beambten,
i;uch Räthe in Städten zu Hohnstein, Pirna, Dresden, Meifsen,
Mühlberg und Torgau" sorgen, die am 15. April 1730 Weisung
erhielten, ,,Speciticationen aller derer an und um den Elb-
strohm wohnenden Schiffleuthe und Fischer, so zum SchifF-
dienst tüchtig und würcklich zugegen seyn", dem Oberbauamte
einzureichen (Loc. 35043 f. 52). — Das ,, Pastorale" oder die
,,Egloga", die zum Schlüsse von den ,, Italienern" gesungen
würde, war von dem seit dem 20. Februar 17 19 als Poeta
Italiano am Dresdner Hofe angestellten Stefano Pallavicini')
gedichtet und, wie M. Fürstenau, Zur Geschichte der Musik
und des Theaters am Hofe zu Dresden II (1862), 169 (dazu
') Vgl. Loc. 907 Die Operisten .... betr. 1712 — 1720 f. 131 f.,
auch Fürstenau a. a. O. S. 135. Mit diesem Pallavicini ist der be-
kannte Opernkomponist Carlo Pallavicino nicht zu verwechseln,
der 1688 als Oberkapellmeister in Dresden starb.
Das Zeithainer Lager von 1730. 221
136 Anm,), angibt, von Giov. Alb. Ristori komponiert,
nicht, wie man manchmal hören kann, von Hasse, der mit
seiner berühmten Gemahlin Faustina erst am 7- Juli 173 1 aus
Venedig in Dresden eintraf (Fürstenau a. a. O. S. 171;
C. Mennicke, Hasse und die Brüder Graun als S\mphoniker,
Leipzig, 1906, S. 376). Exemplare dieser ,,Egloga cantata
dalla Musica di Camera di S. M. al campo di Radewitz",
die der Hofbuchdrucker Johann Conrad Stoessel 1730 druckte,
befinden sich u. a. OHA. I f. 161— 168 und in der König-
lichen Bibliothek zu Dresden Lit. Ital A 500"'^ Das Sing-
spiel war eine Verherrlichung des bewaffneten Friedens:
Lidia und Tirsi werden aus ihrer zärtlichen Zwiesprache durch
Perideo und Dorinda aiifgeschreckt, die die Nachricht von
dem beginnenden Kriege bringen. Mopso, in dem wohl der
rauhe Krieg verkörpert sein sollte, und Face, begleitet von
Amoretten, erscheinen bald darauf und streiten hin und her,
schliefsHch mufs aber Mopso doch der Face weichen. Ein
Freislied des Coro (Chors) schliefst das Ganze wirkungsvoll
ab. Betreffs der Kantate vgl. folgende Rechnungs vermerke
(Loc, 354 ,,Eingelauffene Schuldposten" und ,,Extract derer
noch rückständigen Schulden"): ,,7 Tlr. dem Hofbuchdrucker
Stösseln vor 250 Exemplaria von des Falavicino Fastorale
zu drucken, laut Palavicinis Attestat. — 10 Tlr. dem Buch-
binder Homilio vor besorgte Falavicino -Poesie [im] Campo
di Radewitz einzubinden. — 10 Tlr. dem Buchbinder Homilio
vor 240, 50, 190 Stück Campo -di- Radewitz -Fastorale ein-
zubinden, so Falavicino componirt".
Neben dem Feuerwerke hat immer die Bewirtung der
Armee und die Verabschiedung des Freufsenkönigfs
am letzten Tage, an dem auch der grofse Stollen verspeist
wurde, die Phantasie der Menschen am meisten beschäftigt;
vgl. darüber ausführlich Staatskalender J 4 Sp. i — 4, das
Journal officiel (in dieser Zeitschrift XXVII, 149 f.) und von
Mansberg S. 306 f., dazu die bildlichen Darstellungen im
grofsen Kartenwerke und bei Troemer (diese Zeitschrift
XXVII, 141 Nr. 581. Die Bewirtung des ganzen Heeres,
die in aller Stille vorbereitet wurde, weil sie eine Über-
raschung sein sollte (Loc. 1056 Acta varia f. 69), und die
unter Aufsicht der Obersten von Folenz (rechter Flügel), von
Märchen (Infanterie im Zentrum) und von Dürrfeld (linker
Flügel) musterhaft verlief, war kein billiges Vergnügen für
den König. Die 162 Ochsen, die der Hoffleischer J. G. Heyne
lieferte, kosteten allein 4389 Tlr. (Loc. 354 Rechnung vom
2:. Juli 1730J, die 750 Eimer oder 54000 Kannen Wein aber, die
IS*
222 Hans Beschorner:
als „Weinpresent" für die 30000 Mann nötig waren, zwischen
1500 und 2000 Tlrn,; denn nach Loc. 1057 Cammerexpeditiones
f. I f. sollten zu der Bewirtung der Armee 86 Fafs = 516 Eimer
des schlechten Landweins, den Eimer zu 3 Tlrn., von der
Festung Königstein nach Zeithain geschafft werden, diese
■516 Eimer aber, die also 1548 Tlr. kosteten, sollten nur als
Ergänzung zu dem wahrscheinlich stark gelichteten Wein-
vorrate von 600 Eimern (zu 5 Tlrn.) dienen, den die Festungs-
kellerei bereits früher (S. 2i4f.) geliefert hatte. Zu diesen hohen
Ausgaben für Fleisch und Wein kamen noch andere beträcht-
liche hinzu: für das Holz zum Braten der Ochsen, für Bei-
kost, Brot usw. Die Holzteller, von denen die Soldaten afsen,
Avaren verhältnismäfsig billig. Alle 24000 Stück kosteten blols
300 Tlr. (Loc. 354 Chatoullens., Befehl vom 5. Mai 1730). Jeder
Soldat erhielt einen solchen Teller, um ihn sich zur Erinnerung
aufzuheben, nicht, um ihn auf Kommando in die Elbe zu
werfen; vgl. von Mansberg S. 306!, der einen solchen ehemals
ihm gehörigen, jetzt im Besitze der Hofsilberkammer befindlichen
Erinnerungsteller mit Inschrift und den besonders ausgeführten
Teller im Königlichen Historischen Museum zu Dresden genau
beschreibt ; dazu die Bemerkungen in dieser Zeitschrift XXVII,
105 f. Aufser dem in der Hofsilberkammer aufbewahrten
Teller besitzt auch noch die Königliche Arsenalsammlung
ein wohlerhaltenes Exemplar, das keinerlei Inschrift oder
Schmuck aufweist (Geschenk des Herrn Feuerwerkshaupt-
manns Wenig).
Ausgaben für sich waren die Bewirtung der Offiziere
durch ihre Obersten, denen ihre Auslagen dafür vom Könige
zurückerstattet wurden, und die Lieferung des Rheinweins,
den die Offiziere auf das Wohl des scheidenden Königs von
Preufsen tranken. Ehe die Offiziere regimenterweise an
Friedrich Wilhelm I. vorbeidefilierten und ihre Gläser auf
sein Wohl leerten, sie hinterher in hohem Bogen klirrend zu
Boden werfend, richtete der Höchstkommandierende, Graf
Wackerbarth, einige in ihrer Fassung vielleicht nicht ganz
belanglose Worte an den König. Die Ansprache, die August
der Starke eigenhändig überarbeitete, lautete nach Loc. 1056
Acta varia f 2':
Sire.
Le bonheur de voir Votre Majestc parmi nous, nous a inspir6
tant de joie qua nous ne saurions nous empccher d'en donner des
marques, avant de nous retirer de Sa presence. II ne nous manque
pour rendre notre satisfaction complö-te que la permission de saluer
encore Votre Majeste, pour nous congedier d'EUe et pour La supplier
Das Zeithainer Lager von 1730. 223
d'excuser le peu de contentement (Wackerbarth: satisfaction) qu'Elle
a peut-etre trouv^ en nos exercices militaires. Nous tächerons de
nous en acquitter plus ä Son gr6 ä l'avenir et nous serons toujours
prets ä verser notre sang pour la gloire commune de Votre Majest^,
du Roi n[otre] m[aitre] et de tous leurs veritables amis, 6tant avec
beaucoup de d^votion [Votre Majest^ tres humbles serviteurs, oder
ähnlich].
Was hierauf Friedrich Wilhelm I., der übrigens hinterher,
am 26. Juni, ,,660 Ducats Spec. an das Oberhofmarschallamt
zur Discretion vor die Hofstaat übersandte" (O HA. I f. 26^ f ),
erwiderte, ist nicht bekannt.
Über die Eibfahrt am 27. Juni, an der nur noch eine
verhältnismäfsig kleine Zahl von erlauchten Gästen und Kava-
lieren teilnahm, über die Besichtigung des Graditzer Gestütes
unterwegs, die Landung bei Lichtenburg, die Unterbringung
der Jagdgesellschaft auf dem kurfürstlichen Schlosse und die
Schlufsjagd am 28. Juni 1730 ,,auf Annaburgischer Heyde,
Zühlsdorfter Revier, im Brande an der Annaburgischen Strafse
und [in den] Höllgründen", geben genaue Aufschlüsse Staats-
kalender J 4 Sp. 4 bis K T Sp. 3 und von Mansberg S. 308 f.,
zu denen ergänzend hinzutreten das Hofjournal O HA. I
f. 27^^ f. und 294 — 317, Loc. 1056 I f. 228«= — 228^, 334^» bis
336 und Loc. 1056 Acta varia f. 56 — 59, 84. Die Strecke
gibt O HA. I f. 317 an. Es wurden ,, gefangen, geschossen
und gehazt 250 Hirsche, alfs 175 Kolbenhirsche und 75 junge
Hirsche, 464 Stück Wild, 90 Wildskälber, 66 Reheböcke,
21 Rehe, 10 Rehekälber, 9 hauende und 12 angehende
Schweine, 38 Kej'ler, 63 Bachen, 81 heuerische Fri.<chlinge,
18 Haasen und 2 Füchfse", zusammen also nicht nur ,,nahe
an 1000 Stück" (von Mansberg S. 309), sondern 11 24.
8. Die Kosten.
Über die Kosten der glänzenden Veranstaltung bei Rade-
witz tauchten bald die verschiedenartigsten Gerüchte auf und
fanden nach und nach Aufnahme in die Literatur. Chr. E.
Weifse behauptet in seiner „Geschichte der chursächsischen
Staaten VI (1810), 63, dafs das Campement 968780 Tlr.
gekostet habe, wovon allein 15000 Tlr. auf die Hauptgondel
(gemeint ist wohl der Bucentaur) entfielen. E. Vehse, Ge-
schichte der Höfe des Hauses Sachsen V (1854), 63, und
nach ihm Böttiger-Flathe, Geschichte von Sachsen II
(1870), 368, sprechen von 1 000000 Tlrn., rundeten also
2 24 Hans Beschorner:
wohl nur die Weifsesche Summe nach oben ab, J. G. Keylsler
aber berichtet gar in seiner „Neuesten Reise durch Teutsch-
land, Böhmen usw/' II (1741), 1049, von 5000000 Tlrn. und
fügt zur Begründung seiner aufsergewöhnlich hohen Angabe
hinzu, dafs allein ,,500 neue Betten mit Vorhängen von Taffe-
tas verfertiget" worden seien und ,,die Nachtstühle vmd Nacht-
geschirre allein bey 5000 Tlr. gekostet haben".
Dafs das Zeithainer Lager einige Millionen Taler ver-
schlungen haben kann, wenn man die Neubildung des Heeres
mit allen dazu grehörigen Neuanschaffungen einrechnet, soll
nicht geleugnet werden. Sieht man aber von diesen und
ähnlichen Dingen ab, die nicht unmittelbar Vorbereitungen
auf das Campement genannt werden können, sondern Schöp-
funoen für sich sind, so dürfte die Gesamtsumme für das
• T
Zeithainer Lager wesentlich niedriger anzusetzen sem. in
einem Vortrage vom 31. März 1730 (Loc 900 XXXI f. 9'^ und
105) wurde ,,der Aufgang bej'm bevorstehenden Campement,
der natürlich wegen der vielen Umstände nicht genau vor-
hergesehen werden könne, auf 100 000 Tlr. über das ordent-
liche Deputat" geschätzt. Dieses besondere Deputat wurde
offenbar bewilligt, langte aber, wie das gewöhnlich der Fall
ist, bei weitem nicht. Bei einer Berechnung Ende Oktober
1730 stellte sich vielmehr heraus, dafs die Schulden der Hof-
kasse, die Ende 1729 nur 62803 Tlr. 6 Gr. 8 Pf. betragen
hatten, auf 186596 Tlr. 13 Gr. 7 Pf., also um rund 123793 Tlr.
gestiegen waren. Diese 123793 Tlr. Defizit dürften haupt-
sächlich dem Campement zur Last zu legen sein. Da aufser-
dem noch für die Bedürfnisse der Hofküche 50000 Tlr. Vor-
schufs „auf das geordnete laufende August -September -Deputat
von der brauenden Bürger- und Kauffmanschafft in Zittau"
erhoben wurden, so würde man auf
100 000 Tlr. Extradeputat,
123793 ,, Schulden,
50000 ,, Vorschufs,
Sa. 273793 Tlr. Gesamtkosten
kommen, die der Juni 1730 verursachte. Dafs in dieser Summe
aber längst nicht alle Ausgaben begriffen sein können, dürfte
eine Zusammenstellung einzelner Posten ergeben, die teils an
verschiedenen Stellen dieser Arbeit bereits erwähnt, teils m
Loc. 1056 (z. B. II f. 5if.), Loc. 1064 f. 278—284 (be-
sonderes Faszikel ,, Einige auf das Zeithainer Lager bezügliche
Rechnungen"), Loc. 900 XXXI, Loc. 354 Chatoullensachen,
usw. aufgeführt sind:
Das Zeithainer Lager von 1730.
225
II 409 Tlr. 9 Gr
21676 „ 12 „
81 „ 14 „
198 „ 16 „
26395 )^ 8 „
14000 „ — „
1408 „ — „
2983 „ — 5,
2200c „ — „
4600 „ — „
18400 „ — „
47400 „ — „
30000 „ —
8000 ., —
2 1 60 „ —
5 500 „ —
5 335 » —
2365 ;, —
4000 „ —
24449 „
18163 „
300 „
350 ),
266 „
389 „
254 »
3273
3000
10002
17
" 5)
23 „
16 „
12
ZU Silber und andere [n] ins Campement erforder-
liche [n] Sachen.
an das Bauamt. — Die 5050 Tlr. für den Pavillon
(s. oben S. 95) und die 4003 Tlr. für das Königspalais
(S. 96) dürften darin enthalten sein. Dagegen wer-
den wohl als besondere Posten anzusehen sein:
dem Tischler Hoesen (S. 95).
dem Tapetenmacher (S. 95).
an den Accisrat Stareken.
vor das Graft- Lützelburg- Service,
vor das in Berlin bestellte Silber,
an Albrecht und Piper vor die in Leipzig bestellten plats
de menage und nach Holland vorgeschossene Gelder,
dem Stall vor bereits gekauffte Pferde, Wagens
und Zelter.
dem Pferdehändler Ziegler.
dem Kauffmann Apel vor Betten, Zelter und Echa-
braquen.
an den Kauftmann Piper vor bestellte Zelter, Betten,
Echabraquen.
dem Kauftmann Lippold.
dem Italiener Contesse in Breslau vor Zelter,
vor zwey grofse zinnerne Tafelservise von englischem
Zihn, welche allhier verferttiget werden,
vor vier grofse englisch zinnerne Tafelservise,
welche von London anhero kommen,
vor Silber zu denen grofsen Tafelservisen (S. 201).
Macherlohn an die Silberarbeiter (ebenda).
Augmentation des silbernen, doppelt matt vei'gol-
deten Tafelservises (ebenda),
für Zelter (s, S. 103) und
9 Pf. für die Einrichtung der Zelter (S. 104). Es ist
fraglich, ob in diesem Posten folgende kleinere mit
eingeschlossen sind:
vor 120 Stück messingene Zeltleuchter mit 2 Tillen
ä 2 Tlr. 12 Gr.
vor zinnerne Giefsbecken nebst 100 darzugehörigen
Kannen, welche in der Campagne sollen gebrauchet
werden, ä 3 Tlr. 12 Gr
vor 200 grofse, zinnerne, ovale Nachtbecken, welche
gleichfalls in der Campagne sollen gebrauchet
werden, ä i Tlr. 8 Gr.
vor 106 Stellagen, worein die Deegen und Espon-
tons vor die ganze Armee in denen preufsischen
Zimmern rangiret gewesen.
eine blaue preufsische Estandarte, mit Gold ge-
stücket, nebst den Riehmen, alles mit goldenen
Tressen und Prangen besetzet.
Sicher für sich zählen die
für spanische Matten (s. S. 104) und die
dem Brodeur Wiedemann.
für die Munitions- und Feuerwerkshütten und für
die Feuerwerksmachine (die Feuerwerkskörper sind
noch nicht mitgerechnet).
220
Hans Beschorner:
5 loo Tlr.
1250 „
3718 >,
4389
2439
300
10771
10316
34612
3-61
9647
1087
778
3585
600
8155
II 508
2487
604
466
I 000
51
)l
5)
))
))
585 „
1500 ))
878 „
637 „
51
16
17
19
18
10
21
12
12
23
9
59
20
22
10 000
— Gr. für Aptirung und Reparirung der Schiffe (S. 220).
— „ für die Schifferkleidung (ebenda),
für die Schiff- und die Inventionsbrücke (s.S. iii).
Was die anderen Brücken kosteten, ist zunächst
noch unbekannt.
für die Ochsen und
für das Weinpraesent (einschliefslich 439 Tlr. für
Fracht vom Königstein und Gefäfse).
für die hölzernen Teller bei der Separation (S. 222).
6 Pf. vor die Obercämmerei.
II Pf. vor die Hofkellerei.
4^4 Pf. be}' der Hofküche.
10 Pf. bey der Silbercammer.
6 Pf. vor die Conditorey.
11 Pf. bey der Gräfin Orzelska Küche.
Kleinere Posten kommen wohl bei Küche und
Kellerei noch dazu, z. B.:
für Tuch zum Bekleiden der Tafeln (S. 201).
(ungefähr) Fracht für Küchenfuhren zu Lande und
zu Wasser.
vor 100 Dutzend Weinglässer, 50 Dutzend Caravinen
und 50 Dutzend Bierglässer.
10 Pf. für Licht usw.
zur Verfertigung der neuen Chaisen, Wurst wagen
und dg].
für Einrichtung des Lazarets (S. 99).
8 " 4 Pf. für die Indemnisation der Feldbesitzer (S. 92).
7 Pf. für Niederlegung des Gohrischholzes (S. 92).
zur Errichtung der sechs Pyramiden (S. 93).
4 Pf. für Absteckung der Tracen auf dem Exerzier-
platze, für die sechs Maschinen zur Sprengung der
Fafsbrücke (15 Tlr. 2 Gr.), für die 216 Pyramiden
zu den Lanciers-Übungen usw. (Loc. 1056 H f . 374 f)-
vor den grofsen Daniel und Rofsschweifträger.
dem Hofpoeten König „vor die poetischen Gedichte,
so er über das grofse Campement bey Zeithayn
verfertiget, als „Gnadensbezeugung" aus der könig-
lichen Chatoulle (Verordnung Brühls vom 4. Sep-
tember 1731, Loc. 354).
für das Kupferstichwerk (s. S 79 Anm.).
Rechnet man diese hier aufgeführten Posten zu.sammen,
so ergibt sich eine Summe von weit über 400000 Tlrn., die
also die oben angebene Summe von 273793 Tlrn. beträchtlich
übersteigt. Bedenkt man aber, dafs uns diese Posten rein
zufällig durch die Akten erhalten sind, während wir von
anderen, zunächst wenigstens, noch keine Kenntnis haben,
und bedenkt man ferner, dafs eine Unsumme kleinerer
Po.sten, die zusammen wieder ein ganzes Kapital ausmachen,
überhaupt nicht berücksichtigt wurden, so wird schon Weifse,
der anscheinend auf aktenmäfsiger Grundlage .steht, mit seinen
Das Zeithainer Lager von 1730. 227
968780 TIrn. recht haben. Ohne die rein militärischen Aus-
gaben dürften die Unkosten des Zeithainer Lagers mit Vehse,
Böttiger -Flathe und anderen auf rund 1000 000 Tlr. zu ver-
anschlagen sein.
9. Gedanken Augusts des Starken über die Not-
wendigkeit von Manövern und ihre Durchführbarkeit.
Nachdem August der Starke erkannt hatte, dafs in be-
stimmten Zeiträumen regelmäfsig wiederkehrende Manöver
für eine Armee unerläfslich seien, und nachdem er beschlossen
hatte, eine erste derartige grofse Übung mit allen zur Ver-
fügung stehenden Truppen bei Zeithain zu veranstalten, sprach
er seine Ansichten darüber wieder und wieder aus, an seiner
Grundanschauung nichts ändernd, dagegen bald diesen, bald
jenen Punkt näher ausführend. Es ist natürlich von hohem
Werte, diese Auslassungen des Königs, in denen jer sich
selbst über einen seiner Überzeugung nach überaus wichtigen
Punkt des Staatslebens klar zu werden suchte, im Wortlaute
kennen zu lernen. Die Niederschriften, von denen sich meist
eine oder mehrere (verbesserte) Abschriften in den auf das
Zeithainer Lager bezüglichen Akten befinden, in eine be-
stimmte zeitliche Reihenfolge zu bringen, dürfte kaum mög-
lich sein.
I. Loc. 2097 Nr. 7 f. I (vgl. diese Zeitschrift XXI, 1900,
S. 250) äufsert sich der König folgendermafsen:
„La paix et l'inaction dans laquelle les troupes se trouvent,
es)t tres nuisible aux troupes. L'iStat qui en tient, quoiqu'il les exerce
en detail et par r^giment, ne considere pas que cela ne suffit pas.
Les g6nt^raux demeurent oisifs, les vieux meurent qui ont l'exp6rience
et savent comment se servire des troupes. Les nouveaux avancent,
sans avoir d'exp6rience ou d'occasion ä l'apprendre, n'ayant vu que
le maniment des armes et en detail un ou deux regiments faire
l'exercice, [cej que chaque major doit savoir f.iire. II est donc tres
necessaire qu'un t;tat qui tient des troupes, fasse des campements oü
les gen^raux ä leur tete[s] fassent faire des mouvements, manoeuvres
et marcher l'arm6e, comme le colonel son r^giment Par lä 11
s'imprime et aux soldats en temps de paix ce qui se fait ä la guerre,
et [aux gen^raux], comment s'en servir, quant on a la guerre et que
l'occasion s'en präsente.
Ces raisons m'ont port6 d'assembler l'arm^e apres un repos de
12 ann^es, [pour lui en rendre l'idt^e, une chose], qui seroit bonne
de suivre toutes les 3 anne^es en diff^rentes manieres, pour tenir les
troupes en haieine."
Die Abschrift in Loc. 10947 Paquet Ordres f. 507, nach
der einige Stellen des Textes verbessert wurden, fügt am
2 28 Hans Beschorner:
Schlüsse noch die Worte „Mais cette armee qu'on presentera
.... de ce qu'ils verront" an, die unten S. 236 nach den
Aufzeichnungen des Königs mitgeteilt sind.
II. ebenda f. 2:
„L'oisivet^ et l'inaction 6tant tres nuisible aux troupes, [surtoutj
un repos de 15 ä 16 annees. Las generaux, officiers et soldats
oublient en ce temps leur m6tier de la guerre et Fcxercice. Les
vieux meurent et les nouveaux ne savent le mutier et ce qui y
apartient. C'est ce qui m'a oblig6 d'y mettre ordre. Les troupes
ni les officiers se connaissent point, se n'6tant pas trouves assembl6s
depuis ce temps lä. Ainsi on a 6t6 oblig6 de faire des nouveaux
reglements d'exercice et en un mot de regarder l'armee quasi comme
nouvelle. Pour [leur] donner de la connaissance, on les a assembl^es,
pour leur faire faire ce qui apartient au mt^tier de la guerre, autant
qu'un temps court peut permettre, ce qui dans les suites peut etre
continue et augment6. 11 faut consid6rer le militaire comme une
ecole oü on apprend ,1'alphabete', ce qui est Tarmure et ce qui en
depend. , Buchstabiren' sont les exercices,, ,les mots' sont la for-
mation des Corps, et ceux joints ensemble [enseignent] l'usage qu'on
doit faire de ces corps, comme des paroles dont on se sert."
Wegen der sehr mangelhaften Stilisierung, die, um in
die flüchtig hingeworfenen Worte Sinn und Zusammenhang
zu bringen, mehrfach zu Textänderungen nötigte, dürfte dieses
Stück mit am frühesten niedergeschrieben sein.
III. Loc. 2097 Nr. 14 f. 16:
„L'inaction et l'oisivete dans les troupes est nuisible ä (Original
wieder dans) une arm(^e et au metier de la guerre. II est rest6
l'exercice ordinaire dans les r^giments [de l'jarmt^e au commun
Soldat; mais cela ne sultit pas, si les generaux oublient, comment
se servir de ces r^giments et de ces troupes. Les vieux meurent,
les nouveaux avancent par degre en temps de paix, sans avoir eu
[d'joccasion dans la paix de voir des mouvements de guerre. L'armee
n'est [pas] ensemble, pour faire lä et lä [des] manceuvres. C'est pour
cela qu'il faut assembler en temps de paix les troupes et leur iaire
faire les mouvements et autres fonctions de guerre. La präsente
[assemblee] est sur un terrain uni, et suivant le terrain on fera
diff^rente disposition, Par lä les troupes, officiers, g6n6raux s'impri-
ment ce qui est la guerre, et ne sont pas neufs, quant cela vient
ä la guerre, devant I'ennemi. Si cela se pourrait faire tous les
2 ou 3 ann6es, on rafraichirait la memoire. C'est ce motif qui m'a
port6 d'assembler des troupes, de les faire [faire] des manoeuvres et
[leur] donner l'exercice." (Der Schlufs ist unten S. 236 mitgeteilt.)
IV. ebenda f. 7 f.:
„On ne met pas en doute qu'un chef d'arra^e ne sache pas ce
qui apartient au metier de la guerre et ce qui est praticable; nean-
moins l'oisivete est pernicieux dans les troupes. Ainsi il est n6-
cessaire de les tenir en exercice pas seulement particulier, mais aussi
dans les t^volutions d'une armcie. Les anciens ont eu differents
maximes, les modernes en ont chang6, et ceux qui suivront, trou-
Das Zeithainer Lager von 1730. 229
veront peut-etre [d'jautres choses dans les armees et manceuvres.
Toujours il est necessaire pour cela qua les generaux fassent en
temps de paix des camps et mouvements, pour ne pas laisser oublier
aux officiers et troupes dans la tranquillit6 ce qui est utile et
necessaire dans la guerre. — Les majors sont l'äme du r6giment,
de meme les generaux de l'armee. Ainsi il est necessaire de las
tenir en axercice. II arrive pendant la paix qu'on avance et on ne
sait pas souvent ce qui convient au poste oü on parvient. Ainsi
on a voulu faire voir pour un echantillon et par le corps qu'on
präsente, differentes manceuvres, comme ils suivent:
1. l'arrangement pour une revue,
2. comme on rentre au camp,
3. marche et retour des colonnes,
4. mouvements par des lignes,
5. differents carr6s,
6. combat,
7. attaque d'un retranchement.
Les autres manceuvres seraient trop longues ä les representer, comme
investir la place, le siege, le secours, parti, convoi, embuscade et
[d'jautres d^tails.
V. Loc. 2097 Notizen zu Manövern usw. f. 40 (aufserdem
Loc. 12 II Vol. VII ^ am Ende von 1729 und Loc. 10947
Paquet Ordres f. 530):
Die Ursagen, soh mich bewegen, die Armes auf neien Fus
zu setzen und sie in ein Campemang zusahmen zu zihen, seind
folgende :
1. das, nachdem 14. Jahres verflossen, das die Armes missig
gewesen, der Soldaht und Generahl nicht beysahmen gewesen,
welches hegst schedligen ist,
2. [das] der Generahl — gemeint ist Wackerbarth — Alters
wegen abgehet,
3. [das] die neien, soh succedieren, nicht Gelegenheit gehabet,
in Fridenszeit was zu lernen, obzwar die Regimenter en d6taille
exerciren,
4. welches aber nicht genugsam, sondern man mus wiesen, der-
selben sich zu bedienen, wen man sie zusahmen hat.
5. Also habes ich sie zusahmenzihen wohllen, umb einige
militärische Bewegungen machen zu lassen nach dem Terrain, wie
wier ihn fienden werden.
6. Was nun projectiret, wie hier folget, werden die Generals
ihre Meinungen sagen, auch anders forschlagen,
7. nicht zweifelnde, sie werden alles wohl execoutiren und
gedenken, das von fiellen Lenderen Zuschauer sich finden werden,
denen wier nichtz zeigen miessen, soh sie Gelegenheiten gibet auss-
zusetzen.
Meine Gedancken seind in übrigen, das guht were, dergleichen
Campements aller 3 Jahre zu magen, in 2 (d. h. wohl im 2. Jahre
nach jedem grofsen Campement) separirtte Camps, in i (d. h. im
I.Jahre) nach der Revue regimenterweisse, 3 oder 4 Wogen (jedes-
mal), und das in September, woh nichtz in Felde. Auf diese Weise
unsere Trupen in Friden geibet werden au metier de la guerre, so
dass es ihnen in Kriegszeit nichtz Frembdes ist.
230
Hans Beschorner:
VI. Loc. 10947 Paquet Ordres f. 567 (nicht eigenhändig,
aber zweifellos, wie aus verschiedenen Wendungen klar wird,
auf einen königlichen Entwurf zurückgehend):
II est certain que lorsqu'un etat jouit d'une paix de longue
duree, ses troupes perdent l'habitude des exercices militaires et la
connaissance des Operations militaires auxquelles la guerre donne
lieu, ä moins qu'on ne songe ä quelque expedient de les entretenir
dans ces exercices et de renouveller dans leur esprit des Operations
militaires qui doivent etre mises en execution dans une campagne.
Pour parvenir ä ce but, il n'y a d'autre expedient que celui de faire
assembler les troupes de temps en temps et de faire des campements.
Mais il est. tres difficile, pour ne pas dire impossible, de repr^senter
dans quelques semaines de temps qu'une revue ou campement peut
durer, toutes les oper.itions militaires qui peuvent etre mises en
execution dans une campagne qui dure une 6te entiere.
VII. Loc. 1056 Vol. II f. 371^-^ (dgl. Loc. 1056 Acta
varia f. 185 f):
[Les] raisons qui doivent porter un etat ä entretenir pendant la
paix une arm^e en exercice, sont les suivantes:
1. L'arm(^e se trouvant oisive pendant une suite d'ann^es qui
s'ecoulent en tranquillit^ et en repos, donne occasion par lä aux
g^neraux de meme qu'aux soldats d'etre (§loignes Tun de l'autre, ce
qui est tres nuisible ä tous les deux.
2. Les anciens generaux experiment^s meurent.
3. Les nouveaux qui surviennent, ne peuvent point se cultiver
ni s'altacher au metier pendant la paix faute d'occasions, quoiqu'on
exerce les regiments en detail.
4 Ce qui n'est pas süffisant, mais le principale est, de leur
apprendre le m(^tier ou Service de sorte qu'ils ne se trouvent pas
neufs, quand l'occasion se presente
5. Ainsi qu'il est necessaire de les assembler pendant la paix,
pour les entretenir dans les mouvements militaires, suivant que la
difference des situations et terrains obligent de les faire.
6. Ayant ainsi fait voir les raisons et la n^cessit^ qui peuvent
determiner un (itat ä faire des revues gen^rales, on croit nt^cessaire
de donner une id^e des manoeuvres militaires qu'on y peut faire
exercer, laquelle consiste:
a) dans la revue en soi-meme qui fait voir le nombre et la
qualite des troupes,
b) dans l'exercice particulier des pieces differentes dont une
armee est formee, comme des dragons, de la cavalerie, de
l'infanterie, de l'artillerie.
c) [dans la demonstration] de la maniere de s'en servir, quand
ces pieces sont jointes ensemble, savoir
par les differentes marches,
par les diflerents arrangements,
par les differents ordres de bataille,
par les differents mouvements,
par les combats,
par les attacjues,
par les retraites et autres choses qui appartiennent au
militaire.
Par ces manoeuvres on concevra le detail des fonctions de guerre.
Das Zeithainer Lager von 1730. 231
Dieses und die beiden folgfenden Stücke liefen nicht von
der Hand des Königs vor, atmen aber auch vollkommen
seinen Geist. Möglicherweise sind es Bearbeitungen, die des
Königs Gedanken durch den Grafen Wackerbarth erfahren
haben.
VIII. Loc. 1056 Acta varia f. 148 bis 150:
Raisons qui doivent porter un prince ä faire de temps en temps
des campements ou assembl(§es g^nerales de ses troupes. Les troupes
6tant (Stabiles pour le soutien des 6tats doivent par cons6quent etre
mises en Situation de pouvoir agir en toutes occasions oü le besoin
pourroit le requerir. Ainsi, outre le principe que le soldat doit se
faire du point d'honneur et d'iine noble ambition, il est tres necessaire
qu'il soit instruit dans la parfaite connaissance des manoeuvres, ruses
et entier exercice de la guerre, ce que les troupes ne sauroient
acquerir dans des quartiers separt§s oü location leur manque de se
former et de s'instruire de tout ce qui s'y pratique. II est donc
important par ces raisons que les troupes s'assemblent de temps en
temps en corps d^tach^s ou en general, tant pour apprendre le fond
de l'art militaire que pour y prendre de l'ardeur pour leur metier
et qu'elles puissent s'inspirer une noble emulation, outre encore qu'elles
se mettront par lä en etat de pratiquer avec succes et reellement
pendant la guerre ce que la theorie, la lecture et les relations
d'autruy leur auront imprime. Une raison bien essentielle et des
f)lus importantes au bien d'un etat est d'observer qu'une paix de
ongue duree fait que, les vieux officiers manquant, toute une armee
seroit composee ä la fin de jeunes gens sans experience. Ainsi pour
eviter les inconvenients et les fautes qui pourroient en r6sulter, il
est donc absolument necessaire de faire assembler les tioupes de
temps en temps, pour que la science militaire dont les vieux officiers
instruiront les jeunes, puisse [se] poster en eux comme par succession
et que le prince puisse ä meme temps connoitre le genie et la capacite
des officiers par l'application qu'ils apporteront au metier, [pour]
s'en servir dans les occasions, dans les usages et dans les fonctions
dont chacun se trouvera capable. Pour parvenir ä l'ordre de l'art
militaire et que l'on puisse travailler sur un bon fondement, le
premier point ä quoy l'on doit s'appliquer, est de faire bien connoitre
ä chaque corps en particulier l'utilite de ses manoeuvres militaires
et, apres que chaque corps en particulier sera bien instruit de son
metier et s'en sera bien acquite, on pourra les joindre ensemble,
pour en former une armee oü par differentes representations on leur
imprimera les manoeuvres usitees dans une guerre.
Ce sont donc ces considerations essentielles qui nous ont port^s
ä former cette ann^e 1730 pour le premier de juin un campement
g6n6ral de nos troupes et, comme la diversite des mouvements et
manoeuvres en seroit innombrable, nous avons choisi Celles qui
ont 6t6 cru les plus convenables pour le temps destin6 ä la durt^e
du dit campement, et les avons ordonne, comme s'ensuit:
la revue generale de l'armee,
la manoeuvre des dragons,
„ „ de la cavalerie,
„ „ de l'infanterie,
„ „ de l'artillerie,
I.
jour
2.
1)
3.
)5
4.
))
5-
))
2 52 Hans Beschorner:
6. jour: la manoeuvre des lanciers,
7. „ : mouvements et marches sur treize colonnes avec l'arrange-
ment de Tan-iee dans son premier ordre de bataille, l'attaque
et la retraite sur huit colonnes,
8. „ : mouvements et marches sur trois phalanges ou sept lignes
avec l.arrangement de l'armee dans son premier ordre de
bataille, l'attaque et la retraite par lignes,
9. ,, : mouvements des differentes manieres de quarrt, attaque
des quarr^s par la cavalerie et la retraite,
10. „ : passage d'une riviere et l'attaque d'une armee retranchee,
11. ,, : combat des deux armees et la retraite d'une des deux,
12. „ : le feu de joye,
13. „ : le festin de toute l'armee et la Separation.
IX. Loc. 10947 Paquet Ordres f. 568 — 570 (auch Loc.
12 II Vol. VII ^, am Ende von 1729):
Raisons qui ont denn 6 occasion ä faire le campement. — Plu-
sieurs raisons doivent porter un etat ä assembler ses troupes de
temps en temps:
1. Pour les entretenir dans l'habitude des exercices militaires,
parce que, le Service de campagne etant tres different de celui des
quartiers ou des garnisons, on se trouve expost^ ä de grands incon-
v^nients, quand il est question de former un corps d'armee.
2. Une longue paix iait disparoitre les vieux chefs, et les
nouveaux, quelque habiles qu'ils puissent etre dans la theorie. ont
besoin de plusieurs campagnes, pour se perfectionner par la pra-
tique. Celle-ci ne s'acquiert que par l'habitude sans laquelle la
bonne volonte, la valeur et le zele tombent souvent en defaut.
3. Le seul moyen d'obvier ä ces inconvenients qui ont tant de
fois expose le salut des etats, c'est de former des campements pendant
Ici paix, d'y pratiquer le service de campagne et la manoeuvre mili-
taire et d'\- representer au naturel. autant qu'il est possible, tous
les 6v6nem"ents de la guerre et ceux qui se rencontrent dans les
occasions inopinees et difticiles.
4. Cet expedient ne peut manquer de dresser la jeunesse dont
une armee se trouve remplie, cela forme le soldat, affermit et deter-
mine les chevaux de la cavalerie, donne et repand des impressions
g^n^rales du mecanisme militaire, de l'artillerie, du genie et de tout
ce qui y a rapport (connoissance dont on se passe ;i regret, quand
on est oblige d'entrer en action), il dresse (Sgalement le soldat ä
sgavoir tirer parti des situations facheuses oü la guerre expose, loin
des quaitiers et des villes, sous des climats difterents, dans des
terrains ingrats ou des Saisons facheuses.
Ce n'est qu'ä la faveur des campements que nous avons projett«^
(suivant le plan par nous regle pour chaque journee d'^ celui-ci)
que nos troupes pourront se former aux opt^rations militaires, et
c'est ä quoi les chefs auront soin de pourvoir, de sorte que l'officier
et le soldat en puissent tirer toat le prolit necessaire et reraplir
leur devoir dans l'occasion. C'est sur ces considerations que nous
avons resolu d'assembler nos troupes au mois de juin et de les
etablir par lä ;^ur le pied sui letjuel nous nous croyons indispensables
de le taire pour l'avenir, enjoignant ;"i notre conseil de guerre et
ä nos generaux de se regier sur le plan ci-joint:
Das Zeithainer Laojer von 1730. 233
A.
L'armee qui s'assemblera, sera composee de quatre ordres,
comme toutes celles de notre temps: l'infanterie, la ca Valerie, les
dragons et l'artillerie. Les grenadiers qui sont attaches aiix regi-
ments, n'en forment point. Ceux qui sont en corps sont renfernies
dans celui de l'infanterie. La simple connoissance du pied et des
exercices particuliers des ordres ci-dessus seroit inutile sans Celle
de leurs fonctions jointes ou separees dans l^s marches, dans les
ordres de bataille, les attaques, les rencontres, les retraites et les
autres Operations qui appartiennent au militaire et qui demandent
sans cesse des dispositions assaisojinees au terrain, au temps et aux
autres situations oü Ton peut se trouver pendant le cours d'une
guerre entiere.
B.
Quant ä la disposition pour les exercices et l'emploi du temps
destine ä la duree du campement, nous en avons ordonne de cette
maniere: i.jour la revue, 2. la manoeuvre des drasons, 3. la ma-
noeuvre de la cavalerie, 4. la manoeuvre de l'infanterie, 5. la ma-
noeuvre particuliere des lanciers, 6. la manceuvre de l'artillerie,
7. la disposition des mouvements d'une marche, arrangement et
retraite en colonnes, 8. la disposition des mouvements d'une marche,
arrangement et retraite en lignes, 9. la disposition des mouvements
des marches, arrangement et retraites en quarres, 10. la disposition
d'une manoeuvre pour le passage d'une riviere, 11. le combat des
deux armt^es, 12. le feu de joie, 13. la Separation du camp.
On pourroit representer encore plusieurs 6v6nements non moins
utils, comme: fourrages ä portee de l'ennemi, convois attaques et
couverts, rencontre de partis, embuscades, escarmouches de postes
avances, attaques de grandes gardes, pillages en ordre, fascinages,
travaux militaires, c'est ä dire constructions, demolitions dans les
Sieges, postes ou retranchements. Tout cela depend uniquement
du premier parti qu'on scait prendre, sans rien oftrir de satisfaisant
ä la vue des spectateurs, du cot6 de l'addresse ou de la rt§gularite.
C'est pourquoi nous laisserdns cela aux jours de repos ou d'exercices
particuliers, si on juge ä propos de le laire.
Nous avons pris sur nous les dispositions marquöes dans les
jours que nous avons choisi, parce qu'elles offrent des ex^cutions
non moins necessaires que brillantes par l'ordre dont elles sont
susceptibles, et que nous nous faisons une satisfaction personnelle
de contribuer par nous-meme ä celle des etrangers que l'attachement
au Service et le gout pour les exercices militaires attireront dans
notre camp.
Das unvollendete Schriftstück, das im allgemeinen
klarer gehalten ist, als die ziemlich schwülstig ausgefallene
Nummer VII, schliefst mit einigen Bemerkungen über die not-
wendigen Reglements und mit einzelnen reglementarischen
Bestimmungen. Eine deutsche Übersetzung desselben bietet
Loc. 10947 Paquet Ordres f. 611 f.
Aufser diesen meist allgemein über die Notwendigkeit
von Manövern handelnden Stücken finden sich in den Papieren
234 Hans Beschorner:
des Königs noch mehrere eigenhändige Aufzeichnungen, die
sich auf die Vorbereitungen zum Zeithainer Lager selbst be-
ziehen.
Die günstigste Zeit für Abhaltung desselben und seine
Zeitdauer wird erwogen Loc. 2097 Nr. 12 f. 23^:
Comme on a determiii6 que le campement doit consister en
12 escadrons de dragon, 24 escadrons de cavalerie [et] 18 bastal-
gon[s] [d'infanterie ?],
1. il sera besoin de determiner l'ordre de bataille et ce qu'on
veut faire le jour de la revue,
2. quels manoeuvres militaires on pourrait faire les jours sui-
vants que le campement durera,
3. au dernier il faut determiner le temps de sa duree. S'il est
court, il faut chaque jour autre chose, pour ne pas laisser ennuyer
les Spectateurs. Si le temps est prolonge, on peut laisser un jour
d'interva][le]. Mais toujours determiner les manoeuvres, soit long
ou court!
4. Le plus court ce pourroit etre 10 ou 12 jours comprise la
revue, le plus long 3 semames.
5. Le meilleur temps serait le mois de mal, quoiqu'il n'y a point
d'herbe; auquel on peut pourvoir par les magasins. Le terrain on
en prendra d'inculte. Le mois de juillet et aoüt est trop incommode
par rapport du chaleur aux chevaux, les hommes patissent [aussi],
et la poussiere [est] incommode pour les exercices et mouvements.
Mit der „Liste des manoeuvres militaires qu'on presentera",
beschäftigt sich Loc. 2097 Nr. 15 f. 34:
En premier lieu la revue fait voir le nombre et la qualit6
[des troupes]. 2. Les pieces dift"6rentes [fönt voir] en quoi ils
consistent, et leurs exercices, des dragons, [de la] cavalerie, [d']in-
fanterie, |d']artillerie. 3. [On fait voir] comme on s'en sert, quant
ils sont ensemble, par les marches, arrangement, retraite, combat,
attaque. 4. Les rejouissances apres des heureux succfes. Par ces
4 articles on verra tant de detail des fonctions de la guerre.
Ebenso Loc. 2097 Nr. 14 fol. 8^:
„Les mouvements qu'on presente ä la revue, servent d'instruction.
[Ils] sont formes Selon le nombre des troupes qui se trouvent et
qui consistent en 28 bataillons et 42 escadrons. (^'a doit servir
d'instruction aux generaux de former diflerents changemenis d'ordre
de bataille, marches et retraite[sj, de bien observer le terrain et
les intervalles, de faire les mouvements vite et de se ranger .sur-
le-champ, de changer les fronts et ce qui en suit.'- So sollte das
Zeithainer Lager werden „une ecole en general pour le chef de
l'armee et ses generaux comme [pour] le commandant d'un regiment
et son major, du bataillon et de l'escadron, de mt-me des brigades,
des ailes et du corps de bataille. Ensuite selon le nombre [il] montre
(nämlich der Chef de l'armee) ce qu'on peut faire.''
Auf Grund dieser Erwägungen stellte der König (Loc. 2097
Nr. 14 f. i; eine gute, nicht ganz vollständige Abschrift
Loc. 10947 Paquet Ordres f. 507 f. j folgenden Programm-
entwurf auf:
Das Zeithainer Lager von 1730. 235
Mittwoch den 31, Mai : arrivee,
Donnerstag; „ i.Juni: revue,
Sonnabend ., 3 ,. : exercice des dragons,
Montag ,, 5. ,, : exercice de la cavalerie,
Mittwoch ,, 7 ,, : extrcice de l'infanterie,
Freitag ,, 9. ,, : exercice des lanciers,
Sonntag .. 11. „ : tirages,
Dienstag „ 13. „ : mouvements par des colonnes,
Donnerstag ,, 15. ., : mouvements par des hgnes,
Sonnabend „ 17. „ : mouvements des carres,
Montag ., 19. „ : attaque du retrancheraent,
Mittwoch ., 21. ,, : combat des deux armees,
Freitag „ 23. „ : feu de St. Jean,
Sonntag „ 25. „ : Separation.
Den 2., 4., 6., 8., 10., 12., 14., 16., 18., :o., 22. und
24. Juni bezeichnete der König als ,,jours de repos", die ver-
schiedenen „exercices particuUers" überlassen werden könnten.
Si on veut, on pourroit faire ces jours ce qui se passe ä la
guerre, comme: i. fourrage, 2. convoi, 3. parti, 4. embuscade, 5. fas-
cinage, 6. alarme, 7. surprise des gardes avancees, 8. pillage, 9, — ,
10. — , II. — , 12. — . Mais ce sont des choses particulieres et 011
las spectateurs ne peuvent pas prendre part, ni qui remplissent la vue.
In einem zweiten, eigenhändig entworfenen Programme,
,,Forleifige Eindeillunge der Dage des Campemens" (Loc. 355
Eigenhändige Aufsätze . . . Vol. II f. iSgf.) sind diese ,,exer-
cices particuliers" und einige andere, z. B. .,Visitirung des
Lagers'- (am 2. Juni), „Visitirung der Wagten" (am 4. Junij
mit aufgenommen.
Si on voulait — fährt das Aktenstück Loc. 2097 Nr. 14 fol. i
fort — representer deux armees en differents endroits et opposees
l'une ä Pautre, il est ä considerer que notre terrain ne le permet
pas ä cause de manque d'eau, transport du magasin, fatigue de
decaraper et d'autres incommodites et fatigues.
Si on voulait faire une espece de siege devant Hayn, il y
auroit toutes les memes incommodites, savoir la marche, le transport
des magasins, oü loger tous les spectateurs? Et combien du temps
ne faudroit-il pas, pour faire ce siege? Cela seroit bon, tout deux,
de le faire pour des autres revues, mais [pour] ce qa'on a projette
pour le present, [c'est] impracticable, hors qu'on voulüt prolonger
de trois mois et etablir d'autres magasins.
Die erwähnte Abschrift fügt als Schlufs noch hinzu:
„Pour representer un siege, on le pourroit representer sur le
meme terrain, faisant une fortification ä Tentour de Promnitz ou
Moritz, faire l'enveloppcr ä l'entour de Zeithayn et appuyer les
deux alles ä la nviere, par oü on aura de l'eau aux deux ponts
ä Glaubitz et ä Zeithayn, et l'eau ne manquera pas. Le transport
des vivres descendra par la riviere, et les spectateurs seront loges
comme ä la revue. Mais pour le quartier de la cour il le faudroit
disposer autrement et se servir de la tente de chasse pour les
spectacles. Au reste, la plaine demeurant derriere l'enveloppe, on
peut representer touts les evenements de la guerre."
Neues Archiv f. S. G. u. A. XXVIII. 5. 4. 16
236 ■ Hans Beschorner:
Über das Gelände bei Zeithain äufsert sich der König
Log. 2097 Nr. 15 f. 41 (vgl. auch den Schlufs der bereits oben
S. 228 erwähnten Abschrift Loc. 10947 Paquet Ordres f. 507)
folgendermafsen :
L'armee consiste en 48 escadrons et 24 bataillons. On a regle
sur ce nombre les mouvements et evolutions qu'on peut faire et
qui peuvent se faire ä la guerre. Le terrain nous donne une plaine
en avant, un marre ä la droite et ä la gauche un bois, au dos une
riviere, ainsi qu'on est couvert de trois cotes, et en front on peut
agir suivant qu'on veut. Sur ce terrain on se regle, pour donner
satisfaction aux spectateurs. Si l'on auroit d'autre Situation, on
ferait d'autre disposition, pour content er les curieux; mais pour le
present ils se contenteront de ce qu'ils verront.
Ähnlich lauten des Königs Worte über den Manöverplatz
in dem Schriftstück Loc. 2097 Nr. 14 f. 16 ,,L'inaction et
Poisivete", dessen Anfang oben S. 228 mitgeteilt wurde und
das mit einem nicht v/eiter wichtigen Programmentwurfe
(,,Ce qu'on presentera, sera la revue . . . . un feu de joie")
schliefst :
L'armee consistera en 48 escadrons et 24 bataillons. Elle sera
campee dans une plaine sur 2 lignes. Comme eile est sur un terrain
uni, on lui fera faire les mouvements que le terrain facilite: ä gauche
un bois, ä droite des marrees et en front point de difficultes d'avancer
(Orig. d'avoir) jusqu'ä un village qui se trouve au centre d'une
plaine de 6000 pas.
Dafs August der Starke übrigens den Wert der Manö-
ver keineswegs überschätzte, lehrt Loc. 2097 Nr. 24 f. 20^:
En toute chose il y a des principes et encore plus dans le
metier de la guerre oü on en a plus de besoin. Nous avons les
regles des anciens et des modernes, et ils en viendront apres nous.
Les ordres de bataille et la maniere de combattre sont differents et
changent suivant l'ennemi avec qui on a ä faire, et c'est au chef
de juger ce que croit convenable, et on ne peut donner point une
regle. Le terrain, l'ennemi est divers. C'est ä la prudence du chet
qu'il le faut remettre. Toujours il est bon de faire apprendre aux
troupes divers mouvements et l'exercice avec divers armes et de
ranger les troupes d'une facon qu'on puisse en peu de temps faire
tel ordre (ju'on croit convenable.
Nach den vorstehenden Äufserungen und dem, was in
Kapitel X ausgeführt worden ist, wird man wohl in
Zukunft die militärische Bedeutung des Zeithainer Lagers etwas
höher einschätzen müssen, als das bisher meist geschehen ist.
Diese Erkenntnis scheint sich allmählich auch schon in den
Fachkreisen Bahn zu brechen, wie die S. 68 Anm. 3 angeführte
Arbeit ,,Die taktische Schulung der preufsischen Armee" er-
kennen läfst; denn der Verfasser meint zwar, dafs das Cam-
pement von Kadewitz ein ,,nach französischem Beispiele in
Das Zeithainer Lager von 1730. 237
Szene gesetztes Lustlager'', trotzdem aber doch ,, nicht ganz
ohne Vorteil für die kriegerische Ausbildung" gewesen sei.
Anerkennender noch schliefsen O. Schuster und F. A. Francke
den Abschnitt über „Das Zeithayner Lager 1730" in ihrer
„Geschichte der sächsischen Armee" (S. 200 — 203) mit den
Worten: „Jedenfalls ist das Campement bei Zeithayn für die
sächsische Armee als ein hochwichtiges Friedensereignis für
alle Zeiten zu betrachten und bildet für dieselbe eine licht-
volle, angenehme Erinnerung".
10. Die Exerzitien.
Zum allgemeinen Verständnisse der 1730 bei Zeithain
vorgeführten militärischen Übungen sei zunächst auf das um-
fänghche Werk des königlich polnischen und churfürstlich
sächsischen Infanterie -Obristlieutenants Hanns Friedrich von
Fleming ,,Der vollkommene teutsche Soldat" (Leipzig, 1726)
hingewiesen, das aut Grund der verschiedensten Reglements
„die gantze Kriegs -Wissenschaft, insonderheit was bey der
Infanterie vorkommt, ordentlich und deutlich vorträgt" und-
gerade die sächsischen Verhältnisse wenige Jahre vor dem
Campement bei Radewitz schildert. Von dem äufserst lehr-
reichen Buche kommen namentlich die Kapitel 13 bis 19
(= S. 215 — 252) des III. Teiles (,,Von denen mancherley
Krieges -Operationen und -Expeditionen") in Frage, die von
der Stell- und Zugordnung einer Compagnie, von der Stell-
und Zugordnung eines Regiments, von der ordentlichen Stellung
der Bataillons und Regimenter, von den Exercitiis als Hand-
griffen und Doupplirungen, von Evolutionen oder Douppli-
rungen, von den Handgriffen der Grenadierer, von den Com-
mandowörtern und Bewegungen und endlich von denen Exer-
citiis eines Piqueniers, ingleichen von dem Gebrauch der
Schweinsfedern und Spanischen Reutern handeln und mit einer
grofsen Zahl sehr anschaulicher Bilder ausgestattet sind.
Zur besonderen Orientierung aber über die einzelnen
Zeithainer Manöver, die vom im ersten Kapitel (S. 72 ff.)
nur ganz allgemein skizziert werden konnten, mögen dienen:
1. Das amtliche Kartenwerk, dessen erläuternder Text
in dieser Zeitschrift XXVII (1906), 126 bis 133, abgedruckt
worden ist;
2. Staatskalender H i Sp.3 — I 3 Sp. i (mit einigen kleinen
Zeichnungen);
16*
238 Hans Beschorner:
3. Das Journal officiel, dessen erster Teil in der Wissen-
schaftlichen Beilage der Leipziger Zeitung 1885 S. 296 bis
303 (von V. Mansberg), dessen Schlufs dagegen in dieser Zeit-
schrift XXVII, 145 bis 151, abgedruckt ist;
4. Die „Dispositiones zu den Manoeuvres 1730 im Lager
bey Zeithayn", Loc. 1055 (auch in der Generalstabsbibliothek
zu Dresden D V Nr. 7450). Diese „Dispositiones", die wie
bereits erwähnt, mit der ,, Disposition generale" nicht ver-
wechselt werden dürfen, enthalten in einem zwei Finger
starken Bande ganz genaue Angaben über die einzelnen
Griffe, Bewegungen und dgl. und die dabei angewendeten
Kommandos. Sie waren das Ergebnis langwieriger Beratungen,
die der König mit seinen Generalen pflegte. Welche Mühe
ihr Zustandekommen machte, lehren die zahlreichen in den
Akten vorhandenen Protokolle, Entwürfe, Vorschläge, Obser-
vationes, Remarquen, Ordres und Ergänzungsbestimmungen
(Loc. 411, Zu Vol. 1 — III Actorum gehörig, das bey Zeithayn
zu haltende grosse Campement bei., 1729, f. 15 f.; Loc. 1056
I f. ie3-g3, 86<=-g, 86v5f., ^2^1, 103 f., II f. 306—316, Acta
varia f. 32, 73, 143 f., 165 — 167; Loc. 1064 f. 8, iSS'';
Loc. 10948 Ordres, das neue Exercitien - Reglement . . . betr.,
de anno 1730), sowie die vielen Risse mit Truppeneintragungen,
Zeichnungen von Truppenformationen und dgl. (Loc. 1056
Acta varia f. 29, 30, 47, 48, 142, 156, 164, 168, 170; Loc.
1064 f. 129; Loc. 10947 Paquet Ordres f. 508 '', 539^, 542,
543, 552, 602, 608 usw.), worunter sich auch solche von des
Königs eigener Hand befinden (Loc. 1056 I f. 92*^, 146**'*;
Loc. 2097 Nr. 15 f. 31 und Nr. 22 f. 21). Da übrigens der
König seinen Generalen zur Pflicht machte, ,,dafs die ihnen
übergebenen Mouvements und alles Zugehörige dergestalt
verschwiegen und verwahrlich gehalten werden sollten, damit
niemand etwas davon bekandt werde", so sind die Dispositiones
auch nie im Druck erschienen.
Im wesentlichen beruhen diese ,, Dispositionen" natürlich
auf den neuen Reglements, deren Entstehung vorn (S. 63 f.)
kurz erörtert worden ist. Für genauere Feststellung der
Geschichte der sächsischen Exercierreglements — nur
solche, nicht allgemeine Dienst- oder sonstige Reglements und
Ordonnanzen kommen hier in Frage • — - dürften besonders
folgende Unterlagen von Wert sein:
I. Loc. 10908, Militair-Reglements von Ihro Churf. Durchl.
Johann Georg III. und Johann Georg IV., 1687, 1688 und 1692.
In den allgemeinen Militärreglements und Milizordonnanzen von
1692 tauchen bereits einzelne Exerzierbestimmungen auf.
Das Zeithainer Lager von 1730. 239
2. Loc. II 005. Anleitung zur Drille- Kunst nach S. Exe.
des Herrn Generalfeldmarschalls von Schönings Exercitio und
Commando bey der Chursächss. Armee.
3. Loc. 1155, Reglement, was bey der Infanterie in Feld-
zügen zu observieren sey, ingl. die Kriegsexercitia anno 1704.
Das Aktenstück enthält u. a. die von Flemming ohne Bei-
fügung eines Datums unterschriebenen ,,Exercitia bellica,
maniment zu fues", und die von Schulenburg am 9. August
1704 durch Unterschrift vollzogenen ,,Musquetier- wie auch
Grenadier -Exercitien". Ersteren geht ein Heft mit ,, Com-
mando Wörtern" für das Fufsexerzieren voraus.
4. Loc. 10909, Exercierreglements 1704, 1705, oder Neue
Exercitien im Monath August 1704. Das Aktenstück enthält
vor allen Dingen die von Flemming unterzeichneten ,,Exer-
citia bellica, maniment zu Pferdt, 1705", aufserdem noch
„Musquetier- und Grandier-Handtgriffe", die zwar auch am
9. August 1704 von Schulenburg unterschrieben sind, aber
von den ,, Musquetier- und Grenadier -Exercitien" in Loc. 1155
abweichen.
Das Flemmingsche ,,Maniement zu Pferde" und die
Schulenburgischen ,,Mousquetier- wie auch Grenadier -Exer-
citia" erschienen 1705 unter dem Titel ,,Exercitia bellica"
bei Johann Zacharias Hempen zu Torgau im Druck. Die von
Flemming stammende Vorrede, die auf die Notwendigkeit
einheitlicher und streng zu befolgender Exerzierreglements
hinweist, ist signiert: Dressden, den 7. Octobr. 1705. Dem
Kavalleriereglement sind ein ,, Interimsreglement bey der
Cavallerie" und mehrere Tafeln mit bildlichen Darstellungen
beigegeben. Beide Reglements erschienen 1707 in Dresden
auch gesondert; vgl. Königliche öffentliche Bibliothek zu
Dresden, Hist. Sax. M. 276, 277, und H. F. Rumpf, Allgemeine
Literatur der Kriegswissenschaften I (1824), 224, Nr. 3551.
5. Loc. 10929, Allgemeine Regeln der Kriegsführung und
Schlachten (von von Flemming, von Wilcken u. a.), 17 10 f.
6. ,,Militair-Exercitia oder Handgriffe mit der Flinte,
Chemnitz 17 11", erwähnt bei Rumpf a. a. O. I, 224, Nr. 3552,
7. Loc. 10887, Auf die von Herrn Generalfeldmarschall
Grafen von Flemming Exe. 171 1 vorgelegten sechs militä-
rischen Fragen gegebene Antwort von 12 Regimentern Ca-
vallerie.
8. ,, Commando -Wörter nebst der Anweisung zu Exer-
cinmg eines Regiments Dragoner, wie solche in dem den
20. November anno 1717 von des Herrn Generalfeldmar-
schalls von Flemming hochreichsgräffl. Excell. an die säch-
2^.0 Hans Beschorner:
sische Cavallerie gegebenen Exercitien-Buche anbefohlen und
nachhero durch die Herrn Obrist- Lieutenants von Dürrfeldt,
Leipziger und Milckau theils bey behalten, theils zu unter-
schiedenen Mahlen geändert und endlich vollkommen appro-
biret worden, folglich nunmehro durchgehend üblich": König-
liche öffentliche Bibliothek zu Dresden, Msc. Dresd. Q. 216.
9. ,, Neues Kriegsreglement oder Instruction von der
gantzen Kriegs -Verfassung der Chur- Sachs. Cavallerie, 1720."
Dieses Manuskript ist als Xr. 5126 in dem ,, Verzeichnis des
antiquarischen Bücherlagers 1905" von List und Francke in
Leipzig aufgeführt. Durch die auf der Rückseite des Titel-
blattes befindliche Notiz , .Dieses Regliment wird zwar meisten-
theils durch allerhand Interims -Reglements denen Regimentern
bekannt gemacht, allein ganz, wie es hier ist, wird es nicht
communicirt", scheint dieses ,,Kriegs- Reglement" nur als ein
Entwurf characterisiert zu werden.
10. Loc. 10929, Concept zum Reglement vor die In-
fanterie, vom Herrn Obristen Hildebrand entworffen. Mense
Octobr. 1722.
11. Loc. 10948, Ordres, das neue Exercitien- Reglement
und was wegen Introducirung dieserhalb in sämbtliche Re-
gimenter Cavallerie und Infanterie verfuget worden, betr., de
anno 1730. Dieses für die Geschichte der sächsischen Exer-
zierreglements besonders wichtige Aktenstück enthält in dem
besonderen Faszikel ,,Exercitien- Reglement von der Cavallerie"
zwei voneinander abweichende Exemplare des neuen Kavallerie-
Exerzierreglements und mehrere Abänderungsvorschläge dazu.
Vom liegt ein Quartheft darin: ,, Disposition von dem Exer-
citio, welches S. Hochgräffl. Exellence Herr Generallfeldt-
marschall Reichso:raff von Flemming- mit dem löbl. Marchischen
Regiment Infanterie gethaen bey Dressden anno 17 18 den . . .".
Auf die Einübung der neuen Exerzierreglements 1729 in
besonderen Campements beziehen sich:
12. Loc. 6386, Die Zusammenziehung derer Compagnien
an Cavallerie und Infanterie zu Erlernung derer neuen Exer-
citien und das hierauf gehaltene grosse Campement zu Mühl-
berg betr., 1729, 1730.
13. Loc. 10945, Rapports und andere Schriften, das
Campiren und wie die Regimenter die Revue vor J. K. M.
passiret sind, betr., 1729.
14. Loc. 10946, Interims-Disposition u. Reglement nebsten
darüber ausgefertigten Ordres und Beylagen, die Mundirung
der Regimenter Cavallerie und Infanterie, ingl. die Dressirung
der Leute und Exercitia, a. w. d. s. anhängig, betr., 1729.
Das Zeithainer Lager von 1730. 241
15. Kriegsarchiv Loc. 2108, Campements bey Langen-
salza und Dressden, 1729.
16. Kriegsarchiv Loc. 1833, Campements, worein die
Garde du Corps und sämthche Regimenter zu Pferde und
Fuss zu Erlernung und egaler Einführung derer neu vor-
gegebenen Exercitien regimenterweise zusammengezogen
worden, 1729.
Im Anschlufs an die Übungen im Zeithainer Lager reichte
der Herzog von Weissenfeis und der Exerzitienmeister Oberst
von Ludwig eine ganze Reihe von Fragen und Erinnerungs-
punkten ein. Um diese erledigen und ,,das Exercitien-Regle-
ment in vollkommenen Standt und Ordnuno- setzen" zu lassen.
ernannte der König eine besondere Kommission und befahl
ihr, unter Zuziehung des Exerzitienmeisters von Ludwig, ,,das
neugefertigte Exercitien-Buch und die diesfalls projectirten
Reglements anderweit zu revidiren, die gemachten Annotata
und was sonsten darinn geändert worden, alles und jedes in
behörige Ordnung an gehörigen Orth und Stelle zu inseriren,
das gantze Buch in seine Capita und Paragraphos erforder-
licher Mafsen zu rangiren und einzutheilen, auch endlich ein
Register, umb alles gleich nachschlagen und auffsuchen zu
können, darüber zu fertigen" (Loc. 1093 1 VII f. 139 — 141).
Ein Ergebnis war offenbar das ,, Interims-Reglement über
Exercitia und Mouvements vor die Infanterie, Dressden 9. März
1732", von dem die Königl. Bibliothek zu Dresden Msc. C. 89
und Hist. Sax. M. 56, 57, mehrere schöne handschriftliche
Exemplare mit sauberen Zeichnungen besitzt. Nur die ,, Plans"
enthalten die beiden Quarthefte Msc. C. 66 und 67.
Es verlohnte sich, auf Grund dieses Quellenstoffes die
früheste Geschichte der sächsischen Exerzierreglements ge-
nauer zu untersuchen und damit das Aufkommen der Exerzier-
reglements in Deutschland überhaupt weiter zu beleuchten,
wie dies bereits W. Erben, Kriegsartikel und Reglements
als Quellen zur Geschichte der k. und k. Armee (in den Mit-
teilungen des K. K. Heeresmuseums in Wien I (1902), i— 200),
O. Redlich, Ein Exercierreglement aus der Zeit Prinz Eugens
(eb. S. 55 — 65), und M. Jahns, Das Kriegswesen unter König
Friedrich I. (im HohenzoUern-Jahrbuch IV (1900), 140 — 169)
getan haben ^).
^) Auch in Preufsen war damals Friedrich Wilhelm I. mit der
Neubearbeitung der Exerzierreglements beschäftigt. Aus Besorgnis,
dafs „die fre[mjde trappen uns nur nit vorkommen", beschleunigte
er die Sache so sehr als möglich und veröffentlichte bereits am
I.Juli 1730 das verbesserte Infanterie -Reglement, von dem er, wie
2A2 Hans Beschorner:
Bei der Erforschung der Geschichte der sächsischen
Exerzierreglements würde eine der Hauptaufgaben mit in der
Vergleichung der verschiedenen Reglements bestehen, um die
Fortschritte festzustellen. Dabei würde in den zwanziger
Jahren des 1 8. Jahrhunderts hauptsächlich auf den Einßufs zu
achten sein, den die Folardschen Theorien auf sie ge-
wonnen haben. An einzelnen Stellen wird sich dieser unzweifel-
haft nachweisen lassen. Der Chevalier de Folard, der, von
dem Studium der antiken Schriftsteller, namentlich des Polj'bius,
ausgehend, sich für die taktischen Formen der Alten, für die
Kolonnen, Phalangen und Keilstellungen begeisterte und in
ihnen allein das Heil der Zukunft erbhckte, hat bei seinen
Zeitgenossen grofses Aufsehen gemacht und die Kriegskunst
des i8. Jahrhunderts nicht unwesentlich beeinfiufst, wie man
des näheren aus ]\I. Jahns, Geschichte der Kriegswissenschaften
II (1890), 1478 — 1498, ersehen kann. Es fehlte nicht an leb-
haftem Widerspruch, meist aber fand er doch Anerkennung.
Selbst Friedrich der Grofse hielt es der Mühe für w^ert, aus
seinen Werken 1753 durch den Obersten von Sars eine Hand-
ausgabe herstellen zu lassen und diesen ,,Extrait tire des
commentaires du chevalier Folard pour Pusage d'un officier"
höchst eigenhändig mit einer ,,sehr merkwürdigen Vorrede"
zu versehen. Ja, er soll sogar — allerdings vergebhch —
den greisen Folard eingeladen haben, nach Berlin zu kommen
und seine Neuerungen praktisch vorzuführen. Dafs Folard,
der seine Anschauungen von der Kolonnentaktik hauptsächlich
in dem an mehreren Stellen seiner Werke abgedruckten ,,Traite
de la colonne, la maniere de la former et de combattre dans
cet ordre", niedergelegt hat, auch den leitenden militärischen
Kreisen in Sachsen nicht unbekannt blieb, könnte man ohne
weiteres annehmen. Wir besitzen aber auch mehrere deut-
liche Zeugnisse dafür, dafs sich August der Starke mit den
Werken Folards eingehend beschäftigte und seine Neuerungen
im Zeithainer Lager erprobte. Bei aufmerksamer Durchsicht
der gedruckten Campements-Beschreibungen mufs es auffallen,
dafs viele von ihnen, z. B. der Staatskalenderbericht und das
Campement-Lied (vgl. diese Zeitschrift XXVII, iio Nr. 10 ^^j,
er am 5. Juli 1730 an Leopold von Dessau schrieb, hoffte, „dals es
wierdt guhts tuhn". Vgl. O. Krauske, Die Briefe König Friedrich
Wilhelms I. an den Fürsten Leopold zu Anhalt -Dessau (Berlin 1905)
S. 454 Nr. 546 Die Besorgnis, dafs andere Länder Preufsen hin-
sichthch der Ausbildung ihrer Truppen übertlügeln könnten, war
offenbar durch das Zeithainer Lager, wenn auch vielleicht nicht erst
geweckt,' so doch sicher gesteigert worden.
Das Zeithainer Lager von 1730. 243
davon sprechen, dafs die Exerzitien ,,nach neuem Brauch"
ausgeführt worden seien. Worin aber dieser neue Brauch
bestand, sagt unzweideutig Friedrich der Grofse in seinen
Memoiren des Hauses Brandenburg (Oeuvres 1, 159) mit
den Worten ,,Le roi de Pologne qui etait venu ä Berhn
Tan 1728, voulut ä son tour etaler sa magnificence aux
yeux du Roi, en lui donnant des fetes toutes militaires. II
rassembla ses troupes dans un camp aupres de Radeberg (!),
village situe sur l'Elbe; les manoeuvres qu'il fit faire ä son
armee, etaient une image de la guerre des Romains melee
aux visions du chevaUer Folard", und ähnUch seine Schwester,
die Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, in deren Memoiren
(Leipzig, H. Barsdorf, 1889, S. 168) es u. a. heifst: ,,Ce prince
(ihr Bruder) partit le 30. [may 1730], pour aller au camp de
Mulberg od le roi de Pologne Tavoit invite. Toute l'armee
Saxonne etait rassemblee dans cet endroit, eile y fit les evo-
lutions et les manoeuvres decrites par le fameux chevalier
Follard". Vor allem liefs aber auch August der Starke hinter-
her — und das sagt alles — dem Chevalier de Folard in
Paris durch seinen natürlichen Sohn Moritz, den Marschall
von Sachsen, ein Exemplar des grofsen offiziellen Karten-
werkes überreichen. Folard war aufs höchste erfreut über
diese Auszeichnung, die ,,ihm, dem einfachen Colonel d'in-
fanterie, ein grofser König" zuteil w-erden liefs. In einem
54 Folioseiten langen Briefe, der Paris, den 6. Oktober 173 1,
datiert ist und gegenwärtig im Archiv des preufsischen Grofsen
Generalstabes (IV 414) aufbewahrt wird, bedankte er sich
umständlich für das ,,present si glorieux et honorable ä un
officier epris de la noblesse de sa profession". Er betonte
darin, dafs er sich von dem Marschall Moritz unmittelbar aus
dem Campement habe Berichte schicken lassen und dafs er
seine Rückkehr mit Ungeduld erwartet habe, ,,pour qu'il me
fit la faveur de m'expliquer plus particulierement tout ce qui
s'y etoit pratique de plus considerable ä l'egard des exercices
de toute son armee si differents de ce qui s'etoit passe dans
les autres camps qui s'etoient formes ä-peu-pres dans le meme
temps". Dank der Güte des Königs, ,,der selber die Kriegs-
wissenschaften so liebe und darin un grand maitre sei",
besitze er nunmehr das Prachtwerk und könne alle Be-
wegungen genau ,,etudier et mediter". Welchen Eindruck
er freilich bei diesem Studium von den Zeithainer Manövern
gewann, läfst das langatmige Schreiben nicht erkennen. Zwar
rühmt er f. 35 die Verwendung der Kanonen in Zeithain, die
ganz seinen Anschauungen entspräche, f. 42 die Achtel-
244
Hans Beschorner:
Schwenkung der ganzen Armee um das eigene Zentrum, die,
zur schiefen Schlachtordnung führend, ausgezeichnet in sein
System passe, f. 43 die Märsche, deren Behandlung er in
dem Kartenwerke ,,bien net et bien execute et fort sgavant"
nennt (,,on seroit tres embarrasse de me faire voir dans aucun
de nos militaires autant d'instruction dans presque tous les
grands mouvements qu'on en trouve dans tout ce qu'Elle ä
pratique au camp de Mulberg"), ferner f. 50 die Rückmärsche,
die er nach eingehender Prüfung für schön und weise erklärt;
endlich hebt er f. 52 das Manöver des vorletzten Tages, den
Eibübergang und die Verteidigung des Retranchements, für
dessen volles Verständnis nach seiner Ansicht einige Pläne
mehr erwünscht wären, lobend hervor. Im übrigen geht er
aber nicht weiter auf das in Zeithain Gebotene ein, sondern
widmet sich ausschliefslich ,, seinem System" und verteidigt
dies mit ermüdender Breite gegen die zahlreichen Angriffe
seiner Gegner. Wer Folard und seine Neuerungen kennen
lernen will, wird den Brief mit Nutzen lesen, für das Zeit-
hainer Lager bietet er leider verhältnismäfsig wenig Greif-
bares. Immerhin soll seine Bedeutung- nicht verkannt werden:
er gibt uns die volle Gewifsheit, dafs August der Starke,
oiTenbar durch die Vermittelung des Marschalls Moritz von
Sachsen die Werke Folards kennen gelernt hatte und ,,sein
System" von den Kolonnen, sowie seine Taktik im Zeithainer
Lager ausprobierte, da sie, zum Teil wenigstens, seine Billi-
gung gefunden hatten (vgl f. 4 des Schreibens, wo Folard
versichert, hochgeehrt zu sein ,,que ses ouvrages sur la guerre
et son Systeme des colonnes comme sa tactique avoient ete
approuves de S. M.", und f. 13, wo er sich glücklich schätzt,
,,parce que S. M. a approuve son S3steme des colonnes, mais
encore [plus], parce qu'elles ont paru au camp de Mulberg
inserees dans Ses lio^nes et sur les alles de Sa cavalerie et de
Son infanterie").
Bei diesem Stande der Dinge wird man doch wohl den
Wert der militärischen Übungen im Zeithainer Lager nicht
so gering anschlagen dürfen, wie dies vielfach geschehen ist.
Es waren nicht nur ,, Spielereien", wie Förster in seinem Buche
„Friedrich August II." (1839), 272, meinte, oder ,, Schau-
stellungen, die den Ernst des Krieges aus dem Auge ver-
loren" (von Mansberg S. 281/282). Es waren vielmehr ge-
rade, wie namentlich aus den in Kapitel IX mitgeteilten
Schriftstücken hervorgeht, ernst gemeinte Vorbereitungen auf
den Krieg. Nur war die richtige Art dieser Vorbereitung
noch nicht getroffen. Mit unseren Manövern, deren Typus
Das Zeithainer Lager von 1730. 24^
erst Friedrich der Grofse gefunden hat, darf man die
Übungen nicht vergleichen. Sonst erscheinen sie allerdings
leicht „wie künstlich einstudierte Carroussels und Quadrillen
en gros". Auch Friedrich dem Grofsen, der, wie gesagt,
als erster richtig erkannte, wie die Manöver zweckmäfsig zu
gestalten seien, um auf den Krieg vorzubereiten, mufsten die
Zeithainer Übungen komisch vorkommen. Er mufste ,,den
Kennern recht geben, die die Ansicht vertraten, que ce camp
etoit plutöt un spectacle theätrale qu'un embleme veritable
de la guerre". Einen Vorwurf hat er, in richtiger Würdigung
der Verhältnisse, August dem Starken kaum daraus gemacht.
Er spricht zurückhaltend nur von den ,,Connoisseurs, die
dieser Meinung seien"! Am allerwenigsten aber hat er daran
gedacht, das Zeithainer Lager öffentlich zu verspotten, wie
man das häufio^ lesen kann.
Diese Legende, die wohl hauptsächlich durch Vehse
(Geschichte der Höfe des Hauses Sachsen V, 63) verbreitet
worden ist und ihren Weg in viele wissenschaftliche Werke
gefunden hat, geht auf Friedrich Nicolai zurück. In seinen
,, Anekdoten von König Friedrich IL von Preufsen", V. Heft
(Berlin und Stettin 1791), schildert er S. 3 — 20 „das Lager
bey Gatow" ausführlich, das Friedrich der Grofse 1753 ver-
anstaltete, von dem er aber alle neugierigen Zuschauer fern-
hielt. Um nun die öffentliche Meinung, die sich natürlich
viel mit den geheimnisvollen Gatower Übungen beschäftigte,
irre zu leiten, habe, so berichtet Nicolai, der König eine
,, Beschreibung desjenigen, was in diesem Lager sollte seyn
vorgenommen worden, nebst bej'gefügten Plan" durch den
Oberstleutnant von Balby veröffentlichen lassen. Die anonyme
Schrift, von der sich u. a. Exemplare in der Königlichen
Bibliothek zu Berlin und in der Bibliothek des Ingenieurkorps
zu Dresden befinden, führt den Titel ,, Erklärung und genaue
Beschreibung der Manoeuvres, welche von dem Königl. Preufs,
Corps, das zwischen dem Amte Spandau und dem Dorfe
Gatow campiret, vorgenommen worden, so wie sie sämtlich
auf einem beygefügten grofsen Plan marquiret sind. Mit
Kgl. Freyheit. Berlin u. Potsdam bey Christian Friedrich Voss,
1753"- — Nachdem Nicolai den Inhalt der seltsamen Schrift
genau dvirchgesprochen hat, gibt er seiner Verwunderung
darüber Ausdruck, dafs diese Darstellung, deren pamphleten-
haften Charakter man selbst ,,bei wenigen militärischen Kennt-
nissen" ohne weiteres erkennen müsse, vielfach ernst genommen
worden ist, und wirft zuletzt die Frage auf, woher der König
die Idee zu einer solchen Beschreibung nahm und warum er
246 Hans Beschorner:
gerade diese Idee gewählt habe? Er memt, die Frage lasse
sich beantworten. Er selbst habe eine dunkle Ahnung gehabt,
eigentlich aber sei die Entdeckung einem seiner Freimde zu
danken: dafs nämlich „ein Teil der im Zeithainer Lager ge-
machten Übungen Friedrich dem Zweyten zu jener erdicht e?en
Beschreibung seines Lagers bey Gatow, die, wie gedacht,
eigenthch nur eine Verspottung der Neugierde im Jahre 1753,
nicht aber des ehemaligen sächsischen Lustlagers ist'
dennoch hauptsächlich die Ideen gegeben hat". Die Behauptung^
die Nicolai oder sein Freund, wie man sieht, sehr vorsichtig ge-
fafst und durch einen nur auf Zufälligkeiten beruhendenVer-
gleich der Zeithainer Manöver mit den von Balby beschriebenen
vergebhch zu begründen versucht hatte, gewann, von einem
Werke in das andere übernommen, allmählich immer be-
stimmtere Gestalt. Einen besonderen Nachdruck schien ihr
Koser durch ein neues Argument geben zu können. In seinem
Werke über Friedrich den Grofsen I (1893), 545 (dazu seine
Ausführungen im „Hohenzollern-Jahrbuch" VII, 1903, S. i4f.),
sagt er nämhch: „Die gedruckte , Erklärung' dieser Spandauer
Manöver, vom Oberstlieutenant Balby verfafst, war freihch
nichts anderes als eine versteckte Parodie auf die Beschrei-
bung des sächsischen Lustlagers von 1730, in der man sogar
den 22 Ellen langen Festkuchen, prächtig in Kupfer gestochen,
veranschaulicht hatte; als Graf Podewils auf Befehl dem säch-
sischen Gesandten Bülow ganz ernsthaft ein Exemplar über-
reichte, gab dieser zu verstehen, dafs er die Absicht wohl
merke, aber gern der Sündenbock sein und die Last derartiger
Späfse tragen wolle". Dieses Argument ist aber ebensowenig
stichhaltig als, nebenbei gesagt, die Behauptung, dafs der
Festkuchen im Kupferstich werk abgebildet sei; nur die Stelle,
wo er lag, ist in dem allgemeinen Situationsplane des Haupt-
quartiers angegeben. In der Unterredung mit Podewils meint
nämlich Bülow gar nicht das Zeithainer Lager, sondern das
Campement bei Übigau unweit Dresden, das Juni 1753,
also wenige Monate vor dem Gatower, stattgehabt hatte
und von dem ein ausführliches, von dem Ingenieurleutnant
C. S. Berggold gezeichnetes Kartenwerk mit erläuternden
Bemerkungen herausgegeben worden war. Der Bericht
Podewils vom 4. September 1753, auf den mich Herr
Geheimrat Koser freundlichst aufmerksam gemacht hat,
lautet nach der „Politischen Correspondenz Friedrichs des
Grofsen" IX (1882):
„Le sieur de Bülow sourit, porta sa main ä la barbe tt me lit
entendre qu'il sentait fort bien que Votre Majeste continuait de
Das Zeithainer Lager von 1730. 247
prendre plaisir ä Se moquer de lui et de sa cour. II ajouta que ce
Journal ^tait depuis huit jours entre les mains de tout le monde,
mais qu'on savait ä quoi s'en tenir sur ce qu'il contenait, et il me dit
ä mots couverts qu'on voyait bien que c'etait une parodie de celui que
la cour de Dresde avait fait publier de son camp d'Uebigau . . .
II me pria fort de ne rien dire de tout cela ä Votre Majest6, mais
de le mettre simplement ä Ses pieds, finissant par me dire qu'il 6tait
un pauvre Veteran rempli de bons sentiments pour Votre Majeste
et qu'il voulait bien servir ä L'egayer ä ses depends dans la toule
des occupations st^rieuses dont Votre Majeste Se trouvnit accabl(^e,
pourvu que cela n'influät pas sur sa cour, qui naturellement devrait
elre sensible ä tout cela, puisque, le public venant ä savoir de
I^areilles badineries, cela retombait par bricole sur sa cour, et en
me demandant, si je n'^tais pas charg6 de communiquer aussi ä
d'autres ministres (^trangers le Journal en question, ou s'il devait
etre le seul bon Hazazel et le plastron."
II. Das Campement von Czerniachow.
Nach Loc. 2097 Nr. 14 f. 10 hatten an dem Zeithainer
Lager von jedem polnischen Regimente ein Kapitän und zwei
Leutnants teilnehmen müssen, um bei dieser Gelegenheit den
Dienst und die Exerzierweise des sächsichen Heeres kennen
zu lernen und nach ihrer Rückkehr die gewonnenen Erfahrungen
daheim zu verwerten. Die polnische Armee sollte in Zukunft
nach sächsischem Muster organisiert werden Um dies noch
vollkommener zu erreichen, veranstaltete August der Starke
mit lauter sächsischen Truppen vom 31. Juli bis 18. August 1732
in der Nähe von Warschau, bei dem Dorfe Czerniachow
(südhch der Stadt), ein grofses Campement, das in allem dem
Zeithainer Lager grlich, wenn es sich auch den Umständen
entsprechend in bescheideneren Grenzen bewegte. Das offizielle
Programm lautete: Donnerstag, den 31. Juli, etablissement du
*camp, Sonnabend, den 2. August, revue generale, den 4.
infanterie, den 6. cavalerie, den 8. grenadiers, den 10. lanciers,
den 12. quarre plein, den 14. mouvement de Tarmee, den 16.
attaque de cavalerie et infanterie, den 18. Separation. Die
Anlage des Lagers erinnerte lebhaft an Zeithain. Über einer
weiten, von der Weichsel und ihren Nebenarmen begrenzten
Ebene, auf der das Heerlager stand und die Exerzitien statt-
fanden, ragte auf einer Anhöhe inmitten gärtnerischer Anlagen
ein einstöckiger Pavillon empor, dessen gefällige Formen den
Erbauer Pöppelmann nicht verleugneten. Am Fufse desselben
war die Batterie aufgefahren, die die Signale beim Exerzieren
gab; der Abhang aber des Hügels nach der Ebene zu stufte
sich in mehreren Terrassen ab, auf denen die Zuschauer
Platz nahmen.
248 Hans Beschorner:
Eine genaue Beschreibung des ,,Campements zwischen
dem Caninichenberg und Czernicho" und zwei in Kupfer ge-
stochene Pläne bietet der Hof- und Staatskalender auf das
Jahr 1733 S. E3 — F3. Erstere wird ergänzt durch ein amt-
liches , Journal du pavillon de Belvedere vis -ä- vis du camp
pres de Varsovie" und durch eingehende ,,Dispositiones" nebst
,, Signalen", die sich mehrfach in den Akten linden. Von diesen
dürften die wichtigsten sein: i. Loc. 3640, Akta, das von
Ihrer Königl. Maj. in Pohlen Augusto II. 1732 bey Warschau
gehaltene grofse Campement betr., wobey viel Original -Dis-
positiones und dazu gehörige Original -Zeichnungen. 2. Loc.
3645, Polonica, das Lager bey Warschau betr., 1732. 3. Ober-
hofmarschallamt Vol. G. 30^=, Campements bey Czerniakow
1732 und bei Übigau 1753 betr.
Wie das Zeithainer, so wurde auch das Czerniachower
Lager durch ein schönes Kartenwerk verherrlicht, das zwar
bescheidener gehalten ist, aber auch an Pracht nichts zu
wünschen übrig läfst. Das ,,sous la direction du G. M. Pauch"
von ,,Cretien Guillaume Pfundt, Ing.-Capitain", gezeichnete
Werk m kleinem Querfolio, von dem die Königliche öffentUche
Bibliothek (Msc. Dresd. J. 13 und Hist. Sax. M. 58) und die
Bibliothek des Königlichen Generalstabes (BV Nr. 75 21) mehrere
Exemplare besitzen, führt den Titel: ,, Plans des differents
exercices et mouvements miiitaires executez (bez. fait[esj)
par les trouppes [Allemandes] de Sa Majeste le Roi de Pologne
et Electeur de Saxe au Camp de Belvedere pres de Varsovie
depuis le premier jusqu'au 26. d'aoust Tan 1732" und besteht
in folgenden gestochenen Blättern: i. Titelblatt. 2. Plan
generale du terrain entre laVistule et le pavillon de Belvedere.
3. Particulier plan du quartier du Roy. 4. Plan du pavillon
avec les lerras et les parterres, comme aussi d'un part de
la batterie. 5. Plan du I««^ etage ... du pavillon. 6. Plan
du W^^ etage ... du pavillon. 7. Elevation du pavillon de
Belvedere du cote de l'eniree situe au couchant. 8. Elevation
du pavillon de Belvedere du cote de la grande place d'exercice.
9. Profil du j^avillon de Belvedere. 10. La revue, 2 plans. 11.
L'exercice de Tinfanterie, 7 plans. 12. L'exercice de la cavalerie,
14 plans. 13. L'exercice des grenadiers, 10 plans. 14. L'exercice
du quarre i)lein, 8 plans. 15. L'exercice des lanciers, 13 plans.
16. Les mouvements avec toute l'arm^e, 7 plans. 17. L'attaque
du retranchement, 8 plans. 18. Plan de la Separation de l'armee
Die Blätter selbst sind, wie schon gesagt, gestochen,
die Truppejikadres mit der Hand ausgemalt. Handschriftliche
Erläuterungen sind hinzugefügt.
Das Zeithainer Lager von 1730. 24^
Durchweg mit der Hand sind dagegen drei Exemplare
in der Königlichen BibHothek (Msc. Dresd. J. 20) und in der
Generalstabsbibliothek (B V Nr. 7510, zwei Exemplare, davon
eines unvollständig) hergestellt, die wohl als nicht zur Ausführung
gelangte Originale anzusehen sind. Sie sind in wesentlich
gröfserem Format gehalten und weisen einige Blätter auf,
die sich in den erwähnten Kupferstich-Exemplaren nicht finden.
Zunächst geht dem Titelblatt ein tigurenreiches Blatt voraus,
das u. a. links die Batterie mit den 19 sechspfündigen Signal-
geschützen, rechts die beiden grofsen Artilleriepauken zeigt.
Unter der Batterie gewahrt man das Campement-Feld in
seiner ganzen Ausdehnung mit dem Lager, über den Pauken
dagegen einen Offizier, der das Programm entrollt. Be-
sondere Aufmerksamkeit darf das in Wasserfarben sehr fein
ausgeführte Blatt beanspruchen, das auf den Titel folgt und
durch einige weitere Blätter erläutert wird: ,,Ein Particulair-
Blatt, worauf zu sehen eine erhöhete Tribüne mit einem
Machinen -Stuhl und Ihro Königl. Majestät Augustus IL darauf
sitzende, welcher vor der gehaltenen grofsen Revue im Jahre
173 1 bey Scholetz ohnweit Warschau auf denen nahe an dem
Ujasdower Thiergartten gelegenen freyen Plätzen die ersten
dazu gehörigen Mouvements und Exercitia angeführet und selbst
commandiret." Die handschrifthchen Werke schliefsen auch
mit Darstellungen der ,, Separation", doch ist dem aus den
Kupferwerken .bekannten Blatte noch ein besonderes hinzu-
gefügt, das eine ,, Vorstellung des Becker -Auffzuges beyn\
Schlufs des Campements" bietet und eine Verherrlichung des
abermals, wenn auch etwas kleiner gebackenen ,, grofsen
Kuchens" ist.
Zwei umfängliche Gemälde, die das Czerniachower Lager
1732 darstellen und von J. Chr. Mock gemalt sind, befinden
sich im königlichen Schlosse zu Dresden, Prinzessinnengang.
12. Briefwechsel zwischen August dem Starken und
Friedrich Wilhelm L von Preufsen wegen des Zeit-
hainer Lagers.
Das erste Schreiben, das August der Starke an den König
Friedrich Wilhelm L von Preufsen wegen des Zeithainer
Lagers richtete, lautete nach dem eigenhändigen Konzept
Loc. 2097 Nr. 15 f. 3:
Nous sommes ä preparer une revue, pour voir en quel etat
les troupes se trouvent, depuis qu'on s'est donn6 les soins de le^
jro Hans Beschorner:
regier l'annee passee. Ils ne seront pas si brillantes qua les votres,
mais, s'il }' a des curieux ä les voir, on tächera de donner ä
la place des spectacles divertissants et comiques des
militaires. Peut-etre plairont-[ils] autant [plus].
Si on save la commodit6, on en fixerait le terme; mais le plus
comraode serait le mois de may ou septembre oü les chaleurs ne
sont pas excessives, quoique le dernier est destintS pour la chasse
durante.
Wie aus dem Folgenden hervorgeht, ist der Brief Ende
März oder ganz im Anfang April geschrieben Genaueres
läfst sich zunächst nicht sagen, da dem Konzepte kein Datum
hinzugefügt ist, das Original sich aber — wie bei den anderen
Schreiben auch - bisher weder im Geh. Staatsarchiv, noch
im Hausarchiv zu Berlin hat ermitteln lassen.
Noch vor dem 8. April antwortete der König von Preufsen
mit einer vorläufigen und wohl noch etwas unbestimmt ge-
haltenen Zusage; denn in einem Briefe von diesem Datum
(Geh. Staatsarchiv in Berlin, Kabinettsregistratur) nimmt
August der Starke auf die Zusage Bezug:
J'attendrai d'ailleurs avec la derniere impatience le 31. du mois
de may prochain, me flattant d'avoir alors sürement le plaisir
d'embrasser V. Majest6 ä la revue de mes troupes.
Die eigentliche förmliche Einladung vom 10. Mai (Kon-
zept Loc. :o92 Konvolut 124 Nr. 49) hatte folgenden Wortlaut:
Monsieur mon frere. Quoique V. M. m'ait d6jä fait esperer
qu'Elle honorerait de Sa prt^sence la revue que je suis r6solu de
faire de mes troupes, je ne puis me dispenser de depecher expresse-
ment mon chambellan le comte Lynahr, pour La prier encore une fois
de ne pas y manquer, mais de se trouver, si Sa commodit6 le Lui per-
met, le 31. de ce mois avant midi au camp de Radewitz et d'agreer
l'accueil qu'on tächera de Lui faire pendant le peu de semaines que
la dite revue durera. Mon unique but en tout ce que je fais, sera
(Orig. etant) de contribuer, autant qu'il dt^pend de moy, au contente-
ment de V. M.; je souhaite de tout mon coeur qu'Elle y en trouve
et qu'Elle en soit d'autant plus convaincue qu'il n'y eut jamais
d'amili6 plus tendre ni plus sincere (pe celle avec laqvielle je suis
et serai toute ma vie, monsieur mon Irere, de V. Maj. le bon frere
ei trfes fidfele ami Fred^ric Auguste.
Ursprünglich hatte August der Starke den Eingang des
Einladungsschreibens folgendermafsen gefafst (Loc. 2097
Nr. 14 f. 8):
Votre Maj. m'ayant fait esp6rer de me daigner de sa prt^sence
k la revue de mes troupes, j'öse m'informer, si Elle le trouve agreable
que ce soit le premier du juin. Je souhaite que je puisse repondre
k son attente et satisfaclion et Elle attribuera les fautes ä une inac-
tioi de 18 annees tant de moi que de 16 de mes troupes Si j'ose
prier que l'arrivee de V. Maj. puisse etre le 30. de may, jour devant
la revue, . . .
Das Zeithainer Lager von 1730. 2^1
Eine zweite Formulierung (eb. f. 7* und 7^) lautete:
Une inaction de 18 annees me devrait faire hesiter de faire
voir aus yeux eclaires les fautes qui se pourraient faire voir aux
manoeuvres militaires, mais pour faire plaisir ä V. M., je rappellerai
en ma memoire ce que mon age d'experience a laisse en memoire.
Beide Textgestaltungen verwarf aber der König aus den
vorn S. 80 angedeuteten Gründen und wählte die zuerst mit-
geteilte. Der Eingeladene antwortete mit folgendem, Berlin,
den 13. Mai 1730, datierten Briefe (Loc. 2092 Konvolut 123
Nr. 26):
Monsieur mon frere. J'ai re^u avec une tres sensible satisfaction
la lettre du 10. de ce mois dont V. Maj. m'a honore et par laquelle
il Lui a plu de m'inviter le plus obligeamment du monde pour la
prochaine revue de ses troupes. Votre Maj. aura la honte d'etre
persuadee qu'Elle n'aurait pas pu me faire un plus grand plaisir que
de me rendre temoin de Ses justes dispositions dans l'exercice de
la guerre et de la bonte de Ses troupes. Ainsi V. Maj. peut etre
assuree qu'il n'y aura rien qui m'empecherait de me trouver le jour
appointe ä Son camp de Radewiz. J'y trouverai certainement tous
les Sujets d'un vrai contentement, mais aucun m'egalera celui d'em-
brasser dans la personne de Votre Majeste mon meilleur ami, de
jouir de l'honneur de Sa conversation et de Lui temoigner de bouche
l'amitie la plus parfaite et la plus tendre avec laquelle etc.
Gewissermafsen zum Danke für die Einladung liefs
Friedrich Wilhelm I. am 24. Mai 1730 (Loc. 2097 Konvolut 123)
August den Starken bitten, bei seinem gerade in diesen Tagen,
am 23. Mai, geborenen Prinzen, der nach dem Kurfürsten
von Sachsen zuvorkommenderweise August getauft wurde,
Pate zu stehen:
Monsieur mon frere. Mon major g^n^ral de Truchsess 6tant
sur son d^part, pour aller faire sa r^verence k Votre Majeste et
reprendre ses fonctions aupres de Sa personne, je lui ai ordonn6
de L'assurer bien fortement de mes sentiments de tendresse. II aura
d'ailleurs l'honneur d'apprendre ä Votre Majeste la nouvelle de
l'heureux accouchement de mon epouse qui vient de me regaler
d'un bon et brave gar9on. C'est ce qui m'a porte de choisir Votre
Majeste comme mon meilleur ami pour parrain de ce eher fils qui
a re9U aujourd'hui avec le bäpteme le nom d' Auguste. Je me flatte
que Votre Majeste l'agreera et qu'Elle prendra part ä cette joye
de ma famille. Elle y ajoutera, s'il Lui plait, la bonte de croire
que personne ne sauroit etre avec tant de zele ni tant d'amitie, que
je le suis etc.
König August nahm natürlich die Patenstelle an und
liefs seinen Dank am 28. durch den Generalleutnant von Pflug
übermitteln, wobei er abermals seine Ungeduld versicherte,
mit der er den glücklichen Augenblick erwarte, wo er die
Genugtuung haben würde, seinen Freund zu umarmen.
(Schreiben vom 27. Mai im Geh. Archiv zu Berlin.)
Neues Archiv f. S. G. u. A. XXVIU. 3-4. ^7
2C2 Hans Beschorner: Das Zeithainer Lager von 1730.
Am 26. Mai nahm der Preufsenkönig noch einmal Gelegen-
heit, seinem königlichen Freunde in Sachsen seine grofsen
Erwartungen wegen des Zeithainer Lagers zu bekunden:
Monsieur mon frere. Je ne saurois laisser partir mon general de
Grumckow qui prend le devant pour rendre ses devoirs ä Votre Maj.,
sans le charger de ces marques de ma constante tendresse. II ne
manquera pas de Lui faire un fidele rapport del'extreme impa-
tience quej'aid'embrasser Votre Majeste et de voir Sa belle armee.
Assurement je compterai les moments qui doivent me procurer cette
sensible satisfaction, ayant l'honneur d'etre avec l'amitie du monde
la plus parfaite etc.
Das Dankschreiben, das Friedrich Wilhelm nach seiner
Rückkehr am 30. Juni aus Berlin nach Dresden richtete, be-
findet sich ebenfalls Loc. 2092 Konvolut 123 und lautet:
Monsieur mon frere. J'ai l'honneur de mander ä Votre Maj.
que je suis heureusement arrive ici, tout ä fait penetre des grandes
civilites dont Elle a eu la bonte de me combler pendant mon sejour
au campement de Radewiz. Ainsi Votre Maj. agreera, s'il Lui plait.
que je Lui an marque ici une partie de mes obligations infinies et
l'extreme satisfaction que j'ai ressentie et que je ressens encore
d'avoir ete temoin de tous les beaux mouvements de Sa belle armee
que j'ai trouvee dans le meilleur ordre du monde. Comme
j en ai tire autant de profit et de plaisir que tous mes
officiers qui ont eut l'honneur d'y assister, je prie Votre
Majeste de croire que j'en onserverai toute ma vie un continuel
Souvenir et une tres vive leconnaissance. Votre Majeste me fera
aussi la justice d'etre bien persuadee que je n'oublierai jamais ce
qui Lui a plu de me dire confidamment le jour de mon depart, et
que j'en ferai un bon usage. Au reste je meurs d'envie de donner
ä Votre Majeste des nouvelles preuves de la plus tendre et sincere
amitie et de la haute estime que j'ai pour Elle et avec laquelle etc.
Den Formen der Höflichkeit genügend, antwortete August
am 5. Juli (Geh. Staatsarchiv zu Berlin): aus dem letzten Briefe
habe er mit Befriedigung ersehen, dafs Se. Majestät ,,est
heureusement revenue chez Elle et qu'Elle a ete contente
du sejour qu'Elle a fait au camp de Radewitz et de Taccueil
qu'on y a plu lui faire et aux officiers de Sa suite. La satis-
faction qu'Elle m'en temoigne, est un pur effet de Sa bonte
c|ui La porte ä agreer tout ce qui s'y est fait pour La
desennuyer. Ce qui me rejouit le plus, c'est que l'accident
que V. M. avoit ä Sa main droite, n'a pas eu de suite, surtout
apres les fatigues du jour de la chasse". Der hier erwähnte
,, Unfall mit der rechten Hand" kann sich nicht auf das
Chiragra beziehen, von dem S. 74 die Rede war; vielmehr
mufs der König noch ein besonderes Unglück gehabt haben,
wie es scheint, ganz zuletzt nach der Jagd.
VII.
Christian Benjamin Geifsler.
Ein Beitrag zur Geschichte der Bauernunruhen d. J. 1790.
Von
Hellmuth Schmidt.
Nachdem sich seit dem Mai 1790 die Bauern im Meifsner
Hochland gegen die Mifsstände, die aus dem übermäfsigen
Wildhegen erwuchsen, in tumultuarischer Selbsthülfe erhoben
hatten, wurde im JuU dieses Jahres in der Gegend von Lieb-
stadt und Lauenstein ein erster Versuch unternommen, mit
einem allgemeinen Revolutionsprogramm unter dem Landvolk
einen Aufruhr zu erregen ^j. Der Tumultaufruf, der zu diesem
') Vgl. Pölitz, Die Regierung Friedrich Augusts, Königs von
Sachsen I, 22 4 ff., Gretschel, Geschichte des Sächsischen Volkes und
Staates III, 23if., Böttger-Flathe, Geschichte des Kurstaates und
Königreiches Sachsen II, 605 ff. und meine Abhandlung: „Die säch-
sischen Bauernunruhen d. J- 1790", die im VII. B. der Mitt. d. Ver.
f. Geschichte Meifsens erscheinen wird. — Die hier gegebene Dar-
stellung beruht auf folgenden Akten des HStA.:
1. Acta die unterm Landvolcke im Jahre 1790 ausgebrochenen
Unruhen betr. Vol. I. Anno 1790. (Loc. 30749.)
2. Acta die unter dem Landvolcke wegen der den Gerichts-
herrschaften zu leistenden Dienste . . . entstandenen Un-
ruhen . . . Anno 1790. Geh. Gab. Canzley. Vol. I. und IV.
(Loc. 1095.)
3. Acta commissionis entgegen den Seiler in Liebstadt,
Christian Benjamin Geifsler, wegen ausgebreiteter auf-
rührerischer Schriften. Anno 1790. (Amtsgericht Dresden
Nr. 740.)
4. Acta Bauernunruhen Anno 1790 betr. (Loc. 5513.) — Sie
werden mit der in Klammer beigefügten Locatnummer bez.
laufenden Nummer zitiert.
17*
254
Hellmuth Schmidt:
Zwecke unter den Bauern verbreitet wurde, ist in mehreren,
unter sich übereinstimmenden Abschriften in den Akten er-
halten^); als zuverlässigste Erkenntnisquelle für Wesen und
Ziel der Aufstandsbewegung verdient er eine wörtliche
Wiedergabe.
Pro Memoria.
Dem Städtchen Lauenstein wird hiermit wifsend gemacht, dafs
nach reif 1. Überlegung endl. der Schlufs gefafst worden, eine glückl.
Revolution zu machen, u. sind wir zu unserm Endzweck auf die
i6. bis 18000 Mann in Bereitschaft. Unser eigen Wohl erfordert
dieses, auf das schleunigste es ins Werk zu setzen, indem man in
Erfahrung gebracht, dafs wenn wir nicht Ernst brauchen, eine der
blutigsten Revolutionen ehester Tage ausbrechen wird. Unsere Ge-
sinnungen dabey sind also diese; dafs wir lieber, anstatt Sachsens
Unglück noch gröfser zu machen, dafs es wohl vollends gar zur
Mördergrube werden könne, mit Gottes Hülfe weifsl. Gegenanstalten
zu treffen, und unser geliebtes Vaterland lieber glückl. als unglückl.
machen wollen. Wir wollen unsern theuersten Landesvater in unsere
Mitte nehmen und wollen ihm Sachsens Unglück und Noth mit
Nachdruck vorstellen, damit er sich ferner mit uns und wir mit ihm
freuen, und ruhig und vergnügt leben können. Erstl, wollen wir
uns insgesammt mit klingenden Spiel und fliegender Fahne bis in
die Gegend Dresdens rücken, und hat sich ein Jeder dabey bis auf
ein Paar Tage zu proviantiren. Da wird ein Commando von uns
nach Pilnitz gehen, um dem Churfürsten unsere Gesinnungen vor-
zutragen, von da werden wir mit unserm theuersten Landesvater
einen triumphirenden Einzug in die Residenz Drefsdens halten.
Unser Vortrag ist dieser:
I., verlangen wir, dafs alle und jede Personen, die bishero
Sachsenland unglückl. gemacht, gänzl. ihrer Würden u. Aemter ent-
setzt u. nach Befinden groser Betrügereien auch ihre Güther con-
fiscirt und zum gemeinen Besten angewendet werden sollen.
2., wird national Garde vor unsern Churfürsten errichtet, eine
zu Fufs und eine zu Pferde. Diese mufs aus Männern bestehen, zu
denen man das Zutrauen haben kann, dafs sie für des Landes Wohl
stets wachsam sind. Die zu Fufs ist beständig um den Landes-
herrn, und ihr Chef mufs eine ansehnl. Bedienung bej' Hofe haben,
damit sich keine Landesbetrüger mehr bey unsern Landesherrn ein-
schleichen können. Die Garde zu Pferde soll des Landes Wohl be-
sorgen, und genau auf alle Ungerechtigkeiten im Lande acht haben.
3., Das Accis Wesen wird auf einen Fufs gesetzt, damit
Sachfsenland sich nicht ferner Gottes Strafgerichte, mit so vieler
schwerl. Entheiligung seines heil. Namens ausgesetzt seyn darf.
4., Denen Rittergutsbesitzern werden engere Schranken gelegt,
damit sie nicht mehr wie bisher geschehen, das Land zur Wüste und
Einöde von Gerechtigkeit machen können.
5., Hegungen des Wildes werden ferner nicht geduldet, indem
solches viel zu den steten Fruchtmangel beiträgt.
6 , Keine Juris practici werden ferner geduldet, die nicht wirkl.
Gerichts Bestallungen haben, indem diese Blutigel das Land auf
eine erbärml. Weise aussaugen.
') Loc. 30749. Bl. I. Auszüglich bei Gretschel a. a. O. III, 232.
Christian Benjamin Geifsler. 255
7., Dem geistl. Ministerio müssen Verfassungsregeln gesetzt
werden, welche der Ehre Gottes gemäser und unserer geheiligten
christl. Evangel. Lehre heilsamer als bishero geschehen.
8., wegen Fleisch- und Tranksteuer sind wichtige Erinnerungen
zu machen.
Auf Genehmigung dieser Punkte, wird mit dem gröfsten Eifer
gehalten werden, und sind wir genöthiget, uns nicht das geringste
vormachen zu lassen. Es ist die höchste Zeit, ein mal sehen zu
lassen, dafs wir immer noch die alten braven und tapfern Sachfsen
sind, die vor der Hand nur durch Tiranney und Druck, so klein-
müthig geworden, aber nun ist die höchste Zeit vor den Rifs zu
stehen, dafs unsere Mitbrüder schon vorgebohret haben. Denn
liefsen wir uns dieses mal einschläfern, so werden wir in eine solche
Sclaverej' gerathen, woraus keine Rettung mehr zu hoffen. Es wird
aber auch zugl. einem jeden Orte angedeutet, durchaus keinen
Pöbel mitzunehmen, und mufs ein jeder Ort allen Unfug der durch
die Seinigen entstehen möchte, haften, indem wir in allen Stücken
als vernünftige Sachfsen und nicht wie Franzosen und wüthende
Niederländer handeln wollen, indem unser Endzweck dieser ist, des
Vaterlandes Wohl und unsers Fürsten Glück auf einem dauerhaften
Grund zu befestigen, damit wahre Frömmigkeit und gute Sitten in
unserm Vaterlande wieder in thätige Ausübung kommen, nur der
liebe Gott, als der Beherrscher alles lebendigen Fleisches wieder
wie vor unsern Zeiten sein gnäd Wohlgefallen an unserm Sachfsen
haben möge, dafs unser Land wieder zu einem so fruchtbaren Garten
des Herrn wie ehedem werde, da sein Volk die Sachsen vor guter
Wonne jauchzen, und die Herden in den fetten Auen und auf allen
Hügeln und Bergen scherzten. Seyd Männer, gute Christen und
treue Bürger Sachsens wie unsere Väter die tapfere Sachsen waren;
so wird der liebe Gott Segen zu diesem wichtigen Schritte geben.
Dieses wird aber auch zugl. allen und jeden Ortschaften angedeutet,
dafs sie sich gleich nach Verlesung dieses aufmachen, der Sammel-
platz von Lauenstein und Bärenstein ist in Liebstadt, Geisingen,
Altenberg u. Glashütte und Dohna, derjenige Ort aber, der sich
erkühnen sollte, die Citation nicht zu respectiren, kann sich einer
fatalen Plünderung ausgesetzt sehen und an keinen erlangten Vor-
theil Antheil haben.
Dieser Aufruf und eine zweite längere Schrift ähnlichen
Inhalts wurden dem Richter von Dittersdorf (einer Gemeinde
im Gerichtsbezirk Lauenstein) am 8. Juli 1790 von einem
ihm unbekannten Manne, der in der Frühe zu kurzer Rast
in seinen Gutshof einritt, zur weiteren Bekanntmachung über-
geben und von dem Richter seinen versammelten Bauern
vorgelesen.
Am selben Tage kam ein Reiter zu dem Richter des
Dorfes Börnchen und forderte ihn auf, sich bei dem Ditters-
dorfer Richter nach einer von ihm dort abgegebenen Schrift
zu erkundigen und sie in Abschriften zu verbreiten.
Einige Bauern hatten in dem Reiter den Seiler Christian
Benjamin Geifsler aus Liebstadt erkannt, in Liebstadt selbst
war bemerkt worden, dafs dieser Geifsler am S.Juli zu Pferde
2e6 Hellmuth Schmidt:
vor sein Haus geritten und hineingegangen war, einen Degen
umgeschnallt und eine Kokarde von weifsem Papier auf
seinen Hut gemacht hatte, abends dann bei einem Bürger
zu Biere gegangen war und da im Rausch unter anderem
geäufsert hatte: ,, Morgen werde ich mit 40000 Mann in
Pillnitz seyn und dem Chur Fürsten ein Memorial übergeben".
Der Gerichtshalter des adlich Carlowitzischen Gerichtes
in Liebstadt erfuhr in Pirna, wo er seinen Wohnsitz hatte,
am 9. Juli abends, dafs ,, reitende Boten mit aufrührerischen
Briefen von Liebstadt aus in die benachbarte Gegend ge-
gangen sein sollten", und begab sich daraufhin am 10. Juli in
aller Eile nach Liebstadt. Als er dort auf Grund seiner Er-
kundigungen eben Anstalten machte, Geifsler zu arretieren,
traf er den Geheimen Rat von Bünau, den Schlofsherrn von
Lauenstein, und bekam von ihm die zwei Tumultaufrufe
Geifslers zu lesen, die man in Dittersdorf dem Herrn von
Bünau als dem Gerichtsherrn ausgeliefert hatte. Bei der
Festnahme Geifslers fanden sich noch zwei ähnliche Aufrufe
unter seinen Papieren, und Geifsler gab beim Verhör unum-
wunden zu, alle vier Schriftstücke geschrieben zu haben, er
leugnete aber, dafs er sie selbst verfafst hätte, und gab an,
ein ihm unbekannter Mann sei am 7. Juli ihm auf dem und
dem einsamen Waldwege begegnet, habe mit ihm zunächst
,,von dem Mangel der Nahrung und der Theuerung" gesprochen
und dann die vier Schriften zum Abschreiben und Verbreiten
ihm eingehändigt und dabei unter anderem gesagt: ,,in
Dresden sey eine grofse Rebellion auf dem Tapete und da
sey zu befürchten, dafs es auf Französische Art gehen möchte,
durch diese Schriften solle vorgebeugt werden, damit das
Land und der Landes Herr nicht unglücklich würden. ... Es
dürften die Leute sich keine Gedanken darüber machen, es
bringe Niemanden einige Gefahr, denn es ständen grofse
Männer dahinter". Am nächsten Tage ist nach Geifslers
Aussage der Unbekannte einer Verabredung gemäfs wieder
mit ihm zusammengetroffen und hat sich die Originale der
Aufrufe von Geifsler wiedergeben lassen, hat ihm nochmal
Mut zugesprochen und ihm dann auch seinen Namen ge-
nannt: ,,er hiefse Bibra und wohne auf dem Neumarkt in
Dresden neben des Kaufmann Schmidt Laden in dem Hause
linker Hand, wenn man vom Neumarkt her komme, parterre".
Noch vor Geifslers Festnahme in Liebstadt und vor
seinem Verhör waren in Dresden die ersten Schritte in dieser
Angelegenheit getan worden. Vermutlich hat der Geheime
Rat von Bünau sogleich, nachdem ihm der Tumultaufruf in
Christian Benjamin Geifsler. 257
die Hände gekommen ist, durch einen reitenden Boten von
allem in Dresden Anzeige gemacht: denn schon am 9. Juli
nachmittags, also etwa 24 Stunden später, als der Aufruf in
Dittersdorf verlesen worden war, bekam in Dresden der
Kanzler von Hopfgarten jene eingangs wiedergegebene Ab-
schrift davon im Geheimen Konsilium zugestellt. Er teilte sie
sofort den versammelten Geheimen Räten mit und liefs sie
dem Amtmann von Pirna sowie den Beamten der benach-
barten Ämter in Kopien und von einer Instruktion begleitet
noch am selben Tage übersenden. ,,Auf eine behutsame Art"
sollten diese Beamten in Erfahrung bringen, ob etwa ähnliche
Aufrufe auch in anderen Gegenden verbreitet würden oder
irgendwo Unruhen zu spüren w^ären. ,,Mit Güte und durch
glimpfliche Vorstellungen" sollten sie dann solchen eventuellen
tumultuarischen Bewegungen entgegentreten und ,,nur im
Falle solches nichts fruchtete, durch das Aufbieten der Amts-
folge oder im äufsersten Notfalle und dann mit der gröfsten Be-
hutsamkeit und Mäfsigung" durch Heranziehung der zunächst-
stehenden Truppen die Ordnung wahren. Das gleiche Datum
wie diese Instruktion an die Beamten trägt das Konzept eines
Berichtes an den Kurfürsten, in dem der Kanzler seine Mafs- '
nahmen darlegt und eine Anweisung des Militärs zur Assistenz
der Zivilbehörden dem Kurfürst ,,submissest" anheimstellt.
Man nahm es in Dresden sehr ernst mit der ganzen
Angelegenheit. Als die Regierung am 10. Juli — freilich nur
gerüchtweise — erfuhr, der unbekannte Reiter, der die
Tumultaufrufe in Dittersdorf abgegeben hatte, sei der Seiler
Geifsler aus Liebstadt gewesen, sandte sie dem Amtmann
von Pirna zu der Instruktion des vorangehenden Tages sofort
noch eine besondere Anweisung, die dahin ging, „gedachten
Geifsler, wenn sich die Nachricht bestätiget, zu arretieren
und ins Amt Pirna bringen zu lassen". Geifsler war, wäe wir
wissen, am 10. Juh morgens bereits in Liebstadt durch den
Gerichtshalter festgenommen worden; am 11. Juli wurde er
in aller Frühe nach Pirna in die Amtsfronfeste transportiert
und die Untersuchung gegen ihn fortgesetzt. In einem Privat-
brief vom 1 3 . JuH legte der Kanzler dem Pirnaer Amtmann
noch besondere Sorgfalt für Geifslers sichere Bewachung
ans Herz, aber ehe der Brief abging, kam am 13. Juli
mittags vom Kurfürsten der Befehl, Geifsler solle von Pirna
nach Dresden gebracht und vom Dresdner Oberamtmann
die Untersuchung weitergeführt werden.
Einige Piketts vom Infanterie - Regiment Hartitzsch
sicherten den nächtlichen Transport des ,,wohl und fest ge-
258 Hellmuth Schmidt:
schlossenen" Inkulpaten, und in der Dresdner Fronfeste
wurde er in einem „besonders wohlverwahrten" Gefängnisse
eingekerkert, ,,in welchem ehedem der berüchtigte Wochatz
aufbehalten worden". Die weitere gerichtliche Untersuchung
wurde noch am Tage von Geifslers Einbringung durch ein
besonderes Reskript des Kurfürsten an die Landesregierung
und deren entsprechende Instruktionen an den Oberamtmann
geregelt und bezweckte zunächst die Aufklärung der Ver-
fasserschaft der vier aufrührerischen Schriften. Jenen Bibra,
den Geifsler als Verfasser in Liebstadt angegeben hatte, suchte
man durch den Dresdner Rat ausfindig zu machen. Aber
alle Bemühungen blieben erfolglos, obwohl in den Logis-
Expeditions-Registern nachgeschlagen wurde und man alle
Briefträger insgeheim ausfragte: schHefslich gestand Geifsler
dem Amtmann ein, dafs seine Angaben über jenen Bibra
unwahr und zu seiner eigenen Entlastung von ihm er-
funden seien,
Das Protokoll des Verhörs vom 16. Juli und der darauf
und auf die Pirnaer Akten gegründete abschliefsende Bericht
des Dresdner Oberamtmanns vom 20. Juli erhellen uns die
Geifslersche Angelegenheit in allen Einzelheiten. In dem
Protokoll findet sich auch eine eiofenhändipfe Unterschrift
Geifslers: sie zeigt feste und gewandte, nur bei dem G ver-
schnörkelte Schriftzüge. Geifsler besafs eine für seinen Stand
nicht gewöhnliche Bildung. 1743 war er als Sohn des
Schulmeisters in Holzkirchen bei Lauban geboren, seine
Mutter war dort Kammerjungfer bei der Schlofsherrschaft
gewesen. In herrnhutischer Sphäre, auf dem Pädagogium zu
Markthennersdorf, war er dann erzogen worden, und daher
stammt wohl jener eigenartige Einschlag religiöser Motive in
seinen Ideen. Eigentlich sollte Geifsler Schulmeister werden;
da ihm aber die Neigung dazu mangelte, gab man ihn in
Görlitz zu einem Seiler in die Lehre. Auf der Wander-
schaft kam er dann als Geselle nach Liebstadt, heiratete
dort mit 22 Jahren eine Tochter des herrschaftlichen Ver-
walters'), entlief aber zweimal seiner Seilerwerkstatt, um
Soldat zu werden: 7 Monate war er Pfeifer in einer säch-
sischen Grenadier -Kompagnie, später nahm er einmal von
den Preufsen Handgeld , bis seine Frau nach ^^ ]^^^ durch
') Vgl. Kopulationsregister des Liebstadter Kirchenbuchs anno
1765 Eintrag 8. — Das Ehepaar verlor 1778 sein einziges Kind und
adoptierte 1779 die Tochter eines preufsischen Soldaten „aus christ-
licher Liebe".
Christian Benjamin Geifsler. 259
Zahlung von 20 Talern es ihm ermöglichte, den bunten Rock
wieder auszuziehen und nach Liebstadt zurückzukommen.
Dort trieb er nun sein Handwerk weiter, aber von seiner
kümmerlichen Alltagsarbeit schweifte er wenigstens in Ge-
danken oft wieder hinaus in die grofse Welt; am Sonntag
und wenn ihm sonst Zeit übrig blieb, las er geistliche und
historische Schriften, er hielt sich den „Teutschen Mercur",
und 1772 trat er sogar selbst literarisch hervor mit einem
,, Sendschreiben" in der literarischen Fehde des Döbelner
Diakonus Sillig mit dem Stadtschreiber Wolf in Rofswein. Den
Beginn und Fortgang der französischen Revolution verfolgte
Geifsler aus seinem weltentlegenen Gebirgsstädtchen mit der
lebhaftesten Spannung. Als er aber die Ideen dieser Be-
wesfunof sich so rasch auch diesseits des Rheines verbreiten
sah, wurde in ihm die Besorgnis rege, ,,dafs vielleicht in
Dresden, da so eine grofse Anzahl Pöbel daselbst sei, eine
Revolution ausbrechen könnte, wodurch dem Landvolke
der empfindlichste Stofs versetzt werden dürfte", und, um
einer solchen mifslichen Wendung der Dinge zuvorzukommen,
hat er nach seiner Aussage jenen Zug der Bauern nach
Pillnitz auf dem Wege der Selbsthülfe ins Werk setzen und
„dem Kurfürst die allgemeinen Klagen des Landes zur Be-
herzigung vorbringen" wollen. Sich selbst hoffte er dadurch
„bei den Leuten ein Ansehen" zu verschaffen; ,, hiemächst
hätte er auch die Absicht gehabt, sich unter der nach seinem
entworfenen Plane zu errichtenden reitenden National-Garde
zu engagiren in der Hoffnung zu avanciren; denn letzteres
und einst bis zum Obristen hinaufzusteigen, wäre überhaupt
seine Idee gewesen, so oft er sich beym Militari engagiret
hätte". — Die vier Schriften habe er ganz allein, ohne eines
anderen Menschen Beihülfe und Mitwissenschaft innerhalb
4 Wochen heimlich entworfen, ,,die data dazu theils aus dem
, Teutschen Mercur', theils aus dem Gerüchte im Publico
hergenommen. Wenn er etwas gehört hätte im Publico, so
hätte er wiederum einen Punkt angemerket".
Ganz bestimmt war in dieser Weise aus dem politischen
Tagesgespräch der Kreise, in denen Geifsler sich bewegte,
der Punkt seines Programms entnommen, der die Aufhebung
alles Wildhegens forderte. Darin war Geifsler ganz und gar
Wortführer der gesamten bäuerlichen und kleinstädtischen
Bevölkerung im oberen Müglitztale: denn gerade in diesen
wald- und wildreichen Gegenden hatte die Kunde von dem
erfolgreichen Vorgehen der rechtselbischen gebirgischen Bauern
gegen den unerträglichen Wildschaden sofort auf aller Lippen
260 Hellmuth Schmidt:
jene Forderung laut werden lassen. Mit grofsem Geschick
hat Geifsler die Erregung, die das verursachte, für seine
persönlichen, weitergehenden Absichten nutzbar gemacht. Bei
dem Dittersdorfer Richter zum Beispiel, dem er fremd war,
hat er sich eingreführt und seine Überredungsversuche be-
gönnen mit einem Gespräch über die Wildabschiefsung: ,,Wie
es um die Jagd aussähe, ob sie schössen", hat er nach seiner
eigenen Aussage zunächst den Richter gefragt, imd als dieser:
„Bis dato noch nicht" erwidert, gerufen: ,,Nun hört doch
alles auf". Hiernächst habe er ihn gefragt: ,,0b er ein ge-
treuer Sachse sei . . ." usw.
Der Dresdner Oberamtmann beurteilt am Ende seines Be-
richtes Geifsler auf Grund seiner persönlichen Eindrücke mit
einem gewissen Wohlwollen: er betont, dafs seine Unter-
nehmung eigentlich aus einem freilich irregeleiteten Patrio-
tismus entspringe, vor allem aber vermutlich aus einer perio-
disch auftretenden, eigentümlichen Geistesstörung Geifslers
zu erklären sei, deren sich der Inkulpat auch selbst jetzt be-
wufst wäre.
Diese Behauptung des Dresdner Oberamtmannes schien
geeio-net, die ganze Angelegenheit in ein neues Licht zu rücken,
und so suchte man mit tunlichster Beschleunigung Klarheit
darüber zu schaffen, ob eine zeitweise Unzurechnungsfähigkeit
bei Geifsler wirklich festgestellt und für die Zeit seiner Tat
mit orenügender Sicherheit angenommen werden könne. Am
2. August wurde Geifsler in seinem Gefängnisse von dem
Gerichtsarzt auf Befehl des Kurfürsten eingehend untersucht,
worüber in den Prozefsakten ein genauer Bericht des Arztes^)
erhalten ist, der für Geifslers Wesensart wertvolle neue An-
gaben bietet und vor allem wegen der hinreichend ausführ-
lichen Schilderung der beobachteten und erfragten S3'mptome
heute noch bis zu einem gewissen Grade eine Nachprüfung
des Resultates ermöglicht. Er lautet wie folgt:
prs. den 6ten Aug. 1790.
Höchstem Befehle gemäs und auf schriltl. Requisition E.Wlöbl.
Ammtes alhier habe ich Endes Benannter mich Dato zu dem im. Ammts-
Arrest-Hause befindlichen Christian Benjamin Geifsler begeben, um
dessen Gemüthszustand zu exploriren und ein gründliches Gutachten
dieserhalb einzureichen.
Zu Erreichung dieser Absicht habe ich mich mit Geifslern in
eine Unterredung, die i Stunde lang gewähret, eingelassen und den
Anfang mit der Frage gemacht:
') AG. Dresden Nr. 740, Bl. 27.
Christian Benjamim Geifsler. 261
I., Wie befindet er sich auf das Aderlassen?
Antw. : Vormittags ist mir Angst ums Herz. Ich habe gedacht,
die Angst käme mir wegen der Meinigen, aber nun sehe ich, dafs
es ganz was anders ist. Diese Angst kann ich Niemand beschreiben,
sie mag wol von der gegenwärtigen Ruhe und Mangel an Be-
wegung herkommen p.
Ich fragte ferner:
2., Hat er denn diese Angst auch sonst schon gehabt?
Antw.: Ja! aber nur wenn die Zeit zum Aderlassen da war,
darnach war's besser.
Weiter:
3., Hat er viel Krankheiten ausgestanden und welche?
Antw.: In der Jugend habe ich das kalte und in 7jährigen
Kriege das hitzige Fieber gehabt. — Bey fernerm Unterreden über
diese Krankheiten und über seine Lebensart sagte er noch, was
maasen er im g^en und loten Jahre seines Alters öfters aus der
Nase geblutet habe p.
4., Die Frage: Hat er guten Appetit? beantwortete er also:
Antw.: Ja, den hätte ich wol, wenn ich nur immer das hätte,
was mir bekommt; man kann nicht alle Speisen kalt essen, und
gleichwol darf ich zu der Zeit, wenn mich meine gewöhnliche
Angst befällt, gar nichts Warmes essen und trinken, sondern alles
so kalt, als nur möglich, sonst wirds schlimmer. Da Geifsler auf
diese Antwort tief stöhnte und ausrief: Ja, Du lieber Gott! so wurde
die Frage aufgeworfen:
£., Was hat er denn für einen Beichtvater?
Antw.: N. N. Es ist ein braver Mann, fragen sie nur den, was
er von mir hält; ich communicire 4 mal im Jahre p. Ich wolte das
Wort nehmen, allein Geifsler fiel mir drein, sagend: Vorige Woche
sehnete ich mich sehr nach Trost, da kam einer, ein Geistlicher
(Lothius) aber mit Moses Donnerstimme und das war hart für mich,
weil ich mich gerade zu der Zeit für Gott geschmieget und meine
Handlungen bereuet hatte und mich nach Tröste sehnete. — Er
schwieg einige Augenblicke stille und brach denn sehr heftig in
diese Worte aus: Wenn ich nur Schreiberey hätte! Schreiben, ja,
schreiben, das ist meine Sache, ich wolte gern alles, was ich schreibe,
ins Amt geben p, — Er sprach vom Versemachen und sagte darauf
indem er auf die Thür zeigte: Die nach mir in dieses Zimmer
kommen, können aus dem, was ich mit einer Stecknadel an diese
Thür geschrieben, viel Gutes abnehmen p. — Jetzt fragte er mich:
Ist nicht heute der 2te August? Ich bejahete es und er fuhr so-
gleich fort und sagte: Es ist mir be3-gefallen , dafs der August der
wohlthätigste im Jahre ist; da nun unser Gnädigster Churf^irst
August heifset, so habe ich gewünschet, dafs Seine bekannte Wöhl-
thätigkeit auch auf mich würken und in Seiner Seele ein mitleidiger
Gedanke für mich erwecket werden möchte. Er wurde sehr beredt
und würde hier vieles gesprochen haben; allein ich suchte ihn nach
Möglichkeit abzubringen, konnte ihn aber dennoch nicht hindern,
folgendes annoch zu sagen, nämlich: Nun, soviel weifs ich, dafs,
wenn ich nur einmal wieder frey bin, kein Mensch redlicher seyn
und alle Menschen mehr zur Treue und Gehorsam anmahnen soll,
als ich p. Seine Beredsamkeit nahm sehr zu und ich muste seinem
Eifer durch die Frage:
2^2 Hellmuth Schmidt:
6., Wer waren denn seine Eltern ? Grentzen setzen.
Nachdem er dieses beantwortet, fragte ich anderweit:
7., Ob ihm nicht wissend, dafs einer derselben, oder aus seiner
Freundschaft eben die Angst empfunden habe, über welche er oben
(Quaest. 1., u, 2.,) gesagt, empfunden hätte, welches er sofort be-
jahete und, dafs seines Grofsvaters Bruder, ingleichen seines Vaters
Bruder, in ihren rüstigen Jahren ebenso gewesen, anführete, mit
dem Zusätze, es verlöhre sich aber von selbst und mit ihm würde
es auch bald vorüber gehen p.
Noch mufs ich bemerken, dafs ich durch die gantze Unter-
redung hindurch die Rede öfters abgebrochen und auf den Soldaten-
stand und besonders auf das durch diesen Stand zu machende
Glück gelenket und jedesmal wahrgenommen habe, dafs er beredt
wurde und sein Gesicht sich aufklärte. Nichts aber brachte diese
Würkung mehr hervor, nichts hatte mehr Einflufs auf sein Gemüth,
als wenn man seine Handlung, Geschicklichkeit, Einfälle p. be-
wunderte und lobte. So schien er stolz darauf za seyn, dafs er
unter, oder mit adelichen Kindern erzogen worden und sagte ganz
frey, dafs dabey die groben Spähne abgefeilet worden. Desgleichen
freuete er sich inniglich darüber, dafs er auf seinem Grunde und
Boden einen Quell, 'dessen Wasser gelind laxire. entdecket und ihn
zu seinem, als des Erlinders Andenken, Geifslers Brunnen, wie
Jakob den seinigen Jakobs Brunnen, genannt habe pp.
Mein pflichtmäsiges Gutachten über den Gemüthszustand
Christian Benjamin Geifslers ist demnach folgendes:
Christian Benjamin Geifsler ist cholerisch - melancholischen
Temperaments, welches seiner trockner Körper, sein dunkles Haar,
seine ernsthaft -traurigen Augen und Gebeerden, selbst seine Dis-
position zu Hoemorrhoiden die niemals zur Vollkommenheit gediehen
und aus dem jugendlichen Nasenbluten sowol, als aus denen von
gewissen zu gewissen Zeiten erfolgten Aufbrausen des Blutes er-
klärbar ist. (Acta Liebst, fol. i. a und fol. 6. b.)
Christian Benjamin Geifsler hat, wie aus Acten und aus der
mit ihm gehabten Unterredung (vd. quaest. 7) hinlänglich zu ersehen,
einen gewissen, an sich untadelhaften Stolz, oder auch nur eine
Begierde, etwas Ansehnliches in der Welt vorzustellen, gehabt.
Da nun ex historia et praxi medica bekannt ist, dafs, wenn in
utroque sexu die natürlichen, oder gewöhnlichen Blutausleerungen
unterdrückt, oder auch die von der Natur intendirten Blutaus-
leerungen nicht erreichet oder hervorgebracht werden, nicht eben
gar zu selten Gemüthszerrüttungen verschiedener Art daraus ent-
stehen, so erreichet der Satz einen sehr hohen Grad der Wahr-
scheinlichkeit, dafs nämlich bey Geifslern, wenn die Natur fruchtlos
auf Herfürbringung der goldnen Ader gearbeitet hatte, eine würk-
liche Zerrüttung der Sinne und des Verstandes Statt gefunden und
so lange gewähret habe, bis die ermüdete Natur wieder ins alte
Gleis einlenkte.
Da ferner die tief und vest in die Organe seiner Einbildungs-
kraft eingedrückte Idee, nämlich etwas Vornehmes zu werden, durch
diese öfters recurrirenden Hämorrhoidalparoxysmen, eine Idea fixa
geworden.
Da eben diese Idea fixa durch das, während gedachter Paroxys-
men, häuffig genossene spirituoese und erhitzende Getränk immer
mehr und mehr genähret und verstärket worden.
Christian Benjamin Geifsler. 263
Da (vieleicht?) wol gar eine erbliche Disposition zu der Art
Gemüthszerstreuung bey Geifslern Statt haben könnte, (vid: die
Geifslerische Antwort auf die yte ihm vorgelegte Frage, ab initio.)
Da endlich Geifsler, sobald die Paroxysmen vorbey und so
lange sie nicht da waren, ein arbeitsamer, guter Bürger gewesen.
(Vid. Act. Liebst, fol. 6 b.)
So kann ich, ohne mein Gewissen und ohne meine unter-
thänigste Schuldigkeit zu verletzen, kein anderes als nachstehendes
Gutachten über den Gemüths-Zustand Geifslers erteilen, welchemnach
Christian Benjamin Geifsler zu der Zeit, als er seine Auf-
wiegeleyen schriftlich begann und als er sie nachgehends auszu-
führen Willens war, als ein mit einer Idea fixa befafster Mensch,
das ist, als ein Mensch, der nicht richtigen Gebrauch von seinen
Sinnen und Verstände zu machen im Stande ist, das ist kurz und
gut, als ein Narr, gehandelt hat, und dafür auch biUig als ein
solcher zu behandeln seyn dürfte.
Dresden, am 2ten Augusti 1790.
L. S. D, Johann Gottlob Heise, Phys.
Dieses ärztliche Gutachten hat das endgültige gericht-
hche Urteil über Geifsler mafsgebend beeinflufst: die Leip-
ziger Schöffen, denen man die Akten zusandte, erkannten
Ende August in ihrem Spruch auf Geifslers amtliche Ver-
wahrung und Beaufsichtigung an einem festen, sicheren Orte,
doch nicht im Sinne einer Geifsler entehrenden Strafe,
sondern einer polizeilichen Vorsichtsmafsregel gegen even-
tuelle erneute Schädigungen des allgemeinen Besten durch
seine ,, Narrheit". Die Dresdner Behörden hielten Geifslers
Tat allerdings für .strafbar und vermochten sich dem medi-
zinischen Gutachten durchaus nicht anzuschliefsen. Die Be-
hauptungen des Amtsphysikus bezeichnete das Geheime
Konsilium als ,, voreilig", und an die medizinischen Behörden
wurde damals ein besonderes Reskript ,, wegen der bey Ab-
fassung dergl. visorum repertorum zu beobachtenden mehreren
Vorsicht" vom Kurfürst erlassen. Das Urteil der Schöffen
wollte man aber gleichwohl nicht anfechten, und so wurde
Geifsler am 27. September aus Dresden unter militärischer
Bedeckung in das Zucht- und Arbeitshaus zu Torgau gebracht.
Der unmittelbare Erfolg von Geifslers Bestrebungen ist
durch die rasche Gegenwirkung der patrimonialen und der
landesherrlichen Instanzen unbedeutend geblieben. Von Zu-
sammenrottungen und dergl. hat man nach den Berichten aus
Liebstadt und Lauenstein und vom Amtmann in Dippoldis-
walde nirgends etwas verspürt, obwohl Abschriften des von
Geifsler aufgestellten Programms unter den Bauern der
Gegend in Umlauf waren. Denn auf einer aufrührerischen
Schrift, die vermutlich von Dippoldiswalde ausging und am
264
Hellmuth Schmidt:
17. Juli in Lauenstein laut Bericht des dortigen Bünauischen
Gerichts^) beschlagnahmt wairde, fanden sich auf dem Um-
schlag acht Punkte aufnotiert, die sich nicht wie der sonstige
Inhalt der Schrift auf die rechtselbischen Jagdunruhen be-
zogen, sondern abschriftlich auf eine Aufzeichnung zurück-
gingen, die ein Altenberger Chirurgus nach der Erzählung
eines Mannes aus Dorf Bärenstein gemacht hatte. In nächster
Nähe von Dorf Bärenstein und im selben Patrimonialgerichts-
bezirk mit ihm liegt das von Geifsler aufgesuchte Dorf
Bömchen: mit grofser Wahrscheinlichkeit kann man an-
nehmen, dafs bei diesen Zusammenhängen die acht Punkte auf
dem Umschlag identisch mit den acht Forderungen in Geifslers
Aufruf waren. Und dafs von der Abschrift dieser Auf-
zeichnung mehrere Bauern ihrerseits wieder Abschrift ge-
nommen haben, ist durch die spätere gerichtliche Unter-
suchung des Falles ausdrücklich bezeugt.
Der Eindruck, den Geifslers Ideen in der Gegend machten,
spiegelt sich wieder in einem Brief-) des Dittersdorfer Pastors,
der geschrieben ist am 8. Juli, wenige Stunden nachdem
Geifsler sein Programm dort persönlich in Umlauf gesetzt
hatte. ,,Seit zwei Stunden, heifst es darin, ist hier ein wahrer
grofser Schrecken für mich entstanden. Ein reitender Bote
aus Liebstadt hat von vielen bei sich habenden schriftlichen
Aufforderungen zu einem formalen Aufstand ein Exemplar
ins hiesige Gericht gegeben, wovon ich, da ich auf eine
Viertelstunde den Lärmbrief in Händen haben konnte, in der
Geschwindigtkeit folgende Hauptpunkte, auszeichnete: . . . ."
Die Inhaltsangabe, die nun folgt, enthält eine ganze Anzahl
Stellen, die sich in der eingangs abgedruckten Abschrift nicht
finden, die aber wörtlich wiederkehren in einer ohne Namen,
Datum und sonstige Bezeichnung in die Akten des Geheimen
Kabinetts eingehefteten Aufruhrschrift'*), die dadurch mit
Sicherheit als von Geifsler herrührend erwiesen wird. Un-
gleich stärker als in dem Pro Memoria in der bisher be-
kannten Form tritt darin die religiöse Färbung der Ideen
Geifslers zutage; wie eine Predigt mutet vielfach der Text
an und die Sprache wie die der alttestamentlichen Propheten;
„Nunmehr ist die höchste Zeit aufzuwachen aus dem Schlummer,
darinnen wir von Last und Druck betäubt gelegen, .... jezo ist die
Zeit, wo man sich das unerträgliche Joch der Edelleute abschütteln
') Loc. 30749 Vol. I, S. 62. Bericht vom 20. Juli 1790.
2) Loc. 5513.
*) Loc. 109s Vol. I, S. 47—54.
Christian Benjamin Geifsler. 265
kann, sie haben nach Göttlichem und menschlichem Recht nicht
den Gerinsesten Behuf ihren Nebenmenschen wie bisher ohne alle
Barmherzigkeit zu schinden, dieweil es vor Gott ein Gräuel, wenn . . .
einer lebt in der gröfsten Wollust und der andere mufs seinen
Bissen mit Seufzen und Wehklagen essen; ... so will es Gott unter
einem Volk, das sich nach seinem Nahmen nennt, nicht haben ....
du armes Sachsen! warum bist du denn so verunstaltet? deine
Äcker und deine Weinberge versagen dir ihre Wirksamkeit"
Mit der Zeit erwies es sich, dafs diese Ideen Kraft
genug hatten, um auch ohne Betreiben ihres Urhebers weiter
in die Massen zu dringen. Ein späterer Verhörsbericht der
Schönbergischen Gerichte za Wingendorf und Hainichen^)
gibt eine dafür charakteristische Szene wieder, die Anfang
August sich in der Schenke des Dorfes Rossau bei Hainichen
abspielte. Einige Soldaten waren dort einquartiert und einer
von ihnen hatte eine Schrift bei sich, die er den Gästen
vorlas und die solches Interesse erregte, dafs der Schulmeister
geholt wurde und mehrere Abschriften davon anfertigen
mufste, die die Gäste ihm mit einem Sechser oder einem
Glas Bier vergüteten. Eine dieser Abschriften ist im Original
erhalten: der Text ist im w^esentlichen ganz der des Geifsler-
schen Pro Memoria. Ein Seiler aus Nossen, der mit in der
Rossauer Schenke war, kannte die Schrift bereits und er-
zählte, ,, diese Schrift sey allgemein unter Hohen und Niedrigen
bekannt und der Anstifter se}^ eine grofse Person und schon
bei Ihro Churf. Durchlaucht gewesen". Einem Gast aus
Hainichen, der auch eine Abschrift haben wollte, sagte der
Schulmeister: ,,Was will er sich's denn abschreiben, es haben
ja schon viele Bürger in Hainichen." Der Betreffende nahm
aber doch eine Abschrift und hat sie in Hainichen noch
vielen Bekannten auf deren Verlangen zur Durchsicht borgen
müssen"-).
Andere Angaben in den Akten bezeugen, dafs in der
Gegend von Waldheim '^j und Würzen Geifslers Programm
hier und da in Abschriften weitergegeben wurde, und zwar
auch unter Gebildeten, unter Pastoren und Lehrern; in Riesa
fand es sich unter den Papieren eines berüchtigten Agitators.
Im Schönburgischen hat es nachweislich bei einer der heim-
lichen Zusammenkünfte der Untertanen vor dem Aufstand
^) Loc. 30680 Acta die im Freiberger Amtsbezirk ausge-
brochenen Unruhen betr. Vol. IV ». Bericht vom 28. Oktober 1790.
"-) Vgl. auch Loc. 30751 Acta die unterm Landvolke 1790 aus-
gebrochenen Unruhen betr. Vol. XI, S. 1651!. Verhörsaussagen des
Rossauer Schulmeisters.
3) Loc. 30751 Vol. X, S. 311 ff
2 66 Hellmuth Schmidt:
dort, ein Bauer zur Verlesung gebracht^), aber in diesen
entfernteren Gegenden hatte man von Geifslers Person und
Schicksal keine Kunde. Seine Autorschaft wurde vergessen
oder blieb unbekannt, und es waren dafür derartige Fabeleien
über den Urheber der Ideen in Umlauf, wie der Nossener
Seiler sie in Rossau berichtet hatte. Dieser Seiler behauptete
übrigens vor den anderen Gästen, den Autor der Schrift
persönlich zu kennen: es sei ein vornehm aussehender Mann
in einem grünen Rock gewesen. Hält man diese seltsame
Angabe zusammen mit verschiedentlichen Aussagen von
Bauern aus der Chemnitzer Gegend'-), in denen immer ein
vornehmer Unbekannter in grünem Überrock als Urheber und
Verbreiter des Geifslerschen Programms erscheint, so wird
es in hohem Grade wahrscheinlich, dafs einer der Abenteurer,
die in den Tagen der Bauernunruhen sich so zahlreich in
Sachsen einfanden und hier im Trüben fischten, die Ideen
des verhafteten Liebstadter Seilers als seine eigenen aus-
gegeben und in der Rolle etwa jenes fingierten Bibra mit
dem Programm eine Agitation in selbstsüchtiger unlauterer
Absicht betrieben hat.
Den Behörden ist von dieser ganzen Ausbreitung der
Geifslerschen Gedanken bei der Heimlichkeit, mit der der-
artiges geschah, in den wenigsten Fällen etwas bekannt ge-
worden; das Bild davon, das sich aus den vereinzelten An-
gaben der erhaltenen Akten zusammensetzen läfst, mufs darum
notwendig unvollkommen bleiben: immerhin zeigt es hier und
da, wie das Programm des Liebstadter Seilers unabhängig von
dessen persönlichem Schicksal im weiteren Verlauf der Bauern-
unruhen vielfach von Einflufs und Bedeutung gewesen ist.
Geifsler hat nach seiner Einheferung in das Zuchthaus
zu Torgau über 1 5 Jahre dort zubringen müssen, und während
die anderen bäuerlichen Revolutionäre, die in Torgau in
Gewahrsam kamen, nach spätestens 3 bis 4 Jahren entlassen
wurden, harrte Geifsler vergebens auf einen Gnadenakt, der
auch ihm die Freiheit wiedergab. Da wendete sich im Juli 1805
seine Adoptivtochter und deren Mann an die Kommission zur
Besorgung der Armen-, Waisen- und Zuchthäuser mit einem
Gesuch um zeitweise Beurlaubung ihres Vaters^), Bei der
1) Loc. 30681 Vol. VIII. Acta die in der Herrschaft Wechsel-
burg etc. . . . ausgebrochenen Unruhen. Bericht vom 13. Dezember 1790.
'-) Loc. 30680 Vol. II die im Chemnitzer Amtsbezirk ausge-
brochenen Unruhen betr.
3) Loc. 1095 Vol. IV. S. 279—280. Bericht der Land.-Regierung
vom 7. August 1805.
Christian Benjamin Geifsler. 267
Entscheidung darüber forderte die Regierung von dem Tor-
gauer Hausprediger und dem Anstaltsarzt ein Zeugnis über
Geifslers Gesundheitszustand ein: beide erklärten, dafs Geifsler
,,seit seiner Einlieferung in das Haus, also seit 15 Jahren,
keine Spur von Verstandeszerrüttung an sich habe blicken
lassen", und der Torgauer Hausverwalter bezeichnete Geifslers
Führung in der ganzen Zeit als musterhaft und schlug vor,
ob die Regierung nicht Geifsler völlig aus dem Hause ent-
lassen wollte \). Nachdem die Instanzen sich geäufsert hatten,
entschied der Kurfürst durch Reskript vom 12. Oktober 1805 -),
,,dafs Geifsler gestattet werden möge auf einige Zeit zu den
Seinen nach Liebstadt sich zu begeben", dafs aber das
Carlo witzische Gericht dort ein wachsames Auge auf ihn
haben und über seine Führung berichten sollte.
Geifsler hatte von dem Urlaubsgesuch seiner Tochter
Kunde und erwartete die Entscheidung darüber mit steigender
Ungeduld, Als monatelang keine Verfügung aus Dresden
einlief, gab er die Hoffnung auf einen günstigen Ausgang
auf, und als man ihn im September vom Zuchthaus aus zu
einem Seilermeister auf Arbeit schickte, kehrte er eines
Abends nicht zurück, und alle Versuche seiner habhaft zu
werden oder etwas über seinen Verbleib zu erfahren, blieben
erfolglos").
Geifsler hat sich bei seiner Flucht zuerst „ins Anhaltische
nach Brandenburg und von da durch Sachsen nach Böhmen
und Schlesien und Österreich bis Wien gewendet, von wannen
er durch Böhmen und die Lausitz zurückgekehrt ist. Seinen
Lebensunterhalt hat er dabei teils durch Tagearbeit, teils
durch seine Profession als Seiler gewonnen"*). Nach zwei-
jährigem Umherwandern wagte er sich wieder in die Gegend
von Liebstadt und wurde dort am 15. November 1807 in
dem Dorf Döbra erkannt und angehalten. Wiederum gingen
Berichte und Gutachten über ihn durch alle Instanzen, und
obwohl die Geheimen Räte^) sich bei dem Landesherrn dafür
verwendeten, dafs die Flucht aus dem Zuchthaus ihm ver-
ziehen würde, entschied der König in seinem strengen Rechts-
standpunkt durch sein Reskript vom 6. Februar 1808'), ,,dafs
^) Loc. 109s Vol. IV S. 274 ff. Vortrag der Geheimen Räte vom
18. September 1805.
2) ibidem S. 281 mit Kabinettsextrakt vom 8. Oktober 1805.
^) ibidem S. 285. Bericht der Land.- Regierung vom 2o.Märzi8o6.
*) Loc. 109s Vol. IV S. 284ff. Vortrag der Geheimen Räte vom
16. Dezember 1807.
^) ibidem S. 297.
Neues Archiv f. S. G. u. A. XXVIII, 3. 4. 18
2 68 Hellmuth Schmidt: Christian Benjamin Geifsler.
Geifsler sich der Begnadigung unwürdig gemacht habe und
ins Zuchthaus zurückzubringen sei".
Auf Geifslers inständiges Bitten, auf das Gesuch eines
Seilermeisters in Liebstadt, bei dem Geifsler — mit seinen
65 Jahren — als Geselle unterdes zu arbeiten begonnen hatte,
und auf Verwendung des Herrn von Carlowitz, der mit dem
kränkelnden, mittellosen alten Mann Mitleid hatte, erneuerten
die Geheimen Räte') am 7. September 1808 ihren Vorschlag,
Geifsler wenigstens urlaubsweise in Liebstadt bleiben zu
lassen, und schliefslich gab der König dazu seine Zustimmung.
Diese letzte Regierungsentscheidung über Geifslers Schicksal
erfolgte fern von dem stillen Erzgebirgsstädtchen am 19. Januar
1809 in Warschau-). Das Liebstadter Kirchenbuch läfst
Geifslers Namen in den Sterberegistern der Folgezeit ver-
missen, und so verliert sich die letzte Spur dieses seltsamen
Lebens ins Dunkel.
1) ibidem S. 298 ff. Vortrag der Geheimen Räte vom 7. Sep-
tember 1808.
■2) Loc. 1095 Vol. IV S. 308.
VIII.
Topographisches vom alten Roehlitz.
Von
W. Clemens Pfau.
Allem Anschein nach hat unser Muldenstädtchen Roehlitz
schon lange vor dem Eindringen der Deutschen als Ort be-
standen; jedenfalls ist es nicht jünger als die zahlreichen
Dörfer, die sich in seiner Nachbarschaft so dicht zusammen-
drängen, dafs kaum eins in alter Zeit eine sehr bedeutende
Ausdehnung erlangen konnte. Sie alle, obgleich sie nunmehr
teils deutsch, teils wendisch benannt sind und als Rundlinge
oder Strafsendörfer verschiedene Bebauungspläne und nicht
gleiche Flurverteilung aufweisen, bestanden meines Erachtens
bereits lange vor der Herrschaft des Ottonenhauses oder
waren wenigstens durch einzelne Siedlungen, die vielleicht
zerstreut innerhalb der im Grofsen und Ganzen festoreleorten
Dorffluren lagen, vorgezeichnet. Die Gründe für diese Ansicht
habe ich schon früher^) ausführlich erörtert. Hier möchte
ich nur nochmals besonders auf die zahlreichen prähistorischen
Einzelfunde (Scherben, Steinspäne, Kernstücke, steinernes
Handwerkszeug, wie Beile usw.) innerhalb der Dorffluren,
sowie auf die Stellen von Massenfunden gleicher Art im
Gebiete der Ortsgrenze, die übereinstimmend im Bereich aller
Ortschaften vorkommen, hinweisen. Dörfer wie Königsfeld,
') Pfau, Topographische Forschungen über die ältesten
Siedlungen der Rochlitzer Gegend (1900J S. 26ff. ; Geschichte der
Töpferei in der Rochlitzer Gegend von den frühesten vorchristlichen
Zeiten bis auf die Gegenwart (1905) S. 11, 3 2 ff.
zyo
W. Clemens Pfau:
Sachsendorf, Amsdorf, Wickershain, Wittgendorf, Stollsdorf,
Schwarzbach, Weifsbach, Topfseifersdorf verfügen über die-
selben ergiebigen prähistorischen Massenfnnde auf der Mark
wie wendisch benannte, z. B. Pursten, Seelitz. Vorgeschicht-
liche Wälle und Gräber treten ebenfalls in verschiedenen
Ortschaften sowohl wendischen als deutschen Namens
(Rochlitz, Fischheim, Schwarzbach usw.) auf. Die Deutschen
haben augenscheinlich die Dörfer der Rochlitzer Pflegre nicht
begründet, sondern nur ausgebaut, den Ackerbau gehoben,
den übermäfsig starken Waldbestand gelichtet, die innerhalb
der bereits in Hauptzügen abgegrenzten Ortsflur vorhandenen
Liegenschaften endgültig geteilt, vielleicht auch Waldwirtschaft
treibende Ortschaften erst zu Ackerbau treibenden umsfe-
wandelt. Die ganz eigenartigen Massenfunde auf der Flur-
scheide halte ich in der Hauptsache für Überreste von Kult-
handlungen, die gelegentlich von Flurumzügen, Flursegnungen,
Opferungen, Bannungen u. ä. auf der Grenze stattfanden, und
zwar meist da, wo die Marken von drei Ortschaften zu-
sammenstiefsen. Ähnliche Kulthandlungen werden noch jetzt
hier und da in katholischen Ländern ausgeübt; die Wurzel
dieser Bräuche verliert sich im Dunkel der heidnischen
Urzeit. In der Rochlitzer Pflege finden sich auf den Grenz-
massenfundstellen vorsvendische, slawische und frühdeutsche
Findlinge nebeneinander, eine Merkwürdigkeit, die darauf
deuten dürfte, dafs diese Örtlichkeiten ungemein lange ständig
zu gleichem oder ähnlichem Zweck benutzt wurden. Mit den
vermutlichen Kulthandlungen dürften zahlreiche Sagen zu-
sammenhängen, wonach in der Nähe dieser abgelegenen
Stellen im Grenzg-ebiet granz »-ewöhnlich allerhand fabelhafte
Unwesen, meist ohne Kopf (Pferd, Kalb, Reiter, Mann usw.),
spuken sollen.
Die heutige Rochlitzer Stadtflur besitzt zwei prähistorische
Wälle und weist die meisten und reichsten Massenfundstellen
im Grenzgebiet auf, nämlich auf dem Galgenberg, auf dem
Schieferberg, auf der Brandsäule, am Münchswinkel, auf der
wüsten Lade, auf dem Hospitalfeld, im Kifsling; es sind dies
Stellen, auf oder bei welchen es stark umgehen soll. Der
Reichtum an derartigen städtischen Fundg-ebieten ist sicher
mit daraus zu erklären, dafs in der Stadtflur verschiedene,
z. T. urkundlich noch nachweisbare Siedlungen eingegangen
sind, deren wenige Bewohner in der Hauptsache nach der
Stadt und den Vorstädten verzogen sein mögen. Sehr zahl-
reich sind in der Stadtflur auf vielen Feldern auch Einzel-
funde, besonders wendische Scherben und bearbeitete Feuer-
Topographisches vom alten Rochlitz. 271
steine, Findlinge, die sogar in den Gärten der Stadthäuser
auftreten. Ich habe alle prähistorischen Funde der Gegend,
nach den Ortsfluren geordnet, im Rochlitzer Museum zu-
sammengestellt. Kein Dorf der ganzen Pflege kann sich
hinsichtlich des Reichtums solcher Funde und der Fundstellen
mit Rochlitz messen; man wird deshalb geradezu zu dem
Schlufs gezwungen, dafs schon in urgeschichtlicher Zeit auf
der Flur um Rochlitz herum das Leben und Treiben ein bei
weitem regsameres war als auf den benachbarten und ent-
legeneren Ortsgebieten. Unter diesen Verhältnissen läfst sich
leicht begreifen, weshalb Rochlitz schon in frühgeschichtlichen
Tagen eine besondere Bedeutung für die ganze Pflege als
Vorort erlangte.
Auf Rochlitzer Flur entstand eine deutsche Burg, die
tonangebend und gebietend für die ganze Gegend wurde
und wohl schon in der sächsischen frühchristlichen Zeit weit
bekannt war. Durch eine Urkunde von Otto III. wurde 996 das
westliche ,,RochHtzer Muldenufer" (ripa Rochilinze') mit als
Gebietsscheide zwischen den Bistümern Merseburg und Meifsen
festo-estellt: meines Erachtens hätte man damals schwerlich
diesen Ortsbegriff in die Niederschrift aufgenommen, wenn
Rochlitz zu jener Zeit ein unbedeutender Ort gewesen wäre.
Thietmar von Merseburg berichtet bereits vom Burgward
Rochelenzi, in dessen Gebiet der Bischof einen Wald mit
Wildfängen inne hatte, wegen welcher Anlagen der hohe
Herr 1018 selbst nach RochHtz kam. Die betreffende Be-
sitzung war schon 974 an Merseburg durch Otto II. abge-
treten worden. Bei seiner Anwesenheit in Rochlitz spendete
Thietmar eigenhändio- das heilio-e Abendmahl.
Der Begriff Burgward Rochlitz, d. h. Burgbezirk Rochlitz,
setzt wohl das Vorhandensein einer Burg voraus. Ich ver-
mute aus verschiedenen Gründen, dafs die Burg Rochlitz
nicht von den Deutschen selbst an Ort und Stelle gegründet
wurde, wie dies z. B. in Meifsen geschah; vielmehr scheinen
die eindringenden Deutschen in Rochlitz eine vorhandene
Wallanlage besetzt und allmählich zur Burg ausgebaut zu
haben'-).
^) Cod. dipl. Sax. reg. I, i, 276. Nach Posses Untersuchungen
und Karten (im Cod. dipl. S. r. I,i, 178 und Anhang) mufs das
Muldenufer schon 981 als Grenze gegolten haben.
^) Nach Heine, Chron Rochlic. S. 32 berichteten Überlieferun-
gen, die Stelle der Petri-(Schlol"s-)kirche habe ursprünglich eine
heidnische Kapelle mit Götzen eingenommen.
272
W. Clemens Pfau :
Dieselbe entstand auf einer ziemlich dreieckigen Berg-
zuno-e, die als Ausläufer des Rochlitzer Berges beziehentlich
des östlichen Teils davon, des Schlofsberges, erschenit. Aui
letzterem, in der Nähe der westlichen Schlofsbrücke , habe
ich wiederholt wendische Scherben, auch verschiedene ge-
schlagene Feuersteine gefunden. Ganz besonders bemerkens-
wert ist aber die Anlage der Burg (Fig. i); die Stelle der
letzteren wurde zunächst durch einen mächtigen Einschnitt
ganz vom Schlofsberg abgetrennt. Ob diese Vertiefung, in
Topographisches vom alten Rochlitz. 2-73
der jetzt „die Schlofsbach" läuft, ursprünglich schon von der
Natur vorgezeichnet war oder ob die Schlofsbach erst nörd-
lich um den Schlofsfelsen herumrann und nur nachträglich
an dessen Westseite vorbeigeleitet worden ist, läfst sich nicht
ausmachen. Fest steht nur, dafs die Wände in dem tiefen
Westeinschnitt in ihrer jetzigen Gestalt durch Schrotarbeit
geformt sind. Die abgetrennte Felsenzunge wurde weiter
durch zwei parallel mit dem westlichen Einschnitt ver-
laufende tiefe künstliche Einschnitte gegliedert: zwischen dem
westlichen und mittleren entstand das Oberschlofs, zwischen
dem mittleren und östlichen das Unterschlofs. Auf dem
Ende der Bergzunge, vor dem östlichen Graben, erhob sich
die uralte Petrikirche, die nach den Angaben verschiedener
Chronisten'), welche sich auf einen alten Kelch berufen, vom
Kaiser Heinrich I. gegründet worden sein soll; sie hiefs ehe-
mals ganz gewöhnlich „Schlofskirche". Da sie ursprünglich
inmitten des Gottesackers lag, der wiederum doch wohl von
Mauern umgürtet war, so kann man sie als eine Art Vor-
wehr zur Buror ansehen. Mit letzterer war sie in alter Zeit
übrigens aufs innigste durch eine überdeckte Galerie ver-
bunden, durch deren Hilfe 1644 die Kurfürstlichen die
Schweden im Schlofs überrumpeln wollten"-). Die Rochhtzer
Schlofsanla2:e mit ihren dreifachen Grabeneinschnitten er-
innert sehr lebhaft an gewisse wendische Wallbauten, m der
Rochlitzer Gebend besonders an die Wälle des Kötterner
Borscheibergs hinter dem Rittergut Neutaubenheim. Hier
ist auch eine dreieckige Landzunge, die gegen ihr Ende
ziemlich schroff abfällt, durch drei Gräben quer geteilt. An
den letzteren ziehen sich die Wälle hin. Hätte eine der-
artio-e Anlaofe auf der Stelle des Rochlitzer Schlosses ur-
sprünglich bestanden, so brauchten die Deutschen nur die
Gräben immer mehr zu vertiefen und die Erdzüge, die an-
fänglich wohl mit Pallisaden besetzt waren, durch Mauern zu
verstärken oder zu ersetzen. Ich habe wiederholt^) die An-
sicht ausgesprochen und besonders durch den Hinweis auf
die einschlägigen Funde begründet, dafs die prähistorischen
Wälle der Rochlitzer Gegend in erster Linie Kultstellen, die
aber zu Zeiten der Kriegsgefahr zur Verteidigung dienen
konnten, umschlossen. Mit einer solchen Annahme liefse sich
wohl auch die Eigenart vieler Kirchen der weiteren Pflege
1) Heine S. 33.
-) Heine S 352.
^} Top. Forschungen S. 36 ff. — Geschichte der Töpferei S. 35.
274
W. Clemens Pfau:
erklären, wonach diese Gotteshäuser in ältester Zeit offenbar
mit zu Verteidigungszwecken eingerichtet wurden. Das
schönste Beispiel hierfür bietet die Kirche zu Geithain, von
welcher Stadt der Bebauungsplan die gröfste Ähnlichkeit mit
dem Rochlitzer hat: wo in Rochlitz die Burg mit der ältesten
Kirche steht, im äufsersten Westen, da befindet sich zu
Geithain auf einer Erhöhung die mächtige Kirche, deren
Gottesacker rnit starken, durch Bastionen besetzten Mauern
gedeckt ist. Eine ähnliche Wehranlage weist die Peniger
Kirche auf. In dem Gottesacker zu Geithain kamen bei den
Ausschachtungen gelegentlich der letzten Kirchenrestauration
mehrfach wendische Scherben zu Tage. Ganz in seiner
Nähe liegt Altdorf; die Grenze bildete ursprünglich wohl
ein Wassergraben, welcher später ausgefüllt und mit einigen
Anwesen besetzt worden ist.
Die Rochlitzer Burg nahm in ihrer zugehörigen Flur
zweifellos dieselbe Stelle ein, wie die vorgeschichtlichen
Wälle der Pflege in ihren entsprechenden Dorffluren. Sie
alle liegen, wie auch die ausgeprägten Massenfundstellen,
regelmäfsig auf einem hervorragenden Buckel an oder auf der
Ortsmark. Das Rochlitzer Schlofs ragt auf steilem Fels im
Grenzgebiet des Rochlitzer Waldes und dessen zahlreichen
benachbarten Feldern und Wiesen, die ehemals zur Burg
gehörten. Die letzteren der Landwirtschaft dienenden Liegen-
schaften wurden 1558 vom Amt vererbt und sind in Privat-
besitz übergegangen. Ursprünglich besorgte ihre Bewirt-
schaftung das in der Vorstadt gelegene amtliche ,,Schlofs-
vorwerk" oder ,,der Viehhof", den das Amt 1558 mit ver-
äufserte^).
Im Mittelalter scheint aufserdem eine Art Vorwerk
westlich vom Schlofs, mehr nach der Höhe des Rochlitzer
Waldes, auf oder an den dort ausgesparten, von der Peniger
Strafse durchschnittenen Feldern bestanden zu haben; wenig-
stens finde ich in einem Verzeichnis über Waldfuhren-) von
1722 eine dortige Stelle „Hoffestöckicht" genannt. Flur-
namen der Rochlitzer Gegend, die mit ,,Hof-" gebildet sind,
deuten regelmäfsig auf eingegangene ritterliche Besitzungen,
die sich zum guten Teil auch urkundlich nachweisen lassen.
') Abschrift des alten Vererbungsbriefes im Archiv des Roch-
litzer Geschichtsvereins; vgl. dazu auch die ständigen Einträge in
den älteren Amtsrechnungen.
^) Aktenstück im Archiv des Rochlitzer Geschichtsvereins, aus
der alten Bauverwalterei stammend.
Topographisches vom alten Rochlitz. zj^
Alle jene urbar gemachten Liegenschaften, welche der Roch-
Htzer Wald umschliefst und welche heute z. T. von Nofswitz,
z. T. von Rochlitz aus bestellt werden, sind zweifellos uralt,
waren offenbar schon in vordeutscher Zeit dem Forst abge-
rungen: sie weisen nicht nur wendische, sondern auch bronze-
zeitliche Scherben auf und ergeben sogar geschlagene Stein-
späne, Kernstücke usw.
Der Rochlitzer Wald bildete ein von unseren Vorfahren
der Urzeit oft betretenes Gebiet. Angrenzende Dörfer haben
ihre prähistorischen Massenfundstellen unmittelbar am Saum
des Staatsforstes: Carsdorf, das im Mittelalter auch Carnitz
hiefs, im ,, Rodeland" und ,, Steinberg", Wittgendorf im ,,Heedel-
born", Sörnzig in der ,,Bile" und dem nordöstlichen Acker der
„Adscher". Im Walde (schönburgischer Teil) selbst ist das
Dorf Drosekowe, das 1208 dem Kloster Zschillen ^) mit zuge-
wiesen wurde, als solches eingegangen; den einzigen Überrest
bildet das Draschkengut. Der Porphyr des Rochlitzer Waldes
fand schon in der Bronzezeit, zu Mahlsteinen verarbeitet,
seine Verwendung; letztere habe ich wiederholt in urge-
schichtlichen Gräbern angetroffen. Schliefslich bin ich auf
Rodestellen innerhalb des Rochlitzer Waldes mehrfach wen-
dischen Scherben, besonders auf dem ,, Hohen Berg", be-
gegnet; von einer Waldrodestelle besitzt das Rochlitzer
Museum einen zierlich gearbeiteten, sehr eigenartig geformten
Steinhammer. Der sogenannte Katzenstein, ein Grenzfelsen
des Staatswaldes am Sörnziger Adscherholz, weist am Fufse
eine wallartige, künstliche Umgürtung auf. In der Erde
kommen hier frühdeutsche und wendische Scherben vor; die
lehmige Ausfüllung in den Felsenrissen ist durch Feuerglut
wie verziegelt. AugenscheinUch ist auch der Katzenstein
den vorchristlichen Grenzkultstätten zuzuzählen.
Das landwirtschaftlich bestellte ehemalige Gebiet des
Rochlitzer Schlosses war höchstwahrscheinlich ursprünglich
die Flur eines unbedeutenden wendischen Dorfes, das wie
Drosekowe untergegangen sein mag; seine Insassen sanken
wohl in der Hauptsache zu Frönern der neuen Herren herab,
die auf der alten Ortsflur das oben erörterte Vorwerk grün-
deten und sich in der Wallanlage der eingegangenen Siedlung
eine Burg bauten. Zu derselben gehörte in alter Zeit eine
Flur, die so grofs war wie diejenige eines mäfsigen Dorfes.
Dafs die spätere Stadtflur davon ursprünglich einen Teil
') Cod. dipl. Sax. reg. I, 3, 69.
276
W. Clemens Pfau:
bildete, läfst sich nicht beweisen, ist wohl auch kaum wahr-
scheinhch. Waren aber Burggebiet und Fhir der Stadt
schon anfänghch zwei verschiedene Ortsbereiche, so müfste
man erwarten, dafs für dieselben anfangs auch zwei ab-
weichende Namen vorhanden gewesen wären. In der Roch-
litzer Gegend kommen mehrfach benachbarte oder nicht weit
voneinander gelegene Ortschaften vor, deren Bezeichnungen
sehr ähnhch klinoen. Ich verweise auf die Nachbarorte
Zöllnitz und Seelitz (dialektisch Zillns und Sils gesprochen);
letzteres heifst im Mittelalter und selbst im 16. Jahrhundert
noch nebenbei Zelitcz, Zeelicz. Weiter finden sich in der
Pflege Zetteritz, Zettlitz. Die vermutlichen Ortschaften auf
der späteren Rochlitzer Gesamtflur hätten wohl auch zwei
ähnlich lautende Namen besitzen können, so dafs leicht eine
Verwechselung derselben und das allmähliche Verschwinden
des einen eintreten konnte. Merkwürdigerweise lassen sich
die ungemein zahlreichen Namensformen ältester Zeit für
Rochlitz^) im Grunde genommen in zwei Hauptgruppen
scheiden; die eine hat stets ein 1 im Anfang des zweiten
Gliedes und regelmäfsig eine Spirans z, c gegen das Ende,
die andere nicht: Rochelinze, Rochilinze, Rochelenzi, Rotlizi,
Rochelinti (in diesen beiden das t Fehler für c?), Rochlezi,
Rocheletz usw. — Rochider, Rochidech. Wenn auch die
Schreibungen des Namens eines Ortes oft in ältester Zeit
verschiedene sind, so geht doch wohl die Fülle der ab-
weichenden Formen betreffs der Rochlitzer Benennung über
das übliche Mafs hinaus. Die zweite sehr auffällige Gruppe,
die in einer kaiserlichen Urkunde von 1046 vorkommt"),
einfach als Schreibfehler der kaiserlichen Kanzlei auffassen zu
wollen, halte ich für zu bedenklich. Vielmehr vermute ich,
dafs die zwei Gruppen von Namen zwei verschiedene Orts-
bezirke bezeichnen und dafs die kaiserliche Kanzlei den
amtlich richtigeren Namen der Burg und des Burgwards
überliefert, während bei Thietmar schon eine einzige Art der
Namensform für beide Siedlungen verwendet wurde. 1046
schenkte Kaiser Heinrich III. seiner Gemahlin Agnes die
Burgwarde Rochideh, Cholidistcha, Lisnich. Möglicher-
weise war dies nicht die erste kaiserliche Frau, welche
Rochlitz besafs; auffällig ist jedenfalls, dafs die alte Über-
lieferung, Kunigunde, Gattin von Heinrich II., habe die Roch-
litzer Kunigundenkirche , die in romanischer Zeit bestand.
') Pfau, Top. Forschungen S. 85.
2) Cod. dipl. Sax. I, i, 312.
Topographisches vom alten Rochlilz. 277
gegründet, schon im Mittelalter anerkannt war; denn diese
Kaiserin ist am betreffenden Bauwerk mehrfach als Kirchen-
gründerin dargestellt. Sie starb 1031, ihr Gemahl 1024.
Agnes bekam mehrere benachbarte Burgwarde des Mulden-
gebiets zugewiesen. Höchst auffällig ist, dals die Vororte
der beiden Nachbarämter Rochlitz und Borna schon in
romanischer Zeit Kunigundenkirchen besafsen, obschon für
damalige Zeit sonst Gotteshäuser, nach der Kunigunde be-
nannt, in ganz Mitteldeutschland kaum nachzuweisen sind.
Wenn Kunigunde persönliche Beziehungen zu Rochlitz hatte,
so liefse sich wohl denken, dafs die kaiserliche Kanzlei 1046
den Namen Rochideh, Rochider aus einer früheren urkund-
lichen Vorlage herübernahm.
Wenn auch derartige Urkunden fehlen, so mufs es doch
als höchst merkwürdig erscheinen, dafs verhältnismäfsig viel
aus alten Überlieferungen übereinstimmend mehr oder weniger
sehr nahe Beziehungen zwischen dem sächsischen Herrscher-
haus und unserem weiteren Muldengebiet vermuten läfst.
Der oben erwähnte Kelch der Rochlitzer Petrikirche soll den
Namen Heinrich I. und seiner Gemahlin getragen haben
(Henricus et Matildis me comparaverunt). Die Bornaische
Kunigundenkirche führte bis in das 16, Jahrhundert herein
auch den Namen Köniorskirche. Der Urkunde Ottos III.
von 996 verdanken wir die älteste Erwähnung des Roch-
litzer Muldenufers. Dafs die Benennuns: verschiedener Dörfer
der Rochlitzer Gegend (Königshain, Königsfeld, Ottenhain),
sowie eines im Lehnbuch Friedrichs des Strengen namhaft
gemachten, bei Rochlitz gelegenen Waldes Kunegszcwig
ebenfalls der ältesten Königszeit entstammen können, mag
nur nebenbei erwähnt sein. Ottenhain grenzt mit Königsfeld.
Ottendorf liegt nicht weit von Königshain; diese Dörfer
treten gewissermafsen paarweise auf.
Eine zweifellos uralte zur Rochlitzer Burg gehörige An-
lage zieht sich in den ehemals als ,, kleine und grofse Forsterei"
benannten Waldteilen, südwestlich vom Schlofs, hin. Hier
entdeckte ich die Reste von sehr ausgedehnten, geschlossenen
Wildfängen, deren Verlauf sich noch klar verfolgen läfst.
Sie bestehen in niedrigen Erdzügen, welche früher offenbar
Verplankungen u dergl. getragen haben. Wenn bereits
Thietmar von Merseburg im Rochlitzer Burgward Wildfänge
besafs, so war dies damals wohl auch der Fall auf Seiten der
Besatzung der Burg, und es ist demnach doch wohl nicht
unmöglich, dafs die erhaltenen Rochlitzer Fangvorrichtungen
schon zur Kolonisationszeit bestanden. Das Rochlitzer Amts-
278
W. Clemens Pfau:
erbbuch von 1548 sagt gelegentlich der Aufzeichnung der
Frondienste des Dorfes Carsdorf: „Die Einwohner semptlichen
helfen die Schweine- und Wolfsjagten uff des Ampts Weldem,
wan und so offt sie erfordert, thuen, helffen auch neben
anderen an dem Wolffszaune, so uffm Walde stehet, wan es
die Notturft erfordert und ihnen derhalben Bevehl geschehen,
bessern und ausbuefsen." Die Frondienste der mittelalter-
lichen Dörfer wurden wohl in der Hauptsache im Amt schon
in der Kolonisationszeit festgelegt; waren Amtsuntertanen zur
Frone an dem Wolfszaune des RochUtzer Waldes verbunden,
so bestand diese Jagdvorrichtung demnach vielleicht schon
in frühestdeutscher Zeit. Der Wolfszaun als solcher hatte
wahrscheinlich schon damals, als das erste Erbbuch abgefafst
wurde, seine Bedeutung verloren, weil die Wölfe im Amt
um die Mitte des 16. Jahrhunderts ausgerottet waren \); sie
tauchten nur vereinzelt wieder gegen Ende des dreifsigj ährigen
Krieges auf. In den Amtsbüchern seit dem 16. Jahrhundert
ist von dem Wolfszaun meines Wissens nie wieder die Rede;
doch buchen sie öfters Kleinigkeiten (Pfähle u. dergl.) für die
,, Wildbahn" im Wald. Frondienste für letztere habe ich
nicht erwähnt gefunden; verschiedene Dörfer zahlten gegen
Ende des 16. Jahrhunderts dem Rochlitzer Amt Jagdgeld-).
Nach der Anstellunofsurkunde des Rochlitzer Försters Kinder-
brück von 1496 hatte letzterer das Torschhefsamt der Burg
inne'^j.
Das Rochlitzer Schlofs mufs schon in romanischer Zeit
sehr stattlich gewesen sein; sicher war es damals bereits
zum o-uten Teil steinern. Darauf deuten nicht nur einzelne
romanisch oregliederte Werkstücke, die an verschiedenen
Stellen im Mauerwerk der jetzigen Burg eingesetzt sind,
sondern auch ganze Bauteile. Der schwere, im Halbkreis
geschlossene östliche Toreingang, in welchen die gotische
Kapelle eingebaut ist, gehört zweifellos der romanischen
Zeit an. Dies gilt auch vom Unterbau an der nordöstlichen
Umfassungsmauer, deren Sockelgesims an den Stützpfeilern
in der Hauptsache die Welle zeigt. Diese Pfeiler überliefern
spätromanische Steinmetzzeichen, die vielleicht die ältesten
im Lande sind, denn die eigenartigen Zeichen an der Nossener
Kirchpforte lassen sich schwerlich als solche deuten. Als
wichtigsten Baubestand des Schlosses aus gotischer Zeit
') Pfau, Einzelheiten usw. I, 37.
'^) Daselbst S. 32
') Ebenda S. 53.
Topographisches vom alten Rochlitz. 270
müssen die beiden Türme ,Jupen" gelten, welche die west-
liche Schmalseite, d. h. die für den Kriegsfall heikelste Stelle
der Burg, decken. Hinsich thch der Eigenart, dafs letztere
auf einer schmälsten Seite zwei Bergfriede aufweist, dürfte
sie in Deutschland einzig dastehen. Die Jupen sind auf Grund
chronistischer Angaben und unter Berücksichtigung ihrer
baulichen Eigenart und der Steinmetzzeichen als um 1390
erbaut anzusehen. Ich habe schon früher^) unter Berück-
sichtigung der Steinmetzzeichen der Türme die Vermutung
ausgesprochen, die Erbauer der Rochlitzer Schlofstürme
dürften Werkleute aus Westdeutschland, aus dem Rheinland,
gewesen sein. 1383 stellt Markgraf Wilhelm dem Steinmetz
Nicol de Strazburg eine Urkunde aus, worin dem Werkmann
Einkünfte verschrieben werden"-). Möglicherweise war dieser
Künstler an den Jupen tätig. Um diese Zeit entstand auch
die Rochlitzer Stadtmauer, an deren Untertor das landes-
herrliche Wappen ,,der Werkmatz", worin sich als Marke
ein gotisches n befindet, angebracht ist.
Da die höchst einfache Rochlitzer Stadtanlage hinsicht-
lich ihres Grundrisses eine ziemlich seltene im Lande ist, so
möchte ich dieselbe tunlichst einsehend schildern. Der Dar-
Stellung sei eine Skizze, Fig. 2, zugrunde gelegt, welche
auf dem ältesten erhaltenen, in der KönigHchen Bibliothek
zu Dresden befindlichen Stadtplan-^) fufst. Die von mir ein-
gezeichneten Zahlen und Buchstaben dürften seine Be-
schreibung erleichtern.
Im Jahre 1681 brannte die Stadt Rochlitz ab; wegen
ihrer Neuanlage pflog der Rat Verhandlungen mit der
Regierung*). Um diese Zeit, aber wie noch später zu er-
örtern sein ward, vor 1687, scheint auch der Plan entstanden
zu sein. Bald darnach, 1699, stellte der Rat eine Beschreibung
der Gebäude u. dergl. zusammen ''). Eine ähnhche Zusammen-
stellung, die jedoch im Original nicht mehr im Ratsarchiv
vorhanden ist, war bereits 1687 erfolgt; auf letztere bezieht
sich mit das Quatemberkataster von 1782, w^elches die Stadt
ganz genau beschreibt.
1) Pfau, Geschichte des Steinbetriebes auf dem Rochlitzer
Berg S. 79 und Pfau, Das gotische Steinmetzzeichen S. 66.
2) HStA. Dresden, Kop. 30 Fol. 97.
^) Mitgeteilt von Steche, Beschreibende Darstellung der Bau-
und Kunstdenkmäler XIV, 56.
*) Rochlitzer Ratsarchiv, Fach 587.
^) Designalion — des — der Stadt Rochlitz gegenwärtigen
Zustandes, Fach 736.
280 W. Clemens Pfau:
Das ehemals ummauerte Rochlitz erstreckte sich in der
Hauptsache westöstHch und war im Grund genommen weiter
nichts als eine grofse, mit Stadthäusern besetzte Strafse, ein
Teil jenes grofsen Verkehrsweges, welcher von Geithain
über Wickershain-Nofswitz nach Rochlitz und von hier über
Städten-Erlau nach Mittweida führt. Ihn hatte in frühdeutscher
Zeit höchstwahrscheinlich die uralte, sicher mit in slawischen
Verhältnissen wurzelnde Rochlitzer Saupenschaft, die Gemeinde
der 16 aus 5 Dörfern stammenden Landschöppen^), militärisch
zu besetzen und zu schützen. Die Rochlitz am nächsten
gelegenen Dörfer im Westen und Osten sind die wichtigsten
Saupendörfer: Westlich Nofswitz mit einem der Saupenschaft
angehörigen Erbrichter und zwei anderen Landschöppen, die
das dortige am Dingstuhl der gesamten Saupenschaft ab-
gehaltene Gericht zu hegen hatten; östlich Stöbnig mit einem
ebenfalls der Saupenschaft zugehörigen Erbrichter und vier
anderen Landschöppen. Die übrigen Saupendörfer besafsen
keinen derartigen Richter.
Die Achse von Rochlitz weist nach der Stöbniger Furt-),
die ehemals den wichtigsten Zugang nach den östlich ge-
legenen Ortschaften Geringswalde (mit Burg im ,, Fürsten-
wald"), Hartha, Waldheim bildete. Noch im 18. Jahrhundert
wurde dieser Muldenübergang benutzt; zu ihm hatte die
Rochlitzer Hauptstrafse eine unmittelbare, vom Ratsquatember-
buch als ,, Dresdner Strafse" bezeichnete Verbindung durch
einen Fahrweg, welcher über die östlich vor der Stadt
liegende „Neue Wiese" leitete, jetzt aber eingegangen ist.
In der Untervorstadt zweigte sich ein südlicher Arm der
Strafse ab, der über die Rochlitzer Furt, neben welcher
schon frühzeitig die Brücke entstanden war, nach Mittweida
führte. Die letztere gehörte ursprünglich zur Kunigunden-
kirche und soll mit dieser von der Kaiserin Kunigunde an-
gelegt sein.
Nördlich zieht sich parallel zur Stadtmauer (im bei-
gefügten Plan: n) die Breitegasse (23), jetzt Gärtnerstrafse,
hin, die am Grimmaischen Tor (8) ihren Anfang nahm. Die
„Breitegasse" bestand schon im Mittelalter; beispielsweise
wird sie erwähnt in einer Urkunde von 1457''). In demselben
Schriftstück findet sich auch das Grimmaische Tor genannt.
1) Vgl. Pfau, Die Saupen vom alten Rochlitzer Landgericht (1900).
2) Über die Geschichte der Strafsen, Furten, Stege, Brücken
u. ä. vgl. Pfau, Einzelheiten aus dem Gebiete der Rochlitzer
Geschichte V, i68ff. — Pfau, Topographi.'-che Forschungen S. Sgft.
^) HStA. Dresden, Original 7550.
Topographisches vom alten Rochlitz.
281
282 W. Clemens Pfau:
das sich aber auch in älteren Aufzeichnungen, z. B, von 1442,
belegen läfst. Der Rat hatte vor dem Grimmaischen Tor
und in der Breitegasse Besitzungen. Zwischen letzterer und
der Stadtmauer lag ehemals ein Graben, der jedoch gegen das
Ende des 16. Jahrhunderts im Westen schon so weit ein-
gegangen war, dafs die Schützengilde hier ihre Schiefsübungen
(„Schiefsgraben") abhalten konnte M.
Nördlich der Breitegasse zog sich, parallel zu ihr, ein
Befestigungswerk hin, dessen ehemaliger Verlauf noch jetzt
ziemlich klar zu verfolgen ist (m). Heutzutage wirkt die
Anlage als ein kräftiger, teilweise unterbrochener, etwa
I — 2 m hoher Wall, der stellenweise mit vielen gröfseren
Steinen durchsetzt ist. Wie der alte Stadtplan angibt, ist
das Schutzwerk mit vereinzelten Vorsprüngen verstärkt ge-
wesen. Das Ostende verlief um 1681 da, wo jetzt das
städtische Krankenhaus steht. Als man 1861 zu letzterem
die Gründung vornahm, wurde an einer sehr versumpften
Stelle die Grundmauer eines runden Baues freigelegt-), den
man als Turm auffafste; vielleicht bildete derselbe einen mit
Wassergraben versehenen Eckturm. Jedenfalls ist zu ver-
muten, dafs diese alte Mauer noch eine weitere Verbindung
nach dem Untertor (6) zu hatte. Im Westen des Walles
grub man vor etwa einem Jahrzehnt ein Stück des auf-
geschütteten Erdzugs ab, bei welcher Gelegenheit zahlreiche
Mauersteine, sowie eine kleine, eigenartig geformte mittel-
alterliche Streitaxt, die jetzt im Rochlitzer Museum liegt,
gefunden wurden. Vor dem Wall zog sich früher ein schmaler
Pfad, der sogenannte Pestweg (jetzt Albert-Strafse) hin, auf
welchem der Überlieferung nach die nach Rochlitz ein-
gepfarrten Dörfer ihre Pesttoten zur Beerdigung trugen.
Nach Heines Chronik'') soll diese Befestigung die älteste
Stadtmauer gewesen sein; man könne ,,es auch noch wohl
erkennen, wo einige Thürme und Pasteyen gestanden haben.
Der Platz zwischen dieser und der itzigen Mauer ist vormahls
die alte Stadt genannt worden". Auch das Rochhtzer
Quatemberbuch braucht den Ausdruck ,,alte Stadtmauer" im
Gegensatz zu ,, Stadtmauer"*). Die angrenzenden Grundstücks-
besitzer nennen jetzt das Verteidigungswerk gewöhnlich den
„Wall". Noch vor ungefähr 80 Jahren hiefs es „die alte
1) Pfau, Die ältere Geschichte der Rochlitzer Schützengilde
S. 10.
2) MündUche Angaben alter Arbeiter.
=») S. 65.
*) Z. B. S. 337, 340.
Topographisches vom alten Rochlitz. 283
Mauer"'); man rechnete damals zur ,, alten Mauer" noch mit
eine altertümliche, noch jetzt bestehende Gartenmauer, die
sich westlich vom Grimmaischen Tor am Weinberg dahinzog
und einen Teil der Schlofsvorstadt umschlofs. Diese Mauer
bildete in der Hauptsache die Umfriedigung des ehemaligen
Schlofs Vorwerks oder des Viehhofs (13). — Offenbar ist die
,,alte Mauer" nördlich der Stadt diejenige, welche im Roch-
litzer Gerichtspachtbrief von 1464-) genannt wird. Die
älteste Gerichtsverpachtung rührt von Markgraf Friedrich
dem Strengen her"^), doch ist der Wortlaut dieses Schrift-
stücks nicht übermittelt. In der Urkunde von 1464 heifst es
bei Feststellung der Gerichtsgrenze u. a.: „von dem Grimmi-
schen thore vortufs hinum, die schunen mit den wegen uf
bieden siethen mit ingeschlossen, bifs an den pfarrers garten
und uf die rechte handt bie der alten muwer hinab bifs an
die neuen muwer". Demnach stiefs die alte Mauer doch
wohl an die ,,neue". Wann jene angelegt ist, läfst sich
nicht ausmachen. 1367 erliefsen die Gebrüder Friedrich,
Balthasar und Wilhelm dem Rochlitzer Rat gewisse Leistungen
auf sechs Jahre unter der Bedingung, ,,dafs dieselben rath-
meister und purger bynne denselben sechs jaren die stad
Rochlitz ane vorzok und ane alles hindernis bemuren und
bevesten sullen mit einer guten vertigen muren, die sie auch
bynen der tzyd vollbrengen sullen"*). Hier ist nur die Rede
von einer einzigen, und zwar neuanzulegenden Mauer, und
man darf deshalb wohl vermuten, dafs Rochlitz bis dahin
keine wirklichen Mauern gehabt hätte. Eine solche Ansicht
liefse sich durch den Hinweis bestärken, dafs der Rochlitzer
Rat 1364 im Siegel noch ein Wappen führte, welches anstatt
der später übHchen Mauer nur PalHsadenflechtwerk zeigte'^).
Der Bau von 1367 — 1373 mufs die alte Mauer mit begriffen
haben. Nirgends habe ich in der erhaltenen Stadtmauer
ein romanisches Werkstück entdecken können, obgleich diese
viel bearbeitete Porphyrsteine enthält. Wenn Heine, S. 64,
vermutet, Rochlitz müsse schon vor dem 12. Jahrhundert
^) Rochlitzer Wochenblatt 1820 ,,Über die Rochlitzer Stadt-
mauer"; 1821 ,,Über das Grimmaische Thor und die alte Stadtmauer
zu Rochlitz". Vgl. Pfau, Neudrucke aus alten Wochenblättern
S. i8flf., 27 ff
2) Abgedruckt bei Heine S. 223.
') Vgl. Heine (S. 222), der sich auf Mathesius beruft.
*) Diese Urkunde, ehemals in der Kunigundenbibliothek, ist
abgedruckt Rochlitzer Wochenblatt 181 9; vgl. Neudrucke S. 15.
5) Mitgeteilt von Steche a. a. O. XIV, 55.
Neues Archiv f. S. G. u. A. XXVm. 3. 4. 19
284
W. Clemens Pfau:
Mauern gehabt haben, so schemt mir dies unbegründet.
Ähnliches dürfte von Kretzschmars Behauptung zu gelten
haben, wonach Rochlitz als Marktort gegen Ende des
12. Jahrhunderts planmäfsig gegründet und schon vor Er-
richtung der Petrikirche ummauert worden sein soll^). Kretzsch-
mar, der das Lehnsbuch Friedrichs des Strengen zitiert, gibt
selbst an, dafs sich Rochlitz als Stadt und Marktort urkund-
lich nur bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts verfolgen läfst.
Meines Erachtens deutet überhaupt nichts darauf hin, dafs
es viel früher schon Stadt gewesen wäre. Allem Augen-
schein nach erhielt es seine Stadtberechtigung erst von
Markgraf Friedrich dem Ernsten; denn in einer von dessen
Urkunden'-), ausgestellt zu Eisenach 1336, kommt zum ersten
mal der Ausdruck ,, Rochlitz hus und stat" vor. Die Stadt
Rochlitz wurde damals mit anderen Besitzungen verpfändet.
Vielleicht hängt mit der Verpfändung zusammen, dafs der
wohl erst kürzlich zur Stadt erhobene Ort noch nicht gleich
Mauern bekam. Die späte Erteilung der Stadtberechtigung
an Rochlitz mag auch Grund mit gewesen sein, dafs es als
Stadt nie eine besondere Bedeutung erlangte und dafs
manches Vorrecht, wodurch Nachbarstädte, wie Grimma,
Leisnig usw., ausgezeichnet wurden, ihm fehlte. Rochlitz hatte
kein Stapelrecht; seine Bürger waren der Frone nicht ent-
hoben; der Rat hatte das Gericht nur gepachtet usw.
Da die ,,neue" Stadtmauer erst 1464 erwähnt wird,
während die Urkunde von 1367, auch eine Stiftungsurkunde
von 1433^), nur schlechtweg von der Stadtmauer spricht,
so wäre es nicht undenkbar, dafs die ,,neue" um die Mitte
des 15. Jahrhunderts entstanden ist. Anlafs zu dem Bau
hätte der Hussitenkrieg geben können, in dessen Verlauf
Rochlitz sehr schwer heimgesucht worden war. Sicher sind
damals auch hier wie in so manchem andern Ort zahlreiche
Einwohner unter dem Mordstahl der böhmischen Fanatiker
verblutet; die Zahl der Bürger mag sich gar nicht unwesent-
lich vermindert haben, und manches Bauwerk sank wohl
in Trümmer. Dies schreckliche Ereignis hatte aller Wahr-
scheinlichkeit nach umfassende Neubauten, die sich auch
z. T. auf die Mauer erstreckten, zur Folge. Letztere rückte
auf der Nordseite mehr an die Stadt heran. Die ,,alte Stadt",
*) Die Entstehung von Stadt und Stadtrecht in den Gebieten
zwischen der mittleren und der Lausitzer Neilse S. 58.
2) Abgedruckt Schmidt, Urkundenbuch der Vögte von Weida,
Gera und Plauen I, Nr. 764.
") HStA. Dresden, Loc. 9903, Die Bleiche zu Rochlitz. 14331!'. Bl. i.
Topographisches vom alten Rochlitz. 285
die Breitegasse, war vielleicht so verwüstet, dafs sie kaum
mehr als bestehend erachtet werden konnte; wenigstens gab
es in den folgenden Jahrhunderten nur wenige Gebäude hier.
Deshalb mag auch die alte Stadtmauer damals hinfällig ge-
worden sein. Sie wurde wohl mit ersetzt durch die ,,neue",
hinter welcher sich die ehemaligen Altstädter mit bergen
konnten. Allem Anscheine nach war auch die neue Stadt-
mauer stets unbedeutend. Nach den erhaltenen Resten zu
urteilen, besafs sie nur eine Stärke von etwa 75 — 120 cm;
oft liel sie, wie aus den Stadtrechnungen zur Genüge hervor-
geht, stellenweise ein, und lediglich ihre Haupttore und
wenigen Türme zeichneten sich durch kräftigere Bauweise aus.
Dafs die Häuserverteilung innerhalb der Ringmauer jemals
eine bedeutend andere gewesen wäre als wie sie die beigefügte
Skizze (Fig. 2) angibt, ist schlechterdings nicht anzunehmen.
Die ausgesparten Plätze waren offenbar nie mit wichtigeren
Wohnhäusern besetzt. Wiederholt konnte ich in den letzten
15 Jahren bei umfassenden Erdarbeiten (Schleufsen- und
Wasserleitungsbauten u. dergl.) auf dem Hauptmarkt, den
Strafsen und kleineren Plätzen beobachten, dafs hier keine
Hausanlage nachweisbar ist; letztere müfste sich doch durch
Reste gewisser Vorrichtungen, die im gewachsenen Boden
angebracht sind (Düngergrube, Brunnen oder Wasserloch,
Grundmauer, Keller u. dergl.), zu erkennen geben. Aber
überall auf den öffentlichen Plätzen und Strafsen habe ich
unter der deckenden Abfall- und Schmutzschicht, die sich
in Rochlitz wie in jeder Stadt durch das tägliche Verkehrs-
getriebe gebildet hat, nur unberührten gewachsenen Boden
vorgefunden, natürlich die Stellen abgerechnet, wo ehemals
die öffentliche Wasserleitung mit ihren ,, Pfützen" verlief.
Diese Stränge, welche ziemlich nahe den Häuserreihen,
parallel zu denselben, vorbeigehen, sind heute noch im Erd-
innern deutlich erkennbar durch den sogenannten ,, ersoffenen"
Boden, durch vereinzelte steckengebliebene Röhren und
Pfützengeschränke. Im 16. Jahrhundert verfügte die Stadt
über drei Wasserleitungen'), deren Gründungsgeschichte das
Dunkel des Mittelalters verbirgt. Zwei kamen durch die
Mulde in Röhren und führten die Quellen der ,,Libbe" und
des ,, Junkerbergs". Die dritte übermittelte das offene Wasser
der Schlofsbach, welches im ,, Röhrgrund", der zum Schlofs
gehörte, abgefangen wurde. Das letztere Wasser, das so-
^) Über Rochlitzer Wasserleitungen, Brunnenbauerei, Röhr-
meisterei usw. vgl. Pfau, Einzelheiten V, 148 — 167
19*
286 W. Clemens Pfau:
genannte ,, Bachewasser", speiste auch die Schlofsvorstadt
mit verschiedenen amtUchen Gebäuden, wie Schlofsvorwerk,
Pfarre. Da der Rat um 1528 durch Pflastereien und andere
Erdarbeiten in der Oberstadt den Stadtgrund etwas hob,
Hef das Bachwasser nicht mehr ordenthch herein, weshalb es
mit Genehmigung Herzog Georgs 1529 höher gefafst woirde.
1605 bekam der Rat noch eine vierte Wasserbezugsquelle,
den sogenannten ,, Waldborn" im Amtswald beim Katzenstein
an der ,,Adscher". Dieses Wasser hatte bis um das Ende
des 16. Jahrhunderts allein das Schlofs versorgt; da der Fall
aber zu gering war, gab der Hauptmann von Bünau damals
diesen Quell für die Burg auf und leitete in letztere einen
höher gelegenen aus dem Amtswald, ,,Nofswitzer Seite",
herein, welches Wasser heute noch das Schlofs speist. Trotz
der vier Leitungen wäre die städtische Wasserversoroamp;
ganz ungenügend gewesen, hätten nicht zahlreiche Bürger-
häuser eigene Brunnen (Ziehbrunnen und ,, Plumpen") angelegt;
auch der Rat baute nach und nach verschiedene derartige
Wasserschächte, die mitunter eine ziemlich beträchtliche Tiefe
besafsen. Natürlich war die ergiebige Wasserversorgung
von gröfster Wichtigkeit besonders für die brauberechtigten
Häuser. Die Lage der letzteren im städtischen Bebauungs-
plan erscheint mir als höchst bemerkenswert, da sie einen
Rückschlufs auf die älteste Topographie der Stadt mit zu-
lassen dürfte.
Der Hauptbestand der Häuser im alten ummauerten
Rochlitz wurde nicht nach Strafsen und Gassen eingeteilt,
vielmehr nach der Lage im Stadtplan, eine Eigenheit, welche
der Volksmund noch heutzutage gelegentlich zum Ausdruck
bringt. Man nannte die seitlichen Häuserreihen Sommer-,
Winter-, Morgen- und Abendseite, den Block in der Mitte
die Mittelseite oder Mittelzeile (Fig. II, 3). Die Sommer-
und Winterseite erstreckte sich vom Untertor (6) bis zum
Obertor (7) am Ende der Burggasse. Da im Norden der
Stadt die ,, Altstadt" vorlagerte, so mufsten hier besondere
Verkehrswege aus dem Stadtinnern vorgesehen werden. Auf
dieser Seite haben wir deshalb zwei Gassen, die ehemals,
z. B. ganz gewöhnlich in den Stadtrechnungen des 17. Jahr-
hunderts, ,,Babstgasse" (11) und ,, Buttergasse" (10) — mit
Babstpforte und Buttergassenpforte — genannt wurden.
Das Eckhaus am Eingang der Babstgasse gehörte ursprünglich
der Bürgermeisterfamilie Babst. Die „Löwengasse" wurde
nach dem dort liegenden Gasthof zum Löwen genannt. Dieser
Name verdrängte allmählich die Bezeichnung „Buttergasse",
Topographisches vom alten Rochlitz. 287
wie der Ausdruck ,,Babstgasse" schliefslich durch die Be-
nennung „Pfarrgasse" (Weg nach den „Pfarrfeldern") unter-
drückt wurde. Auf der Südseite war nur eine Gasse nötig,
die nach der uralten Baderei') (15) führende Badergasse mit
Badertor (9). Vielleicht bestand, wie noch näher zu erörtern
sein wird, ursprünglich auch ein Gang aus der Burggasse
bei 16, der wohl nach einem besonders wichtigen Punkt der
Stadtmauer führte ; derm letztere bildete hier eine stumpfe Ecke,
die im Belagerungsfall besonders berücksichtigt werden mufste.
Umschlossen von den Häuserreihen lagen der Markt (i), der
eine Unterbrechung der Mittelzeile bildende Topfmarkt (4),
welchen Namen ich aber erst 1695 genannt finde, die
Kunigundenkirche (5) und das Rathaus (2). Nach dem Stadt-
brand von 1681 wurde das steinerne Kornmafs, welches bisher
beim Gasthof zum Löwen auf dem Kommarkt gestanden
hatte, vor das Rathaus gestellt-); am letzteren brachte man
auch andere Mafse (Weife, Elle u. dergl.) an, wie dort auch
die steinernen Schandflaschen hingen"^). Die Freitreppe vor
dem Rathaus diente zu gerichtlichen Verhandlungen, z. B.
der Verkündigung von Landesverweisungen*). Der Rat unter-
hielt am Rathaus eine steinerne Bank, für deren Ausbesserungen
die Ratsrechnungen, z. B. 1674, wiederholt kleine Ausgaben
buchen. Das Rathaus war 1529 gebaut worden, nachdem zu
diesem Zweck vier auf dem Markt befindliche unbedeutende
Häuser weggerissen worden waren.
Auf dem Hauptmarkt stand ehemals das ,, Wachhaus",
das die Stadtrechnung von 1679 erwähnt; 1693 wurde ein
neues errichtet^). Es ist im Plan, Fig. 2, mit angegeben.
Die Gasse westlich der Kunigundenkirche hiefs ,, Kirchgasse",
die nordwesthche ,, Beutlergasse", die nördlich der Schule
,, Schulgasse".
Auf dem beiorefüo-ten Plan unterscheide ich die brau-
berechtigten Häuser von den ,,Unbrauberechtigten"; ihre
Lage liefs sich genau aus dem alten Quatemberkataster von
1782 im Rochlitzer Ratsarchiv ermitteln. Die im Plan schräg
schraffierten Gebäude mit Doppellinie in der Front sind brau-
berechtigt; die mit Punkten versehenen und einfacher Front-
linie waren dies nicht. Alle brauberechtigten Bürgerhäuser
') Über die Geschichte der Rochlitzer Baderei und des Medi-
zinalwesens vgl. Einzelheiten V, 34 — 75.
^) Pfau, Einzelheiten V, 79.
^) Nach Ausweis der Stadtrechnungen.
•*) Einzelheiten V, 29.
^J Pfau, Einzelheiten VI, 32.
2 88 W. Clemens Pfau :
lagen also in der Ringmauer nach der Burg zu; sicher gehören
sie zu den allerältesten deutschen Wohnstätten der Stadt.
Um die Kunigundenkirche herum, ferner an den Toren bestanden
keine brauberechtigten Grundstücke; um das Gotteshaus zog
sich im Mittelalter der Kirchhof, von dessen Vorhandensein
noch heute die zahlreichen, dort im Boden vorkommenden
Menschenknochen zeugen. An den Toren konnten offenbar
deshalb keine brauberechtigten Häuser liegen, weil erstere
in ältester Zeit frei zur Verteidigung bleiben mufsten. Das
unbrauberechtigte Haus (i6) der Burggasse ist wohl erst sehr
spät entstanden, als der Verteidigungszweck der Mauer ziemlich
hinfällig geworden war. Wahrscheinlich ragte hier auf der
Ecke der letzteren ein ähnlicher Turm wie auf der entsprechenden
Stelle im Nordost bei 17, welch letzteres Bauwerk erst 1885
abgetragen wurde. Zu ihm führte ursprünglich wohl ein eigener
Weg; das Quatemberbuch sagt zu dem vor dem Turm stehenden
Haus 61: ,, Hinter diesem Haufse an der Stadtmauer ist der
Communpulverthurm und durch dieses Haufs der Zugang darzu".
Das Gebäude war wahrscheinlich auf den betreffenden Weg
so gebaut worden, dafs die alte Weggerechtsame als Last
auf das Grundstück überging. Als der Pulverturm 1749 der
Garnison mit eingeräumt wurde, wodurch dem davorliegenden
Gebäude starke Belästigungen erwuchsen, stand der Rat dem
betreffenden Besitzer Erleichterungen hinsichtlich der Ver-
quartierung zu^).
Am Obertor war nördlich ein unbrauberechtigtes Haus,
das sogenannte „Schieferhaus", im Kataster als i^ bezeichnet,
angebaut worden; es bestand schon bei der Konsignation von
1687, ist aber dann mit i* konsolidiert worden. Ihm gegen-
über befand sich ebenfalls bereits 1687 ein unbrauberechtigtes
Haus, das bis heute selbständig geblieben ist. Da die Stelle
dieses Gebäudes auf dem Plan, Fig. 2, noch unbebaut ist,
mufs derselbe vor 1687 entstanden sein.
Der westliche Hauptblock der Mittelzeile hinter dem Rat-
haus setzte sich schon im 17. Jahrhundert aus einer Doppel-
reihe von Gebäuden ohne Gärten zusammen. Nur drei davon
galten als brauberechtigt; in ihren ursprünglichen Gärten
u. dergl. sind wahrscheinlich die übrigen Anwesen nachträg-
lich entstanden. Ähnliches dürfte von den Häusern bei der
Kunigundenkirche, an der Kirch- und Schulgasse, gelten.
Bei dem ersten brauberechtigten Haus (i8j an der Winter-
') Ebenda S. 41-
Topographisches vom alten Rochlitz. 289
Seite stofsen die Erdarbeiter auf altes Grundmauerwerk,
welches quer über die Strafse zu verlaufen scheint; viel-
leicht hat sich hier eine Umfassungsmauer des Kirchhofs hin-
gezogen.
Für die Altstadt (Breitegasse) läfstsichkeinbrauberechtigtes
Haus nachweisen, obschon dieselbe doch auch innerhalb von
Mauern lag. Ihre Insassen waren ursprünglich wohl nicht
ebenbürtig mit den andern Bürgern, vielmehr bildeten sie
wahrscheinlich, wenigstens in der Hauptsache, anfangs den
wendischen Bestand des Orts.
Nach der 1739 konfirmierten und im Druck heraus-
gegebenen ,, Brauordnung bey der Stadt Rochhtz" besafs die
Stadt 112 brauberechtigte Häuser, welche zusammen 273V2
Biere herstellen konnten; jedoch wurde damals beschlossen,
dafs jährhch nur noch der vierte Teil erzeugt werden sollte.
Die vollständige Zahl der Biere konnte offenbar nicht mehr
wie ursprünglich abgesetzt werden, wahrscheinlich, weil der
Stadt im Laufe der Jahrhunderte zu viel Konkurrenz hin-
sichtlich der Brauerei auf den Dörfern entstanden war. Der
Urspnmg vieler brauberechtigter Bürgerhäuser ist sicher mit
in den Verhältnissen um die Kolonisationszeit zu suchen, als
Rochlitz allmählich sich zur Stadt ausbildete. Später bekam
es sein Bierprivileg, welches ihm ein gewisses Absatzgebiet
innerhalb der Meile sichern sollte. Heines Chronik ^) berichtet,
dafs Rochlitz die betreffende Verschreibung von Friedrich dem
Strengen, zu dessen Zeit die Stadtmauern aufgeführt wurden,
erhalten habe; die noch im Ratsarchiv-) überlieferte Be-
stätigimg von 1748 verweist auf frühere Konfirmationen und
sagt, dafs die Stadt das Privileg vom Kurfürst Ernst 1475
erhalten habe. In diesem Jahr bereits schlössen Rochlitz und
Mittweida einen Vertrag wegen ihrer Bierprivilegien, die durch
verschiedene neuentstandene Dorfschenken beeinträchtigt zu
werden Gefahr liefen'^). In dem Bierprivilegium \vird weder
die Zahl der brauberechtigten Häuser, noch diejenige der
Biere selbst angegeben. Nirgends habe ich auch nur eine
Andeutung gefunden, dafs in nachmittelalterlicher Zeit ein
Rochlitzer Bürgerhaus mit einer neuen Bierberechtigung
ausgestattet worden wäre. Neuverleihungen von diesem Vor-
recht an einzelne Grundstücke hatten doch nur Sinn, solange
die Stadt ihre Erzeugnisse wirklich absetzen konnte, da sonst
') S. 298.
■-) Fach 501.
^) Heine S. 299.
2go W. Clemens Pfau:
die alten brauberechtigten Häuser zu sehr geschädigt werden
mufsten. Schwerlich sind die Rochlitzer brauberechtigten
Häuser alle auf einmal gegründet worden; einzelne mögen
allmählich noch nachträglich entstanden sein, aber immerhin
noch im Mittelalter. Wie auf den Dörfern die späteren Güter
meist immer kleiner wurden, nur noch Teile von Hufen um-
fafsten, so scheint dies in Bezug auf die Brauberechtigung
in Rochlitz ähnlich gewesen zu sein. Wahrscheinlich verfügten
die ältesten Häuser ursprünglich über die stärkste Brau-
berechtigung, die späteren über die geringere. Das der Burg
am nächsten gelegene Haus, Nummer i der Burgstrafse, durfte
das meiste Bier von allen Häusern, nämlich 4V2, brauen, die
am weitesten abgelegenen, in der Mittelzeile und am Kunigunden-
kirchhof herum, hatten nur die Brauberechtigung von je einem
Bier. Die meisten starkberechtigten Häuser lagen in der Burg-
strafse und am Markt. Im westlichen Teil des letzteren, also
mehr nach der Burg zu, befanden sich auch die zwei einzigen
Gasthöfe, Bär und Löwe, von welchen jeder vier Biere braute.
Doch will ich nicht gesagt haben, dafs das Alter eines brau-
berechtigten Hauses allein mafsgebend für die Gröfse seiner
Brauberechtigung gewesen sein soll; sicher spielte dabei auch
die Gröfse des Grundstückes, sein Wasserbezug, der Besitz
seines Eigentümers usw. eine Rolle mit. Mitunter mag auch
ein brauberechtigtes Haus geteilt worden sein, wie man
schliefslich gelegentlich zwei benachbarte brauberechtigte
Grundstücke zu einem zusammenzog. Während die Brau-
ordnung von 1739 noch 112 brauberechtigte Grundstücke
anführt, kennt das Quatemberbuch von 1782 nur noch iii,
und im 19. Jahrhundert sind eine ganze Reihe gröfserer Häuser
in der Stadt entstanden, von denen jedes zwei bis drei ursprüng-
lich brauberechtigte Besitzungen umfafst. Aber allem Anschein
nach ist für alte Zeit der Umstand, ob ein Haus schon sehr
frühe bestand oder nicht, für die Verleihung der gröfseren
oder kleineren Brauberechtigung mit mafsgebend gewesen. Die
mächtigen, oft in zwei Stockwerken übereinander angelegten
Keller und die tiefen Brunnen fesselte das brauberechtigte
Haus an seine Stelle; das Unterirdische desselben hatte ehedem
in der Regel mehr Wert als der oberirdische Bestand. Sicher
waren die vier zum Zweck des Rathausbaues auf dem Markt
um 1529 weggerissenen Häuser nicht brauberechtigt; sie
waren zweifellos spätere Einbauten. Wie wir aus schriftlichen
Verhandlungen, welche den Neubau der eingeäscherten Stadt
1681 betreffen, erfahren, konnten selbst die Wünsche und
Vorstellungen der Regierung gegen die Notwendigkeit, dafs
Topographisches vom alten Rochlitz. 291
die alten Kellereien wieder Stand und Bauweise der neuen
Häuser bedingten, nichts ausrichten^).
Die zwei eigentlichen Vorstädte der Stadt verdanken
ihre Entstehung zweifellos zwei ganz verschiedenen Haupt-
ursachen. In der Untervorstadt gruppieren sich die meisten
Häuser um die Brücke; sie sind jedenfalls, im allgemeinen
gesprochen, auch die ältesten des Stadtteils. Die von Nord
nach Süd verlaufende Gasse, ehemals ,, Landgasse", jetzt
,, Dresdner Strafse" benannt, stöfst mit der Achse unmittelbar
auf die uralte Furt, die wohl schon zur Wendenzeit benutzt
wurde. Neben ihr bildete sich dann die Brücke, nach welcher
die dortige westöstliche Gasse ,, Brück engasse" getauft wurde.
Beide Gassen bestanden schon vollständig im 16. Jahrhundert,
wie die Bürgerverzeichnisse in den Amtsrechnungen ausweisen.
In der Amtsrechnung von 1601/02 wird einmal ,,das Zollhaus
unter der Brücken hinter den Heuserlein" erwähnt, welches
Gebäude ich sonst nicht wieder genannt gefunden habe. Um
1735 hatte die Garnison ein eigenes ,,Wachhäufsgen" auf der
Brücke. Auf letzterer übte stets das Amt die Gerichtsbarkeit
aus. Obgleich die Furt bei der Brücke noch im Quatember-
buch von 1782 genannt wird und offenbar bis um diese Zeit
nebenbei benutzt wurde, dürfte die Brücke doch bereits zur
Kolonisationszeit allmählich entstanden sein, wie ihre höchst
eigenartigen ehemaligen Zins- und Dienstverhältnisse an-
deuten.
In der Unterstadt lag nach Mathesius-) Bericht ursprünglich
ein Anger, auf welchem im 16. Jahrhundert der Friedhof, das
Hospital und die Kirche ,,zum Heiligen Geist" angelegt wurden.
Der Gottesacker heifst 16 17 auch Spittelgarten*^); vielleicht
war ein Teil davon die sogenannte ,,Spitelwiese", welche
Amtsfröner aus Spernsdorf nach dem Erbbuch von 1548 zu
hauen hatten, die aber später nicht mehr genannt wird.
Der Friedhof bei der Kirche zum Heiligen Geist entstand
1534*). Da nun 1538 bei der Kunigundenkirche die Schule
gebaut wurde, so darf man hieraus wohl schliefsen, dafs dieser
Friedhof um diese Zeit einging; nun konnten innerhalb seines
Gebietes die unbrauberechtigten Häuser entstehen.
Die Gerichtsbarkeit auf den Grundstücken der Untervorstadt
war dem Rat stets mit verpachtet; er besafs hier auch mehrere
Gebäude wie Kuttelhof, Meisterei, Hirtenwohnungen u. dergl.
^) Einzelheiten V, 116.
^) Heine S. 10.
") Ratsarchiv, Kommissionsakten von 1617, S. 7.
*) Heine S. 54.
292 W. Clemens Pfau:
Am spätesten scheint der untere Steinweg bebaut worden zu
sein. Derselbe, sehr oft im Quatemberbuch genannt, schlofs
sich an das Untertor an und verUef von West nach Ost. In
den Amtsrechnungen des 16. Jahrhunderts werden die Roch-
Ktzer Bürger, welche jährlich Holz auf dem Rochlitzer Wald
kauften, ganz gewöhnlich nach den Strafsen oder Gassen, in
welchen sie wohnten, aufgeführt. Nie kommen hier Bewohner
des unteren Steinwegs vor, während die Leute der Land-,
Brücken-, Fischergasse, des oberen Steinwegs usw. regelmäfsig
auftreten. Die Stadtgrabenbrücke am oberen Steinweg wurde
bereits 1529 aus Stein gebaut^), während diejenige am Unter-
tor stets hölzern blieb-). Von letzterer zog sich nach Süden
die Fischergasse hin; dort errichtete die Hospitalverwaltung
im 18. Jahrhundert wegen Überfüllung des Hospitals Armen-
häuser'^). Fischer- und Landgasse stofsen auf die ehemalige
kurfürstliche Bleiche; letztere übernahm 1564 der Rat. Es
entstanden nunmehr allmählich zahlreiche eingezäunte ,, Bleich-
gärten" und Wohnhäuser hier^).
Bei weitem wichtiger als die untere Vorstadt dürfte die
obere sein, schon deshalb, weil die Erörterung ihrer Geschichte
zur Untersuchung über das Rochlitzer Suburbium führen muf-;.
Kretzschmar a. a. O. behauptet, letzteres sei die Roch-
litzer ,, Altstadt", die nördUch der Stadt noch innerhalb der
,, alten Mauer" gelegene Breitegasse. Einen Beweis für die
Richtigkeit der Angabe suche ich vergebens. Wenn Kretzsch-
mar anführt, dafs Heine ,, ausdrücklich betont", die Stadt und
Altstadt seien ,, gerichtlich von einander geschieden gewesen",
so irrt sich Kretzschmar; denn die Chronik sagt durchaus
nicht das, was ihr zugeschrieben wird. Die beiden Stadt-
bezirke waren gerichtlich nicht getrennt, waren vielmehr
durch den Gerichtspachtbrief dem Rat zusammen übergeben.
Einzelne Grundstücke der Breitegasse gehörten zur Pfarr-
verwaltung, welche 1570 der Rat erwarb. Schon deshalb,
weil die innerhalb der Mauer befindliche Altstadt am weitesten
vom Schlofs lag und zur Gerichtsbarkeit des Rats gehörte,
kann ich Kretzschmar in dieser Angelegenheit nicht zustimmen
Das Suburbium müfste man meines Erachtens näher am
Schlofs, zwischen diesem und dem Obertor der Stadt, suchen.
') Rochl. Amtsgerichtsarchiv, ältestes Handelsbuch (15 13— 1537)
Bl 185.
-) Nach den Ratsrechnungen, z. B. von 1657, wird wiederholt
am ,,Brickle vor dem Unterthor" mit Holz gebessert.
^) Rechnungen der Hospitalverwaltung im Ratsarchiv.
*) Heine S. 26 und Amtsrechnungen.
Topographisches vom alten Rochhtz. 293
Hier lagen schon in alter Zeit Gebäude, welche in Lehns-
und Gerichtsangelegenheiten teils dem Rat, teils dem Amt
unterstanden; die letzteren führten früher stets den Namen
„Amtsvorstadt, Schlofsvorstadt". Diesen Stadtteil mufs man
offenbar als das Suburbium, welches freilich im Mittelalter
nicht stark ausgebildet war, auffassen.
Die Häuserblöcke vor dem Obertor (12) nahmen allmäh-
lich zwei ursprüngUche Anger ein, welche Mathesius noch
anführt und die in ältester Zeit mit einigen Meierhöfen besetzt
gewesen sein sollen^). Der nördliche Teil des Geländes
gehörte zur Pfarrverwaltung, später zum Rat, der südliche
zum Amt. Im Jahre 1520 tauschte-) Herzog Georg vom Roch-
litzer Rat das Dorf Bedeln ,,mit eylf guten schogken jerlichs
zinses, zwelf besessen mennern, erbgerichten und allen zube-
horungen". Dagegen gab er aufser jährlichen Einkünften in
Speriingsdorf (jetzt Spernsdorf) und Seelitz ,,zcinse und lehn
auf allen Eckern, wysen und höltzern der dreyher forwergke,
Weyschitz, Kofsehtz und Czafsnitz genandt, mit erbge-
richten", — • ,, desgleichen auch nachfolgend zinse in der
Vorstadt zu Rochlitz — ", ,,item i seh. 7 gr- i -v? innerhalb
und aufserhalb der Stadt von den heusern worfzins alle jar,
jerlich uff Walpurgis zu fordern und zwene tage margktrecht,
yhnen vor neuntzen gr. angerechnet". Die hier genannte
Vorstadt ist die Schlofsvorstadt. Nach der Tauschurkunde,
welche alle Zinspflichtigen mit Namen und Abgabengröfse
angibt, wurden dem Rat in der Vorstadt 19 Zensiten über-
wiesen. Die Grundstücke der drei genannten Vor^verke bilden
heutzutage den Hauptbestand der städtischen Ackerfluren.
Zur Zeit, als sich dieser Tausch vollzog, bestanden wahr-
scheinlich die Gebäude in der oberen Vorstadt, westHch der
Baderei, noch nicht. Die Stelle vor dem Badertor wird in
den Amtsrechnungen ganz gewöhnlich, z. B. in einer Buchung
über einen Hauskauf von 1572, als ,, Baderberg" bezeichnet.
Die Wohngebäude zwischen Baderei und Mühle bildeten sich
wohl ganz allmählich im i6. Jahrhundert heraus. Sie gehörten
mit Lehn- und Erbgericht zum Amt. In den Amtsrechnxongen
der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts werden einzelne dieser
Häuser als ,,uff dem Graben" liegend bezeichnet, während
das alte Handelsbuch, das bis 1537 reicht, kein solches Besitz-
tum dort aufführt, trotzdem es doch Einträge über verschiedene
Besitzveränderungen in der Vorstadt bringt. Beispielsweise
^) Heine S. 10.
-) Amtsgerichtsarchiv, ältestes Handelsbuch Bl. 264 — 267.
294
W. Clemens Pfau:
kauft nach ihm 1525 Wolf Weber von Donat Hackentall das
,,Haus vor Rochlitz bei der Mule'"^). Dasselbe lag entweder
am ,, Mühlberg" oder am „Mühlplan", welche Ortsbezeich-
nungen in den ältesten Amtsrechnungen ziemlich oft auf-
treten, z, B. 1583.
Die Häuser „uff dem Graben", beim Mühlgraben, konnten
sich doch erst bilden, als die dahinter befindliche Stadtmauer
schon stark an Bedeutung verlor und der ursprüngliche Wall-
graben so verfallen war, dafs er schliefslich Land für Gebäude,
Höfe und Zugänge herzugeben vermochte. In dem Gerichts-
pachtbrief von 1464 werden Häuser ,,uff dem graben" nicht
erwähnt, trotzdem man erwarten könnte, sie hier gebucht zu
finden, wenn sie vorhanden gewesen wären. Es heifst da
,,von der badestube hinauf bifs an die mohle". Nach dem
Quatemberkataster stellten im 18. Jahrhundert die Tuchmacher
ihre Rahmen vor der Stadtmauer beim Badertor auf, weshalb
der Weg hier an dem alten Verteidigungsbau das ,,Tuch-
rahmengäfschen" hiefs. Es lag auf dem zugefüllten Stadt-
graben.
Die ältesten Privathäuser der Schlofsvorstadt entstanden
zweifellos in der Nähe des ,, hohen Hauses" (22) und der
Mühle (14). Ihre Insassen mögen ursprünglich zum guten
Teil Arbeiter dieser beiden Besitzungen, Taglöhner usw.,
gewesen sein. Auch in viel späterer Zeit noch gehörten
diese Vorstädter in der Hauptsache durchaus nicht zu den
vornehmen Einwohnern. In einer Eingabe an den Kurfürst
sagt der Rat 1750, die Amtsvorstadt bestände meist aus
,, Hütten, worinnen mehrenteils Tagelöhner wohnen, und werden
solche nur Ambtsbothenhäuser genannt"-).
Die alte Gerichtsgrenze unter den Liegenschaften der
oberen Vorstadt ist nach der Urkunde von 1464 nicht recht
klar: ,,Von der badestube hinuf bifs an die mohle und von
der mohel fürüber bifs wieder zu dem gessichen". Das
Gäfslein war der Ausgangspunkt der ganzen Weichbildsfest-
setzuno; orewesen. Verständhcher wird letztere durch ein
Aktenstück über die abermalige Grenzbestimmung des Gerichts-
bezirks vom Jahre 1704, welches Schriftstück auch Heine in
seinem Bericht über diese Angelegenheit benutzt hat^). Den
Ausgang bei dieser späteren Grenzaufnahme bildet wieder
eine Gasse, und die ganze Aufzählung der einzelnen Mark-
1) Handelsbuch Bl. 132b.
-) Ratsarchiv, Fach 426, Aktenstück über Servisangelegenheiten
von 1749 — 17.54 Bl. 139.
3) S. 400.
Topographisches vom alten RochUtz. 295
punkte entspricht genau der von 1464, Man fing am ,,Mühl-
gäfschen" an. Die Ecke desselben nebst vier anderen der Pfarre
(21) gegenüber und am Schulborn (bei 19) befindlichen Häusern
und zwei Baustellen, ferner die Mühle mit zugehörigen Gärten
und Gebäuden (14) und das ,,hohe Haus" (22) gehörten zum
Amt. Die Mühlgrasse teilt den Liegenschaftsblock 12a. Pfarre
(21), Schlofsvorwerk (13) standen ebenfalls, wie alles westlich
davon Gelegene, unter dem Amt; die Liegenschaften östlich
davon bildeten Ratsgebiet.
Als Grenzbestimmung kommt das Mühlengelände sehr
frühe vor; 1288 reicht Pfalzgraf Friedrich von Sachsen dem
Kloster Buch eine Hufe mit der Fischerei auf der Mulde
vom Dorf Kralapp ,,usque ad aggerem molendini in Roche-
lizc"^). Der Name Mühlgasse läfst sich schon in älteren
Amtsrechnungen, z. B. 1582, belegen; in der Rechnung von
1604/05 kommt der Ausdruck vor „Ecke des Mühlgefslein
gegenüber der Pfarre".
Dafs sich das Rochlitzer Suburbium im Mittelalter nicht
stärker entwickelte, lag zweifellos an den Raumverhältnissen
der Schlofsanlage. Die Burg trat südlich ziemlich dicht an
die JNIulde heran und die hier sich westlich erstreckenden
geringfügigen Wiesen hatten ständig von den Überschwem-
mungen-) zu leiden. Auf der Nordseite zog sich neben dem
Schlofsgraben die tiefeingeschnittene ,,Geithainer Strafse" hin,
am Fufs des ziemlich steilen angrenzenden amtlichen ,, Wein-
bergs". Im Westen lag der Amtswald und die für die
Unterhaltung der Amtsgebäude und ihrer Insassen wichtige
Feldflur. Die Petrikirche mit ihrem offenbar ziemlich aus-
gedehnten Gottesacker, der auch oft überschwemmt-^) wurde,
lagerte sich dem Schlofs östlich vor; ihr zur Seite stand
bis 1538 die Schule. Es konnten sich demnach im Mittelalter
am Burgberg höchstens einige kleine Häuschen anschmiegen.
In den alten Amtsrechnungen des 1 6. Jahrhunderts werden
wiederholt die Häuser der ,,Schlofsgasse" (19) an der Petri-
kirche, z. B. 1599, genannt; aus ihren Kaufspreisen zu
schliefsen waren sie offenbar nur von geringer Bedeutung.
Nach der Amtsrechnung von 1635/36 brannten 1635 neun
Häuser der Schlofsgasse weg. Der Kurfürst Hefs ihre Er-
bauung wegen der Feuersgefahr für Schlofs und Kirche nicht
wieder zu, kaufte vielmehr die Stellen für 112 fl. und machte
^) Schöttgen u. Kreyssig. Scriptores II, 206.
-) Das Nähere darüber vgl. Pfau, Einzelheiten V, 157.
^) Ebenda S. 15.
296 W. Clemens Pfau:
Gärten daraus. Wie aus den Amtsrechnungen weiter zu ent-
nehmen ist, entstanden seit der zweiten Hälfte des 16. Jahr-
hunderts allmählich einige Häuschen „uffm Graben" beim
Schlofs; das sind offenbar die Grundstücke, aus welchen sich
später die Petrigasse an der Geithainer Strafse^j (20) in der
Hauptsache entwickelte. Häuser „am Petrikirchhof " werden in
den älteren Amtsrechnungen, z. B. 1577, wiederholt genannt.
In der Nähe der Kirche lag bis zur Reformationszeit
das Haus der Brüderschaft ,,der elenden Selen''. Das Besitz-
tum bestand aus dem „Underhaus" und „Oberhaus". Ersteres
wurde 1530, letzteres 1536 vererbt, und zwar an den Kirchner
Fabian Junckwirt"-|. Augenscheinlich ist dieses Gebäude
gleichbedeutend mit dem „Sehlhaus", welches-^) der oben
erörterte Tauschvertrag von 1520 mit als Inhaber eines
Vorwerksholzes erwähnt.
Die Pfarre (21) befand sich in der Nähe des östlichen
Petrikirchhofes; sonst grenzte derselbe an den Mühlplatz
oder Mühlplan. Nach Eingehen des Friedhofes fiel der letztere
offenbar zum guten Teil mit dem Gebiet des ehemaligen
Begräbnisplatzes zusammen. Das ganze Gelände ist offenbar
für die Geschichte des Rochlitzer Gerichtswesens von gröfster
Bedeutung.
Ursprünglich stand auf dem Mühlplan der Amtspranger,
also bei der Gerichtsgrenze des Amtes; derselbe wird 1602
ausgebessert, da er aus Holz war*j. 1605 erwähnt die Amts-
rechnung den steinernen Pranger ,,ufin Peterskirchhof".
1595 schaffte ein Zimmermann den Gefangenenstock aus
„dem untern Zwinger", d. h. dem Wallgraben bei der Kirche,
in den ,, lichten Turm". Demnach hatte das Gelände um die
Kirche in alter Zeit eine gewisse Bedeutung für richterHche
Strafvollstreckung und sicher haben hier auch Gerichts-
verhandlungen im Mittelalter stattgefunden. Das geht aus
folgendem hervor. 1290 regelte Pfalzgraf Friedrich Grenz-
streitigkeiten zwischen dem unter Gerhardt dictus de Krosna
stehenden Dorf Weiditz und dem zum Kloster Buch gehörigen
Kralapp. Die Urkunde'^) über diese Angelegenheit ist aus-
gestellt „in porticu ante castrum in Rochelizc"; aufserdem
werden die Streitparteien als ,,coram nobis in Rochelizc ante
ecclesiam in porticu venientes" bezeichnet. Es bestand
') Über die Strafsen vgl. Pfau, Einzelheiten V, 168.
-) Handelsbuch Bl. 221.
3) Ebenda Bl. 266.
■*) Aratsrechnung. Pfau, Einzelheiten V, 17.
■'^) Abgedruckt bei Schottgen u. Kreyssig, Scriptores II. aiof.
Topographisches vom alten Rochlitz. 207
damals also vor der Kirche eine Gerichtshalle. Ebenfalls 1290
übergibt Heinrich von Colditz das halbe Dorf Tierbaum dem
Kloster Buch in einer Urkunde, welche den Ausstellunofs-
vermerk trägt ,,Rochehzc in cimiterio". Höchst wahrscheinlich
bildeten die hier angedeuteten, bei der Petrikirche tagenden
Gerichtssitzungen das älteste Rochlitzer Landgericht, an
welchem die 16 Saupen als Schoppen wirkten. An ihrem
Dingstuhl zu Nofswitz kamen sie nur unter sich zusammen;
sonst hatten sie bis in die neueste Zeit allerhand Gerichtshand-
'ungen (Folterungen, Hinrichtungen, Aufhebungen u. dergl.)
beizuwohnen. Der ,,porticus ante castrum — ante ecclesiam"
ist wohl so ziemlich gleichbedeutend mit dem Rochlitzer
,, Gerichtshaus", über welches 1528 ein Vertrag abgeschlossen
wurde ^). Zwischen Rat und Landgericht waren ,, Irrungen
und Gebrechen" vorgekommen wegen der ,, Frevel und
Gerichtsbussen, die sich im Gerichtshause, weyl die Gerichts-
personen allda vorhanden, begeben". Es wurde deshalb
festgesetzt, dafs die Fälle in diesem „Hause zu Rochlitz,
darinnen die Landgerichte gehalden" von Ostern bis
Michaelis täglich bis 7 nachmittags „den Lantgerichten ader
einem Amptmann zustehen", desgleichen diejenigen von
MichaeUs bis Ostern täglich bis 4 nachmittags. „Was sich
aber vor Gerichtsfelle nach dieser obberurten Zceit im Landt-
gerichtshause, so doch das die Gerichte aufgegeben, erregnen
würden, die sollen und mügen der Ratte zu Rochlitz von
wegen irer Gerichte in ire Straff zu nemen gut Fug und
Recht haben." Wo das Landgerichtshaus lag, geht aus der
Niederschrift nicht hervor; doch greift man wohl nicht fehl,
wenn man annimmt, dafs es am Mühlplatz, auf der Scheide
zwischen Rats- und Amtsgerichtsgebiet, gestanden habe.
Augenscheinlich ist es bald nach der Zeit dieses Vertrags
eingegangen. In den Verzeichnissen der Amtsliegenschaften
des 16. Jahrhunderts wird es nie genannt und keine Amts-
rechnung bucht eine Ausgabe für dasselbe. In späterer Zeit
fanden die Landgerichtsverhandlungen auf dem Schlofs in
der Amtsstube statt, wie z. B. aus einem Rügenprotokoll
von 1687 hervorgeht'-).
Ein Strich vom Mühlplatz hiefs ehemals der ,,Urthelsplatz".
Das Quatemberkataster^) von 1782 führt unter der Nummer 11,
Abteilung Gärten vor dem Obertor, mehrere Grundstücke
>) Handelsbuch Bl 167.
-■) Pfau, Die Saupen S. 43.
=*) Ratsarchiv Bl. 299.
2q8 W. Clemens Pfau:
der Reihe nach auf, die zwischen einem Stadtgrabengarten
und der Schlofsaue lagen. Es heifst da: ,,iia — Johann
G. Häfslers Garten zum Hohen Haufse gehörig, iib —
der Küchen- oder Miethgarten am Urthelsplatze unterm
Schlofse. HC — Der Schlofsgraben-Garten. 1 1 d — Königs
Lohmühle am Schantzenberge." Da diese vier Grundstücke
unter derselben Nummer eingetragen sind, so bildeten sie
augenscheinlich ursprünglich einen einheitlichen Besitz (Amts-
eigentum). Die „Schlofsaue mit Waschhaus, altem Teich
und drei Fischhältern" wurden 1559 an Kaspar Seidel auf
so lange verpachtet, „bifs ein regierender Herr adder eine
Witwe uf solch Ampt verleibdinget und des Orts hofhalten".
1685 wurde der Besitz einem Bürger vererbt^).
Der Ausdruck ,,Urthelsplatz" erscheint mir auffällig, denn
er bezieht sich doch nur auf gewisse gerichtliche Handlungen,
nicht aber auf ganze Gerichtssitzungen. Es wäre wohl
möglich, dafs die betreffende Örtlichkeit nur zur Verkündung
gewisser Urteile diente, wie die Freitreppe am Rathaus auch
von dem aus der Ratsstube tretenden Gericht zur Verkündung
von Urteilen u. dergl. benutzt wurde. Bei der Petrikirche,
also bei der Gerichtsstätte, befand sich in ältester Zeit eine
,, steinerne Treppe", welcher Ausdruck als allgemein bekannte
Ortsbezeichnung öfters in den amtlichen Büchern vorkommt.
1528 wird ,,Jacoff Metzners Haufs uf der steinen Treppen
liegend" verkauft-). Nach Einträgen in den Amtsrechnungen
heifst sie mitunter die steinerne Treppe am Peterskirchhof.
Zum letztenmal finde ich sie erwähnt in der Amtsrechnung
von 1606 (,,Schlofsgasse an der steinern Treppe am St. Peters-
kirchhof"), ihre Bedeutung scheint demnach nicht lange nach
dem Untergang des Landgerichtshauses auch aufgehört zu
haben. Sollte von den Stufen der Treppe aus mitunter das
Urteil verkündet worden sein?
Die Schlofsbrücke diente augenscheinlich Rechtsbeiständen
als Geschäftsstelle. Wenigstens heifst es im Anfang eines
Eintrags von 15 13 im Handelsbuch-'): ,,Auf heut montag
assumptionis gloriosissime virginis Marie anno etc. xiii ist
Lucas Spreher zu den achtbarn und wirdigen Herren, ern
Conrado Schreckh, beider recht doctor, zu Geithain pfarrer,
nach der vesper zu Sankt Peter zu Rochlitz uff die brücke
vor dem schlofs kummen und angesaget wie das — — ".
') Pfau, Einzelheiten V, 157.
2) Handelsbuch Bl. 77.
») Ebenda Bl. 5.
Topographisches vom alten Rochlitz. 299
Schreckh beteiligt sich auch noch an einer Gerichtshandlung
1514^), kommt aber dann nicht mehr vor. Wahrscheinlich
ist er um diese Zeit gestorben ; die Kirchengalerie weist ihn
nur für die Zeit 1488 — ^1506 nach und gibt nichts über seinen
Charakter als Jurist an-).
Ursprünglich mag der Platz am oder bei dem Mühlplan
auch zur Vollstreckung von Todesstrafen gedient haben.
15 14 liefs Herzog Georg einen böhmischen Edelmann, Johann
Günther, ,,vor dem Schlofs" enthaupten'^). Sonst wurden
derartipfe Strafen an verschiedenen Stellen in Rochlitz voll-
zogen: Enthauptungen an der neuen Wiese vor dem Untertor
am Rabenstein, Grenze zwischen Amts- und Stadtgebiet; das
Verbrennen bei der Brandsäule an der Seelitzer Grenze, Libbe;
das Hängen auf dem Galgenberg, ursprünglich Kalchberg,
auf der Gröblitzer Grenze. Die beiden letzten Hinrichtungs-
stätten umfassen prähistorische Massenfunde ^),
Rochlitz hat zweifellos im Mittelalter eine besondere
Rolle im Gerichtswesen gespielt. Damit hängt vermutlich
zusammen, dafs zur Aufrechterhaltung des 1383 von den
Bischöfen Niclaus von Meifsen und Christian von Naumburg,
sowie von Markgraf Wilhelm beschworenen Nürnberger Land-
friedens nach einer weiteren in Chemnitz am 4. August 1384
getroffenen Abmachung zum mindesten aller vier Wochen in
Rochlitz vom Richter und acht Beisitzern eine gerichtliche
Zusammenkunft stattfinden sollte'^). Vielleicht kam man hierbei
auch auf der Gerichtsstätte am Peterskirchhof zusammen.
Eine besondere Wichtigkeit mufs im Mittelalter das
,,Hohe Haus" oder ,,Fre3-haus" der Schlofsvorstadt gehabt
haben. Dasselbe (22) lag südwestlich vom Obertor nach der
Mühle zu, unmittelbar vor der Zafsnitzer Muldenfurt. Bis
zum Jahre 1588 bildete es ein ,, Mannlehn", welches durchs
Amt vergeben wurde: der letzte, der es als solches inne
hatte, war Hiob v. Milkau. Die Familie v. Milkau safs nach
Ausweis des alten Handelsbuches*') schon 1529 darauf. Hiob
verkaufte das Hohe Haus ,,an der Mulden gelegen" mit dem
,,Hausrath darinnen" und dem dazu gehörigen ,,Obst- und
Kretzgertlein" an Kurfürst Christian"). 1588 wurde der Besitz
^) Ebenda Bl. 8.
-) Ebenda XI, 42.
^) Heine S. 62.
*) Pfau, Einzelheiten V, 6ff.
5) Cod. dipl. Sax. I. B. i, 82.
®) Ebenda S. 192.
"^ Rochl. Amtsgerichtsarchiv, Erbregistere und Ahnschläge über
die zum Ambte Rochlitz ufs neue erkauften Güthere. 1587. ßl. 5sft".
Neues Archiv f. S. G. u. A. XXVIII. 3. 4. 20
■2 00 W. Clemens Pfau:
weiter auf den Colditzer Forstmeister Sebastian Schmidt ver-
erbt^). Wann es entstanden ist, läfst sich nicht ausmachen;
ich vermute, dafs es in sehr früher Zeit angelegt wurde, und
zwar vielleicht mit zu Verteidigungszwecken. In dem Ver-
erbungsbrief (Amtsrechnung) wird es bezeichnet als ,,am
Stege" befindlich; der letztere entstand im 1 6. Jahrhundert
auf der Stelle der Zafsnitzer Furt, nachdem die Äcker des
an den Rochlitzer Rat durch Herzog Georg vertauschten
Vorwerks Zafsnitz in die Hand der Bürgerschaft überge-
o-angen waren. Das hohe Haus und das Zafsnitzer Vorwerk
hatten für den Kriegsfall wohl den zwischen ihnen liegenden
Muldenübergang zu sichern, denn durch denselben konnte die
Vorstadt und das Schlofs vom Feind unter Umständen leicht
überrumpelt werden; auf letzteres hatte das ,,hohe Haus" im
Kriegsfalle auf Verlangen einen tüchtigen Mann zu stellen-).
Der Name „hohes Haus" erinnert lebhaft an die Bezeichnung
,,das grofse Haus", womit der Volksmund das Rochlitzer
Schlofs zuweilen noch heutzutage belegt und damit die ur-
kundliche, mittelalterliche Benennung „Haus" für „Burg"
überliefert.
Wenn das hohe Haus und das Zafsnitzer Vorwerk
ursprünglich wirklich eine militärische Wichtigkeit für die
Sicherung eines Zuganges zum Schlofs besessen hätten, so
bildeten sie wohl nur Glieder einer enggezogenen Kette ähn-
licher Anlagen, die ehemals der Rochlitzer Burg vorlagerten
und ursprünglich etwas wie kleinere Ministerialsitze gewesen
sein mögen, bis sie zu Meiereien herabsanken und — wohl
um den Ausgang des Mittelalters — ganz eingingen. Ich
habe schon gesagt, dafs auf den auf dem Wald befindlichen
Schlofsfeldern ein zur Burg gehöriger ritterlicher Hof gelegen
haben mufs, von dem nur die Flurbezeichnung „Hofstöckigt"
erhalten blieb. Am Grimmaischen Tor, also am Eingang zur
Schlofsvorstadt, bestand bis in das 1 6. Jahrhundert das Schlofs-
vorwerk. Ferner überwiesen die Gebrüder Friedrich und
Sigismund 1433'^) einem Altar der Petrikirche u. a. „eine
hofestat — dy do gelegen ist an statmauer", also wohl auch die
Stelle eines eingegangenen Vorwerks. Die Kuppen des nörd-
lich der Burg gegenüber gelegenen, zu ihr gehörigen Saubergs
trug das Vorwerk Weydschitz, das 1520 der Rat eintauschte.
Flurstücke auf dem Sauberg heifsen noch jetzt die „Weid-
1) Amtsrechnung.
'^) Archiv des Rochl. Geschichtsvereins, Erbregister um 1600.
8) HStA. Dresden. Loc.9903 Die Bleiche zu Rochlitz 1433^- Bli-
Topographisches vom alten Rochlitz. ^oi
schitz", die ,, Mützenburg". Bei Poppitz erwarb ferner der
Rat 1520 das amtliche Vorwerk Koselitz, das in einer Stiftungs-
urkunde für das Altar Beatae virginis der Kunigundenkirche
1408^) auch Koselich heifst und der Flur Kisseling, Kesseling,
wovon ein Teil auch „Hofstatt" genannt wird, den Namen
gegeben hat. Eine „Hofstatt über der Brücke" wird im alten
Ratshandelsbuch (im Rochlitzer Amtsgericht) noch für die Zeit
um 1700 angeführt. Vielleicht hängt mit diesem ursprüng-
lichen Hof der Name des Junkerberges über der Brücke zu-
sammen. Alle diese Höfe lagen an wichtigen Zugängen nach
Rochlitz. In meiner „Geschichte des Dorfes Seelitz" -) habe
ich ferner aus verschiedenen Erörterungen den Schlufs ge-
zogen, dafs diese Ortschaft in ältester deutscher Zeit einen
ritterlichen Sitz gehabt haben dürfte; Seelitz ist das erste
Dorf über der Brücke. Nimmt man nun noch an, zu welcher
Vermutung mehrere Umstände berechtigen, dafs auch die
Saupenschaft, deren Hauptdörfer, Nofswitz und Stöbnig, un-
mittelbar der Rochlitzer Flur angrenzen, ursprünglich von
Bedeutung für die Sicherung der Strafsen und Flufsübergänge
waren, so mufs man sagen, dafs die nächsten Zugänge zur
Rochlitzer Feste augenscheinlich recht gut gesichert waren.
Eine für das Schlofs zu Zeiten der Kriegsgefahr höchst
bedenkliche Stelle ist in vorstehender Schilderung unerwähnt
geblieben: die etwas abgelegene Furt bei Sörnzig. Das be-
treffende Dörfchen, welches in südwestlicher Richtung die
nächste Ortschaft von Rochhtz bildet, hegt hinter dem Wald,
der es ursprünglich wohl ziemlich vollständig umschlofs. In
ältester Zeit dürfte die Verbindung des Dorfes mit der Stadt
recht ungünstig gewesen sein, denn der jetzige Weg an der
Mulde hin, bei dessen Anlage eine Anzahl von Klippen und
felsigen Böschungen weggeschroten werden mufste, war an-
fänglich höchstens ein sehr dürftiger Fufspfad, etwa von der
Beschaffenheit desjenigen, welcher von Sörnzig an der Mulde-
seite nach der Draschke, dem eingegangenen Dorf Drosekowe,
noch jetzt führt. Der Sörnzig -Rochlitzer Muldenweg, der
unter allen Dorfwegen der ganzen Gegend am schwersten
anzulegen war, hat sich höchstwahrscheinlich ganz allmählich
ausgebaut und ist wohl erst sehr spät vollendet worden, zu
einer Zeit, als man sich im Amt die Verbesserungen der
Strafsen, ihre stellenweise Verlegung u. dergl besonders an-
1) Abgedruckt bei Hörn, Lebens- und Heldengeschichte
Friedrichs des Streitbaren S. 748.
'-) Ebenda S. 26 ff.
302
W. Clemens Pfau :
gelegen sein liefs ; das geschah im allgemeinen nicht vor dem
17. Jahrhundert^). Im Mittelalter hatte Sörnzig nach Rochlitz
nur einen einzigen zum Reiten und Fahren geeigneten Zu-
gang, der über die waldige Höhe führte. Wegen der ver-
steckten Lage des Dorfes konnte es und seine Furt von
Rochlitz aus nicht beobachtet werden. Der Feind hätte des-
halb in Sörnzig leicht übersetzen und durch die bis an die
Burg reichende Waldung zu einem Überfall der Besatzung
vordringen können, wenn letztere sich nicht in dem Mulden-
dorf einen Vertrauensposten sicherte. Als im Schmalkaldischen
Krieg 1547 die kaiserliche Partei in Rochlitz von den Kur-
fürstlichen eingeschlossen werden sollte, ging ein Teil des
heranziehenden Heeres durch die Sörnziger Furt-j.
Nach dem alten Erbbuch des Rochlitzer Amtes besafs
letzteres auf allen Dörfern zusammen nur drei Erbrichter,
nämlich aufser den beiden aus der Saupenschaft nur noch
einen in dem verhältnismäfsig unbedeutenden Dorf Sörnzig.
Die übrigen bäuerlichen Richter und, was für das Rochlitzer
Amt dasselbe scheint, die Heimbürgen (Hainburgen) wurden
von den Erbherren gewählt oder verrichteten ihr Amt ,, zech-
weise". Am Landgericht zu RochHtz traten die zwei Erb-
richter der Saupenschaft nicht als solche, sondern nur als
Schoppen auf; sie amtierten als Erbrichter lediglich in ihren
Dörfern. Am Rochlitzer Landgericht mufste auch der Sörnziarer
Erbrichter teilnehmen. Während aber die Saupen alle 14 Tage
dort zu erscheinen hatten, ging der Sörnziger, der aufserhalb
der Saupenschaft stand, nur alle sechs Wochen dahin, wie
das Erbbuch angibt. Eine grofse Rolle hat er offenbar am
Landgericht nicht gespielt; zweifellos war er hier auch nur
Schöppe, denn das Landgericht tagte nach Ausweis der Ein-
träge im alten Handelsbuch regelmäfsig unter dem Amtmann
oder Hauptmann von Rochlitz. Merkwürdigerweise gab es
in Sörnzig offenbar gar kein Dorfgericht; denn nach dem
Erbbuch gingen die dortigen Einwohner ,,zur Wechselburg
zu Gericht"; das Obergericht übte das Amt aus. Sörnzig
war bald nach der Gründung des Klosters Zschillen (Wechsel-
burg) mit fünf anderen Ortschaften letzterem geschenkt worden,
welche Stiftung der Markgraf Konrad und der Graf Dietrich
von Sumersenburc 1208 bestätigten^).
Die Belegung eines Sörnziger Gutes mit der Erbrichter-
würde stammt wohl aus sehr alter Zeit, etwa aus der Koloni-
') Pfau, Einzelheiten V, 168 ff.
") Heine S. 330.
"J Cod. dipl. iSax. I, 3, 98.
Topographisches vom alten Rochlitz. 303
sationszeit. Dafs in dem Dörfchen die sonst im Amt so
seltene Erbrichterwürde eingeführt wurde, dafs letzteres trotz
der Abtretunor des Ortes an Zschillen dieses Erbrichteramt
bestehen liefs, liegt meines Erachtens schwerlich in richter-
lichen Erwäofuno-en. In Sachen des Obergerichts brauchte das
Amt für Sörnzig keinen Erbrichter, wie es auch m anderen
Ortschaften zu diesem Zweck keinen besafs. Höchstwahr-
scheinlich war der Sörnziger Erbrichter ursprünglich, in
ritterlicher Zeit, eine militärisch wichtige Person, ein Ver-
trauensmann, ein Botschafter in Kriegsgefahr, ein Furtwächter.
Die drei Rochlitzer Erbrichter besafsen wohl eine ähnliche
Bedeutuna: wie die Inhaber von ritterlichen Sitzen oder die
Ministerialen. Erst wenn man das Sörnziger Erbrichtergut
als Glied in die Vorpostenkette der Rochlitzer Burg einreiht,
scheint letztere als vollständig gesichert.
Bei der Besprechung der Rochlitzer Vorstädte bliebe
schliefslich noch die Frage zu erörtern, ob es ursprünglich
auch eine Vorstadt vor dem Grimmaischen Tor gegeben hat.
Dasselbe bildete ehemals offenbar ein Haupttor; Heine ^) sagt
von ihm, es möge vor Zeiten auch ,, einen Thurm gehabt
haben, wie es sich ansehen läfst". Der beigegebene Stadt-
plan gibt dasselbe (8) an; zu Heines Zeit bestand es noch
zum Teil. In der Konsignation der Stadt Rochlitz von 1760 -)
werden von diesem Bauwerk nur die „Rudera" erwähnt.
Seine Bedeutung hatte es offenbar sehr früh verloren, bereits
vor dem Dreifsigjährigen Krieg. 1604 führte das Amt Ge-
leitsbeamte auf dem Unter-, Ober- vmd Badertor ein, aber
nicht auf dem Grimmaischen •^). Heine'*) erwähnt, dafs bei
letzterem ehemals ein Anger gewesen sei; dieser wurde aber
offenbar nicht zu einer Vorstadt umgeschaifen.
Nach demselben Chronisten'^) wäre es ,,eine gemeine
Sage", dafs die Stadtmauern ehemals bis Poppitz gegangen
seien; die Stadt hätte das Gelände vor dem Grimmaischen
Tor und der ,, alten" Mauer mit als Baugrund umfafst, d. h. also
die sogenannten jetzigen ,, Pfarrfelder". Dieselben sind zwar
ziemlich reich an abgeführten wendischen Scherben, aber mit
Ausnahme einer kleinen Grundmauer habe ich nirgends etwas
(Düngergrube, Keller usw.) entdecken können, was auf den
ehemahgen Bestand von Häusern schliefsen liefse. In den
1) S. 66.
2) Ratsarchiv, Fach 736; Fol. 91.
'*) Amtsrechnungen.
') S. 10.
') S. 65.
304 W. Cl. Pfau: Topographisches vom alten Rochlitz.
letzten 20 Jahren sind hier zahlreiche Häuser (Albert-, Bis-
marck-, Seminar-, Bahnhofs-Strafse) entstanden, deren Grün-
dungsarbeiten genügend Aufschlufs über das Bodeninnere
gewährten. Unter der etwa 'j^ m starken Ackerkrume findet
sich überall unberührter „gewachsener Boden". Hätten hier
in ältester Zeit Anwesen gestanden, so müfsten dies die dürf-
tigsten Hütten gewesen sein, die keine Spur ihres Daseins
hinterlassen konnten. Das Gelände vor der alten Mauer
gehörte zum Gerichtsbezirk des Amtes.
Die einzelnen Privathäuser der Vorstädte und der Stadt
kommen für meine topographischen Erörterungen im übrigen
nicht weiter in Betracht. In den Vorstädten waren sämtliche
als Privathäuser gegründeten Gebäude nicht brauberechtigt.
Vor den Toren lagen auch die Scheunen, die bereits im
Gerichtspachtbrief von 1464 erwähnt werden.
Die Numerierung der Häuser geschah in den amtlichen
Unterlagen nach dem Stadtbrande von 1681 im Jahre 1687.
Die damals entstandenen Hausnummern wurden im Quatember-
kataster 1782 mit gebucht; zu aller Zeit seitdem ist das
stärkste brauberechtigte Haus der Stadt, das erste am Ober-
tor, mit der Nummer i bedacht worden. Das Anbringen der
Nummern an den Gebäuden trat viel später ein. Das früheste
Beispiel einer angebrachten Hausnummer befindet sich in
Rochlitz an einem Gebäude neben dem ehemaUgen Untertor;
die Haustür trägt im Sturz die Jahreszahl 1788 und die
Nummer 54, welche das Grundstück 1782 erhalten hatte ^).
Über die ältesten Grenzbestimmungen und Grenzbe-
zeichnungen in der Rochlitzer Gegend habe ich eingehend
gehandelt in den ,, Topographischen Forschungen" usw.
S. 27 ff. und in „Unsrer Heimat", 1906, „Über alte Grenz-
steine in Westsachsen". Es dürfte hier genügen, auf diese
beiden Arbeiten, welche Rochlitz im besonderen mit betreffen,
zu verweisen.
1) Nach dem Quatemberkataster.
IX.
Kleinere Mitteilungen.
I. Eine Leipziger Kleiderordnung von 1506.
Von Otto Giemen.
Über sächsische Kleiderordnungen aus der Zeit von 1450
bis 1750 hat L. Bartsch in zwei in den Jahren 1882 und
1883 erschienenen Programmen gehandelt^). Er teilt sie ein
in fürstliche, für das ganze Land bestimmte, in von weltlichen
und geistlichen Herren für ein beschränkteres Gebiet erlassene,
in städtische, und endlich kommen viertens hinzu die von den
Rektoren und Professorenkollegien der Universitäten Leipzig
und Wittenberg für die Universitätsangehörigen errichteten
Kleiderordnungen. Von gröfserer Bedeutung sind nur die
fürstlichen und städtischen. Von ersteren ist die . älteste die-
jenige, die in der aus der gemeinschaftlichen Regierung Ernsts
und Albrechts stammenden Landesordnung von 1482 enthalten
ist. Wie weit die städtischen Ordnungen zurückreichen, läfst
sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Die Landesordnung von
1482 setzt solche voraus, und einzelne gegen den Kleider-
luxus sich wendende Verordnungen finden wir bald nach der
Mitte des 15. Jahrhunderts in Leipzig, Freiberg, Dresden,
Oschatz und Borna. Wahrscheinlich aber sind solche Ord-
') 39. und 40. Bericht über die Königliche Realschule I. O. nebst
Progymnasium zu Annaberg, Annaberg 1882 und 1883. Dazugehört
noch ein Aufsatz desselben Verfassers: Die sächsischen Kleider-
ordnungen unter Bezugnahme auf Freiberger Verhältnisse in Heft 20
der Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins S. i — 44. Vgl. die
Besprechung dieser Arbeiten von H. Er misch in dieser Zeitschrift 5,
260 f. Vgl. ferner Germann, Kurfürstliche Kleiderordnungen und
ihre Durchführung in Meifsen, 5. Bd. der Mitteilungen des Vereins
für Geschichte der Stadt Meifsen S. i — 14. — Über Kleiderordnungen
im allgemeinen vgl. z. B. Georg Steinhausen, Geschichte der
deutschen Kultur, Leipzig und Wien 1904, S. 314, 380, 3 94 f.
3o6 Kleinere Älitteilungen.
nungen z. B. in Leipzig schon früher errichtet worden. Die
Motive zu dieser Gesetzgebung sind verschiedenartig. Tei.'s
sind sie vorwiegend rehgiös-sittUcher Natur, indem sie sich
gegen die in der Tracht bei Männern und Frauen offenbar
werdende Schamlosigkeit, gegen Hoffart, Üppigkeit und Ver-
schwendungssucht wenden, teils sind es mehr nationalökono-
mische Erwägungen: durch Verbot ausländischer Stoffe sucht
man die heimische Industrie zu heben, den heimischen Handel zu
beleben und das Geld im Lande zu halten, durch Beschränkung
des Luxus die Steuerkraft des Volkes zu erhöhen und die Arbeits-
löhne und Lebensmittelpreise herabzumindern, Hauptgrund aber
ist meist der, dafs in der Tracht die Unterschiede der einzelnen
Stände zu Tage treten sollen. „Wenn man die Stendt nit me
in der Cleidunge unterscheiden kan, das ist ein bös Anzeichen!"
Dieses Wort Geilers von Kaisersberg war den Obrigkeiten
und den höheren Ständen aus der Seele gesprochen.
Meist sind die Kleiderordnungen verbunden mit anderen
Polizeigesetzen, die dem übertriebenen Aufwand bei Taufen,
Hochzeiten, Gastmählern, dem Spielen, Gotteslästern, Fluchen
usw. steuern wollen und Sonderinstruktionen für die Wirte,
Dienstboten, Dirnen usw. enthalten.
Für Leipzig wurde eine Reihe solcher Polizeigesetze zum
ersten Male 1463 erlassen^). Es sind, wenn wir die prinzip-
lose Reihenfolge, in der die einzelnen Paragraphen neben
einander stehen, einhalten, Bekleidungsvorschriften für die
Dirnen, Gesetze gegen das Spielen, gegen Unzucht und Ehe-
bruch;, gegen den übermäfsigen Aufwand bei Wirtschaften und
Gastmählern, gegen Überflufs und Unsitte in der Kleidung der
Frauen und jungen Männer, gegen das ,,slethfarn [^ Schlitten-
fahren] iunger lute", gegen nicht standesgemäfse Kleidung
der Dienstboten, Vorschriften für Schankwirte, über Getreide -
kauf, gegen Waffentragen, gegen das Ausschenken fremder
Biere, Wiedereinschärfung der Bestimmungen von 1454, be-
treffend Hochzeiten, Kindtaufen, Gastmähler usw. In der
Folgezeit kamen teils einzelne neue Verordnungen hinzu, wie
die gegen die Schnabelschuhe-), teils wurden ältere Gesetze
wieder in Erinnerung gebracht. Bisher kannten wir dann
erst wieder eine Sammlung solcher Polizeigesetze in der 1544
,, durch Valentin Bapst, in der Ritterstrafsen" prächtig ge-
druckten ,,der Stad Leipzig allerley Ordnunge". Nun ist
aber auch schon im Anfang des Jahres 1506 solch eine Ge-
') Cod. dipl. Sax. reg. II, 8, Nr. 364 und 365.
^) Nr. 404.
Kleinere Mitteilungen. 307
setzessammlung im Druck erschienen^). Johann Gottfried
Well er hat 1762 zuerst auf sie aufmerksam gemacht: Altes
aus allen Theilen der Geschichte, I. Band (Chemnitz 1762),
S. 372 f. Seine Notiz ging dann über in bibliographische
Werke, wie Emil Weller, Repertorium typographicum,
Nördlingen 1864, S. 41, Nr. 359 und in die Leipziger Chroniken,
wie z. B. Dolz, Versuch einer Geschichte Leipzigs, Leipzig
1818, S. 149 f. Seit Weller hat aber niemand wieder den
Druck in Händen gehabt. Das Exemplar, das er einst ein-
gesehen, befindet sich jetzt noch in der Zwickauer Ratsschul-
bibliothek, und zwar in dem Kostbarkeiten allerersten Ranges
in sich vereinigenden Sammelbande XXIV. XII. 20. Da der
Druck höchstwahrscheinlich Unikum ist und diese Gesetzes-
sammlung sich als eine reiche Quelle für die Kultur- und
Sittengeschichte erweist, gestatte ich mir hier einen kommen-
tierten Neudruck zu bieten. Der Titel lautet:
^tlic^e ber (Btat 2xp
c§! gefe^ obir ber hux
ger : buvgevm : aurf) anber inrooner
trad)t : SIeibung : tuirtfd)afft : önb anberl to^ bes 9iatf)»
orbnung önb [tatuten
in funber!^eit gegcogen.
Der Druck umfafst 12 Quartblätter. Titelrückseite und
letztes Blatt leer. Bl. 11^ unten: Gedruckt in der fürstlichen
Stadt Liptzk, durch /Jacob Tanner von Würtzburgk, mitbürger.
1) Herr Professor Wust mann hatte die Güte, mir zwei auf
diese Polizeiordnung sich beziehende Ratsbeschlüsse mitzuteilen: 1506
Mittwoch nach Trium Regum [7. Januarj: Uff difsmal von der orde-
nunge geredt und beslossen, das man ethche artickel vorwandeln
solle, wie sie vorzeichent sein. — Freitag nach Trium Regum
[9. Januar] : Uff difsmal beslossen, das man die ordenunge, wie vil-
mal dovon geredt und vorzeichent, auch entlich mit dem marschalk
[Heinrich von Schleinitz, vgl. Gefs, Akten und Briefe zur Kirchen-
politik Herzog Georgs von Sachsen I (Leipzig 1905), 20 A. 2] beredt
und durch die rethe beslossen ist und in einen begreif bracht, uff
Dornstag 8va trium regum [Donnerstag = 15. Januar stimmt mit der
Schlufsbemerkung des Druckes, aber Octava trium regum war 1506
Dienstag den 13. Januar] sol aufsgehn lassen und vorkundigen der
gemeine Utinam bono fato. Disse heren sein uff difsmall von allen
dreien rethen [s. die nächste Anm.] vorordent, disse ordenunge zu
hanthaben und die obertreter zu straffen: Johann Hommelfshan,
Matt. Lichtenhan, Augustin Pantzschman.
qo8 Kleinere Mitteilungen.
Vorrede.
NAchdem in dieser Stadt vormargkt, gesehen vnd öffentlich
bfunden ist, das sich gemeine burger, auch hantwergs lewte vnd
sunderlich ire we^-ber, kinder vnd gesinde, handtwergfs gesellen,
knecht vnd meyde, auch ander inwoner kostlicher tracht an smugke,
cleynoten vnd cleydernn, auch vil obriger vnnottürfftiger kost in
wirdtschaft'ten ader hochzceyten, kindtewftenn, in kindt betten ader
sechs Wochen vnd kirch gengen sich geflissen vnd gebraucht, ein
teils ober gebür, das sich irem Stande nicht gezt}-mbt ader dem adel
gle5xh, auch eyns teyls ober yr vormögen, dar aufs' dan gemeyner
Stadt, iren bürgern vnd inwonern vnd die sich wesentlich älhie
enthalden, vil abegunst, vorterb vnd Schadens erwachsen, auch bey
andern frembden lewten , von den sulchs also gesehen, vil ergerniis
vnd den Rethen vnd regirern von dem vnd anderm, das vngeordent
eyn zce3-t lang vorbleben, vnd was geordent gewest, das man dorüber
nicht gehalden, sundern übergangen vnd nicht gebüsset adder ge-
stroftt ist worden, vil nachrede, auch von den bürgern vnd inwonern,
die dem Rathe vnd gerichte vnderworffen, vil vngeho-'sams ent-
standen, vnd befunden, das auch in der Stadt vill vntzucht, auch vü
vnredliche Sachen wider got vnd seyne götliche geboth begangen
vnd in mancherley weyse gar offenbar vnd vnuorborgen ane alle
forcht vnd vnuorschemt geübet würden. Da durch dan alle drey
Rethe') vff' beuehel vnd mit rathe des durchlauchten hochgebornen
fürsten vnd herren herren Georgen Römischer königlicher maiestatvnd
des heyligen reychs Erblicher gubernator in Frifsland, Hertzogen zu
Sachsen, Landtgrauen inDöringen vnd Marggrauen zu Meyfsen vnsers
gnedigen herren, vnd aufs eigener betrachtung, macht vnd gewalt
inen von rechten zugelassen diefse nachuolgende ordenung zu forderst
gotte zu lobe vnd ere, auch der regirung vnd geme5-ner Stadt zu gute,
nutze vnd fromen, oberflössig vorterb, nachrede, sunde vnd laster
zuuorkommen vnd zuuorhütten, so vil möglich ist, nach vor- [a ijt>]
gehaltem zce3-tigen rathe eintrechtiglich beslofsen, geordennt, gesatzt
vnd begriffen haben allen bürgernn, bürgerin vnd inwonern disser
Stadt, dye dem Rathe vnd gerichte ader irer öberkeit vnderworffen
sein, zuuorkündigen lassen. Solche ordenung vnd gesetze von den
selbigen allen gehorsamlich ane Widerrede vnd vngewegert zuhalden
be}' bufs, pene vnd straffe, dye dor inne vnd vff 3-des stücke gesatzt,
von den öbertreternn der selbigen ordenung e^-nes ader meher stücken
vnabelefslich von den herrn, die von Rethen auch dar zu vorordent
sind, ein zu fordern vnd zunehmenn.
[a ija] Gesetz von Cleydung vnd erstlich der in Rethen
vnd anderer redlicher burger vnd hendeler, d3-e den in
rethen gle3-ch geacht werdenn.
BVrger die inn Rethen sein, vnd ander vsfserhalb der rethe,
als nemlich redliche bürger, die von alders ires geschlechts redelich
') Seit dem 15 Jahrhundert zerfiel der Rat in Leipzig in drei
Gruppen. Jedes Drittel war ein Jahr lang im Amt, so dafs aller drei
Jahre wieder dasselbe Drittel an die Reihe kam Das im Regiment
"befindliche Drittel hiefs der sitzende Rat, die beiden anderen die
ruhenden Räte (Wustmann, Geschichte der Stadt Leipzig I, 74).
Alle wichtigeren Sachen wurden von allen drei Räten beraten und
beschlossen (ebenda 85).
Kleinere Mitteilungen 309
vnd vormoglich herkomen, Auch redlich bürgers fsöne, die sich irer
zcynfse ader lehengüter enthalden, Vnd redelich vormögliche kawflf
leut, di von dem regirenden Rath sampt den sechs eldisten, als nem-
lich von den andern beyden Bürgermeistern vnd vier Bawmeistern^)
der ander zweyer Rethe eynirechtighch ader von dem me3'sten teyl
bey iren pflichten, so sie zum Rathe gethon, do vor geacht vnd
erkant werden, Sollen kein kleyt, das gefüttert ader vngefüttert
vbir virtzig gülden wirdig ist, tragenn bei pene drej-er reynischer
gülden.
Den selbigen allen sollen zcobelne, hermelyn vnd lassitze 2)
futter zu schawben, zu rogken vnd anderer cleydung, auch zcobelne
mützenn ader Panet^), 3-edes stücke bey obgeschribener pene zw
tragen vorpoten sein.
Es sal ynen auch zw aller kleydung ane zw ioppen vnd wammes
alles seyden gewant zw tragen vorbdtten sein, Aufsgeschlossenn
Ztschamlot^), Settyn'') vnd Kartegk^) mögen sie zw Schwawben,
Rogken vnd ander clej-dung gebrauchen, doch das dasselbig kleyt,
wie vorbenxrt, vbir virtzig güldenn nicht wirdig se}', bev vorbe-
stympter pene. Szunder zw ioppen ist \*nen allerley Sevden gewant
zw tragen zwgelassen, Ausgeschlossen Güldene vnd silberne stügke,
das 3'nen allen in aller tracht zwtragen gentzlich sal Vorboten sein
bej' obgerurter pene.
Sie soUen auch keine güldene ketten, güldene halfsbender ader
[a iijb] Perlen schnüre tragen Bei pene eins reynischen gülden.
Vnnd in sunderheit sollen ynen alles vorgült Silber wergk,
Kuppffer adir messing, es sey an kettenn, halfsbender adir anderm
geschmugk gentzlich vnd gar verboten sein Bei pene zwene rey-
nische gülden.
Inen sali auch zw aller tracht der klej'dunge, ausserhalb zw
hawben, alles vntzen golt adir vntzen silber Bei pene eines R; f;
zw tragen vorbotten sein. Doch das zw solcher hawben nicht mhr
dan ein vntzen golt adir silber gebraucht werd.
Vonn Clej'dung gemeyner bürger, handtwerger, hant-
iwergs gesellen vnd arbeytender lewthe.
Gemej'ne bürger, hantwerger, hantwergs gesellen vnd arbeitende
lewt Sollen keyner kein kleidt, das von aufslendischem adir eyn-
lendischem gewant vnderfüttert adir vngefüttert vbir Zwentzig gülden
wirdig sey, tragen Bei pene dreier gülden Reinisch.
Den selbigen sollen auch alles Rauchwergk von Zcobelnn,
Mardern, Hermelein, Nortzen'), Lassitz vnd Feherügken zw schawben,
^) Über die „Ältesten" vgl. Wustmann a. a. O. 85!, über die
Bauherrn 84.
-) ,,Das Tierchen, nach welchem dieses Grauwerk seinen Namen
hat, ist ohne Zweifel das Wiesel (lasica, lasyce, läsotschka) der Polen,
Böhmen und Russen" (Bartsch I, 13 A. '41. Vgl. ferner Deutsches
Wörterbuch V, 2821 und Chroniken der deutschen Städte XXIII, 301 30)-
^) = galerus, franz. bonnet: D.Wb. I, 11 17.
*) Ein im Mittelalter hochgeschätzter feiner Wollenstoft', zunächst
ein aus Kamelhaaren bereiteter: D.Wb. VIII, 21 19 f.
'^) Eine geringere leichte Sorte Atlas: D.Wb. X, 642 vgl. Satin
VIII, 1810.
öj Atlas aus Brügge: D.Wb. V, 238 f.
'j Nörz = der kleinen Fischotter, dasWasserwiesel: D.Wb.VII,9oo.
^lo Kleinere Mitteilungen.
zw rögken adir andre cleidung zw futtern, Auch mutzen adir panet
do von zw machen, aufsgeschlossen vehe rügken, Des gleichen Güldene
vnd silberne stügk, vnd alles seyden gewant zw tragen gantz Vor-
boten sein Bei von emem iglichen stügke drei gülden reinisch zw
bufs zw geben.
Doch sollen Doctores vnd Licentiaten inn adir aufserhalb den
Rethen, den solches von wirden ires Standes zw trafen gebüreth,
Des gleichen die gefste, die sich zw Liptzk wesentlich nicht ent-
halten, mit diesen obgeschriben Statuten nicht begriffen sein.
[4a] Von Cleydung der in Rethen vnd anderer Redelichenn
burger vnd hendeler weiber vnd töchter.
Der burger in Rethen vnd anderer Redlichen bürger vnd hen-
deler, die den in Rethen, wie vorberurt, gleich geacht werden, weiber
vnd tochter sollen Güldene vnd silberne stügk, Scharlach, auch alles
Seiden gewandt zw schawben, zw rogken, vnderrögken vnd zw aller
kleidung bei pene sechs gülden reinisch vorboten, Aufsgeschlossen
Ztschamlot, Tobyn^) vnd Kartegk sali ynen zw tragen zwgelassen
sein, Doch das kein fraw adir iungkfraw keyn kleydt, das gefüttert
adir vngefüttert vbir dreifsig gülden wirdig sei, tragen sal Bei ob-
geschribener pene, Vnd wie wol ine hir mit Arras vnd Setyn zw
tragen zwgelassen, Sal doch keine des eine ele vbir funfif groschen
wirdig tragen Bei pene eins reinischen gülden.
Des gleichen sali inen kein vntzen golt adir silber vsserhalb zw
hawben, letzen vnd preylsen'-) zw tragen vorstadt werden. Doch
das zw einer hawben nicht mher dan ein vntzen goldes adir silbers,
Des gleichen das zw den andern stügken allen auch nicht mher dan
ein vntzen goldes adir silbers gebraucht werde vnd also das yne
nicht mher dan zwo vntzen goldis adir silbers in aller tracht sollen
erleübt sein Bei pene dreier reinischer gülden.
Güldene ketten adir güldene halfsbender, die gantz gülden sein,
Sollen ynen zw tragen zwgelassen werden. Sunder alles vergült
silberwerg. Aufsgeschlossen zw gorteln, harbandt vnd heiften, Dorzw
vorgült kopffer adir messing, es sei an ketten, halfsbendernn, faberei
adir anderm geschmugk, wor an das sei, sali yne bei pene eines
R ; gülden vnd bei vorlust so schwer silbers, als die selbe gefelschte
kethe, halfsbanth ader geschmuk am gewicht haben wirt, zw bufs
zwgebenn gantz vorboten vnd ynen allein gut Golt ader vnuorgült
Silber zw ketten, halfsbendern vnd anderm geschmugk sampt den
[4b] vbirgülten gorteln, harbandt vnd heffte zw tragen zwgelassen sein.
Inen sal auch allerley geschmugk von Perlen vnnd allerley
edel gestein zw tragen vorboten seinn, Ausserhalb die iungkfrawen
mögen vier lot perlen'') zw eynem bendichin tragenn. Doch das ein
lot vbir vier gülden nicht wirdig sey.
Sammeth, Atlas vnd Tamaschka*) sal frawen vnd iungkfrauen
zw brustletzen zwtragen vnd ire kleider do mit zuuorbremen zcu-
gelassen sein, Doch das dieselbigen seyden gewandt, es sei Sammeth,
Atlas adir Tammaschken zw einem brustlatze vnd gebreme eines
J) Gewässerter Doppeltaflfet: D.Wb. XI, 531.
^) preis D.Wb.VII, 2092 breis II, 355: fimbriae manicae superae.
=*) kleine Perlen. Die grofsen hiefsen „Zahlperlen" (Bartsch
I, 14).
*) -Damast: D.Wb. II, 701 1.
Kleinere Mitteilungen. 311
kleides alles zwsampt nicht meher dan drey virtel einer elen vnd
dorubir nicht gebraucht werde, bey pene dreyer R; gülden. So
mögen auch der in Rethen adir der, dy yne vorgleich geacht werden,
weyber vnd töchter Atlas, Damaschken, Tobyn vnd anders, Szo
man die ein vmb ein halben gülden vnd nicht dorubir kauffen mag,
zw halfskollernn wol tragen. Also doch, das sie wider in kollern
nach gebremen kein bundtwergk ') gentzlich vnd in aller tracht bey
obberurter pene nicht tragen sollen.
Zobelne, Mardern, Hermelin vnd Lassitz sali inen allinthalben
zw kleydungen bei obgemelter pene zw tragen vorbotten sein. Doch
mögen sie Lassitz vnd Vehewemmin zuuorbremen gebrauchen, also
das dasselbige gebrehme vonn diesem ader anderm rauchwerck vber
ein virtel einer elen nicht breit sei. Auch bey pene eines gülden
re5-nisch.
Es mögen auch frawen, iungkfrawen zw zcöppen vnd hawben
Seyden als Taffant vnd zcendel-) tragen, doch nicht anders den das
vngeuerlich dritthalb elen Taffant ader zcendel tzehen ein eines
gülden wirdig sei. Bei pene dre}^ R; gülden.
Der inn Rethen vnd anderer redlichen bürger vnd hendeler
wie obinbenirt, auch die nicht hantwergk treyben, Weyber [5 a] vnd
töchter sollen zw Schlayernn vnd anderer tracht nicht tewrer lej'n-
wath tragen den der man zwu elen vor ein gülden reynisch keuften
mag, bei pene eyns halben reynische gülden.
Gemeyner burger vnd hantwergs leuth Wej-ber
vnd Töchter.
Gemevner bürger vnd hantwergs leut weyber vnd töchter
Sollen keyne kein kleidt, das vnderfüttert adir vngefüttert vbir
funffzcehen gülden reinisch wirdig. Auch keyne kürfsen''), die vbir
acht gülden wirdig sey, tragenn bej- pene von einem itzlichen drei
reinisch gülden zw pufs zwgeben.
Inen sal auch güldene vnd silberne stück, Dorzw auch alles
Seiden gewant zw Schawben, zw Rögken, vnderrögken vnd zw
aller cleidung bei pene drei reinisch gülden zwtragen vorbotten sein.
Abir zw brustletzen vnd tzuuorbremen sali inen Ztschamlot vnd
Kartegk zwgelassen sein, Doch das zw Brustlatz vnd zw einem
gepreme eines kleides alles zwsammen nicht mhr dan drei virtel
einer ein gebraucht werden.
Gemeine bürger vnd hantwergs weiber vnd Töchter Sollen
haupt vnd halfsschmugk vbir funfftzehen gülden wert nicht tragen,
bei pene eines R; gülden. Inen sollen von gutem golde adir vn-
uorgültem gutem silber ketten, halfsbender sampt gürtel, harband
vnd heff't vbirgült zwtragen zwgelassen sein.
Es sal auch keins gemeinen bürgers, die den in rethen nicht
vorgleicht werden, ader hantwergs töchter Perlen tragen. Sundern
inen sollen die mit samptt allerlei edeln gesteyn zw tragen alle Vor-
boten sein. Aufsgeschlossen zw einem Perlin bendichin, das vber
sechs gülden nicht werd ist, sal in erlaubt sein.
Es sali inen auch alles Seiden gewant zw Rögken vnd vnder-
rögken ane zw zcöppen vnd zw menteln vorne zw vnter [51»] füttern
zw tragen gantz vorboten sein.
1) Pelzwerk vom nordischen Eichhorn: D.Wb. II, 531 und 527.
2) Eine Art Taffet: Bartsch I, 13 A. 44.
ä) Kursen, Kurse, Kursche -= Pelzkleid : D.Wb. V, 2820 ff".
^12 Kleinere Mitteilungen.
Gemeiner bürger vnd hantwerger weiber vnd töchter scllenn
zw Schleyern vnd ander tracht nicht tewrer leinwat tragen denn
der man vier ein vor ein gülden kewffen mag, Bei pene eins halben
gülden R;.
Es sollen dorbei alle Seidene vnnd donne tucher iungkfrawen
vnd frawen allinthalben zwtragen gantz Vorboten sein, Bei bufs
eins R; gülden.
Keine fraw sali hinfürder in der hawben, in krentzen, in
Spanen 1), noch mit Regers 2) ader andirn Strawfsfedern vffintlich
gehen adir tantzen, Bei pene eins R; gülden.
Frawen vnd iungkfrawen sollen mentel, rogke, kittel vnd kleidir
nicht lenger dann der erden gleich tragen, Bei pene eins R; gülden,
so offt eine des besehen adir zwtragen vbir funden wird.
In allen obgeschrieben pungkten vnd artigkeln sollen der
Doctores weiber vnd tochter der weiber vnd töchter, die in Reten
sein adir ine gleich geacht werden , sich mit cleidung vnd anderm
yne gleichmessig zwhalden verbunden sein, Bey pene eins itzlichen
artigkels vbir der andern der obgerurten weyber vnd tochter kleidung
gesatzt vnd aufsgedrugkt.
Von der dienstmeyde cleydung.
Dinstmeide suUen keynerlei Seyden gewanth, wie das nhamen
hat, wider zw ermein, vnder menteln adir vndir rogken gefüttert adir
zw gebremen an keynem end an allein zw zcoppen an yrer kleidung
tragen. Des gleichen sullen sie auch keinerley von rauchwergk
denn allein ein harschlecht^) gebreme, doch nicht vbir eins fingers
breit, Auch keine brustletz noch keine geteylte färbe adir gewannd
vorbrehmen aufswendig [6^]. Auch kein Doppel arras, Ztschamlot,
noch Settyn zw keinem kleide tragen, dan vnderrögk von allerley
gewande, dye mit seiden gewande vnd von allerlei gewürchte, auch
von rauch werg als von Schonberg*) zuuorbremen, Setyn, Düppel
arras vnd Ztschamloth sollen yne gantz vorboten sein zw tragen.
Item Sie sollen auch nicht tragen Perlen adir Perlen bendichin,
Corallen pater noster^). Güldene ringe, dorzu keinerley Spangen,
Aufsgeschlossen Silberne adir vorgülte heffte, die mögen sie tragenn,
Doch das die nicht haben am gewychte vbir zwey lot. Auch kein
kleidt lenger dan das es vff die erden stosse, Kejn golt adir silber
in brüstigen*'), zw schlingen vnd zw bortichen, in schnüren adir
sust, auch nicht seyden schlingen adir offene nethe in ermein adir
badekappen ''), Silberne noch güldene ketten. Auch kein kleyd vbir
sechs gülden wirdig tragen, Bei pene eins halben gülden von itz-
lichem stügk zw geben, so offt das vbirfaren wirdet.
1) Span ^ eine im Mittelalter zeitweise modische ringelichte Haar-
tracht: D.Wb. X, 1866.
2) Reihers.
^) Haarschlecht kommt im D.Wb. IV, 36 nur vor als Eigenschaft
von Pferden, die von unreinem und staubigem Futter so werden.
*) Schönwerk ^ feines Pelzwerk: Grimm IX, 1485.
■') Rosenkränze: D.Wb. VII, 1503 und Wilhelm Schmitz,
Das Rosenkranzgebet im 15. und im Anfange des 16. Jahrhunderts
(Freiburg i. Br. 1903) S. 42 ft'.
**) Bröstigen ^ Schnürbrust: D.Wb. II, 446.
') Vgl. D.Wb. I, 1071.
Kleinere Mitteilungen. 313
Item mit diesen beiden gesetzen sollen alle dinstmeyde, es
sind burgerstochter adir nicht, die vmb Ion dienen, begriffen seyn,
Den auch in alle weg schönberg vnd bunthwerg futter zutragen ver-
boten sein sal. Vnd des nicht mher dan vngeuerlichen einen sechsten
teyl eines virtels von einer elenn oben vmb den halfs vnd forn bis
auff das görtel vnd forder an andern örtern. Dan yn sali alleyn ein
harschlecht gebreme an schawben ader andern gefütterten kleydern
zwtragen erloübt sein, Bei pene von einem itzlichem stügk eins ort
eines R; gülden.
Es sali auch allen dinstmeyden Schleyer, schorletze, brostichen
adir leybichin, badekappen vnd halfstücher von Synewoffen ^), Nider-
lendischer adir andrer le^mwath, der man ein elln vor drey grosch
kaufft, Vorboten sein, Bei pene von einem itzlichen stügk eines orts
eines R; gülden
Es sali keyne dinstmeyd schwe mit anderen hoen dan eytel
[6i>] schwartz vnd das der knochel bedegkt werd tragen. Bei pene
drei silberne groschen.
Von heymlicher ader offinbaren dirnen-) tracht vnd
Cleidung, sie sein im gemeinem hawfs adir nicht.
Item heimlichen vnd offinbaren diernen ist vorbotten zwtragen
alle gestigke, faberei. Silbern gürtein, Spangen, vorgillte heffte, alle
Seiden gewandt, vnterrögke vnd alle gebreme von hermlen, lassitz
ader der gleich. Aufsgeschlossen ingelegte adir von harschlecht ge-
breme, das nicht vbir eins vingers breit, mögen sie tragen. Auch
sind ine verboten Corallen pater noster, güldene ringe. Silberne adir
güldene ketten bei vorlust der selbigen, wo die bei inen bfunden,
Vnnd alles untzen golt adir silber zw schlingen, schnüren, zwbröstigen,
badekappen adir sust, Lange mentel, kürschen, schawben, die mit
anderm rauchwerg danmitSchmaschen*^), Künerügken adir Wammen*),
Grotschen^) adir Hemstern gefuttert seint, Schlaier von Sinowoffen,
Niderlendischer adir Hoelendischer leinwath, Schwebisch vnd ander
leinwath, der man ein ein nicht vor drei groschen kewffen mag.
Vnnd die heimlichen weiber adir diernen sollen nicht lenger mentel
tragen dan die in stregken die lingken handt halb bedecken, also
das man den dawmen an der handt sehen möge, Doch von keinerlei
dan von gelem gewande mit einer digken blawen schnüre. Vnd
welche in andern menteln befunden, die sollen der mentel vber die
nachuolgende bufs vorfallenn sein. Bei pene von einem itzHchen eins
halben gülden reinisch.
Aber die gemeinen offinbaren diernen mögen kurtze mentell
von wafserlei färb sie wollen, in der lenge wie vor berurt adir
^) Chinesisches Gewebe? Vgl. Schmeller, Bayrisch.Wb.I, 2911.
2) Auch in der Verordnung über die Kleidung der Dirnen Cod.
dipl. Sax. reg. II, VIII Nr. 364 vom 30. März 1463 wird unterschieden
zwischen den Huren „vff dem freyhen hufse" und den „heimlichen
huren". — Im allgemeinen vgl. K. Weinhold, Die deutschen Frauen
in dem Mittelalter, Wien 1897, S. 19 ff. und Steinhausen S. 406 1.
^) = fein zubereitetes Lammfell: D.Wb. V, 944.
*) Kühn bei den Kürschnern für Kaninchen, daher Kühnrücken,
Kühnwamme: D.Wb. V, 2579.
•^) Was für ein Pelz damit gemeint ist, weifs ich nicht.
314 Kleinere Mitteilungen.
kurtzer vnd zuuoraufs eia zceichen von einem gelen gewandes flegk
eins schregkenbergisch groschen, der siben ein güldenn gilt, breit
vff irem schleier vnd heupt tragen, Bei pene eins ort [Ba] eins gülden,
Den die Margmeister bei iren pflichtenn einfordern vnd behalden,
do durch das sie vff die vnd andere dirnen vnd Sachen deste bessern
fleifs vnd auff sehen haben sollen.
Wo abir die Margmeister dorinne seumig adir ymandis vor
hengen adir nachlassen werdenn, den sali der Rathe sampt den
eldisten selbst dorümb straffen, ein tag vnd nacht in den Torm legen.
Item, welch man adir weip, sie sein bürger adir inwoner, solche
heimliche adir offinbare diernen vnd weiber hawsen adir herbrigen
wurd, der adir die sali dem Rate iedes halben iars von einer person
ein halb schogk groschen geben.
\'nd so offt vnd digk von wegen der selbigen diernen einer
ader mhr in des burgers adir inwoners hawfs adir raithe einiche
auffrhur vnd offinbarlich grofs auft'leuffte gemachtt würde adir ge-
schrei, also das sie ein offinberlich, vnzcochtig vnd vnuorschempt
lebenn hette adir triebe: Szo sali der selbig wirt, bürger adir in-
woner, dem Rath ein schogk groschen zu bufs geben, Vnd solch
bufs sali der Rath vnablessig vnd vnuormindert einfordern vnd
nhemen.
Die ienigenn, die solch auffVhur gemacht, was wesens adir
standis die seint. Die sollen noch aussatzung der Rethe adir vnser
Statut, vnd die dierne, vmb der willen der auft'lawff geschehen, noch
gelegenheit vnd gröfse der auffrhur vnd verhandelung gestrafft adir
von der Stad geweist werden.
Würde auch imandis, es wher man adir weibs bilde, bfunden,
der ader die vnredliche leut zw suntlichem handel ader wesen auft"-
hielde vnd also zw mher laster, schände, vnere, adir zw ehebruch
furdernis adir vorhengknis tete, do durch weiber, meide adir andre
personen in vnzcüchtig leben adir wesen gefurt adir gebracht würden,
den adir die sali man, wo sie sich [Bt>] anders zw peinlicher straft"
weiter nicht vorwirgkit ader vorhandelt haben, ewig aus der stad
zw weisen.
Würde auch yndert eine heymliche adir offinbare dirnne in
pfarkirchen, Clöster adir Capellen neben andere erliche personen
adir sust in einem stull adir sunderlich gemacht gesefs treten adir
sitzen. Sali darumb dem Rathe ein ort eines reynischen gülden, so
offt das von ^nen adir von einer yeden besehen würdet, vorfallen sein ').
Vonn wirdtschafften.
Es sollen die burger, die in Rethen sind, aller lewthe, fso sie
zw wirtschaft'cen biten vnd laden, vbir sechs tisch nicht haben vnd
setzen. Vnd mögenn zweNerlei weyn vnd z\ve\erley frembde bir
geben vnd nicht dorübir.
Die gemeynen burger etc. sullen vbir vier tisch nicht habenn.
Auch vbir eynerlei wein vnd eynerley frembde bir nicht geben,
Doch mag ein yder, der die w^rtschaft't aufsricht, einen nachtisch
haben, also doch, dals die geste dorinne beschlossen sevn. Aber
^) In der Verordnung über die Dirnen vom 30. März 1463 heifst
es einfach: „Sie sallen auch bei keine fromme frauwe in der kirchen
in die stule treten".
Kleinere Mitteilungen. qic
der priester, der die Brawtmesse^j singet mit zweyen dynern als
zweyen korschulern, Custoden vnd Organisten sali in die obbemelte
zcal nicht gezcogen sein. Auch sollen sie keinen süssen wein zw
tringken geben. Vnd der gemeine bürger adir hantwerger sollen
keinen frembden, sunder allein landtwein geben.
Item tzw Wirdtschafiftenn, Hochzceitenn adir einn wirdt seinen
gesten sali nymandis vbir meinem tisch des morgenns vbir sechs
essen vnd des abinds vber funff, Nach vff eyne malzceit vnd eine
schvissel vbir sechserley gebratens, dor vnter mag er zwej^erley
wilprat, wafserley das sey, vogel adir anders, geben, Doch das das-
selbig gebratens zcymlicb angericht vnd überflüssikeit vormyden
werden. Do mit sollen alle schaw- [b ij a] essen 2), hirschzcemeP)
Vorboten sein zw geben. Von allen vnd itzlichen stügken obin-
bemelt sali yderman, der das vbertrit, dem Rathe von iglicher person
ein gülden . adir von itzlichem obgemelten stügk funff gülden Rei-
nisch zw bufs vnableslich vorfallen sein.
Vnd welcher adir welche person eyn wirt schafft aufsrichten
will, der adir die soll vor der wirtschafft ein buchlin ader vor-
zceichnufs von dem Rath haben vnd entpfaen, sich dornoch haben
zwrichten vnd das selbige büchhn des dritten tags noch der wirt-
schafft dem Rate wider antworten vnd sich gegen dem Rathe recht-
uertigen, das er sich mit vfsrichtung der wirtschafft in allen stiigken
noch aufsweysung des buchlins gehalden vnd das nicht vbirfarn
habe, Bei obgerurter pene funff" gülden.
Gemeyne bürger ader hantwerger sollen nicht mher den auff
den morgen funff vnd auff' den abind vier essen vnnd vbir vierley
gebratens, dorunder ein wilprat allein sein mag, nicht haben. Vnd
zw gleich von itzlichem stügke, das vbirtretten wirdet, zw pene
drey Reinische gülden vorfallenn sein vnableslich zw nhemen Vnd
sich auch noch des Raths buchlin halten, Bei obgerurter pene.
1) Im Laufe des lo. — 12. Jahrhunderts setzte die Kirche die
Forderung durch, dafs die öffentliche Hochzeit (publicae nuptiae)
— die Verlobung liefs sie als einen Akt des weltlichen Vormund-
schaftsrechts aufser Betracht — in der Kirche durch den priesterUchen
Segen nach Anhörung der Brautmesse gefeiert wurde. Den nächsten
Schritt tat sie damit, dafs sie die weltliche Übergabe der Braut an
den Bräutigam mit dem kirchhchen Akte zu verbinden suchte. Sie
forderte daher die Verlegung des ersteren Aktes vor die Kirchentür
in Gegenwart des Priesters; gleich darauf sollte in die Kirche ge-
zogen und die Brautmesse gefeiert werden. Endlich verbot sie die
Laientrauung (Weinhold I, 355; vgl. auch neuestens R. Stapper,
Die älteste Agende des Bistums Münster, Münster 1906, S. iiof.). —
Aus dieser und der durch ein * markierten Stelle auf S. 316 scheint
sich zu ergeben, dafs damals in Leipzig die Eheschliefsung ,in facie
ecclesiae' noch nicht gefordert wurde. Gefordert wurde eben nur,
dafs die Brautleute vor dem Festmahl eine Messe hörten.
-) Schauessen - Aufsätze von Speisen, die bei Festmählern nur
zur Zier und nicht zum Verspeisen aufgetragen werden, wie zierlich
ausgeputzte Schweinsköpfe, buntfarbige Gallerte u. dgl., zuweilen
auch Nachbildungen von Speisen in nicht efsbarem Materiale:
D.Wb.VIII, 2338.
^) = Hirschziemer.
Neues Archiv f. S. G. u. A. XXVIII. 3. 4. 21
3i6 Kleinere Mitteilungen.
Item es solle n^-niandis zw hochzceiten vnd wirtschafften den
gasten, so er gebeten, vbir drey mal zw essen geben bei pene sechs
gülden, Vnd vbir ein tisch vbir zcehen person nicht setzen Bei pene
von iglicher person eins reynischen guldenn, Aufsgeschlossen den
frembden, den einer des andern tags im wegk zcyhen ein malzceit
geben mag, dor zw vnnd dor bey der adir die die wirtschafft aufs-
gericht nymandis laden adir haben sali dan Brawt vnd breutgams
vater vnnd muter, brüder vnd Schwester zwsampt dem küchemeister,
schengken vnd beyden brawtdienern. Vnd do mit sali yn vnd den
iungenn gesellen yre aide gewonheyt adir CoUation, Szo man yne
vormals vff den hochzceit tag aufswendig des hawfses [bijb] der
wirtschaftt gegebenn hat, abgestelt seinn.
Es sal hinfurder, vbrige kost, schadenn vnd vnrathe zuuor-
meidenn, ein itzlich, es sei man adir weip, das d}^ wirtschaftt aufs-
richt, bestellen vnd vororden, Das braut vnd breutgam mit sampt
iren freunden vnuorzcoglichenn zw Newn schlegenn des Seigers
vftem Rathawfs zw kirchenn gehenn, do selbst die stunde des got-
lichenn ampt mefs zw horenn *, vnd das man zu Zcehenn schlegenn
zu Tisch sitze, Bei pene funff guldenn R;, der adir die, so wider
ditz gesetze tun, dem Rathe vnableslichen vnd vnuormindert zu
geben vorfallenn sein sollenn.
Es sollen auch alle fortantz, die man Walpernacht ader Rampel-
nacht^) nennet, gantz vnd gar ab sein vnd nachbleiben, Bey pene
drej'er gülden.
Bey gleicher pene sollenn auch alle geschengke zw vorlobnis,
essen, quese^) gantz ab vnd verboten sein. Vnd ab ymandis aufser-
halben des geste zw hawfs laden adir bittin wölde. Doch nicht zw
vbirfarunge adir hinder gehin vnser Statut vnnd gesetze, Szo sali
dennoch ein yder 3'ne essen vnd trin^ken zw geben mit den vorigen
Statuten vnd penen der wirtschafftt halben auff essen vnd tringken
aufsgesatzt verbunden sein.
Es suUen auch alle offenberliche nachtentz ''X dorzw man sun-
derlich vmbgehen vnd biten lest, verboten sein vnd ane sunderliche
erlawbung des Raths nicht gehalden noch zw gelassen werden,
mancherley leichtuertigkeit, vnkost vnd vnnütze zcerung, so den
bürgers fsönen, einwonern vnd andern do von entstehet, zuuormeiden,
Bei pene sechfs giilden reynisch, die diselbigen bürgers fsöne, ein-
woner adir dy sich wesentlich alhie enthalden, ein iglicher, der adir
die solche nachtentz anrichten adir do bey sein vnnd mithalden,
dem Rathe zw geben vnableslich vorfallen sein sollen.
[biija] Von geschenck zu den wyrtschafften.
Es sali nymands zw keiner zceit Brawt vnd breutgam vbir
zcehen halb groschen adir ein ort eins gülden schengken, aufs ge-
') Schon die Leipziger Polizeiordnung von 1454 (Cod. dipl. Sax.
reg. II, 8, 349 Nr. 317) verbietet, dafs die Braut einen Tag vor
der Hochzeit Jungfrauen zu sich lade und die bei sich über Nacht
behalte, „das man dy Rammelnacht [offenbar von rammeln schäkern,
spielen: D.Wb. VIII, 78] genant hat". Vgl. auch Weinhold I, 391,
Zu Polterabend, nacht vgl. D.Wb. VII, 1989 und 1993.
2j Quas Schlemmerei: D.Wb. VII, 2328 f.
") l'Jber Nachhochzeiten und polizeiliche Beschränkung derselben
in Lübeck vgl. Weinhold I, 391.
Kleinere Mitteilungen. 2 17
schlössen wilprat, Bei pene vnd bufs drei R; f;. Vnd vater vnd
)nuter, btüder vnd Schwester braut vnd breutgams mögen schencken
bette, küssen ader anders in malsen, wie vor geschehen ist.
Item iungkfrawen vnd frawen, die sollen zw wirtschafften nicht
vbir funff halbe groschen adir einen halben ort schencken, Bei pene
eines halben gülden reynisch.
Item Brawt vnd Breütgam sollen nymand, wider freunden noch
frembden, zw der hochzceit schwe, badekappen, hembde adir der
gleichen schengken, Bei pene drey R; gülden. Aufsgenomen die
Brawt mag dem breütgam eine badekappe, hembde vnd krantz, auch
beyden brawtdinern itzlichem einen krantz, vnd sust nymandis kein
krantz mher noch sust ichts geben, Bei pene von itzlichem einen
halben reynischen gülden \).
Item Man sali in keiner wyrtschafft hinfurder den handtwergern,
schustern, schneidern vnd andern, als Schülern, lewthern, hawfs-
leüten, stadknechten noch sust nymands ausserhalb des hawses der
hochzceit, er sei gebeten adir vngebeten, von der wyrtschafft soppen
noch sust keynerley essen noch tringken geben ader vorschigken,
Bei pene eynes rej^nischen gülden, Vsserhalben was man vmb gots
willen-) geben will.
Item Gleicher weifs sali es mit den Ersten messen ä) gehalden
werden, Bey obgemelter pene, Aufsgeschlossen frembden, ab die von
der malzceit zu der wirtschafft vngeessen komen.
Es sali auch kein koch noch gesinde, helffer adir helfferin zu
der köchenn gebraucht, keynerlei essen an fleisch, gar ader rohe
adir wor an das sust ist, aus der küchen adir sust, ane wissen
[biijb] vnd willen des ader der, die die wirtschafft aufsrichten, vor-
geben, vorschicken ader selbst wegk tragen bei vormeydung adir
vorlust seins dinsts vnd lohens. Man sali auch den kochen alleyn itz-
lichem vff den abind zw schlaff trangk heim zu tragen nicht vbir ein
halb Stöbgin bir. Auch dem selbigen koch von den, den sechs tisch er-
lewbt sein, nicht vber zwen gülden Vnd von den, so vier tisch erlaubt,
nicht vber dreifsig eroschen allinthalben zw lone geben werden.
Es sali auch die brawt dem koch inns brauthun'') vnd denn
pfeiffern ins begken iedem teil nicht öbir ein ort einns güldenn zw
geschengke geben, Vnd sali auch allen vnd itzlichen, die wirdtschafft
aufsrichten, vor adir nach bad^) zu bestellen verboten sein, Bei pene
drei reinisch gülden.
Von brautbette geschencke.
Man sali autf das Brautbethe hinfurder kein Confeckt noch süssen
wein geben Noch zw kindttewft'en, kirchen gehenn vnd in der dreien
*) Über die uralte Sitte der Hochzeitsgeschenke und luxus-
polizeiliche Verordnungen dagegen vgl. Wein hold I, 3 69 f., über Ge-
schenke der Braut an den Bräutigam und die Brautführer ebenda 305.
2) = als Almosen an Arme.
^) =- Primizen.
*) Am Morgen nach der Hochzeitsnacht brachte man den jungen
Eheleuten ein gebratenes Huhn, das Brauthuhn, ans Bett. Über
Polizeiverordnungen gegen den damit verbundenen Luxus vgl.
Weinhold I, 387^
^) Das Brautbad war ursprünglich eine entsühnende Weihung.
Seit dem 14. Jahrhundert wurden an diesem Tage üppige Schmause
abgehalten: Wein hold I, 337!.
3i8
Kleinere Mitteiluno-en.
ader sechs wochen kein kostung wider mit tladenn, kuchen adir
anderm bei einem schock groschen silbernn möntze. Abir einen wein
vnd ein frembd bir mag man wol schengken, ader keinerlei andern
noch süssen wein geben ^). Des gleichen sali es zw begengknissen
vnnd ihartagen auch gehalden werden.
Es mag abir ein kindtbetterin, so sie zw kirchen gegangenn,
den frawen, iso bei ir in iren nöten sein adir gewest, vnd sust ni-
mandis, wol ein malzceit geben.
Von gefatterschafft, Kindttewffen, Sechs vnd dreien
wochen vnd Kirchgang etc.
Auch sali nimandes, es sei Mannes adir Weybes bilde, das [lo*]
zw gefattern gebeten wnrdt, zw dem kindttewften dem kinde der
man nicht vbir tzehen halbe groschenn adir ein ort eines gülden
Vnd die fraw adir iungfraw vbir funlT halbe groschen adir ein halben
ort eines gülden, einlegen, Bei pene eins reinischen gülden"^).
Von Czechen vnd Biergehen.
Es sali nimandes, es sei inwoner adir hantwergs geselle, die
iren meistern tagwergk gedieng adir sust arbeiten, an wergtagen zu
den zcechen in keinen keller noch schenckhauls noch auch des
heiligen adir wergketags zw gebrantem wein gehen vnd sitzen, Bei
pene eins ort eines gülden.
Es sali kein handtwergs man des wergtags vor der vesper zceit
zum bire noch zum wein vnd zur zceche gehen adir sitzen. Auch
in keinem keller vor der selbigen zceit vor adir nach mittage, Bei
pene eines halben reinischen gülden.
Es sali auch kein wirt noch Birschengk an wergk tagen orthe
adir bierzcechen des stad volgks vor der vesperzceit, als vor zweien
schlegen des Seigers, in seinem hawfs halten, bei pene eins halben
R; gülden, Sündern an Feiertagen mögen sie Birgeste setzen vnd
orthen^) in iren hewsern, wenne sich die heiUgen gotlichen ampt
geendet haben vnd ehr nicht. Doch das der selbige Wirdt adir
Bierschengk sulche Biergeste vnd zcheche Sommerzceit, als von
Ostern bifs vff Bartholomei, vff den abind vmb newn hören, Vnd
von Bartholomei bis vff ostern des abinds vbir sechs hören an der
zceche nicht halten, Noch denne nicht mhr bier zwtrincken vor-
kauffen ader geben lassen, Bei pene eins halben R; gülden. Welch
wirt ditz an heiligen tagen nicht halden vnd vbirgehen wurde, das
der selbige von einer itzlichen person, die bei im bfunden, ein halben
gülden zw pene gebe.
[lobj Vnd ein itzlicher Weinschengk sali sein keller, wen des
Rats keller geschlossen, als nemlich im Sommer zw zcehen vnd im
Winter zu newn schlegen des seygers vffem Rathaws, aufsgeslossen
in merckten, auch zw schlissen. Bei der selbigen pene. Vnd welcher
') Über die Besuche der Wöchnerin im Kindbett, die zu kost-
spieligen Gastereien ausarteten, über die übertriebenen Geschenke,
die von den Gästen der Kindbetterin aufs Bett gelegt wurden, über
das Gepränge beim Kirchgang der Wöchnerin vgl. Wein hold I, 94 f.
^) Über Patengeschenke: Wein hold I, 94.
^) orten transitiv kennt das D.Wb. (MI, 1362) nur in der Be-
deutung: in die Ecke, bei Seite schieben (Speise, Futter).
Kleinere Mitteilungen. 5 ig
schengk adir wyrdt das nicht tete vnd dorübir seinen keller offen
liefs adir geste hild, der sali dem Rathe ein schogk groschen zw
bufs vorfallen sein.
Es sollen auch die Birschengken den Birgesten kein essenn,
sunder rechte mafs geben, Bei pene eins halben gülden.
Auch bei pene eins halben R; gülden kein Spil vmb gelt adir
geldes werd in seinem haws zwgestaten, aufsgeschlossen umb die
zcechen vngeuerlich ').
Item Keyn tag arbeiter adir ander ledige gesellen sollen an
wergktagen zw Bier gehen, Bei pene eins ort eins güldenn. Wo aber
emer mher dan dreymal gebüst, also das er dorüber gantz vnge-
horsam vnd vnstrefflich sein ader bfunden würde, den mag der Rath
von der stadt weysen.
Von mussig gehernn vnd dinstboten.
Es sali kein wirt kein müssick geher vbir zwen tag herbrigen
ane wissen vnd willen des Rats, Bei pene eins halben R; gülden.
Item welche dinstboten, es sei hawfsknecht,schirmeister, encke-),
ineyde, kochin, ader ander gemyet gesinde, ane redliche vrsach adir
mit vnwillen vnd ane gunst seins herren ader frawen aufs dem
dinste, zw welcher zceit das geschee, gehen vnd sich in der stad
anderfswo ane dinste vnd redehche vrsache enthalden vnd müssig
gehen wölte, Den adir die sali auch kein bürger adir inwoner im
weichbilde vber zwen tag hawfsen noch herbrigenn bei obenn be-
rurter pene. Vnnd dar zw sali der dinnstbothe seinnes lohens ganntz
berawbet vnnd vor- [11 a] lustig sein. Vnd es sali vne sust kein
burger adir inwoner zw dinste in einem iar auffnehmeri, Sundern sali
die Stat ein iar meiden adir dem Rathe ein gülden zw bufs geben.
Es sali auch kein dinstboth, knecht, mevde adir wevbes bild
ir laden, kisten adir andre vorschlofsne beheltnifs an andernn örtern,
hewsernn adir kammernn denne bei seinem herren adir frawen, dem es
dienet, ire gerethe adir anders dar inne zuuorwaren, stehend haben,
bey vorliefsung desselbigen beheltnifs vnd was dorinne ist, das dem
Rathe vorfallen sein sali. Vnd der wyrt ader wirtin, der ader die
solchs herbergen, suUen dem Rathe einen gülden zw bufs geben.
Wer es abir gestolen, sal der gast vnd wirtt sein pene des rechten
dorumb leiden.
So auch ein bürger, bürgerin adir inwonerin einem andern
seinen dinstbotten adir gesinde, es sey knecht adir magt, ane seinen
wissen vnd willen abspenen, durch hocher gedinge adir ander wege
abzciehenn vnd entwendenn, Szo das aufsfündigk würde, der adir
die sali dem Rathe dorümb ein schogk groschen zw bufs zw geben
vorfallen sein vnd dorzw den selbigen dinstboten nicht behaldenn.
Vnd der selbige dinstbothe sali auch bei einem iar, dem negsten
dornoch, in der stadt nicht sein noch dienen, bsunder dasselbig iar
die Stadt meyden, aber dem Rathe ein gülden zw bufs geben.
Von gemeynem bier der hantwerger Innunge.
Item die handtwerger sollen nicht mher dan eines des iars zw
des heiligen Leychnams adir vff welchen tag inen das sunst eben
^) Über Spielbufsen in Zwickau 15 30 ff. vgl. diese Zeitschrift
XXV, 64.
2) =famulus rusticus: D.Wb. III, 483 f.
220 Kleinere Mitteilungen.
adir bequem sein wirdet, geme3^n bier tringken, Bei pene zcehen
schogk groschen.
Es sali auch allen vnd iglichen hantwergs gesellen, welchs hant-
wergs die sein, ein vnd auis schencken mit kannen, krugen, [iit>]
adir sust mit bawgken, pfeyffen ader ander Se^tenspil gantz ver-
boten sein, des hinfur gantz ab zwstellen vnd zw meiden, Bei pene
einem iglichen zw geben eins ort eins R; gülden.
Beschlufs.
Vnd ob imandes, so in dieser ordenung begriffen, was Standes
adir wesens die selbig person sei, sulche ordenung in eynem adir
mher stugken in itzlichem freuelich vbirgehen vnd dreimal strefflich
funden vnd gebüst wurden, Die selbig person, es sey eyne adir mher,
sollen, wo sie zum virden mal straffwirdigk vormargk für den Rathe
furgefordert werden, Wo dan die selbig person in tracht der kleidung
in einem adir mher stugken solche ordenung vbirgangen hette, sali
der Rathe der selbigen person so vil gelts, als in berurter ordenung
auff solche kleydung, in welchem werdt dyselbige sal getragen
werden, gesatzt ist, bezcalen vnd hiraws geben vnd dyselbige klei-
dung zw sich nemen. Ob abir imands in andern stücken vbir drei-
mal bufsfelhg bfunden, diese ordenung vorechtlich halden vnd der
nicht nachgehen würde. Die selbige person sali zwsampt der awff
gesatzten pene in ander weifse hartiglich gestrafft werdenn. Wo
auch eine ader mher sachen strefflich bfunden vnd den ihenen, die
straften tun ader bufs einbrengen, sollen vormeldet vnd von den
selbigen straff" ader bufs einzwbringern doran nachlafsung bfunden
würde, dieselbigen sollen selber dreimal so vill verfallen sein, als
die bufs sein wirt, die sie solden einbracht haben, die auch vnnach-
lessig sali einbracht werden.
Vorkündiget dornstag nach Felicis in pincis^)
Anno salutis Millesimoquingentesimosexto.
2. Ein Epigramm von Hleronymus Emser.
Von Otto Giemen.
Überaus zahlreich sind die Klagen über das unsittliche
Leben der Geistlichen im ausgehenden Mittelalter. Ebenso
zahlreich sind die Kundgebungen einzelner Bischöfe und
Synoden gegen diesen Krebsschaden — ein Zeichen dafür,
dafs jene Klagen zum guten Teil berechtigt waren, ein
Zeichen aber auch dafür, dafs die Kirche immer wieder
pflichtgemäfs dagegen einschritt. Unter den Gebieten, in
denen es mit der Sittlichkeit des Klerus ,,sehr schlimm stand",
nennt Janssen, Geschichte des deutschen Volkes seit dem
Ausgang des Mittelalters, Bd. I (17. u. 18. Auflage, Freiburg i. Br,
^1 15. Januar.
Kleinere Mitteilungen. 321
1897), S. 710 an erster Stelle Sachsen. Dafs aber auch hier an
manchen Orten nicht so greuliche Zustände herrschten, wie
wohl von übereifrigen Moralisten behauptet wurde, beweist
das folgende Gedicht des Hieronymus Emser, das sich von
Stephan Roth eingeschrieben auf der Innenseite des Einband-
rückdeckels des Foliobandes XXIV. V. 1 1 der Zwickauer Rats-
schulbibliothek findet:
Hiero: Emfser.
Ancillas Misne non amplius vndeuiginti,
Quas illo secum tempore clerus alit,
Jam non ancillas, sed dicis esse Sibyllas,
Conferat etatem si quotaqueque suam,
Secula cornicum quoniam superare videntur
Scilicet et querne robora dura trabis.
Expectas numerum? summam accipe: circiter annos
Mille quadraginta grex simul omnis habet.
I nunc et clero vitam die esse salacem,
Si Veneris vetulis vsus inesse potest.
Dürfen wir diesen Scherz ernst nehmen, dann gab es
also um 1500 in Meifsen nur 19 Pfaffenköchinnen, die durch-
schnittlich 55 Jahre alt waren.
3. 30 weitere Dohnische Schöppensprüche.
Von Georff Schlauch.
&
In der Arbeit über den Schöppenstuhl zu Dohna (s. diese
Zeitschrift XXVI, 209 f.) ist S. 212 ein Eintrag von Th. Distels
Hand im Archivverzeichnis III, 118 des Dresdner HStA. f. 10
erwähnt: ,,1387 schon ein Rechtsgutachten der Burggrafen
von Dohna (Original?) in der Milichschen Bibliothek zu Görlitz
(Vol. 20; 18/19)." Den betreffenden Band suchte seinerzeit
Professor Jecht vergeblich, erst in neuerer Zeit ist er ge-
funden und mit seinem Inhalt ein beträchtlicher Zuwachs zu
den bisher bekannten Dohnischen Schöppenurteilen gewonnen
worden. In seinem Aufsatze ,,über die in Görlitz vorhandenen
Handschriften des Sachsenspiegels und verwandter Rechts -
quellen"^) beschreibt Professor Jecht den Kodex, den er als
„ Systematisches Schöppenrecht, Informaciones und Weise des
Lehnrechtes" bezeichnet. Der jetzt im Ratsarchive unter
Varia 4, früher auf der Milichschen Bibliothek sub mspt. fol. 190
aufgestellte Band, eine um die Mitte des 15. Jahrhunderts
1) N. Laus. Magazin LXXXII, 223 f.
?22 Kleinere Mitteilungen.
angelegte Sammlung von Rechtssprüchen, enthält aut Bl. i
bis 207^ Magdeburger Sprüche nach Liegnitz und Görlitz,
dann bis Bl. 220^^ Dohnische, denen sich wieder Magde-
burger, auch vereinzelte Leipziger und Hallische Urteile und
eine Anzahl für unseren Zweck nicht in Betracht kommender
Niederschriften anschliefsen. Auf diesen Band bezieht sich
möglicherweise auch die bei Zepernick^) befindliche Notiz,
nach der im Görlitzer Rathause vier Foliobände vorhanden
sein sollten, in denen, ,, besonders in einem derselben, eine
grofse Anzahl Dohnaer Schöppenurthel anzutreffen" seien.
Dank der liebenswürdigen Vermittelung des Professors Jecht
und durch das wohlwollende Entgegenkommen des Görlitzer
Magistrats ist es mir möglich gewesen, den Kodex einsehen
und die Dohnischen Urteile zu einer Ergänzung der eingangs
erwähnten Arbeit benützen zu können.
Bl. 207*^-) trägt am oberen äufseren Rande die Bezeich-
nung Donynn, am unteren äufseren Rande die Worte
Donysche Vrtel folgen. Die folgenden Seiten zeigen am
oberen Rande eine spezielle Numerierung von I — XXXI, dann
beginnt die bei 350 unterbrochene Zählung der Magdeburger
Urteile mit 351 wieder. Die Randbemerkungen wie die
Zählung sind ungenau, denn das erste Urteil beginnt bereits
Bl. 207^ Zeile 26, und es sind nicht 31, sondern nur 30 Urteile
aufgezählt.
Auch diese Sammlung zeigt den alten Mangel an genauer
Datierung. Nur ein Urteil (Nr. 24) trägt Datum und Jahres-
zahl, letztere aber falsch, wie sich später ergeben wird, es
enthält aufserdem einen Hinweis auf einen datierten Brief.
Sechs weitere Urteile tragen das Datum der Ausstellung,
und zwar: Nr. 23: Mitwoch noch Assumpcionis Marie; Nr. 25:
Montag noch Letare; Nr. 26: Dinstag Valent.ini; Nr. 27:
Montag vor Petri; Nr. 29: Montag nach Quasimodogeniti und
Nr. 30: Freytag noch Allirgotisheyligin tage. Von ihnen ist
nur Nr. 26 mit Wahrscheinlichkeit auf den 14. Februar 141 7
zu bestimmen. Drei Urteile enthalten auch noch den Tag
der Anfrage, Nr. 25: Mittwoch vor Gregori; Nr. 27: am Tage
der IG 000 Ritter; Nr. 30: Mittwoch vor Simon Judä.
Die Urteile sind namentlich deshalb interessant, weil 18
von ihnen (Nr. i — 16, 20, 22) aus der Zeit der Burggrafen
stammen. Leider sind auch die Einleitungen häutig ungenau.
So beginnt die Sentencia des ersten Urteils mit den Worten:
') Zepernick, Miscell. z. Lehnrechte I, f. XXII.
-) Die Paginierung ist erst neuzeitlich mit Bleistift durchgeführt.
Kleinere Mitteilungen. 323
„Hirouff sprechin wir a. b. c. gebrudere houptmanne zcu
Donyn vor ein recht." Das Wort „gebrudere" deutet doch
sicher auf die Burggrafen hin, der Schreiber erspart sich aber
nicht nur die Aufzählung der Namen, sondern fügt auch noch
den sinnlosen Titel ,, houptmanne zcu Don}^" hinzu. Auch
wo er die um die Wende des 14. Jahrhunderts lebenden vier')
burggräfhchen Brüder, Otto Heyde III., Jeschke, Otto Mui
und Jan, erwähnt, läfst er regelmäfsig Mul aus und hält Otto
Heyde anscheinend für zwei Personen. Zwei Sentenzen (Nr. 2
und 3) beginnen: ,,Wyr Otto heide Jeschko vnnd Jan ge-
brudere burggrauen zcu Donyn", die anderen gröfstenteils
„Wir Otto Jeschko heyde vnnd Jon" oder ,,Wir Otto
Jefske usw.", eines (Nr. 11) nur ,,WyrJefsko usw." Aus dem
Fehlen Muls den Schlufs zu ziehen, dafs die betreffenden
Rechtsbelehrungen erst nach Muls am 11. März 1401 er-
folgtem Tode erteilt worden seien, verbietet der Umstand,
dafs ein bei Anton (s. u.) gedrucktes Urteil (Nr. 20) Mul mit
aufführt.
Das Urteil Nr. 17 nennt keine Aussteller (hirouff spreche
usw.), Nr. 22 die Burggrafen und ihre Mannen (vnnd vnfser
man), die übrigen Urteile sind von der Mannschaft (von, zu
Donyn; der Dohnischen Pflege) gefällt, zum Teil unter Nennung
des Hauptmanns, des markgräflichen Vogtes zu Dohna. Fünf
Schöppensprüche werden erteilt durch Hans Bebrach, Vogt
zu Dohna (18, 19, 27) oder unter Hans Bebrachs Siegel (21),
„das wir mannschafft mete gebrauchin" (23); zwei durch
Hans von der Oelsnitz, Hauptmann (24, 25), je eins durch
Heinrich List (26) und Foltsch von Torgau (28), die
beide als Hauptleute bezeichnet werden, zwei durch Apetz
Kar ras (29: Apetz kaws houptman, 30: Dewps karas heupt-
mann). Diese Namen ergänzen nicht nur die bisher bekannte
Reihe Dohnischer Vögte, sie ermöglichen auch, zusammen-
gehalten mit den Resultaten meiner ersten Arbeit, eine ge-
nauere Bestimmung verschiedener Urteile.
Ich hatte mich bereits früher für Gottschalks Ansicht
ausgesprochen, dafs Hans Bebrach Vogt zu Dohna gewesen
sei, wahrscheinlich um 1412. In dem von ihm gezeichneten
Urteile Nr. 18 streitet nun Kwnhanns (kynnhanns) mit der
Frauen, derselbe (kwnhans, kinhans) in Nr. 19 mit der Frau.
Einen gleichen Streit betraf aber das Urteil Nr. 30 meiner
ersten Veröffentlichung, der nach Knothe 141 1 zu gunsten
der Frau Katharina, Leuthers von Gersdorf Witwe, und
^) Der fünfte, Friedrich, kommt als Geistlicher nicht in Betracht.
224 Kleinere Mitteilungen.
gegen Hans (Jon) von Gersdorf auf Reichenbach, früher auf
Kuhna, „dem Kuhnehans", durch die Mannen zu Dohna ent-
schieden wurde. Zur selben Zeit war Hans von Bibrach mit
seinem Bruder Gebhard Besitzer von Grofssedhtz bei Dohna ^).
In Nr. 21 sprechen Jan und Heinrich Güter an, die
Lutold innehat. Auf Angehörige der FamiUe Gersdorf scheint
sich der Streit nicht zu beziehen, wie man aus den Vor-
namen vermuten könnte (Leuther von Gersdorf wird urkund-
hch auch einmal Leutold genannt [Knothe S. 220]), da Leuther
schon 1408 starb.
In Nr. 23 gibt Frenzel von Borna an: vier Brüder,
Pritsche, Hanns, Witche und Ingram von Landskrone, hätten
ihren Besitz so unter sich verteilt, dafs Pritsche den einen
Teil bis an die Strafse auf dem Berge hinter dem Dorfe
Damas (Dohms, Weichbild Lauban) bekam, die anderen aber
die (Sommerauer) Heide von der Strafse ab und Frymsdorf
(Primsdorf), Sommerau und andere Güter behielten. Nach
ihrem Tode seien diese an Hentschels (Hans?) Kinder und
seine Frau gekommen, die die Heide an den von Borna ver-
kauft hätten. Nun erhöben Pritsche und seine Kinder An-
spruch auf diese. Die Landskroner Zschaslau und Kalkreuter
und Peter bestritten die Rechtsgültigkeit des Kaufes, da
Hentschils Kinder unmündig gewesen seien, Nickel Lands-
krone habe beim Vogt Einspruch erhoben und die Görlitzer
Mannschaft demgemäfs entschieden.
Wenn die Görlitzer Kopie in Bezug auf die Namen zu-
verlässig ist, würde sie einen interessanten Beitrag zur Ge-
schichte derer von Landeskrone bieten, nach Knothe (S. 329)
wären sie schon seit 1366 nicht mehr in der Oberlausitz an-
sässig gewesen. Von dem erwähnten Besitze gehörte Sommerau
später denen von Biberstein, Dohms seit dem ersten Drittel
des 15. Jahrhunderts zur Hälfte denen von Kaikreuth, die
andere Hälfte und die Sommerauer Heide um 1507 Heinrich
von Kittlitz auf Eisenberg, Primsdorf denen von Rechenberg
(Knothe S. 664 und 641).
Wenn im Urteile 27 die Anfrage am Tage der 10 000
Ritter, die Antwort Montag vor Petri erfolgt, so können nur
die Jahre 141 2 und 14 13 in Betracht kommen, da nur in
diesen zwischen beiden Terminen eine Frist von fünf (141 2:
22. Juni bis 27. Juni) und vier (1413: 22. Juni bis 26. Juni)
Tagen liegt, die einer Anfrage aus Görlitz entsprechen würde.
') Am 28 Januar 1412 erhalten sie einen neuen Lehnbriet' ( M e i c h e ,
Burgen u. vorgesch. Wohnst, d. sächs. Schweiz S. 127).
Kleinere Mitteilungen. 325
Hans von der Oelsnitz ist (Urteil Nr. 40 der früheren
Arbeit) am 24. März 1423 bereits als Hauptmann genannt,
ihm folgt am 8. Juli 1423 Apetz Karras'). Da er die Stelle
noch am lo.Juh 1426 bekleidet (Urteil Nr. 41 der früheren
Arbeit), kann das Datum der Anfrage aus Görlitz in Nr. 24
,, Donnerstag vor Agnes 1424" nicht stimmen, um so weniger,
als es 1424 auf den 20. Januar fällt, die Antwort ,, Montag
vor Fabian Sebastian" (17. Jam;ar) also drei Tage vor die
Anfrage fallen würde. Dagegen kann das Urteil auf die
Jahre 1422 (15. Januar bis 19. Januar) oder 1423 (14. Januar
bis 18. Januar) gelegt werden, in die es gehören mufs, da in
der Anfrage auf einen Brief Bartholomäus Eberhards zu Görlitz
vom 16. Oktober 142 1 Bezug genommen wird. Das nächste
Urteil (Nr. 25) suchen dieselben Parteien. Die Anfrage ge-
schieht aus Görlitz unter ,,Thamen von Gersdorf, des Haupt-
manns der Mannschaft, Siegel" am Mittwoch vor Gregori
(d.i. 1422: II. März, 1423: 10. März), der Bescheid erfolgt
am Montag nach Lätare (d. i. 1422: 23. März, 1423: 15. März).
Vergleicht man das Intervall von fünf Tagen zwischen Anfrage
und Urteil in Nr. 24, so könnte man versucht sein, beide
Sprüche in das Jahr 1423 zu verlegen. Tamme von Gers-
dorf war seit 1420 Hauptmann zu GörUtz^), Bartholomäus
Eberhardt, 142 1 Bürgermeister zu Görlitz, besafs zur gleichen
Zeit das Gut Schönbnmn (südöstlich Görlitz-''), Verklagter
beider Urteile ist Peter N., Richter zu Schönborn.
Heinrich List war 1417 bis etwa 1420 Vogt zu Pirna*),
als Vogt zu Dohna ist er nicht belegt. Nehmen wir an, dafs
er beide Ämter zu jener Zeit verband, wie dies ja schon
früher Günther sen. von Bünau tat, so weist uns die Tages-
angabe des Urteils Nr. 26 „am Dienstage Valentini" auf das
Ausstellungsjahr 1417, da nur in diesem der Valentinstag auf
einen Dienstag (14. Februar) fiel.
Foltsch von Torgau war vom 25. April bis 17. Mai 1405
Vogt zu Dohna. Er war aber auch ungefähr 1420 — 1424
Vogt zu Pirna und hätte in dieser Zeit, zwischen Heinrich
List (bis 1420) und Hans von der Oelsnitz (bis 1423), die
Vogtei Dohna mit verwalten können. Das völlig undatierte
Urteil Nr. 28 verweist uns in den ersten Zeitraum. In ihm
streitet Hans von Biberstein, Herr zu Sorau und Beiskau
') HStA. Cop. 39 f. 76b.
-) Knothe, Gesch. d. oberlaus. Adels S. 193.
^) Ebenda S. 168.
*) Meiche a. a. O. S. 107.
326 Kleinere Mitteilungen.
(Beeskow), mit Siegmund Bär, Bürgermeister zu Bautzen, um
das Lehngut Radewar (Radibor nnw. Bautzen). Nach Knothe
(S. 593) soll letzteres 1397 "^^"^ ,, Siegsmund Behr, Bürger
zu ßudissin", gehört, 142 1 aber im Besitze von Gerhard
von Bolberitz gewesen sein (Knothe S. 137); Johann II.
von Biberstein (1346 — 1428) war Herr der obengenannten
Besitzung-en.
Apetzkaws und Dewpskaras endlich scheinen wieder
mit dem schon erwähnten Apetz Karras identisch zu sein,
der vom 8. JuU 1423 bis (mindestens) 10. Juli 1426 Vogt
zu Dohna war. Er zeichnet Urteil Nr. 29 und 30, von denen
nur letzteres das Datum der Anfrage (Mittwoch vor Simon
Judä) und Antwort (Freitag nach Allerheiligen) trägt. Die
zwischenHegende Frist ist zehn (1423) oder neun Tage (1424,
1425), pafst also bei allen drei in Frage kommenden Jahren.
Das Urteil selbst behandelt eine Willkür zwischen Coimann
von Metzinrode und Friedrich von Rabenau, in der auf einen
Brief des Thamme von Gersdorf an Hans von Penzig Bezug
genommen wird. Die Anfrage unterschreibt Nickel von Gers-
dorf vom Hörne, Hauptmann zu Görlitz. Ein Coimann
von Metzrath besitzt nun 1422 — 1444 Liebeln (Knothe S. 367),
ein zweiter, auf Reichwalde (Knothe S. 432) zitiert 1423
Friedrich von Rabenau wegen Holzfrevels vor Gericht. Ein
Nickel -Voitländer von Gersdorf war 142 1 Hauptmann zu
Görlitz (Knothe S. 231), ein Hans von Penzig, der 14 19 eine
Fehde mit Christoph von Metzradt auf Reichwalde hatte, safs
auf Muskau (Knothe S. 41 5 f.).
Auch einige der anderen Urteile gestatten mitunter durch
die in ihnen genannten Personen eine etwas genauere Be-
stimmung. In Nr. 8 (burggräflich) wird ein Heinze, ein
Heinrich von Schreibersdorf, ein Ecke erwähnt. Ein Heinze
von Schreibersdorf safs Ausgang des 14. Jahrhunderts auf
Gruna (östlich Görlitz); den seltenen Vornamen Ecke führt
ein Herr von Radeberg auf Holtendorf und Thiemendorf,
dessen Bruder Jone um 1390 starb.
Im Urteile Nr. 9 (burggräflich) wird ein Hans von Panne-
witz als verstorben erw^ähnt. Knothe (S. 409) führt zwei
dieses Namens an, einen 1397 zu Lossa (nordöstlich Königs-
wartha), der aber noch 1435 lebt, einen zweiten 1350 auf
Königswartha.
Im Urteile Nr. 10 (burggräflich) handelt es sich um eine
Geldschuld Peters und seines Sohnes Heinrich an Heinrich
von Czirnhawse, zu der Hans von Sebin und andere Leute
klagen. Wenn im Urteile „Peter von Hoberg und sein Sohn"
Kleinere Mitteilungen. 327
Urteil zu Donin holen liefsen, so könnten dies entweder die
„anderen Leute" oder die Schuldner sein. Ein Peter von H.
und Sohn Heinrich kommen jedoch nicht vor, dagegen 1378
bis 1401 ein Peter von Grifslau auf Rudelsdorf, dem 1403
bis 1433 ein Heinrich von Gr. daselbst folgt, nach Knothe
(S. 251) wohl sein Sohn; ein Niklas von Gr., der im Urteil
als Zeuge erwähnt wird, lebt um dieselbe Zeit. Vielleicht
betrifft der Streit also die Familie von Grifslau. Da Knothe
(S. 517) berichtet, dafs Heinrich Scerhusen und Hannus
von Sebin 1385 um 100 Mark, die letzterer zu fordern hatte,
in Görlitz verglichen wurden, fällt unser Urteil also nach
dieser Zeit.
Das Urteil Nr. 20 zeigt sich durch die angeführten beiden
Lehnbriefe als identisch mit dem alten Urteile Nr. 7, das
Anton veröffentlicht hat und das sich auf den 13. Januar 1390
bestimmen liefs. Es zeigt so recht die Unzuverlässigkeit des
Abschreibers, der im ersten Lehnbriefe nach ,, gegeben zu
Prag an deme irsten" die Schlufsworte ,,Tage in Ottobris"
vergifst. Wenn Anton im zweiten Lehnbrief das wohl richtigere
Jahr 1382 hat statt 1388 und unter den urteilfällenden Burg-
grafen auch Mul nennt, so war die ihm vorliegende Kopie
wohl die bessere, obwohl sie bereits so vermodert war, ,,dafs
ihr Dasein nicht mehr lange bestehen" konnte').
Die Urteilsfloskeln sind völlig dieselben wie in den bereits
bekannten Schöppensprüchen, nur dafs die Burggrafen an Stelle
des ,,wir sind um Recht gefragt worden" das zeremoniellere
,, bekennen und tun kund, dafs wir um Recht gefragt sind",
setzen. Die Formeln der Zuschriften sind die im Verkehr
mit adeligen Herren gebräuchlichen: „Vnfsern vnuordrossen
willigen dinst zcuuor lobesamer gestrenger gunstiger forderer"
(Nr. 23), „Unfsern vnuordrossen dinst mit fruntlicher behege-
lichkeyd Edelen weyssin hern, besundern gonner, ewer vor-
sichtike3^t thw wir zcuwissin" (Nr. 28), ,, Bitte wir ewer weys-
heid vnns zcu vndirrichten" (Nr. 25) oder ,,zcu vndir-
we3'ssin" (Nr. 24).
Die meisten Urteile zeigen durch die kopierte Anfrage
oder durch Redewendungen, dafs sie schriftlich gegebene Be-
scheide waren, und zwar solche eines freiwillig gewählten
Schiedsgerichts, oder erbetene Ratschläge des im Gerüche
gröfserer Kenntnis stehenden Gerichtes. Den schriftlichen
Bescheid beweisen Äufserungen wie ,,hirouff spreche wir
schrifftliche schault vnnd antwort als die vor vnns brocht
1) Anton, Diplomat. Beiträge S. 227.
328 Kleinere Mitteilungen.
ist" (Nr. 26), „Des beten wir vns yn ewern vorsigelten briffe
So ir das eh gethun moget wedir zuuorschreibin" (Nr. 23)
und „Hirinne bitte wir ewre lobeliche weysheid vnns zcu
vndirweyssin noch leenrechtis rechte vndir ewren Ingesigel"
(Nr. 28). Im Urteil Nr. 10 haben die Parteien, nachdem ein
Urteil von Dohna schon eingeholt ist, sich verglichen, die
Sache niemals wieder vor Gericht zu bringen, sondern durch
vier Schiedsrichter entscheiden zu lassen. Trotzdem reisen
die Zeugen, Klaus Heller und Niclas von Grifslau, selbst
nach Donin, wohl weil sie selbst keine Entscheidung fanden,
und es wird auch noch ein dritter Spruch (Nr. 10) eingeholt.
In ähnlicher Weise beschlielsen die Parteien in Nr. 28 ,,die
[Sache] keyn Donynn [zu] schreibin", wenn sie nicht ent-
schieden werden könne. In Nr. 28 ermächtigt Siegmund Bär
die Mannen zu Friedland, falls sie selbst Recht nicht finden
können, ,,das ir das holet an der stat do ir daz billich holin
sollet noch leenrechtis rechte als recht ist". Sie holen es
in Dohna und zeigen dadurch, dafs dessen Ruhm eben vorzugs-
weise auf lehnrechtlichen Entscheidungen gegründet war.
Diese Inanspruchnahme des Dohnaer Gerichts geschieht
auch hier wiederholt durch die gleichen Parteien. So sind
letztere dieselben in Nr. i und 22, in Nr. 5 und 7, in Nr. 18
und 19, in Nr. 24 und 25, so ist in Nr. 11 bereits früher ,,das
recht von Donyn her geteylt", ebenso, wie schon erwähnt,
in Nr. 10.
Wenn in der „Sentencia von Bekentnisse Neyn vnnd
yo" (Nr. 4) die Burggrafen bekennen: ,,Eynn Jude qwam vor
vnns vnd sprach" (ein Ritter sei ihm 30 Mark Groschen
schuldig; Frenzel habe gebürgt; er begehre mit ihrem be-
siegelten Brief als Beweis Gerichtes und Antwort) — ,,der
Ritter antwortet" (er bekenne sein Siegel, doch die Summe,
die er gern zahlen wolle, sei nur 10 Mark)^ — ,, Frenzel spricht"
(er bekenne sein Siegel, die Summe wisse er nicht), so er-
weckt das den Anschein, als sei das Urteil im offenen Ding
gesprochen. Dann würde diese Schuldklage die Bd. 26, S. 231
ausgesprochene Ansicht widerlegen, d^fs offene Dingsprüche
des Dohnaer Schöppenstuhls nur lehnrechtliche Streitigkeiten
betreffen durften. Wir finden aber die Redewendungen ,,kam
vor uns", ,, spricht" und ,, antwortet" so oft in nachweisbar
schriftlich gegebenen Bescheiden, dafs sie nicht als beweis-
kräftig für ein Dingurteil angesehen werden dürfen. Eher
schon könnte das Urteil Nr. 5 ein solches sein. Es trägt die
Überschrift: ,, Sentencia. Mit orteylen behalden. Vor gehe-
getter banck zwir frogin vmb recht ann vnns Ottenjeschkon
Kleinere Mitteilungen. 329
Heyde vnnd Jon ist also." Im Texte spricht der Kläger:
sein verstorbener Bruder habe 120 Mark hinterlassen, die
einer innehabe; er verlange seinen Erbteil (es sind mehrere
Geschwister); der Antworter spricht: der Kläger und auch
die Frau hätten das Geld angesprochen, die Frau es vor
gehegter Bank gewonnen. Dem entgegnet der Kläger, er
wolle nicht der Frau, sondern seines Bruders Geld. In diesem
Urteile würde es sich also um Erbe in einem offenen Ding-
spruche handeln. Aber auch hier scheint die ,, gehegte Bank"
sich auf die erste Instanz, die den Dohnaer Ratschlag ein-
holt, zu beziehen.
Die Rechtsprechung des Dohnischen Schöppenstuhls um-
falst auch in diesen 30 Sprüchen das bisher bekannte Gebiet,
doch bieten zwei Urteile besonderes Interesse. In Nr. 23
wird von Borne eines Friedensbruches beschuldigt, darauf
entscheidet die Mannschaft unter Hans von Bibrach: ,,darüme
fuget vnns doruff nicht zcusprechin Sintdemole das die sache
vnuorantwortet ist". In Nr. 30 aber, die eine Willkür zwischen
Colmann von Metzradt und Friedrich von Rabenau betrifft,
die letzterer nicht gehalten haben soll, antworten die Mannen,
„wenne wir abir willekore vorder keynn Recht sprechin".
Sie entscheiden also nicht nur über Stadtrecht nicht (Bd. 26
S. 235), sondern auch nicht über persönliche Verträge. Ob
das vorder (= sonst) sich auf eine nicht genannte Bedingung
bezieht, ist zweifelhaft, es könnte auch auf den Nachsatz
zielen, in dem sie vorsichtig die eben gemachte Einschrän-
kung ihrer Tätigkeit umgehen: ,, wenne wes sich yo der mann
vorkoret das helt her mogelich".
Zum Schlufs möchte ich noch darauf hinweisen, dafs eine
Redewendung auf die Bezahlung der Urteile zu deuten scheint:
„betten wir euch liebin hern vmb ewre forderunge Das
wellin wir alletzit vordynnen".
4. Das Wappen des Bistums Meifsen.
Von Eduard Heydenreich.
In der Literatur über das Wappen des Bistums Meifsen
finden sich zahlreiche Irrtümer. Eine auch hinsichthch der
Farben vollständige und richtige Beschreibung des Wappens
ist nirgends gedruckt. Auch eine erschöpfende Verzeichnung
der einschlagenden Literatur fehlt.
0 3O Kleinere Mitteilungen.
Kissel, Wappenbuch des deutschen Episkopats (Frank-
furt a. M. 1891) S. 108 hat eine Abbildung des Schildes des
Bistums Meifsen veröffentlicht; derselbe ist von Gold und
Blau gespalten und zeigt auf der Spaltlinie eine heraldische
Lilie mit verwechselten Farben. Als Quelle nennt Kissel
Siebmachers Wappenbuch Dieses Wappenwerk zeigt in der
Ausgabe von 1696 noch keine Abbildung des Meifsner Bistums-
wappens, doch tindet sich eine solche in den Ausgaben von
1705 und 1734, Tafel 11, aber ohne jede Quellenangabe.
Das Wappen vom „Bisthumbe Meichsen" zeigt auch hier im
Schild die Lilie auf der Teilungslinie. Dieses Wappen findet
sich bereits 1608 als das Meifsner Bistumswappen bei Peccen-
stein, Theatrum Saxonicum, S. 31. Ein noch älteres Vor-
kommen der Lilie, freilich im ungespaltenen Schild, würde
für den episcopus Misnensis auf dem Konstanzer Konzil vor-
liegen, wenn nicht, wie weiter unten ausgeführt wird, diese
Überlieferung in einem Frankfurter Druck des Jahres 1575
Blatt 105 b sehr schlecht bezeugt wäre.
Die Lilie ist eine der allerhäufigsten W^appenfiguren. La
Chesnaye des Bois zählt in seinem Dictionnaire genealogique
(1757) Tom III 5500 Familien, Städte und Korporationen allein
in Frankreich auf, welche die Lilie führen ; und das Verzeichnis
der europäischen Familien mit der Lilie im Wappen bei
Ren esse, Dictionnaire des ligures heraldiques (Bruxelles
1894 ff.) beträgt trotz der besonders vom Verfasser hervor-
gehobenen Kürze seiner Darstellung doch noch 88 Spalten.
Beispielsweise sei aus Grensers Aufsatz ,,Die Lilie in der
Heraldik" (Zeitschrift des heraldischen Vereins ,, Adler" in Wien
III, 1873, S. 89) hervorgehoben, dafs die von Schatz in Strafs-
burg in allen Einzelheiten genau dasselbe Wappen führen, das
bei Kissel, Siebmacher und Peccenstein als das des Bistums
Meifsen ang^egeben ist. Wie leicht konnte ein solches Fami-
lienwappen von einem derjenigen Bischöfe von Meifsen, deren
Familien auch nach den Untersuchungen von Machatschek
(Geschichte der Bischöfe des Hochstiftes Meifsen in chrono-
logischer Reihenfolge, Dresden 1884) und Ebeling (Die
deutschen Bischöfe bis zum Ende des 16. Jahrhunderts, 2. Bd.,
Leipzig 1857, S- 205 ff.) unbekannt sind, oder von einem Mit-
gliede des Meifsner Domkapitels geführt und dann irrtüm-
licherweise für das des Bistums selbst gehalten werden!
Auch kam es vor, dafs Wappen durch Schenkung, Verkauf
oder letztwillige Verfügung von einer Person erworben wur-
den, die mit dem das Wappen führenden Geschlechte nicht
verwandt war (Kekule v. Stradonitz, Rechtsgeschäfte über
Kleinere Mitteilungren
ö"-
331
Wappen und Wappenteile, Jahrbuch der Gesellschaft „Adler"
Neue Folge, 14. Bd., Wien 1904 und Ausgewählte Aufsätze aus
dem Gebiete des Staatsrechtes und der Genealoorie. Neue
Folge, Berlin 1907, S. 173 if.)- Dals das genannte Lilienwappen
nicht das des Bistums Meifsen ist, ergibt sich schon aus dessen
weiter unten zu besprechenden Siegelführung.
Es hat ein Unstern über den Veröffentlichungen des
Meifsner Bistumswappens geschwebt. Denn wenn das von
Adam Berg 1576 herausgegebene Schrotsche Wappenbuch
ein schwarzes Kreuz im gelben Schilde als Wappen des Bis-
tums Meifsen darbietet, so ist dies ein völlig aus der Luft s:e-
griffenes Machwerk. Seine Neuveröffentlichung durch Seyler in
der neuesten Bearbeitung von Siebmachers Wappenbuch ( i . Band,
5. Abteilung, i, Reihe, Bistümer und Klöster 1881, Tafel 7) hat
nur Wert als ein Beitrag zur Geschichte der Fälschungen.
Auch die Darstellung des Wappens Johannes III. von
Kittlitz, Bischofs von Meifsen (1393 — 98), auf der soeben
zitierten Tafel der neuesten Ausgabe von Siebmachers W^appen-
buch enthält einen Fehler, insofern — entgegen dem sonstigen
Gebrauch bei den Darstellungen des Meifsner Bistumswappens
— neben der Bischofsmütze nicht nur der Krummstab, sondern
auch das Schwert gezeichnet ist. Das mit dem Krummstab
geschrägte blanke Schwert, das Zeichen des Blutbannes,
führten nur die ehemals souveränen geistlichen Reichsfürsten
(von Sacken, Heraldik, 6. Aufl , S. 121). Der Fürstenstand
der Bischöfe von Meifsen ist umstritten. Man mag ihn theo-
retisch für die ältere Zeit des Bistums nicht bezweifeln (vgl.
Ficker, Vom Reichsfürstenstande I, 276; Gersdorf, Ur-
kundenbuch des Hochstiftes Meifsen I, 1864, S, VIII), da die
Namen der Bischöfe von Meifsen dort, wo sie als Zeugen in
Kaiserurkunden erscheinen, nicht selten vor Bischöfen stehen,
deren Reichsfürstenstand nicht dem geringsten Zweifel unter-
liegt, und da ihnen auch in Urkunden die Prädikate princeps
karissimus (1292), princeps devotus dilectus (1372) und ,,er-
wirdiger fürst" (1475) beigelegt werden. Praktisch aber übten
zwar die Bischöfe von Meifsen einige landesherrliche Rechte
aus, besaisen jedoch keine unmittelbare Reichsstandschaft,
sondern hatten bei dem mit fast ängstlicher Vorsicht be-
handelten Verhältnis zu den Markgrafen von Meifsen Ver-
anlassung, diese als Erbschutzherren, sich selber aber als
partikulare Landstände und Landesbischöfe zu betrachten. Die
Anerkennung dieses Verhältnisses geschah ausdrücklich 1542.
Das Wappen des Bistums Meifsen entbehrt daher mit Recht
des Schwertes.
Neues Archiv f. S. G. u. A. XXVIII. 3. 4. 22
33:
Kleinere Mitteilung:en
?:>'■
Über das wahre Wappen des Bistums Meifsen gibt die
Siegelführung der Bischöfe von Meifsen Auskunft, wie solche
aus dem von Gersdorf in drei Bänden heraussfe^ebenen
Urkundenbuche des Hochstiftes Meifsen ersichtlich ist. Diese
Siegelführung hat Seyler in der Vierteljahrsschrift für
Heraldik, Sphragistik und Genealogie 2. Jahrg. 1874, S. 33 ff.
im Zusammenhang erörtert. Der erste, welcher ein Wappen
des Bistums Meifsen führte, ist, wie auch Hauptmann,
Das Wappenrecht (Bonn 1896) S. 134, mit Recht bemerkt,
Johann II. von Jenzenstein (1375 — 79). Das spitzovale Haupt-
siegel dieses Bischofs zeigt in einem gotischen Chore die
beiden Heiligen Donatus und Johannes, unter dem Chore in
einer torartigen Einfassung eine knieende Figur im bischöf-
lichen Ornate, aufserhalb dieser Einfassung, rechts und links,
zwei Wappenschilde. Von diesen zeigt das heraldisch linke
das Geschlechtswappen des Bischofs, nämlich zwei Geier-
köpfe, die aber hier mehr Schwanenköpfen ähnlich sehen,
dagegen das heraldisch rechte zum ersten Male das Wappen-
bild des Bistums Meifsen, nämlich das Lamm Gottes mit der
Fahne. Das kleinere und Rücksiegel dieses Bischofs zeigt
bis an den rechten Rand herausgerückt ebenfalls das Lamm
Gottes mit der Fahne. Dieses Siegelbild des Bistums Meifsen
findet sich von da an häufig, schon bei Johann III. von
Kittlitz in Feld i und 4 eines gevierten Wappenschildes,
dessen Feld 2 und 3 das Familienwappen des Bischofs auf-
weisen. Das kleinere Siegel des Bischofs Dietrich III. von
Schönberg (1463—76) enthält lediglich den Wappenschild
des Hochstiftes, kein Familien wappen: über dem Lamm ein
t, rechts und links davon die Buchstaben m und e.
Die gewöhnliche Richtung, in welcher das Lamm des
Meifsner Bistums einherschritt, ist von heraldisch links nach
heraldisch rechts. Wenn Bischof Johann V. von Weifsenbach
auf seinem kleineren Siegel unter dem Brustbild eines Priesters,
der einen Kelch in der rechten Hand hält, zwei einander
zugeneigte Wap})enbilder führt, von denen das heraldisch
rechte das Lamm Gottes in der Richtung heraldisch links
schreitend zeigt, während das heraldisch linke Wappen den
Ochsenkopf, also das Familienwappen des Bischofs aufweist,
so entspricht dies der später, namentlich bei Ehewappen,
immer mehr üblich gewordenen Gewohnheit, die Wappentiere
und Wappenteile tunlichst einander zugeneigt zu stellen. Aber
auch separat kommt ausnahmsweise das Lamm in der Richtung
nach heraldisch links schreitend vor, so im kleineren und
Rücksiegel des Bischofs Johann IV. Hofmann (1427 — 145 1).
Kleinere Mitteilungen. 7^7
Abgesehen von der Richtung, in welcher das Lamm
schreitet, finden sich noch drei Variationen: i, die veröffent-
lichten Siegelbiider an Urkunden zeigen keinen Heiligenschein
um den Kopf des Lammes; die Grabdenkmäler am Dom zu
Meifsen bieten, soweit man nach dem Buch von Ebert über
dieses Gotteshaus urteilen kann, bei Johann von Ysenberg,
Thimo von Kolditz und Kaspar von Schönberg keinen
Heiligenschein, dagegen die von Johann von Weifsenbach und
Johann von Schleinitz einen solchen. 2. Das Lamm setzt
bald den rechten, bald, den linken Fufs vor. 3. Die Fahnen-
stange ist bald hinter, bald vor dem Rumpf des Lammes
dargestellt. Schraffierung ist auf keinem der mir vorgelegenen
Siegel des Bistums Meifsen wahrzunehmen gewesen.
Wenn Seyler auf der angezogenen Tafel der neuesten
Ausgabe von Siebmachers Wappenbuch ,,nach Siegeln" das
Lamm auf einer Rasenfläche dahinschreitend abbildet, so ist
dem entgegenzuhalten, dafs auf den von Seyler zu Grunde
gelegten Siegelabbildungen ^) ein Boden oder Rasen, auf
welchem das Lamm einherschreiten könnte, nicht ange-
geben ist.
Bei Grote, Stammtafeln, Leipzig 1877 (= Münzstudien
desselben Verfassers, Bd. 9) S. 517 wird das Wappen der
Bischöfe von Meifsen wie folgt beschrieben: ,,6 -fach h[och]
g[e]th[eilt] g|old] b[lauj. Darauf Osterlamm w[eifs] mit Fahne,
darin Kreuz w[eifs] in b[lau]". Die hier vorliegende Angabe,
dafs der Schild des Meifsner Bistumswappens ,, hochgeteilt"
oder, wie man sich jetzt deuthcher auszudrücken gewöhnt
hat, „gespalten" geführt wurde, begegnet auch in dem äufserst
seltenen, zu Augsburg 1483 erschienenen, mit zahlreichen
Wappen ausgestatteten Buche über das Konstanzer Konzil
(auf der Königl. öffentl. Bibliothek in Dresden-Neustadt Concil.
39 m). Hier wird Blatt 138b unter anderen das Wappen von
,,d(omi)n(u)s Petrus episcopus Mifsnensis" vorgeführt: der
Schild ist fünffach von Rot und Gold gespalten, also nicht
sechsfach, wie bei Grote angegeben wird. Auf die Farben
jenes alten Druckes ist ein Gewicht nicht zu legen. Denn
in den Drucken jener Zeit wurden die Wappenfarben erst
nach erfolgter Drucklegung eingetragen, und zwar mit grofser
Willkür, wie es demjenigen, der diese nachträgliche Kolo-
rierung zu besorgen hatte, gerade pafste. Zu der Wappen-
1) Vgl. Gersdorf, Urkundenbuch des Hochstiftes Meifsen 2. Bd.
Tafel III und Seyler in der Vierteljahrsschrift f. Heraldik, Sphragistik
u. Genealogie II (1874), 33 ff.
334 Kleinere Mitteilungen.
darstellung in jenem Konzilbuch vom Jahr 1483 ist jedoch zu
bemerken, dafs der ohne Farbennachtragung vorliegende
Druck ,,Costnitzer Concilium So gehalten worden im Jar
tausend vier hundert und dreyzehn", Frankfurt a. M. 1575,
Blatt 105 das Wappen des dominus Petrus episcopus Mis-
nensis und das auf derselben Seite abgedruckte Wappen des
dominus Johannes episcopus Warrinacensis miteinander ver-
tauscht zeigt, also den fünffach gespaltenen Schild dem epis-
copus Warrinacensis zuweist, dagegen dem dominus Petrus
episcopus Misnensis einen gevierten Schild, in welchem in
den ungespaltenen Feldern i und 4 eine Lihe und in Feld 2
und 3 ein Wiederkreuz erscheint. Ferner w-ar zur Zeit des
Konstanzer Konzils kein Petrus, sondern Rudolf von der Planitz
(1411 — 27) Bischof von Meifsen. Dafs auch in den letzten
Zeiten des Bistums Meifsen der Schild desselben in Wahrheit
ungespalten geführt wurde, beweisen die im Kgl. Sächsischen
Hauptstaatsarchiv aufbewahrten, höchst sorgfältigen Ab-
bildungen von Siegeln des Meifsner Bistums aus den Jahren
1524 und 1540. Ebenso zeigt das Grabdenkmal für Bischof
Johannes von Schleinitz (-j- 1532) das Wappen des Bistums
Meifsen mit ungespaltenem Schild (Ebert, Der Dom zu Meifsen
1835, Abbildung zu S. 121). Als nach Säkularisierung des
Bistums der Kurfürst und dann der Königr von Sachsen das
Wappen des Meifsner Bistums weiterführten, taten sie dies
ebenfalls im ungespaltenen Schild. Dies zeigen die ein-
schlagenden Siegelstempel des Kurfürsten Johann Georg II.
und des Königs Friedrich August (Kgl. Sachs. Hauptstaats-
archiv, Schrank XXXIII, Kasten i, Fach 2 und Schrank XXXIII,
Kasten 29, Fach 31). Wie übrigens der Graveur dazu kam,
den Schild des Bistums Meifsen im vorerwähnten Siegel-
stempel des Königs Friedrich August vollständig (nicht ge-
spalten) blau zu gravieren, ist unerfindlich, da ein solcher
Schild für das Bistum Meifsen nirgends sonst bezeugt ist.
Glücklicherweise läfst sich das richtige Wappen des
Bistums Meifsen auch hinsichtlich der Farben feststellen.
Ursinus sah nämlich in der Domkirche zu Meifsen, wie er in
deren Geschichte (Dresden 1782, S. 82) berichtet, das „Stifts-
Wappenschild" ,,rot tingiert mit einem weifsen Agnus dei".
Unter Berufung auf diesen Gewährsmann hat Georg Viktor
Schmid ,,Die säcularisierten Bisthümer Teutschlands" I (1858),
395 das Wappen bildUch veröffentlicht. Über die Farben der
Fahne auf dem gemalten Bilde in der Domkirche zu Meifsen
berichtet Ursinus nichts. Schmid hat die Fahne weifs mit
rotem Kreuz veröffentlicht. Diese bei Ursinus fehlende An-
Kleinere Mitteilungen. 33^
gäbe ist eine Zutat Schmids; dafs sie irrig ist, ergibt sich
aus dem Folo-enden.
Im Jahre 1504 erschienen in Meifsen mit zahlreichen
Abbreviaturen die vom dortigen Bischof Johann von Sal-
hausen (1457 — ^S^^) testgesetzten Statuta Synodalia epis-
copatus Misnensis. Über diese Publikation berichtet sie selbst
am Schlufs: „Statuta ista cum aliis eis adiunctis. Ex speciali
commissione Reverendissimi in christo fratris et domini domini
Johannis de Salhaufsen Episcopi Mifsnensis per venerabilem
et eorregium virum dominum wilhelmum de Hetzschitz Utrius-
que iuris doctorem pro tunc curie Episcopalis Mifsnensis
Officialem generalem in ordinem premissum redacta et dili-
genter perque Melchiorem Lotter in famoso opido Liptzk
Merfseburgensis dyocesis. predicti domini Episcopi impensis
pro conseruatione Status ecclesiastici sunt impressa"^). Das
auf der Königl. öffentlichen Bibliothek in Dresden verwahrte
Exemplar dieser Statuten (Hist. Saxon. L 85) enthält auf der
Rückseite des Titelblattes ein mit seltener Schönheit sorsr-
fältigst gemaltes Wappen des genannten Bischofs, nämlich einen
quadrierten Schild, Feld i und 4 das Stiftswappen, Feld 2 und 3
das Familienwappen des Bischofs, nämlich in Gold einen
roten Greifenkopf, auf dem Helm mit rotgoldener Decke den
Kopf des Schildes, durchbohrt von einem goldenen Pfeil,
Das Wappen des Bistums Meifsen weist in vollkommenster
Deutlichkeit alle Einzelheiten auf: der Schild ist ungespalten
und rot; das Lamm schreitet nicht auf einem Boden oder
Rasen und hat um den Kopf einen goldenen Heiligenschein;
das als Fahnenstange dienende Holzkreuz ist naturfarben, die
Fahne selbst blau, das Kreuz an ihr silbern. Bischofsmütze
und Krummstab sind o^olden. Das Schwert als Zeichen des
Blutbannes fehlt mit Recht. Das offenbar unter Aufsicht des
Bischofs von Meifsen gemalte Wappen stimmt mit der vor-
genannten Beschreibung bei Ursinus und ergänzt sie betreffs
der Farben.
Dementsprechend ist das Wappen des Bistums Meifsen
wie folgt zu blasonieren: In Rot ein schreitendes, weifses
Lamm Gottes mit goldenem Heiligenschein, ein
naturfarbenes Holzkreuz tragend, an welchem eine
blaue Fahne mit silbernem Kreuz flattert.
^) Die Abkürzungen sind von mir aufgelöst, Orthographie und
Interpunktion beibehalten.
Literatur.
Erpliurdianus Antiquitatiim Variloquus incerti auctoris nebst einem
Anhange historischer Notizen über den Bauernkrieg in und um
Erfurt im Jahre 1525. Herausgegeben von der Historischen Kom-
mission für die Provinz Sachsen und das Herzogtum Anhalt.
Bearbeitet von Dr. ßicliard Thiele, Direktor des Gymnasiums zu
Erfurt. Mit 2 Plänen der Stadt Erfurt im XIII. unJ XVI. Jahr-
hundert, (Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und anderer
Gebiete. 22. Band.) Halle, Hendel. 1906. X, 280 SS. 8».
Der Variloquus — bereits von Eckart in den Scriptores rer.
Germanicar. von Mencke tom. II, jedoch völlig unzulänglich, mit
zahlreichen Lücken und Lesefehlern veröffentlicht — hat in Thiele
einen sehr sorgfältigen und sehr belesenen Herausgeber und Be-
arbeiter gefunden. In umsichtiger Weise antwortet er auf die
Frage, wann und von wem diese Aufzeichnungen gemacht sein
dürften, deren Hauptmasse, eine Chronik von der Gründung Erfurts
in fränkischer Zeit bis zum Jahre 1355 mit einigen anhängenden
Notizen, die das XV. Jahrhundert betreffen, er als „Annalen" im
Gegensatz zu den an Bedeutung ungleich wichtigeren „Historien",
der Zeitgeschichte (1509 — 1517), die den übrigen Teil des Variloquus
ausmachen, bezeichnet Er bringt den Nachweis, dafs der Autor
die aus wörtlichen Entlehnungen aus uns bekannten Quellen zumal
Erfurtischen Ursprungs und einigen untermischten originalen oder
nach ihrer Herkunft bisher noch nicht nachweisbaren Zusätzen be-
stehenden Annalen zwischen dem Herbst 1508 und dem Frühjahr
1514 zusammen geschrieben haben und dafs er mit dem V^erfasser
der Historien identisch sein müsse. Er stellt weiter die ansprechende
Vermutung auf, dafs dieser Verfasser der aus Erfurt gebürtige im
W.-S. 1512/13 als Rektor der Universität, seit 151 3 als Pfarrer zu
St. Michaelis in Erfurt tätige, 1521 an der Pest daselbst verstorbene
Magister Johann Werlich gewesen sein dürfte. Man sieht aus der
letzten Angabe, dafs die anhangsweise gegebenen Notizen über
den Bauernkrieg von anderer Hand herrühren müssen. Beiden,
den Historien und diesen Notizen, hat Thiele eine Fülle von sach-
lichen Anmerkungen hinzugefügt, die der Reformationshistoriker
mit grofsem Dank begrüfsen wird; handelt es sich doch um das
„tolle Jahr" und seine nächste Folgezeit sowie um den thüringischen
Bauernkrieg, Vorgänge, die trotz vieler darauf verwandter Mühe
immer noch an vielen Stellen weiterer Aufklärung bedürfen.
Dresden. Felician Gefs.
Literatur. 337
Die Beziehungen Anhalls zu Kursaclisen von 1212 -1485. Inaugural-
Dissertation von Friedrich Berentlt. Halle 1907. 70 SS. 8''.
Der Gegenstand, mit dem sich diese Arbeit beschäftigt, ist für
die Geschichte Kursachsens und Anhalts von grofser Bedeutung,
einerseits des älteren Familienzusammenhangs der askanischen
Herrscher, andererseits der unmittelbaren Nachbarschaft der Gebiete
wegen und der sich daraus ergebenden politischen und wirtschaft-
lichen Fragen. Die vorliegende Dissertation ist nur ein Teil der
ganzen Arbeit, die vollständig erst später im Druck erscheinen soll;
sie umfafst eine knappe Darstellung der Beziehungen beider Staaten
vom Jahre 1212 — 1347, und zwar in rein chronologischer Aufzählung
der wichtigsten in das Bereich der Aufgabe fallenden Ereignisse;
auf der letzten Seite wird m einem summarischen Überblick auf
die Fortdauer guter Beziehungen bis zum 16. Jahrhundert hinge-
wiesen. Die Arbeit des Verfassers erstreckte sich in diesem Teile
mehr auf ein Aufsuchen der Beziehungen innerhalb der quellen-
mäfsigen Überlieferung und Verdeutlichung des einzelnen Ereig-
nisses durch Hinweis auf die allgemeinen geschichtlichen Verhält-
nisse, das eine wie das andere mehr Sache des Fleifses und der
Sorgfalt. Wir erkennen dabei an, dafs der Verfasser hierin Be-
friedigendes geleistet und sowohl die originalen Quellen als die
entsprechende historische Literatur für seine Zwecke ergiebig aus-
genutzt und verwertet hat. Das Urteil des Verfassers, das sich in
diesem Teile nur in der Kritik der Überlieferung und in der Stellung-
nahme zu kontroversen Fragen zeigen kann, ist besonnen, unter
anderem die selbständig von ihm S. 9 gegebene Erklärung ansprechend
und der weiteren Prüfung wohl wert. Nur in einem scheint er mir
nicht ganz angemessen zu verfahren, nämlich darin, dafs er per-
sönliche Verhältnisse zu sehr in den Vordergrund rückt und von
herzlichen Beziehungen spricht (z. B. S 56), wo doch nur die Wahrung
wi'hlverstandener Interessen die Triebfeder sein konnte. Auf ein-
zelne Fragen einzugehen, verbietet der hier gewährte Raum, doch
will ich wenigstens darauf hingewiesen haben, dafs S. 39 doch wohl
nicht von „Gebietsabrundungen" die Rede sein kann, da die dort
genannten Ortschaften trotz ihrer Übergabe an das Coswiger
Kollegiatstift bei Sachsen verblieben und nicht an Anhalt kamen.
Auch dürfte die vom Verfasser S. 45 vorgetragene AnNicht von der
Lage der Burg Reina mitten im Eibstrom nunmehr endgültig in das
Inventar der Sage gewiesen werden, nachdem ernste Forscher, jüngst
z B. E. Weyhe in der Landeskunde des Herzogtums Anhalt, Bd. II
S. 586, die Unwahrscheinlichkeit dieser Schiffersage dargetan haben.
Die Korrektur könnte etwas sorgfältiger sein, wir erwähnen nur die
sinnstörenden Stufen für Hufen S. 48 und 49, superpacis für super
pacis S. 46 und Sachsen -Zerbst für (Anhalt-)Zerbst S. 53. Insgesamt
darf man die Arbeit, soweit sie vorliegt, als eine fleifsige und sorg-
fältige bezeichnen, die wichtigsten Aufschlüsse freilich wird man
von ihrer Fortsetzung zu erwarten haben, denn erst mit dem Aus-
sterben der Askanier in Kursachsen beginnen die politischen und
wirtschaftlichen Fragen, die eine Bearbeitung des Gegenstandes für
die Landesgeschichte wertvoll und darum wünschenswert erscheinen
liefsen. Möchte es dem Verfasser gelingen, in dieser Beziehung zu
gesicherten und für die Landesforschung verwertbaren Ergebnissen
zu gelangen.
Zerbst. Wäschke.
338 Literatur.
König Albrecht II. (1437— 1439). Von Wilhelm Wostry. (Prager
Studien aus dem Gebiete der Geschichtswissenschaft im Vereine
mit den anderen Fachprofessoren der Geschichte herausgegeben
von Ad. Bachmann. Heft 12 und 13,) Prag, RohUcek und Sievers.
1906. 1907. III, 180 u. 196 SS. 8**.
Die sympathische Persönlichkeit Herzog Albrechts V. von Öster-
reich und seine kurze Regierung als deutscher, böhmischer und
ungarischer König hat von jeher eine gewisse Anziehungskraft auf
den Geschichtsforscher ausgeübt; wenn auch seit dem 1835 erschie-
nenen Werke von Franz Kurz „Österreich unter König Albrecht dem
Zweiten" ihm keine biographische Darstellung gewidmet worden
ist, so beschäftigen sich doch mit ihm eine Reihe mehr oder weniger
eingehender Studien vom Standpunkte der verschiedenen Landes-
ge-chichtea aus. Der Verfasser, der die Regierungsgeschichte
Albrechts im Zusammenhang zu behandeln sich zur Aufgabe ge-
macht hat, sah sich daher im wesentlichen auf eine Rrivision jener
Einzeluntersuchungen angewiesen, von der er kaum wesentlich neue
Ergebnisse erwarten konnte; die Aufgabe war um so entsagungs-
voller, als das Erscheinen der Reichstagsakten für jene Jahre, das
in absehbarer Zeit bevorsteht, vermutlich noch manches neue
Material zu Tage fördern wird. In der Tat weicht das Bild des Fürsten
und seiner Politik, das W. entrollt, nicht wesentlich von dem ab,
das bisher als richtig gegolten hat. Immerhin haben fleifsige Studien
in den Archiven zu Breslau, Dresden, Eger, München, Prag und
Wien eine Reihe neuer Einzelheiten ergeben, für die man dem
Verfasser dankbar sein mufs; die wichtigsten (21 Nummern)
hat er dem Werkchen als Beilagen im Wortlaute beigefügt. Die
Darstellung ist geschickt gruppiert und , abgesehen von einigen
Austriazismen („in Gänze", „diesbezüglich" u. dergl.), gewandt durch-
geführt. Nach einer Einleitung, in der nach einer Charakteristik
Albrechts sein Verhältnis zu seinem Vorgänger Sigismund nament-
lich in reichspolitischer Beziehung besprochen wird, behandelt der
Verfasser in sechs Abschnitten Albrechts Nachfolge in Ungarn,
seine Wahl zum deutschen König, seine Nachfolge in Böhmen, seine
Stellung zur weltlichen Reform und zur kurfürstlichen Neutralität,
König Albrecht in Schlesien, König Albrecht in Ungarn und seinen
Ausgang. Der vorletzte Ab.^chnitt berührt sich nahe mit einer Studie
des Referenten über Schlesiens Verhältnis zu Polen und zu König
Albrecht II. 1435 — 1439, die 1874 im 12. Bande der Zeitschrift für
Geschichte und Altertum Schlesiens (und zugleich als Festgabe zum
50. vSemester der historischen Übungen von Gf ort; Waitz) erschien;
mit Befriedigung kann ich feststellen, dafs der Verfasser über ein
reicheres Materiil verfügte, als mir damals zur Verfügung stand,
und meine Darstellung in mancher Einzelheit berichtigt. Im ein-
zelnen auf den Inhalt des Werkchens einzugehen, ibt hier nicht die
geeignete Stelle. Nur darauf möchte ich hinweisen, dafs auch die
sächsische Geschichte jener Zeit, über die Spezialuntersuchungen
noch nicht vorliegen, manchen Gewinn aus der Arbeit Wostrys
ziehen kann. Kurfürst Friedrich der Sanftmütige stand, völlig im
Einklang mit der von Alters her reichstreuen Politik der Wettiner,
auch diesem ersten Habsburger auf dem deutschen, böhmischen und
ungarischen Throne von Anfang an treu zur Seite. Als er nicht
imstande war, den feindlichen Zusammenstols mit Polen durch
gütliche Vermittlung zu vermeiden, stellte er dem Könige ein be-
deutendes Kontingent an Hilfsmannschaft, und gerade die sächsischen
Literatur.
339
Truppen waren die einzigen, die in dem sonst ziemlich ruhmlosen
Feldzug durch den Sieg bei Sellnitz am 23. September 1438 einen
glänzenden Erfolg davontrugen, für den sie freilich nicht viel Dank
ernteten. Im April 1439 kam es dann zu einem durch die Verlobung
des Herzogs Wilhelm mit Albrechts Tochter Anna bekräftigten noch
engeren Bündnisse zwischen König Albrecht und den wettinischen
Fürsten.
Dresden. Ermisch.
Luther und die Pflege der kii'chliclien Musik in Sachsen (14. bis
19. Jahrhundert). Von Johannes Rautenstrauch. Leipzig, Breitkopf
& Härtel. 1907. VIII, 472 SS. S».
Eine sehr fleifsige Arbeit, für unsere Vorstellung von der
Kirchenmusikpflege namentlich in den mittleren und kleineren
Städten Kursachsens — besonders zwischen 1550 und 1750 — nütz-
lich und in Zukunft für die Musikhistoriker dieser Landschaft und
Zeit unentbehrlich. Der Verfasser hat eine grofse Zahl sächsischer
Staats- und Stadt-, Kirchen- und Schulakten, besonders aber die
Archivalien der alten sächsischen Kantoreigesellschaften sorgfältig
auf musikgeschichtliche Notizen hin exzerpiert und seine Sammlungen
zu einer eingehenden, ganz hübsch lesbaren Darstellung aneinander-
gereiht. Man wird sich aus folgenden beiden Zahlen einen un-
gefähren Begriff von seiner Arbeit und ihren Ergebnissen machen
können: das Ortsregister enthält 279 Namen, und unter diesen fallen
z. B. allein auf Strehla wieder 49 Seitenhinweise. Für das aus-
gehende Mittelalter, das am Anfang behandelt wird, ist das Material
natürlich spärlicher; dafür ist Luthers Verhältnis zur kursächsischen
Musikpflege einer möglichst quellengetreuen Darstellung unterworfen
worden, doch ist der Verfasser gerade in dieser Frage nicht ganz
auf den Grund der Probleme gedrungen.
Wir erfahren zunächst mancherlei neues oder doch hier zweck-
mäfsig zusammengestelltes über sächsisch-thüringische Pflegstätten
des Kirchengesanges in vorreformatorischer Zeit, über die Kantoreien
an Fürstenhöfen und Bischofssitzen, in Kloster- und Stadtschulen,
über die Kaiandbrüderschaften und über die Musikpflege der spät-
mittelalterlichen Laienbrüderschaften, die sich nach Maria, dem
heiligen Jakob, Georg usw. oder dem heiligen Fronleichnam nannten.
Darauf wird die Pflege der Kirchenmusik in dem nachreformatorischen
Zeitraum von 1539 bis 1618 eingehend und überall an der Hand des
Wortlautes der Quellen dargestellt: die Verfassungen der Kantoreien,
ihre musikalische Tätigkeit und ihre fröhliche Geselligkeit werden
vor uns lebendig. Der Abschnitt „Die Pflege der kirchlichen Musik
in Sachsen während des 17. Jahrhunderts" zeigt dann trotz des Auf-
blühens von coUegia musica und anfänglicher Begeisterung für den
neuen konzertierenden Stil doch namentlich nach der Mitte des
Jahrhunderts manchen Rückgang, der in dem Abschnitt über das
18. Jahrhundert noch deutlicher zutage tritt. In den ersten Jahr-
zehnten schliefslich des 19. Jahrhunderts hat das kirchenmusikalische
Interesse des Kleinbürgertums nach Rautenstrauchs Ausführungen
am tiefsten gestanden; seit etwa 1850 ist eine Besserung im Gange.
Eine aas der Liebe zur Sache erklärliche zu günstige Beur-
teilung ist es, wenn R. aus den lobenden Zeugnissen der Visitations-
akten über die Tätigkeit der Kantoren des 16. Jahrhunderts folgert:
„Sie erzielten fast durchweg eine Leistungsfähigkeit der Chor-
340
Literatur.
Institute, wie sie in dieser Höhe bis in die Gegenwart herein nie
wieder erreicht worden ist." Ich bin der Ansicht, dafs dieses alte
Musizieren trotz Sicherheit und Selbständigkeit der Ausführenden
und trotz gelegenthcher Koloraturen im Durchschnitt eine für unsere
Ohren doch etwas grobe Sache gewesen ist und dafs die alten
Chöre von der Präzision, Dynamik, aber auch dem abgeklärten
Verständnis, wie es uns in den Reproduktionen unserer Thomaner
und Crucianer erfreut, ziemlich weit entfernt gewesen sind. Sonst
möchte ich an dem Gesamtbild, das R. entwirft, hier nichts wesent-
liches korrigieren; am ehesten wird man vielleicht über die Grenzen
der Hauptzeitabschnitte anderer Meinung sein können als er.
Im einzelnen sei wenigstens folgender Irrtum beseitigt, der be-
sonders geeignet ist, leicht weiterverbreitet zu werden. R. spricht
S. 8 u. 9 über Möglichkeiten der Entstehung der lutherischen Melodie
„Ein feste Burg'', ohne sich dabei den Quellen zu nähern, und
schliefst: „Erwähnt sei noch, dafs Zeilen dieser Melodie als loci
communes bereits im Minne- und Meistersang sich finden". Er
zitiert dazu: „Cf. Jenaer Liederhandschrift und Kolmarer Codex"
und bemerkt, er verdanke seine Angabe H. Kretzschmar. Die tat-
sächlichen Unterlagen dieser Ausführungen sind wohl folgende. In
Kretzschmars musikhistorischen Übungen in Leipzig habe ich ge-
legentlich einer eingehenden Behandlung der Jenaer Melodien, der
ich mich unterzog, darauf aufmerksam gemacht, dafs eine Spervogel-
melodiezeile genau in Luthers „Vom Himmel hoch"' (zweite Zeile)
wieder auftauche, auch die Möglichkeit des Weges dieser Zeilen-
wanderung angedeutet und dafs sich Anklänge an den Anfang von
„Aus tiefer Not" in der Kolmarer Hs. fänden. Die Melodie „Ein
feste Burg" aber zeigt, soweit mir das Material bekannt ist, keine
derartigen Anklänge.
S. 126 hat R. versäumt, den längsten Abschnitt als eip Zitat
aus Seifferts Aufsatz über „Die musikalische Gilde in Friedland" zu
bezeichnen. Eine sehr kühne Behauptung steht S. 125: „da [durch R.J
als festgestellt gelten mufs, dafs die Bezeichnungen Konstabier und
Kaianden identisch sind"; wir möchten demgegenüber auf die beiden
Artikel Konstabel und Kaland, dazu Kalandsbruder usw. von
Hildebrand in Grimms Wörterbuch aufmerksam machen, wo sich
manche lehrreiche Ergänzung zu Rautenstrauchs Ausführungen
über beide Begriffe findet. Der Kenner des StolTes wird ge-
legentlich gröbere lateinische Druckfehler (z B. S. 279 Deus sis
adiutorium statt Deus in adiutorium, S. 283 Lidae Lossii statt Lucae
Lossii) verbessern. Der S. 75 erwähnte Clemens Uttentalio stammt
aus zwei unrichtig übersetzten Ablativen demente, Uttentalio
(S. 93); S 75 ist Alexander Utendahl gemeint. S. 345 ist durch die
falsche Übersetzung von substituantur gerade der entgegengesetzte
Sinn erschlossen worden, als in den lateinischen Worten liegt.
R. Wustmann.
Die Eutätehniig der karsächsiächeii Scliulordimng von 1580. Auf
Grund archivalischer Studien dargestellt von Frank Ludwig.
(Beiheft zu den Mitteilungen der Gesellschaft für deutsche Erzie-
hungs- und Schulgeschichte 13.) Berlin, A. Hofmann & Komp.
1907. VIII, 176 SS. 8".
Mit diesem Hefte tritt die Sachsengruppe der genannten Ge-
sellschaft zum ersten Male schriftstellerisch hervor. Die gründliche
Literatur.
341
Schrift hat eine doppelte Bedeutung. Sie enthält zunächst eine über-
raschende Fülle fesselnder Züge zur Geschichte der Universitäten
Leipzig und Wittenberg. Verwiesen sei z. B, auf das S. 96! ab-
gedruckte Stück, eine eigenhändige Niederschrift des Kurfürsten
August, in der seine Erregung über den seinen Bestrebungen ent-
gegentretenden "Widerspruch Leipziger Professoren zutage tritt und
dazu die Antworten Jakob Andreas, weiter auf die eingehenden
Angaben über die Professoren und Studenten, Vorlesungen, Dis-
ziplin usw. Dann aber ist von Wichtigkeit die Bestimmung des
Verhältnisses der sächsischen Schulordnung zur württembergischen,
durch Jakob Andrea vermittelten Quelle Mit der gröfsten Anschau-
lichkeit und Sorgfalt werden die einzelnen Stadien der Entwicklung
vorgeführt. Die Arbeit ist ein Vorläufer für die in Aussicht ge-
nommene Herausgabe der sächsischen Schulordnungen, von denen
zuerst die landesherrlichen erscheinen sollen. E. Schwabe hat dazu
seit Jahren gesammelt. Dafs eine Menge Stoff an verschiedenen
Orten verstreut liegt, zeigt die eben erschienene Studie von
O. Giemen: „Zur ältesten Geschichte von Schulpforta", wo aus einer
Handschrift der Königl. Bibliothek zu Bamberg die Beschwerde-
artikel der Pförtner Lehrer über den Schulverwalter Michael
Lemmermann zum Abdruck gelangen (Mitt. d. Ges. f. deutsche Erz.-
und Schulgeschichte. 17. Jahrgang. S. 238 — 241).
Leipzig. Georg Müller.
Kurfürstin Anna TOn Sachsen. Ein politisches und sittenge-
schichtliches Lebensbild aus dem XVL Jahrhundert. Von Kourad
SturmhoefeL (Biographien bedeutender Frauen, in Verbindung mit
anderen herausgegeben von Ernst Haberland. V). Leipzig- R.,
E. Haberland. O. J. 300 SS. 8«.
Seine „Illustrierte Geschichte der Sächsischen Lande und ihrer
Herrscher", von der 1898 und 1899 der erste Band in zwei Ab-
teilungen erschien und den Eindruck eines gediegenen Werkes machte,
hat Konrad Sturmhoefel leider nicht zu Ende führen können, da er
von seinem Verlage in Stich gelassen wurde. Mit dem Übergange
der Kurwürde von den Ernestinern auf die Albertiner 1547 bricht
die Darstellung ab. Wir gehen wohl nicht in der Annahme fehl,
dafs der Verfasser bereits für die folgende Zeit den Stoff gesammelt
hatte und dafs er diesen nun zum Teil in der vorliegenden Arbeit
verwertet hat, die weniger ein Lebensbild der Kurfürstin Anna, ge-
borenen Prinzessin von Dänemark, als eine Geschichte Sachsens zur
Zeit des Kurfürsten August mit vorausgeschicktem Abrisse der
dänischen Geschichte von 1448 — 1548 genannt zu werden ver-
dient. Nur in dem zweiten, kleineren Teile (S. 169 — 299), der die
durch K. v. Webers Buch „Anna, Churfürstin zu Sachsen" (Leipzig
1865), hinlänglich bekannte Rolle behandelt, die Anna „als Landes-
mutter, als Vorsteherin eines fürstlichen Haushaltes, als Herrscherin
über Garten, Küche und Keller, als sorgsame und liebende Gattin
und Mutter" gespielt hat, tritt ihre Person recht eigentlich in den
Vordergrund. In dem ersten Teile begegnet man dafür ihrer Ge-
stalt um so weniger. Nur hin und wieder heifst es da, nachdem die
Vorgänge in Dänemark während der ersten Hälfte des i6. Jahr-
hunderts ausführlich geschildert worden sind, das sei der politische
Hintergrund, von dem sich die Jugend der Prinzessin Anna abhebe,
das seien die Anschauungen, in denen sie aufgewachsen sei. Das
2^2 Literatur.
ist aber auch so ^ut wie alles. Und fast genau so verhält es sich
mit den späteren Zeiten. Eingehend werden die politischen Wirren
Sachsens um die Mitte des 16. Jahrhunderts und namentlich auch
die nicht gerade sehr sympathisch berührenden Bemühungen Kur-
fürst Augusts um Unterdrückung des Kryptokalvinismus geschildert,
aber wie weit seine Gemahlin persönlichen Anteil an diesen Ereig-
nissen nahm oder gar in sie bestimmend eingriff, wird doch nur in
verschwindend wenigen Fällea aus gelegentlichen Briefäufserungen
nachgewiesen, die Sturmhoefel der Literatur entnommen hat und
die er noch um einige bezeichnende Stellen hätte vermehren können,
wenn er die ihm wohl unbekannt gebliebenen Aufsätze von
Dr. B[erbig], Aus dem Briefwechsel einer sächsischen Landes-
mutter (mit der Gemahlin Dorothea Susanna des Herzogs Johann
Wilhelm von Sachsen Weimar, 1564 — 1584), im „Leipziger Ta^^eblatt"
vom 6., 13. und 2o.Juli 1896 (Nr. 338, 351 und 364), herangezogen
hätte. Aus diesen Äufserungen erkennt man ja, dafs die Kurfürstin,
entsprechend ihrer ganzen Erziehung und Anschauungsweise, die
Ansichten ihres Gemahls teilte und wohl auch gelegentlich seine
Eiüschliefsungen beeinflufste. Urkundliche Zeugnisse dafür sind
aber eben nur spärlich vorhanden, weil Anna fast immer um ihren
Mann war und natürlich alle wichtigen Dinge, nameatlich auch
solche, die sich auf die ReUgion bezogen, mit ihm mündlich besprach,
dritten gegenüber aber diese in Briefen nur selten berührte. Infolge-
dessen muls sich Sturmhoefel, wie gesagt, meist darauf beschränken,
die Vermutung auszusprechen, dafs sie hier ihre Hand im Spiele
gehabt, dort ihren Gemahl so oder so beeinflufst haben dürfte.
Ob nach dem Gesagten Sturmhoefels Buch ganz in den Rahmen
der „Biographien bedeutender Frauen" pafst, die Haberland seit
1904 herausgibt und in denen er bisher Carmen Silva, die Fürstin-
Mutter Maria zu Wied. Ellen Key, die Gräfin Lafayette und Katharina
von Bora hat behandeln lassen, darf füglich bezweifelt werden. Die
meisten Leser und namentlich Leserinnen, für die diese Biographien
in erster Linie bestimmt sein sollen, werden gewifs die Schilde-
rungen der Zeitkämpfe viel zu breit finden. Dagegen soll nicht
bestritten werden, dafs Sturmhoefels ,. Kurfürstin Anna" trotz einiger
kleiner Unrichtigkeiten, wie sie G. Wolf in den Mitteilungen aus
der historischen Literatur XXXIV (1906), 444f-, ausgestellt hat, ein
tüchtiges Werk ist und eine gute Zusammenfassung dessen bietet,
was üoer die Haus-, Reichs- und Kirchenpolitik der Albertiner zu
Lebzeiten des Kurfürsten August in selbständigen Werken und
Zeitschriftenaufsätzen veröffentlicht worden ist. Neben der benutzten
Literatur, die S. 300 kurz angeführt ist, hat der Verfasser ungedruckte
Quellen nicht herangezogen. Das in der Leipziger Stadtbibliothek
verwahrte „Verzeichnus, was vor Chur- und Fürsten auf dem Bev-
lager Herrn Augusten .... 1548 zu Torgau gewesen", bildet wolil
die einzige Ausnahme.
Die Ausstattung, die der Verlag dem leider mit keinem Register
versehenen Werke hat zuteil werden lassen, verdient uneinge-
schränktes Lob. Papier und Druck des federleichten Buches .sind
ganz vorzüglich. Der Einband zeichnet sich durch Gediegenheit
unä vornehmen Geschmack aus. Die drei Bilder endlich, die die
Kurfürstin im 20 und 33., den Vater August im 26. Lebensjahre
darstellen, sind wohl gelungen. Alles in allem: ein Buch, das man
schon seiner äufseren Vorzüge wegen gern zur Hand nimmt.
Dresden. Beschorner.
Literatur. 343
Die polnische Königswall! von 1697 und die Konversion Augusts
des Starken. Von Philipp Hiltebrandt. (S. A. aus „Quellen u.
Forsch, aus ital. Archiven u, Bibliotheken, herausgegeben v. Kgl.
Preufs. Hist. Institut in Rom", Bd. X, Hft. 1.) Rom, Loescher&Co.
1907. 66 SS. 8«.
H. schildert im allgemeinen richtig die Vorgänge der polnischen
Königswahl Augusts des Starken, stellt aber dabei die durchaus un-
haltbare Hypothese auf, August habe vor seiner Wahl keine Fühlung
mit der Kurie gesucht, sei auch nicht formell zum Katholizismus
übergetreten, sondern habe nur seinem Vetter, dem Bischof von Raab,
eine Generalbeichte abgelegt und aus seinen Händen das Abend-
mahl nach katholischem Ritus empfangen, um bei einem Fehlschlagen
seiner Kandidatur den Glaubenswechsel unbehindert ableugnen zu
können. „Sein sogenannter Übertritt . . . stellt im Grunde genommen
nur das Versprechen des Kurfürsten an seinen Vetter dar, im Falle
seiner Wahl den katholischen Glauben zu bekennen. Dafür hat ihm
der Bischof das Attest vom 2 Juni 1697 (über seine Zugehörigkeit
zur katholischen Kirche) ausgestellt. Der Bischof ging auf den
Handel ein, weil er mit Hilfe des von ihm bekehrten zukünftigen
Königs von Polen Kardinal zu werden hoffte." Der Bischof „gab
das Attest in anfechtbarer Form, damit es (von August und) auch
von ihm, wenn nötig, der Öffentlichkeit gegenüber für nichtig er-
klärt werden konnte".
Der Beweis beginnt mit der kühnen Behauptung, dafs damals
der Einflufs des Papstes und die Macht des katholischen Klerus in
Polen nii ht grofs gewesen wäre, weil man gelegentlich einen hohen
Geistlichen mifshandelte, Kirchengüter mit Einquartierung belegte,
weil der Rat von Warschau mit Mönchen in einen Konflikt geriet
und die Republik mit dem Papste über das Patronatsrecht der
Abteien haderte — als ob derartige Reibungen in dem von der
Kirche wahrlich beherrschten Mittelalter, selbst in den Zeiten
inbrünstigster Glaubenswut, nicht an der Tagesordnung gewesen
wären. Trotz derartiger Vorkommnisse bleibt doch die Tatsache
aufser Zweifel, dafs ein energischer päpstlicher Widerspruch alle
Pläne Augusts im Keime erstickt hätte. Im übrigen verweise ich auf
die Gründe, die P. Haake in der Hist. Vierteljahrsch. Bd. 10 S. 382 ff.
gegen Hiltebrandt ins Treffen führt. Haakes Beweismittel lassen
sich vermehren. Mag der von mir in der Zeitschr. f. Kirchengesch.
Bd. 24 S. 98 Anm. i angeführte Brief Augusts mit dem Versprechen
seines Öffentlichen Übertritts, wie Hiltebrandt S. 176 Anm. 3 will,
tatsächlich an den Kardinal-Primas von Polen gerichtet sein, so
mufste doch August mit Sicherheit daraufrechnen, dafs sein Schieiben
dem Nuntius und damit der römischen Kurie mitgeteilt würde, was
ja auch tatsächlich geschah. Wollte nun August, falls er nicht ge-
wählt wurde, den "Religionswechsel ableugnen, so besafsen die
kirchlichen Kreise in diesem Briefe das Mittel, August völlig zu
kompromittieren. Deshalb hätte das dem Kurfürsten von Hiltebrandt
zugemutete Doppelspiel von vornherein seinen Zweck verfehlt; was
sollte also das zwecklose Versteckspiel nützen ?
Vor allem das Risiko, dem August sich aussetzte, bestand nicht
so sehr darin, dafs ihm der formell vollendete Übertritt zur katho-
lischen Kirche nachgewiesen werden konnte, für seine streng
gläubigen lutherischen Untertanen in Sachsen fiel erst in zweiter
Linie ins Gewicht, ob August übergetreten sei oder übertreten
wolle, für sie genügte es schon, dafs Augusts Bruch mit dem
344
Literatur.
lutherischen Glauben der Väter zu tage trat. Nicht erst der positive
Schritt, der Übertritt, sondern schon der negative, der offenkundige
Abfall von dem herrschenden Glaubensbekenntnis, mufste die Ge-
müter in Sachsen erregen. Hätte daher auch August nach dem
Scheitern seiner polnischen Pläne seine Konversionsabsichten in
Abrede gestellt, so würden doch die Verhandlungen Flemmings in
Warschau, Augusts Reise nach Schlesien, die Konzentration säch-
sischer Truppen an der polnischen Grenze, endlich Augusts Brief
an den Kardinal-Primas nach seiner Publikation jedem, der sehen
wollte, wenigstens soviel bewiesen haben, dafs August sich um die
polnische Krone beworben habe und d.h., dafs er dem Protestantismus
den Rücken zu kehren bereit sei, dafs er im Herzen schon längst
mit ihm gebrochen habe. Welche Wirkung diese Erkenntnis auf
seine Untertanen und die protestantischen Reichsfürsten ausüben
wurde, liefs sich vorher nicht berechnen; darin bestand die Gefahr,
der August trotzen mufste, eine Gefahr, die sich durch ein mit dem
Vetter abgekartetes Spiel nicht besclnvören liefs.
Zum Schlufs die ßemerkung: Der ötfentliche Übertritt Augusts
vollzog sich nicht in Pikari, wie Hiltebrandt S. 19 und Haake in
der Hist. Vierteljahrschr. Bd. 10 S. 390 wollen — gemeint ist die be-
rühmte Wallfahrtskirche in Deutsch -Piekar in Oberschlesien — ,
sondern wie ich in der Zeitschr. f. Kirchengesch. Bd. 24 S. 102 aus-
führte, bei den Breslauer Jesuiten; in Deutsch-Piekar wiederholte
ihn August.
Breslau. Ziekursch.
Die Staatsschulden Sachsens in der Zeit Ton 1763 bis 1837. Inau-
guraldissertation der philosophischen Fakultät der Universität
Leipzig. Von Walter Däbritz Leipzig, Druck von B. G. Teubner.
1906. VIII, 159 SS. 8«.
Der geschichtlichen Darstellung der sächsischen Staatsschulden
ist eine allgemeine Entwickelung der Staatsschulden in den deutschen
Territorien während des XVTII. Jahrhunderts (S. i — 30) vorausgeschickt.
Wir können uns mit diesem Gange der Untersuchung nicht be-
freunden. Geht man, wie Däbritz, von der „Methode und (den)
Ergebnissen der entwicklungsgeschichtlichen und entwicklungs-
theoretischen Untersuchungen der letzten Jahrzehnte" aus, so verliert
man leicht den unbefangenen Blick für die richtige Würdigung der
Akten und des Tatsachenmaterials; man ist dann nur zu leicht ge-
neigt, sie in den Rahmen des schon vorhandenen theoretischen
Schemas einzuordnen. Schlägt man dagegen den entgegengesetzten
Weg ein: stellt man zuerst die geschichtliche Entwicklung akten-
mäfsig klar, dann ist auch die Bahn frei, die aus der objektiven Dar-
stellung abgeleiteten Ergebnisse mit dem Gange der allgemeinen
geschichtlichen Entwicklung zu verbinden. Im ersteren Falle bleibt
man abhängig von seinen Vorarbeitern, im letzteren kann man selbst-
ständig zu ihnen Stellung nehmen.
Vorwiegend im Anschlufs an Bücher werden in diesem ein-
leitenden Kapitel in allgemeinen Umrissen Feudalismus, Kapitalismus
und aufgeklärter Absolutismus kurz geschildert. Die Eigenart der
deutschen staatlichen Verschuldung wird richtig gekennzeichnet:
„entsprechend dem subsidiären Charakter der ständischen Finanzen
vollzieht sich der Prozefs in den deutschen Territorien meist
derart, dafs in erster Linie der Landesherr die Anleihe selbst auf-
Literatur. 345
nimmt und aus seinen Mitteln verzinst und tilgt, bis ihm der Schulden-
dienst über den Kopf wächst, seine Rentkammer versagt. Dann
erklären sich die Stände, oft nach langen Verhandlungen und gegen
reiche Konzessionen, zur Bewilligung neuer Steuern für die Ver-
zinsung, schlieislich zur Übernahme der Schulden selbst auf ihre
Kasse bereit". Auf die politischen und wirtschaftlichen Ursachen
wie Folgeerscheinungen dieses doch ganz eigenartigen Charakters
der ehemaligen stänidischen Finanzpolitik wird aber leider nicht
näher eingegangen. Und doch liegt hier der Schlüssel zum Ver-
ständnis der späteren Entwicklung, des Kampfes zwischen dem
Beamtentum, wie es im Laufe des XVII I. Jahrhunderts Macht und
Einfiufs gewonnen hat, und den Ständen um die Finanzhoheit des
Staates und damit schliefslich um den vorherrschenden Einflufs auf
das gesamte staatspolitische Leben. Die weiteren Ausführungen von
Däbritz: „fürstliches und landschaftliches Schulden werk stehen gleich-
berechtigt nebeneinander. Geteilte Verantwortlichkeit aber bedeutet
auch entsprechende Minderung des Verantwortlichkeitsgefühls"
treffen deshalb auch nicht den Kern der Frage. Gerade das „öffent-
liche Gewissen", wie es in den Landtagen sich zeigte, war für Klar-
legung der Schuldenverhältnisse, verlangte, dafs Kommissionen ein-
gesetzt würden, die Klarheit in die Verworrenheit der Einnahmen
und Ausgaben bringen sollten, aber der ständische Staat hatte
damals, weil er ohne ein festes Beamtentum die Macht der Stände
fürchtete, Interesse daran, seine finanzpolitischen Mafsnahmen zu
verschleiern.
Von S. 31 — 159 wird unter Benutzung der Landtagsakten wie
der vorhandenen Literatur die sächsische Staatsschuld im XVIII. Jahr-
hunderts geschildert. Nach einer allgemeinen Erörterung über die
wirtschaftliche und finanzielle Lage Sachsens um die Mitte des
XVIII. Jahrhundert werden zuerst die Staatsschulden, dann die
Steuerkreditkasse und die Kammerkreditkasse bis zur Begründung
der Staatsschuldenkasse im Jahre 1834 behandelt.
Für die ältere sächsische Schulden Wirtschaft finden wir zwei
ihr eigentümliche Formen: i. Anlehen entweder bei Städten, Körper-
schaften usw. als rrine Anlehen aufgenommen, oder, was bei
gröfseren Anlehen fast durchgängig der Fall war, mit Verpfändungs-
klausel usw. ausgestellt. Auf diese Form geht Däbritz kurz ein.
2. Schuldaufnahmen einzelner Privatgläubiger. An den Messeterminen
nahm die Steuerkasse in Leipzig jeden auch noch so kleinen Geld-
betrag an, bei gröfseren wurde die Kündigungsfrist festgesetzt, bei
kleineren fehlte sie. Sie konnten jederzeit der Steuerkasse auf den
Messeterminen zur Auszahlung vorgelegt werden. Die Steuerkasse
übernahm damals eine wirtschaftliche Funktion, die unserem heutigen
Sparkassenwesen ähnelt. Diese ganze Geldaufnahme war mehr ein
privatwirtschaftlicher als ein staatsrechtlicher Vorgang. Nur ganz
kurz wird auf S. 51 diese Form der Geldaufnahme gestreift, nach
ihrer Bedeutung für das sächsische Schuldenwesen aber nicht
gewürdigt.
Das sächsische Schuldenwesen hat nun nach unserer Auffassung
im XVIII. Jahrhundert diese Formen abgestreift; es ist zum reinen
Staatskredit übergegangen; fest normierte Beträge in staatlichen
Schuldverschreibungen, keine Verpfändung von einzelnem Staatsgut
mehr. Eine Geschichte des sächsischen Staatsschuldenwesens hatte
m. E. in erster Linie die Aufgabe den Übergang aus der mehr
privatwirtschaftlichen zur reinen staatswirtschaftlichen Geldaufnahme
346
Literatur.
zu zeigen. Dieser ganze Entwicklungsgang ist uns bei Däbritz nicht
klar genug gezeichnet. Und auch einen anderen Vorwurf können wir
dem Verfasser nicht ersparen. Sachsen führte von allen deutschen
Staaten zuerst, selbst vor England, 1772 Kassenbillets, Papiergeld ein,
und schuf damit eine schwebende zinslose Schuld. Eine Arbeit, die
über das sächsische Schuldenwesen handelt, hätte diesen wichtigen
Vorgang ausführlich in einem eigenen Kapitel behandeln müssen.
Das eigentliche Aktenmaterial des Hauptstaatsarchivs ist nicht in
ausreichender Weise herangezogen worden. Die Arbeit macht
einen fleifsigen Eindruck, sie wird an Wert sehr gewinnen, wenn
sie, was zu erwarten steht, noch weiter ergänzt und vertieft wird.
Dann werden wohl auch neben den wirtschaftlichen die politischen
Motive, die jetzt etwas zu kurz kommen, voll berücksichtigt werden.
Dresden. Robert Wuttke.
Die Genesis des am 4. April 1813 eingesetzten Zentral-Verivaltung's-
rates und seine Wirksamkeit bis zum Herbst dieses Jahres. Mit
Benutzung archivalischer Quellen dargestellt von Dr. Paul Wetzel.
(Dissertation.) Greifs wald, Buchdruckerei Hans Adler. 1907.
HO SS. 8".
Häusser, Seeley und Max Lehmann (Scharnhorst II, 578) waren
der Meinung, der am 4. April 181 3 von Preufsen und Rufsland zur
Organisierung der Erhebung gegen Napoleon in den norddeut-
schen Rheinbundstaaten eingesetzte Zentral -Verwaltungsrat habe im
wesentlichen den Absichten seines geistigen Vaters, des Freiherrn
vom Stein, entsprochen. Der Verfasser vorliegender Greifswalder
Dissertation zeigt im ersten Teile seiner Arbeit, wie weit die Befug-
nisse dieser Behörde hinter denen, die ihr Stein beigelegt wissen
wollte, zurückblieben und wie seine ganz radikalen, vom tiefsten
Milstrauen gegen die Fürsten eingegebenen Vorschläge allmählich
derart modifiziert wurden, dafs dem Verwaltungsrat jede durch-
greifende Wirksamkeit versagt blieb. Stein wollte eine durch Zu-
ziehung von Männern aus dem Volke demokratisch gefärbte Behörde
mit diktatorischer Vollmacht, ein kurzfristiges Ultimatum an die
Rheinbundfiirsten, deren keinem er einen Rechtsanspruch auf seine
Souveränität zugesteht; endlich für das Volk das Versprechen, dafs
man nach Wiederherstellung des Friedens ihm ganz allein die Ord-
nung seiner Verfassungsangelegenheiten überlassen würde. Was
aber durch Kaiser Alexanders Willen und Preufsens Nachgiebigkeit
herauskam, war eine der Kontrolle der Monarchen unterworfene
Kommission hoher Staatsbeamter mit dem Auftrage, mit den Rhein-
bundfürsten Verträge über ihre Leistungen für die Befreiung Deutsch-
lands abzuschliefsen und deren Ausführung zu überwachen; von
jener Zusicherung an das Volk verlautet nichts mehr. Der Ver-
fasser glaubt in verwandtschaftlichen Rücksichten auf den Herzog
von Mecklenburg-Schwerin wenigstens eine der Ursachen finden
zu dürfen, die Alexander zu seiner Entscheidung bewogen, und
sieht in dieser mit Recht eine entschiedene Niederlage der von Stein
vertretenen Grundsätze.
Der zweite Teil von Wetzeis Arbeit beschäftigt sich mit der
Wirksamkeit des Verwaltungsrates, dessen Präsident Stein wurde,
und zwar 7,unächst mit seiner Tätigkeit im Königreich Sachsen.
Beide verbündete Monarchen hatten kein Interesse an Sachsens
Literatur.
347
gutwilligem Beitritt zur Allianz, da sie es als Kompensation für die
von Alexander gewünschten, ehemals preufsischen Teile des Herzog-
tums Warschau ins Auge gefafst hatten, und demgemäfs waren
beide, besonders aber Alexander, anfänglich für ein scharfes Vor-
gehen gegen Sachsen. Unter den vom Verfasser eingehend be-
sprochenen Gründen, die sie zum Aufgeben dieses Standpunktes
und zur Sendung des Generalmajors Heister an Friedrich August I.
veranlafsten, dürfte die Rücksicht auf Österreich den Ausschlag ge-
geben haben. Unter diesen Umständen machte die heftige Sprache,
die Stein trotzdem in Dresden führte, geringen Eindruck auf die
dortige, vom König eingesetzte Immediatkommission, und seinen
Forderungen setzte sie den äufsersten Widerstand entgegen, denn
die schwächhche Haltung der Verbündeten mufste sie ja geradezu
ermutigen. Schlielslich erreichte Stein mit Mühe und Not, dals er
statt der verlangten 500000 Taler ein Fünftel dieser Summe erhielt;
erst nach der Schlacht von Grofs-Görschen schritt man zur Beschlag-
nahme der öffentlichen Kassen, die etwa 230000 Taler ergab.
Das Vorgehen des Zentral-Verwaltungsrates gegen die übrigen
norddeutschen Rheinbundstaaten (sächsische Herzogtümer, beide
Mecklenburg, Lübeck, Hamburg, Kurhessen, Anhalt) erfährt in den
beiden letzten Kapiteln eine mehr oder minder ausführliche Er-
örterung, auf die näher einzugehen sich aber in dieser Zeitschrift
erübrigt.
Die Arbeit beruht auf gewissenhaftem Quellenstudium; den
Akten des Geheimen Staatsarchivs in Berlin smd zahlreiche noch
nicht verwertete Aufschlüsse zu verdanken. Die einschlägige Lite-
ratur ist gründlich durchgearbeitet, die Darstellung frisch und ge-
wandt. Dem etwas temperamentvollen Urteile des Verfassers wird
man im ganzen sicherlich beipflichten, wenn auch nicht ohne einige
Vorbehalte. Der Souveränitätsdünkel der kleinen Fürsten war eine
natürliche Folge der deutschen Territorialgeschichte, die man als
solche begreifen mufs, und der herben Verurteilung des „kleinlichen
Feilschens" der Schweriner Regierung hätte, da die Vorschläge des
Grofsherzogs ein ziemliches Mafs guten Willens doch unzweifelhaft
verraten, eine Erörterung der Leistungsfähigkeit des Landes wohl
billigerweise vorausgehen sollen.
Kiel. Fritz Friedrich.
Beiträge zur sächsisclien Kircheugeschichte. Herausgegeben im
Auftrage der Gesellschaft für sächsische Kirchengeschichte von
Frauz Dibelius und Theodor Brieger. 17. — 20. Heft. (Jahreshefte
für 1903 — 1906.) Leipzig, Johann Ambrosius Barth. 1904 — 1907.
163, 156, 220 und 259 SS. S*'.
Die vorliegenden vier stattlichen Hefte enthalten wie die
früheren wesentlich Arbeiten zur Reformations- und neueren Kirchen-
geschichte. Doch wird auch das Mittelalter berührt: O. Giemen
weist (Heft 19, S. 120 — 124) auf Grund von Forschungen Schnürers
nach, dafs die „sant gehulfen capel" zu Treuen das älteste Zeugnis
für den aus Italien nach Deutschland gekommenen Kultus ,,der
heiligen Hülfe" oder ,,Sante Unkommer" ist. Derselbe veröffent-
licht eine Urkunde zur Geschichte des Zwickauer Knappenaltars
(Heft 20, S. 253 ff). O. Bönhoff bietet Studien zur kirchlichen
Geographie des Mittelalters in folgenden drei Arbeiten : Die Grenzen
Neues .Archiv f. S. G. u. A. XXVIII. 3. 4. 23
248 Literatur.
der Bistümer Naumburg, Merseburg und Meifsen untereinander.
Weshalb fehlt die Parochie Altenhof bei Leisnig in der Meifsner
Jurisdiktionsmatrikel? Bildete die Propstei Riesa ein Archidiakonat
des Meifsner Hochstifts? In das Ende des Mittelalters führt
F. Dibelius mit seiner Studie über Johann Tetzel iHeft 17) und
Barth in seinen Mitteilungen zur Geschichte der Dresdner Kreuz-
kirche iHeft i8t.
Die Geschichte der Einführung der Reformation in einzelnen
Gebieten ist mit mehreren, zum Teil umfangreichen Arbeiten ver-
treten. G. Planitz behandelt die Ämter Rochlitz und Kriebfctein
(Heft 17), Goldammer das Vogtland mit besonderer Berück-
sichtigung der Ephorie Ölsnitz (Heft i8j, O. Giemen die Reforma-
tionsgeschichte von Schiettau (Heft i8j.
Von hervorragenden Persönlichkeiten, die zur Behandlung ge-
langen, sei Herzog Heinrich (von Ifsleib. Heft 19), Kurfürst Moritz
(von demselben, Heft 20), Daniel Greser (von O Giemen, Heft 20)
und Johann Pfeffinger (von R. Merkel, Heft 19) erwähnt. In ein
Stammbuch (Heft 20) haben sich Hieronymus Weller, Johannes und
Paulus Mathesius u. a. m, eingetragen. Zur Liturgie bieten Otto
Dibelius-Wittenberg (Heft 18) und O. Giemen (ebenda) Beiträge,
zur Geschichte der kirchlichen Kleidung A. Chalybäus (Heft 20).
Blanckmeister schildert Sachsens Beihilfe zur Erbauung evange-
lischer Kirchen in Böhmen nach Erlals des Majestätsbriefes (Heft 19).
R. Franke gibt einen Überblick über die Geschichte der Privat-
beichte in Sachsen (Heft 19). Besonders verwiesen sei auf den
ersten Versuch des Herausgebers Franz Dibelius, dem sächsischen
Kalender zu einer wirkhch evangelischen Namenreihe zu verhelfen.
Seine „Vorschläge sind S. 99 — iio in Heft 18 zusammengestellt.
Eine Übersicht über die Geschichte der Frage geht voran.
In die Mitte des 19. Jahrhunderts führen E. Luthardts Briefe an
Henke, von Rade herausgegeben (Heft .18). Von besonderem Inter-
esse sind die, die des Briefschreibers Übersiedlung von Marburg
nach Leipzig und die ersten Eindrücke hier und in Dresden zum
Gegenstande haben.
Zum Schlüsse noch einen Wansch! Sollte sich nicht ein opfer-
freudiger Landpfarrer finden, der zu den inhaltreichen 20 Bäaden
ein Personen- und Ortsregister fertigte? Er würde sich den Dank
der Leser und der Wissenschaft verdienen.
Leipzig. Georg Müller.
Qnellenbuch zur Gescliichte des (xjmnasiiims zu Zittau. I. Heft:
Bis zum Tode des Rektors Christian Weise (1708). Bearbeitet von
Dr.TheodorGJärtiier, Professor am Gymnasium zuZittau. (A. u. d.T.:
Veröffentlichungen zur Geschichte des gelehrten Schulwesens im
albertinischen Sachsen Herausgegeben im Auftrage des Sächsischen
Gymnasiallehrer -Vereins. II. Teil: Urkundenbücher der sächsischen
Gymnasien.) Leipzig, B. G.Teubner. 1905. V, 142 SS. 8*^.
Mit vorliegendem Bande beginnt der Sächsische Gymnasiallehrer-
Verein ein von langer Hand geplantes Unternehmen, die Herausgabe
der Urkundenbücher der einzelnen Schulen. Das Zittauer G^'mnasium
verfügt nur über wenige und dürftige Quellen. Aber der Bearbeiter
hat durch eingehende Studien während reichlich zweier Jahrzehnte
eine Menge Stoff aufgespürt und zusammengebracht. Unsere Kenntnis
Literatur. 34g
wird durch das Ergebnis seiner Studien wesentlich bereichert. Als
Beispiel führe ich den Rektor M. Christian Keimann an, dessen
3oojähriger Geburtstag am vergangenen 27. Februar gefeiert worden
ist. Bezüglich der von ihm verfafsten Bücher war man bisher auf
die unvollständigen Angaben von Ludovici und Otto angewiesen;
hier werden auf Seite 88—90 nicht weniger als 24 gedruckte Schriften
aufgeführt und aufserdem Manuskripte erwähnt. Zur Geschichte der
Schulbücher finden sich zahlreiche Angaben, z. B. S. 17 in den Aus-
gaben des Gotteskastens für arme Schüler. Verwiesen sei ferner
auf die Mitteilungen über die Entwicklung der Schulbibliothek
S. 112. Die Schulordnungen werden besonders auf Beachtung
rechnen dürfen. Wir wünschen dem Verfasser, dafs es ihm gelingen
möge, recht bald den zweiten Band zum Abschlufs zu bringen.
Leipzig. Georg Müller.
Die Diözese Braadeubur^. Untersuchungen zur historischen Geo-
graphie und Verfassungsgeschichte eines ostdeutschen Kolonial-
bistums. Von Fritz Carschmanu. Mit zwei Kartenbeilagea.
Veröffentlichungen des Vereins für Geschichte der Mark Branden-
burg. Leipzig, Duncker und Humblot 1906. XV, 488 SS. 8*'.
Die vorliegende ebenso umfangreiche wie gründliche Arbeit
ist die erste der historisch-geographischea Bistumsbeschreibungen,
zu denen 1898 von dem Herausgeber der Historischen Zeitschrift,
Friedrich Meinecke, die Anregung gegeben worden ist. C.'s Werk
liefert den Beweis, dafs man nicht sofort nach Ablauf der ersten
Jahre das Erscheinen von einer ganzen Anzahl der in Angriff ge-
nommenen Werke erwarten durfte. Dafs in dem nunmehr verflos-
senen Jahrzehnt gearbeitet worden ist, zeigt sich darin, dafs in
Zeitschriften usw. eine Menge Einzelfragen erörtert worden sind,
die mit dem Thema m Verbindung stehen. — Nachdem das erste
Werk erschienen ist, wird man der Frage nähertreten müssen, was
streng genommen in die historisch-geographische Beschreibung eines
Bistums gehört. Auch den Punkt wird die vorliegende Arbeit klären
helfen. — Für die Leser dieser Zeitschrift ist in diesem Werke vor
allem von Belang, was S. 3 5 ff. über die Gründung der drei sächsi-
schen Bistümer Meifsen, Merseburg und Zeitz gesagt ist, ein Punkt,
der in letzter Zeit ausführlich von Hauck im 3. Teil seiner Kirchen-
geschichte Deutschlands behandelt worden ist, sodann die Ermittelung
der Grenze der Diözesen Brandenburg und Meifsen S. 21 2 ff., wozu
die beigegebene Karte zu vergleichen ist. Es grenzen aneinander
die Sedes Jüterbog dioc. Brandenburg, und die Sedes Schlichen dioc.
Misn. Hier ist zu bemerken, dafs das in den Visitationsprotokollen
von 1529 (HStA. Dresd. Loc. 10598 Registration 1529, Bl. i a , vgl.
Burkhardt Kirchenvisit. S. 30) genannte und von Burkhardt auf der
Karte als fehlend bezeichnete Dietmanstorff unstreitig Dixförde Par.
Schweinitz ist (von C. nicht genannt). Weiter wird verfolgt die
Abgrenzung der Sedes Jüterbog gegen die Sedes Dahme dioc. Misn ,
die Enklave des Erzbistums Magdeburg Baruth und die Meifsner
Sedes Zossen, die der Sedes Brietzen und Spandau gegen Zossen,
sodann die von Spandau gegen Storkow. Das ist offenbar nicht die
ursprüngliche Grenze der beiden Bistümer. Es wird nun zunächst
S. 2i6ff. der Nachweis geführt, dafs die Lausitz, um die es sich hier
handelt, nicht erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts vom Bistum
23*
350
Literatur.
Brandenburg an Meifsen kam, wie bisher angenommen wurde (doch
vgl. dazu Hauck III, 135), sondern dafs bereits Bischof Folchold von
Meifsen Anspruch auf die Lausitz machte. Die Urkunde Ottos I.
von 971, in der er der Kirche zu Meilsen die fünf bekannten slawi-
schen Landschaften überwies, ist ein Blankett, das der Kaiser dem
Meifsner Bischof übergeben hat und das dieser ausgefüllt hat. Was
der Bischof in diesem Schriftstück bereits als zu seiner Diözese
gehörig bezeichnet, bestätigt Otto III. ausdrücklich 995 der Meifsner
Kirche. Die genauere Festlegung der oben angeführten Grenze,
die mit der politischen nicht überall zusammenfällt und also später
entstanden sein mufs, wird darauf S. 219 ff. im einzelnen behandelt.
Dresden. Rieh. Becker.
Übersicht
über neuerdings erschienene Schriften und Aufsätze
zur sächsischen Geschichte und Altertumskunde^).
Von Viktor Hantzsch.
A., H. Die alten Befestigungen der Stadt Leipzig: Der Leipziger
11(1907), 857. Mit I Abb."
Am Ende. Bilder aus der Sächsischen Schweiz. I. Geschichtliches:
Unsere Heimat VI (1906 07), 102 — 105. Mit Abb.
v.ArchenhoIts, Johann Wilhelm. Geschichte des Siebenjährigen Krieges
in Deutschland. Herausgegeben und durchgesehen von Max
Mendheim. (Universalbibliothek. Nr. 134 — 137.) Leipzig, Ph.
Reclam jun. (1907.) 504 SS. S''.
Arndt, G. Der sächsische Hofprediger D. Mirus als Prediger in
Halberstadt: Zeitschrift des Vereins für Kirchengeschichte in der
Provinz Sachsen III (1906,07), 271 — 277.
Arnold, E. M. Leipziger Reiseleben im Wandel der Zeiten: Der
Leipziger II (1907 1, 6 — 8. Mit 4 Abb.
Baltzer. Aus einem Studentenleben vor 90 Jahren: Sächsisches
Kirchen- und Schulblatt. 1907. Sp. 406—411.
„ Nachrichten über den Turm der Kirche zu Dohna: Kirchlicher
Jahresbericht der Kirchgemeinde Dohna auf das Jahr 1906. S.2 — 10.
Bär, Anto)i. Die Albrechtsburg in Meifsen: Heimatsklänge 11(1906),
242—245. Mit Abb.
') Vgl. die Übersicht über die neuerdings erschienene Literatur zur
thüringischen Geschichte und Altertumskunde von O. Dobenecker
in der Zeitschrift d. V. f. Thür. Gesch. u. Altertumskunde XXV =
N. F. XVII (1907), 504—516.
Literatur. gcj
Bartsch, Clemens. Wo lag der Weibertausch?: Über Bere und
Thal XXX (1907), i78f.
Beil, Arthur. 1857— 1907. 50 Jahre im Dienste der Kameradschaft.
Festschrift zur Feier des 50jährigen Bestehens des Kgl. Sachs.
Militärvereins zu Taura. Taura, Druck von G. Delling. 1907.
23 SS. 80. * ^ /
„ Die Vergangenheit Tauras. (S.-A. aus dem Haushaltplane der
Gemeinde Taura 1907.) Taura, Druck von G. Delling. (1907.)
12 SS. 80.
Benndorf, Paul. Der alte Leipziger Johannisfriedhof und die Rats-
oder Hospitalgruft. Ein Beitrag zur Stadtgeschichte. Mit 70 Abb.
in Lichtdruck nach photographischen Autnahmen des Verfassers
und 2 Plänen des Friedhofes. Leipzig, G. Merseburger. 1907.
XII, 96 Spp. Mit 48 Taff. QU.-80.
Volkstümlicher Humor und andere Redensarten. Leipzig und
Umgebung (sächsisches Niederland). Fortsetzung: Mitteilungen
des Vereins für sächs. Volkskunde IV (1907), i76f.
Berbig, G. Das Sequestrationsrecht im Ortslande Franken 1531 — 1534:
Deutsche Zeitschrift für Kirchenrecht XVI (1906), 302 — 340.
„ 29 Briefe des Kurfürsten Johann Friedrich des Grofsmütigen aus
der Gefangenschaft 1547— 1552: Zeitschrift des Vereins für Thürin-
gische Geschichte und Altertumskunde XXV=N. F. XVII (1907),
251 — 290.
Bernhardt, P. Geheimrat Professor Dr. Friedrich Möring 7: Über
Berg und Thal XXX (1907), 154 f.
Beschorner, Hans. VI. Flurnamenbericht: Mitteilungen des Vereins
für sächs. Volkskunde IV (1907), 155!
„ Zu dem Friedrich August-Denkstem an der alten Meifsner Land-
strafse: Über Berg und Thal XXX (1907), 138.
„ Kunstdenkmäler in Dörfern: Dresdner Anzeiger. 1907. Nr. 174.
S. 3.
„ Der geplante Wiederaufbau der Wüstung Kolmen 1708: Wissen-
schaftliche Beilage zum Leipziger Tageblatt. 1907. Nr. 228.
Blanckmeister , Franz. Meister Rietschel und der Fastor von der
Annenkirche. Zur Entstehungsgeschichte des Wormser Refor-
mationsdenkmals: Das Pfarrhaus XXIII (1907), 116 — 119.
Bönhoff. Die politischen und kirchlichen Verhältnisse des mittleren
Erzgebirges im Mittelalter: Glückauf XXVII (1907), 4 — 7. 21—24.
33—37-
,, Sächsische Stifter und Ordensniederlassungen einst und jetzt
(Schlufs): Sächsisches Kirchen- und Schulblatt. 1907. Sp. 148
bis 152.
„ Die Herrschaft Schiettau im Mittelalter: Obererzgebirgische
Zeitung. 1907. Nr. 165. 167. 169.
„ Fragen aus der Ehrenfriedersdorfer Geschichte: Amts- und
Wochenblatt für die Kgl. Amtshauptmannschaft zu Annaberg.
1907. Nr. 81. S. 5f.
Bonwetsch, Gerhard. Geschichte des Passauischen Vertrages von
1552. Gekrönte Preisschrift. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht.
1907. VIII, 216 SS. 80.
Bornhai-, C Die Mediatisierung der Grafschaften Stolberg-Stolberg
und Stolberg -Rofsla: Forschungen zur Brandenburgischen und
Preufsischen Geschichte XIX (1906), 35 — 52.
Brandenburger, Clemens. Polnische Geschichte. (Sammlung Göschen.
Nr. 338.) Leipzig, G. J. Göschen. 1907. 206 SS. 8«.
352 Literatur.
Brüning, Adolf. Porzellan. (Handbücher der Königlichen Museen
zu Berlin. Kunstgewerbemuseum.) Älit i66 Abb. im Text. Berlin,
Georg Reimer. 1907. iIL, 230 SS. 8*^. (Darin S. 44 — 56: Johann
Friedrich Böttger. S. 57 — 104: Meilsen von 1720— 1814.)
Bücher. "Wilhelm Georg Friedrich Röscher, Nationalökonom: All-
gemeine Deutsche Biographie LUI (1907), 486 — 492.
BiichicaJd. Georg. Neue Beiträge zur Kenntnis der sächsischen
Geistlichkeit in der Zeit der Reformation: Wissenschafthche
Beilage der Lpz. Ztg. 1907. Nr. 12.
Buchiccüd, Reinhard. Joachim Greflf. Untersuchungen über die An-
fänge des Renaissancedramas in Sachsen. (Probefahrten. Erst-
lingsarbeiten aus dem Deutschen Seminar in Leipzig. Heraus-
gegeben von Albert Köster. Band 11.) Leipzig. R. Voigtländer.
1907. X, 89 SS. 8«.
Burlchardt, K. A. H. Zum ungedruckten Briefwechsel der Refor-
matoren, besonders Luthers : Archiv für Reformationsgeschichte IV
11907), 2, 184 — 212.
[v. Bidtlar. Wilhelm.] Das Körner -Schiller -Denkmal in Losch-
\\-itz. (Sonderbeilage zur Sächsischen Dorfzeitung und Eibgau-
presse.) Blasewitz^ Hermann Bever & Co. (1907.) i Bl. "Mit
3 Abb. 2*'.
Cardaun$, L. Zur Kirchenpolitik Herzog Georgs von Sachsen vor-
nehmlich in seinen letzten Regierungsjahren: Quellen und For-
schungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken X (1907),
loi — 151.
Carlson, Ernst. Der Vertrag zwischen Karl XII. von Schweden und
Kaiser Joseph I. zu Altranstädt 1707. Stockholm, P. A. Norstedt
&Söner. (1907.) 71 SS. Mit Taff. 4*^-
Giemen. Otto. Briefe von Hieronymus Emser, Johann Cochläus, Johann
Mensing und Petrus Rauch an die Fürstin Margarete und die
Fürsten Johann und Georg von Anhalt. (Reformationsgeschichtliche
Studien und Texte. Herausgegeben von J. Grevmg. Heft 3.)
^Münster, Aschendortf 1907. \TII, 67 SS. 8".
„ Das Vorlesungsverzeichnis der Leipziger Universität vom Jahre
1519: Neue Jahrbücher für das klassische Altertum XlX/XX(i907),
112 — 124.
Creutzhcrg. Heinrich August. Karl von Miltitz. 1490 — 1529. Sein
Leben und seine geschichtliche Bedeutung. (Studien und Dar-
stellungen aus dem Gebiete der Geschichte. Im Auftrage der
Görres - Gesellschaft herausgegeben von H. Grauert. Band VI,
Hefti.) Freiburg i. Br., Herder. 1907. IV, 123 SS. S'\
V. Degenfeld-Schonburg, Christoph. Graf. Schweinschädel und König-
grätz. Meine Kriegserinnerungen als Kommandant des 7. Husaren-
regiments. Wien, C. Konegen. 1907. 38 SS. 8^\
Deichmidier, J. Die Gegend von Dresden in vorgeschichtlicher Zeit:
Dresdner Anzeiger. Sonntags-Beilage. 1907. Nr. 36 — 38.
Doehler, Eichard. Geschichte des Dorfes Leuba in der königlich
sächsischen Oberlausitz. Nach archivalischen Quellen bearbeitet.
Zittau, A. Graun. 1907. IV, 201 SS. Mit 9 TartT 8'\
Drescher, G. Wie Alt-Leipzig baute: Der Leipziger II (1907), 437 f-
Mit 5 Abb.
„ Alt- Leipziger Höfe: ebenda 7 16 f. 904!'. Mit 9 Abb.
„ Aus der \'orzeit unserer Heimat; ebenda 877 f. Mit 4 Abb.
Einfeldt, W. Schlacht bei Lucka, 31. V. 1307, und Geschichte der
Stadt Lucka. Leipzig, W. Belke. (1907.) 19 SS. Mit 2 Abb. 8".
Literatur. 353
V. Einsiedel, Kurt. Tagebuchblätter aus dem deutsch -französischen
Kriege des Generalleutnants Kurt von Einsiedel, 1870/71 Major und
Bataillonskommandeur im königlich sächsischen 3. Infanterie-
regiment „Kronprinz" Xr. 102. Berlin und Breslau. S. Schottländer.
1907. IX, 267 SS. 8^'.
Erfurth, Bichard. Bilder aus der Kulturgeschichte unserer Heimat.
Mit besonderer Berücksichtigung der Provinz Sachsen, des
Herzogtums Anhalt und des Königreichs Sachsen. 2. vermehrte
Auflage. Mit i Taf. : Vor- und frühgeschichtliche Altertümer.
Halle, R. Mühlmann. 1907. V, 132 SS.' 8».
Esche, F. A. Ein sächsischer Seeheld [Admiral BrommeJ: Sachsen-
post I (1907). Nr. 39. S I — 3. Xr. 40. S i — 3.
Ettig, Fr. Otto. Aus der Vergangenheit Dresdens. Dresden, Holze &
Fahl. 1907. 19 SS. 80.
F., Cr. Vater Grofsmann [Leipziger Superintendent]. Zu seinem
50jährigen Todestage am 29. Juni: Der Leipziger II (1907), 735 f.
Mit Bildnis,
V. Feilitsch, Erwin. Zur Würdigung des sächsischen Kanzlers
Dr. Xikolaus Krell: Neues Sächsisches Kirchenblatt XIV (1907),
321—328. 337 - 344
Finck, Emil. Erzgebirgs-Mu.«eum : Glückauf XXVII (1907), 57 f.
Francke, Heinrich Gottlieh. Nachrichten über die Familie Francke
in Weida. Nr. i. Abgeschlossen Ostern 1907. 46 SS. 8".
Frank, G. Leopold Emanuel Rückert. Lausitzer Theolog: Allgemeine
Deutsche Biographie LIII (1907), 573—576.
Franke, Th. Praktisches Lehrbuch der Sächsischen Geschichte. Für
die Volks- und Bürgerschule bearbeitet. 2. verbesserte Auflage.
Leipzig, Ernst WunderUch. 1907. IV, 212 SS. 8".
Franz, Adolf. Drei deutsche Minoritenprediger aus dem XIII. und
XIV. Jahrhundert. Freiburg i. Br., Herder. 1907. XVI, 160 SS. 8".
(S. 7— 46: Konrad von Sachsen. S. 47— 103; Frater Ludovicus
aus Sachsen.)
Freytag, E. Eichard. Sächsische Krieger- und Kriegespoesie aus dem
Jahre 1866; Mitteilungen des Vereins für sächs. Volkskunde IV
(1907X 156—163.
„ Zur Bibliographie der Geschichte des sächsischen Volksschul-
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und des Rokoko. Mit 142 Illustrationen und 228 Anmerkungen.
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zimmerordnung des Herzogs Moritz von Sachsen (1541), S. 37—41:
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S. 41 — 50: Hofordnung des Kurfürsten August von Sachsen (1554),
S. 50—66: Hofordnung des Kurfürsten Christian I. von Sachsen
(1586), S. 66-79: Hofordnung des Kurfürsten Johann Georg I. von
Sachsen (1637), S. 8of.: Trinkgeldordnung des Herzogs Moritz
von Sachsen-Zeitz (1668), S. 81—83: Hofordnung des Herzogs
Johann Adolf I. von Sachsen- Weifsenfeis (1680).]
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bildern. 8". .. . ^ ,
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kathoUschen Kirche]: Die Wartburg. 1906. Nr. 8.
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einer Erwiderung und Berichtigung von Kunz v. Kauffungen:
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Rauten Strauch, Johannes. Luther und die Pflege der kirchlichen
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ebenda >st. 14. S. 2.
„ Die ..Pickelhaube'' in der Sächsischen Armee: ebenda Nr. 27.
S. lof. Mit Abb.
,, Der Königlich Sächsische Hausorden der Rautenkrone und sein
hundertjähriges Bestehen : ebenda Nr. 29. S. i f. Mit Abb.
„ Napoleons erster Besuch in Dresden (17. bis 22. Juli 1807):
ebenda Nr. 29. S. 13!
„ Das preufsische ,, Porzellanregiment" und die sächsischen „Dra-
gonervasen": ebenda Nr. 33. S. i7f.
„ Sächsische Künstler im Waffenrock: ebenda.
Nr. 34. S. 17— 19. Nr. 36. S. i8f. Nr. 37. S. 17 — 19- Nr. 38.
S. 17.
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bis III.
Siebrnacher, J. Grofses und allgemeines Wappenbuch in einer neuen
vollständig geordneten und reich vermehrten Auflage mit heral-
dischen und historisch -genealogischen Erläuterungen neu her-
ausgegeben. Der abgestorbene Adel der Sächsischen Herzog-
tümer, bearbeitet von G. A. v. Mülverstedt. Lieferung 519! 522.
Nürnberg, Bauer & Raspe (Emil Küster). 1907. 68 SS. Mit
54 Taff. 4''-
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blattes: Leipziger Tageblatt. Jubiläumsausgabe vom i.JuH 1907.
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Musik: Zeitschrift der Internationalen Musikgesellschait VIII (1907),
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Z., A. Die Stadt am Pöhlberge: ebenda Nr. 33. S. <; — 8. Nr, 34,
S. 5-7. Mit 17 Abb. ii i i^
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Irrtums. 2., wesentlich vermehrte Ausgabe. Kremsier undTeschen,
S. Stuks. 1906. 212 SS. Mit Abb. u. 2 Karten. 8^.
1857 — 1907. Denkschrift zur Erinnerung an das 5ojähr. Bestehen
der Sparkasse der Stadt Annaberg i. Erzgeb. am i. Mai 1907.
Annaberg, C. O. Schreiber. (1907.) 19 SS. 4".
Annaberger Wochenblatt. Tageblatt, Amtsblatt für die könig-
liche Amtshauptmannschaft Annaberg und die königlichen und
städtischen Behörden zu Annaberg und Jöhstadt. 1807. 1907.
(Jubiläums -Nummer.) Annaberg, C. O. Schreiber. 12. Sept. 1907.
. 40 SS. Mit Abb. Gr.-2 0.
Inhalt u. a.: 100 Jahre. — Ein Jahrhundert in unsern vier Wänden.
— Annaberg in den letzten hundert Jahren. — Paul Thomas,
Das obererzgebirgische Dorfwirtshaus. — Aus der Geschichte
der Königl. Amtshauptmannschaft Annaberg. — Aus der Ge-
schichte des Königlichen Lehrerseminars zu Annaberg. — Dost,
Vom Musikleben Annabergs vor 100 Jahren. — Wild, Die Ent-
wickelung der Posamenten -Industrie in Annaberg und Um-
gebung. — Max Grube, Der Annaberger Pfennigmeister. —
H. Lungwitz, Erzgebirgisches Zmngeschirr und der Zinn-
sammler.
Zum Gedächtnis unsers am 2. Januar 1907 in Herrnhut entschlafenen
Bruders Charles Buchner, Doktor der Theologie, Bischof der
Brüderkirche. Herrnhut, Missionsbuchhandlung. 1907. 24 SS.
Mit Bildnis. 8».
Das fünf hundertjährige Jubiläum der Stadt Ehrenfriedersdorf:
Amts- und Wochenblatt für die Königl. Amtshauptmannschaft zu
Annaberg. 1907. Nr. 86. S. if.
Sächsische Fahnengedenktage; Der Kamerad XLV (1907). Nr. 28.
S. 9f.
Burg Frauenstein im Erzgebirge: ebenda Nr. 25. S. 17 — 20.
Mit Abb.
Kirchliche Notizen aus dem Lehnbuche Markgraf Friedrich des
Strengen von Meifsen (1349 50): Sächsisches Kirchen- und Schul-
blatt. 1907. Sp 599 — 601. (Schlufs folgt.)
Chronik von Froh bürg und Umgegend. 1906. Frohburg, B. Geifsler.
(1907.) 16 SS. 80.
Ein Gespensterspuk in der Superintendentur zu Glauchau im
Jahre 1675: Sachsenpost I (1907). Nr. 20. S. 1—3. Nr. 21. S. iif.
"Nr. 22. S. 6—9.
Gold- und Erzsucher in Sachsen: ebenda Nr. 22. S. 1 — 3. Nr. 23.
S. 1-3
Zur Geschichte des Heimatschutzes in Sachsen 1893 bis 1907:
Dresdner Anzeiger. 1907. Nr. 242. S. 2 f.
Hill iger aus Freiberg in Sachsen: Genealogisches Handbuch Bürger-
licher Familien XIII (1907), 233 — 271. Mit Wappen.
Eine geheimnisvolle Frau [Gräfin Kielmannsegg]: Sachsenpost I
11907). Nr. 26. S. I — 3.
Literatur.
;67
Neue Sächsische Kirchengalerie. Unter Mitwirkung der säch-
sischen Geisthchen herdusgegeben. Die Ephorie Marienberg,
Lieferung 15 — 34 Sp. 337-'824. Leipzig, Arwed Strauch, (igof.)
Mit Abb. und Taff. 40.
Oberst Hugo Klemm 1823 — 1905: Klemms Archiv. 1907. Nr. 20.
S. 324—328. Mit Bildnis.
Zum 200jährigen Jubiläum der Firma Klepperbein [in Dresden]:
Dresdner Anzeiger. 1907. Nr. 94. S. 6.
Von Königgrätz bis an die Donau. Darstellung der Operationen
des österreichisch-preufsischen Feldzuges 1866 nach der Schlacht
bei Königgrätz. Der Rückzug der Nordarmee vom Schlachtfeld
des 3. Juli. Mit Benützung der Feldakten des k. und k. Kriegs-
archivs bearbeitet von einem Generalstabsoffizier. Mit einer
Generalkalte 1:200000 des Operationsraumes, 6 Beilagen und
_ einer Textskizze. Wien, L.W. Seidel & Sohn. 1907. VI, 188 SS. S°.
Ein Jahrhundert eigener Kupfermünzprägung in Sachsen 1772
bis 1873: Sachsenpost I (1907). Nr. 17. S. 9— 11.
Festschrift der Rettungsgesellschaft „Samariterverein zu Leipzig"
zur Erinnerung an das 25jährige Bestehen herausgegeben vom
Vorstand. Leipzig, Druck von Friedrich Gröber. 1907. 218 SS.
Mit Abb. 80.
Leipzigs kirchliche Zugehörigkeit und Kirchenwesen in früheren
Jahrhunderten, namentlich im Zeitalter der Keformation: Der
Hausvater XVI (1907), 253 — 257. 283 f.
Das unterirdische Leipzig: Der Leipziger II (1907), 737^ Mit 6 Abb.
Leipziger Studentenpoesie vor 200 Jahren: ebenda 792f.
Leipziger Tageblatt und Handelszeitung. Jubiläums- Ausgabe.
1807— 1907. Leipzig, E. Poltz. 1907, 8 SS. Gr.-2*'.
Luther und die Vorverhandlungen der Leipziger Disputation (1519)
nach archivalischen Akten und Briefen jerier Zeit: Sächsisches
Kirchen- und Schulblatt. 1907. Sp. 486 — 488. 5oif. 518 — 520.
(Fortsetzung folgt.)
Zur Erinnerung an das fünfzigjährige Bestehen des Königl. Sachs.
Militärvereins I zu Dresden. 1857— 1907. Dresden, Otto Reichel,
(1907.) 37 SS. Mit Abb. 8»
Mirusblatt. Nr. 15 f. Leisnig, Druck von Herrm. Ulrich (Wölbung &
Feiste). 1907. S. 225—256. 8^.
Aus Mittweidas Chronik: SachsenpostI(i907j. Nr.26. S.8. Mit3Abb.
Ein 20ojähriges Behördenjubiläum in Sachsen (Kgl. Oberrech-
nungskammer): Dresdner Anzeiger. 1907. Nr. 142. S. 7.
Kunstschätze in einem sächsischen Klostergute (Oberwartha):
Unsere Heimat VI (1906/07), 195 f.
Die ehemaligen Königl. Hannoverschen Offiziere in der Sächsischen
Armee. Eine 40 Jahr- Erinnerung: Der Kamerad XLV (1907).
Nr. 15. S. 10 f.
Bilder aus dem Plauenschen Grunde bei Dresden: Sachsenpost
I (1907). Nr. 26. S. 5—7. Mit 3 Abb.
Raubschlösser in der Sächsischen Schweiz: ebenda Nr. 32. S. 8f.
Louis Riedel: ebenda Nr. 30. S. 1—4. Mit 2 Abb.
Gedenkfeiern an Sachsengräbern im Jahre 1906: Der Kamerad
XLV (1907) Nr. 14. S. 9-12. Mit Abb.
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Der Stammbuchbote. Nachrichtenblatt der Stammbuchführer des
Vereins ehemaliger Füratenschüler. Nr. 33 — 39. März 1906 bis
September 1907.
368 Literatur.
Nachschlagebuch für die Veröfifentlichungen des Königlich Säch-
sischen Statistischen Landesamtcs (bis 1905 „Statistisches
Bureau im Königlichen Ministerium des Innern") und des früheren
„Statistischen Vereins für das Königreich Sachsen" in den Jahren
1831 bis Mitte 1907. Herausgegeben vom Könighch Sächsischen
Statistischen Landesamt Dresden, C. Heinrich in Komm. 1907.
121 SS. 8°.
Sächsische Steinbrüche. Die Porphyrbrüche auf dem Rochlitzer
Berge: Sächsische Industrie III (1907), 261!
Sächsische Talisman- oder Glückspfennige: Sachsenpost I (1907).
Nr. 24. S. 8 -lo.
Wapler'sches Familienblatt. 1907. Nr. 32. S. 497 — 512.
Zur Neuordnung des sächs Wasserrechts: Zeitschrift für die ge-
samte Wasserwirtschaft II (1907), 33 — 37.
Zum Gedächtnis Pastor Rudolf Weidauers: Bausteine XXXVIII
(1906), 66—84.
Wentzel aus Grofsschönau in Sachsen: Genealogisches Handbuch
Bürgerlicher Familien XIII (1907), 491—494. Mit Wappen.
Alt- Kirchberg. Mitteilungen des Altertumsvereins Kirchberg. Nr. i — 4.
(1906.)
Inhalt u.a.: Göbel, Die Abnahme der Kirchrechnungen vor
mehr denn 2ooJahren. — S[cheibe], Das Jahr 1907 als Kirch-
berger Jubiläumsjahr. — Die neueren Veröffentlichungen zur Orts-
und Parochialgeschichte Kirchbergs und seiner Umgebung.
Blätter für die Geschichte der Sächsischen Armee. 1907. Nr. 3—9.
Inhalt: C. v. Metz seh, Hans Adam von Schöning. — Friedrich
August, Graf von Rotowsky. — Alte Kapitulationen und Militär-
Abschiede. — Das 2. Bataillon des Infanterie-Regiments „Prinz
Maximilian" in den Gefechten bei Weichselmünde im Mai 1807.
— e.V. Metzsch, Die Königlich Sächsischen Truppen im Feld-
zuge 1807 gegen Preulsen und Russen. — Die Anfänge des Kriegs-
ministeriums. — Bekleidungs- Abrechnungsbuch (1829 — 1835). —
Ulricus Graf von Promnitz. — Etat und Rangliste des Resiments
zu Rols Graf von Promnitz im Jahre 1682. — E. Schurig, Das
Kgl. Sachs. Lehr Infanteriebataillon vom 16. Januar bis 2. März 1867
unter Oberstleutnant von Montb6. — Johann Edmund Hotten-
roth, Historietten aus den Jahren 1806 und 1807.
Dresdner Geschichtsblätter. Herausgegeben vom Verein für Ge-
schichte Dresdens. XVI. Jahrgang. 1907. Nr. i. 2.
Inhalt: Otto Richter, Das Dresdner Vogelschiefsen im Jahre
1660. — Hubert Ermisch, Die älteste Dresdner Zollrolle. —
Totenschau. — Paul Racliel, Fürstenbesuche in Dresden. —
Otto Richter, Das Degenlragen der Handwerksgesellen. —
Ungetreue Ratsherren.
Mitteilungen des Altertunisvereins zu Hauen i. V. 18. Jahresschrift
auf die jähre 1907— 1908. Plauen, R. Neupert jr. in Komm. 1907.
V, 527 SS. 8 0.
Inhalt: C. v. Raab, Schlofs und Amt Vogtsberg bis Mitte des
16. Jahrhunderts und das Erbbuch vom Jahre 1542.
Literatur. 369
Mitteilungen der Gesellschaft für Zittauer Geschichte. Nr. 4. Zittau,
Druck von Richard Menzel Nachf. 1907. 24 SS. Mit i Taf. 8°.
Inhalt: E. Wilisch, Das Ende der Zittauer Schulkomödie. —
G[ärtner], Wie das Volk vor 260 Jahren in Zittau bezw. in der
Lausitz sprach. — E. Wilisch, Das erste Billard in Zittau. —
Em. Koch, Aus dem Museum.
Mitteilungen des Vereins für Geschichte von Annaberg und Umgegend
X.Jahrbuch für 1905 — 1907. 2. Bd. 5. Heft. Annaberg, Graser
(Rieh. Liesche) in Komm. 1907. S. 297 — 376.
Inhalt: Bönhoff, Die Herrschaft Pöhlberg bis zu ihrem defini-
tiven Anfall an das Haus W^ettin. Ein Beitrag zur Territorial-
geschichte des Erzgebirges (mit Kartej. — Georg Schmidt, Die
Glocken der Ephorie Annaberg. — Nekrologe: Kommerzienrat
Woldemar Wimmer; Bildhauer Ed. Rob. Henze; Stadtrat Friedrich
Bamberg; Vizedirektor em. Friedr. Wilh. Hunger.
Naehriehten.
Im Königl. Sächsischen AltertumsTCreiu hielt am 8. April
Dr.-Ing. Mackowsk}- einen Vortrag über die geschichtliche Ent-
wicklung des Stadtplans. Die diesjährige Studienfahrt des Vereins
fand am i.Juni statt und galt dem Besuche der alten Burgstätten
des Wildenstein {Kuhstall) und Arnstein (Ottendorfer Raubschlofs),
wobei die Herren Archivrat Dr. Beschorner und Dr, Meiche die
Führung übernahmen Ein gemeinschaftliches Mahl in Sebnitz be-
schlofs den Ausflug. — Die Mitgliederzahl betrug bei Beginn des
Vereinsjahrs 1907 08 483.
Der Verein für Geschichte Dresdens (970 Mitglieder) veröffentlichte
aufser der Vierteljahrsschrift „Dresdner Geschichtsblätter-' das
20. Heft seiner „Mitteilungen", enthaltend eine mit Lichtdruck-
abbildungen ausgestattete Abhandlung von Ernst Sigismund über den
Dresdner Maler Ferdinand von Rajski. Im Winterhalbjahr 1906 07
wurden fünf Vorträge gehalten; es sprachen am 17. Oktober Rats-
archivar Dr. Richter über das Dresdner Vogelschiefsen im Jahre 1660,
am 14. November Archivar Dr. Beutel über die Dresdner Rommunal-
garde, am 12. Dezember Archivrat Dr. Beschorner über unter-
gegangene Dörfer in der Umgegend von Dresden, am 13. Februar
Professor Dr. Rachel über Ferdinands I. Besuche in Dresden 1538
und 1547 und am 13. März Professor Dr. Wuttke über die Dresdner
Münzkonvention vom Jahre 1838. Am 9. Juni wurde ein Ausflug
nach Stolpen und Neustadt unternommen, der bei herrlichem Wetter
um so genufsreicher und anregender verlief, als in den Mitgliedern
Mörtzsch und Dr. Meiche vorzüglich unterrichtete Führer zu Gebote
standen.
Der Altertumsverein zu Kirchherg fMitgliederzahl 76) hat
kürzlich seinen Vizevorsitzenden, Fabrikant Otto Poppe, durch
den Tod verloren; er hat dem erfreulich auf blühenden Museum, das
er schon zu Lebzeiten reich bedacht hat, letztwillig einen schönen
alten Archivschrank, eine Truhe, alte Stickereien u. a. überwiesen.
In drei Versammlungen sprachen Herr Bräuer über die Reihenfolge
der Besitzer im „Ringe" seit 200 Jahren, P. Scheibe über Familien-
chroniken, über sieben Einladungen zum Kirchberger Schulexamen
aus den Jahren 1683 — 1699 und über die Kirchberger Spitz- und
Beinamen. Die „Mitteilungen" brachten Aufsätze von Bönhoft über
das Bergwerk Hohenforst im Mittelalter, von Scheibe über die
Kirchberger Spitznamen und „Proben geistlichen Briefstils aus den
Jahren 1770 — 1840".
Nachrichten.
371
Im Tereiii für die Geschichte Leipzigs hielten im Winterhalb-
jahr 1906/07 Vorträge: 24. Oktober: Lehrer Paul Benndorf „Ent-
stehung der israelitischen Friedhöfe, des Neuen Johannis- , Nord-
und Südfriedhofes in Leipzig"; 7. November: Dr. Paul Rühlmann,
Semina^berlehrer in Annaberg „Die Oktobertage vor 100 Jahren
und die öffentliche Meinung"; 12. Dezember: Realschullehrer Dr. Joh.
Kretzschmar „Die Lehnshoheit des Stiftes Merseburg über Leipzig" ;
9. Januar: Dr. Armin Tille „Eine unbenutzte Quelle der Leipziger
Handelsgeschichte".; 23. Januar: Oberlehrer Dr. Rudolf Müller
„Geschichte von E. M. Arndts Schrift ,Was bedeutet Landsturm
und Landwehr?' unter besonderer Berücksichtigung Sachsens";
6. Februar: Redakteur Dr. W. Bruchmüller „Der Typus der Leip-
ziger Studenten im 18. Jahrhundert"; 27. Februar: Stadtbibliothekar
Dr. Ernst Kroker „Die Leipziger auf der Universität Witten-
berg im Reformationszeitalter"; 13. März: Direktor Dr. Albrecht
Kurzwelly „Die Entwicklung der Leipziger Goldschmiedekunst".
Am 9. Mai wurde ein Studienausflug nach Naumburg und Dorn-
burg unternommen. In den Vorstand trat Lehrer Paul Benn-
dorf als II. Sammlungsvorsteher ein. In einer aufserordentlichen
Generalversammlung wurde am 18. Dezember die Übergabe der
^'ereinssammlungen in das Eigentum und die Verwaltung der
Stadt Leipzig nach dem Umbau des Alten Rathauses einstimmig
beschlossen.
Der A'erein für Geschichte Meifsens veranstaltete im letzten
Sommer auf Veranlassung des Herrn Hans Loose in Leipzig und
rnit Unterstützung des Deutschen Buchgewerbemuseums in Leipzig
eine Ausstellung wertvoller Plakate im Stadtmuseum (Franziskaner-
kirche). Unsere Notiz im letzten Hefte dieser Zeitschrift (S. 179)
berichtigen wir dahin, dafs zurzeit Prof. Dr. Leicht Vorsitzender,
Oberlehrer Dr. Böhm Vorstandsmitglied ist.
Der Altertiimsyerein zu Plauen i. V. beabsichtigt unter Zu-
grundelegung einer vom Buchhändler Gurt Sünderhauf in Nordhausen
angelegten, dem Verein vor längerer Zeit zum Geschenke gemachten
und von seinem Vorsitzenden A. Neupert sen. vervollständigten
Sammlung ein bibliographisches Repertonum zur Geschichte des
sächsischen Vogtlandes herauszugeben und richtet an Verfasser und
Verleger die Bitte, dies Unternehmen durch genaue Angabe der
betretfenden Schriften, namentlich auch der leicht der Beachtung
entgehenden Gelegenheitsschriften und Aufsätze in Zeitungen und
Zeitschriften, zu unterstützen.
Der Altertumsverein für Zwickau und Umgegend hielt im
letzten Jahre am 29. November und 20. Dezember 1906 und am
28. Februar 1907 Versammlungen ab. Es sprachen Lehrer Schleinitz-
Keinsdorf über einen Vorkämpfer der Aufklärung, den Apotheker
Joh. Gg. Schmidt in Zwickau (Verf. der „kuriosen Grillen" usw.),
Oberlehrer Lic. Dr. Giemen über kostbare Seltenheiten der Rats-
schulbibliothek, über den „Katzenveit" (einen Berggeist, ähnlich dem
Rübezahl) auf dem Kohlberg (d. h. Steinkohlenbergwerk) und über
den Prinzenraub.
Im Verein für Sächsische TolliSkunde hielt am 2. März Ober-
lehrer Wendt, der Leiter der Königl. Fachgewerbeschule für Spiel-
warenarbeiter in Grünhainichen, einen durch Lichtbilder erläuterten
5 "7 2 Nachrichten.
Vortrag über erza^ebirgische Spielwarenindustrie. Ferner sprach an
demselben Tage Lehrer Müller aus Marbach über das Weihrachts-
fest und Weihnachtssitten im oberen Erzgebirge in Verbindung mit
dem Vortrag einiger Volkslieder. — Bei der am 23. Mai in Eisenach
stattgehabten Versammlung der Delegierten deutscher Vereine für
Volkskunde wurden der zweite Vorsitzende des Vereins für Sachs.
Volkskunde Prof. Dr. Mogk in Leipzig zum Vorsitzenden des Ver-
bandes, Prof. Dr. O. Seyffert in Dresden zum Stellvertreter, Dr. Dähn-
hardt in Leipzig zum Schriftführer gewählt. Der Sitz des Verbandes
ist fortan Leipzig.
In den Tagen vom 3. bis 7. September wurde zu Dresden die
X. Versammlung Deutscher Historiker abgehalten. Den Vorsitz
führten Geh. Hofrat Prof. Dr. Seehger (Leipzig), Oberregierungsrat
Dr. Ermisch und Professor Dr. Gefs (Dresden) In der Eröffnungs-
sitzung, die am 4. September wie alle Vortragssitzungen in der
Aula der Technischen Hochschule stattfand, begrülsten Kultusminister
V. Schlieben, Oberbürgermeister Geh. Finanzrat Beutler und der der-
zeitige Rektor Geh. Hofrat Pattenhausen im Namen der Staats-
regierung, der Stadt und dtr Technischen Hochschule die gut be-
suchte Versammlung. Vorträge hielten Geh. Kirchenrat Prof.
Dr. Hauck (Leipzig) über die Rezeption und die Umbildung der
allgemeinen S3-noden im Mittelalter; Prof. Dr. O. Hintze (Berlin) über
die Entwicklung der modernen Ministerialvervvaltung: Ratsarchivar
Prof. Dr. Otto Richter (Dresden) über Dresdens Bedeutung in der
Geschichte (öffentlicher Vortrag); Prof. Dr. A. Schulte (Bonn) über
die deutsche Kirche des Mittelalters und die Stände; Prof. Dr. Kro-
niayer (Czernowitz) „Hannibal und Antiochus der Grofse, eine
strategisch-politische Betrachtung"; Geh. Hofrat Prof. Dr. K. Lamp-
recht (Leipzig) „Zur Ausgestaltung der universalgeschichtlichen
Studien im Hochschulunterricht" ; Privatdozent Dr. G. Caro (Zürich)
über Grundherrschaft und Staat; Prof. Dr. F. Keutgen (Jena) über
Königtum, Fürstentum, Kirche.
Aus den Verhandlungen der in denselben Tagen unter Vorsitz
von Oberregierungsrat Dr. Ermisch und Regierungsrat Dr. Lippert
abgehaltenen VIII. Konferenz von Vertretern landesgeschichtlicher
Publikationsinstitute heben wir den von Archivrat Dr. Beschorner
gegebenen und durch eine reichhaltige Ausstellung von älteren und
neueren Rissen, Karten und Proben erläuterten Überblick über die
Geschichte der sächsischen Kartographie und die neueren historisch-
geographischen Arbeiten in Sachsen hervor. Auf die durch die
Königl. Sächsische Kommission für Gest hichte der Versammlung
überreichte, von R. Kötzschke, H. Beschorner, A. Meiche und R. Becker
bearbeitete Schrift: „Die historisch -geographischen Arbeiten im
Königreich Sachsen" werden wir noch zurückkommen Die Stadt
Dresden ehrte die Versammlung durch einen Begrüfsungsabend im
Festsaale des Ausstellungsgebäudes, bei dem der Singechor der
Kreuzschule unter Leitung des Musikciirektors O. Richter Volks- und
Minnelieder vortrug. Den Beschlufs der Versammlung bildete am
7. September ein Ausflug nach Freiberg.
Die Historische Kommission für die Provinz Sachsen und das
Herzogtum Anlialt hielt am 11. und 12 Mai unter Vorsitz des
Geh. Regierungsrates Prof. Dr. Lindner zu Tangermünde ihre Jahres-
versammlung ab. Von den ..Geschichtsquellen" ist der erste Band
d'-r Kirchen Visitationsprotokolle des K^urkreises 1528 — 1592 (von Pallas-
Nachrichten. ^yj
Herzberg) erschienen und ein zweiter im Druck (er ist seitdem auch
veröffentlicht worden). Nahe bevor steht der Abschlufs des Naum-
burger Urkundenbuchs (von Dr. Rosenfeld- Magdeburg) und der
Matrikel der Universität Erfurt 1635 — 1816 (von Prof. Stange-Erfurt).
Die übrigen in Angriff genommenen Publikationen (s. diese Zeit-
schrift XXVII, 407 f) sind zumeist gefördert worden. Der Bericht
des Prof. Heldmann über den Plan einer Herausgabe von Quellen
zur städtischen Verfassungs-, Verwaltungs- und Wirtschaftsgeschichte
ergibt, dafs zunächst eine genauere laventarisation der Stadtarchive
notwendig ist. Für die von Prof. Gröfsler beantragte Bearbeitung
wissenschaftlich begründeter Heimatskunden der einzelnen Kreise
ist eine Kommission gebildet worden. Von der „Beschreibenden
Darstellung der Bau- und Kunstdenkmäler" ist zwar kein neues
Heft erschienen, aber die Kreise Heiligenstadt, Liebenwerda und
Querfurt sind im Manuskript nahezu vollendet. Die Kopialarbeit
an den Feldwannenbüchern und die Revisionsarbeit an den ]\Iefs-
tischblättern ist vorgeschritten und wird voraussichtlich in zwei
Jahren vollendet sein. Über die Grundkarten und über die Inven-
tarisation der nichtstaatlichen Archive war leider nichts zu berichten.
Der IX. Thüriug'er Archivtag trat am 2. Juni d. J. zu Arnstadt
unter Vorsitz des Prof. Dr. Grofse, Vorstand des fürstlichen Re-
gierungsarchivs daselbst, zusammen. Die Benutzungsordnung des
Archivs der Stadt Mühlhausen wurde als vorbildlich anerkannt; es
wird die Einführung ihrer Bestimmungen für alle Staats- und Stadt-
archive Thüringens angestrebt werden. Den Hauptvortrag hielt
Prof. Dr. Grofse: ,,Ein Gang durch Schlofs Neideck im Jahre 1583".
Zum Obmann für das nächste Jahr wurde Prot. Dr. Bangert, Vor-
steher des Fürstl. Geh. Archivs in Rudolstadt, gewählt. Die nächste
Versammlung soll am zweiten Sonntag nach Pfingsten in Rudolstadt
stattfinden.
An dem siebenteu deutschen Archirtag, der unter Vorsitz des
Geh. Archivrat Dr. Obser am 14. September zu Karlsruhe stattfand,
nahmen von sächsischen Archivaren Regierungsrat Dr. Lippert, der
Vorstand des Kriegsarchivs Oberstleutnant z. D. Hottenroth und der
Bautzner Ratsarchivar Prof. Dr. Arras teil. Ein näheres Eingehen
auf die Verhandlungen erübrigt sich, da speziell sächsische Fragen
nicht berührt wurden. Die Versammlung schlofs am 15. September
mit einem Ausflug nach Speier.
Dieser Ausflug bildete zugleich die Einleitung zur Haupt-
versammlung des Gesamtvereius der Deutschen (iJeschichts- und
Altertumsvereine, die vom 15.— 18. September in Mannheim unter
Vorsitz des Geh. Archivrat Dr. Bailleu und unter persönlicher
Teilnahme Sr. Königlichen Hoheit des Erbgrofsherzogs zu Baden
tagte. Unter den Vorträgen heben wir besonders hervor die des
Geh. Hofrat Dr. Wille- Heidelberg über den Humanismus in der
Pfalz und des Geh. Archivrat Dr. Wolfram-Metz „Pfalzgraf Georg
Hans, eine Lebenstragödie''. Von sächsischen ^'ereinen waren ver-
treten der Königl. Sächsische Altertumsverein, die Oberlausitzer
Gesellschaft der Wissenschaften, der Verein für Sächsische Volks-
kunde, die Vereine für die Geschichte von Dresden, Leipzig, Meilsen,
der Altertumsverein zu Leisnig, die Dresdener numismatische Ge-
sellschaft und der Verein zur Begründung und Erhaltung einer
Zentralstelle für deutsche Personen- und Familiengeschichte in
-j«4. Nachrichten.
Leipzig. Die Königl. Sächsische Kommission für Geschichte liefs
durch "^RegiermTgsrat Dr. Lippert eine Anzahl Exemplare der ge-
legentlich der riistorikerversammlung (s. o.) erschienenen Denk-
schrift über die historisch -geographischen Arbeiten im Königreich
Sachsen überreichen.
Die sechshuuderljälirige tredenlifeier der Schlacht bei Lucka,
die am 31. Mai in Lucka S.-A. begangen wurde, nahm einen glän-
zenden Verlauf. Seme Majestät der König von Sachsen und Ihre
Königlichen Hoheiten die Herzöge von Sachsen-Altenburg, Sachsen-
Meiningen und Sachsen-Coburg-Gotha hatten Vertreter gesandt. Den
Höhepunkt der Feier bildeten die Grundsteinlegung zu einem den
Sieg der meilsnischen Waffen verherrlichenden Brunnendenkmal auf
dern Marktplatze, die Festtafel im Ratskeller und die Aufführung
des von Pastor Bruno Lamprecht verfafsten Festspiels: „Friedrich
mit der gebissenen Wange genannt der Freudige". An die Jubiläums-
feier schlofs sich am i. und 2. Juni ein Heimatfest an, bei dem auch
der historische Festzug nicht fehlte. Eine vortrefflich ausgestattete
Festschrift haben Professor Dr. Adolf Schirmer und Hermann
Schroedel auf Friedrichstanneck dargeboten. Sie enthält eine Ab-
handlung des Erstgenannten über die Schlacht bei Lucka, die ein
hie und da verbesserter Auszug aus seinem unter demselben Titel
erschienenen Programm des Gymnasiums zu Eisenberg ist, imd eine
kurze Chronik von Lucka von Pastor Bruno Lamprecht, die leider
nur wenig Quellenangaben enthält, so dafs eine Scheidung der ur-
kundlichen und der weniger zuverlässigen chronikalischen Angaben
schwierig ist, ferner wohlgelungene Bildnisse der regierenden
Fürsten aus dem Hause Wettin, einschliefslich des Fürsten und des
Kronprinzen von Bulgarien, der Könige von Portugal und Belgien,
ein allerdings nicht beglaubigtes Bildnis der Brüder Diezmann und
Friedrich, die Grabmäl'er der beiden letzteren und alte Abbildungen
der Stammburg Wettin, von Meifsen im Jahre 1651, von Altenburg
(nach JNIerian)," der Wartburg von aufsen und innen, des mutmafs-
lichen Schlachtfeldes u. a.
Vom 20. bis 22. Juli feierte Ehreiifriedersdorf das fünf-
huudertjährige Jnbiläuin als Stadt mit Kommers, Kirchenparade,
Fe.vtkonzert, Illumination und einem Spaziergange nach dem Greifen-
stein. Es war ein wohlgelungenes Heimatfest; aber gegen die Be-
zeichnung als Stadtjubiläum wird man im Interesse der geschicht-
lichen Wahrheit Einspruch erheben müssen. Denn dafs Friedrich
der Streitbare im Jahre 1407 Ehrenfriedersdorf zur Stadt erhoben
habe, ist eine lokale Überliefeiung, die nicht allein urkundlich un-
beweisbar, sondern sogar nachweislich falsch ist. Ehrenfriedersdorf,
das meines Wissens 1344 zum ersten Male in der Geschichte genannt
wird, mag schon im 13. Jahrhundert entstanden sein; es hatte 1377
zwar Marktrecht, war aber ein Dorf und blieb dies auch, als der
Grimmaer Vertrag zwischen den Herren von Waidenburg zu Wolken-
stein und den Markgrafen von Meifsen vom 16. Oktober 1407 die
Rechte an den Bergwerken auf Grund des \'ertrages von 1377 neu
regelte. Bis über die Mitte des 15. Jahrhunderts hinaus wird es
stets als Dorf bezeichnet; als Städtlein wohl zuerst im Jahre 1456,
d. li. nachdem Ehrenfriedersdorf aus dem Besitze der Herren von
Waidenburg dauernd in den des Hauses Wettin gelangt war.
Indes hat Ehrenfriedersdorf das Stadtrecht schon einige Jahre
voriier bekommen, aber natürlich, wie auch das Stadtwappen
Nachrichten.
375
beweist, von den damaligen Stadtherren, den Herren von Waiden-
burg, nicht vom Markgraf Friedrich IV., dem später der Beiname
des Streitbaren beigelegt wurde. Wenn die Stadt Ehrenfrieders-
dorf letzterem ein Denkmal errichtet, so hat sie eigentlich keinen
Anlafs dazu: er ist nie der Stadtherr, am allerwenigsten aber
der Stadtgründer gewesen. Man hüte sich wenigstens, ihn in
der Inschrift als solchen zu bezeichnen; das wäre eine monu-
mentale Geschichtsfälschung, wie sie heute wirkhch nicht mehr
vorkommen dürfte. Näheres über die Entstehungsgeschichte von
Ehrenfriedersdorf hat P. Bönhoff im Amts- und Wochenblatt für
die Amtshauptmannschaft Annaberg, Beilage, Nr. 8i berichtet;
übrigens betonte auch der Ehrenfiiedersdorfer Bürgermeister
Troeger in der Ansprache, mit der er die Feier erötfnete (ebenda
Nr. 86), wie sehr unsicher der geschichtliche Untergrund des Jubi-
läums ist.
Auch in (jferiug'swalde wurde in den Tagen vom 31. August
bis 2. September unter lebhafter Beteiligung ein stark besuchtes
Heimatfest gefeiert. Wohlgelungen war namentlich der Festzug,
der Bilder aus der Vergangenheit und aus der Gegenwart von
Geringswalde in buntem Wechsel vorführte.
Das Annaberg'er Wochenblatt, Tageblatt, Amtsblatt für die
Königüche Amtshauptmannschaft Annaberg und die königlichen
und städtischen Behörden zu Annaberg und Jöhstadt, feierte am
12. September sein hundertjähriges Jubiläum. Die hübsch aus-
gestattete Festnummer bringt einen Faksimiledruck der i. Nummer
vom 12. September 1807, „ Jubiläums -Grüfse aus dem deutschen
Dichterwald" und eine Anzahl Aufsätze zur Geschichte der Zeitung,
der Städte Annaberg und Jöhstadt u. a.
Zum Bau eines Stadtmuseums in Bautzen auf dem Kornmarkte
wurde aus städtischen Mitteln die Summe von 300000 Mark be-
willigt, Weitere 100000 Mark stehen durch eine Stiftung des
Kommerzienrat Weigang, der auch seine wertvolle Gemäldesammlung
der Stadt geschenkt hat, zur Verfügung. Nach den Bestimmungen
der Stiftungs- und Schenkungsurkunde ist der Bau bis Ende 1908
fertigzustellen.
Bei der Eönigl. Sächsischen Kommission für Geschichte ist
am 28. August d. J. durch den Kammerherrn Dr. Arnold von Frege-
Weltzien auf Zabeltitz und Abtnaundorf eine von Frege-Weltzien-
Stiftung begründet und vom Kultusministerium als rechtsfähige
Stiftung genehmigt worden. Ihr Zweck ist die Förderung der vater-
ländischen sächsischen Geschichtsforschung und -Schreibung durch
Zuerkennung von Preisen, die auf Grund vorheriger Ausschreibung
von Preisaufgaben oder auch ohne solche zu erteilen sind. Die
Höhe eines Preises soll in der Regel 1000 Mark betragen. Die Ver-
tretung der Stiftung steht dem geschäftsführenden Mitgliede der
Kommission zu. Das Stiftungskapital beträgt 20000 Mark.
Die von der Erfurter Akademie gemeinnütziger Wissenschaften
ausgeschriebene Preisaufgabe „Der sächsische Bruderkrieg 1446
bis 1451" wird, da sie nicht den gewünschten Erfolg gehabt hat,
nochmals gestellt. Endtermin ist der i. Januar 1909;" der Preis ist
auf 800 Mark erhöht. Bewerber haben die mit emem Kennwort
versehenen Arbeiten an Prof. Dr. Stange in Erfurt einzusenden.
276 Nachrichten.
Der vogtländische Dialektdichter L. Riedel zu Plauen i. V. be-
ging am 27. April seinen 60. Geburtstag. Eine sinnige Feier im
„Prater" vereinte alle Klassen der Bevölkerung zu einer Huldigung
für den um das Volkstum des Vogtlandes hochverdienten Mann.
Unter anderem wurden ihm die Urkunde einer neubegründeten
„Riedelstiftung" und ein Ehrendiplom des Vereins für sächsische
Volkskunde überreicht.
Am Hauptstaatsarchiv zu Dresden ist die durch Ernennung
des ersten Staatsarchivars Oberregierungsrat Dr. Ermisch zum
Direktor der Königl. öffentlichen Bibliothek und durch Auf-
rücken der Staatsarchivare Regierungsrat Dr. Lippert und Archivrat
Dr. Beschorner erledigte Stelle eines dritten Staatsarchivars dem
bisherigen Kreisarchivsekretär am Königl. bayrischen Kreisarchiv
zu Nürnberg Dr. Arthur Brabant übertragen und ihm der Titel als
Archivrat verliehen worden.
Das neue Ständehaus zu Dresden, das bei dem bevorstehenden
Zusammentritt der Kammern zum ersten Male in Benutzung genom-
men wird, gewährt die Möglichkeit, die landständische Bibliothek
bedeutend zu vermehren. Es ist daher eine selbständige Bibliothek-
verwaltung vorgesehen und für dieselbe in der Person des Historikers
Dr. Armin Tille in Leipzig, des Herausgebers der „Deutschen
Geschichtsblätter" und der Abteilung ,, Deutsche Landesgeschichte"
in der Heeren -Ukertschen Sammlung ein besonderer wissenschaft-
licher Beamter gewonnen worden.
Register.
Von Arthur Richter.
Abiegnus (=Thanner), Jac. 123 f.
Adolph, Hzg. V.Sachsen -Weifsen-
fels 77.
Agnes, Gemahlin Kaiser Hein-
richs III. 276 f.
Albrecht, Kaufmann 225.
„ Mkgr. V. Brandenburg, Hoch-
me)ster d. deutsch. Ordens 119.
„ (d.Beherzte),Hzg.v. Sachs. 305.
Alexander VI., Papst 115.
Altdorf b. Geithain 274.
Altenau b. Mühlberg 90.
Altenberg 216. 255. 264.
Altenburg 118.
Altertumsverein, Kgl. Sachs. 178.
J70.
„ Museum zu Dresden 181.
Althamer, Andr. 125.
Amsterdam 203.
d'Ancre, Marschall 187.
Anhalt 267.
s. a. Georg, Joachim.
Annaberg 125. 133.
„ Verein für Geschichte 178. 370.
„ Wochenblatt, looj. Jubiläum
375-
Annaburg 205. 223.
Ansbach 120.
Apel, Kaufmann 225.
Apetzkaws s. Karras, Apetz.
Archivtag, 6. deutscher 183.
„ 7. deutscher 373.
„ 9. Thüringer 373.
V. Arnim, Frau Kammerh. iio.
„ Fräulein iio.
Arnold, Balthasar, M., Diak. in
Torgau 134.
Arnsdorf b. Rochlitz 270.
Arnstadt 128.
„ Dragoner 65. 105. 107.
Aub(Au,Aw,Ahu),a.d.Gollach 125.
Auerbach i. V. 126 f.
Augsburg 4. 125. 128. 131 f. 216.
August, Prinz v. Preufsen 251.
„ Hzg., Administrator v. Magde-
burg 188. 190.
„ Kurfürst v. Sachsen 5. 7. 133.
Augustusburg 205.
Aufsig 216.
Babst, Bürgermeisterfamilie 286.
Bapst, Valentin, Leipz. Drucker
307.
Back, Kupferstecher 219.
Bär, Siegmund, Bürgermeister i.
Bautzen 326. 328.
Bärenstein 255. 264.
Balbi(y), Oberstleutn. v. 245 f.
Baldaut, Christoph 126.
Balthasar, Mkgr. v. Meifsen 283.
Bamberg 129.
Baner, Johann, schwed. General
190 f.
Bartelmei, Leibmedikus 39.
Bartholomaei, Hofrat i.Dresden 99.
Barutau s. Beruteaux.
Bastouches (Bastuche), Elsabeth
203.
Bauch, Joh. Gottlieb 86.
v. Baudis, Wolff Heinr., General
63. 76 f. .
„ Karabiniers 105 ft.
v. Baudissin, Generalleutnant 189.
Bautzen 65. 216. 326. 328.
„ Stadtmuseum 375.
Bayreuth s. Wilhelmine.
Bedeln, Dorf 293.
Behem (Beham, Beheim, Bemhe,
Bhoem, Phem), Simon 124 ff.
Beigern 99.
378
Register.
Belvedere, Pavillon b. Warschau
248.
Beizig, Amt 7.
Benckendoiff, Frau Geh. Rat 90.
V. Benckendort, Frau, geb. v.
Schleinitz 215.
Benno, Bischof v. Meifsen usf.
Berggold, C. S. 244.
,, Kondukt- ur 79.
Berlin 52. 80. 87. 100. 201 f. 216.
225. 242 f. 245. 251 f.
Bertha, Kaiserin, Gemahlin Hein-
richs IV. 4.
Bertholdi, Andrea 217.
Beruteaux (Barutau), Koch 204.
Bevern, Prinz v. 81.
Bhoem s. Behem.
V. Biberstem 324.
„ Hans, Herr zu Sorau u. Bees-
kow (Befskavi) 325.
„ Johann IL 326.
Bibra 256. 266,
V. Bibrach, Gebhard 324.
„ (Bebrach), Hans, Vogt zu
Dohna 323. 329.
Bilinska, Frau Gräfin 109.
Blanck, Malelicant 57.
Blankenfeld, Johannes, Bischof
V. Reval iigf
V. Block, Frau Oberst iio.
Bobersen b. Riesa 76. 91. iio.
V. Bodenhaufsen, Frau iio.
Böhme, J. Chr., Feldart.-Brücken-
schreiber iii.
Böhmen 94. 191. 206. 267.
Böhmisch-Kamnitz 216.
V. Böhn, Inf.-Regiment 55. 65. 73.
106.
Börnchen 255. 264.
Boetius, C. F., Kupferstecher 112.
Büttger (Bötlicher 20), Joh. Friedr.,
Baron, Alchimist i7ff.
„ Böttgersteinzeug 31. 40. 44.
Bohemus Aubanus, Joh., Deutsch-
ordenspriester 125.
V. Bolberitz, Gerhard 326.
Bombsdorf, Reisestallmeister 210.
Bonard. Bratkoch 204.
Boner, Andr., Mag., a. Landau 123.
V. Bora, Frau v. Christoph Kirsch
IS-
Borack b. Mühlberg 90.
Borna 115.
„ Kunigundenkirche, Königs-
kirche 277. 365.
V. Borna, Frenzel 324. 328!
Borschütz (Borschitz) b. Mühl-
berg 90. 94.
Böse, Frau Generalleutnant 109.
V. Böse, Frau iio.
Boysen. Karl. Prof. Dr. 184.
V. Bräuner, Gräfin 109.
Brand b. Annaburg 223.
Brandenburg 2. 88. 243. 267.
s. a. Albrecht, Kasimir, Sophie.
Braunschweig 130.
ßredekopf, Gregorius, a. Konitz
123.
V. Bredow, pr. Kapitän 108.
Breiter.feld b. Leipzig 195.
Bremen 7.
Breslau 2. 103. 216. 225.
V. Bretschneiüer, J., Geh. Kriegs-
rat 89.
Brückner, WolÖ", Tagelöhner 15.
Brühl, Graf 72 79. 220. 226.
V. Brühl, Kämmerer 211.
Buch, Kloster 115! 295 If.
Bucher, Kommissionsrat 89.
I Buddenbrook, pr. Generalmajor
I 108.
V. Bülav, Frau 110.
Bülow, Sachs. Gesandte 246,
V. Bünau, Günther, sächs. Rat 121.
sen. 325.
„ Hauptmann 286.
„ Kanzler iii.
„ Geh. Rat, Schlofsherr v. Lau-
enstein 256.
„ Frau Geh. Rat u. Canzler 109,
„ „ ,, „ die jüngere 109.
Bünauisches Gericht 264.
Bürger, Amtsverwalter 89.
Bussius, Sekretär 19. 21. 43! 46 f.
Butzer (Bucer), Mart. 127.
Caila, Inf.-Reg. 65. 73. 106.
Camerarius, Joach. 127 tf.
„ Gothardus 128.
Caninichenberg b. Warschau 248.
CarafFa, kais. General 136.
V. Carlowitz, Herr 268.
„ Frau Kammerh. iio.
„ Fräulein 110.
Carlowitz isches Gericht 256. 267.
Carsdorf (Carnitz), b. Rochlitz
275. 278.
Castell, Frau Generalleutn.,Gräfin
109.
Celle 52.
Register.
379
Charlotte, Prinzessin v. Preufsen
8i.
Chemnitz 65. 191. 266. 299.
„ Luftwasser 213. 214.
„ Verein für Ch. Geschichte 178.
Chemnitz, Historiker 194. 196.
China 26. 33. 34. 44.
„ Porzellan 20. 22. 29. 40. 41. 48.
Cholidistcha 276.
Christian, Bischof v. Naumburg
299.
„ Kurfürst v. Sachsen 299.
Clanberg in Solingen 52.
V. Cleen, Dietr., Landkomtur v.
Hessen 121.
Clessel 8 5 f.
Cobenthal s. Jacobsthal.
Coccei, Noa Joh. 198 f.
Colditz 297. 300.
V Colditz, Heinr. 297.
Compiegne 68.
Contessa, Andr. , a. Breslau 103.
225.
Cosel, Gräfin Augusta Constantia
75.
Cofsdorf s. Kofsdorf.
Cottewitz 90.
Cracus, poln. Fürst 137.
Criegern, Kür.- Reg. 65. 105 t.
Cronschwitz, Kloster 137 ff.
Crüger. Reg. Kavallerie 65.
Cunnersdorf 100.
Czernicho (Czerniachow, Czer-
niakow) b. Warschau 219. 247 ff.
Czafsnitz s. Zafsnitz.
V. Czirnhawse, Heinr. 326.
Dänemark 187.
Dankelmann, Eberhard v. 187.
Danzig 214.
V. Dehn , Frau , auf Helffenberg
110.
„ Derschau, pr. Oberst 108.
Dessau 128.
s. a. Leopold.
Deutscher Orden ii7ft'.
Deutschherren 138 ff.
:, Steine 138 ff.
Dewpskaras s. Karras, Apetz.
V. Diefskau (Diskau) Frau Geh.
Rat 109.
„ Frau, geb. v. Schöning 110.
„ Fräulein iio.
„ Joh. 190 f.
Dietrich, Veit 128.
Dietze, Christoph Mor., Vizeober-
landfeldmesser 54. 89f. 113.
Dippoldiswalde 263.
Dittersdorf 255 ff". 259. 264.
Divry, Graf 204.
V. Dobeneck , Job , Bischof v. Po-
mesanien 121 f.
Döbeln 258 f.
Döbra b. Liebstadt 267.
Dönnhoft", Graf, Generalmajor 108.
Dohms (Damas) b. Lauban 324.
Dohna(Donyn,Donynn) 255. 321 ff'.
„ Schöppensprüche 321 ff.
„ Burggrafen: Jan 323. 329.
„ „ Jeschke 323. 328.
„ ,, Otto Heyde IlL 323. 329.
„ „ Otto Mul 323. 327.
Dossau, Frau Major iio.
Draschke, Draschkengut b. Roch-
litz 275. 301.
Dresden i9flf. 26 ff. 34. 40 f. 47 t.
52. 54 f. 63. 65. 67 f. 81 87. 97.
99f. 102. 104. 112. 116. i97ff.
200 f. 203 ff. 214. 216. 22of. 231 ff.
245 ff. 249. 252 ff. 256 ff. 263. 267.
274. 280. 305.
„ Kgl. öff. Bibliothek 184.
,, Landständ. Bibliothek 375.
„ Hauptstaatsarchiv 375.
„ Holländisches (Japan.) Palais
34- 55- 202 ff;
„ Porzellansammlung 27. 34^48.
„ Museum des Kgl. Sachs. Alter-
tumsvereins 181.
„ Verein f. Gesch. 370.
V. Drefsky (Dresky), Inf.-Reg. 73.
106.
Drosekowe b. Rochlitz 275. 301.
Düna 60.
Dünnstein, Sauerbrunnen 21 3 f.
V. Dürrfeld, Oberst 221.
V. Dürrfeldt, Oberstleutnant 240.
Dumont, Leipziger Bankier 203.
Du Moulin, pr. Oberst 108.
Dunin, Frau Starost 109.
„ Fräulein 104.
Dusemer, Heinr. 141.
Eberhardt, Bartholomäus, in Gör-
litz 325.
Eck, Joh. 126 f.
Eger, Sauerbrunnen 21 3 f.
Ehrenfriedersdorf, 500 j. Stadt-
jubiläum 374.
Neues Archiv f. S. G. u. A. XXVIII. j. 4.
25
38o
Register.
V. Einsiedel, pr. Oberst io8.
,, pr. Major io8.
Eisenach 284.
Eisleben 56.
Elbe 53. 55- 63. 75f. 88. 94. loi.
HO. 195. 205. 215. 220. 222f.
243 f-
Elster, Dorf, Amt Wittenberg 68.
Elsterberg 126.
Elsterwerda 97.
Elstra 67. 81,
V. Eltz, Georg, Komtur v. Osterode
120.
Emser, Hieronymus 3 20 f.
England 187.
Eperjes (Epperies) m Ungarn 1 36 f
Erfurt 128t. 131. 134. 196. 216.
,, Akatlemie gemeinnütziger
Wissenschaften 375.
Erlau 280.
Ermisch, Oberregierungsrat, Dr.
184. 375.
Ernst, Hzg v. Sachsen, Erzbischof
V.Magdeburg 117.
„ Kurfürst v. Sachsen 289. 305.
V. Erpach, Frau Gräfin 109.
Erzgebirge 21, 47, 100, 205.
Essex 187.
Faber, Heinr, 133.
Fabricius, Georg 133.
V. Feilitzsch, Phil. 121.
Ferrari, Aquil. 217.
Fichtenberg b. Mühlberg a. E.
90. 94.
Fischer, Jul. William, Konrektor
Prof. Dr. in Plauen 184,
Fischheim b. Rochlitz 270.
V. Fleming, HansFriedr. , Infan-
terie-Oberstleutnant 237.
V. Flemming, J. H., Graf, General
63, 239f.
Florus 123.
de Folard, Chevalier J. Gh. 63 f.
66. 74. 242 ff.
Fontenelle 22 f. 27. 33. 46.
Forchheim i. Bayern 127.
Forster, Joh. 128.
Forstmann, Engelhard 9 ff.
Frankfurt a. M. 129. 216.
„ a, O. 192.
Frankreich 25. 33. 68. 187.
s. a. Ludwig XIV.
Frauenhain 102.
Fraustadt 60.
V. Frege-Weltzien, Arnold, Kam-
merh. Dr. 375.
Freiberg 14. 65. 122 f. 191. 265.
305.
„ Altertumsverein 179.
„ König- Albert-Museum 179.
Friderici, Fabr. in Suhl 52.
Friedland 328.
Friedrich IL (d. Ernste), Mkgr. v.
Meifsen 284.
„ Ill.(d.Strenge), Mkgr .v. Meifsen
277. 283 f. 289.
„ IL (d. Grofse), König v. Preufsen
(Fritz) 58 f. 68. 82. 108. 242f.
245 f- ^
„ Wilhelm I , König v. Preulsen
58 f. 62. 64. 72 ff. 8off. 97 f. 108 f.
202. 222f. 241. 249. 251 f.
„ V. Sachsen, Hochmeister d.
deutschen Ordens 117 ff.
„ Pfalz^raf v. Sachsen 295!
„ IL (d. Sanfim.), Kurfürst v.
Sachsen 300.
„ III. (d. Weise), Kurfürst v.
Sachsen 117.
„ August I. (d. Starke), Kurfürst
V. Sachsen (August IL, König
V.Polen) 17 21. 27!". 41 f. 51-
57 ff 82. 84ff. 96f. 100 ff. 107 1
113. 222. 227. 237. 242. 244f.
247 ff.
„ August IL, Kurfürst v. Sachsen
(August IIL , König v. Polen)
S8f. 79- 8sf.
„ August IIL (I.) Kurfürst (König)
V. Sachsen 261, 334.
„ Christian, Kurfürst v. Sachsen
86.
„ Wilhelm,Hzg.v.Sachsen-Zeitz
135-
„ Prinz, Kür.-Reg. 65. 68. 105 f.
V. Friesen,. Heinr. Friedr., Graf,
Oberkammerherr 75. 203.
„ Fürstenberg, Fürst 23.
Fürstenhoff,Oberstleutnant 54. 92 f.
ml.
Fuhrmann, Wolfg., Leibarzt 132.
V. Füllen, Frau Kammerh. iio.
Gatow b. Spandau 245 f
V. Gebhardt, Prof. Dr. 184
Gebirgs verein f. d. Sachs. Schweiz,
Abt. f. Gesch. (Hist. Sektion)
180.
Geiler v. Kaisersberg 306.
Register
381
Geisingen 255.
Geifsler, Chrn, Benjamin 253 ff.
Geithain 142. 274. 280. 298.
Geographus Laurent inus s. Sap-
puhn, Gg. Heinr
Georg, Fürst v. Anhalt 127 ff.
„ Hzg. V. Sachsen usf. 117 f.
122. 286. 293. 299f. 308.
Geringsroda 9.
Geringswalde 280.
„ Heimatfest 374.
V. Gersdorf, Leuther 323 f.
„ Katharina, s. Witwe 323.
„ Hans (Jon), auf Kuhna 323 f.
„ Tamme 3251.
„ Nickel- Voitländer 326.
„ Gerfsdoift", Frau Kammerh.,
Gräfin iio.
„ Frau HO.
Gesamtverein d. Deutsch. Gesch.-
u. Altertumsvereine 183. 373.
Gesellschaft, Oberlaus., d. Wiss.
z. Görlitz 178.
V. Gieleissen, Frau Gräfin 109.
Glaser, Conrad, v. Lichtenfels 123.
Glashütte 255.
„ Stadtjubiläum 182.
Glaubitz b. Riesa 5 3 f. 76. 90 ff.
95. 99ff. 235.
Gleich, Hofprediger Dr. 97.
Gleichmann, Vize-Hofsekretarius
203.
Gnandstein 5 f.
Görlitz 178. 258. 321 f. 324ff.
Goethe, Joh. Wolfg. v. 8. 88.
Gohlis 90. 93
Gohrisch b. Riesa 89 f. 93.
Gohrischwald (Gehölz) 54. 74. 77.
92. 100. 226.
Goldacker, Drag.- Reg. 65. 105.
107.
Goldmann, J., Hoftapezierer 95.
GoUach 125.
Gommern 7.
Gosmar, Balthasar, Hauslehrer 1 26.
Gotha 131. 133.
s. a. Sachsen-Gotha.
Graditz, Gestüt 223.
Graz 136.
Grimma 284.
V. Grifslau, Heinr. 327.
„ Niklas 327!.
„ Peter, auf Rudelsdorf 327.
Gröbern 65. 76.
Gröblitz 299.
Grödel 89! 94. loi. 215.
Grofsenhain 52 f. 56. 65. 69f. 89 f.
102. 108. III ff.
de Grossis, Achilles, päpstl. Legat
119.
Grolssedlitz 324.
GrofsZschocher 64.
Gruna ö. Görlitz 326.
V. Grumbkow, Generalleutnant
108. 210 252,
Guben 65.
Günther, Joh., böhm. Edelmann
299.
Haacke, pr. Kapitän 81.
V. Haake, pr. Kapitän 108.
Haase, Mart., Pächter 91.
Habsburg 62, 136.
s. a. Rudolf.
Hackeborn, Kür.-Reg. 65. 105 f.
Hackentall, Donat 294.
Haedrich, Oberstleutnant 88.
Häfsler, Joh. G. 298.
Hahnemann, W. 214.
Hainichen 265.
Halberstadt 216.
Halle 6 216, 322.
Hamburg 94. 216.
V. Harrenberg, Frau 11 o.
„ Domherr a. Magdeburg iio.
Harlha 280.
Hartitzsch, Inf -Reg. 257.
Hasse, Komponist 221.
,, Faustina, s. Gem., Sängerin 221.
V. Haugwitz, Frau Hofmarschall
109.
Hausmann, Nikolaus 9.
Hayn 205.
Hegcndorfer, Christoph 125.
Heilberg in Preulsen 136 f.
Heinrich L, Kais-.r 273. 277.
„ IL, Kaiser 276.
„ III., Kaiser 276.
Heinsius, Brandenburg. Dom-
pfarrer 194. 199.
Heinze, Postmeister 99.
Heise, Joh. Gottlob, Ph3-s. 263.
V. Heller, pr. Kapitän 108.
Helft'enberg 11 o.
Heller, Klaus 328.
Helt, Georg, v. Forchheim 127.
Hempe, Joh. Zach. 239.
Henneberg 6. 128
Hennicken, J. Chr., Kammerrat 89.
Henil, Lukas 115.
25'
382
Register.
Henrici, Chr. Friedr., gen. Pican-
der 87. 220.
Hessen 129.
V. Hetzschitz, Wilh. 335.
V. Heyden, Frau Hauptmann iio.
V. d. He3'den, zwei Fräul. iio.
Heyne, Joh. Gg. 205.
„ J. G., Hoffleischer 221.
Hildebrand, Oberst 64 240.
V. Hoberg, Heinr. 326!".
„ Pet. 3 26 f.
Höllgründe, die, b. Annaburg 223.
Hoese, Hoftischler 95. 200. 225.
Hofmann, Johann IV., Bischof v.
Meilsen 332.
Hofmann, Lukas, Meifsner Kleri-
kus 115.
Hotfmann, Joh. Paul, Bilderhänd-
ler 86.
„ Wolf, Arzt 9.
Hohmann, Baumeister 86.
Hohnstein 220.
Holland 225.
Hollstein, Prinz v. 210.
Holstein, Hzg. v., Generalmajor
108.
Holzenberg 20.
Holzkirchen b. Lauban 258.
Homberg, Chemiker 22. 33. 42
Homburg, Joh. 125.
Homilius, Buchbinder 221.
Hommelfshan, Joh. 307.
Honorius Cubitensis, Joh. 122 ff.
V. Hopfgarten, Kanzler 257.
V. Horst, Fräulein I09
Hoym, Graf, Minister 82. iii.
Hübotter und Schaaf, Fabr. in
Grofsenhain 52.
Indianisches Porzellan 203 f.
Italien 33.
Jacobsthal (Jakobsthal) 90. 136.
Japan 26.
„ Porzellan 202 ff.
V. Jenzenstein, Joh. II., Bischof v.
Meifsen 332.
Joachim, Fürst v. Anhalt 127. 132.
Joachimsthal 126.
Johann. Bischof v. Naumburg usf.
Johann Friedrich d.Grofsm.,Kurf.
V. Sachsen 128. 130.
„ Georg I., Kurf. V.Sachsen 187 ff.
i97ff-
„ Georg IL, Kurf. v. Sachsen 334.
Johann Georg III., Kurf.v. Sachsen
61. 68. 238.
„ Georg IV., Kurf. v. Sachsen
100. 238.
Junkwirt, Fabian, Kirchner 296.
Justinus 122 f.
Kaiserling (Keiserüng), pr. Leut-
nant 81. 108.
Kandier, Joh. Joach. 203.
Kalbitz 57.
Kaiisch 60.
V. Kaikreuth 324.
Kanitzki, Hotbrauereiverwalter
215.
Kannenstein, Baron 29.
Kapfenburg nw. v. Ulm 125
Karl XII. V. Schweden 60 f.
Karras, Apetz 323. 325.
Kasimir, Mkgr. v. Brandenburg
120 f.
Katte, Leutnant 82.
„ Dragoner 65. 105. 107.
Katzenstein b. Sörnzig 275. 286.
Kees, J. J,, Oberpostmeister 100.
Keiserling s. Kaiserling.
Kiefslingswaldau (e) 20 46.
Kindelbrück 65.
Kinderbrück, Rochl. Förster 278.
Kirchberg, Altertumsverein 371.
Kirsch, Christoph 15.
,, s. Frau, v. Bora 15.
Kittel, Joh. Jak. (Micrander) 87.
V. Kittlitz, Heinr., auf Eisenberg
324.
„ Joh. III., B:schof V. Meifsen
331 f.
V. Kitzscher, Joh. 117 ff".
Klein -Trebnitz (= Klein-Dröbig)
b. Grofsenhain 90.
V. Kleist, pr. Oberst 108.
Klingenberg, Dragoner 65. 68.
105 ff.
Klissow 60.
V. König, Ulr. 58. 89. io7f. 226.
Köuiglin, Frau Gräfin 109.
Königsberg 121 f.
Königsfeld b. Rochlitz 269. 277.
Königshain b. Rochlitz 277.
Königsmarck, schwed. General
191.
Königstein loo. 214. 222. 226.
Kötterner Borscheiberg 273.
Kolditz, Thimo v., Bischof v.
Meifsen 333.
Register.
383
Kommission, Kgl. Sachs., f. Ge-
schichte ijöff. 375.
Konitz 123.
Konrad, Mkgr. v. Meifsen 280.
„ V. Thüringen, Hochmeister 140.
Konstanzer Konzil 330.
Kofsdorf 58. 81. 108.
Kofselitz (Koselitz, Koselich,
Kisseling, Kesseling) 293, 301.
Krakau 123. i36f.
Kralapp, Dorf 295 f.
Krause, Tapetenmaler 95.
Krell, Kanzler 187.
Kreinitz (Kreynitz) 90. 99. 136.
Kreylser, Zimmermann 92.
Krieger, Gottfr. 55.
Kriemhild 3.
V. Kröcher, pr. Oberst 108. 210.
Krosna 297.
„ Gerhardt dictus de 296.
Krügner, Kupferstecher 79
Kühne, M., in Radewitz 95.
Kühne, M. 14.
„ Ursula, s. Witwe 14.
Kundmann,Joh. Christ., Polyhistor
20. 44 f.
Kunegszewig, Wald b. Rochlitz
277.
Kunigunde, Kaiserin, Gemahlin
Heinrichs IL 276. 280.
Landau 123.
Landsberg, Mart , Leipziger Buch-
drucker 122 ff.
V. Landskrone, Pritsche 324.
„ Hans 324.
„ Ingram 324.
„ Kalkreuter 324.
„ Nickel 324.
„ Peter 324.
„ Witche 324.
„ Zschaslau 324.
Lang, Joh. 131. 134.
Lange, Accisrat 105
Langenrinne b. Freiberg 65.
Langensalza 241.
la Rue, Koch 204.
Laticephalus s. Bredekopf.
Lauban 75. 258.
Lauenstein 253 ff. 263. 267.
Lausitz 195. 268.
Layderet, Pastetenbäcker 204.
Lechen, Lechiten 136!.
Leckwitz loi.
Leibnitz, Gottfr. Wilh. 26.
V. Leibnitz (Leubnitz), C. H., Ober-
jägermeister 205
Leipzig 54. 57. 64. 82. 86 f. 100.
112. 117. i22ft. i3if. 188. 190 ff'.
201. 205. 216. 225. 240. 263. 322.
335-
„ Kleiderordnung 305 ff.
,, Stadtgeschichtliches Museum
181.
„ Universitätsbibliothek 184.
„ Verein für Geschichte 371.
V.Leipziger, Fräulein iio.
„ Oberstleutnant 240.
Leisnig 6. 216. 276. 284
„ Geschichts- u. Altertumsverein
179.
Leopold, Fürst V. Dessau 214. 242.
„ Wilhelm, Erzhzg. V.Österreich
195. 197.
Le Plat, Baron 203.
Lessa a. d. Elbe 76 f. 91.
Lichtenburg 59. 219. 223.
Lichtenhan, Matt. 307.
Lichtensee 53. 90 ff.
Liebeln 326.
Liebenwerdaer Heide 100.
Liebstadt 253. 255ff. 259. 262ff.
Liegnitz 322.
Linger, Generalmajor 108. 210.
Linz 216.
Lippin, Kgl. Leibwäscherin 210.
Lippold, Kaufmann 225.
List, Heinrich, Vogt zu Pirna u.
Dohna 323. 325.
V. Lochau, Mart., Abt in Altzelle
usf.
„ Fräulein iio.
V. Loevvendal, Frau Oberhof-
marschall Baronin 109.
„ Frau Oberst Baronin iio.
„ Inf.-Reg. SS- 65. 73- 105.
London 201. 225.
Longuelune, Landbaumeister 100.
Lorenzkirch b. Strehla 136 f.
V. Lofs, Frau Geh. Rat Ober-
stallm. 109.
Lothius, Geistl. 261.
Lotter, Melchior 335.
Lubomirska, Frau Miesnickowa
Fürstin 109.
Lucka, Schlacht b. 182. 374.
V. Ludewig (Ludwig), Oberst 64.
241.
Ludwig XIV. V. Frankreich 59. 68.
Lübben 64 f.
384
Register.
Lüttich 52.
Lützelburg, Grat 201. 225.
Luik 52.
Luther, Martin 125. 134. 340,
V. Lynar, Chrn. Levyn Graf 81.
108. 250.
Magdeburg 3.94. 110. 117. 216. 322.
Mainz 4.
Mannheim 216.
V. Mannteuffel, Frau Geh. Kab.-
Min., Grälin 109.
„ zwei Fräulein, Gräfinnen iio.
Marburg 139 f.
V. Marche, Oberst 221.
., Inf -Reg. 65. 73. 75. 105. 240.
Marienburg 140.
Maria Josepha, Kurprinzessin v.
Sachsen 58 f. 109.
Mark-Siedhtz 97.
Markthennersdorf 258.
Martinus Herbipolensis s. Lands-
berg, Mart.
Massa, Nicolaus 127.
., PoUienus 127.
Mathesius, Balthasar, Diak. 141.
„ Melchior, Rochlitzer Chronist
141. 283. 291. 293.
Matthäus, Abt v. Buch usf.
^lathilde, Gemahlin Heinrichs 1.
277.
V. Maxen, Frau Kammerh. 109.
., zwei Fräulein iio.
Mav, Joh., a. Römhilt 124.
Mecklenburg 94.
Meifsen 6. 170'. 56. 63. usf. 133^-
188. 193. 20s 216. 220. 253. 271.
299. 321.
„ Fürstenschule St. Afra, afra-
nische Feste 137.
„ Bischöfe s. Benno, Hofmann,
lenzenstein, Kittlitz, Kolditz,
Niclaus, Petrus, Planitz, Sal-
hausen, Schleinitz, Schönberg,
Weifsenbach, Ysenberg.
„ Mkgf. s. Balthasar, Friedrich,
Konrad, Wilhelm.
,, Porzellan 17 ff. 202.
„ Verein für Geschichte 179. 371-
Melanchthon, Phil. 127 f. i3off.
V. M-ilzing, Frau iio.
„ Fräulem iio.
Merschwitz s. v. Leckwitz loi.
Merseburg 128. 130. 132. 271.
s. a. Thietmar.
Messerkramer, Markus 14.
s. Witwe 14.
Metzner, Jac. 298.
V. Metzrath (Metzinrode), Chri-
stoph 326.
„ Colmann 326. 329.
V. Metzsch, Jos. Levin 126,
Meurer, Georg 14.
Micrander s. Kittel.
Mierisch Dragoner 92.
V. Milckau, Oberstleutn. 64. 240.
V. Milkau, Hiob 299.
Mittweida 280. 289.
Mniszeck , Frau Kronmarschall,
Gräfin 109.
„ Frau Gräfin 109.
Mock, J. Chr. 249.
Molitoris. Johannes 134-
Monti, Marquis, französ. Ge-
sandte s8.
Moritz, Kurf. v. Sachsen i3off.
„ Marschall v. Sachsen 243 f.
„ Hzg. V. Sachsen-Zeitz 135.
„ Wilhelm, Hzg.v. Sachsen-Zeitz
135-
Moritz b. Riesa S4f- 7^. 91 f- 94-
loif.. iiof. 215. 219. 235.
Moritzburg 104. 200. 205.
Müglitz 259.
Müiilberg (Mulberg) S3f. 63. 69.
82 fl. 94 99. III f. 130. 205.220.
240. 243 f.
Mühltroff b. Plauen 126.
Mützenburg 301.
Mulde 269. 271. 28s. 295. 3ooff.
Musa, Ant. 128 131.
Muskau 214.
Mylau 126.
Mylius, Kupferstecher 79.
Naumburg 133. 142- 299.
s. a. Christian, Johann.
de Nehem, Fräulein 109.
Nehmitz, Michael 3 9 f.
V. Neitschütz, Frau General-Post-
meister 109.
Neutaubenheim, Rittergut 273,
Niclaus, Bischof v. Meifsen 299.
Nicol de Strazburg, Steinmetz 279.
Nicolai, Friedr. 245 f.
V Niemegken, Fräulein iio.
Ningritz s. Nünchritz.
Nordhausen 131.
Nordischer Krieg 60 f. 82.
Nossen 205. 265 f. 278.
Register.
385
Nofswitz b. Rochlitz 275. 280. 286.
297. 301.
Nünchritz 55. 94.
Nürnberg 128 ff. 141. 299.
Oelsnitz 4. 7.
„ Hans von der, Vogt zu Dohna
.. 323- .325-
Osterreich 268.
s. a. Leopold Wilhelm.
Oettingen 216.
Oginska, Frau Woiwod, Gräfin
109.
„ Fräulein, Gräfin 109.
Oibernhau 52.
Oliverius Arzignanensis 122.
Orzelska, Gräfin loi. 109. 205 f.
209. 211. 2i3f. 226.
Oschatz 6. 305.
Oslander, Andr. 126.
Ostindisches Porzellan 44.
Ottendorf 277.
Ottenhain b. Rochlitz 277.
Ottmann, Oberpostm. 99.
Otto I., Kaiser 3
,, IL, Kaiser 271.
,, III., Kaiser 271, 277.
Pallavicini, Stefano 220 f.
Pallavicino, Carlo 220.
V. Panne vvitz, pr. Oberst 108.
„ Hans, zu Lossa nö. Königs-
wartha 326.
,, „ auf Königswartha 326.
Pantzschmann, Augustin 307.
Papete, Pontonnierleutnant iii.
Paris 22. 33. 42. 44. 68. 204. 243.
Pauch, G. M. 248.
Pegau 135.
Penig 274.
V. Penzig. Hans, auf Muskau 326.
Peraudi, Raim., päpstl. Legat usf.
Petrikau 120 ff.
Petrus, Bischof V. Meifsen 333 f.
Peucer, kurf. sächs. Leibarzt 187.
Pfaffenecke b. Zeithain 93.
Pfeffinger, Joh. 128 f.
V. Pflugk (Pflug), Damm Sieg-
mund, auf Strehla 90.
„ joh. Siegmund, auf Strehla 136.
„ Generalleutnant 251.
„ Madame 97.
„ (Pflügen), Frau Trabanten-
hauptm. 109.
V. Pflugk (Pflügen), 2 Fräulein
Töchter iio.
„ „ Frau General-Leut. 109.
„ „ Frau General-Major 110.
„ „ Frau Major iio.
Pforta 129.
Pfundt, Cretien Guillaume 248.
Phem s. Behem.
Philippus s Melanchthon.
Philippus Tarvisinus 123.
Picander s. Henrici.
Pillaitz 67 f. 75 f. 104. 254. 256.
259.
Pinckert, Christoph 198 f.
Piper, Kaufmann 225
Pirna 63. 102 220. 256ff.
„ Verein für Geschichte 179.
Planitz b. Zwickau 65.
„ von der, Rudolf, Bischof von
Meifsen 334.
Plauen i. V. 126.
„ Altertumsverein 179. 371.
Plotzk, Jungfrauenkloster 7.
Pocreyn, Frau Feldherr, Gräfin
109.
Poczyn. Madame 210.
Podewils, Graf 246.
Pöppelmann, Matthias Dan., Ober-
landbaumeister 54. 93. 95 f. 98.
loof. in. 219. 247.
„ Oberstleutnant 63. 69 f. 78 f.
Poetzsch, G., Musketier 57.
V. Pohlenz, pr. Kapitän 108.
Polen 2of. 60.69. 860". 93. 118. 243.
Weifser Adler-Orden 107 f.
V. Polenz, Georg, Liz. d. Rechte
121 .
„ Oberst 221.
Polybius 64. 242.
Pomesanien s. Dobeneck.
Pommern 121.
V. Ponigkau, Frau Oberst iio.
Poppitz 301. 303.
Posen 1191 121.
Prag 216. 327.
Pretzsch 63. 200. 205. 214.
Preufsen 62. 88. 93. 120. i36f.
187. 24lf.
s. a. August, Charlotte, Fried-
rich, Friedrich Wilhelm.
Primsdorf (Prymsdorf) 324.
Prohainques, Frau Trabanten-
hauptmann 109.
Promnitz 76 91. iio. 220. 235.
Pursten b. Rochlitz 270.
386
Register.
Pultusk 60.
Panitz 60.
V. Rabenau, Friedr. 326. 329.
Radeberg 243.
V. Radeberg, Ecke, auf Holten-
dorf u. Thiemendorf 326.
„ Jone 326.
Radeburg 216.
Raden so. Frauenhain 102.
Radewitz (Rädzgen, Roetzgen)
53f. S7- 59- 72- 75- 83 88. gof.
94f. 100 1. 107. 112 f. 200. 202.
205. 213. 215!. 221. 236f. 25oft.
Radibor (Radewar), Lehngut,
nnw. Bautzen 326.
Rädzgen s. Radewitz.
Rathen s. Raden.
V. Rechenberg 324.
Reichenbach 324.
Reichwalde 326.
Reinard, General-Quartiermeister
210.
Reinsdorf b. Zwickau 8.
Keusch, Joh. 133 f.
Reyer, VVolfg. 9
Rhau (Rhavi) 133.
Richard, Wolf^., Arzt 125.
Richter,Gottfr., Zeltschneider 103.
Riedel, L., Dialektdichter 375.
Riesa (Risa) 53 76. 92. 94 iiof.
219. 265.
Ristori, Giov. Alb. 221.
Roblein (Robelin), Beikoch 204.
Robring, Chrn. 87.
Rochlitz (Rochelinze etc., Roch-
ider etc. 276!) 119. i38f. 143.
269 ff.
„ Burg, Schlofs 271 ff.
,, Kunigundenkirche 276 f.
„ Verein f. Rochlitzer Geschichte
179.
V. Rochow, pr. Oberst 108.
Rodach (Herzogt. Koburg) 133.
Röderau 76. 91.
Rödern b. Radeburg 216.
Roetzgen s. Radewitz.
V. Rohr, Frau Fräulein - Hof-
meisterin 109.
V. Rohrscheidt, Oberstleutn. 196.
Rom 118. 120 f.
Rosenlecher, Leonh. 14.
Rossau b. Hainichen 265.
Rofswein 259.
Roth, Stephan i.Zwickau 9.126.321.
Ronen 33.
Rudolf V. Habsburg 4.
Rudolstadt, Inf.-Reg. 75.
Rüdinger, Esrom 129.
Rüger,Geh.Kammerschreiber 210.
Rutowski, Graf 73. 79.
Sachsen 7. 16. 18 21 f. 25! 28.
32. 61. 63ff, 68. 82. 86ff. 98.
117. 135! 138. 187. 242. 254!
„ Regimenter 55. 65. 73. 105 fl.
,, Verein für sächs. Volkskunde
■ 180. 372.
„ s. a. Albrecht, August, Chri-
stian, Ernst, Friedrich, Fried-
rich August, Friedrich Chri-
stian, Georg, Johann Friedrich,
Johann Georg, Maria Josepha,
Moritz, Sigismund, Xaver.
Sachsea-Gotha, Prinz v., Inf.-Reg.
65. 73. 106.
Sachsen- Weifsenfeis, Herzogv. 56.
„ ,, s a. Adolph.
„ „ „ „ Inf.-Reg. 55. 65. 73. 106.
Sachsen -Zeitz s. Friedrich Wil-
helm, Moritz, Moritz Wilhelm.
Sachsendorf b. Rochlitz 270.
Sageritz 91.
V. Salhausen, Joh., Bischof von
Meifsen 335.
St. Cloud 33. 44 f.
St. Georgii, Kardinal 118.
Sapieha, General 210.
Sappuhn, Georg Heinr. i35flf.
„ „ „ Sohn des vorigen (Geo-
graphus Laurentinus) 137.
V. Sars, Oberst 242.
Scerhusen, Heinr. 327.
Schack, pr. Stallmeister 108.
V. Schatz, in Strafsburg 330.
Schieritz b. Meifsen 187. 198.
V. Schleinitz 188.
„ Andr. 193.
„ Christoph, Kammerjunker 199.
„ Flegel 192.
„ Heinrich, Oberst 199.
„ Joachim, General i87ff. 192.
„ Johann, Bischof V. Meifsen 333 f.
„ Kleinwitz 192.
Schleiz 17.
Schlenker, P., Musketier 57,
Schlesien 2. 268.
Schleusingen 128 f.
Schlieben, Amt 6.
Register.
387
Schmalkaldischer Krieg 302.
V. Schmerzing, Fräul. iio.
Schmidt, Kaufm. in Dresden auf
d. Neumarkt 256.
„ Gottfr., a. LauBan 75.
„ Sebastian, Colditz. Forst-
meister 300.
Schmölln 126.
Schnorr v. Carolsfeld, Geh. Hofr.,
Prof. Dr. 184.
Schob, Maurermeister 93.
Schönau b. Königstein 100.
V. Schönberg, A. F. 89
„ Dietr.III.,Bischof v.Meil:5en332.
„ Kasp., „ „ „ 333.
Schönbergisches Gericht 265.
Schönborn 325.
Schönbrunn so. Görlitz 325.
Schönburg 265.
V. Schönfeld, Frau Kammerh.
Gräfin 109.
V. Schöning, H. A., Gen. -Feld-
marschall 63. 239.
Scholetz b. Warschau 249.
Scholtze, Chrn. Gottfr. Achmed,
Rekt. a. D., Prof. Dr. 184.
Schreck, Conr. 298 f.
Schreiber, Kupferstecher in Leip-
zig 98. III f.
V. Schreibersdorf, Heinr. (Heinze)
326.
Schröter, Laurentius 133 f.
V. d. Schulenburg, Joh. Matth.,
Reichsgr., General 63. 68 f 239.
v.Schulenburg,FrauGeneralmajor
109.
Schulmann, Oberst 198.
V. Schumacher, pr. Kriegsrat 108,
Schumacher, Geh. Kriegsrat 210.
Schumann, Amtm. 89.
„ Val. 126.
Schuster, Oberpostverw. 99.
Schwäbisch-Hall 125.
Schwarzl;ach b. Rochlitz 270.
Schweden 273.
s. a. Karl.
Schweditz 90.
Schweinfurt 5
V. Sebin, Hans 326 f.
Seelitz (Sils, Zelitcz, Zeelicz) b.
Rochlitz 270. 293. 299 301.
Seidel, Kasp. 298.
V. Seiffertitz (Seifertitz, Seyffer-
ticz), Freih., Gtneralleutn. 90.
92. lOI.
V. Seiffertitz, Frau Generalleutn.
109.
,, Fräul., Tochter d. Generals HO.
„ zwei Fräulein iio.
„ Oberküchenmeister 206.
„ Frau ,, Baronin 109.
„ „ Ober-Schenk ,, 109.
Selzner (Seltzer) Sauerbrunnen
213 f.
V. Sendomir, Woiwod 211.
Seythayn s Zeithain.
Shakespeare 8.
Siegfried 3.
Sigismund, Herzog v. Sachsen 300.
Sillig, Diak. in Döbeln 259.
Sils s. Seelitz.
Simon, M., Musketier 57.
Sinesisch s. China.
Sörnzig 275. 301 flf.
Solingen 52.
Sommerau 324.
Sophie, Markgräfin v. Branden-
burg 120 f.
Spahn,ßuchdruckerinMeifseni37.
Spalatin 126 f.
Spandau, Amt 245!
Speier 4. 129.
Sperlingsdorf-Spernsdorf 291. 293.
Spreher, Luc. 298.
Spring, Matthes 15.
Städten 280.
Starcke, Accisrat 225.
V. Starschedel, Fräul. iio.
Steinbrecht, Geh. Baurat 140.
Steinbrück, Lispektor 19. 21. 22.
27 f. 37 ff. 43. 47.
Steinfurth 82.
Stöbnig b. Rochlitz 280. 301.
Stössel, Joh. Conr. 221.
Stollsdorf b. Rochlitz 270.
Stralsund 61.
Strafsburg (Strazburg) 132. 279.
Strehla 83. 90. 99. 136.
Streumen 53! 75. 90 ff. 98. 215.
Stromer, Heinr., V.Auerbach 126 f.
Struensee 187.
Stüblinger, brandenb. Kanzler, Dr.
121.
Suhl 52.
v.Sulkowska, Frau Kammerh. 109.
V. Sumersenburc, Graf Dietr. 302.
V. Sydow, Oberst 108.
Tanner s. Thanner, Jac.
Tappein (Tapin), Beikoch 204.
388
Register.
Tauber 125.
Tempelholer Feld 80
Teulfer, Mr. 203.
Tham, Val., Diak. in Torgau 134.
Thanner (Tanner, Abiegnus), Jac.
123 f. 307
Tharandt 100.
Thiele, Alex., Hofmaler 58.
Thietmar, Bischof v. Merseburg
271. 276f.
Thorn 60. 118. 121.
Thüringen 138.
s. a. Konrad.
Thuillier, Dom Vincent de 64.
Tiefenau 88 ft. 96 f.
Tierbaum, Dorf 297.
Tille, Armin, Dr. 376.
Tilly, schwed. General 194.
Tirol 2. 216
Topfseifersdorf b. Rochlitz 270.
Torgau 63. 65. 68. 82. 112. 134.
188. 190. 195. 205. 214. 220. 239.
263. 266f.
„ Altertumsverein 88.
V. Torgau, Foltsch, Vogt zu
Dohna u. Pirna 323. 325.
Torlo, Madame 103.
Torstenson 195 f
V. Trandorf, Chrph. 190 f. 196 198!.
Trebnitz 90.
Tridentiner Konzil 132.
Trier, Reichstag 120.
Tröglitz 65.
Troemer (Joh. Chrn., Toucement)
87. 221.
Trogus Pompeius 122.
V. Truchsefs 251.
V. Tschirnhausen (Tzschirnhaus,
Schürnhausen), Ehrenfried
Walter 18 ff.
Tübingen 128.
Türkei 6i. 103.
Übigau 246 ff.
Uhlmann, J., in Raden 102.
Ujasdow b. Warschau 249.
Ulm 125.
Ungarn 118. 136.
Unger, Elias, Sekretär 83.
Urhinus, Chrph., a.Warschau 123.
Uttenhofen, Ü.-B. 4.
Vakrius Maximus 122 ff.
Varus, Ant. 133 f.
Venedig 98. 122. 127. 221.
Versammlung (10.) Deutscher Hi-
storiker (Verband Deutscher
Historiker) 183. 372.
V. Viereck, pr. Staatsrat 108.
V. Vittingshoff, Fräulein iio.
Vitzthum V. Ecks tädt, Oberst 1 89 f.
Vogtland 6.
Vollmer, Korporal 57.
V. Wachholz, pr. Kapitän 108.
Wackerbarth, Graf, General 53.
56 f. 62 ff. 69. 72. 77. 84. 88. 90.
95. 97. 216. 222f. 229. 231.
Waldheim 265. 280.
V. Waldstein, Frau Gräfin, Ober-
hofmeisterin 109.
,, Fräulein, Gräfin 109.
Warschau 63. 68, 102. 200. 216.
247 ff. 268.
Wartensleben, Graf, pr. Leutn. 108.
Wawel, Berg b. Krakau 137.
Weber, Barthel 55.
„ Chrph. 55.
„ J. Ch., Schiffseigner 102.
„ Wolf 294.
Wechselburg 139. 141. 302.
„ Herrschaft 266.
V. Wehlen, Kammerherrin 91 f. 94.
„ J. G., Kammerjunker iii.
Weiditz, Dorf 296.
Weichsel 247 f.
Weichselslawen 136.
V. Weida, Heinr. der Mittlere 140.
I Weidemann, Kommerzienrat 84.
Weidmann, Accisrat 7g.
W^eidschitz (Weyschitz) 293. 300 f.
Weimar 126.
„ Bat. 65. 106.
Weifsbach b Rochlitz 270.
V. Weilsenbach, Joh. V., Bischof
V. Meifsen 332 f.
V. Weifsenfeis, Herzog 241.
„ Prinzessin 109.
s.a. Adolph, Sachsen- Weifsen-
fels.
Weifsensee, Schlofs 117.
Wenig, Feuerwerkshauptm. 222.
Wermsdorf 56.
V. Werther, Dietr., sächs.Rat 121 f.
„ Frau Kammerh. Gräfin 109.
„ „ Geh. Kab -Min. Gräfin 109.
Wettin 188.
Weyda 216.
Wibelt, Maler 201.
Wickershain b. Rochlitz 270. 280.
Register.
389
Wiedemann, Brodeur 225.
Wien 103. 2i8. 267.
Wiesnowiecka, Fi au Fürstin 109.
V. Wilcke 239.
„ Inf.-Ree;. 55. 65.
Wilhelm, Markgraf v. Meifsen 279.
283, 299.
Wilhelmine, Markgräfin v. Bay-
reuth 243.
V. Willfsdorff, zwei Fräulein iio.
Wingendorf 265.
Wittenberg 5. 63. 68. 125 ff. i3of.
216. 305.
,, Inval.-Komp. 56.
Wittgenau 216.
Wittgendorf b. Rochlitz 270. 275.
Wittstock 190.
Wochatz 258.
Wolf, Stadtschreiber in Rofswein
259.
V. Wolffcrsdorff, Frau Major 110.
Wolfgang s. Fuhrmann.
Worms, Reichstag, 1509 119.
Wülknitz 53. 9of.
Württemberg 132.
Würzburg 130. 307.
Würzen 57. 133. 214. 265.
V. Wuttginau, Generalmajor iii.
Xaver, Prinz v. Sachsen 97.
v.Ysenberg,Joh., Bischof v.Meifsen
333.
Zabeltitz 72. 90.
„ Kiesel (,sächs. Diamanten') 72.
Zacharias, J A., Bäckerm. 94.
Zafsnitz (Czafsnitz), \'orwerk b.
Rochlilz 293. 299!
Zawisza, Frau Starost 109.
V. Zehmen, Fräulein 109.
Zeithain (Seythayn) soff. 2Coff.
Zeitz 65. 115.
Zelitcz, Zeelicz s. Seelitz.
Zelle 81.
Zerbst 1270'. 133.
Zetteritz 276.
Zettlitz 276.
Ziegler, Pferdehändler 225.
Ziesar 203.
Zillus s. Zöllnitz.
Zittau 224.
,, Gesellschaft für Z. Gesch. 180.
Zöllnitz (Zillus) 275 f.
Zschillen, Kloster 119. 275. 302f.
Zucchi, Andrea, Kupferstecher 79.
219.
Zühlsdorf 223.
Zürich 4.
Zürner, Land- u. Grenzkommissa-
rius 51. 78. III f.
Zugck, Mund- u. Hof bäcker 94.
Zweta 65.
Zwickau iff. 65. 122! 126. 191.
307. 321.
„ Altertumsverein 371.
Berichtigungen:
S. 26 bez. 33: Der ganze Absatz S. 33 („Für das vermeintliche"
usw.) bis zur Mitte von S. 34 („zuzuschreiben") gehört auf S. 26 vor
den letzten Absatz („Doch gesetzt selbst").
S. 33 u. 42 lies Homberg statt Holmberg.
S. 112 lies Boetius statt Boetins.
S. 122 lies 1513 statt 1813.
Buchdruckerei der Verlagshandlung.
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